Ursachen des Autismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

24 Seiten


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Inhalt

1 Einleitung

2 Bedeutung der Ursachenforschung

3 Einteilung der Ursachen

4 Ursachen
4.1 Chemische und biochemische Verursachungstheorien
4.2 Genetische Verursachungstheorien
4.3 Psychologische und psychoanalytische Verursachungstheorien
4.4 Informations- und/oder Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen
4.5 Hirnorganische Verursachungstheorien

5 Verursachungstheorien im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen

6 Wahrnehmungsverarbeitung, Handlungsstörungen, Sozialverhalten
6.1 Wahrnehmungsverarbeitung
6.2 Störungen des planvollen Handelns
6.3 Sozialverhalten/Theory of mind

7 Multikausalität und Wechselwirkungen

8 Zusammenfassung

Anhang

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit den Ursachen des Autismus1 beschäftigen. Dabei setze ich beim Leser Kenntnisse über das Erscheinungsbild des Autismus und seine diagnostischen Kriterien voraus. Zunächst möchte ic h die Bedeutung der Ursachenforschung begründen und erklären, warum sich auch Pädagogen mit dem vielleicht etwas trockenen Thema beschäftigen sollten. Dann werde ich einen Überblick über die Einteilung der Ursachen in der Literatur geben und anschließend die einzelnen Ursachen bzw. Ursachengruppen näher beleuchten. Im Anschluss daran werde ich mich mit den Punkten Wahrnehmungsverarbeitung, Handlungsstörung und Sozialverhalten befassen, die nicht eindeutig der Kategorie der Ursachen oder der Symptome zuzuordnen sind. Abschließend werde ich im Abschnitt Multikausalität und Wechselwirkungen die besondere Problematik bei der Feststellung der Ursachen aufzeigen.

2 Bedeutung der Ursachenforschung

Wenn man nach den Ursachen des Autismus forscht oder sich mit den daraus folgenden Theorien beschäftigt, kann man möglicherweise Therapieansätze daraus ableiten. Das war zumindest mein erster Gedanke bei der Übernahme des Referates zu diesem Thema. Aber das ist nicht der einzige Grund, den Ursachen des Autismus (oder auch einer anderen Behinderung oder Krankheit) nachzugehen. Meine Ausführungen hierzu möchte ich mit zwei Zitaten beginnen.

Die Mutter eines autistischen Kindes beispielsweise schreibt: ,,Ich war nie ganz frei von einer nagenden Angst, daß der Grund für seine Verhaltensweise irgendeine Drüsenfunktions- oder körperchemische Störung sein könnte, die man hätte beheben können, wenn ich nur in der Lage gewesen wäre, einem Arzt die Symptome genügend deutlich zu beschreiben. [...] Ich zerbreche mir oft den Kopf darüber, ob die mangelhafte Funktion meiner Schilddrüse nicht vielleicht zu Davids Zustand beigetragen haben könnte." (Hundley 1974, zit. bei Dzikowski 1996, 29f)

Und der amerikanische Pädagoge Charles Hart, der einen Bruder und einen Sohn mit Autismus hat, bedauert: ,,Es war immer schwierig für uns, eine gemeinsame Einstellung gegenüber der Behinderung unseres Sohnes zu finden. Saras größte Angst - die ihr von den Psychiatern vermittelt wurde - rührte von ihrer Überzeugung her, sie habe irgendwie Teds Behinderung verschuldet. Nicht seinen Gehirnschaden, wie wir zuerst fälschlicherweise annahmen, sondern seine sozialen und sprachlichen Defizite.

Ich indessen fühlte mich schuldig, weil ich glaubte, daß die Behinderung unseres Kindes durch schadhafte Gene von mir verursacht worden sei." Aus diesen beiden Zitaten ist die Belastung, die für einen Angehörigen entsteht, wenn die Ursache des Autismus nicht bekannt ist, leicht ablesbar. Eltern machen sich selbst Vorwürfe und werden darin von der Umwelt eventuell sogar bestätigt.

Allgemein kann man folgende Gründe für das Interesse an den Ursachen festhalten (nach Dzikowski 1996, 22ff). Familienangehörige, insbesondere die Eltern möchten dem autistischen Kind besser helfen können und gleichzeitig die eigene Hilflosigkeit abbauen. Sie hoffen, dass sie die Sicherheit erhalten, nicht mitschuldig an der Entstehung des Autismus zu sein und somit sich auch gegen derartige Vorwürfe von außen wehren zu können. Nicht zuletzt wünschen sie sich auch Möglichkeiten der Prävention, z.B. im Sinne einer genetischen Beratung bei möglichem Vorliegen einer erblichen Belastung.

Auch für die Menschen mit Autismus selbst ist die Autismusforschung wichtig, denn zum einen hoffen sie - soweit sie die Möglichkeit haben, sich verständlich zu machen - auf Heilung oder zumindest Therapien zur Verbesserung ihrer Situation und zum anderen ist der Autismus ein wesentlicher Teil ihrer Persönlichkeit, an dem sie natürlich ein umfassendes Interesse haben.

Dazu gehört eben auch die Frage nach der Ursache der eigenen Behinderung. Die Pädagogen und Therapeuten schließlich möchten den Menschen mit Autismus und den Autismus besser verstehen und damit auch Unsicherheiten im Umgang abbauen.

Zudem wünschen sie sich Konzepte der Förderung. Die Ableitung von Therapiekonzepten sollte nach Dzikowski (1996) sowieso immer oberstes Ziel der Ursachenforschung sein. Meiner Meinung nach sollten sich Pädagogen auch mit den Ursachen des Autismus beschäftigen, um besser mit den Eltern zusammenarbeiten zu können. Dazu gehört das Wissen um die Unsicherheit hinsichtlich der Ursachen, die oft nur schwer festgestellt werden können, und der damit verbundenen Belastung der Eltern, sowie der Abbau von Vorurteilen, die Eltern, insbesondere die Mutter, hätten die Behinderung ihres Kindes zu verantworten.2

3 Einteilung der Ursachen

Es existieren zahlreiche Verursachungstheorien zum Autismus. So beschreibt Dzikowski (1996) 60 Einzeltheorien, die er in der Literatur gefunden hat. Um den Überblick zu gewährleisten, teilt er diese in sechs Gruppen ein. Ähnlich, aber mit unterschiedlichen Ergebnissen, sind auch andere Autoren vorgegangen.

Die Unterschiede in den Ergebnissen drücken sich zum einen in Anzahl und Benennung der einzelnen Kategorien aus und zum anderen in der Zuordnung von Einzeltheorien zu den Obergruppen. So wird beispielsweise die Phenylketonurie bei Janetzke (1997) den biochemischen Ursachen zugeordnet, bei Mildenberger (1999) hingegen den genetischen. In Tabelle 1 sind die Einteilungen3 der Autoren, die ich für meine Arbeit verwendet habe, dargestellt.4

Wie sich aus der Tabelle ergibt, sind die Einteilungen von Janetzke (1997), Mildenberger (1999) und aus dem Internetbeitrag sehr ähnlich und repräsentieren die derzeit übliche Klassifikation. Dzikowski (1996) nimmt die detaillierteste Einteilung vor, auf die ich in Abschnitt 4 genauer eingehen werde. Wing (1973) beschreibt nur zwei Kategorien, wobei sie den emotionalen Ursachen5 lediglich eine historische Bedeutung zumisst.

Unter körperlichen Ursachen versteht sie Anomalien des Gehirns. Bei Kehrer (1995) gilt grundsätzlich eine kognitive Störung als Ursache des Autismus,6 die wiederum verschiedene Ursachen haben kann.

Klicpera und Innerhofer (1999) beschreiben eher die Symptome des Autismus (wobei, wie bereits angedeutet, nicht immer klar zwischen Symptom und Ursache getrennt werden kann) und deren Einflussfaktoren. Ihre Befunde werde ich in Abschnitt 5 aufgreifen. Kusch und Petermann (1991) schließlich sprechen von prädisponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren.

