Schlink, Bernhard - Der Vorleser


Referat / Aufsatz (Schule), 2002
11 Seiten

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Gliederung

A) Personen

B) Inhalt & Chronologie der Ereignisse

C) Die Entwicklung der Beziehung zwischen Hanna und Michael

D) Die Hausträume - Die Bedeutung der Beziehung für Michael

E) Michael und seine Familie

F) Hanna und ihr Leben als Analphabetin

G) Die Schuldthematik im Roman

H) Ist Michael schuldig ?

I) Die Schuldfrage und die Generation der „Nachgeborenen“ heute

J) Vergangenheitsbewältigung

K) Der Roman in der Kritik

A) Personen

Michael

- geb. 1943

- wächst in Heidelberg auf

- lernt 1958 als 15jähriger Hanna - eine 38jährige Schaffnerin - kennen & verliebt sich in sie

- im Gegenzug für die körperliche Liebe Hannas beginnt Michael ihr vorzulesen (Teil des Liebesrituals)

- die Liebesbeziehung endet abrupt - Hanna verschwindet spurlos

- als Referendar für Rechtswissentschaften begegnet Michael Hanna in einem NS-Prozess wieder

- Sie ist angeklagt, 1944 in einem KZ Menschen in den Tod geschickt zu haben

- Michael erkennt entsetzt, dass er diese Frau einmal geliebt hat

- „War ich schuldig weil ich eine Verbrecherin geliebt habe?“

- er beginnt seine eigene Vergangenheit in Frage zu stellen

- er begreift, wie sehr die Beziehung zu Hanna sein Leben beeinflußt hat - in späteren Beziehungen sind immer noch Muster der Beziehung mit Hanna zu erkennen

- die Frage nach Mitschuld und Verantwortung verfolgt ihn bis in seine Träume

- 8 Jahre nach Hannas Verurteilung nimmt Michael - geschieden und Vater einer Tochter - Kontakt zu Hanna auf

Hanna

- 1922 bei Hermannstadt (Rumänien) geboren

- 1939/ 1940 Umzug nach Berlin

- meldet sich im Herbst 1943 freiwillig bei der SS als Aufseherin

- 1944 - Aufseherin in einem kleinen Lager bei Krakau

- 1951 Umzug nach Heidelberg

- August 1959 plötzlicher Umzug nach Hamburg

- 1966 - Hanna wird im KZ-Prozess in Darmstadt angeklagt

- Hannas Lebensweg ist geprägt von ihrer Disposition als Analphabetin, die sie verschweigt

- um dieses Dasein zu verbergen, kündigt Hanna vor einer Beförderung bei Siemens und nimmt den Job bei der SS an

- im Lager läßt sie sich von jungen Mädchen vorlesen, die dann im Lager von Ausschwitz sterben

- im Prozeß bezichtigt sie sich fälschlich den Bericht über die Geschehnisse bei der Kirche geschrieben zu haben

- die Angst vor Bloßstellung wird zum Handlungsmotiv, bestätigt Hanna als Verbrecherin und bringt sie schließlich ins Gefängnis

- Ihr Scham nicht lesen und schreiben zu können beeinflußt auch die Beziehung zu Michael, der die daraus resultierende Distanz falsch auslegt

- Im Gefängnis überwindet Hanna ihre Angst und lernt Mithilfe von Michael besprochener Kassetten lesen und schreiben

- Hanna entzieht sich ihrem freiem Leben außerhalb des Gefängnis’ indem sie sich umbringt

Der Vater

- Philosophieprofessor

- Familie spielt für ihn eine nachgeordnete Rolle

- er ist zu seinen Kindern eher distanziert und kühl

- als Figur ist der Vater im zweiten Teil wichtig, als Michael in um Rat fragt

Die Mutter

- Michael versucht sich als 15jähriger von seiner Mutter zu distanzieren

- er hatte aber dennoch ein inniges Verhältnis zu ihr - das Ritual des Badens birgt Erinnerungen mit seiner Mutter

- ansonsten spielt seine Mutter eher eine untergeordnete Rolle

B) Inhalt & Chronologie der Ereignisse

- Roman erschien 1995 und ist in 3 Teile eingeteilt

- Michael Berg - der Ich-Erzähler - versucht schreibend seine Geschichte mit Hanna zu bewältigen, „auch wenn ich es nicht kann „ (206)

