Napoleon - ein Imperialist?


Referat / Aufsatz (Schule), 2002

9 Seiten, Note: 3


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Vorwort

Auf meine Frage, ob Napoleon ein Imperialist gewesen sei, erhielt ich stets die spontane Antwort: "Was für eine Frage! Natürlich! Jemand, dessen Truppen bis in die entferntesten Winkel Europas vorgedrungen sind, muss ein Imperialist gewesen sein!" Eigentlich war ich, bevor ich mich an die Facharbeit gesetzt habe, auch dieser Ansicht, doch machten sich allmählich Zweifel breit. Wo kommt eigentlich der Ausdruck Imperialismus her, und gibt es eine einheitliche Definition des Begriffs? Wie äußert sich Imperialismus? Gibt es historische Gestalten, die von Historikern einhellig als Imperialisten beurteilt werden und gehört Napoleon dazu?

Meine Aufgabe wird es also sein, den Begriff Imperialismus von seiner Entstehung und seinem Anwendungsbereich her zu definieren und, da der Begriff im Laufe der Zeit einen Bedeutungswandel erfahren hat, die Kriterien heraus zu stellen, die den Imperialismus ausmachen. Sodann versuche ich die geschichtliche Gestalt Napoleons und ihr Handeln darauf hin zu untersuchen, inwieweit für mich Merkmale eines Imperialisten erkennbar werden. Weiter bietet sich, um mögliche Gründe für sein späteres Handeln finden zu können, eine Betrachtung seiner familiären Herkunft und seiner Erziehung an.

Definition des Begriffes ,,Imperialismus" und Erscheinungsformen

Im Laufe der Weltgeschichte haben sich bis heute mehrere verschiedene Begriffsbestimmung des Ausdrucks ,,Imperialismus" ergeben. Hierbei handelt es sich sowohl um politisch, wirtschaftlich, als natürlich auch militärisch bezogene Deutungen.

Der Begriff des Imperialismus bildete sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts heraus und betraf die Politik des Kaisers Napoleon III., eines Neffen Napoleons, der die Eroberung von Kolonien in Nordafrika und Südostasien betrieb. Abgeleitet aus dem lateinischen imperium, was ursprünglich Befehlsgewalt und später auch Herrschaftsbereich und Reich (Imperium Romanum, s. u.) bedeutet, weist die Endung

-ismus darauf hin, dass der Begriff eine Geisteshaltung oder Weltanschauung umschreibt; von Imperialismus kann deshalb meines Erachtens erst gesprochen werden, wenn das Streben nach Herrschaft oder zumindest Kontrolle über andere Staaten zum Staatsziel erhoben wird. Bezeichnete der Begriff von seiner Herkunft her ursprünglich nur staatlich-militärisches Handeln, wird er heute teilweise so weit gefasst, dass manchmal schon Beziehungen zwischen wirtschaftlich unterschiedlich entwickelten Ländern imperialistisch genannt werden.

In erster Linie bezeichnet der Terminus heute das Streben eines Staates nach Ausdehnung mit dem Ziel, von ihm abhängige Gebiete zu erwerben und diese in einem Reich (Imperium) zusammen zu fassen, wobeisich die Abhängigkeit auf politischem, ökonomischem, ideologischem oder kulturellem Gebiet abspielen kann.

Historisch wurde die Bezeichnung ,,Imperialismus" hierbei auch auf die Beherrschung von Absatz- und Kapitalmärkten, beziehungsweise wichtige Rohstoffquellen, sowie die Expansionspolitik der europäischen Großmächte, Japans und der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zu Beginn des 1. Weltkriegs bezogen.

Der 1. Weltkrieg an sich kann und wurde auch durchaus als eine Konsequenz auf die Auswirkung der Veränderung der allgemeinen Machtverhältnisse in Europa durch die industrielle Revolution, sowie die nahezu vollständige Kolonisation der bestehenden afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Staaten, gesehen.

