Konzeptionelle Grundlagen und kritische Bewertung des Learning Region Ansatzes


Hausarbeit, 2002
14 Seiten

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I. Einleitung

In folgender Arbeit möchte ich mich näher mit dem Konzept der „Learning Region“ befassen. Der Begriff taucht zum ersten Mal etwa um die Mitte der 90er Jahre auf, dürfte aber von früheren Diskussionen und Konzepten beeinflusst worden sein. Er befasst sich vor allem mit der Frage, wie es zu regionalen Unterschieden kommt und warum einige Regionen besser als andere in der Lage sind, sich den jeweiligen veränderten Rahmenbedingungen schnell, effektiv und intelligent anzupassen und dabei ihre Lern- und Innovationspotentiale wirkungsvoll auszuschöpfen (Morgan 1997).

Zunächst möchte ich die theoretischen Grundlage schaffen, bevor ich im zweiten Abschnitt direkt darauf eingehe, wie dieser Ansatz in der Praxis im Rahmen des RTP-Projekts Anwendung findet. Im letzten Abschnitt, werde ich das Konzept kritisch hinterfragen und schließlich versuchen zu zeigen, warum es trotz vorhandener Mängel und Lücken geeignet ist, Innovationen und Entwicklungen in den Regionen zu fördern.

II. Das Konzept der Lernenden Region

Durch das Konzept der Lernenden Region gelingt der Brückenschlag zwischen zwei bisher voneinander getrennten Gebieten. Die Annäherung zwischen den Wissenschaftlern der Wirtschaftsgeographie und der Innovationslehre gelang nicht zuletzt dadurch, dass sich Erstgenannte zunehmend mit der Innovationsfähigkeit als Möglichkeit beschäftigen. Sie versuchen regionale Unterschiede und unregelmäßige Entwicklungen zu erklären, während Vertreter der Innovationslehre damit begannen, räumliche Überlegungen bezüglich technologischen Wandel anzustellen. Das Konzept leistet somit Hilfestellung, regionale Unterschiede besser zu verstehen und unterstützt die jeweiligen Entscheidungsträger, ihre regionale Entwicklungspolitik spezifischer auf die Feinheiten einer Region auszurichten. In Zeiten von Massenarbeitslosigkeit, ungleicher wirtschaftlicher Entwicklung und sozialer Polarisation sieht Hassink in diesem Konzept eine Chance, die Innovationskapazität der Regionen zu fördern und die ansässigen Betriebe an ihre jeweiligen Standorte zu binden. Das gelingt sobald man die Unternehmen dazu bringen kann, mit regionalen Partnern zusammenzuarbeiten, um gegenseitig Erfolge zu generieren.

In den letzten Jahren hat sich eine neue Denkweise durchgesetzt, die von den klassischen Dualismen ( z.B. Staat vs. Markt, Privat vs. Öffentlich, usw.) nicht mehr in dem Maße geprägt ist, wie es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Durch die alten Paradigmen wurden den Organisationen eine Menge Möglichkeiten geraubt, wirtschaftliche Entwicklung und Innovationstätigkeit richtig anzutreiben. Der Begriff der „Innovation“ hat in den letzten Jahrzehnten vielmehr eine zentrale Rolle in der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung eingenommen. Marx und Schumpeter reden sogar von der Innovation als Hauptquelle von Wettbewerbsvorteilen im kapitalistischen System. Auf Grundlage dieser neuen Sichtweise entwickelte sich die Lehre, die den Kapitalismus als einen evolutionären Prozess ansieht, der von technischen und organisatorischen Innovation getrieben wird. In diesem fortlaufenden Prozess, in dem sich die Unternehmen einer immer größeren Unsicherheit gegenübersahen, spielten neben dem Markt auch soziale Institutionen eine bedeutende Rolle: Eine deutliche Entwicklung von der neoklassischen Theorie.