- Schlink läßt das Geschehen in chronologischer Folge vorüberziehen, wobei Vorgriffe, Kommentare und Reflexionen zu einer Atmosphäre der Distanzierung führen

- Geschichte beginnt Ende der 50er Jahre als sich Michael (15) in die Schaffnerin Hanna verliebt

- er ahnt nicht das sie KZ-Wärterin war und weiß auch nicht, dass sie Analphabetin ist

- die tatsächliche Bedeutung des Vorlesens wird im nicht bewußt

- die Beziehung endet abrupt, als Hanna aus der Stadt verschwindet

- 1966 begegnet Hanna Michael bei einem KZ-Prozess, bei dem sie angeklagt ist, wieder

- Michael hat inzwischen Rechtswissentschaften studiert und wohnt dem Prozeß Referendar bei

- Hanna soll Selektionen vorgenommen und so Frauen wissentlich in den Tod geschickt haben

- außerdem soll sie für den Tod mehrerer Frauen auf einem Todesmarsch mitverantwortlich sein

- als Beobachter beschäftigt Michael die Frage, warum Hanna die Hauptschuld der Ereignisse auf sich nimmt

- schließlich findet er heraus, dass Hanna Analphabetin ist

- Hanna verschweigt diese Tatsache auch im Prozeß und bekennt sich sogar zu einem handschriftlichen Dokument, das sie im hohen Maße belastet

- Hanna wird zu einer lebenslänglichen Strafe verurteilt

- der dritte Teil umfaßt den Zeitraum Hannas Inhaftierung bis zu ihrem Suizid 1984

- 8 Jahre nach dem Urteilsspruch nimmt Michael wieder den Kontakt zu ihr auf

- er bespricht für sie Kassetten für sie z.B. Schnitzler, Keller, Fontane, Homer, die er kommentarlos an Hanna schickt

- Hanna lernt mit Hilfe dieser Kassetten lesen und schreiben

- kurz vor Hannas Begnadigung kommt es zu einer Begegnung der beiden, da Michael auf Drängen der Gefängnisleiterin Hannas freies Leben vorbereiten soll

- kurz vor ihrer Entlassung entzieht sich Hanna ihrem freien Leben durch Suizid

- die Schuldfrage läßt Michael allerdings nicht los, woraufhin er den Versuch unternimmt, seine Vergangenheitsbewältigung aufzuschreiben

C) Die Entwicklung der Beziehung zwischen Hanna und Michael im ersten Teil des Romans

- der erste Teil behandelt die Liebe und Leidenschaft zwischen Hanna und Michael

- aus der Sicht eines Ich-Erzählers

- Michael lernt Hanna auf der Straße kennen, nachdem er sich übergeben hat

- Hanna, die seine Mutter sein könnte tröstet und hilft ihm

- Hanna fasziniert ihn Ö natürliche Weiblichkeit (Sexuelle Anziehung)

- Suche nach Geborgenheit von Seiten Michaels

- Michael bezeichnet Hanna zunächst nur anonym als die Frau

- sie steht für das weibliche schlechthin und wird nicht als Person wahrgenommen

- „Am sechsten oder siebten Tag“ (S.34) stellen sich die beiden erst namentlich vor (davor schon Sex)

- Hanna findet das aufgrund ihrer schon laufenden Intimität lustig

- in den nächsten sechs Wochen beginnt Michael sie Hanna zu nennen, was der Erzähler in der Retrospektive übernimmt

- dabei steht der Name Hanna immer mehr als Chiffre für das Glück der Vergangenheit und für die Sehnsucht nach Liebe

- Im Verlauf der Beziehung entwickelt sich Michael immer mehr von einem ängstlichen Pubertierenden zu einem Mann Ö er gewinnt an Stärke und fühlt sich in seinem eigenen Körper wohl (S.41)

- auch die Kommunikation mit seinem Umfeld wird durch sein selbstbewußteres Auftreten beeinflußt (Umgang mit Mitschülern)

- er wird erwachsen und löst sich aus seinem Elternhaus

- Hanna bindet Michael sexuell ; Michael sie durch das Ritual des Vorlesens

- dabei bestimmt sie die Spielregeln : Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bißchen beieinander liegen

- auf diese Reihenfolge besteht Hanna - Reinigung = Zwang ?