Diese Begriffe möchte ich nun erlä utern, da sie meiner Meinung nach für das Verständnis der Zusammenhänge7 zwischen den verschiedenen Ursachen nützlich sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1

Unter den prädisponierenden Ursachen werden neurologische Abweichungen verstanden,8 die im allgemeinen nur die Anpassungsfunktion des Organismus beeinträchtigen, d.h. diese Abweichungen allein müssen nicht zwangsläufig zu der Ausprägung eines Autismus führen, machen den Menschen aber ,,anfällig" dafür. Kommen nun bestimmte biologische, psychologische oder soziale Anforderungen9 auf den Menschen, dessen Anpassungsfähigkeit vermindert ist, zu, kann der Autismus dadurch ausgelöst werden. Bei diesen Bedingungen handelt es sich also um auslösende Faktoren. Die aufrechterhaltenden Faktoren schließlich beeinflussen den Entwicklungsverlauf des Autismus. Diese Faktoren können ebenfalls aus biologischen, psychologischen oder sozialen Bedingungen bestehen und wirken sich insbesondere auf die Entwicklung der sozialen, kommunikativen und kognitiven Bereiche sowie die soziale Interaktion und Kommunikation aus.

4 Ursachen

Nachdem ich nun einen Überblick über verschiedene Gruppeneinteilungen in der Literatur gegeben habe, möchte ich mich in diesem Abschnitt an die Einteilung von Dzikowski (1996) halten, da seine Aufzählung die Angaben aller anderen Autoren10 einschließt. Da Dzikowski 60 Einzeltheorien gesammelt, geordnet und beschrieben hat, werde ich im Rahmen dieser Arbeit nicht auf jede einzelne eingehen, sondern eher die Ursachengruppen beschreiben und dabei Hinweise zu den einzelnen Ursachen geben, wenn es mir sinnvoll erscheint.11

Zuvor möchte ich noch darauf hinweisen, dass für alle nun beschriebenen Ursachen gilt: Liegt eine der genannten Störungen vor, muss diese nicht zur Entwicklung eines Autismus führen und umgekehrt muss ein autistischer Mensch nicht zwangsläufig die beschriebene Störung haben.

4.1 Chemische und biochemische Verursachungstheorien

Die chemischen und biochemischen Verursachungstheorien entstanden etwa Mitte der sechziger Jahre. Mit der Weiterentwicklung der Untersuchungsmethoden und der Kenntnisse über die chemischen Abläufe im menschlichen Körper wurden die dazugehörigen Studien immer genauer und bedeutender und heute werden diesem Bereich ,,richtungsweisende und erfolgversprechende Möglichkeiten" (Dzikowski 1996, 43) zugesprochen. Deutlich erkennbar ist in den meisten Fällen der Bezug zur Intervention, die durch Medikamente oder bestimmte Diäten erfolgen soll. Problematisch ist, dass Pädagogen und Angehörige meist nicht die notwendigen medizinischen Kenntnisse besitzen, um diese Theorien ausreichend verstehen zu können. Außerdem werden die gestörten Vorgänge zwar genutzt, um autistische Verhaltensweisen zu erklären, aber es wird nicht darauf eingegangen, warum die chemischen Prozesse gestört sind.

Ohne genau auf (bio-)chemische Abläufe einzugehen, möchte ich einige Beispiele dafür geben, welche Zusammenhänge zwischen den Vorgängen im Körper und autistischen Verhaltensweisen bestehen. So kann eine Störung des Endorphin-Haushaltes selbstverletzendes Verhalten und eine geringe Schmerzempfindlichkeit bewirken. Allerdings ist nicht geklärt, ob nicht vielleicht das selbstverletzende Verhalten eine Veränderung des Endorphin-Haushaltes verursacht, um die Schmerzempfindlichkeit herabzusetzen.

Der Serotoninspiegel ist z.B. verantwortlich für die Bereiche Schlafen, Essen, Schmerz und Stimmung. Bei Menschen mit Autismus finden sich bezüglich des Serotoninspiegels häufig Abweichungen,12 allerdings handelt es sich hier nicht um ein autismusspezifisches Phänomen. So findet man bei Menschen mit geistiger Behinderung solche Abweichungen auch häufig. Hingegen ist der Zusammenhang zwischen Autismus und einer veränderten Dopamin-_- Hydroxylase-Aktivität, die verantwortlich für die Motorik und Kognition aber auch für Ess- und Trinkverhalten ist, wesentlich spezifischer, eine Verbindung mit geistiger Behinderung ist in diesem Fall nicht gegeben. Dzikowski (1996) fasst zusammen, dass der Bereich der chemischen und biochemischen Verursachungstheorien noch sehr uneindeutig ist, es sich aber auf jeden Fall um einen auslösenden Faktor bei einer bestehenden genetischen Disposition handelt (ebd., 201).

4.2 Genetische Verursachungstheorien

Die genetischen Verursachungstheorien sind heute sehr bedeutend. Während Asperger noch von einer vom Vater auf den Sohn vererbten Charakterstörung ausging, ist diese These ist heute nicht mehr haltbar, da im Gegensatz zu Aspergers Vermutung Autismus auch bei Mädchen auftreten kann. In aktuellen Veröffentlichungen wird besonders der Zusammenhang zwischen Autismus und dem ,,fragiles-X-Syndrom" als wahrscheinlich diskutiert, da bei einer großen Gruppe beide Phänomene gleichzeitig auftreten. Aber auch andere Veränderungen im Chromosomahlen Bereich (z.B. Trisomie 21) werden als Ursache des Autismus in Betracht gezogen.

Studien, die sich mit genetischen Verursachungstheorien beschäftigen, stützen sich vor allem auf die Zwillingsforschung. So beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass der eineiige Zwilling eines Autisten auch autistisch ist 95,7% (Dzikowski 1996, 202), bei zweieiigen Zwillingen beträgt diese Übereinstimmung nur 23,5% (www.m-ww.de). Insgesamt gilt auch hier, dass - abgesehen vom Zufallsprinzip - nicht bekannt ist, wie es zu den entsprechenden Veränderungen am genetischen Material kommt. Ferner ist es nicht möglich bei Vorhandensein einer genetischen Ursache diese zu behandeln.

4.3 Psychologische und psychoanalytische Verursachungstheorien

In dieser Gruppe sammelt Dzikowski diejenigen Theorien, ,,die sich im weitesten Sinn mit dem Seelenleben autistischer Kinder beschäftigen" (Dzikowski 1996, 87). Hier geht es stets um Beziehungen zwischen der Persönlichkeit des Kindes und seiner Umwelt, insbesondere zu seinen Eltern. In diesem Zusammenhang werden Begriffe von bekannten Forschern wie Freud, Klein und Reich verwandt. Oft ergibt sich aber auch eine schwer fassbare Begrifflichkeit (z.B. ,,vorgeburtlicher Seelenzustand"), die nicht genau ausgeführt wird und somit auch schwer belegbar ist.

Der Leser kann sich entscheiden, ob er dem Autor, der sich auf seine Erfahrung beruft, glaubt oder nicht. So werden die Verursachungstheorien von Ophir (Störung der Ich-Funktion), Siegel (Fixierung in der oralen Phase) und Benenzon (Verlängerung des vorgeburtlichen Seelenzustandes) in keiner Weise gegründet. Bei Prekop (Technokratisierung der Welt) und Tinbergen und Tinbergen (Autismogene Faktoren) wird dies zwar durch ihren reichhaltigen Erfahrungsschatz ausgeglichen, andererseits nennen sie so viele Faktoren, die zu Autismus führen können, dass viel mehr Menschen autistisch sein müssten, wenn man diese Bedingungen als allein verantwortlich betrachtet.

Ein kleiner Ausschnitt der Aufzählung der autismogenen Faktoren beispielsweise reicht von diversen prä-, peri- und postnatalen Bedingungen über traumatische Erlebnisse und häufigen Besuchsfahrten zu Verwandten bis zu einem Lebensstil der Eltern, der durch Ehrgeiz geprägt ist. Allgemein ist also festzustellen, dass negative Bedingungen im Umfeld des Kindes nicht als alleinige Ursache des Autismus angesehen werden können, seine Ausprägung könnte durch sie aber verschlimmert werden. Schließlich sind schwierige soziale, emotionale oder ähnliche Umstände für kein Kind günstig.

