Schiller, Friedrich - Die Räuber - Erläuterung der Polarität von Karls Charakter


Referat / Aufsatz (Schule), 2002

14 Seiten, Note: 1


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Schiller - Die Räuber: Erläuterung der Polarität von Karls Charakter

Anna-Lena Geyer

Der Charakter des Karl von Moor, den Friedrich von Schiller in seinem Drama „Die Räuber“ zeichnet, entspricht einem typischen „Kerl“ des Sturm und Drang. Karl führt ein Leben, das zu der Entstehungszeit von Schillers Jugendwerk mit totaler Freiheit gleichgesetzt wurde: Als Räuberhauptmann rebelliert er gegen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Er handelt aus dem Bauch heraus, ist ein Individualist, der versucht, die Welt seinen Moralvorstellungen entsprechend zu verändern - und passt somit in die Sturm und Drang - Definition eines Genies. Doch kann man Karl von Moor wirklich als den heldenhaften, „edlen Räuber“, der für die Gerechtigkeit auf Erden kämpft, sehen, oder ist er nicht vielmehr als Verbrecher zu verurteilen?

Wenn man feststellen will, ob der Held des Dramas „Die Räuber“ eher einen guten oder einen schlechten Charakter besitzt, sollte man sich die Eigenschaften vor Augen führen, die mitgeholfen haben, ihn zum Räuber zu machen.

Karl war stets fasziniert von antiken Heldenfiguren wie Alexander dem Großen. Die Verhätschelung durch seinen Vater und dessen Diener Daniel ließen ihn überheblich werden, und so handelt er stets mit dem Glauben im Hinterkopf, eines Tages selbst ein solcher Held zu sein. Der spätere Räuber Moor las Erzählungen über die Abenteuer des Julius Cäsar, wie sein Bruder erklärt, schon als Junge lieber „als die Geschichte des bußfertigen Tobias“ (S. 13, Z. 27f). Karl wettert gegen „das schlappe Kastratenjahrhundert“ (S. 22, Z. 22), das zu nichts nütze sei, „als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden“ (S. 22, Z. 23-25). Wie gerne er selbst ein Alexander Magnus wäre, erklärt er seinem Freund Spiegelberg, als er sagt: „Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen.“ (S. 23, Z. 21ff) Dieser Kindheitstraum Karls soll im Räuberleben in Erfüllung gehen - so wirbt auch Spiegelberg mit den Worten: „Zu Helden, sag ich dir, zu Freiherrn, zu Fürsten, zu Göttern wird’s euch machen!“ (S. 30, Z. 3-4) für seine Idee, eine Bande zu gründen. Karl von Moor lässt sich mit der simplen Aussicht, sich als zweiter Robin Hood einen Platz in der Reihe der Volkshelden zu verdienen, zum Räuber Moor, einem Mörder und Dieb, machen. Er verdankt es zum Teil seiner Überheblichkeit, dass er gegen Ende des Stückes zugeben muss: „ einst saht ihr den Knaben Karl, und der Knabe Karl war ein glücklicher Knabe - itzt saht ihr den Mann, und er war in Verzweiflung.“ (S. 96, Z. 4-6)

Als weiterer negativer Wesenszug fällt Karls Abneigung gegen bevormundende Institutionen auf - eine Charaktereigenschaft, die auf die meisten Verbrecher zutrifft. Der Sohn des Maximilian von Moor fühlt sich durch das Gesetz in seiner Genialität, seiner Schaffenskraft, beeinträchtigt. Er proklamiert: „Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus.“ (S. 23, Z. 15-17) Wenn ihm nicht durch das Gesetz, in das er seinen „Willen schnüren“ (S. 23, Z. 14f) muss, vorgeschrieben würde, was er zu tun hätte, würde er die Welt verändern, so zum Beispiel aus Deutschland eine Republik machen (S. 23, Z. 22f), und könnte ganz entsprechend seiner eigenen Moralvorstellungen handeln. Doch so kann er nur schimpfen: „Das Gesetz hat zum Schneckengang verurteilt was Adlerflug geworden wäre.“ (S. 23, Z. 14-15) Karl verdammt das Gesetz als etwas für ihn hinderliches, was als eine ideale Vorraussetzung für eine kriminelle Laufbahn angesehen werden kann. Doch nicht nur das weltliche Gesetz ist ihm ein Dorn im Auge, auch über die Kirche, ebenfalls eine moralische und zu seiner Zeit autoritäre Institution, und ihre Vertreter spöttelt Moor. Er wirft ihr vor, sie berechne ihren „Judenzins am Altare“ (S. 23, Z. 1), und führt als Beispiel für ihre Verrohtheit einen Pfarrer an, der „auf offener Kanzel geweint hatte, dass die Inquisition so in Zerfall käme“ (S. 77, Z. 17-18). Egal, ob sein Urteil über die Kirche und ihre Repräsentanten im 18. Jahrhundert gerechtfertigt ist, wirft die Rebellion gegen jede Art von Autorität nicht gerade ein gutes Licht auf Karls Charakter und prädestiniert ihn für eine Karriere als Verbrecher.