- Reihenfolge enthält eine Schlüsselfunktion in der Beziehung : Wasser als Element der Reinigung und Erneuerung

- Taufe = symbolisch Sieg über den Tod ; Baden : ein und abtauchen : Michael Taufe zum Mann durch Hanna

- trennende Realitäten (Alter, soziales Gefälle) werden aus der Beziehung ausgeschlossen

- Michael : 15, Professorsohn, kommt aus der Welt der Literatur, Biedermeiermöbel und der klassischen Musik

- Hanna : Analphabetin, die Welt der Literatur ist ihr fremd, arbeitet als Schaffnerin und lebt in einer spärlich möblierten Wohnung

- dem Nicht-Kommunizierbaren geben die beiden keinen Raum

- Michael : Beziehung an sich ; Hanna : das Verbrechen und Gebrechen (ihre Vergangenheit)

- nach einer glücklichen Phase treten diese Probleme in den Vordergrund

- die beiderseitigen Ängste verlassen bzw. verletzt zu werden führen zu Machtkämpfen

- dabei tritt zunächst Michael als der emotional abhängigere hervor, der sich immer wieder demütigen läßt, aus Angst Hanna zu verlieren

- Schlüsselszene Straßenbahnfahrt : Michale denkt auf Hanna Reaktion, dass sie ihn in der Öffentlichkeit nicht kennen will oder hat Michael die Schranken ihrer Beziehung (Ritual etc) überschritten ??

- er schlußfolgert, dass er nie wirklich Bestandteil ihres Lebens war, und nie einen richtigen Platz darin einnahm

- als sie am Nachmittag versuchen das Geschehene zu besprechen, reden die beiden aneinander vorbei und Michael nimmt schließlich alle Schuld auf sich aus Angst Hanna zu verlieren

- auf das Gefühl des Verlassenwerdens und der Einsamkeit reagiert Michael mit dem Betteln nach Liebe

- ebenfalls Muster der Beziehung : Michael weint, bettelt nach Liebe, erniedrigt sich, kapituliert; Hanna erkaltet, verschließt sich, mimt die Unverletzliche und Unberührbare

- die Situation auf der Fahrradtour zeigt allerdings, dass das nur Fassade war, und das Hanna eine Frau ist, die Angst davor hat verletzt zu werden

- denn nun wechseln die Rollen: Hanna anschmiegsam, schwach, bedürftig

- Hanna spielt die Macht über Michael nur aus, um der Illusion Herr zu werden

- im weiteren Verlauf emanzipiert sich Michael von Hanna

- sein Denken bezieht sich nicht nur noch um sie, sondern kreist immer mehr um seine Altersgenossen

- Interesse für die gleichaltrige Sophie

- er verheimlicht die Beziehung mit Hanna vor seinen Freunden

- rückblickend wird dieses Verhalten als Verrat und Verleugnen bezeichnet

- Hanna verschwindet plötzlich spurlos

- es steht die Frage offen, ob sie wegen der Perspektivlosigkeit ihrer Beziehung oder wegen der zunehmenden Distanzierung Michaels geht

Die Motive Hannas und Michaels

Hanna Michael

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

D) Die Hausträume Michaels

- Die Wiederholungsträume (S. 9 -11)

- Hausträume spiegeln die Bedeutung der Beziehung Michaels zu Hanna wieder

- nach Freud steht das Haus für die „noch immer ersehnte Behausung, in der man sicher war und sich wohl fühlte“

- Hannas Haus - von dem er immer wieder träumt - in der Bahnhofstraße steht für das Ritual der Liebenden

- Bedeutung : Beruhigung und Verwirrung zugleich, Geborgenheit, Sehnsucht & Zugehörigkeit

- Michael sucht sein ganzes Leben danach Ö unerfüllte Sehnsucht

- er sieht dieses Haus in den verschiedensten Umgebungen - es bleibt für ihn aber immer verschlossen ebenso wie Hanna ihm immer verschlossen und geheimnisvoll blieb