Etwas genauer möchte ich an dieser Stelle auf das Vorurteil eingehen, die Eltern seien Schuld an der Behinderung ihres Kindes. Hauptvertreter dieser These ist Bettelheim. Er ist der Überzeugung, ,,dass alle psychotischen Kinder an der Erfahrung leiden, dass sie extremen Lebensbedingungen ausgesetzt gewesen sind, und dass die Schwere ihrer Störungen direkt damit zusammenhängt, wie lange sie gedauert und wie stark sie sich auf das Kind ausgewirkt haben" (Bettelheim 1977, zit. bei Dzikowski 1996, 111).

Solche traumatischen Lebensbedingungen können z.B. ein zuviel oder zuwenig an Stimulierung sein oder die fehlende Erfüllung der Bedürfnisse des Säuglings durch die Mutter. Bettelheim distanziert sich wohl eigentlich von der Schuldzuweisung an die Mutter13 dennoch wurde er häufig so verstanden, dass die Mutter den Autismus verursacht habe. Auch heute noch bestehen Vorurteile, dass Mütter von autistischen Kindern von ihrem Charakter her kalt und hart seien und das Baby ablehnten oder aber ihr Kind überbehüteten und verwöhnten. Über die Väter wird gesagt, dass sie extrem intellektuell, streng und humorlos seien. Wissenschaftlich sind derartige Vorwürfe nicht haltbar und gerade Therapeuten und Pädagogen sollten den Eltern nicht mit derartigen Vorurteilen begegnen.

Im Gegensatz zu den genetischen Theorien steht bei den psychologischen und psychoanalytischen Verursachungstheorien die Ableitung von Fördermöglichkeiten im Vordergrund, zumal die meisten der hierunter gefassten Theorien aus der praktischen Arbeit mit autistischen Menschen heraus entstanden sind. Dzikowski äußert darüber hinaus die Vermutung, dass Tomatis (Kommunikationsunwille) aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus nach einer weiteren Personengruppe sucht, auf die sich seine (kostspieligen) Therapievorschläge anwenden lassen (Dzikowski 1996, 103). Diese Frage sollte man sich sicherlich auch bei anderen Ursachentheorien stellen, die direkt auf eine ,,Zaubertherapie" hinauslaufen.

4.4 Informations - und/oder Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen

Bei allen kontroversen Meinungen zu den Primärursachen des Autismus herrscht eine fast völlige Übereinstimmung, dass es sich um eine Besonderheit der Wahrnehmungsverarbeitung handelt. Welcher Art diese Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen sind werde ich in Abschnitt 5 beschreiben. An dieser Stelle möchte ich nur darauf hinweisen, dass nicht die Wahrnehmung gestört ist, d.h., dass der autistische Mensch schlecht sieht, hört o.ä., sondern dass er die wahrgenommen Eindrücke anders bewertet und verarbeitet, als man erwartet. Besonders interessant ist auf diesem Gebiet die Theorie von Frith (Autismus als angeborenes kognitives Defizit), die in Abschnitt 5 unter dem Stichpunkt ,,Theory of mind" näher behandelt wird.

Die Ursache der Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen hingegen ist strittig, die Thesen umfassen die schon besprochenen Verursachungstheorien wie (bio-) chemische oder genetische Faktoren, aber auch Störungen in der Beziehungs- und Bindungsfähigkeit14 und die nachfolgend erläuterten hirnorganischen Theorien. Auch andere Krankheiten werden als mögliche Ursachen vermutet. Analog zu den psychologischen und psychoanalytischen Verursachungstheorien, wurden auch diese hauptsächlich von Praktikern und Praktikerinnen entworfen und ziehen ausführliche Therapievorschläge nach sich.

4.5 Hirnorganische Verursachungstheorien

Auch die Annahme, dass durch äußere Einwirkungen vor oder während der Geburt organische Veränderungen im Gehirn stattfanden, ist verbreitet. Für eine hirnorganische Ursache spricht, dass Autismus häufig in Verbindung mit einer geistigen Retardierung auftritt15 und die Häufigkeit epileptischer Anfälle größer ist, als im Rahmen der Normalverteilung anzunehmen wäre. Bis heute konnte aber der Ort der Schädigung, der zumeist von der Art der Auffälligkeit abgeleitet wird, nicht eindeutig festgelegt werden. So unterteilt Dzikowski (1996) die Einzeltheorien dieser Gruppe nach der Stelle der vermuteten Schädigung ein.

Es entstehen die Gruppe der Störungen des Gehirns im allgemeinen, zu der auch die Auffassung Delacatos (Hirnverletzung) gehört, die ich in Abschnitt 5 kurz aufgreifen werde sowie die Gruppen Störungen des Großhirns, des Mittelhirns und der subkortikalen Hirnteile. Fast alle dieser Theorien sind eher spekulativ, Beweise fehlen oder stützen sich auf Einzelfälle. Für die Störungen des Großhirns gibt es sowohl Beweis wie auch Gegenbeweis. Hier zeigt sich deutlich, dass die unterschiedlichen Ursachen in Einzelfällen zutreffen, aber nicht verallgemeinerbar sind. Man könnte auch annehmen, dass es sich nicht um eine selbstständige Ursache handelt, sondern um eine hirnorganische Disposition, die weitere auslösende Faktoren benötigt, um Autismus auszulösen (Dzikowski 1996, 206).

5 Verursachungstheorien im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen

Ein möglicher auslösender Faktor kann eine Erkrankung sein, die normalerweise völlig unabhängig von autistischen Verhaltensweisen auftritt. In den letzten 30 Jahren wurde immer wieder von autistischen Kindern berichtet, die zusätzlich Symptome einer anderen Erkrankung, Entwicklungsstörung oder eines Syndroms zeigten. Dazu gehören Folgen der Pockenschutzimpfung, der Zytomegalievirus, die Tuberöse Sklerose, die Röteln- Embryopathie und diverse andere Erkrankungen.16

Zwar handelt es sich jeweils um kleine Gruppen, für die dies zutrifft, nichtsdestotrotz ist das gemeinsame Auftreten einer dieser Krankheiten und des Autismus auffällig häufig, so dass ein Zusammenhang anzunehmen ist. Ähnlich einigen anderen Ursachengruppen kann man auch hier bis jetzt keine eindeutige Aussage darüber treffen, ob der Autismus das Auftreten der Krankheit begünstigt oder ob die Krankheit als Mitverursacher für den Autismus zu sehen ist. Auszuschließen ist auf jeden Fall, dass eine der genannten Erkrankungen alleinige Ursache sein kann, wohl aber können bestimmte Krankheiten als auslösender Faktor betrachtet werden.

6 Wahrnehmungsverarbeitung, Handlungsstörungen, Sozialverhalten

In diesem Abschnitt möchte ich auf solche Phänomene eingehen, die meiner Meinung nach gleichze itig als Ursachen und Symptome des Autismus zu bezeichnen sind. Auf jeden Fall helfen sie, ,,die Welt des frühkindlichen Autismus"17 und damit die Verhaltensweisen autistischer Menschen zu verstehen. In den aktuellen Veröffentlichungen sind die Autoren sich einig, dass autistische Verhaltensweisen auf Besonderheiten bei der Wahrnehmungsverarbeitung, im Bereich der Handlungsplanung und in den Voraussetzungen für ein gelungenes Sozialverhalten zurückzuführen sind.