Durch die zunehmende Auseinandersetzung mit diesem Thema haben sich auch unterschiedliche Ansätze entwickelt. Florida beispielsweise sieht im Konzept der Learning Region einen Wandel von der tayloristisch geprägten Massenproduktion hin zum wissensintensiven Kapitalismus. Als Resultat dieser Verschiebung sollen sich Lernende Regionen entwickeln, deren Funktionsfähigkeit auf Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, auf Qualität ihrer Kooperations- und Kommunikationsbeziehungen und auf eine neue Infrastrukturpolitik der Netzwerke angewiesen ist (Butzin, 1996). Anders als die Regionen der Massenproduktion, die eine begrenzt nationale Infrastruktur haben , öffnet sich die Lernende Region der Welt und schafft eine umfassende Kommunikationsstruktur. Den Vorwurf, Globalisierung sei eine unmittelbare Bedrohung für die Regionen, weist Florida zurück und bemerkt, dass Lernende Regionen Innovationen und wirtschaftliches Wachstum bringen und somit als Antreiber der Globalisierung dienen. Der Anforderungskatalog dieser Regionen orientiert sich dabei an den Eigenschaften fortschrittlicher Unternehmen im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Eine dezentralisierte, abgespeckte vertikale Entscheidungshierarchie, sowie eine horizontale Teamorganisation, welche die fordistische Arbeitsteilung ablöst und auf die Partizipation kompetenter Mitarbeiter setzt, zeichnet neben stetiger Verbesserung die neue Kultur lernender Unternehmen aus. Die einzelnen Abteilungen und Ressorts werden nicht mehr isoliert voneinander betrachtet und konzentrieren sich nun gemeinsam auf die Bedürfnisse der Kunden und den jeweiligen Markt.

Für Asheim/ Isaksen sind Lernende Regionen das „Ergebnis des Wandels vom linearen Innovationsmodell zum bottom-up-interaktiven Innovationsmodell.

Im linearen Modell der Innovation, setzen sich Innovation „der Reihe nach“ von der Forschung bis hin zum Absatz als Resultat von Technology-Push bzw. Market-Pull- Aktivitäten fort. Bei näherer Betrachtung werden bei diesem Ansatz, der nach Hassink ein Teil der fordistischen Industrie- und Gesellschaftsorganisation ist, allerdings gewaltige Schwachstellen erkennbar. Zum einem gibt es keine Rückkopplungseffekte, was bedeutet, dass z.B. die Forschung und Entwicklung (F&E) keine Möglichkeiten besitzen, Informationen über die Wirkung ihrer Neuerungen zu erhalten. Ein Computersystementwickler würde als beispielsweise nicht erfahren, ob das von ihm entwickelte Produkt vom Konsumenten angenommen wird, ob es den Ansprüchen genügt oder ob es aufgrund von Schwächen wieder vom Markt genommen werden muss. Zum anderen ist eine weitere Schwäche des linearen Innovationsmodells die nach Morgan völlig ungerechtfertigte Tatsache, dass bestimmte Arten von Wissen, wie Handwerk, Maschinenbau oder etwa Produktionswissen gegenüber wissenschaftlichem Wissen als minderwertig angesehen werden.

Daraus entwickelt sich die Erkenntnis, dass Innovationen interaktive Prozesse sind, die zwischen Unternehmen und ihrer wissenschaftlichen Umgebung, zwischen den Abteilungen innerhalb einer Firma, zwischen Hersteller und Lieferanten und schließlich zwischen Firmen und dem umgebenden institutionellen Milieus stattfinden. Jeder hat die Möglichkeit, von dem Anderen zu lernen und somit sein Wissen zu erweitern. Dabei handelt es sich um einen durchgängigen Prozess, der andauernd stattfinden kann. Nach Lundvall ist Wissen die wichtigste Ressource im Kapitalismus und Lernen das wichtigste Verfahren. Er argumentiert, dass Wissen zum Schlüsselfaktor für Unternehmen wird, um mit immer kürzer auftretenden Produkt- und Prozessinnovationen Schritt halten zu können. Dabei ist, wenn überhaupt, nur ein Teil dieses Know-hows handelbar. Der größere Teil ist individuell und nicht zu trennen von seinem sozialen und humanen Kontext. Die Unterscheidung, die hier gemacht wird, bezieht sich auf die zwei Arten von Wissen, nämlich dem kodifizierten (codified knowledge) und dem personengebundenen, nicht-kodifizierten (tacit knowledge) Wissen. Beim Letztgenannten handelt es sich um eine Art privates Gut, das, wenn es weitergegeben werden soll, entschlüsselt werden muss, was z.B. durch persönliche Gespräche, Training usw. geschehen kann.

Nach Morgan liegt ein Problem der Regionen in Europa darin, dass es bisher noch nicht gelungen ist, diese Art von Wissen zu übertragen, um daraus erfolgreiche Produkte zu entwickeln. Um dieses Know-how-Transfer-Problem lösen zu können, müsste man mehr versuchen, den Informations- und Wissensfluss zwischen den Akteuren in diesen Regionen zu fördern.