Unter Berücksichtigung seiner zwar nicht kriminellen, jedoch rebellischen Veranlagung, scheint es nicht ungewöhnlich, mit welcher Art Menschen er sich umgibt.

Obwohl ein Teil von Moors Räuberbande seine ehrenvolle Absicht, Gerechtigkeit zu schaffen, unterstützt, finden sich unter seinen Männern ebenso andere, schlichtweg kriminelle Figuren, „die sich gerade an den Unterdrückten und Unschuldigen vergreifen, denen sie beistehen sollten“ (Mahnert, Detlev a. a. O. S. 57). So bietet sich Spiegelberg, ein Schurke durch und durch, als Lehrer an, der Karl kriminelle Tricks beizubringen gedenkt: „Wart, und wie man Handschriften nachmacht, Würfel verdreht, Schlösser aufbricht und den Koffern das Eingeweid ausschüttet - das sollst du noch von Spiegelberg lernen!“ (S. 26/27 Z. 36ff) - der selbe Spiegelberg, der seit der ersten Stunde der Räuberbande beschlossen hat, den Räuber Moor umzubringen. Ratzmann, ebenfalls einer seiner Kameraden, schwärmt, nachdem durch Verschulden der Räuber eine ganze Stadt abgebrannt und viele ihrer Bewohner getötet worden sind, mit den Worten: „es war ein Streich zum Zerplatzen.“ (S. 69, Z. 19), während Schufterle, ein weiterer Gefährte Karls, sich mit den grausamsten Mordtaten rühmt: „Ein Kind war’s, noch frisch und gesund, das lag auf dem Boden unterm Tisch, und der Tisch wollte eben angehen, - Armes Tierchen, sagt ich, du verfrierst ja hier, und warf’s in die Flamme“ (S. 71, Z. 29).

Schufterle wird zwar nach seiner Rede sofort von seinem Hauptmann aus der Bande verstoßen, jedoch nahm dieser ihn anfangs gerne unter seine Männer - der Kriminelle Spiegelberg ist sogar ein alter Freund von ihm. Jemanden, den man mit solchen Menschen in Verbindung bringen kann, bezeichnet man wohl kaum als Mann von gutem Charakter.

Neben Karls kriminellem Umgang, seiner rebellischen Veranlagung und seiner Überheblichkeit ist ein weiterer Punkt, der als negative Eigenschaft zu von ihm zu werten ist, seine große Emotionalität.

Karl handelt, ohne zu denken, einfach aus einem Gefühl heraus. So ist zum Beispiel dem Umstand, dass er sich als Hauptmann einer Räuberbande wiederfindet, zu einem großen Teil das Resultat einer trotzigen Reaktion auf einen Brief seines Bruders, in dem er erfährt, der Vater habe ihn verstoßen. Er beteuert: „Ich hab ihn so unaussprechlich geliebt! so liebte kein Sohn, ich hätte tausend Leben für ihn -“ (S. 35, Z. 30), und unterbricht sich sofort selbst, indem er auf dem Boden aufstampft: „Ha! Wer mir jetzt ein Schwert in die Hand gäb, dieser Otterbrut eine brennende Wunde zu versetzen! Wer mir sagte, wo ich das Herz ihres Lebens erzielen, zermalmen, zernichten - er sei mein Freund, mein Engel, mein Gott - ich will ihn anbeten!“ (S. 35, Z. 32ff) Als ihm kurz darauf der Vorschlag unterbreitet wird, Hauptmann einer Räuberbande zu werden, willigt er sofort ein. Plötzlich ändert er seine Meinung über seinen Vater und das beschauliche Leben auf dessen Gut. Begeistert von der Idee, sich an den Menschen, die ihm wehtaten, zu rächen, ruft Karl: „was für ein Tor ich war, dass ich ins Käficht zurückwollte!“ (S. 36, Z. 19-20) und schwört seinen zukünftigen Männern, ohne lange abzuwägen, „treu und standhaft“ bis in den Tod ihr Hauptmann zu bleiben. (S. 37, Z. 1- 3)

