Die soziologischen Tatbestände und ihr Wesen bei Emile Durkheim


Hausarbeit, 2001

15 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichni

1. Einleitung

2. Die Entstehung der Soziologie
2.1 Probleme
2.2 eine neue Wissenschaft

3. Positivismu
3.1 allgemeine Wissenschaftskonzeption
3.2 Ausformung durch Auguste Comte
3.2.1 Tatsachenerforschung
3.2.2 unbedingte und bedingte Begriffe

4. Die soziologischen Tatbestände
4.1.1 Begriffsdefinition
4.1.2 außerindividuell
4.1.3 Zwangscharakter
4.1.4 Sozialisation
4.2. Das Wesen der soziologischen Tatbestände
4.2.1 Dingcharakter
4.2.2 eigene Wirklichkeit
4.3 Wahrheitsproblem

5. Zusammenfassung

6. Nachbetrachtung

„Der Grundsatz, demzufolge die soziologischen Tatbestände wie Dinge behandelt werden sollen - ein Satz, der die Grundlage unserer Methode bildet - gehört zu jenen, die am meisten Widerspruch hervorgerufen haben.“ (Durkheim: 1984, S. 89)

1. Einleitung

Thema der vorliegenden Hausarbeit soll es sein, eine zentrale Komponente soziologischen Denkens bei Emile Durkheim zu beleuchten.

In dem 1895 erschienen Buch „Die Regeln der soziologischen Methode“ skizziert Durkheim eine Herangehensweise, die auf die wissenschaftliche Ergründung des sozialen Lebens gerichtet ist. Die darin beschriebenen Methoden sollen die Erforschung und Erklärung der damals recht jungen Wissenschaft, der Soziologie, fundieren. Der Schlüssel dazu ist die Theorie des soziologischen Tatbestandes. Er ist Gegenstand der Untersuchung in der Soziologie, da er in durkheimscher Tradition Grundlage für das Verstehen sozialen Verhaltens ist.

Das 2. Kapitel dieses Buches beschäftigt sich eingehend mit der Problematik des soziologischen Tatbestandes. Um das Denkmodell Durkheims in seiner Gänze zu erfassen ist es jedoch nicht nur notwendig, das Wie-Sein, also seine Eigenschaften, Beschaffenheit und Wirkungen, sondern auch das Was-Sein, d.h. die Frage nach der Wesenheit, zu ergründen.

In den nachfolgenden Abschnitten wird versucht, den Charakter der soziologischen Tatbestände zu diskutieren, ohne den Gesamtgegenstand zu vernachlässigen. Dazu ist es jedoch auch erforderlich, eine kurze Darstellung des Positivismus zu geben. Ohne das Verständnis dieser im hohen Maß von Auguste Comte ausgeformten Philosophie ist ein Verstehen des Wesens der soziologischen Tatbestände nur schwer möglich.

2. Die Entstehung der Soziologie

2.1 Probleme

Es kann vermutet werden, dass zu jeder Zeit Menschen über ihr Zusammenleben nachgedacht haben. Und so ist es nicht sonderlich erstaunlich, dass bereits im Altertum Fragen, wie beispielsweise bei Aristoteles, dazu gestellt wurden. Diese ersten Untersuchungen führten jedoch nicht dazu, dass die Gesellschaft selbst zu einem dauerhaften Forschungsobjekt wurde.

Soziales Leben ist äußerst vielfältig. Auch wenn gewisse Strukturen erkennbar sind, wie etwa Familie, Stand, Position o.ä., so ist es augenscheinlich schwer zu trennen, was auf Grund wirtschaftlicher, psychologischer, politischer, theologischer o.a. Einflüsse entstanden ist. Das soziale Leben als Untersuchungsobjekt ist auf den ersten Blick ein Konglomerat verschiedenartigster Kausalzusammenhänge, die jeweils durch einen bestimmten Wissenschaftszweig gedeutet werden können. Das erschwert bei vielen Problemstellungen allerdings das Finden rein sozialer Erklärungsgründe. Eine Begründung für das, was Gesellschaft an sich ist, wie sie entsteht und was sie zusammenhält, ist bei der Anwendung von Erklärungsmodellen, die ihren Schwerpunkt im Außersozialen lassen, jedoch nur mit Schwierigkeiten möglich. Des Weiteren kommt es bei einer Gesellschaftsanalyse, die ihre Grundlagen beispielsweise auf ökonomischem oder philosophischem Gebiet hat, zu einer Verzerrung innerhalb dieser Theorie. Damit ist weniger der Einfluss subjektiver Wertung gemeint, vielmehr beeinflussen die ökonomischen/philosophischen Kriterien die wissenschaftliche Arbeit insoweit, dass die vielschichtigen sozialen Zusammenhänge möglicherweise durch die „Leitideen“ unzulässig reduziert werden. Solange das soziale Leben in ein anderes System eingebunden ist, sind die Erklärungsgründe für Soziales immer in diesem System eingebunden. Als Beispiel können hierfür die Zehn Gebote, oder der Jesusausspruch „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört“ angegeben werden, die in ihrem Denken für gesellschaftliche Zusammenhänge Erklärungen geben, aber eben stets im speziellen, hier theologischen, Zusammenhang sind.