6.1 Wahrnehmungsverarbeitung

,,Eine Reihe an Verhaltensauffälligkeiten deuten darauf hin, daß autistische Kinder Probleme bei der Verarbeitung von Sinnesreizen haben bzw. daß ihre Wahrnehmungsfähigkeit anders entwickelt ist, als bei normalen Kindern (Ornitz 1974)." (zit. nach Klicpera/Innerhofer 1999, 47) Dabei liegt die Betonung, wie bereits in Abschnitt 4.4 erwähnt, auf der Verarbeitung des Wahrgenommenen, nicht in der mangelnden Aufnahmefähigkeit aufgrund organischer Schwierigkeiten. Menschen mit Autismus leiden18 häufig unter einer Unter- und/oder Übersensibilität im akustischen, visuellen, taktilen und gustatorischen Bereich. Dabei ist selbstverständlich nicht bei jedem Autisten jeder Bereich betroffen und während bei einigen die Über- oder Untersensibilität stärker zu beobachten ist, findet man bei einigen beide Phänomene gleichzeitig.

Delacato spricht zwar von drei Gruppen autistischer Menschen, solche mit einer übersensiblen, solche mit einer untersensiblen Wahrnehmung und solche, die unter einem ,,weißen Geräusch" leiden. In den Zitaten autistischer Menschen lässt sich aber erkennen, dass sie sich nicht ausschließlich einer Gruppe zuordnen würden, z.B.: ,,Das fängt damit an, daß ich manchmal in bestimmten Körperregionen fast nichts spüre. [...] Dann aber wieder bin ich außerordentlich empfindlich und habe das Gefühl, daß jede Berührung elektrische Impulse in Gang setzt." (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 16). Wie sich diese Verarbeitungsprobleme auswirken möchte ich nun für die einzelnen Sinnesbereiche anhand von Beispielen darstellen.

Im Bereich der Akustik führt eine Untersensibilität oft dazu, dass autistische Kinder zunächst für taub gehalten werden. Im Gegensatz zu Gleichaltrigen erschrecken sie sich z.B. nicht bei plötzlichen lauten Geräuschen und reagieren nicht auf direkte Ansprache. Andererseits zeigen sie eine extreme Sensibilität für bestimmte Geräusche (z.B. Staubsauger)19 und halten sich die Ohren zu, wenn sie sich durch Geräusche, die dem Nicht-Autisten nicht ungewöhnlich erscheinen, gestört fühlen. Delacato spricht ferner, wie oben erwähnt, von einem ,,weißen Geräusch" (Dzikowski 1996, 155)

Damit meint er, dass, ähnlich wie beim Tinnitus, Geräusche gehört werden, die nicht vorhanden sind.20 Diese Erscheinung ist auch in den anderen Sinnesbereichen zu finden. Im visuellen Bereich kommt es dazu, dass Reize scheinbar ignoriert werden und der autistische Mensch gegen Hindernisse läuft. Das kann auch damit zusammenhängen, dass Abstände nicht eingeschätzt werden können.21 Eine erhöhte Sensibilität im visuellen Bereich führt dazu, dass kleinste Veränderungen bemerkt werden. Dies erzeugt eine Flut von Reizen.22

Auch Änderungen in der Beleuchtung werden häufig als furchtauslösend beobachtet. Eine weitere Besonderheit ist das ,,visuelle Explorieren von Gegenständen mit dem peripheren Gesichtsfeld" (Klicpera/Innerhofer 1999, 48). Damit ist gemeint, dass der Gegenstand seitlich an den Augen vorbei geführt wird ohne fixiert zu werden und doch, praktisch ,,nebenbei", gemustert und gespeichert wird. Im taktilen Bereich ist vor allem die Freude an taktiler Stimulation (vermutlich aufgrund einer Untersensibilität) auffällig.

Das kann z.B. durch Kratzen an Mauern oder Lack, durch Drehen von Fäden oder auch durch selbstverletzendes Verhalten geschehen.23 Andererseits führt eine erhöhte Sensibilität dazu, dass z.B. manche Stoffe auf der Haut nicht vertragen werden und neue Kleidung somit abgelehnt wird. Teilweise besteht eine Unterempfindlichkeit beim Schmerzempfinden, die durchaus gefährlich sein kann, weil so eine wichtige Schutzfunktion ausfällt. Auch im Bereich des Geschmackssinns treten Besonderheiten auf. Die Kriterien für eine Vorliebe bei der Auswahl von Essen richten sich nicht nach den Geschmacksnerven sondern beispielsweise nach Assoziationen mit Lieblingsgegenständen oder danach dass eine Hyposensibilität im Mundraum ausgeglichen werden kann.24

Außerdem werden nicht genießbare Gegenstände gegessen, was wiederum eine erhöhte Gefahr bedeutet. Hinzuzufügen sei auch, dass der Geruchssinn eine enorme Rolle im Erkunden der Umwelt spielt. Auch hier wird eine Hypersensibilität beobachtet.

Hermelin und O'Connor haben in den sechziger Jahren festgestellt, dass die Reize, die über die Nahsinne aufgenommen werden, denen, die über die Fernsinne aufgenommen werden, im allgemeinen vorgezogen werden. Außerdem können Informationen aus verschiedenen Sinnesgebieten nur schwer in Einklang gebracht werden (Klicpera/Innerhofer 1999, 52). Diesen Ansatz führten Frith und Happé weiter aus und führten den Begriff der ,,mangelnde[n] Tendenz zu zentraler Kohärenz" ein (Klicpera/Innerhofer 1999, 53).

Sie beschreiben dies als ,,Dominieren der Tendenz zur Beachtung von Einzelmerkmalen bei gleichzeitig geringem Einfügen dieser Information in eine Gesamtauffassung des Wahrgenommenen" (ebd., 53). Ein Beispiel aus der Geometrie wäre es, dass ein Würfel eher als sechs Quadrate wahrgenommen wird, als in seiner Einheit. Somit können Zusammenhänge nicht erkannt werden und die Bewertung der Wichtigkeit einer Information ist erschwert (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 19).

Dies gilt aber nicht nur für die Ausbildung von einzelnen Begriffen, sondern in einem größeren Rahmen. So schreiben Klicpera und Innerhofer: ,,Die Welt des Autisten - so müssen wir sie uns wohl vorstellen - ist eine Welt von Einzelereignissen, von Einzelobjekten, und sie ist viel weniger eine Welt der Zusammenhänge, eine Welt, in der Teile zu Ganzheiten und Gestalten verbunden sind." (Klicpera/Innerhofer 1999, 46). Ein weiteres Phänomen, das bei autistischen Kindern auftritt,25 ist das der ,,Overselectivity".26

Damit ist ,,die Neigung, bei der Begriffsbildung nicht den gesamten Inhalt zu abstrahieren, sondern ihn auf ein oder wenige ausgewählte Merkmale festzulegen" (Klicpera/Innerhofer 1999, 48) gemeint. Das bedeutet, dass von den Informationen, die ein Begriff beinhaltet und die wahrgenommen werden können, nur wenige ausgewählt und verarbeitet werden, andere Reize werden ausgeblendet. Klicpera und Innerhofer nennen das Beispiel, dass ein Kind, das an einem roten Ball den Begriff ,,Ball" kennen gelernt hat, nur rote Bälle als Bälle betrachtet. Ein blauer Ball würde nicht als Ball erkannt werden, auch wenn er in allen anderen Merkmalen mit dem roten Ball übereinstimmt.

Interessanterweise nimmt die Tendenz zur erhöhten Selektivität bei komplexeren Reizen zu, d.h. wenn ein Reiz eine große Anforderung an die Wahrnehmungsverarbeitung stellt und damit eine Überforderung bewirken könnte, werden nur noch sehr wenige Merkmale beachtet. Es handelt sich also wahrscheinlich um eine Form der Kompensation, die übrigens auch aufgegeben werden kann, wenn entsprechende Aufgaben es erforderlich machen. Schließlich wird eine mangelnde Flexibilität der Aufmerksamkeit beobachtet.