- „Das Haus ist blind“ (S.10)

- Hanna und Michael haben beide Anteil daran, dass das Haus verschlossen blieb

- das Haus in seiner Abgeschiedenheit und Blindheit ermutigt nicht es zu öffnen, allerdings wäre es

Michaels Aufgabe diese Initiative zu übernehmen „ Aber ich öffne die Tür nicht“ (S. 11)

- die Heimkehr, die auch eine Selbstfindung wäre gelingt nicht

- Michaels Schicksal spiegelt sich in dem Schicksal Odysseus’, der genau wie er die Sehnsucht nach einem Zuhause nicht abwirft und dadurch die Suche nach Beheimatung Züge existentiellen Heimwehs aufweist

- der amerikanische Traum S. 199 f.

- Michael träumt die Erfüllung seiner Sehnsüchte

- heitere, gelassene Stimmung

- er träumt seinen Alltag mit Hanna in „herbstbunter“ Landschaft, der noch schöner ist, als die Realität war

- die Realität - ein gealterte Hanna im Gefängnis - wird hierbei verdrängt und er sieht nur noch die Hanna seiner Jugendtage

- dadurch wird deutlich, dass er es noch nicht geschafft hat, die Vergangenheit in die Gegenwart zu integrieren

- die Erfüllung einer Heimat findet nur in seinen Träumen statt, danach bleibt die ungestillte Sehnsucht und Heimatlosigkeit bestehen und zwar „so stark, dass sie weh tat“ (S.200)

- Traumdeutung : Freud & Jung

- Freuds Interpretationen

- es wird deutlich, dass eine einsinnige Symbolauflösung im Sinne der freudschen Traumdeutung zu kurz greift

- Traumsymbole sind ambivalent und uneindeutig; spiegeln Erfahrungen der Träumenden wieder

- die basieren auf lebensgeschichtlichen Spuren, die in Traumsymbolen präsent sind

- deren Bedeutungsgehalt kann nur erahnt, nicht aber fixiert werden

- so kann die Bedeutung des „Hausträume“ nur spurenhaft vom Leser durch die Lebensgeschichte des Erzählers nachgespürt werden

Deutung der Hausträume

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Analyse der Hausträume :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

E) Michael und seine Familie

1. Welche Rolle spielt sein Vater ?

- Familienoberhaupt
- straft die Kinder
- trifft die Entscheidungen
- alle schauen zu ihm auf
- kümmert sich wenig
- geistige Autorität
- ist distanziert
- ihm sind seine Kinder manchmal lästig - „Haustiere“

2. Welche Rolle spielt die Mutter ?

- umsorgt die Kinder
- hat Angst um den kranken Michael
- bewundert ihren Mann
- will, dass ihr Mann Erziehungsaufgaben übernimmt

3. Welches Verhältnis hat Michael zu seiner Schwester ?

- sie ist die typische kleine freche Schwester
- glaubt Michael

4. Welches Verhältnis hat Michael zu seinen älteren Geschwistern ?

- die Schwester prüft ihn kritisch
- distanziert
- der ältere Bruder will ihm überlegen sein, nörgelt, ist mißtrauisch

5. Welches Verhältnis hat Michael zu seinem Vater ?

- wünscht sich Zuwendung und Nähe, die er nicht bekommt
- distanziert
- fühlt sich wie ein Haustier, als Sohn nicht ernst genommen

6. Wie steht Michael zu seiner Familie ?

- er distanziert sich
- liebt seine Mutter
- ist hin - und hergerissen , halb da, halb schon weg
- sieht alle recht nüchtern
- er löst sich ab, verabschiedet sich ( Hanna! )

F) Hanna und ihr Leben als Analphabetin

- Hannas gesamter Lebensweg ist durch ihre Disposition als Analphabetin bestimmt

- dieses Defizit versucht sie krampfhaft zu verbergen

- lässt sich im Laufe ihres Lebens immer wieder vorlesen : KZ-Mädchen, Michael, Kassetten

- Lebensweg ist durch das Bemühen bestimmt, ihr Geheimnis zu verbergen

- z.B. nimmt den Job als Aufseherin an, bei dem sie nicht lesen und schreiben können muss, bezichtigt sich selbst während der Gerichtsverhandlung fälschlich den Bericht geschrieben zu haben, der sie schwer belastet