Dieses Beispiel soll gleichzeitig aufzeigen, dass das beherrschende und allgemein akzeptierte theologische Denkmodell des Westens erst durch die zunehmende Säkularisierung seit der Aufklärung den Bereich der sozialen Kausalzusammenhänge vom Theologischen abgetrennt hat.

2.2 eine neue Wissenschaft

Durch das Freiwerden und Loslösen aus dem Einflussbereich theologischer und metaphysischer Wissenschaft (hier ein Verweis auf das Dreistadiengesetz von A. Comte) war es in der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts möglich neue Wissenschaftsbereiche zu etablieren. Für einige Wissenschaften war die Loslösung relativ einfach, wie zum Beispiel für die Physik, da diese Bereiche auch bereits vor der Säkularisierung bestanden hatten und sich nunmehr nur umformieren mussten. Die Soziologie musste als eigenständige Wissenschaft jedoch vollständig neu entstehen. Vorbild für diese Wissenschaft konnte die neue Art der Naturwissenschaften werden, die sich mit den tatsächlich wahrnehmbaren Dingen beschäftigten.

Frankreich erwies sich dafür als der ideale Nährboden. Die Aufklärung und die radikalen Veränderungen durch die Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts begünstigten die Entstehung neuer Ideen. Die Entdeckung der Unberechenbarkeit der sozialen Wirklichkeit ist wohl ein letzter Anlass gewesen, Erklärungsgründe für soziale Zusammenhänge zu suchen. Zu jener Zeit war die Naturwissenschaft der Inbegriff der exakten Wissenschaft, sie konnte Anspruch darauf erheben, genau zu sein und Gewissheit zu geben. Auch die Soziologie sollte eine solche Wissenschaft werden. So formuliert es Auguste Comte und stellte die Soziologie auf eine positivistische Grundlage.

3. Positivismu

3.1 allgemeine Wissenschaftskonzeption

Wie sollte eine Wissenschaft konzipiert sein, die sich mit dem gesellschaftlichen Leben befasst? Um zu Wissen und Erkenntnis zu gelangen, sind verschiedene Grundkonzepte und Vorgehensweisen denkbar. Von der pessimistischen Ansicht aus dem Menon (vgl. Platon: 1998, S. 38), dass man nicht nach dem forschen kann, was man nicht bereits weiß, zum spekulativ metaphysischen Wissen, oder zu induktiv gefolgertem Wissen u.ä. ist die Bandbreite der auszuwählenden Verfahren sehr hoch. Grundproblem ist die Erkenntnisfrage. Wie ist es möglich, die Wirklichkeit unverfälscht zu erfassen und damit zukünftige Zustände zuverlässig vorherzusagen?

Marie J. de Condorcet prägte die Wissenschaftsauffassung, wonach gesellschaftliche Phänomene gleich Naturphänomenen betrachtet werden müssen. Aus diesem Grunde sollte eine Wissenschaft in der Lage sein, Gesetze aufzufinden, die zukünftige Gesellschaftszustände erklären können. Eine Vorraussetzung ist dafür ist die Abkehr von der Betrachtung der Individuen und der Berücksichtigung der individuellen Tatsachen - die Gesellschaft ist systematisch zu beobachten. Damit ist festgelegt, dass einerseits die Gesellschaft als Ganzes ein Untersuchungsobjekt ist und andererseits der Beobachter sein „Objekt“ in die Reihe anderer Untersuchungsgegenstände (Sterne, chemische Elemente usw.) stellt. (vgl. Aman: 1996, S. 108)

3.2 Ausformung durch Auguste Comte

3.2.1 Tatsachenerforschung

Die Bemühungen Durkheims zur Verteidigung des „Dingcharakters“ haben ihre Ursachen im Positivismus. Denn nur das Tatsächliche ist auch untersuchbar. Aus diesem Grunde ist speziell auf Comtes Auffassung einzugehen, die exemplarisch für den Positivismus steht.