Ein weiteres Kriterium, die Zusammenarbeit zu fördern und somit das Leistungsvermögen (capacity) einer Region zu erhöhen, ist der Anteil des sozialen Kapitals (social capital). Soziales Kapital bezieht sich auf die Aspekte der sozialen Organisation, wie z.B. Netzwerke, Normen usw., die die Koordination und Kooperation erleichtern und somit gegenseitigen Nutzen generieren. Es beruht meist auf persönlichen Kontakten, denn die Menschen, die in einem regionalen Umfeld zusammenleben, gehen Bindungen ein, die von Zugehörigkeit zu gemeinsamen Institutionen über gemeinsame Geschichte bis zu sozialen Normen reichen können (Dietrich Fürst, 2002). Soziales Kaptial vergrößert somit den Nutzen von Investitionen in physisches und humanes Kapital und wird immer mehr als ein bedeutender Bestandteil in der wirtschaftlichen Entwicklung gesehen.

Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass bedeutende wirtschaftliche, gesellschaftliche und technologische Veränderungen für die Entwicklung von Lernenden Regionen ausschlaggebend sind.

Betrachtet man den Ansatz aus einer innerbetrieblichen Sichtweise, so wird man erkennen können, dass Unternehmen ähnlich wie Regionen von Innovationsprozessen abhängig sind, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten. Erforderlich für diese Prozesse ist ein Austausch von Wissen des Unternehmens mit anderen, sich auf dem Markt befindlichen Akteuren, d.h. sie müssen lernen. Dabei soll betont werden, dass der Informationsfluss nicht nur innerhalb der Mauern des Unternehmens begrenzt ist, sondern vor allem auch außerhalb der Unternehmensmauern mit Kunden, Lieferanten, Wettbewerbern, Universitäten etc. stattfinden soll. Dies könnte man neudeutsch als externes Benchmarking bezeichnen. Der daraus resultierende Lerneffekt bezeichnet Hausmann als „Learning by interacting“, eine Art Lernen, die nicht als Ergebnis von gemachten Erfahrungen (z.B. Learning by doing“) zu verstehen ist, sondern allein durch die kommunikative Beziehung zwischen mindestens zwei Akteuren zustande kommt. „Learning by interacting“ steht als Metapher für das kommunikative, synergetische Zusammenwirken von mindestens zwei Akteuren, die betriebliche Innovationsprozesse auslösen beziehungsweise beeinflussen.“(Hausmann 1996, S. 99).

Was Learning by interacting von einer gewöhnlichen Kommunikation zwischen Akteuren unterscheidet, ist die Erfüllung folgender Bedingungen:

- Die Akteure müssen sich mindestens einmal persönlich treffen.
- Mindestens einer der beteiligten Akteure muss zum Zeitpunkt der Interaktion aktives Mitglied eines existierenden Unternehmens sein.
- Die Interaktion muss für mindestens einen Akteur einen Nutzen bringen.
- Dieser entstandene Informationsmehrwert muss mindestens einen betrieblichen Innovationsprozess beeinflussen oder auslösen.

Die Interaktion ist somit ein Prozess, durch den innovationsrelevante Informationen entstehen und übertragen werden und somit zur Lösung eines betrieblichen Problems beiträgt. Der angesprochene Mehrwert bzw. die Synergie, die aus diesem Interaktionsprozess zwischen den Akteuren resultiert, ist nicht handelbar im Sinne einer käuflichen Ware, sondern personengebunden und kann nur an denjenigen weitergegeben werden, der daran teilnimmt. Welchen Wert die für das Lernen notwendigen Informationen für den Einzelnen haben, hängt von seinem persönlich existierenden Wissen ab, d.h. Lernen ist ein evolutionärer und kontextabhängiger Prozess (Hassink). Die Kontexte sind allerdings nicht uniform, sondern unterscheiden sich selbst lokal noch stark voneinander, so dass einzelne Betriebe i.d.R. in unterschiedliche Kontexte eingebettet sind. Hausmann argumentiert, dass räumliche Nähe dafür dienlich sein kann, Interaktionen zwischen den Akteuren zu fördern. Er betont aber, dass dies keine hinreichende Bedingung ist, d.h. es gibt noch eine Reihe anderer Aspekte, die für die Kommunikation verantwortlich sind, nämlich soziale (z.B. Alter, Beruf, Sprache usw.) und organisatorische Nähe (z.B. Konzernstruktur, Netzwerkstrukturen usw.). Das bedeutet, Nähe ist kein hinzunehmendes Faktum, das von vornherein (a priori) vorgegeben ist, sondern kann bzw. muss durch die Akteure selbst geschaffen werden. Dies gelingt z.B. durch Aufbau von Vertrauen. Vertrauen ist in wirtschaftlicher Beziehung eine äußerst wertvolle Ressource, die ebenfalls nicht handelbar ist, sondern durch wiederholte Interaktionen aufgebaut werden muss.

