Erotische Raummetonymik in Achim v. Arnims Die Majoratsherren


Seminararbeit, 2000

24 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1 Zielsetzung

2 Zur Textgestalt

3 Muster erotischer Chiffren
3.1 Raummetonymik
3.2 Lexikon
3.3 Körperteilfiguren
3.4 Intertextualität

4 Formen der Erotik

5 Erotik in „Die Majoratsherren“
5.1 Figurenkonstellation
5.2 Erotische Paarbildung
5.3 Erotisches Paar Esther - Majoratsherr
5.3.1 Chiffrierte Erotik
5.3.2 Raumbindung
5.3.3 Überwindung der räumlichen Trennung
5.3.4 Gescheiterte Raumüberwindung

6 Erotisches Paar Hofdame - Vetter
6.1 Chiffrierte Erotik
6.1.1 Räume der Figuren Leutnant und Hofdame
6.1.2 Raummerkmale Leutnant und Hofdame
6.1.3 Semantisierung der Räume um Leutnant und Hofdame

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Zielsetzung

Das Ziel dieser Arbeit ist es zu analysieren, ob in Achims v. Arnim „Die Majoratsherren“ Erotik anhand der Semantisierung von Räumen chiffriert dargestellt wird.

Dazu werde ich auf die beiden Haupt-Liebespaare, nämlich Majoratsherr - Esther und Leutnant - Hofdame, näher eingehen. Dabei lege ich das Augenmerk insbesondere auf die Räume, die die jeweiligen Figuren umgeben und untersuche, wie die Beschaffenheit dieser Räume als Hinweis auf die erotische Beziehung zwischen den Figuren gedeutet werden kann.

Um eine durchgängige Argumentation des Wesens der Verschlüsselung erotischer Phantasien in den Texten der Goethezeit zu erreichen, werde ich in den einleitenden Kapiteln 3 und 4 darlegen, wie die Notwendigkeit der Chiffrierung entstanden ist und wie sie in den meisten Fällen erreicht wird.

Nicht Gegenstand meiner Arbeit ist es, einen intertextuellen Bezug zu anderen erotisch beladenen Werken Arnims (z.B. „Isabella von Ägypten, Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe“) bzw. zu anderen Werken, insbesondere denen, die sich ebenfalls mit dem Thema des Majorats auseinandersetzen (z.B. E.T.A. Hoffmann: Das Majorat), herzustellen.

2 Zur Textgestalt

Die Erzählung „Die Majoratsherren“ wurde erstmals im Herbst 1819 im Taschenbuch zum geselligen Vergnügen abgedruckt und veröffentlicht. Dieser Zeitraum ist dem Spätwerk Arnims zuzuordnen.

Bei der Erstellung dieser Erzählung ließ sich Arnim von verschiedenen äußeren Einflüssen inspirieren. Im folgenden sind die wichtigsten Einflußfaktoren und ihre Wirkung auf die Erzählung tabellarisch dargestellt1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Muster erotischer Chiffren

Die Zeit der Spätaufklärung, die ich mit der Goethezeit gleichsetze, war in Deutschland durch bedächtiges Mittelmaß geprägt. Im europäischen Vergleich hielt die Aufklärung deutlich später Einzug als beispielsweise in England oder Frankreich.

Diese zögerliche Haltung Veränderungen gegenüber machte sich auch in der Literatur der Goethezeit bemerkbar. Auf der einen Seite war sich die Gesellschaft, insbesondere die Autoren unter ihnen, der tatsächlich eingetretenen Veränderung längst bewußt. Auf der anderen Seite jedoch hielt man sich an das kollektive Normengefüge, das die explizite Aussprache von tabuisierten Themen untersagte. Ein solches Tabuthema war auch die Erotik.

Die Autoren sahen sich also zu einer Kompromißbildung gezwungen, die Themen, die ihnen am Herzen lagen, anzusprechen, ohne die geltenden Sitten zu verletzen. Eine Art, diesen notwendigen Kompromiß zu bilden und damit die kulturelle Leugnung der Sexualität zu umgehen, war die Verwendung von Chiffren.

Untersucht man die Literatur der Goethezeit genauer nach dem verschlüsselten erotischen Inhalt, so stellt man fest, daß das Thema Erotik keineswegs eine Randstellung, sondern im Gegenteil eine sehr zentrale Rolle in der Literatur der Goethezeit spielt. Die Kunst, erotische Themen gekonnt zu verschlüsseln, zieht sich dabei bis in die Zeit des Realismus und darüber hinaus fort.

Die verwendeten Chiffren jedoch bleiben annähernd immer dieselben. Ihre Ursprünge in der Goethezeit lassen sich an den folgenden Grundpfeiler- Werken erotischer Chiffrierung festmachen:

Dramen:

- G. E. Lessing: „Nathan der Weise“ und „Emilia Galotti“
- J. W. Goethe: „Faust“ und „Iphigenie auf Tauris“

Erzählungen:

- E.T.A. Hoffmann: Rat Krespel und „Der Sandmann“
- L. Tieck: „Runenberg“ und „Liebeszauber“

Die in diesen Werken verwendete Chiffrierung wird immer durch die Anwendung eines oder mehrerer der folgenden Muster erreicht:

- Raummetonymik;
- Wortwahl (Lexikon);
- Körperteilfiguren;
- Bezug auf bekannte andere Texte, in denen die Erotik in durchschauten Chiffren oder „pur“ vorliegt (Intertextualität);

Durch diese Grundmuster der Chiffrierung lassen sich verschiedene Stufen der Sublimierung des Themas Sexualität erreichen.

Folgende Abbildung gibt einen Überblick über das mögliche Stufenschema der Sublimierung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im folgenden werden die erwähnten Grundmuster der Chiffrierung kurz erläutert.