Autistischen Menschen fällt es häufig schwer, ihre Aufmerksamkeit von einer Sinnesmodalität in eine andere zu verlegen, also z.B. vom Sehen zum Hören. Die gleiche Schwierigkeit besteht beim Wechsel innerhalb eines Sinnes zwischen verschiedenen Merkmalen wie Form und Farbe. Statt eines schnellen Wechsels brauchen autistische Menschen daher sehr lange Zeit für die Aufnahme einer Information.27

Zusammenfassend möchte ich betonen, dass es sich bei den Besonderheiten in der Wahrnehmungsverarbeitung um einen zentralen Punkt der autistischen Störung handelt, die viele auffällige Verhaltensweisen erklären können. Die wichtigsten Merkmale sind das Ausblenden und Nichtverarbeiten einzelner Reize, die Tendenz bestimmte Reize als Störung wahrzunehmen (z.B. weil sie nicht in Beziehung zu anderen Reizen gesetzt werden können) und die Tendenz, andere Reize überakzentuiert wahrzunehmen (Klicpera/Innerhofer 1999, 50).

6.2 Störungen des planvollen Handelns

Die Entwicklung planvollen Handelns bzw. die Ausbildung exekutiver Funktionen ist ein weiterer Schwerpunkt bei der Erklärung autistischer Symptome. Bei der Suche nach beeinträchtigten Prozessen zwischen Wahrnehmung und Handlungsausführung fand man Ähnlichkeiten mit Schwierigkeiten von Patienten mit einer Schädigung des Frontalhirns. Bei einer solchen Schädigung sind die exekutiven Funktionen betroffen. Diese ,,beinhalten die Fähigkeit, eine angemessene Problemlösungsstrategie für das Erreichen eines künftigen Ziels durchzuhalten und dabei naheliegende Lösungen bzw. Reaktionen zu hemmen oder aufzuschieben, eine planvolle Abfolge von Handlungsschritten zu initiieren und sich eine Vorstellung von der Aufgabe und dem zu erreichenden Ziel zu bilden und diese Vorstellung im Gedächtnis festzuhalten" (Pennington und Ozonoff 1996, zit. bei Klicpera/Innerofer 1999, 55).

Autistische Kinder halten oft an Lösungen fest, die einmal richtig waren und können ihr Verhalten nur in einem langwierigen Prozess umstellen. Ein einfaches Experiment dazu wäre das Erraten unter welcher von zwei Tassen sich ein Gegenstand befindet. Ein autistischer Mensch wird sich im allgemeinen immer wieder für die Tasse entscheiden, die beim ersten Mal die richtige war.

Die Handlungsplanung wird u.a. dadurch erschwert, dass die Planung, die zur Zielrealisierung notwendig ist, stets in umgekehrter Reihenfolge vorzunehmen ist. Möchte ich ins Kino gehen, fange ich nicht mit der Überlegung an ,,,,Wie komme ich zum Bus?", sondern: ,,In welchem Kino wird der gewünschte Film gespielt, wann sind die Spielzeiten, welche Linie fährt da vorbei?..."" (Klicpera/Innerhofer 1999, 58). Das bedeutet, dass jeder Handlungsschritt nur sinnvoll geplant werden kann, wenn man sich das Gesamtkonzept im Kopf aufrufen kann. Damit haben Autisten aber gerade Schwierigkeiten, denn wie bereits in 5.1 beschrieben, fällt das Einbinden von Informationen in Gesamtzusammenhänge schwer. Ein weiteres Problem bei der Handlungsplanung ist das Einbinden der Ereignisse und Handlungen in ein Zeitschema. Auch damit haben autistische Menschen besondere Probleme (Klicpera/Innerhofer 1999, 58).

In dem Heft des Vereins zur Förderung von autistisch Behinderten ,,Autistische Menschen verstehen lernen II" werden Handlungsstörungen ebenfalls als bedeutender Faktor des Autismus beschrieben. Hier wird vor allem die Umsetzung vom Denken zum Handeln als Problem geschildert. Absichten können nicht einfach in die Tat umgesetzt werden, die Willkürmotorik ist beeinträchtigt. In der Neurologie wird das als Apraxie bezeichnet und tritt nicht nur bei Menschen mit Autismus auf (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 28ff). Dies äußert sich z.B. darin, dass Menschen mitten in einer Alltagshandlung erstarren28 und dann kleinschrittige Handlungsanweisungen oder Berührungen benötigen, um die Handlung weiter zu führen.29

6.3 Sozialverhalten/Theory of mind

Diverse Diagnosekriterien für den Autismus stammen aus dem Bereich des Sozialverhaltens, insbesondere des Beziehungsaufbaus. Autistische Menschen gelten u.a. als gefühlskalt und uninteressiert an mitmenschlichen Beziehungen. Betroffene weisen dies von sich, wissen aber gleichzeitig, dass sie auf Außenstehende so wirken (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 31). Auf welche Art und Weise sich die sozialen Fähigkeiten autistischer Menschen von denen anderer Menschen unterscheiden, dazu gibt es viele Untersuchungen. Viele von ihnen beziehen sich verständlicherweise auch auf Auffälligkeiten in der Kommunikation, die wichtiger Bestandteil und wichtige Voraussetzung einer zwischenmenschlichen Beziehung ist. Ein Beispiel ist das erschwerte Erkennen von Gesichtern und Emotionen (Klicpera/Innerhofer 1999, 112ff). In dieser Arbeit möchte ich jedoch im Zusammenhang mit dem Sozialverhalten hauptsächlich die ,,Theory of mind" behandeln. Dabei handelt es sich um eine Erklärung, die dem Autismus eine kognitive Störung zugrunde legt.30

Die ,,Theory of mind" stammt von Premack und Woodruff (1978) (Klicpera/Innerhofer 1999, 122) und beschreibt die Fähigkeit, anderen Menschen einen inneren Zustand zuschreiben zu können, d.h., dass man einsieht, dass eine andere Person einen anderen Wissensstand, andere Intentionen und eine andere Sichtweise der Umgebung hat, als man selbst. Man muss die inneren Empfindungen des anderen kennen oder wenigstens erahnen, um mit ihm zu kommunizieren und so eine Beziehung zu ihm aufzubauen.

Folgendes Experiment wurde mit Gruppen von autistischen, geistig behinderten und jüngeren ,,normalen" Kindern, sowie Kindern mit einer Sprachbehinderung, einer emotionalen Störung oder Taubheit durchgeführt und zeigt anschaulich die Bedeutung der ,,Theory of mind".

Den Kindern wurde folgende Szene vorgespielt: ,,Eine Puppe (Sally) hat einen Korb mit einer Murmel vor sich, eine andere Puppe (Anne) einen leere verschlossene Schachtel. Während Sally aus dem Zimmer geht, versteckt Anne die Murmel in ihrer Schachtel. Dann kommt Sally zurück und den Kindern wird die Frage gestellt, wo Sally ihre Murmel suchen wird." (Klicpera/Innerhofer 1999, 122) Im Gegensatz zu allen anderen Gruppen, die die Frage richtig mit ,,In dem Korb" beantworteten, sagten fast alle autistischen Kinder, dass Sally die Murmel in der Schachtel suchen würde. Alle Kinder wussten aber genau, wo die Murmel ursprünglich war und wo sie hingelegt wurde. Autistische Kinder können sich also nicht vorstellen, dass jemand nicht das weiß, was sie selbst wissen.

Beim Vergleich der Gruppen fällt außerdem auf, dass es sich hierbei vermutlich um ein autismusspezifisches Problem handelt. Zu unterscheiden ist bei entsprechenden Tests zwischen Annahmen erster (X glaubt, dass...), zweiter (X glaubt, dass Y glaubt, dass...) und höherer Ordnung. Das erste Stadium (dass auch dem oben beschriebenen Experiment entspricht) wird von einigen autistischen Kindern erreicht, dass zweite kaum noch.31 Zusammenfassend kann man also sagen: ,,Es bereitet autistischen Kindern also besondere Mühe zu verstehen, daß Menschen aufgrund ihrer Erfahrungen ein spezielles Wissen erwerben, das zur Grundlage ihres Verhaltens wird." (Klicpera/Innerhofer 1999, 124)

Von jemandem, der keine ,,Theory of mind" hat, könnte man aber erwarten, dass ,,die soziae Welt chaotisch, verwirrend und sogar angsterregend erscheinen müßte" (Baron-Cohen 1993, 10). Dieses Gefühl vermitteln einem aber gerade Menschen mit Autismus. Trotzdem ist damit nicht bewiesen, ob ,,das Theory-of-mind-Defizit autistischer Kinder Ursache oder Folge ihrer Probleme in der sozialen Interaktion ist" (Klicpera/Innerhofer 1999, 129).