Hausmann hat anhand des Lernwürfels (siehe Abb. 1) graphisch dargestellt, unter welchen Voraussetzungen Learning by interacting entstehen kann. Anhand der drei Dimensionen „Nähe, Information und Institution“ lassen sich die Lernprozesse beobachten, die zu betrieblichen Innovationen führen. Mit Hilfe dieses Modells soll veranschaulicht werden, in welchen Dimensionen eine Region eingebettet ist, in der zwischen den Akteuren Learning by interacting zu beobachten ist und wie daraus Innovationen entstehen können.

Die Dimension „Nähe“ startet im Ursprung mit der stärksten Nähe zwischen den Akteuren und nimmt gegen außen ab. Es sollte davon ausgegangen werden, dass sich die Nähe zwischen den Akteuren positiv auf deren Interaktion auswirkt, d.h. je geringer die Distanz zwischen mindestens zwei Akteuren, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie interagieren und sich Learning by interacting beobachten lässt. Die Dimension „Information“ ist durch folgende Extrempunkte gekennzeichnet: Im Ursprung der Graphik befinden sich die privaten Informationen, die wir bisher als nicht-kodifiziertes Wissen bezeichnet haben, während am Ende der Achse die öffentlichen Informationen angesiedelt sind, die für jedermann zugänglich sind. Der Ausgangspunkt der dritten und letzten Dimension „Institution“ ist im Ausgangspunkt gekennzeichnet durch völlige Abwesenheit von Institutionen in betrieblichen Innovationsprozessen, während entlang der Achse dann lokale, regionale, nationale bis hin zu internationalen Institutionen folgen. Der institutionelle Rahmen beeinflusst die Art und Weise, wie Informationen im engeren Sinne (Wahrnehmung der Akteure, Wissen und persönliche Fähigkeiten) entstehen und sich entwickeln. In Anbetracht dessen, dass die betriebliche Innovationsfähigkeit von Wissen und Fähigkeiten des Einzelnen beeinflusst wird, lässt sich so ein Zusammenhang zwischen dem institutionellen Rahmen und der betrieblichen Innovationsfähigkeit herstellen. Nach Hausmann wirkt der institutionelle Rahmen wie eine Art Selektionsfeld. Zum einem hat er Einfluss darauf, wie schnell weitere Akteure die Informationen i.e.S. aufnehmen können. Zum anderen wirkt er wie ein Filter, wenn er (z.B. durch gesetzliche Regelungen) die prinzipiellen Möglichkeiten für Innovationen vorgibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Dimensionen des Lernwürfels für Innovationen (Hausmann 1996, S.

Um noch einmal auf den Begriff der sozialen Nähe einzugehen, soll betont werden, dass diese benötigt wird, damit die Codeschlüssel vom Empfänger verstanden werden, mit denen die innovationsrelevanten Informationen in Form von nicht-kodifizierten Wissen vom „Absender“ kommuniziert werden (siehe Abb. 2)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 (eigene Darstellung)

In Lernenden Regionen ist somit kollektives, nicht-kodifiziertes Wissen zu finden, da dort die Voraussetzungen der sozialen, kulturellen und räumlichen Nähe gegeben sind. Es ist jedoch an dem jeweiligen Standort gebunden, an dem die Akteure, zwischen denen die Nähe besteht, eingebettet sind. Nicht-kodifiziertes Wissen ist somit nicht von Natur aus kollektiv, sondern durch seinen humanen und sozialen Kontext mehr an ein bestimmtes Territorium gebunden, als man bisher angenommen hat.

Das kollektive, nicht-kodifizierte Wissen kann mit dem von Storper eingeführten Begriff der „untraded interdependencies“ gleichgesetzt werden. Dort, wo diese unhandelbaren gegenseitigen Abhängigkeiten zu finden sind, sind die Regionen notwendige Elemente für Lernen und Innovationen. Dadurch relativieren sich die Behauptungen vieler Autoren, Globalisierung bedeute das Ende der regionalen Wirtschaft, da durch eben diese unhandelbaren gegenseitigen Abhängigkeiten die Region einen zentralen theoretischen Status im Prozess der kapitalistischen Entwicklung eingenommen hat. Vor allem Politiker und Verwaltungsleute sind an ihre Region gebunden, da der institutionelle Rahmen, in dem sie handeln, territorial abgegrenzt wurde. Sogenannte Raumüberwindungskosten und Raumpräferenzen stärken die territoriale Bindung.