Jedoch nicht nur Trotz und Rachsucht sind Gefühle, von denen der Räuber Moor sich beeinflussen lässt, seine Reden sind ebenso von Verzweiflung gezeichnet. Als er nach einem Kampf, bei dem sein Freund Roller getötet wurde, die Natur betrachtet, gibt er sich ganz seiner Depression hin: „Diese Erde so herrlich. (...) Und ich so hässlich auf dieser schönen Welt - und ich ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde.“ Karl jammert, er sei allein der Verstoßene in einer großen, glücklichen Familie, der nie wieder von jemandem „Kind“ genannt würde und die Chance auf Liebe und Freundschaft verspielt habe (S. 87, Z. 11ff). Seine Verzweiflung treibt ihn beinahe in den Selbstmord, so sehr wird er von seinen Gefühlen beherrscht. Durch seine starken Emotionen wirkt Karl teilweise eher wie ein kleines Kind als wie ein erwachsener Mann. Jemanden, der handelt, ohne vorher die Konsequenzen zu bedenken, kann man nicht als gefestigten Charakter bezeichnen.

An diesen seinen überschäumenden Gefühlen mag es auch liegen, dass Karl trotz guter Absichten die schlimmsten Verbrechen begeht. Am deutlichsten sichtbar werden seine kriminellen Machenschaften, als er um einen Freund zu retten, eine ganze Stadt in Schutt und Asche legt. Auf seinen Befehl „brennt an, brennt an!“(S. 68, Z. 27), stecken Karls Männer die Stadt, wie es einer der Räuber berichtet, „ an dreiunddreißig Ecken zumal in Brand, werfen feurige Lunten in die Nähe des Pulverturms, in Kirchen und Scheunen“ (S. 68, Z. 27-30). Der Räuber Moor bringt, um einen einzigen seiner Männer zu retten, viele Unschuldige Menschen um ihr Hab und Gut, oder sogar ihr Leben. Ein Fürsprecher der Unterdrückten und Helfer der Armen fällt mit seiner Bande von Kriminellen in eine Stadt ein und stürzt „den Pulverturm über die Häupter guter Christen“ (S. 77, Z. 1-2). Doch mordet Karl nicht nur bei dieser Gelegenheit im Namen der Gerechtigkeit. Seiner Freundin Amalia gegenüber deutet er an, er könne ihr für jeden Kuss einen Mord aufzählen (S. 112, Z. 4f), und in einem Streitgespräch mit einem Pfarrer gesteht er, für jeden der vier Ringe, die er an seiner Hand trage, habe er einen Mord begangen (S. 77, Z. 4 ff). So gut und gerecht seine Absichten auch sind - Karl von Moor ist dennoch ein Mörder, was man wohl als den dunkelsten Punkt seiner Persönlichkeit ansehen kann.

Dennoch, trotz aller Fehler und Charakterschwächen, die der ältere der Brüder Moor aufzuweisen hat, kann man an ihm sehr wohl auch liebenswerte und positive Eigenschaften ausmachen.

Moor machte sich nie viel aus Reichtum, wie seine Männer bestätigen: „nach dem Geld schien er nicht mehr zu fragen, sobald er’s vollauf haben konnte“ (S. 64, Z. 22-23). Im Gegenteil, er verschenkt das bei Raubzügen erbeutete Geld mit offenen Armen an Waisenkinder oder Landjunker (S. 64, Z. 24-26). Seine Großzügigkeit ist eine Gabe, die Karl schon als Kind auszeichnete und die er sich auch als Erwachsener, später sogar als Räuberhauptmann bewahrt hat. So zögert er zum Beispiel nicht, Daniel, einem Hausknecht, gegenüber ein Versprechen einzulösen, das er in Kindertagen gab. Er „will halten, was er versprochen hat“ (S. 107, Z. 1) und beschenkt den Alten so reichlich, dass dieser nur noch staunt: „Wie, was treibt Ihr? Zu viel! Ihr habt Euch vergriffen.“ (S. 107, Z. 5-6) Großzügige Menschen sind beliebt, und so macht seine Großzügigkeit auch Karl, den Räuber, sympathisch. Die Tatsache, dass er nichts für sich selbst hortet, sondern lieber bescheiden lebt und andere Menschen glücklich macht, lässt Karl als Person in einem viel besseren Licht erscheinen, als man es von einem eigentlichen Verbrecher vermuten sollte.