Auch Comte begeisterte sich für die neue Sichtweise in den Naturwissenschaften. Diese entwickelten sich zu seiner Zeit zu positiven Wissenschaften par excellence. Doch was sind die Vorteile dieser Wissenschaftsauffassung; was ist der Grund dafür, dass der Positivismus auch für die Soziologie der Maßstab werden soll? Drei wesentliche Punkte können den Unterschied zu den bisherigen theologischen und metaphysischen Denksystemen markieren.

Comte formulierte es so: „Im positiven Zustand erkennen wir endlich die Unmöglichkeit, zu absoluten Begriffen zu gelangen; wir geben es auf, den Ursprung und die Bestimmung des Weltalls zu ermitteln und die inneren Ursachen der Erscheinungen zu erkennen.“ (Comte: 1974, S.2)

Das steht im strengen Gegensatz der aristotelischen und scholastischen Epistemologie. Positivistische Erklärungen kommen ohne erste Ursachen aus und sind dennoch gültig und wissbar. Die Phänomene werden in Hinblick auf die Umstände untersucht, unter denen sie entstanden sind. Man verknüpft sie durch die Beziehungen, die sie untereinander haben (vgl. Comte: 1974, S. 5).

Im Gegensatz steht dazu die lange Zeit vorherrschende aristotelischen Auffassung, wonach Wissen nur dann als wirkliches Wissen bezeichnet werden kann, wenn die Ursachen bekannt sind, durch die das zu erkennende Phänomen ist und nicht anders sein kann (vgl. Aristoteles: Anal. Post. 71b 10). Insofern ist der Ausschluss der ersten Ursache eine willkommene Vereinfachung für den Wissenserwerb. Weiterer wesentlicher Faktor für diese „Befreiung“ der Wissenschaften von Sinnfragen nach absoluter Erkenntnis, ist der Umstand, dass ausschließlich Kenntnisse von beobachtbaren Tatsachen erworben werden können.

Comte spricht in seinem Werk „Die Soziologie“ von Tatsachen. Diese Tatsachen sind nicht nur schlicht gegenständlicher Natur, ansonsten wären ausschließlich statische Fakten messbar. Letztlich kann keine Wissenschaft nur einen unbeweglichen Ruhepunkt zur Basis haben: gerade die Vorgänge und Veränderungen sind die erklärungsbedürftigen Fakten. Auf den exakten Nachweis der Begriffsbestimmung wird aber an dieser Stelle verzichtet.

Die durch Beobachtung nachweisbare Tatsache - und nur diese - legt daher den Umfang fest, in dem ein Phänomen erklärt werden kann. Eine weitergehende Erkenntnis ist nicht durch die Beobachtung gestützt, und würde metaphysischer oder theologischer Hilfsmittel bedürfen.

Comte führt hierfür das Beispiel der Gravitation an. Die Erklärung, was die Anziehung und die Schwere selbst seien, konnte in vorpositivistischer Zeit immer nur darau begründet werden, indem das eine Prinzip aus dem anderen heraus erklärt wurde (vgl. Comte: 1974, S. 8). Das ist logisch unzulässig. Comte erklärt: „Die positiven Erklärungen bieten keine Ursachen, welche die Erscheinungen erzeugen; man untersucht nur die Umstände, unter denen sie entstanden sind, und verknüpft sie durch die Beziehung im Nacheinander und durch ihre Ähnlichkeit untereinander.“ (Comte: 1974, S. 8)

3.2.2 unbedingte und bedingte Begriffe

Der Positivismus ist bestrebt, alle Begriffe, die anfänglich als unbedingte (also absolute) gelten, als bedingt aufzufassen. Dieser Übergang des Begriffsverständnisses bildet ein wichtiges Ereignis im geistigen Wandlungsprozess von der metaphysischen zur positiven Wissenschaft. „Jede Erforschung der inneren Natur der Dinge, der letzten Ursachen und deren Endziele ist etwas Unbedingtes; jede Erforschung der Gesetze der Vorgänge ist eine bedingte, denn sie unterwirft den spekulativen Fortschritt der vervollkommneten Beobachtung, ohne daß jedoch die bestimmte Wirklichkeit in irgendeinem Gebiet vollkommen enthüllt werden kann“ (Comte: 1974, S. 80) [sic].