Betrachtet man das Konzept aus handlungsorientierter Sicht, so werden die Lernenden Regionen von einer anderen Ebene aus beleuchtet (Hassink spricht hier im allgemeinen von der sog. Mesoebene, eine Ebene, die gemäßihres Aggregationsgrades genau zwischen der innerbetrieblichen Mikro- und der gesamtwirtschaftlichen Makroebene angesiedelt ist). Lernende Regionen werden als regionales Entwicklungskonzept gesehen, bei denen die verantwortlichen Akteure, so Morgan, stark, aber flexibel miteinander vernetzt sind. Die geschaffenen Netzwerke zwischen den Einrichtungen sollen gegenseitiges Lernen und somit den Antrieb für Innovationen fördern. Netzwerke bedeuten keine zusätzliche institutionelle Ebene, sondern viel mehr eine Verknüpfung der bereits existierenden Organisationen. Durch diese neue Strukturform verzichten die einzelnen Akteure auf Teile ihrer bisherigen Unabhängigkeit, um sich innerhalb des Netzes gegenseitig beeinflussen und dadurch Nutzenvorteile generieren zu können.

Ein von Morgan erläutertes Beispiel aus Japan macht deutlich, wie Informationsfluss zwischen zwei Akteuren (hier zwischen Hersteller und Lieferant) aussehen kann:

Durch dauerhafte Ansiedlung der Ingenieure des Lieferanten auf dem Werksgelände des Herstellers wurde gewährleistet, dass stets optimale Auskunft und Hilfestellung betreffend der eingesetzten Produkte gegeben werden konnte. Solche institutionellen Innovationen schaffen kontinuierliche Verbesserungen in Produkt, Qualität, Service usw. und generieren Synergievorteile für beide Seiten. Die Fähigkeit, Informationen auszutauschen ist wichtiger denn je für die Entwicklung der Regionen. Die Kommunikationskompetenz intern wie auch extern ist dazu notwendig, nicht auf der Stelle stehen zu bleiben und sich zu isolieren.

Auch hier scheint mir ein unmittelbarer Vergleich von Regionen mit Unternehmen sinnvoll: Abteilungen von größeren Unternehmen führen, wenn sie Informationen über Strategien, Konzepte, Handhabungen etc. sammeln, i.d.R. zwei Arten von Benchmarks durch: Das interne Benchmark liefert Einblicke über Kompetenzen, Wissen etc. anderer Abteilungen des Unternehmens. Zusätzlich werden aber sog. externe Benchmarks durchgeführt, um zu verhindern, dass innerhalb des Unternehmens „schlechte Gewohnheiten“ weitergetragen werden. Hassink zitiert in seiner Arbeit Thierstein, der davon spricht, dass interregionales Lernen unabdingbar ist, damit lokale Milieus nicht im eigenem Saft versauern.

Der Erfolg für regionale Innovationsfähigkeit liegt also neben den klassischen „harten“ Faktoren (z.B. Boden, Arbeit, Kapital etc.) und den „weichen“ Faktoren (z.B. Standortimage, Arbeitsklima, Freizeitwert usw.) in den sog. „ultraweichen“ Erfolgsfaktoren. Diese fördern die Lernfähigkeit und können nach Butzin folgendermaßen skizziert werden:

Die regionale Soziokultur dient als Motor, Wissen und Kompetenz als Treibstoff der Lern- und Innovationsfähigkeit. Die Netzwerkarchitekturen bzw. „Networking-Qualitäten“ der verantwortlichen Personen sorgen für die Steuerung von Motor und Treibstoff.

Die Strategie der Lernenden Region baut somit hauptsächlich auf die Ressourcen „neue Lernkonzepte“, Netzwerkarchitektur und regionale Selbstregulation. Durch sie werden regionale, kreative Milieus im unternehmerischen, politischen und sozialen Bereich gefördert (vgl. Butzin 1996, S. 25).

III. Das Learning Region Konzept in der Praxis: Das RTP- Projekt in Europa

Betrachtet man Variablen wie die Arbeitslosenquote oder das Einkommen pro Kopf, so lässt sich unschwer erkennen, dass innerhalb Europas die Lücke zwischen den ärmsten und den reichsten Regionen weiterhin stark auseinander klafft. Morgan verweist in seinem Text darauf, dass die Arbeitslosigkeit in den stärker betroffenen Regionen fünfmal höher ist, als in den weniger stark betroffenen. Dies verdeutlicht, warum man im allgemeinen von den Differenzen zwischen wohlhabenden und weniger begünstigten (nach Morgan: LFR´s - Less Favoured Regions) Regionen spricht.