Imperialistische Praktiken, ähnlich ihrer Form des 19. Jahrhunderts, können bis in die Antike zurückverfolgt werden. Grosse, machtvolle Reiche entstanden zum Beispiel durch die Eroberungen Alexanders des Grossen und in Gestalt des Imperium Romanum. Zwar stand damals noch mehr die Sklavenbeschaffung, die Suche nach Nahrungsmitteln( bei den Römern beispielsweise in Ägypten, das sie zu der Kornkammer ihres Reiches ausbauten), sowie das einfache Interesse und die Neugier nach neuem Land im Vordergrund, doch ist die Art und Weise, wie die Römer über viele verschiedenartige Völker und Stämme herrschten und sie in ihr Reich eingliederten auch als wohl frühste Form des ,,Imperialismus" zu verstehen.

Der frühe europäische Imperialismus, der mit der Entdeckung Amerikas 1492 begann, trat dagegen generell im Rahmen einer Kolonialexpansion in Übersee auf. In dieser Zeit standen, statt einer die politische Weltherrschaft anstrebenden Macht, mehrere Staaten in Konkurrenz, ihre politische Kontrolle in Territorien in der Neuen Welt zu sichern. Die Struktur solcher imperialer Systeme beruhte auf dem Grundsatz des Merkantilismus: Über die zum Teil begehrten Handelsgüter ihrer Kolonien suchten sie sich ökonomische Vorteile zu verschaffen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts trat als weitere Variante der Freihandelsimperialismus auf. Macht und Einfluss der europäischen Staaten, insbesondere Großbritanniens, vergrößerten sich zunehmend vor allem durch diplomatische und wirtschaftliche Maßnahmen anstelle direkter politischer Kontrolle.

Nationalismus als Motiv zum Imperialismus

Ein weiterer Begriff, neben dem Kolonialismus, der in enger Beziehung zum Imperialismus steht ist der Nationalismus und das zunehmende Nationalbewusstsein im 19. Jahrhundert. Diese Bewegung bezeichnet den, vor allem durch die Französische Revolution und die nachfolgenden Eroberungen Napoleons, sowie durch die Gründung neuer europäischer Staaten, beispielsweise des Deutschen Reichs 1870/71 entstandenen und verstärkten Glauben eines Landes, es verkörpere eine höhere, beziehungsweise wichtigere Zivilisation und besitze dadurch ein legitimes Daseinsrecht und die Autorisation die Welt nach seinen Belieben und Vorstellungen zum vermeintlich Besseren zu verändern.

Der Nationalismus bestärkte den Bewusstseinswechsel der Menschen zu höchster Treue ihrem Vaterland und damit ihrer Heimat und ihren angestammten Traditionen gegenüber. Anders als bisher, wo hauptsächlich Gebilde wie die Sippe, der Stamm, der Feudalherr, die Kirche, oder andere religiöse Gruppen im Alltagsmittelpunkt standen, sollte sich durch den Nationalismus der Nationalstaat zu einer gesellschaftlichen Institution aller Bevölkerungsgruppen entwickeln und das politische und gesellschaftliche ,,Zusammengehören" stärken.

Dieser Nationalismus, gepaart mit dem technischen Fortschritt( Einführung von Dampfschifffahrt und Eisenbahn, Entwicklung von Hinterlader- und Schnellfeuergeschützen) führte unter den nach der industriellen Revolution entstandenen Industrieländern in Europa sowie den USA und Japan zu einem wahren Wettlauf um die Eroberung überseeischer Gebiete, aber auch zu einer Expansionspolitik gegenüber den schwächeren Nachbarn, was schließlich zu den Weltkriegen führte.

Rechtfertigung des Imperialismus

In der Hochzeit des Imperialismus entstand die Theorie zur Rechfertigung des Imperialismus als Staatsziel, der Sozialdarwinismus. Danach sollte der einzige Daseinszweck eines Staates oder Volkes in der Behauptung im Lebenskampf liegen; Sinn und Inhalt der Geschichte sind nur im Aufstieg kämpferischer und im Untergang ,,lebensuntauglicher" Völker zu sehen. Die Sozialdarwinisten jener Zeit waren davon überzeugt, die Erschließung der Erde nähere sich ihrem Ende und neuer Lebensraum könne bald nicht mehr gefunden werden, so dass nur jene Nationen sich in dem unerbittlichen Daseinskampf behaupten könnten, die sich jetzt noch möglichst große Teile des knapp werdenden Lebensraumes sicherten.