Begriffe sind nach Comte bedingt, d.h. abhängig vom jeweiligen Kontext. Diese Vorstellung wird bei der Untersuchung der soziologischen Tatbestände berücksichtigt werden. Ansonsten kann man sich vielleicht fragen, warum an dieser Stelle diese Aspekte der Grundlagen der positiven Wissenschaften so herausgehoben werden; aber es hat den Zweck, Durkheims Bestimmung des „Dingcharakters“ der soziologischen Tatbestände in dem Sinne zu beleuchten, dass es sich bei dem Versuch der Beschreibung des Wesens der soziologischen Tatbestände nicht um einen ontologischen Erklärungsversuch handelt. Vielmehr ist in diesem Zusammenhang wichtig, in welchen Beziehungen dieser Begriff verwendet wird, und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

4. Die soziologischen Tatbestände

4.1.1 Begriffsdefinition

Durkheim ist nicht der Schöpfer des Begriffes der soziologischen Tatbestände. Er arbeitet wie auch andere mit diesem Begriff und muss ihn im Interesse seiner wissenschaftlichen Konzeption genauer bestimmen. Durch die nicht einheitliche Verwendung dieses Begriffes können Missverständnisse bei der Begriffsdefinition entstehen. U.a. wird auch von sozialen Tatsachen oder auch von sozialen Phänomenen gesprochen. Hier ist es notwendig, sich diesem Umstand mit Bedacht zu nähern und nach Sinn und Zweck auszulegen.

Dazu kommt, dass Durkheims Annäherung an eine Begriffsbestimmung nicht in einem einzigen Definitionsakt endet. Er bringt im Argumentationsgang des ersten Kapitels seines Buches „Die Regeln der soziologischen Methode“ mehrere Erklärungsversuche, die es jedoch wiederum später ermöglichen, den Sinn seiner Begriffsbestimmung umfassender zu verstehen.

Zuallererst grenzt Durkheim das Gebiet ein, welches die Soziologie beschäftigen soll. Es gibt menschliche Geschehnisse, die in einer Gesellschaft stattfinden. Doch deshalb ist nicht jeder Vorgang ein soziologischer Tatbestand. Handlungen, die von einzelnen Menschen vorgenommen werden, können durch rein physikalische Vorgänge verursacht worden sein. Wie etwa der Schutz vor zu starker Sonneneinstrahlung. Hier ist keine Erklärung notwendig und möglich, welche die Reaktion des Menschen, z.B. das Aufsuchen eines Schattens, mit sozialen Zusammenhängen argumentiert.

In anderen Fällen agieren und reagieren Menschen gemeinsam, doch auch hier sind die Motive nicht unbedingt sozialer Natur. Es sei nur kurz auf Fälle von Parallelverhalten verwiesen. Doch auch menschliche Beweggründe, die ihre Ursachen in natürlichen Trieben (Bsp. Hungergefühl) oder in psychischen Mechanismen (Bsp. Träume) haben, zeigen auf, dass eine Abgrenzung von anderen Naturwissenschaften, wie der Biologie oder der Psychologie, notwendig ist.

4.1.2 außerindividuell

Und es gibt tatsächlich eine solche Gruppe von Erscheinungen, die originär sozialer Natur sind. Jeder Mensch gehorcht Pflichten, die ihm auferlegt sind. Diese sind in Sitten und Gebräuchen oder im Recht niedergelegt und existieren außerhalb der jeweiligen Person (vgl. Durkheim: 1984, S. 105). „Wir finden also besondere Arten des Handelns, Denkens, Fühlens, deren wesentliche Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie außerhalb des individuellen Bewusstseins existieren“ (Durkheim: 1984, S. 106) [sic].

4.1.3 Zwangscharakter

Aber diese Begriffsbestimmung ist so noch nicht vollständig. Damit diese Tatbestände die Menschen beeinflussen zu können, ist eine Wechselwirkung zwischen beiden notwendig. Die Kraft, die auf den Menschen einwirkt, kann gespürt werden. In anderen Fällen wird kein direkter Einfluss registriert und dennoch richtet sich der Mensch entsprechend nach den Tatbeständen. Im ersteren Fall ist der Druck, der auf den Menschen einwirkt, als Zwang zu identifizieren. Dieser wird realisiert, wenn sich das Individuum nicht nach den vorgeschriebenen Geboten verhält. Dies wird sanktioniert. Das kann direkt geschehen, indem beispielsweise eine rechtliches Gesetz übertreten wird und der Staat dieses Vergehen durch eine vorgeschriebene Strafe ahndet. Es kann aber auch indirekt geschehen, und zwar dadurch, dass die soziale Umwelt das Verhalten de Individuums missbilligt und den weiteren Umgang meidet (z.B. Ausgrenzung auf Grund nicht konformer Kleidung).