7 Multikausalität und Wechselwirkungen

In den bisherigen Ausführungen wurden zahlreiche Verursachungstheorien aufgezeigt. Viele der Theorien sind überzeugend, allerdings sind nur wenige beweisbar. Ebenso gilt, dass keine der bis heute vermuteten Ursachen auf alle autistischen Menschen zutrifft,32 bei Vorliegen von Autismus kann man also nicht ohne weitere Untersuchungen auf die Ursache schließen. Auch der Umkehrschluss, d.h. dass bei Auftreten einer möglichen Ursache (beispielsweise fragiles X-Syndrom) Autismus entstehen muss ist unzulässig. Dzikowski bezeichnet den Autismus daher in Übereinstimmung mit Kehrer und Weber als polyätiologisches Syndrom (Dzikowski 1996, 207), d.h. dass viele verschiedene Ursachen Autismus auslösen können aber nicht müssen.

Bei jedem Individuum muss also eine genaue Abklärung der Ursachen erfolgen. Allerdings wird das nicht immer restlos möglich sein, was nicht zuletzt an den Wechselwirkungen liegt, die zwischen diversen Faktoren, die als Ursache in Frage kommen herrschen. Darauf möchte ich gleich eingehen. Zuvor möchte ich den Hinweis aufnehmen, dass die These der Multikausalität dadurch unterstützt wird, dass sie die Variationsbreite des Erscheinungsbildes erklären könnte (Janetzke 1997, 37).

Im Verlauf der Arbeit habe ich bereits mehrfach auf mögliche Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Ursachen hingewiesen. Zum einen existieren die Zusammenhänge, die ich in Abschnitt 3 unter dem Aspekt der prädisponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren diskutiert habe.

Hierbei handelt es sich vielleicht weniger um Wechselwirkungen als um ein additives Geschehen, ein Aufeinanderaufbauen von ungünstigen Bedingungen. Zum anderen können sich solche Bedingungen gegenseitig beeinflussen.

Dies führt dazu, dass oft schwer zu klären ist, was die primäre Ursache ist. So beschreibt Janetzke beispielsweise die Wechselwirkung zwischen Wahrnehmungsverarbeitungs- und Beziehungsstörung (Janetzke 1997, 6f). In seinem Modell führt eine Störung der Wahrnehmungsverarbeitung zur Belastung der sozialen Beziehungen.

Soziale Beziehungen sind ihrerseits jedoch notwendig für Entwicklungsfortschritte, z.B. als Antrieb zum Erlernen von Sprache und im Sinne des Imitationslernens. Finden diese Entwicklungsfortschritte nicht oder nur eingeschränkt statt, so ist wiederum der Austausch mit der Umwelt eingeschränkt.

Dies fördert seinerseits die Störung der Wahrnehmungsverarbeitung. Somit ist ein Teufelskreis geschaffen. Zusätzlich weist Janetzke darauf hin, dass der durch die Belastung der sozialen Beziehungen entstehende Beziehungsstress angstmildernde Zwangshandlungen begünstigen und biochemische Vorgänge ungünstig beeinflussen kann.

Allgemein kann man feststellen, dass Wechselwirkungen zwischen neuronalen, biochemischen und psychischen Vorgängen bestehen, die sich wiederum auf die Beziehungsdynamik auswirken können (Janetzke 1997, 50).

Der Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Verursachungstheorien wird im Konzept der Faktorentheorie nochmals deutlich: ,,Die Fülle der unterschiedlichen Theorien lässt zum augenblicklichen Zeitpunkt den Schluss zu, daß es keine gemeinsame - alle Kinder gleicher Maßen betreffende - Ursache für diese massive Entwicklungsstörung gibt." (Dzikowski 1996, 207) In Abbildung 1 wird dargestellt, welche Ursachen gemeinsam wirken können und welche Folgen sich daraus ergeben.

Die Bedeutung der Begriffe im oberen Teil der Grafik wurden in Abschnitt 3 und 4 geklärt. Ferner wurde dort bereits besprochen, dass eine ungünstige soziale bzw. familiäre Situation den Autismus ungünstig beeinflussen kann. Noch nicht erwähnt wurde der Nachteil später Erkennung und Behandlung.

Hierbei handelt es sich natürlich nicht um eine Ursache des Autismus aber um einen wichtigen Faktor, der - ebenso wie gute oder schlechte Therapien - die Auswirkungen beeinflussen kann.33

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

Das faktorentheoretische Modell (Dzikowski 1996, 208, in Anlehnung an Kehrer)

Auf die verschiedenen ,,Autismustypen" (Dzikowski 1996, 210), die im Faktorenmodell zu sehen sind, möchte ich nicht näher eingehen. Für das Verständnis ist es aber wichtig zu wissen, dass sie nicht als differentialdiagnostisch klar abgrenzbare Gruppen zu verstehen sind, sondern als hilfreiche Einteilung für die Praxis, die allerdings keine Umkehrschlüsse erlaubt (z.B. muss ein Kind mit Kommunikationsstörungen nicht aus einer gestörten Familiensituation stammen. Meiner Meinung nach ist dieses Modell, wie es sich in der Abbildung 1 darstellt eine Hilfe für das multikausale Ursachengeschehen des Autismus, wie es in der Literatur dargestellt wird. Allerdings kommt die mögliche Wechselwirkung zwischen einzelnen Faktoren nicht deutlich heraus (z.B. durch Doppelpfeile).

8 Zusammenfassung

Bei der Zusammenfassung möchte ich mich zunächst an die Schlussfolgerungen nach Dzikowski (1996, 211f) halten. Es existieren eine Vielzahl plausibler Verursachungstheorien, von denen keine einen Anspruch auf alleinige Gültigkeit erheben kann. Einig ist man sich nur über die große Bedeutung der Wahrnehmungs verarbeitungsstörungen, bei denen es sich jedoch nicht um eine Primärursache handelt.

Ansonsten gibt es keine für alle autistischen Menschen gemeinsame Ursache. An der individuellen Ausprägung des Autismus sind jeweils verschiedene Ursachen beteiligt, die gemeinsam wirken und sich gegenseitig bedingen. Für jedes Individuum muss das Zusammenspiel dieser Faktoren überprüft werden. Über die Tatsache, dass es sich um eine polyätiologische Störung handelt, sollte man als Betroffener, Angehöriger, Therapeut oder Pädagoge aufgeklärt sein, um mit Veröffentlichungen, die einen einzigen Faktor in den Vordergrund stellen, sehr kritisch umzugehen.

Die Kenntnisse, die ich auch im Referat zu vermitteln versucht habe, sollen außerdem das Vorurteil abbauen, das Verhalten der Mutter oder des Vaters würde Autismus verursachen. Die Situation in der Familie kann den Ausprägungsgrad des Autismus zwar beeinflussen, aber nicht primär die Störung auslösen.

Leider führt die Betrachtung der Ursachen zu der Erkenntnis, dass die Behandlung der primären Ursachen abgesehen von Ausnahmefällen nicht möglich ist. Hingegen existieren zahlreiche therapeutische Konzepte zur Behandlung der Informations- und Wahrnehmungsstörungen, die ja im Mittelpunkt des Autismus stehen. Auch die Möglichkeiten der Prävention sind gering, erwähnt sei jedoch die genetische Beratung.

Bei einer Arbeit dieser Art kann ich meine eigene Meinung nur schwer einbringen, dazu müsste man weitreichende medizinische und psychologische Kenntnisse haben. Der multifaktorielle Erklärungsansatz erscheint einsichtig und ist sicherlich wichtig für die Ableitung von Therapiekonzepten, die sich sicherlich entsprechend in verschiedenen Bereichen bewegen sollten.