Kolonialismus als Form des Imperialismus

Praktisch alle von einer Macht beziehungsweise, im Falle Napoleons, eines Staates ausgeübten Formen des Imperialismus waren für diese Macht in der Weise wichtig, als dass sie durch den Imperialismus sich meist außenpolitische Ziele setzten, die von den inneren Problemen ablenken und die Energien des Volkes gegen außen richten sollten. Darüber hinaus schuf erfolgreiche imperialistische Politik die Möglichkeit, den Lebensstandard der eigenen Arbeiterschaft auf Kosten der unterworfenen Kolonialbevölkerung zu heben und so wenigstens eine wichtige materielle Ursache sozialer Spannungen zu beseitigen. Dies ist zum Beispiel bei Napoleon als ein Grund für einen möglichen Imperialismus in Betracht zu ziehen.

Napoleon - Laufbahn und Aufschwung zum ,,Führer"

Bei der Durchsetzung seiner teils zügellosen europäischen Hegemonialpolitik kamen Napoleon mehrere Umstände zu Hilfe. Dies war zum einen die Tatsache, dass sich das Europa des ausgehenden 18. Und beginnenden 19. Jahrhunderts einerseits durch die vielen Kriege, gegen immer wieder wechselnde Gegner, andererseits natürlich auch durch die direkten radikalen Veränderungen und Unruhen der Französischen Revolution, nichts sehnlichster wünschte, als eine Periode des Friedens und der Ruhe.

Während der Revolutionsgeschehnisse schritt die Geldentwertung rapide voran, die Steuern stiegen durch die vielen Kriege gegen die europäischen Nachbarn in unbezahlbare Summen und die Lebensmittelknappheit wurde bedrohlich. Viele Franzosen begrüßten es, dass Napoleon Kaiser wurde, denn nach den unsicheren Verhältnissen im Anschluss an die Revolution wünschten sie sich einen starken Herrscher. Des Weiteren war bei vielen Staaten, die Napoleon I. in der Folgezeit unterjochen sollte erkennbar, dass sie ihn, wie beispielsweise Italien durchaus als Befreier, statt als rigorosen Eroberer empfingen.

Napoleon wurde am 15.August 1769 als Napoleon Buonaparte in Ajaccio, einer der beiden Hauptstädte Korsikas, als zweiter Sohn des Anwalts Charles Buonaparte und dessen Frau, der Hausfrau Maria Laetitia Ramolino, die insgesamt zwölf Kinder zur Welt brachte, geboren. Sein Vater trat der französische n Partei Korsikas bei, jedoch nur, um seine Familie ernähren zu können. Seine Kinder erzog er jedoch in Erinnerung an den großen Pascal Paoli, einen Verfechter der Unabhängigkeit und an ein freies Korsika. Sowohl Napoleons Mutter, als auch sein Vater entstammten italienischen Adelsfamilien. Napoleon wird bereits im Alter von nur 9 Jahren, im Januar 1779, von seinem Vater in das in Versailles gelegene Collège d´Autun gebracht.

Danach besuchte er die königliche Militärschule von Brienne-le-Chateau, eine in der Champagne gelegene Einrichtung, die der Kriegsminister Graf von Saint-Germain dazu ausersehen hatte die Kinder des Adels, die zur wollten, auszubilden. Aus dieser Zeit gibt es zwar nur wenige Zeugnisse über Napoleon, doch wird an einigen Stellen von ihm als ,,schweigsam und doch aufbrausend" und als ,,recht schwieriger Schüler" gesprochen, der aber auch damals schon besonderes Geschick bei Kriegsspielen zeigte. Napoleon wurde ein Mann des 18. Jahrhunderts und wurde in einer Weise religiös erzogen, die sich mehr auf die Lehren und Schriften Voltaires, einer der bedeutendsten Repräsentanten der Epoche der Aufklärung, als auf die kirchlichen Religionsverständnisse bezog.

In Brienne-le-Chateau blieb Napoleon als mittelmäßiger Schüler, der sich hauptsächlich für Geographie, politische Theorien, Wirtschaftslehre und Geschichte interessierte, bis zum Oktober 1784.