Letztlich wird aber das Individuum gezwungen, sich gemäß der herrschenden Regeln zu verhalten. Es wird Zwang ausgeübt und verspürt.

„Hier liegt also ein Klasse von Tatbeständen von sehr speziellem Charakter vor: sie bestehen in besonderen Arten des Handelns, Denkens und Fühlens, die außerhalb der Einzelnen stehen und mit zwingender Gewalt ausgestattet sind, kraft deren sie sich ihnen aufdrängen“ (Durkheim: 1984, S. 107) [sic].

4.1.4 Sozialisation

Effizienter für eine Gesellschaft ist es, gar nicht erst den Zwang anwenden zu müssen. Wenn der Zwang eingesetzt werden muss, sind bereits die gesellschaftlichen Normen missachtet worden. Von daher nützt es der Gesellschaft und dem Individuum mehr, sich gleich regelkonform zu verhalten. Dies wird im Prozess der Erziehung, oder allgemeiner, der Sozialisation, erworben. „Der immerwährende Druck, den das Kind erleidet, ist der Druck des sozialen Milieus selbst, das es nach seinem Vorbilde zu formen strebt“ (Durkheim 1984, S. 109). Der Mensch in jedem Lebensalter, aber insbesondere das Kind, ist unfertig und besitzt eine Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten. Die aus diesem großen Potential folgenden Entscheidungen zu bestimmten Handlungen zu kanalisieren, ist die Aufgabe der soziologischen Tatbestände. Im Menschen selbst können die Handlungsnormen nicht angelegt sein. „Beim Menschen dagegen sind die verschiedenartigen Fähigkeiten, die das soziale Leben voraussetzt, viel zu kompliziert, als daß sie sich gewissermaßen in unserem Gewebe verkörpern und sich unter der Form von organischen Veranlagungen materialisieren könnten. Daraus folgt, daß sie sich nicht von einer Generation zu anderen vererben können. Die Übertragung erfolgt durch die Erziehung“ (Durkheim: Erziehung, Moral und Gesellschaft, 1984, S. 47) [sic].

Die Erziehung sorgt dafür, dass das Individuum diszipliniert wird. Es harmonisiert seine Handlungsbedürfnisse mit den Pflichten, die ihm innerhalb der Gesellschaft auferlegt werden, und übt sie widerstandslos aus. Und tatsächlich befolgt der Mensch die geschriebenen und ungeschriebenen Normen der Gesellschaft in der Regel. Dies auch zum allergrößten Teil problemlos, d.h. ohne innerlich bewusste Reflektion. Das wiederum bedeutet, dass der Zwang, der verspürt wurde, als die Regeln nicht befolgt wurde, bzw. durch die Erziehung vermittelt bekommen hat, in diesen Momenten nicht mehr im Bewusstsein präsent ist. „Wenn mit der Zeit dieser Zwang nicht mehr empfunden wird, so geschieht dies deshalb, weil er nach und nach Gewohnheiten und innere Tendenzen zur Entstehung bringt, die ihn überflüssig machen; aber sie ersetzen ihn nur, weil sie ja von ihm herstammen“ (Durkheim: 1984, S. 109).

Das verweist darauf, dass der Zwang und damit letztlich auch die soziologischen Tatbestände weiterhin bestehen. Wenn sie weiterhin bestehen, müssen sie außerhalb des Individuums sein, denn ansonsten würden sie, nachdem sie im Menschen gewirkt haben, aufhören zu bestehen.

Damit kann zum Thema des Wesens der soziologischen Tatbestände übergeleitet werden. Jetzt stellt sich die Frage, wieso Durkheim zu der Auffassung gelangt, dass es sich um etwas mit Dingcharakter handeln muss.

4.2. Das Wesen der soziologischen Tatbestände

4.2.1 Dingcharakter

Zu einer früheren Aussage zurückkehrend wird noch einmal der Kernpunkt des Positivismus aufgeführt. Der Ausgangspunkt für die Erkenntnis ist immer nur das Beobachtbare - die erfahrbare Wirklichkeit.