Es ist seiner Meinung nach aber falsch, wenn man sich, wie das die Europäische Union lange Zeit getan hat, auf die Bekämpfung dieser Probleme konzentriert, da es sich hierbei lediglich um Ausprägungen handelt, deren Ursprung in tieferliegenden Mängeln liegen. Verkümmerte Infrastrukturen, Mangel an qualifizierter Arbeit, fehlende Aktivitäten im Bereich Research und Technology ( RTD - Research and Technological Development) und nicht zuletzt fehlendes soziales Kapital sind die Ursachen für die Unterentwicklung vieler Regionen. Wer die Entwicklung und die Innovationsfähigkeit von Regionen fördern möchte, sollte sich neben Investitionen in physisches Kapital auch auf diese unsichtbaren Faktoren stützen. Nach all den Jahren, in denen sich die Innovationsunterstützung der EU speziell an die Regionen richtete, die ohnehin in den Bereichen Technologie und Entwicklung führend waren (z.B. Mailand, München, London usw.), um der wachsenden Bedrohung vor allem aus den USA und Japan entgegenzuwirken und somit die Wettbewerbsfähigkeit nach außen zu sichern, zeigten sich immer mehr Verantwortliche der Regionen dazu bereit, miteinander zu kooperieren und Innovationen auch in peripheren Gebieten zu fördern. Die Hilfe richtete sich im Besonderen danach, weniger begünstigte Regionen (LFR´s) zu ermutigen, ihre RTD-Kapazitäten zu erhöhen und somit Innovationstätigkeiten anzutreiben.

Programme der EU, wie z.B. STRIDE, das auf die Stärkung der Forschung und technologischen Kapazität von LFR´s abzielt, hatten gegenüber früheren Programmen den gewaltigen Vorteil, dass sie die soziale, institutionelle und kommerzielle Dimension berücksichtigte. Anstatt die Programme wie bisher ausschließlich angebotsseitig zu betrachten, richtete man sich nun verstärkt nach der Seite der Nachfrager. Als Metapher verwendet Morgan die „Kathedrale in der Wüste“. Auf diese Weise versucht er zu verdeutlichen, dass Einrichtungen nutzlos und überflüssig sind, wenn sie nicht von denjenigen genutzt werden, für die sie bestimmt waren. Von welchen Punkten das abhängen kann, zeigt folgendes Beispiel: Im Rahmen von Förderprogrammen der Welsh Development Agency (WDA) wurden in Zusammenarbeit mit klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU´s) und Einrichtungen wie z.B. Training and Enterprise Councils (TEC) Trainingspakete entwickelt. Die daraus entstandenen Trainingkonsortien sollten dabei helfen, für gemeinsame bzw. vergleichbare Probleme gemeinsame Lösungen zu finden. Obwohl nun ein Förderprogramm angeboten wurde, bei deren Entwicklung die Unternehmen selbst beteiligt waren und obwohl die WDA einen großen Teil der Kosten übernahm, wurden die Kurse nur sehr schlecht besucht. Grund dafür war, dass die klein- und mittelständischen Unternehmen nicht in der Lage oder dazu bereit waren, ihre Angestellten für die jeweiligen Termine freizustellen.

Dieses Beispiel zeigt, ein guter Entwurf eines Programms reicht nicht aus, wenn es nicht voll auf diejenigen abgestimmt ist, für die es bestimmt ist. Das bedeutet, dass neben der Bereitstellung des technologischen Wissens die Akzeptanzfähigkeit der klein- und mittelständischen Nachfrager in den Vordergrund gestellt wird (Butzin, 1996). Auf Grundlage dieser Erkenntnis fordert die Europäische Kommission, dass sich regionale Planer mehr mit den Problemen der potentiellen Nachfrager auseinandersetzen müssen.

Morgan weist im Besonderen auf drei Arten von Kompetenz hin, auf die man seiner Meinung nach bei der Förderung von Betrieben Wert legen sollte:

- Die technologische Kompetenz, d.h. das Unternehmen sollte die Technologie beherrschen, die es zur Ausübung der relevanten Tätigkeiten benötigt (Kernkompetenzen).
- Die unternehmerische Fähigkeit, d.h. das Unternehmen sollte in der Lage sein, die relevanten Technologien mit der Strategie der Firma zu integrieren.
- Die Lernfähigkeit, d.h. das Unternehmen sollte fähig sein, Informationen über sich ändernde Märkte, neue Technologien oder innovative organisatorische Strukturen aufzunehmen. Was diesen Punkt angeht, hat man die Beobachtung gemacht, dass Unternehmen empfänglicher für Informationen sind, die von anderen Firmen, z.B. Kunden, Lieferanten oder direkte Wettbewerber, kommen.