Mitte Oktober, im Alter von nur 15 Jahren, wird Napoleon auf die Pariser ,,Ecoles Militaires" geschickt. Aufgrund seiner guten Mathematikkenntnisse erfährt er eine Ausbildung als Kanonier bei der Artillerie. Ein Jahr darauf wird er nach einem bestandenen Examen erst zum Oberleutnant und schließlich, wieder dank seiner außerordentlichen Mathematikbegabung, im Alter von nur 16 Jahren und 15 Tagen zum Offizier ernannt. In der folgenden Friedenszeit lernt Napoleon in Valence das Leben des einfachen Soldaten kennen. Er verbringt weiterhin viel Zeit bei seiner Familie auf Korsika und liest viel, jedoch kaum militärische Bücher, sondern hauptsächlich politische. Er spielt noch immer mit dem Gedanken der Befreiung Korsikas.

Später, im Jahre 1793, muss Napoleon mit der Familie, dessen Vorstand er mittlerweile durch den Tod seines Vaters geworden ist, von Korsika nach Toulon fliehen, weil er sich schließlich doch, aus Mangel an einem autoritären Führer, gegen die aufständischen Korsen und für Frankreich entschieden hatte. Zu der Zeit hatte die Revolution bereits einige ihrer Höhepunkte hinter sich und das ganze Land war in Aufruhr.

Nachdem er durch Glück, aber auch militärische Taktik, am 19.12. 1793 Toulon, das von den Engländern besetzt worden war, wieder einnahm wird dem 25jähirgen Napoleon der Rang des Generals verliehen. Durch einige weitere geschickte Militäroperationen, unter anderem den Ägyptenfeldzug( 1798), bei dem es ihm gelang Ägypten nahezu vollständig zu erobern und ihm die Grundrisse des späteren Code Civil, die er selber mit entwickelt hatte, aufzudrängen und den Italienfeldzug( um 1800), bei dem Napoleon die südlichen Grenzen Frankreichs erfolgreich gegen Piemonteser, Sardinier und Österreicher verteidigte, gelang es ihm schließlich das Volk auf seine Seite zu ziehen. Ziel erst genannten Kriegszuges war es vor allem England im Handel mit seinen überseeischen Kolonien in Asien zu inkommodieren und damit eine Schwächung jenes als Seemacht herbeiführen zu können.

Als er im Oktober 1799 aus Ägypten zurück nach Paris kam empfing ihn das Volk mit begeisterten Ovationen. ,,General, verjagen Sie die Schurken, die uns regieren und wir machen sie zum König!" rie fen ihm die jubelnden Mengen zu. Das Direktorium, dass seit den Revolutionsunruhen ständig wechselnde Mehrheiten zwischen den Royalisten und den Jakobinern erfuhr besaß nicht mehr die ausreichende Autorität das Volk zu regieren. So kam es schließlich, dass durch mysteriöse Geschehnisse und mehrere Verschwörungen um den 18. Brumaire( 19. Oktober) herum Napoleon I. als erster von drei Konsuln, die von nun an die Staatsmacht innehaben sollten, ins Amt ,,gewählt" wurde. Der Vertrag, den 30 Abgeordnete des gestürzten Direktoriums gezwungen wurden zu unterschreiben, wurde überhaupt aufgesetzt, um Napoleons Machtergreifung einen Anschein von Legalität zu geben.

Damit hatte Napoleon einen Meilenstein in seinen politischen Vorhaben hinter sich gelassen und war nun fast am ersten Ziel seiner Bemühungen angelangt. In seinen ersten Regierungsjahren führte Bonaparte mehrere innenpolitische Reformen durch. Gestützt wurde er durch das wachsende Ansehen beim Volk, dass er durch einige militärische und diplomatische Erfolge gegen europäische Nachbarstaaten erreichte.

So ist es auch zu erklären, dass er durch einen Volksbeschluss schließlich zum ,,Konsul auf Lebenszeiten" bestimmt wird und damit praktisch die Vollmacht eines Königs erhielt. Als nächstes ließ Napoleon 1804 als einen weiteren Hauptpfeiler auf der seine Macht beruhte den ,,Code Civil", später auch ,,Code Napoléon", in Kraft treten. Das 2281 Artikel umfassende Gesetzbuch entwickelte sich nicht nur zum wichtigsten Schriftstück, um das revolutionäre Volk in Zaum zu halten, sondern diente schon bald den meisten europäischen Staaten als Vorbild und Verfassungsgrundsatz.