Ganz in diesem Sinne erklärt Durkheim, dass es nicht notwenig sei, über den Dingcharakter zu philosophieren. Der Beweis für die dinglichen Eigenschaften des soziologischen Tatbestandes ist in Folge dessen allerdings recht schlicht ausgefallen. „Es reicht vollkommen, festzustellen, daß sie die einzige Gegebenheit sind, welche sich der Soziologie bietet“ (Durkheim: 1984, S. 125) [sic]. Sie stellen den Ausgangspunkt der soziologischen Wissenschaft dar; insofern hat man es mit einem Postulat zu tun, welches einen axiomatischen Charakter trägt.

Diese Erklärung allein bietet jedoch zu viel Angriffspielraum. Die verkürzte Behauptung, der Forschungsgegenstand der jeweiligen Wissenschaft hat Dingcharakter, weil nur so die Wissenschaft auf eine Grundlage gestellt werden kann, ist ein schwaches Argument. Auch wenn im positivistischen Sinne eine letzte Erklärung der Phänomene nicht möglich ist, so muss doch die Grundlage der Wissenschaft verifizierbar sein, ansonsten ist auch die Soziologie Durkheims nur nebulös und letztlich metaphysisch.

Durkheim selbst führt jedoch einige Male deutlich aus, warum es sich bei den soziologischen Tatsachen um „Dinge“ handelt.

Der einfachste Weg ist die Herleitung über die vorgegebene Definition (wobei natürlich die Definition stets das dem Gegebenen Nachfolgende ist).

Ein soziologischer Tatbestand ist dann ein „Ding“, wenn er sich wie ein „Ding“ verhält, d.h. die Eigenschaften eines solchen besitzt.

Nach Durkheims Definition des soziologischen Tatbestandes weist er zwei herausragende Merkmale auf: er existiert erstens außerhalb des individuellen Bewusstseins und zweitens ist er mit Zwang ausgestattet.

Ein Gegenstand grenzt sich von einem anderen äußerlich wie auch durch seine innere Struktur ab. Wäre das nicht der Fall, gäbe es keine anderen Gegenstände und alles wäre eins und in sich identisch. Dies liegt nicht vor. Die uns umgebene Welt ist vielgestaltig; nichts ist mit dem anderen in jeder Hinsicht gleich. Verschmelzungen, also die Aufhebung äußerer Grenzen und die Vereinheitlichung der inneren Strukturen, treten auf, aber sind im Hinblick auf die Stellung von Individuum zu soziologischen Tatbeständen nicht zu beobachten. Daher „stößt“ das Denken und Handeln von Menschen beständig auf Widerstände. Keines des Vorgenannten ist innerhalb einer Gesellschaft grenzenlos möglich. Es ist zwar ein dem Menschen innewohnendes Bestreben, frei und unabhängig, d.h. ohne Beschränkungen, zu leben, aber die Existenz der Gesellschaft führt dazu, dass sich kollektive Ideen und Vorstellungen herausbilden, die den Sinn haben, das gemeinsame Leben zu ermöglichen, jedoch aber voraussetzen, dass das Individuum sich unterordnet.

Diese Vorstellungen sind, auch wenn sie im Bewusstsein des Einzelnen reflektiert werden können, verschieden von den individuellen Vorstellungen. Der einzelne Mensch ändert seine Einstellungen, er denkt an andere Dinge und letztlich stirbt er eines Tages - die soziologischen Tatbestände bestehen wie bisher weiter.

Der Mensch wird mit einem sozialen Phänomen konfrontiert, das ihn veranlasst, darauf Rücksicht zu nehmen und es in seinem eigenen Leben einzuplanen. Er hat es mit einem „Ding“ zu tun, das nicht kraft seines individuellen Willens verändert werden kann. Faktisch ist ein solches Phänomen ein Ding (vgl. Durkheim: 1984, S. 126). Des weiteren ist dieses Phänomen mit Zwang ausgestattet (das zweite Kriterium der Definition).

Etwas, was existiert, kann nur als existent wahrgenommen werden, wenn Wechselwirkungen mit anderen Gegenständen möglich sind. Die Möglichkeit zu Wechselwirkungen bedeutet nicht, dass sie willkürlich geschehen. Immer dann, wenn eine Konstellation eintritt, die eine Reaktion zwischen Individuum und soziologischem Tatbestand provoziert, wirkt letzterer auf das Individuum. Wie bereits weiter oben aufgezeigt, realisiert sich dies durch Zwang. Der Mensch kann sich gegen den Einfluss nicht wehren. Er gibt nach, indem er entweder auf andere Denk- und Handlungsweisen ausweicht, oder er verhält sich entsprechend der ihm vorgegebenen Norm. In beiden Fällen wird der Mensch beeinflusst. Eine Beeinflussung ist nur durch eine Kraft möglich, die auf ihn einwirkt. Das verweist wiederum darauf, dass soziologische Tatbestände so etwas wie „Dingcharakter“ haben müssen.