- Scham über ihr Unvermögen ist größer als die Scham als Hauptschuldige verurteilt zu werden

- vor diesem Hintergrund erscheint ihr Analphabetismus Hanna moralisch zu entlasten, da sie selbst ihr Getanes nicht verstehen bzw. „buchstabieren“ kann

- erst als sie während der Haft lesen und schreiben lernt, scheint sie es zu verstehen und die Schuld einzugestehen

- dadurch wirkt ihr Freitod als ein Eingeständnis ihrer eigenen Schuld

Hannas Reaktionen, wenn sie mit Schrift konfrontiert wird

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

G) Schuldthematik

a) Aspekte von Schuld

- Schuldthematik zentrale Bedeutung im Roman

- Schuldbegriff : mehrdimensionale Kategorie des Selbst- und Fremdbewertung menschlichen Verhaltens

- es gibt bei der Bewertung von Schuld immer mehrere Beurteilungsinstanzen : Das Gewissen, von dem sich das Individuum selbst als schuldig erfährt, und andere Personen oder Gruppen und deren Wertvorstellungen, in der Gesellschaft geltende Normen, Gesetzesregelungen oder religiöse Grundlagen

Fragen, die im Roman aufgeworfen werden :

1. Schuldfrage hinsichtlich der Haupt - und Nebenfiguren

2. die Frage der Kollektivschuld in Abgrenzung der Schuld des Einzelnen

3. das Problem der Bewertung der Schuld

4. die Mechanismen zur Verarbeitung/ Überwindung von Schuld

5. die Probleme der nichtbetroffenen Nachkriegsgeneratio

6. die Frage nach der Schuld der dritten Generation

Schuld

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

b) Gerichtsverhandlung - die Schuld Hannas

- im zweitem Teil wird die Schuld Hannas thematisiert, ohne jedoch Hanna zu dämonisieren oder zur Symphatiefigur empor zu heben

- die Provokation des Buches, liegt in dem Blickwinkel, aus dem Hanna beschrieben wird

- sie wird nämlich nicht als Monster dargestellt

- ihr Analphabetismus verstärkt diese Sichtweise, da sie so auch als Opfer zu sehen ist

- diese fasziniert den Leser, irritiert und bedrückt ihn aber auch zu gleich da Hanna ihnen so unbehaglich nah kommt

- Gerichtsverhandlung beginnt 1966 in Darmstadt

- es ist einer der KZ-Prozesse - aber „keiner der großen“

- Hanna ist mit weiteren vier Frauen angeklagt, die im Frühjahr 1944 von Ausschwitz in ein kleineres Lager in der Nähe von Krakkau versetzt wurden

- Hauptzeugen sind die einzigen Überlebenden des „Todesmarsches“ - eine Mutter mit ihrer Tochter

- Mutter mußte in Israel vernommen werden, die Tochter - die in den USA lebt - ist nach

Deutschland gekommen

- erste Hauptanklagepunkt : Selektionen im Lager (jeden Monat rd. 60 Frauen in den Tod geschickt

- zweite Hauptanklagepunkt: Verhalten der Aufseherinnen während der Bombennacht auf dem

Todesmarsch

- mehrere hundert Frauen wurden in eine Kirche gesperrt und als diese - von einer Bombe getroffen - brannte schloß niemand die Tür auf

- Michael gerät in das Dilemma eine Frau verurteilen zu müssen, die er doch so geliebt hat

- er verfolgt daher die Verhandlung wie betäubt „Ich fühle nichts“ (S.96)

- er steht neben sich und nimmt Hanna als Fremde war und kann keine innere Haltung gegenüber den Greultaten finden, mit denen er konfrontiert wird

- „Wenn ich versuchte es zu verstehen, hatte ich das Gefühl es nicht mehr so zu verurteilen, wie es eigentlich verurteilt gehörte“ (S.151)

- obwohl Hanna mit ihrer eigenen Biografie konfrontiert wird, läßt sie dies nur vordergründig an sich heran

