Bernhard, Thomas - Heldenplatz - Die Politisierung des Theaters im Stück #


Referat / Aufsatz (Schule), 2002

10 Seiten, Note: 13 Punkte


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Die Politisierung des Theaters in „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard

1. Biographie

- geboren am 9.2.1931 in Heerlen in Holland, gestorben am 12.2.1989 in Gmunden, Österreich
- wächst u.a. in einem nationalsozialistisch geführtem Internat auf
- Großvater Josef Freumbichler drängt auf künstlerische Ausbildung
- mit 20 Jahren, Aufenthalt in Senatorien und Lungenheilkliniken auf Grund einer Lungentuberkulose
- erster Roman „Frost“ (1963) ermöglicht ihm, als freier Schriftsteller zu arbeiten
- läßt nach seinem Tod mit testamentarischen Verfügung ein Aufführungsverbot durchsetzen (erst 1998 wieder aufgehoben)

2. Typische Motive in Bernhards Werken

- Werke durch tiefe pessimistische Weltanschauung geprägt
- Tod als zentrales Motiv, z.B. „Auf der Erde und in der Hölle“ (1957)
- frühe lyrische Werke durch düstere melancholische Stimmung geprägt
- Kritik an gesellschaftlichen Mißständen in Österreich, z.B. „Beton“ (1982), „Auslöschung“ (1986)
- Versagen philosophischer Weltgebäude, z.B. die „Weltverbesserer“ (1979)
- Zahlreiche autobiographischen Werke, handeln von seiner Jugend voller Demütigungen, die seine Lebenssicht begründen, z.B. „Die Kälte“ (1981) oder „Die Ursache“ (1975)
- Protagonisten häufig „Geistesmenschen“

3. Die Metapher „Heldenplatz“

- Heldenplatz als Zentrum der politischen Macht
- „Heldenplatz 1938“: Okkupation Österreichs durch deutsche Truppen am 12.3.1938
- sog. „Anschluß“ Österreichs eher eine „festliche Revolution“ als ein ausländischer

Militärcoup, kaum Widerstand

4. Inhaltsangabe

Im Mittelpunkt der Handlung steht der jüdisch-österreichische Mathematikprofessor Josef Schuster, der sich 50 Jahre nach der Annektierung Österreichs das Leben nahm. Anläßlich des Begräbnis treffen sich Verwandte und enge Freunde und reflektieren sein Leben. Als Professor J. Schuster von Oxford auf seinen Lehrstuhl in Wien zurückkehrt, gibt es für ihn auf Grund des nationalistischem und antisemitischem Verhalten der österreichischen Gesellschaft keinen anderen Ausweg als Selbstmord in der Nähe des Heldenplatzes zu begehen, von welchem seine Frau ständig das Jubeln der Massen hört.

5. Die Politisierung in „Heldenplatz“

- politische und gesellschaftliche Kritik gegen den österreichischen Staat über die Person des vestorbenen Professor Josef Schuster

- Österreich als Zentrum des Nationalsozialismus und des Antisemitismus:

- antisemitisches Verhalten der Österreicher gegenüber jüdischen Mitmenschen
- Korruption in Politik und Gesellschaft
- unseriöse Medien
- geistiger und kultureller Verfall
- Morallosigkeit der Gesellschaft

→ Österreich als „geist- und kulturlose Kloake / die in ganz Europa ihren penetranten Gestank verbreitet“ (S.97)

→ Sozialisten als „die eigentlichen Totengräber Österreichs“ (S.98)

6. „Heldenplatz“ - ein Medienspektakel

- Uraufführung des Theaterstückes am 4.11.1988 begleitet von Skandalmeldungen der Presse, besonders der Boulevardpresse
- Aufführung wurde gezielt zum Medienereignis gemacht, Skandalträchtigkeit wurde inszeniert
- keine kritische Auseinandersetzung mit dem Stück bis zum 7.11.1988:

FAZ: „ LEHRSTÜCK ZUM NACHDENKEN“

Quellenangabe:

1. Grundlagen - Gedanken zu „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard; Autor: Ferdinand van Ingen; Verlag Moritz Diesterweg
2. „Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (3.Auflage) von Wolf Wucherpfennig; Ernst Klett Verlag GmbH, 1996
3. „Thomas Bernhard“ von Bernhard Sorg; Verlag C.H. Beck, 1992
4. „Thomas Bernhard“ von Hans Höller 1993; Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1993
5. Thomas Bernhard : „Heldenplatz“; Suhrkamp Taschenbuch, 1995

Die Politisierung des Theaters in „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard

1. Biographie

Thomas Bernhard wurde am 9.2.1931 in Heerlen in Holland als Sohn österreichischer Eltern geboren. Sein Vater, Alois Zuckerstätter, ein Tischler aus Salzburg, setzt sich gleich nach der Geburt nach Deutschland ab. Herta Bernhard, seine Mutter, bringt ihr Kind daraufhin zu seinen Großeltern nach Wien. Als seine Mutter Emil Fabjan heiratet, nimmt sie Thomas wieder bei sich auf, kommt jedoch wegen schulischer Probleme nicht mehr mit ihm zurecht. So wird er als 12-jähriger Junge in ein nationalsozialistisch geführtes Internat nach Salzburg abgeschoben. Nach schweren Bombenangriffen kommt er wieder zu seinem Großvater Johannes Freumbichler, einem Schriftsteller, der sehr auf die künstlerische Ausbildung drängt. Er läßt ihm Zeichen - und Musikunterricht geben.

Aufgrund einer nicht ausgeheilten Erkältung, woraus sich eine Lungentuberkulose entwickelt, wird Thomas, der nun 20 ist, in Senatorien und Lungenheilkliniken eingeliefert, wo er intensiv zu schreiben und zu lesen beginnt. Während seinem Musikstudium am Mozarteum in Salzburg arbeitet er als Journalist und nimmt an Schauspielseminaren teil. Er erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, darunter auch den Georg-Büchner-Preis 1970. Thomas Bernhard war in der ganzen Welt tätig Welt, er arbeitete in London und unternahm Reisen nach Polen, Sizilien, Bosnien-Herzegowina und Jugoslawien. 1963 ermöglichte ihm sein erster Roman „Frost“, als freier Schriftsteller zu arbeiten und aus dem verhaßten Salzburg aufs Land zu ziehen. Thomas Bernhard starb im Alter von 58 Jahren, am 12.2.1989 in Gmunden, Oberösterreich. Mit einer testamentarischen Verfügung läßt er sämtliche Aufführungen, außer die laufenden Inszenierungen, sowie Drucklegungen und Rezitationen seiner Werke in Österreich verbieten. Dieses Aufführungsverbot wird erst im Juli 1998 durch die Initiative einer Privatstiftung wieder aufgehoben.

Thomas Bernhards Werke sind durch tiefen Weltpessimismus gekennzeichnet. Schon die frühen Gedichtbände, wie „AUF DER ERDE UND IN DER HÖLLE" (1957), sprechen vom Tod. Bernhards frühe lyrischen Werke sind durch eine düstere melancholische Stimmung geprägt. Im Mittelpunkt der Romane und Erzählungen stehen oft verbitterte Künstler, die aufgrund ihres existentiellen Leidens an der Welt die Fähigkeit verloren haben Kunstwerke zu schaffen. Selbst „verstört", oder „verstörend" klagen die Protagonisten seiner Romane die Absurdität der Welt an, so in „FROST" (1963), „VERSTÖRUNG" (1967) oder „DAS KALKWERK" (1970).

Er attackierte auch konkrete gesellschaftliche Mißstände in Österreich, wie in „BETON" (1982) und „AUSLÖSCHUNG" (1986), wobei Österreich im speziellen, zugleich jedoch die Welt im allgemeinen auf den Prüfstand gestellt ist. Die Mischung aus pessimistischer Weltsicht und groteskem Humor, die im Erzählwerk vorherrscht kennzeichnet auch Bernhards Theaterstücke, deren Virtuosität ihresgleichen sucht. Die meisten Stücke Bernhards sind bizarre Farcen über Macht, wie z.B. „DIE JAGDGESELLSCHAFT" (1974) oder „VOR DEM RUHESTAND" (1976)), über Künstler, wie „DIE BERÜHMTEN" (1974), oder über das Versagen der philosophischen Weltgebäude , wie die „WELTVERBESSERER" (1979). Die autobiographischen Erzählungen „DIE URSACHE" (1975), „DER KELLER" (1976), „DIE KÄLTE" (1981) und „EIN KIND" (1982) sprechen von seiner Jugend und Kindheit voller Demütigungen, voller Leiderfahrung, die seine Lebenssicht begründen.