Wenn weiter oben von Wechselwirkung gesprochen wurde, ist natürlich auch eine andere Wirkrichtungen möglich. Wenn die soziologischen Tatbestände als die Strukturen der Gesellschaft angesehen werden können, da sie dem soziale Leben Form geben, dann kann behauptet werden, dass sie das Konzentrat der Gesellschaft darstellen. „Das Substrat der Gesellschaft ist die Gesamtheit der assoziierten Individuen. [...] Die Vorstellungen, welche die Fäden des sozialen Lebens sind, lösen sich von den Beziehungen los, die sich zwischen den derart vereinigten Individuen oder auch den sekundären Gruppen, die sich zwischen das Individuum und die Gesamtgesellschaft schieben, herstellen“ (Durkheim: Soziologie und Philosophie, 1985, S. 71).

Die soziologischen Tatbestände sind danach auch quasi verselbstständigte Vorstellungen der Individuen, die im Zusammenspiel mit anderen entstanden sind und auch ohne das Individuum bestehen bleiben. „Der eigentliche Träger der Ideen und Vorstellungen im Leben der menschlichen Gattung ist das Kollektiv“ (Durkheim: Schriften zur Soziologie der Erkenntnis, 1993, S. 139).

Das zeigt jedoch auch, dass die soziologischen Tatbestände keine materiellen Dinge sind.

4.2.2 eigene Wirklichkeit

Durkheim sagt im zweiten Vorwort zu seinem Buch „Die Regeln der soziologischen Methode“ dazu aus: „Ein Ding ist jeder Gegenstand der Erkenntnis, der der Vernunft nicht von Natur aus zugänglich ist, von dem wir uns auf Grund einfacher gedanklicher Analyse keine angemessene Vorstellung bilden können; ein Ding ist all das, was unserem Verstande nur zu erfassen gelingt, wenn er aus sich selbst hinausgeht und auf dem Wege der Beobachtung und des Experimentes von den äußerlichsten und unmittelbar zugänglichsten Eigenschaften zu weniger leicht sichtbaren und tieferliegenden fortschreitet“ (Durkheim: 1984, S. 89-90).

Somit wird der Begriff für ein „Ding“ beträchtlich erweitert. Alles, was es zu erkennen gilt, ist eine beobachtbare Tatsache.

„Tatbestände einer bestimmten Ordnung wie Dinge zu behandeln, bedeutet also nicht, sie in diese oder jene Kategorie des Seienden einzureihen; es bedeutet nur, daß man ihnen gegenüber eine bestimmte geistige Haltung einnimmt. Es bedeutet vor allem, an ihre Erforschung mit dem Prinzip heranzutreten, daß man absolut nicht weiß, was sie sind, und daß ihre charakteristischen Eigenschaften sowie die sie bedingenden und unbekannten Ursachen durch Introspektion nicht entdeckt werden können, mag sie noch so aufmerksam sein“ (Durkheim: 1984, S. 90) [sic].

Das bestätigt diese Methode der wissenschaftlichen Betrachtung als dem Positivismus zugehörig; eine letzte Erklärung des zu untersuchenden Gegenstandes ist nicht möglich - die Begrifflichkeiten müssen bedingt bleiben, die letzten Ursachen sind nicht ergründbar. Und recht allgemein, aber dafür in sehr prägnanter Weise kann René König eine Bemerkung Parsons zum „fait social“ zur Grundlage nehmen, um folgendes festzustellen: „Ein soziologischer Tatbestand ist also eine Aussage und kein Phänomen; er ist eine Aussage über ein oder mehrere Phänomene.“ (König: 1978, S. 157)

4.3 Wahrheitsproblem

Wie nunmehr geschlussfolgert wurde, dass die soziologischen Tatbestände keine realen Dinge sind, sondern Dinge einer eigenen Realität - sui generis, hier stellt sich jedoch anschließend die Frage, ob derartige „Dinge“ real sind, ob sie wahr sind. Die Behauptung, dass etwas existiere, kann so ohne weiteres nicht hingenommen werden, da Wissen die Wirklichkeit voraussetzt. Etwas nicht Wahres zu behaupten, kann keine Grundlage einer Wissenschaft sein. Schlussfolgerungen aus nicht wahren Grundlagen können zwar logisch richtig sein, wiederum neue wahre Aussagen können so nicht gewonnen werden.