- Hannas Schilderungen über die Nacht zeigen, dass sie stark in die Rolle der Aufseherin eingestiegen war und die Rollenerwartungen stark verinnerlicht hatte

- eine wirkliche Reflexion über diese Dinge ist von außen nicht wahrnehmbar

- an dem Verbrechen an ich deutelt sie nicht herum, zeigt aber auch keine Art der Auseinandersetzung

- als der Richter durch gezielte Fragen Hannas Schuldempfinden provozieren will, fragt sie ihn „Was hätten sie den gemacht?“ (S.107)

- die Antwort des Richters erscheint im Kontext recht kläglich

- Im Kreuzverhör um die besagt Nacht erwidert Hanna, dass sie nicht wußten, wie sie anders hätten reagieren sollen, was ein weiteres Mal nahelegt, wie tief sie in das System integriert war

- mit Michael ist der Leser ratlos, und fragt sich, ob dies grenzenlose Dummheit, Naivität oder schlichtes Leugnen der eigenen Schuld ist

- Michael fragt sich, ob es sich bei den Vorleserinnen um Schützlinge handelt, oder ob Hanna die Frauen kaltblütig in den Tod geschickt hat, weil sie ihren Analphabetismus nicht länger verbergen konnte

- inwiefern entschuldigt ihre Angst vor der Bloßstellung ihre Schuld ?

- inwiefern macht sie sich gerade wegen ihrer Angst schuldig ?

- Michael beschließt, dass Hanna sich gerade aus dieser Angst damit abgefunden hat, die volle Schuld auf sich zu nehmen

- Hannas Unfähigkeit lesen und schreiben zu können ist ihr größter Nachteil während der Verhandlung

- s. Beweismittel Buch, Protokoll, Bericht

- Hannas anfänglicher Kampfgeist nimmt zum Ende hin ab, was als Schuldeingeständnis verstanden wird

- außerdem verschlimmert Hannas Verteidiger durch seine überhasteten Formulierungen ihre Situation

- allerdings verschlimmert auch der Punkt, dass Hanna ihn nicht ins Vertrauen zieht ihre Situation

- Hannas Mitangeklagte stellen es so dar, als ob Hanna den Bericht verfasst hat, wodurch sie zur Anführerin der Aufseherinnen hochkatapultiert wird

- Der Figur und der Schuld Hannas kann man nur gerecht werden, wenn man ihren Analphabetismus als Handlungsmotiv berücksichtigt

- dies ist vor Gericht nicht der Fall, da Hanna und Michael beide Schweigen H) Michael schuldig ?

- Schuld der Nachgeborenen wird parabelhaft in der Beziehung zwischen Hanna und Michael

dargestellt

- hierbei ist es aber nicht die Auseinandersetzung mit der Elterngeneration sondern die mit der Geliebten

- dadurch gerät die Nachegborenengeneration in größere Nähe - Intimität und Partnerschaft

- Frage : Entstehung von Schuld

- Frage : Grenzen der Schuld

- der Erzähler rekapituliert hierbei das Verhältnis der 68er- Generation zu ihren Eltern

- er fühlt sich als Teil der politischen Avantgarde, die sich zur Aufarbeitung der Vergangenheit erhoben haben

- er besitzt das Gefühl der moralischen Reinheit

- er glaubt klar zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, bis er seine einstige Geliebte auf der Anklagebank wiedererkennt

- von diesem Moment an dominieren Fragenkaskaden und Überlegungen Michaels (S.100,127,128,132,138,162)

- Michael kann seine eigene Verstrickung in den Konflikt zwischen Verständnis und Verurteilung nicht schaffen

- er wird zum Außenseiter im Bezug zu seinen Kommilitonen

- er kann sich wie sich nicht so leicht von einer Mitverantwortung freisprechen

- Michael wurde vom Zuschauer zum Teilnehmer (aktiv!!), da es in seiner Macht liegt ihren Analphabetismus aufzudecken

- Hier ergibt sich eine Analogie zu Hannas Entscheidungssituation in der Brandnacht

- er besitzt den Schlüssel zu Hannas Geheimnis, wie sie zur Kirche

- Gebietet es sie Moralität Hanna zu entlasten, oder ihre freie Entscheidung zu akzeptieren