Das RTP-Projekt hat sich die Erkenntnis, dass Innovationsfähigkeit weit mehr benötigt als technologischen Fortschritt, zu eigen gemacht und wird somit zu einem wesentlichen Bestandteil der Regionalpolitik. Durch das Projekt sollen weniger begünstigte Regionen darin bestärkt werden, ihre jeweiligen Verantwortlichen mit dem Ziel zusammenzuführen, eine bottom-up-Strategie zu definieren, die an die Feinheiten der Region und an die Betriebe angepasst ist. Weiterhin soll dadurch ein Rahmen geschaffen werden, in dem sich die betroffenen Regionen gemeinsam mit der Kommission über zukünftige Investitionen in Forschung und Technologie einigen können. Durch die Gemeinsamkeit der Planung und Entscheidung soll ein optimaler Einsatz der Programme gewährleistet werden.

Neben dem bereits angesprochenen bottom-up-Aspekt hat die Kommission eine Reihe von weiteren „Guidelines“ (z.B. regionale oder strategische Aspekte) entworfen, die als Richtlinie gelten sollen, was zukünftig in der Planung berücksichtigt werden muss.

Es ist also deutlich zu erkennen, dass viel Wert darauf gelegt wird, dass die regionalen Verantwortlichen ein hohes Maßan Eigeninitiative mitbringen, um die regionale Erneuerung voranzutreiben. Der Erfolg hängt weitestgehend davon ab, ob es gelingt, innerhalb einer Region eine Art „Networking-Kultur“ aufzubauen, die gegenseitiges Lernen ermöglicht und ein Zusammenarbeiten fördert. Morgan räumt ein, dass der Eigenantrieb der regionalen Akteure nicht ausreicht, die entstehende Dynamik und erhöhte Innovationskapazität dauerhaft aufrecht zu erhalten und fordert, dass sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene eine stabile Umgebung geschaffen wird, welche die Regionen unterstützt.

Ob das Projekt nun letztendlich von Erfolg gekrönt sein wird, konnte Morgan nicht abschließend beantworten, weil es schließlich in der Natur der Sache liegt, dass sich die Ergebnisse erst langfristig einstellen werden. Dennoch kann es nur von Vorteil sein, wenn dadurch das Bewusstsein gefördert wird, sich mehr auf langfristige Ziele zu konzentrieren und die Kooperation innerhalb der Regionen zu stärken.

IV. Das Konzept der Learning Region: Eine kritische Bewertung

Im Laufe dieser Arbeit wurde deutlich, welche Bedingungen und Erfordernisse erfüllt sein müssen, damit in einer Region Innovation durch Interaktion der Akteure entsteht, bevor man schließlich von einer Lernenden Region sprechen kann. Im allgemeinen wird allerdings sehr wenig gezeigt, wie letztendlich solche Regionen funktionieren und es gibt kaum Beispiele, anhand derer man sich ein konkretes Bild machen könnte. Daher ist es notwendig, die Aussagen des Konzepts weiteren empirischen Prüfungen zu unterziehen. Genau hier liegt für Fürst aber ein Problem: Durch die Kontextabhängigkeit der Aussagen zum Konzept der Learning Region wird ein empirisches Ergebniss nur schwer allgemein übertragbar (Fürst, 2001). Dadurch ist eine einheitliche Bewertung nahezu unmöglich.

Weiterhin bemängeln Kritiker, das Konzept biete trotz interessanter Ideen, wie das Konzept „der mittleren Reichweite“, das sich mit ähnlichen Inhalten beschäftigt, zu wenig neue Einsichten und sei daher alles andere als revolutionär. Hassink weist trotz der Kritik ausdrücklich darauf hin, dass sich der Ansatz der Lernenden Region auf weit mehr beziehen lässt, als es die vorherigen Konzepte möglich machten. Denn es bietet wesentlich mehr Möglichkeiten, da es nicht nur auf erfolgreiche Regionen (wie z.B. Sillicon Valley) begrenzt ist, sondern für verschiedene Regiontypen anwendbar ist.

Was eine generalisierte Anwendung anbetrifft, sollte darauf hingewiesen werden, dass der Begriff der räumlichen Nähe, wie er im vorgestellten Konzept verwendet wird, auch nicht so ohne weiteres für jede Region bzw. für jeden sich innerhalb der Region befindlichen Akteure gleichbedeutend ist. Hausmann spricht sogar von räumlicher Nähe als Gummibegriff („how close is close?“), da der Begriff der Nähe von jedem Betrieb subjektiv wahrgenommen und aufgrund von beispielsweise Strategien, Kunden etc., differenziert betrachtet wird. Die von Hausmann vorgestellten Lernwürfel variieren je nach Belegschaft des Unternehmens, woraus resultiert, dass zwei nahegelegene Unternehmen nicht zwingend den gleichen innovationsfördernden Kontext besitzen, wodurch der Begriff der räumlichen Nähe entscheidend relativiert wird.