Weiterhin untypisch für einen Räuber, aber positiv für den Charakter eines Menschen ist Karls große Liebe zu seinem Vater. Der alte Graf von Moor ist für seinen älteren Sohn, der beteuert „ihn so unaussprechlich geliebt“ (S. 35, Z. 30-31) zu haben, beinahe ein Heiliger - so nennt Karl ihn, nachdem er erfahren hat, dass sein jüngerer Bruder versucht hat, den alten Moor umzubringen, einen „entheiligten Greis“ (S. 124, Z. 36- 37). Seine Liebe passt nicht in das übliche Bild eines eiskalten Verbrechers, für den Menschenleben nichts, schändliche Motive wie Gier oder Rache dagegen alles bedeuten. Von einem „typischen“ Räuber würde man eher erwarten, dass der Gedanke an den Vater, und damit der an ein abgebrochenes, vergangenes Leben, Wut und Hass hervorruft. Karl jedoch, würde für seinen Vater alles tun: „Hast du eine Sünde in jene Welt geschleppt, die dir den Eingang in die Pforten der Paradieses verrammelt? Ich will Messen lesen lassen, den irrenden Geist in seine Heimat zu senden. Hast du das Gold der Witwen und Waisen unter die Erde vergraben, (...), ich will den unterirdischen Schatz aus den Klauen des Zauberdrachens reißen, und wenn er tausend rote Flammen auf mich speit“ (S. 122, Z. 2 ff). Diese übergroße Vaterliebe lässt darauf schließen, dass Karl alles andere als ein üblicher Verbrecher ist und sein Charakter durchaus durch positive Eigenschaften besticht.

Weitere Gegensätze zwischen „normalen“ Verbrechern und Karl, aber auch ein Gegensatz in seinem Charakter selbst lässt sich dort aufzeigen, wo man auf die Gottesfurcht zu sprechen kommt, die er an vielen Stellen zeigt. Moor wettert sowohl gegen die Kirche als Institution, als auch gegen ihre Vertreter - ganz wie man es von einem „gottlosen“ Kriminellen erwartet. Rebellisch gegen jede Art Autorität zählt er Verbrechen auf, die im Namen der Kirche begangen wurden. Umso überraschender scheint es, dass sich Karl als ein sehr religiöser und gottesfürchtiger Mensch entpuppt. In seinen Reden, in denen er sich oft zu rechtfertigen versucht, wendet er sich stets auch an Gott: „Höre sie nicht, Rächer im Himmel! Was kann ich dafür? Was kannst du dafür, wenn deine Pestilenz, deine Teuerung, deine Wasserfluten, den Gerechten mit dem Bösewicht auffressen?“ (S. 72, Z. 1-4) Gewisserweise könnte man diese Äußerung sogar als Gebet auffassen. Als seine Wut über die Gräueltaten, die sein Bruder Franz seinem Vater angetan hat, in ihm überschäumt, beschwört er seinen Freund, der losgeschickt wurde um Franz zu finden und den alten Moor zu rächen: „Aber ich sage dir, ich schärf es dir hart ein, liefr’ ihn mir nicht tot!“ (S. 126, Z. 19-20) Trotz unbändigen Zornes achtet Karl darauf, dass er die, wie der Pfarrer erklärt, „größte Sünde, und die ihn am grimmigsten aufbringt“ (S. 136, Z. 6-7), den Brudermord, nicht begeht. Für sein Schicksal macht er ebenfalls Gott verantwortlich: „Ich wollte umkehren und zu meinem Vater gehn, aber der im Himmel sprach, es soll nicht sein.“ Dass ein Mörder zu Gott betet und sich vor ihm zu rechtfertigen sucht ist mehr als ungewöhnlich. Und doch, ebenso wie der Räuber Moor sich über die Kirche ereifert, so sehr glaubt er an Gott und fürchtet dessen Gericht, was nicht dafür spricht, dass sein Charakter völlig verdorben ist.

Seine Religiosität mag einen Teil seines Wesens bestimmen, doch was Karl am eindeutigsten definiert, sind seine Führungsqualitäten. Mit seiner Art kann er beinahe jeden für sich einnehmen, und laut seinem Vater besaß er schon immer „diese Weichheit des Gefühls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt“ (S. 14, Z. 5-6). Es ist unmöglich, eine solche Anziehungskraft vorzutäuschen, und ein Mensch, der diese Ausstrahlung besitzt, kann nicht gleichzeitig einen von Grund auf schlechten Charakter haben. So schafft Karl sich ohne Mühe Respekt innerhalb der Räuberbande, und seine Freunde geben ehrlich zu: „Ohne den Moor sind wir Leib ohne Seele.“ (S. 34, Z. 28-29) Selbst wenn dieser besondere Aspekt seines Wesens auch Neider schafft, und so in Extremsituationen eventuell Gewalt hervorrufen kann, wird niemand ihn außer Acht lassen können, der Karl als eiskalten Verbrecher zu entlarven sucht.