Am 2. Dezember 1804 krönte er sich selbst in der Kathedrale Notre-Dame in Paris zum erblichen Kaiser und ließ sich vom Papst weihen. Zu diesem Zeitpunkt trug er bereits seit dem 18. Mai den Titel ,,Kaiser der Franzosen". Mit dieser Aktion schwang sich Napoleon schließlich endgültig zum unumschränkten Herrscher und wohl mächtigsten Franzosen aller Zeiten auf. Von nun an konnte er seine, schon längst in ihm schwelenden Absichten einer schrankenlosen, absolutistischen und in allen Bereichen bestimmenden Hegemonie in Europa und seine weltpolitischen Pläne anfangen in die Tat umzusetzen.

Napoleon - ein Imperialist?

Seit 1803, also noch vor seiner eigenmächtige n Kaiserkrönung, vor allem aber natürlich auch danach, führte Napoleon als Feldherr ständig Kriege mit den anderen europäischen Mächten. Während dieser ,,Napoleonischen Kriege" verstärkte sich bei Napoleon eine Art Hass auf die Vormachtsstellung Englands in der Welt. In seinen 15 Jahren als Herrscher führte Napoleon praktisch ununterbrochen Krieg; lediglich nach dem Friedensschluss von Amiens zwischen England und Frankreich 1802 hatte Europa ein Jahr lang Ruhe.

Napoleon hat zwar nie einen Hehl daraus gemacht, dass seine Europapolitik eher offensiven als defensiven Charakter hatte doch behauptete er, er habe nur die Möglichkeiten genutzt, die ihm dargelegt wurden, bestritt jedoch sich diese Möglichkeiten selbst erschaffen zu haben. Tatsache ist, dass Napoleons Europapolitik sich von Beginn an vornehmlich gegen England richtete. Er hatte erkannt, dass er, ohne England zu besiegen, wohl nie die universelle Macht über Europa erlange könnte, die er zweifelsohne und auch ohne dies je zu bestreiten anstrebte. England konnte und wollte die Hegemonie einer militärischen Macht in Europa nicht dulden.

Napoleon schien, vermutlich erst recht nach dem gelungenen und umjubelten Staatsstreich vom 9./10. November 1799, von seiner eigenen Unbesiegbarkeit überzeugt. Seine Gier nach Macht schien krankhafte Züge anzunehmen. Er wurde von einem ungeheuren, an Selbstsucht grenzenden Selbstbewusstsein getragen, dass ihn nach und nach dazu ermunterte das Gerangel mit England um die europäische Vormachtstellung zur Entscheidung zu bringen.

Geschichtlicher Fakt ist auch, dass Napoleon im Laufe seiner Regierungszeit fast ganz Europa entweder direkt eroberte, oder zumindest stark von Frankreich abhängig machte, was Frankreich zu der bestimmenden Macht auf dem Kontinent machte. Lediglich Großbritannien, das sich stets äußerst misstrauisch gegenüber den napoleonischen Expansionszügen zeigte blieb, als einzige europäische Macht, mehr oder weniger unabhängig.

Mit dieser Tatsache ergibt sich die Frage, ob Napoleons Handlungsweise als Imperialismus zu bezeichnen ist, oder, ob er nur ein ,,ganz gewöhnlicher, nach Macht süchtiger, Despot" war.

An den Worten, die Napoleon an seinen Sekretär Bourrienne richtete lässt sich in vielerlei Richtungen deuten:

,,Meine Macht beruht auf meinem Ruhm und mein Ruhm auf meinen Siegen. Meine Macht w ü rde zunichte werden, w ü rde ich sie nicht durch neuen Ruhm und neue Siege st ü tzen. Eroberung hat mich zu dem gemacht, der ich bin, und allein Eroberung kann mich erhalten."