Besonders wichtig erscheint mir die Forschung im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitungs- und Handlungsstörungen, da dort die Therapie am besten ansetzen kann. Natürlich sollten auch die Primärursachen weiterhin beachtet werden, denn eine ursächliche Behandlung wäre wohl am hilfreichsten. Außerdem erachte ich eine Öffentlichkeitsarbeit, die sich auf den aktuellen Forschungsstand bezieht und Vorurteile hinsichtlich der Ursachen abbaut, für wichtig.

Zum Abschluss möchte ich einen Autisten zu Wort kommen lassen, dessen Erklärung die Wissenschaft ermutigen sollte, im Bereich der Handlungsstörungen und Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen weiter zu forschen.

,,Was ist die Ursache für Autismus?

- Ich glaube alles kommt vom Schaden im seelensagenden ahnensuchenden versuchenden Gehirn beim Schalten von Gedanken zu Bewegung,

- ich verstehe Autismus als Behinderung des Vorwärtsdenkensagenschaffens

- ich oberschaffender Mensch sehe den Autismus vorsichtig obersuchend als wahrbeschattendes schonsuchendes sehsuchendes körpersehendes wahrhörsuchendes handelnsuchendes wollensuchendes Wändeschaffen vermeidendes Sehen an"Lutz Bayer (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten 1996, 6).

9 Literatur

Baron-Cohen, S.: Die ,,theory of mind" - Hypothese beim Autismus: Geschichte und Zukunft der Idee. Aus: Bundesverband Hilfe für das autistische Kind: Autismus im Europa von morgen. 4. Europäischer Kongress. Hamburg 1993

Dzikowski, S.: Ursachen des Autismus. Weinheim: Dt. Studienverlag, 1996

Janetzke, Hartmut R. P.: Stichwort Autismus. München: Wilhelm Heyne Verlag, 1997

Kehrer, H. E.: Geistige Behinderung und Autismus. Stuttgart: Trias-Thieme Hippokrates Enke, 1995

Klicpera, Ch.; Innerhofer, P.: Die Welt des frühkindlichen Autismus. München; Basel: E. Rheinhardt, 1999

Kusch, M.; Petermann, F.: Entwicklung autistischer Störungen. Bern: Hans Huber Verlag, 1991

Mildenberger, K.: Ursachen für die Entstehung von Autismus. In: Schor, B.J.; Schweiggert, A.: Autismus ein häufig verkanntes Problem. Donauwörth: Auer, 1999

Sautter, H.: Fernuniversität Hagen, Studienbrief 4578 (1988)

Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V.: Autistische Menschen verstehen lernen II mit Beiträgen von Betroffenen. Stuttgart 1996

Wing, L.: Das autistische Kind. Ravensburg: Otto Maier 1973

http://www.m-ww.de/krankheiten/psychische-krankheiten/autismus.html (geprüft am 25.4.2001)

Anhang

Übersicht über die Einteilung der Ursachen bei Dzikowski (1996)

a) Chemische und biochemische Verursachungstheorien

- Phenylketonurie (FRIEDMAN; HUMPHREYS)
- Hirnstoffwechselstörungen (Hypoglykämie, Hyperglykämie, zerebraler Fettstoffwechsel, Störung des Neuropeptidstoffwechsels, regionale Hirndurchblutung, zerebraler Sauerstoffwechsel) (BÖNISCH; RUMSEY et al.; DARBY)
- Störung des Endorphin-Haushaltes (PANKSEPP)
- Neurotransmitterstoffwechselstörungen (erhöhter Noradrenalinspiegel, erniedrigte/erhöhte Dopamin-_-Hydroxylase-Aktivität) (LAKE et al.)
- Erhöhung des Serotoninspiegels (RITVO et al.)
- Veränderung des Purinstoffwechsels (COLEMAN; SEEGMILLER)
- Allergien des Nervensystems durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten (RIMLAND)
- Störungen der Autoimmunabwehr Bildung von Antikörpern gegen das eigene Hirngewebe) (WARREN; TODD)
- Fehlreaktionen des mütterlichen Immunsystems (Histokompatibilitätsantigene) (GUALTIERI & HICKS; STUBBS et al.; HUMPHREYS)

b) Genetische Verursachungstheorien

- Fragiles-X-Syndrom (VON GOTARD)
- Vererbte Charakterstörung (ASPERGER)
- Biogenetische Disposition (NISSEN)
- Chromosomenveränderungen (Verlängerung des Y-Chromosoms, Down-Syndrom, 44- XXX-Zelltyp, 47-XYY-Zelltyp, 47-XXY-Klinefelter-Syndrom, partial 6p trisomy, teilweise Trisomie -15) (JUDD & MANDELL)

c) Psychologische und psychoanalytische Verursachungstheorien

- Störung der Ich-Funktion (OPHIR)
- Fixierung in oraler Phase (SIEGEL)
- Verlängerung des vorgeburtlichen Seelenzustandes (BENENZON)
- Autismogene Faktoren (TINBERGEN & TINBERGEN)
- Technokratisierung der Welt (PREKOP)
- Kommunikationsunwille (TOMATIS)
- Autismus als kindliche Schizophrenie (O'GORMAN)
- Psychische Verletzung (TUSTIN)
- Traumatische Lebensbedingungen (BETTELHEIM)
- Fehlerhafte oder mangelnde Individuation (MAHLER)

d) Informations - und/oder Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen

- Angeborenes kognitives Defizit (FRITH)
- Theorie der logischen Formen (INNERHOFER & KLICPERA)
- Zwei-System-Theorie der Informationsverarbeitung (HARTMANN & ROHMANN)
- Insuffizienz der informellen Akkomodation (SIEVERS)
- Wahrnehmungsinkonstanz (ORNITZ)
- Wahrnehmungsverarbeitungsstörung im Sinne einer Störung des Informationstransfers (HERMELIN)
- Wahrnehmungsverarbeitungsstörung: Bevorzugung kinästhetischer Informationen (BAUM; DALFERTH)
- Hyposensibilität des Gleichgewichtsinns (FREEMAN et al.; DACHENEDER)
- Isolation durch Wahrnehmungsdysjunktion (FEUSER)

e) Hirnorganische Verursachungstheorien

- Störungen des Gehirns· Hirnverletzung (DELACATO)
- Frühkindlicher Hirnschaden (EICHHORN et al.)
- Polyätiologisches hirnorganisches Psychosyndrom (WEBER; KEHRER)
- Störungen des Großhirns
- Hemisphärendysfunktionen (HERMLE & OEPEN)
- Störungen des Mittelhirns
- Frontallappensyndrom (JANTZEN)
- Störung des fronto-limbischen Systems (KISCHKEL)
- Primäre Störung der Mittelhirnzentren (HUTT)
- Verletzung des limbischen Systems (DARBY)
- Funktionsstörung der Formatio retikularis (RIMLAND)
- Amygdala - und Hippokampusstörung (HARTMANN)
- Störungen der subkortikalen Hirnteile
- Störung der Hirnstamminformationsverarbeitung (ROSENBLUM et al.)
- Hypoplasie des Kleinhirns (COURCHESNE et al.)

f) Verursachungstheorien im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen

- Pockenschutzimpfung (EGGERS)
- Zytomegalievirus (STUBBS et al.)
- Tuberöse Sklerose (VEEH; HUMPHREYS)
- Röteln-Embryopathie (WEBER & SCHMIDT; CHESS)

Diverse Erkrankungen

- Histidinämie
- Hyperurikämie
- Morbus Pfaundler-Hurier
- Neurofibromatose
- Windpocken
- Toxoplasmose
- Syphilis
- Herpes Simplex Enzephalitis
- Gille -de-la-Tourette-Syndrom
- Zöliakie
- Muskeldystrophie
- Hypothyreose

[...]


[1] Gemeint ist hier in erster Linie der frühkindliche Autismus (nach Kanner). In der verwendeten Literatur wurde hinsichtlich der Ursachen aber keine durchgehende Trennung zwischen Autismus nach Kanner oder Asperger vorgenommen.