Was auch nicht übersehen werden darf, sind die Eigenschaften Moors, die den ersten Eindruck von einem faszinierenden Menschen bestätigen und ihm die völlige Loyalität seiner Männer sichern. Trotz aller Widrigkeiten und seiner großen Verzweiflung schafft Karl es letztendlich, seine Würde zu behalten: „Die Qual erlahme an meinem Stolz!“ (S. 120, Z. 11) Konsequent bleibt er bei einer einmal gefällten Entscheidung, und lässt so keine Frage an seiner Führerrolle aufkommen. Wenn Karl etwas verspricht, kann sich jeder auf ihn verlassen, egal was es kostet. So ist es nicht verwunderlich, dass einer seiner Kameraden bewundernd äußert: „Wenn er dem Teufel sein Wort darauf gegeben hätte in die Hölle zu fahren, er würde nie beten, wenn er mit einem halben Vaterunser selig werden könnte!“ (S. 66, Z. 26-29) Für seine Männer fühlt Moor sich verantwortlich - so wischt er seinem Kameraden Schweizer väterlich das Gesicht ab (S. 88, Z. 13-14) und nennt seine Untergebenen auch liebevoll „Kinder“ (S. 88, Z. 18). Der Räuberhauptmann ist ein hervorragender Redner, dem es gelingt, sich glaubwürdig zu verkaufen. Dem Pfarrer, der gekommen ist um die Räuber dazu zu bringen, ihren Hauptmann auszuliefern, nimmt er ohne Probleme den Wind aus den Segeln. Seine Männer sind ihm so treu, dass sie einen aussichtslosen Kampf ausfechten, um ihn zu retten. Der Pfarrer wird mit den Worten „sag dem Senat, der dich gesandt hat, du träfst unter Moors Bande keinen einzigen Verräter an.“ (S. 80, Z. 28 ff) und der Parole „Wer kein Hund ist, rette den Hauptmann“ (S. 80, Z. 25-26) davongejagt. Stolz, Würde, Konsequenz und Glaubhaftigkeit, durchweg positive Charaktereigenschaften, sind bei Karl in Hülle und Fülle vorhanden und machen ihn zum geborenen Anführer.

Auch die besten „Führer“ sind nur Menschen, die Fehler machen. Räuberhauptmann Moor weiß sehr genau um die Fehler, die er begangen hat. Es ist ihm anzurechnen, dass er seine Taten ehrlich bereut. Er ist kein gefühlloser Verbrecher, sondern schämt sich zutiefst für jede seiner Untaten, egal, ob es sich um einen Jugendstreich handelt, für den er sich entschuldigt, oder um einen begangenen Mord. Spiegelberg, der mit seinen Streichen prahlt, wird von Moor getadelt: „Und du schämst dich nicht, damit groß zu prahlen? Hast du nicht einmal so viel Scham, dich dieser Streiche zu schämen?“ (S. 25, Z. 16 ff) Als Spiegelberg ihn daraufhin an eigene Jungendstreiche erinnert, fährt er hoch: „Verflucht seist du, dass du mich daran erinnerst! Verflucht ich, dass ich es sagte!“ (S. 25, Z. 26 f) Er versucht seinen Ausrutscher von damals zu entschuldigen: „Aber es war nur im Dampfe des Weins, und mein Herz hörte nicht, was meine Zunge prahlte.“ (S. 25, Z. 27 ff)

Um einiges Gewichtiger fällt die Reue über begangene Mordtaten aus, die Karl fast zur Verzweiflung treibt: „O pfui über den Kindermord! den Weibermord! - den Krankenmord! Wie beugt mich diese Tat!“ (S. 72, Z. 7 ff) Er bereut so sehr, dass er lieber als Bettler leben würde, als länger die Qual seines schlechten Gewissens zu ertragen: „dass ich ein Bettler geboren werden dürfte! - nein! ich wollte nicht mehr o Himmel - dass ich werden dürfte wie dieser Tagelöhner einer!“ (S. 87, Z. 22-25) Selbst wenn Reue die Verbrechen, die Karl als Räuber begangen hat, nicht ungeschehen macht, so ist sie doch ein Beweis für die Aufrichtigkeit seines Charakters. Jemand, der vergleichsweise harmlose Streiche bereut, hat es mit Sicherheit nicht darauf angelegt, die schrecklichsten Taten zu vollbringen.