Ein weiterer Punkt, der im Rahmen des RTP-Projekts bereits erwähnt wurde, bezieht sich auf die Rolle der „höheren Ebenen“ in der Entwicklungs- und Innovationspolitik. Morgan weist darauf hin, dass ein hohes Maßan Eigeninitiative der Regionen zwar notwendig, aber nicht ausreichend ist, um eine dauerhaft erfolgreiche Entwicklung zu sichern. Es wäre realitätsfremd, wenn man davon ausgehen würde, alle Regionen hätten die gleichen Ausgangsvoraussetzungen für eine erfolgreiche Regionalpolitik. Gerade den Regionen, die unter den weniger begünstigten Regionen durch fehlende Infrastruktur und Mangel an notwendigen Ressourcen gekennzeichnet schlechtere Chancen besitzen, Erfolge zu erzielen, sollte durch nationale und internationale top-down-Maßnahmen geholfen werden. Ohne diese Unterstützung werden sie weder fähig noch bereit sein, effektives „Networking“ zu betreiben und schließlich durch die Zusammenarbeit mit Institutionen, Beratern und anderen Betroffenen das Innovationspotential zu stärken.

Ungeachtet der angesprochenen Schwächen, die vor allem daraus resultieren, dass es sich um ein sehr junges Konzept handelt, ist die Bedeutung dieses Ansatzes nicht abzustreiten. Sie führt zu einem, dass sich die Akteure der einzelnen Institutionen (Universitäten, Politik, Unternehmen usw.) näher kommen und „zusammenrücken“, was, wie wir erfahren haben, ein wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Regionalpolitik ist. Weiterhin gilt das Konzept als geeignetes Instrument, regionale Disparitäten erkennen und erklären zu können. Aus diesen Einsichten leiten sich für die regionale Innovationsförderung die notwendigen Erkenntnisse über die speziellen Feinheiten der jeweiligen Region ab. Dass sich das Instrument nicht ausschließlich auf erfolgreiche Industriedistrikte bezieht, sondern auf sämtliche Regionen betrachtet, erlaubt somit einen direkten Vergleich zwischen fortschrittlichen und weniger begünstigten Regionen.

Es beinhaltet somit die Chance, vergangene Fehler und Versäumnisse aufzudecken und die Verantwortlichen der Region darin zu bestärken und zu ermuntern, Rückstände hinsichtlich Innovation und Entwicklung aufzuholen.

Literatur

- Hassink, R. (1997): Die Bedeutung der Lernenden Region für die regionale Innovationsförderung. In: Geographische Zeitschrift (Jg.85)
- Morgan, K. (1997): The Learning Region: Institution, Innovation and Regional Renewal. In: Regional Studies ( Vol.31)
- Hausmann (1996): Den Raum lesen lernen: Perspektivenwechsel als geographisches Konzept
- Fürst, D. (2001): Die „learning Region“ - Strategisches Konzept oder Artefakt? In: Hans- Friedrich Eckey (Hrsg.): Ordnungspolitik als konstruktive Antwort auf wirtschaftspolitische Herausforderungen
- Fürst, D. (2002): Region und Netzwerke - Aktuelle Aspekte zu einem Spannungsverhältnis. In: DIE - Zeitschrift für Erwachsenenbildung (I / 2002)
- Butzin, B. (1996): Kreative Milieus als Element regionaler Entwicklungsstrategien? Eine kritische Wertung. In: Universität Bayreuth -Arbeitsmaterialien zur Raumordung und Raumplanung (Heft 153 - Bedeutung kreativer Milieus für die Regional- und Landesentwicklung)
- Genosko, J. (1999): Regionale Innovationsnetzwerke und Globalisierung. In: Schwengel, Hermann (Hrsg.): Grenzenlose Gesellschaft? Pfaffenweiler: Centaurus Verl.-Ges. Bd. 2.2: Ad-Hoc- Gruppe, Foren.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Konzeptionelle Grundlagen und kritische Bewertung des Learning Region Ansatzes
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V106626
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konzeptionelle, Grundlagen, Bewertung, Learning, Region, Ansatzes
Arbeit zitieren
Armin Haery (Autor), 2002, Konzeptionelle Grundlagen und kritische Bewertung des Learning Region Ansatzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106626

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