Diese These zeigt natürlich, dass Napoleon sich zum einen sehr wohl bewusst war, dass er ohne militärische und außenpolitische Erfolge innenpolitisch kein Bein mehr auf den Boden gekriegt hätte. Nach seiner zwischenzeitlichen Degradierung und Androhung der Entlassung aus der französischen Armee, waren es seine teils genialen, teils glücklichen taktischen Züge mit denen er Schlachten für sich entschied, die ihn immer wieder zu einem hohen militärischen Rang kommen ließen. Später, als General und Feldherr, wie auch als Kaiser und Feldherr waren es seine Siege, die ihm den Ruhm und die Gunst des Volkes einbrachten, ohne die er wohl nie so weit gekommen wäre.

So ist es beispielsweise seinen vorherigen siegreichen Feldzügen zu verdanken, dass er als er aus Ägypten zurückkam die Unterstützung und Zustimmung des französischen Volkes zum Regierungssturz besaß. Für die Betrachtung Napoleons als Imperialist scheint dessen Ansicht, dass er allein durch Eroberung zu dem wurde, was er war, interessanter. Napoleon stellte sich also als einen nationalen Führer hin, der nur das beste Frankreichs wollte.

Ob dies wirklich sein Hauptgrund für die Unterwerfung halb Europas war, oder, ob es tatsächlich seiner Machtsucht zuzuschreiben ist, ist nicht Aufgabe dieser Facharbeit. Viel wichtiger ist die Untersuchung wie Napoleon mit den von ihm eroberten Gebieten umging. Er unterscheidet sich in dieser Hinsicht insofern von vielen berühmten, alten Imperialisten, als dass er seine besiegten Kriegsgegner nicht wie ein kolonisiertes Land an Rohstoffen und sonstigen Wertgegenständen ausbeutete. Er zwangsrekrutierte zwar große Mengen von Deutschen, Polen, Italienern, Holländern, Belgiern und Anderen, um mit ihnen seine riesengroßen Armeen auffüllen zu können, doch gliederte er die eroberten Gebiete nicht in ein großes Reich ein, wie es vorher beispielsweise die Römer und Spanier getan hatten. Er erschuf aus den eingenommenen Klein- und Stadtstaaten, Herzogtümern, Ritterschaften, et cetera neue Einheiten. Er machte aus mehreren kleineren Staatsgebilden einen größeren Bund.

Viele kleine Herzogtümer hörten nach der Unterwerfung großer Teile des Deutschen Reichs durch Napoleon auf zu existieren und wurden größeren, teils neu gegründeten Ländern zugesprochen. Diese neuen Länder sollten die Stärke besitzen, Frankreich und damit Napoleon, bei Kampfhandlungen gegen die anderen europäischen Großmächte wie vor allem England, Russland, Österreich und Preussen, beistehen und unterstützen zu können, jedoch keinesfalls stark und potent genug sein auf Frankreich in irgendeiner Weise Druck ausüben zu können. Sie wurden also zu klassischen Vasallenstaaten. Sie waren zwar äußerlich, auf der Landkarte, weiterhin unabhängige Staaten, doch waren sie eigentlich sowohl militärisch, wirtschaftlich, als auch diplomatisch von Frankreich abhängig. Praktisch die gesamte Außenpolitik dieser Länder führte Napoleon, beziehungsweise wurde von Napoleons Vorstellungen und Plänen geprägt. Dies versuchte jener mit Erfolg dadurch zu verstärken, dass er in vielen der eroberten Landschaften seine Verwandten, oder enge Freunde als Könige, oder Fürsten einsetzte.

Durch Napoleons Feldzüge kamen der Code Napoléon und damit die Grundsätze der Französischen Revolution auch in die Regionen Europas, die davon bisher noch weitgehend unberührt geblieben waren. Die französischen Truppen verbreiteten die liberalen und demokratischen Leitideen, was dazu führte, dass sie in vielen der eingenommenen Gegenden, vor allem von der geistlichen Bevölkerungsschicht, als Befreier angesehen wurden. Den Adel brachte Napoleon hinter sich, indem er ihm Rangerhöhungen und weiterhin unabhängige Staaten versprach.