Neben der Tatsache, dass er seine Verbrechen bereut, sollte man auch zur Kenntnis nehmen, dass Karl niemals ohne positives Motiv gehandelt hat. Eines seiner obersten Motive ist die Freundschaft, die er über alles andere stellt. Niemals würde er einen Freund im Stich lassen, und ohne zu zögern sein Leben für seine Kameraden geben. Wenn einem seiner Freunde etwas angetan wurde, spürt Moor es wie am eigenen Leib und sorgt auch dafür, dass gebührende Rache geübt wird. Seine treuesten Gefährten nennt er zärtlich „mein Schweizer“ (S. 74, Z. 21) und „mein Roller“ (S. 74, Z. 22). Als eben dieser, „sein“ Roller gefangengenommen wird, Folter ertragen muss und gehängt werden soll, „hat er selbst sich schon“, wie ein Räuber erzählt, „in Kapuzinerkutte zu ihm geschlichen, und die Person mit ihm wechseln wollen, Roller schlug’s hartnäckig ab, itzt hat er einen Eid geschworen, dass es und eiskalt über die Leber lief, er wolle ihm eine Todesfackel anzünden, wie sie noch keinem König geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und blau brennen soll.“ (S. 66, Z. 16 ff) Roller wird von Karl in einer spektakulären Rettungsaktion befreit, in der die Stadt, in der Roller gefangen gehalten wird, „an dreiunddreißig Ecken zumal in Brand“ (S. 68, Z. 28) gesteckt wird und einige Unschuldige ihr Leben lassen müssen. Selbstverständlich ist das nicht zu rechtfertigen, doch es zeigt, wie wichtig Karl die Freundschaft ist, nämlich wichtiger als alles andere. Das Wohl eines einzelnen, des Freundes, ist ihm wichtiger als das Wohl von vielen, und dass er im Stande ist, solch ein treuer Freund zu sein, zeigt, dass sich hinter dem Räuber Karl auch gute Eigenschaften verbergen.

Ebenfalls ein Motiv Moors, dass ihn bei allen seinen Taten begleitet, ist seine unbändige Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Die Welt, so wie sie ist, ist ihm zu wider. Überall sieht er Korruption, die Menschen zeigen in keinster Weise mehr den Heldenmut vergangener Zeiten, sondern sind feige und behandeln ihre Mitmenschen ungerecht. So klagt Karl: „Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen - belecken den Schuhputzer, dass er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten.“ (S. 22, Z. 29 ff) Ungerechtigkeit ist etwas, das Karl nicht hinnehmen kann, und er duldet sie weder in der Gesellschaft, noch in seiner Bande - so jagt er beispielsweise Schufterle, der zu seinem persönlichen Vergnügen mordet und sogar damit prahlt, sofort aus der Bande: „Fort Ungeheuer! Lass dich nimmer unter meiner Bande sehen!“ (S. 71, Z. 31 f) Moor selbst handelt nicht aus Vergnügen und nicht aus Gier. „Aber,“ so spricht einer der Räuber, „soll er dir einen Landjunker schröpfen, der seine Bauern wie das Vieh abschindet, oder einen Schurken mit goldnen Borten unter den Hammer kriegen, der die Gesetze falschmünzt, (...) - Kerl! da ist er dir in seinem Element“ (S. 64, Z. 26 - 31). Mit jeder einzelnen seiner Taten rächt Karl ein Unrecht. Unrecht, wie es ihm auch selbst wiederfahren ist, als er, hintergangen von seinem Bruder, von seinem Vater verstoßen wird. Das Räuberleben ist sein persönlicher Rachefeldzug: Nachdem er böses erfahren hat, will er es nun der Welt heimzahlen. Sein Bestreben ist es, Gerechtigkeit zu schaffen - wenn nötig, mit Gewalt. Kein Verbrechen wird begangen, ohne dass er ein geschehenes Unrecht als Rechtfertigung vorweisen kann. Sein Streben nach Gerechtigkeit zeigt, dass Karl von Moor entsprechend seiner Moralvorstellungen handelt, und somit mit noblen Zielen das Amt des Hauptmanns in einer Räuberbande annimmt.