In den Vorlesungen Durkheims „Pragmatismus und Soziologie“ in den Jahren 1913/1914 setzt er sich u.a. mit den pragmatischen Auffassungen zur Erkenntnis, dem Denken und der Wirklichkeit auseinander. Daraus kann zum Problem der Wahrheit und der Realität von Vorstellungen zitiert werden: „Vielmehr sind es unsere Ideen und Überzeugungen, die den Objekten des Denkens ihre Realität verleihen. Wahr ist eine Idee also nicht, weil sie mit der Realität übereinstimmt, sondern aufgrund ihrer schöpferischen Kraft“ (Durkheim: Schriften zur Soziologie der Erkenntnis, 1993, S. 138) [sic].

Zudem ist es, nach Auffassung Durkheims, notwendig, dass die Wahrheit die Wirklichkeit nicht einfach wiederholt. Denn wenn es so wäre, folgte daraus ein bloßer Pleonasmus. Die Wahrheit muss der Wirklichkeit etwas hinzufügen. So geschieht es, dass der natürlichen Welt eine neue hinzugefügt wird. Die Welt der Menschen und des Sozialen. (vgl. Durkheim: Schriften zur Soziologie der Erkenntnis, 1993, S. 152)

5. Zusammenfassung

Das Interesses an sozialen Zusammenhängen, in Verbindung mit der Loslösung von theologischen und metaphysischen Gedankensystemen seit der Aufklärung, führte zu der Entstehung des Positivismus.

Die positive Methodik, Tatsachen zu untersuchen und nicht nach absoluten Wahrheiten zu suchen, schien geeignet, Grundlage der Soziologie zu werden.

Emile Durkheim steht in dieser Tradition. Seine Auffassung über sie soziologischen Tatbestände, dass sie außerhalb des Individuums, mit Zwang versehen sind und wie Dinge betrachtet werden sollen, dokumentiert die Nähe zum Positivismus. Durkheim bemüht sich den Dingcharakter zu verteidigen. Letztlich ist zu erkennen, dass der Begriff „Ding“ auszudehnen ist auf alle Vorgänge, die uns in der Wissenschaft begegnen. Insofern ist es unnütz, die innere Beschaffenheit ergründen zu wollen. Die soziologischen Tatbestände sind eine Vorstellung.

Diese Vorstellung ist nicht minder wahr, sie beeinflusst unser Denken und somit unser Sein; sie schafft die soziale Welt.

6. Nachbetrachtung

Durkheims Regel, die soziologischen Tatbestände wie Dinge zu betrachten, ist vielfach missverstanden worden. Obgleich er selbst den Eindruck des Materialismus von sich gewiesen hat und deutlich das Wesen der soziologischen Tatbestände als „sui generis“ bezeichnete, ist die Regel ohne sorgfältige Analyse nicht selbsterklärend. Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist allerdings offenbar: es führt dazu, das Wesen und damit die Idee der soziologischen Tatbestände besser zu verstehen.

Literaturverzeichni

- Platon (1998):Sämtliche Dialoge, Band II, Hamburg

- Amann, Anton (1996):Soziologie. Ein Leitfaden zu Theorien, Geschichte und Denkweisen, Wien-Köln-Weimar

- Comte, Auguste (1974):Die Soziologie, Die positive Philosophie im Auszug, Stuttgart

- Aristoteles (1995):Philosophische Schriften, Band I, Hamburg

- Durkheim, Emile (1984):Die Regeln der soziologischen Methode, Frankfurt am Main

- Durkheim, Emile (1984):Erziehung, Moral und Gesellschaft, Frankfurt am Main

- Durkheim, Emile (1985):Soziologie und Philosophie, Frankfurt am Main

- Durkheim, Emile (1993):Schriften zur Soziologie der Erkenntnis, Frankfurt am Main

- König, René (1978):Emile Durkheim zur Diskussion, München Wien

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Die soziologischen Tatbestände und ihr Wesen bei Emile Durkheim
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Einführung in das soziologische Denken
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V106475
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tatbestände, Wesen, Emile, Durkheim, Einführung, Denken
Arbeit zitieren
Alexander Graf (Autor), 2001, Die soziologischen Tatbestände und ihr Wesen bei Emile Durkheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106475

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