[2] Auf die Frage nach der Elternschuld gehe ich in Abschnitt 4.3 genauer ein.

[3] Dabei wird auf die Darstellung der Zuordnung von Einzeltheorien verzichtet.

[4] Dabei möchte ich deutlich machen, dass die genannten Autoren nur die jeweilige Einteilung vertreten, nicht die einzelnen Verursachungstheorien.

[5] Gemeint ist die Schuld der Eltern.

[6] Bei Dzikowski (1996) steht diese Theorie auf der gleichen Stufe mit den anderen Verursachungstheorien.

[7] Siehe auch Abschnitt 6: Multikausalität und Wechselwirkungen.

[8] Welche neurologischen Abweichungen hier in Frage kommen, wird in Abschnitt 4 besprochen.

[9] Insbesondere nennen Kusch und Petermann (1991) das Geburtsereignis und die entwicklungsbedingten psychischen Anforderungen des 8. bis 24. Lebensmonat (ebd., 43).

[10] Soweit mir ihre Arbeiten bekannt sind.

[11] Im Anhang befindet sich eine Übersicht darüber, welche Verursachungstheorien Dzikowski welcher Obergruppe zugeordnet hat. Außerdem ist dort vermerkt, von welchem Autor die Theorie jeweils stammt.

[12] Widersprüchlich sind die Angaben, in welche Richtung die Veränderung des

Serotoninspiegels geht. Während Dzikowski (1996) Studien erwähnt, die von einer Erhöhung ausgehen, spricht Janetzke (1997) von einem erniedrigten Serotoninspiegel.

[13] So meint er, dass die Mutter die Bedürfnisse des Kindes eventuell aufgrund dessen falscher Signalisation nicht erkennt.

[14] Diese könnte allerdings ebenso Folge der veränderten Wahrnehmung sein oder man müsste eine andere Ursache für sie suchen.

[15] Allerdings ist zu beachten, dass die Feststellung des Intelligenzpotentials autistischer Menschen äußerst schwierig ist und Studien mit der gebotenen Vorsicht interpretiert werden müssen. Nach einer Untersuchung von Ritvo et al. (1989) sieht die Verteilung der testmäßig erfassten Intelligenz folgendermaßen aus:
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
(Klicpera/Innerhofer 1999, 31)

[16] Siehe Anhang.

[17] So der Titel des Buches von Klicpera und Innerhofer (1999), auf deren Ausführungen ich mich in diesem Abschnitt haupsächlich beziehen werde.

[18] Dass sie wirklich (zumindest in den meisten Fällen) darunter leiden, lässt sich aus den Zitaten Betroffener, die in dem Heft ,,Autistische Menschen verstehen lernen II" vom Verein zur För derung von autistisch Behinderten e.V. zu Wort kommen, leicht erkennen. Im folgenden werde ich solche Zitate an geeigneten Stellen als Fußnoten einfügen.

[19],,Ich selbst habe gehört, als trüge ich ein Hörgerät, das auf die höchste Lautstärke eingestellt ist. Meine Ohren sind wie ein offenes Mikrofon, das alles aufnimmt, ein Effekt, der sich mit den Frequenzen der Töne verändert."Temple Grandin, 1992 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 15) ,,Zeigen der Ohrenbehinderung ist besser als nicht zeigen weil ich eine Behinderung habe so sehr daß ich wenig verstehen kann was andere reden oft klingt es wie Schreien oft wie Schmeissen von Scheren. Sehr behindert sind die Ohren von mir."Lutz Bayer, 1993 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 15)

[20],,Mir ist eingefallen, daß ich früher oft ein Sausen und Brausen im Ohr wahrgenommen habe. Das war ziemlich schlimm, und ich konnte mir nur Erleichterung verschaffen, indem ich mit dem Kopf auf einen Sessel aufschlug."Dietmar Zöller, 1992 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 15)

[21],,Hören und Sehen stehen nicht im Einklang miteinander. Das bedeutet, daß ich z.B. von einem Auto das Geräusch so verstärkt wahrnehme, als käme es geradewegs auf mich zu, während mir meine Augen das Auto weit entfernt zeigen."Dietmar Zöller, 1992 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 17)

[22],,Meine Augen lassen mich obergenau alles sehen. Gekonnte beinahe unselektierte Registratur aller gesehenen Einzelheiten, Benötige immer wieder Ruhe für meine überanstrengten Augen. Ich kenne so wenig über das geruhsame Schauen. Immer bekenne ich, daß ich aber alles Gesehene für immer in meinem Kopf habe."Lutz Bayer, 1995 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 13)

[23],,Ich habe es immer sehr geliebt, wenn man mich fest angepackt hat. Irgendwann habe ich dann gemerkt, daß ich mir solche angenehme Gefühle auch selbst verschaffen kann, indem ich mir z.B. auf die Nase haue."Dietmar Zöller, 1992 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 16)

[24],,Eigentlich aß ich vor allem Dinge, die ich gerne ansah, oder befühlte oder die angenehme Assoziationen in mir auslösten. Ich liebte "Durchsichtiges" buntes Glas, Götterspeise ähnelte dem ..."Donna Williams, 1992 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 17) ,,Scharfe Gewürze liebte ich sehr, nicht weil es gut schmeckt, sondern weil ich dann meinen Mund gut spüren kann."Dietmar Zöller, 1992 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 17)

[25] Diese Störung tritt nicht nur bei autistischen, sondern auch bei geistig behinderten Kindern auf.

[26] Diese Bezeichnung stammt von Lovaas (Klicpera/Innerhofer 1999, 48).

[27],,Ein autistischer Mensch kann erst etwas wahrnehmen, wenn es auf längere Zeit konstant oder ständig wiederholend einwirkt"Frank Schauer, 1995 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 13)

[28],,Autismus ist vor allem eine sehr schlimme Willensbehinderung beim Handeln ich weiß was ich tun will und ich kann es nicht handelnd verwirklichen so wie Gesunde ohne so schlimmen Autismus"Lutz Bayer, 1994 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 5) ,,Autismus ist eine Behinderung, die zur Folge hat, daß man das, was man denkt oder sich vorstellt, nicht oder nur mit Hilfe durchführen kann. Es ist eine Einschränkung im Handlungsbereich, sofern man infolge gezielter Förderung gelernt hat zu denken, was voraussetzt, daß man Reize, die auf einen einströmen, sortieren kann."Dietmar Zöller, 1992 (Verein zur Förderung von autistisch Behinderten e.V. 1996, 30)

[29] Darauf baut auch das Prinzip der gestützten Kommunikation auf.

[30] Nach Klicpera und Innerhofer (1999) sind drei Arten der Beziehung zwischen Affekt, Kognition und Ursache des Autismus möglich: 1. Die affektive Störung ist die primäre Ursache. 2. Die kognitive Störung ist die primäre Ursache. 3. Das kognitive und affektive System haben eine gemeinsame Wurzel. Sie ist die primäre Ursache der Störung (ebd., 137ff).

[31] Zum Vergleich: die erste Aufgabenstellung wird von Vierjährigen ohne Behinderung problemlos gelöst, die zweite von Sechsjährigen (Baron-Cohen 1993, 14).

[32] Hier meine ich nicht die Ursachen aus Abschnitt 4 (insbes. Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen) bei denen man wohl davon ausgehen kann, dass dort immer Besonderheiten vorliegen. Dabei handelt es sich aber nicht um Primärursachen.

[33],,Störungen der Wahrnehmungsverarbeitung und in den Bereichen Kommunikation und Beziehung sind Schwerpunkte der Frühförderung; ein Informationsdefizit des Wahrnehmungsapparates wird somit vermindert und die autistische Sekundärproblematik gemildert." (Dzikowski 1996, 210)

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Ursachen des Autismus
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V106562
ISBN (eBook)
9783640048410
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursachen, Autismus
Arbeit zitieren
Ilka Rieger (Autor:in), 2001, Ursachen des Autismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106562

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