Als letzter und gewichtigster von Karl von Moors positiven Wesenszügen ist anzuführen, dass er letztendlich die volle Verantwortung für seine Taten übernimmt. Er ist als Opfer seines Bruders zum Räuberhauptmann geworden und dachte, er könnte mit Gewalt Gerechtigkeit auf Erden schaffen, indem er Verbrechen beging. Aus Wut und Enttäuschung leistete er einen Schwur, der es ihm unmöglich machte, sich wieder in die Gesellschaft einzureihen. Karl wurde durch Intrige und Unrecht zum Räuber und Mörder - und besitzt dennoch letztendlich die Courage, für seine Taten gerade zu stehen.

Wie verantwortungsbewusst er ist wird schon in der Ehrlichkeit deutlich, mit der er versucht, den jungen Mann Kosinsky, der ihm seine Dienste anbietet, vor dem Räuberleben zu warnen. Er versucht, ihn von dem Gedanken, Räuber zu werden, abzubringen und bemüht sich, ihm zu erklären: „Weil dir deine Lappereien missglücken, kommst du, und willst ein Schelm, ein Meuchelmörder werden? - Mord, Knabe, verstehst du das Wort auch? du magst ruhig schlafen gegangen sein, wenn du Mohnköpfe abgeschlagen hast, aber einen Mord auf der Seele zu tragen -“ (S. 90, Z. 34 - 38) Er fragt: „Wie viel hast du schon getan, wobei du an Verantwortung gedacht hast?“ (S. 91, Z. 6 f) Mit allen Mitteln versucht der Räuberhauptmann, ihm die Situation zu verdeutlichen und stellt schließlich klar: „Für Mordbrennerei grünet kein Lorbeer! Auf Banditensiege ist kein Triumph gesetzt - aber Fluch, Gefahr, Tod, Schande“ (S. 91, Z. 16 - 18). Anstatt den jungen Mann seinem Schicksal zu überlassen, versucht Karl, ihn zu beeinflussen, damit Kosinsky nicht ähnliches wie er selbst durchmachen muss. Am Ende des Dramas, stellt der Räuber Moor sich der Polizei - für ihn die einzige Möglichkeit, sich einen letzten Rest Ehre zu bewahren. Er läuft nicht mehr vor der Verantwortung davon und versucht nicht mehr, seine Taten zu rechtfertigen. Stattdessen benennt er seinen Irrtum: „O über mich Narren, der ich wähnete die Welt durch Greuel zu verschönern, und die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu halten.“ (S. 148, Z. 8-10). Doch anstatt angesichts der Verzweiflung in der er sich befindet, nachdem er erkennt, dass nichts von seinen Idealen übriggeblieben ist, aufzugeben und sein Leben zu beenden, tut er das einzige, was er noch tun kann, um etwas wieder gut zu machen, und stellt sich dem Gesetz - wobei er außerdem noch an einen armen Tagelöhner denkt, dem durch das Kopfgeld, das auf ihn ausgesetzt ist, geholfen werden kann (S. 159, Z. 14 - 18). Durch dieses Handeln und seine Einsicht am Schluss schafft Karl es nicht nur, „die beleidigte Gesetze [zu] versöhnen“ (S. 148, Z. 23-24) - er versöhnt auch das Publikum des Stücks mit seinem Charakter, an dessen „gutem Kern“ nun kaum mehr ein Zweifel besteht.

Moor lebt in einer Traumwelt, in der er als Unterstützer der Armen, Helfer der Notleidenden und Wiederhersteller der Gerechtigkeit in der Welt zum Held wird. Von all diesen Wunschvorstellungen verblendet, glaubt er, durch Verbrechen im Stande zu sein, die Welt zu retten. Er mordet, plündert und stiftet Brand, während er sich einredet, es sei alles nur um der Gerechtigkeit willen. Dennoch ist er kein gewöhnlicher Verbrecher, denn ihm fehlt eindeutig die kriminelle Veranlagung. Er ist freiheitsliebend und rebellisch, nicht aber von Grund auf bösartig.

Ein großes Problem von Karl sind seine Emotionen, die er nicht kontrollieren kann. Sie lassen ihn unüberlegt handeln, teilweise sehr kindisch wirken und sind wohl der eigentliche Grund für seine Misere. Sein ganzes Handeln wird bestimmt von „Kurzschlussreaktionen“, ob aus Trotz, aus Wut oder aus freundschaftlichen Gefühlen heraus. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich am Ende in einer für ihn ausweglosen Situation wiederfindet.

Sicherlich lassen sich an Karl liebenswerte Eigenschaften wie Großzügigkeit aufzeigen, doch ein Massenmörder, der seine Beute verschenkt, bleibt dennoch ein Massenmörder - eine Tatsache, die der Räuber am Ende selbst einsieht.