Diese vermeintlichen Zusicherungen stellten sich jedoch als Irrtümer heraus, denn, wie in der Folgezeit in den annektierten holländischen und belgischen Gebieten, sowie den vielen eroberten deutsche n Kleinstaaten offenkundig wurde, hatte Napoleon keineswegs vor sich an seine eigenen toleranten Liberale , die den Menschen verschiedenster Klasse, zumindest den Franzosen, auch mehr Mitbestimmung in der Politik versprachen, zu halten. Er hatte dieses Gesetzbuch offenbar nur aus reinem Eigennutzen publizieren lassen. Er wollte damit seiner eigenen, der französischen Bevölkerung seine Kriege als eine Art Befreiung der anderen europäischen Staaten von der Tyrannei hinstellen und sie damit legitimieren. In Wahrheit hatte er wahrscheinlich schon früh erkannt, dass sich eine Alleinherrschaft über Europa, wie er sie anstrebte, nicht auf eine solch freie Verfassung begründen könnte.

Napoleon war ein Mann, den nach Macht dürstete und der seinen Eroberungszwang nur schwerlich selber in Zaum halten konnte. So machte er sich beispielsweise später im Exil auf St. Helena Vorwürfe, dass er nach der Einnahme und Besiegung Hollands, Belgiens, Italiens, Bayerns, Österreichs, Preußens und der anderen deutschen Teilstaaten nic ht auf eine Festigung dieser Macht, gesetzt, sondern in seiner Blindheit vor Machtsucht noch den Konflikt mit Russland gesucht hatte.

Es bleibt zu hinterfragen, ob Napoleon, hätte er 1812 mit Russland einen Frieden aushandeln können und Moskau besetzt behalten können, sich damit begnügt hätte. Hätte er nicht als dann wohl uneingeschränkt dominierende Kraft auf dem Kontinent den Konflikt mit England neu aufgenommen? Hätte er nicht seine gierigen Klauen nach dem restlichen Balkan und dem Orient ausgestreckt? Hätte er nicht von Ägypten aus versucht die britischen Kolonialgebiete auf dem indischen Subkontinent, sowie in Südostasien versucht zu erobern? Und was wäre dann aus dem riesigen spanischen Kolonialreich in Mitte- und Südamerika geworden?

Hätte Napoleon sich zügeln können, oder hätte ihn der Gedanke allmächtiger Gebieter über die gesamte Welt zu sein so sehr in Verzückung versetzt, dass er nicht aufgehört hätte Krieg zu führen? Wahrscheinlich hätte er sich, wie auch in der Wirklichkeit geschehen irgendwann durch seine Machtsucht selbst zerstört. Es war eine nahezu unlösbare Aufgabe das sich als Folge der Industriellen und Französischen Revolution im Umschwung befindliche Europa mit seinen zu Nationalstaaten formenden Machtapparaten unter der Herrschaft eines Landes und eines Herrschers zu vereinen.

Arbeitsmaterialien / Quellennachweis:

- ,,Napoleon und Europa" von Heinz-Otto Siegburg, 1970
- ,,Europa im Umbruch - Von 1776 bis zum Wiener Kongress" von Ernst Walter Zeeden, 1982
- ,,Napoleons Griff nach der Karlskrone" von Helmuth Rössler, 1957
- ,,Politik und Gesellschaft", verschiedene Auszüge; S.33-36 ,,Die Ära Napoeleons: Rückschritt der Demokratie und hegemoniale Neuordnung Europas", S.48, 49 ,,Was ist Nationalismus?"
- ,,Lebenslauf von Napoleon Bonaparte", http://www.homeworx.net/daten/homeworx/ge/ge0001.htm
- ,,Napoleon - Kurzbiographie", http://www.geschichte.2me.net/bio/cethegus/n/napoleon1.html
- Reiterbild Napoleon aus ,,Encarta Enzyklopädie 98"
- dtv-Atlas ,,Weltgeschichte", Band 2 ,,Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart"
- ,,Napoleon - die Versuchung der Macht", von Gottfried Mai, Schwengeler Verlag, 1986 (hieraus auch Napoleon-Zitat an Bourrienne (Seite 189)

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Napoleon - ein Imperialist?
Note
3
Autor
Jahr
2002
Seiten
9
Katalognummer
V106522
ISBN (eBook)
9783640048014
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Napoleon, Imperialist
Arbeit zitieren
Malte Ifang (Autor:in), 2002, Napoleon - ein Imperialist?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106522

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