3.1 Raummetonymik

Bei der Chiffrierung der Erotik durch Raummetonymik wird die Semantisierung von Raummerkmalen zur Körpernachbildung verwendet. Diese Raummerkmale lassen sich von Eigenschaften des menschlichen Körpers bis hin zu künstlich vom Menschen geschaffenen Raummerkmalen dehnen. Im einzelnen sind dies beispielsweise:

- Körperöffnungen, z.B. Schweißporen als kleinste Einheit
- Kleidung
- Behausung
- Landschaftliche Umgebung

Ein besonders ergiebiges Beispiel für die Semantisierung von Raummerkmalen zur Verschlüsselung von erotischen Inhalten ist „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis. Im ersten Kapitel, erster Teil, werden hier in den Träumen zweier Figuren erotische Phantasien anhand von Landschaftsmerkmalen in der Traumlandschaft nachgezeichnet.

Ein weiteres Beispiel für die Verwendung der Raummetonymik zur Chiffrierung ist die Erzählung Rat Krespel in der Sammlung „Die Serapionsbrüder“ von E.T.A. Hoffmann2. Hier ist insbesondere die eigenwillige Hausgestaltung des Rat Krespel zu erwähnen.

Auf diese beiden Grundpfeiler der erotischen Chiffrierung greifen auch Texte des Realismus zurück. Zwei herausragende Werke hierbei sind „Der arme Spielmann“ von Franz Grillparzer und „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Gottfried Keller.

Im Spielmann wird insbesondere die konsequente Fortführung der Raummetonymik vom Körper bis hin zu der Stadtmauer Wiens vorgeführt. Bei Romeo und Julia wird das sexuelle Verhalten der Kinder zweier Bauern durch die Behandlung dreier Äcker vorausbestimmt.

3.2 Lexikon

Ein weiterer Indikator für eine erotische Chiffre ist die im Umfeld verdächtiger Stellen verwendete Sprache. Augenscheinlich läßt sich das an dem Text „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ verdeutlichen. Hier wird zum Beispiel von den folgenden Dingen gesprochen, bei denen der Leser neben Ihrer offensichtlichen Bedeutung eine weitere Bedeutungsebene assoziiert.

„[...] es ist ein ganz absonderlicher Spaß von dir, wenn du nun einen solchen lächerlichen und unvernünftigen Schnörkel dazwischen bringen willst, und wir beide würden einen Übernamen bekommen, wenn wir den krummen Zipfel da bestehen ließen.[...]“3.

3.3 Körperteilfiguren

Eine besonders interessante Art der Chiffrierung erotischer Inhalte ist die Verwendung von sogenannten Körperteilfiguren. Dies sind Figuren, die menschenähnliches Verhalten an den Tag legen, nicht aber dem menschlichen Seinsbereich angehören.

Folgende Abbildung verdeutlicht mögliche Seinsstufen und die Positionierung von Körperteilfiguren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Körperteilfiguren zeichnen sich dadurch aus, daß sie entweder im geistig - mystischen Bereich oder im elementar - dämonischen Bereich angesiedelt sind. Gemeinsam ist ihnen stets das Bemühen, in den menschlichen Bereich vorzudringen.

Weiterhin zeichnen sich Körperteilfiguren dadurch aus, daß sie räumlich nicht gebunden sind, das heißt ständig unerwartet auftauchen oder verschwinden können. Schließlich lassen sie sich nicht auf eine Dimension festlegen, d.h. sie sind mal winzig klein, mal riesig groß, also immer überraschend in ihrem Auftreten.

Im goethezeitlichen Erzählwerk läßt sich das Auftreten einer Körperteilfigur am besten in dem Märchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ von E.T.A. Hoffmann festmachen4. Ein weiteres Beispiel für eine Körperteilfigur ist der Krug in „Der zerbrochene Krug“ von Kleist. In den Texten des Realismus kommt zum Beispiel in „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ eine Körperteilfigur in Form des schwarzen Geigers vor.

3.4 Intertextualität

Die Chiffrierung durch Anspielung auf andere Texte, in denen die Erotik offen oder in durchschauten Chiffren zu Tage tritt, unterstützt meine These, daß sich eine Vielzahl der Werke auf die oben genannten Grundpfeiler in der Literatur stützen. So läßt sich zum Beispiel die Chiffrierung durch Raummetonymik oft unter Einbeziehung des „Heinrich von Ofterdingen“ aufdecken.

4 Formen der Erotik

Die Formen der Erotik, die in Texten chiffriert dargestellt werden, sind vielfältig. Im folgenden stelle ich eine Übersicht über denkbare Formen der Liebe dar. Diese Übersicht ist der Vorlesung von Hoffmann im Sommersemester 2000 an der Ludwig-Maximilans-Universität München (LMU) entnommen.

Spontane Liebe

Diese Form der Liebe kommt durch den visuellen Kontakt zweier Figuren zustande. Ausschlaggebend hierfür ist insbesondere das plötzliche Bewußtwerden der Liebe in einem „Augen-blick“.

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Details

Titel
Erotische Raummetonymik in Achim v. Arnims Die Majoratsherren
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Hauptseminar: Erotische Chiffrierung in Texten der Goethezeit und des Realismus
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
24
Katalognummer
V106695
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Erörterung, ob raumsemantische Merkmal in den Majoratsherren zur Chiffrierung von Erotik angewendet werden.
Schlagworte
Erotische, Raummetonymik, Achim, Arnims, Majoratsherren, Hauptseminar, Erotische, Chiffrierung, Texten, Goethezeit, Realismus
Arbeit zitieren
Christof Stotko (Autor), 2000, Erotische Raummetonymik in Achim v. Arnims Die Majoratsherren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106695

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