Ebenso sind seine Führungsqualitäten unumstritten, jedoch stellt sich die Frage, ob er diese nicht an einem legaleren Platz als in einer Räuberbande hätte besser unter Beweis stellen können.

Moor, ein im Prinzip moralischer Mensch, was auch durch seine Gottesfürchtigkeit untermauert wird, ist entsetzt über die Gräueltaten einiger seiner Männer - jedoch scheint es seltsam, dass er lange nicht merkt, mit welchen kriminellen Figuren er sich umgibt. Menschenkenntnis ist wohl eine der wenigen Führungsqualitäten, die ihm die Natur verwehrt hat.

Umstritten sind auch die überschwänglichen freundschaftlichen Gefühle Roller gegenüber, um dessen Willen er eine ganze Stadt opfert. Freundschaft ist ein edles Motiv, das durchaus im positiven Bereich anzusetzen ist. Vermutlich wäre jeder, der sich an Rollers Stelle befindet, mehr als dankbar für einen Freund, dem kein Preis zu hoch ist, um ihn zu retten. Doch in Verbindung mit den kriminellen Machenschaften einiger Räuber aus Karls Bande und den unschuldigen Menschen, die unter ihnen leiden müssen, ist es fraglich, wie weit die Freundschaft gehen darf, und ob es nicht doch ein Preislimit gibt.

Karl von Moor zeigt sehr viel Reue für seine Taten und wird von seinem schlechten Gewissen gequält. Dass er Reue zeigt, verdeutlicht, dass er den Unterschied zwischen gut und böse sehr gut kennt und auch weiß, was richtig und was falsch ist. Doch seine depressiven Reden klingen teilweise so selbstmitleidig, dass man einmal mehr den Eindruck gewinnt, man habe es mit einem Kind, nicht aber mit einem erwachsenen Mann zu tun.

Beinahe jeder positive Wesenszug Karls hat einen negativen Gegenpol, der größtenteils den positiven überwiegt. Selbst mit den edelsten Intentionen und aus der tiefsten Verzweiflung heraus wird ein guter, moralischer Mensch nicht zum Massenmörder. Ein einzelner Mord kann eventuell als Verzweiflungstat angesehen werden, aber Karls Mordtaten sind mehr als das und mit keiner noch so großen Wut oder Verzweiflung zu rechtfertigen.

Der einzige durchweg positive Aspekt seines Charakters ist das Verantwortungsbewusstsein, das er am Ende des Stückes an den Tag legt. Ein weniger couragierter Mann hätte seinem Leben ein Ende gesetzt, doch Karl beschließt ein für alle mal, dass er genug gemordet hat und dem Gesetz ein Opfer schuldig ist. Dass er in diesem Moment noch an andere denkt, läßt ihn letztendlich doch noch ein ganz klein wenig zum Held werden, obwohl seine Traumwelt längst zerplatzt ist

Die Figur des „guten Räubers“ verkörperte zur Zeit des Sturm und Drang Freiheit und Abenteuer - so kann man es erklären, dass Friedrich Schiller dieses Thema nicht loslässt. Nicht nur in seinem Jugendwerk „Die Räuber“ beschäftigt er sich mit dem Motiv des „edlen Räubers“. Fünf Jahre nach der Fertigstellung seines ersten Dramas, veröffentlicht er die thematisch verwandte Erzählung „Der Verbrecher aus Infamie“: die Geschichte eines guten, vielversprechenden Menschen, der zum Verbrecher wird.

Sekundärliteratur

Mahnert, Detlev: Friedrich Schiller, Die Räuber - Inhalt, Hintergrund, Interpretation München, 2001

13 von 14 Seiten

Details

Titel
Schiller, Friedrich - Die Räuber - Erläuterung der Polarität von Karls Charakter
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V106500
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ist lang, aber anscheinend nicht schlecht *smile*
Schlagworte
Schiller, Die Räuber, Charakteristik
Arbeit zitieren
Anna-Lena Geyer (Autor), 2002, Schiller, Friedrich - Die Räuber - Erläuterung der Polarität von Karls Charakter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106500

Kommentare

  • Gast am 26.5.2003

    Zu viele Zitate.

    Ein recht guter Aufsatz, aber meiner Meinung nach ein zu großzügiger Umgang mit Zitaten.

  • Gast am 25.5.2008

    Gut!.

    Viele wichtige Punkte: Gut!

    Doch die Zitate bilden den Großteil der Arbeit, was vielleicht schade ist.

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