- er sucht Rat bei seinem Vater

- er sagt das es die Würde und Freiheit des Individuums verbieten würden, sie zu entblößen (Philosphieprofessor)

- die Option des Nicht-Handelns erscheint ihm als beruhigend aber nicht verantwortungsbewußt

- Michael hat Angst Hanna gegenüber zu treten, weswegen auch kein klärendes Gespräch stattfindet

- er fragt sich welche Bedeutung er für Hanna hatte : „Und wer war ich für sie ? Der kleine Vorleser, den sie benutzt hat, der kleine Beischläfer mit dem sie ihren Spaß hatte? Hätte sie mich auch ins Gas geschickt, wenn sie mich nicht hätte verlassen könne, aber loswerden wollte ? (S.153)

- Ist es die Achtung vor ihrer Freiheit, die ihn letztendlich schweigen läßt ?

- seine Retrospektive zeigt, dass es nicht nur moralische Erwägungen waren, die ihn schweigen ließen

- das Schweigen läßt ihn sich ein weiteres Mal schuldig vorkommen

- nach dem Prozessende flieht er vor seiner Vergangenheit und übt keinen „handfesten juristischen Beruf aus“ (171)

- für ihn ist die Schuld l deutlich geworden und jeder angemessene Urteilsspruch eine groteske Vereinfachung darstellen muß

- er wird in seiner Ehe mit Gertrud nicht glücklich

- er ist immer noch von Hanna gefangen und vergleicht jede Frau mit ihr

- er läßt sich von Gertrud scheiden, was ihn wiederum schuldig werden läßt

- im dritten Teil versucht er seine Schuld gegenüber Hanna zu sühnen, indem er Kassetten bespricht (er nimmt die Rolle des Vorlesers wieder ein)

- er hilft ihr damit, ihr Handicap zu überwinden (Ironie)

- er selbst muß sein eigenes Defizit allerdings einsehen, da er es nicht fertiggebracht hat sie zu besuchen

- Lebensmuster : vor der eigenen Schuld davon laufen, es aber nicht zu schaffen, da er sich zu sehr darin verstrickt glaubt

- Michael ist es nicht mehr möglich, mit dem Finger auf Hanna zu zeigen, da dieser auf ihn zurückzeigt

- Schlinks Sicht über das Verhältnis von „erster“ und „zweiter“ Schuld

„ Es war die Schuld derer, die die Verbrechen des Dritten Reiches begangen haben, wie auch derer, die zugesehen haben und nicht eingeschritten sind oder überhaupt weggeschaut haben. Die Rechtsgeschichte lehrt uns, wie Schuld sogar die verstrickt, die nicht einmal Zeugen des Verbrechens waren.

In den früheren Stammeskulturen hatte, wenn ein Angehöriger einer Gemeinschaft gegenüber einem Angehörigen einer anderen Gemeinschaft ein Verbrechen begingt, seine Gemeinschaft die Wahl, ihn auszustoßen oder ihn bei sich zu halten. Behielt sie ihn bei sich , gewährte sie ihm Solidarität, dann teilte sie auch seine Schuld, übernahm gegenüber, übernahm gegenüber der anderen Gemeinschaft Verantwortung und Haftung. Solidargemeinschaft ist auch Schuldgemeinschaft . Ähnlich haben die Deutschen, die Täter der ersten Generation nicht ausgestoßen, sondern als Mitbürger, Politiker, Richter, Professoren, Lehrer und Eltern akzeptiert haben, an deren Schuld teil.“

- indem mit Michael ein Mitglied der „zweiten“ Generation auftritt, dass seine Verstrickung erkennt, wird die Schuldverstrickung der „zweiten“ Generation parabelhaft verdeutlicht

- Michael kann auf niemanden mit dem Finger zeigen, da dieser auf ihn zurückweist

- die Involvierung in die Schuld der nächsten Generation, wird durch die Verbundenheit ( durch Liebe z.B.) hergestellt

- die Wahl der Liebesbeziehung zu Hanna muß Michael für sich eingestehen, da „Solidargemeinschaft = Schuldgemeinschaft“ ist

- der Moment der Wahl unterscheidet die Liebesbeziehung von einer Eltern-Kind-Beziehung

- sie ist die einzige Form von Liebe, für die niemand verantwortlich ist (162)

- aber auch in ihr wird man mit der schuld verstrickt (163)

wichtige Textstellen : S. 87, 151, 129, 137-138, 162, 163, 164-165

I) Die Schuldfrage und die Generation der „Nachgeborenen“ heute

- wie steht es mit der Schuld der dritten Generation

- die dritte Generation steht nicht vor der Wahl Solidarität mit den Tätern zu üben bzw. es zu verweigern

- in dieser Generation herrscht: breites Spektrum echter Betroffenheit, aber auch Gleichgültigkeit, Ablehnung , „Flirt“ mit faschistischen Gedankengut

- hat mit dem Ende des Schuldzusammenhangs zu tun

- das Vermächtnis an die dritte Generation besteht allerdings trotzdem - Verantwortung

- die Fragen nach dem warum, dem wer, dem wie

J) Hannas Entwicklung während der Haft und ihr Selbstmord

- erst durch Michaels Kassetten und ihr dadurch erfolgendes erlernen des Lesens und Schreibens während der Haft stellt sich bei Hanna ein Unrechtsbewußtsein ein

- sie ist in der Lage ihr Handeln zu „buchstabieren“ (verstehen) und die Tragweite zu erkennen

- „Indem Hanna den Mut gehabt hatte, lesen und schreiben zu lernen, hatte sie den Schritt aus der Unmündigkeit zur Mündigkeit getan, einen aufklärerischen Schritt“ (178)

- sie studiert die Literatur der Aufarbeitung der NS-Zeit (193-194)

- damit geht ein gewandeltes soziales Verhalten einher :

- zuerst lebte sie wie im Kloster (196), akzeptierte nur die Frauen, die ihr eine Art Schiedsfunktion zusprachen und ihr äußeres Erscheinungsbild war immer gepflegt

- nachher ist sie ungepflegt („sie wurde dick und roch“), lebte im Gefängnis wie eine Einsiedlerin, in freiwilliger Isolation

- bei ihrem ersten und letzten Widertreffen sieht sie Michael als alte Frau wieder

- Michael riecht das Gealtertsein - Geruch : er erinnert sich an den Geruch Hannas und empfindet sie zu alt für ihren Geruch (er nennt ihn einen Fluch)

- stellt das Wissen über ihre Vergangenheit Hanna in Michaels Augen in ein anderes Licht ?

- Verliert sie dadurch sein Attraktivität ?

- Hannas Zerfall deutet ihren Tod an

- sie sagt bei der Begegnung, dass sie sich gegenüber den Toten verantwortlich fühlt - den nur die Toten, die sie ins Gefängnis begleiten, verstehen (187)

- die Mitmenschen in ihrer Umgebung verstehen sie nicht - sie ist ihnen deswegen auch keine Rechenschaft schuldig

- dies könnte ein Grund für die Isolation sein und für den Suizid

- bei den lebenden findet sie kein Verständnis, sondern nur bei den Toten

- Hanna nimmt sich das Leben

- Testament : ihr erspartes Geld soll Michael den überlebenden des Kirchenbrandes bringen

- Wiedergutmachungsversuch oder Freikaufen von Schuld ?

- Hannas Beweggründe bleiben unklar , genau wie ihr Tod

Mögliche Motive für Hannas Suizid :

− Keiner versteht sie, ihre Situation ist anderen unvermittelbar

− sie wird mit ihrer Schuld nicht fertig, weil sie sie nicht wiedergutmachen kann, sie kann der Gesellschaft nicht unter die Augen treten

− ihre Schuld wird, durch die Lektüre der Werke von KZ-Opfern ausgelöst

− sie hat mit dem Leben innerlich schon abgeschlossen

− Michael ist ihr Lebensmittelpunkt und ein Leben mit ihm ist nicht möglich

− sie hat den Analpabetismus überwunden, aber nicht die Minderwertigkeitskomplexe

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Schlink, Bernhard - Der Vorleser
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V106635
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schlink, Bernhard, Vorleser
Arbeit zitieren
Catharina Huhle (Autor), 2002, Schlink, Bernhard - Der Vorleser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106635

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