Ein häufig wiederkehrendes Motiv in Bernhards Werken ist das Portrait eines Geistesmenschen, den meist einer der Protagonisten verkörpert. Das Verhalten eines Geistesmenschen ist durch das Streben des Geistes, die Zusammenhänge des Seins und die Grundsätze der Lebensführung und Daseinsgestaltung zu erkennen gekennzeichnet. Der Umkreis ihrer Probleme ist nicht fest umrissen. Er nimmt sich oft berühmte Persönlichkeit, wie z.B. den Pianisten Glenn Gould oder speziell in „Heldenplatz“ den Philosophen Ludwig Wittgenstein, der zur Vorlage des verstorbenen Professor Josef Schuster dient, zum Vorbild, überträgt ihren Charakter auf seine Protagonisten oder verfremdet sie teilweise bis zur Unkenntlichkeit.

2. Die Metapher „Heldenplatz“

Der Titel „Heldenplatz“ steht als Lokalbezeichnung und politische Metapher. Zum einen wird so das Bühnengeschehen im Herzen der österreichischen Hauptstadt lokalisiert, da 2 der 3 Szenen in der Nähe spielen. Zum anderen war und ist der Heldenplatz Zentrum der politischen Macht. Im Leopoldinischen Trakt der Burg lebten Maria Theresia und Joseph II. Heute ist er Sitz des österreichischen Bundespräsidenten.

Ausschlaggebend für das Thema des Referats ist jedoch die Metapher „Heldenplatz 1938“, denn im Zeichen dieser Metapher vollzog sich in Österreich der sog. „Anschluß“, d.h. die Okkupation des Landes durch die Truppen des Deutschen Reiches. Am 12.3.1938 um 12 Uhr wurde die Proklamation Adolf Hitlers von Goebbels im Rundfunk verlesen:

„ Seit heute morgen Marschieren über alle Grenzen Deutschösterreichs die Soldaten der Deutschen Wehrmacht. Panzertruppen, Infanteriedivisionen und die SS-Verbände aus der Erde und die deutsche Luftwaffe im blauen Himmel werden, selbst gerufen von der neuen nationalsozialistischen Regierung in Wien, der Garant dafür sein, dass dem österreichischen Volk nunmehr endgültig (...) die Möglichkeit geboten wird, (...) sein Schicksal selbst zu gestalten.“

Diese Sicht der Dinge, die auf Unterstützung der Deutschen von Seiten des österreichischen Volks hindeutet wurde in der Nachkriegszeit erheblich heruntergespielt. Man bevorzugte die „Opfer-These“. Als sich jedoch im März 1988 das Ereignis zum 50. jährte, kam man jedoch nicht um die Feststellung herum, dass der militärische Überfall nicht ohne Beteiligung der Nationalsozialisten in Österreich stattgefunden hatte und von Tausenden von Österreichern als „Befreiung“ gefeiert worden war. Sogesehen war der „Anschluß“ für viele in Österreich eher eine „festliche Revolution“ als ein ausländischer Militärcoup. Auf den Straßen Wiens zeigten sich österreichische Nationalsozialisten offen in ihren Uniformen. Obwohl manche aus Neugier zum Heldenplatz gegangen waren, war die Stimmung offensichtlich dazu angetan, die deutschen in ihren Vorgehen zu bestärken. Von Widerstand war wenig zu hören oder zu sehen.

3. Struktur des Textes

Bernhard schrieb das Theaterstück „Heldenplatz“ anläßlich des 100-jährigen Jubiläums des Wiener Burgtheaters.

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Toter: der jüdisch-österreichische Mathematikprofessor Josef Schuster, der mit einem Sturz aus dem Fenster seiner Wohnung seinem Leben ein Ende gemacht hat. Schuster hatte 1988 vor dem zunehmenden Antisemitismus in Wien nach Oxford fliehen wollen, wo er den 2. Weltkrieg als Emigrant verbracht hatte und von wo er 1955 nach Wien zurückgekehrt war. Alle Vorbereitungen waren getroffen, aber kurz vor der Abreise nahm er sich das Leben.

Das Stück spielt an seinem Begräbnistag und reflektiert sein Leben und Leiden, wie es die ihm nahe Stehenden sehen und deuten.

Zunächst treten die langjährige Haushälterin Frau Zittel und das Dienstmädchen Herta auf, dann der Bruder Professor Robert Schuster, dessen Schicksal bis auf den Selbstmord parallel verlief, ferner die beiden Töchter Josefs, Anna und Olga, schließlich der Sohn Lukas und die Witwe. Das in drei Szenen eingeteilte Stück entfaltet die Geschehnisse und deren Hintergründe nach und nach und setzt durch Spielraum und Personenkonstellation je eigene Akzente.

3.1 Erste Szene

Schauplatz: Wohnung des Professor Schuster

Die ganze Szene wird von Gesprächen zwischen der Haushälterin Frau Zittel und dem Hausmädchen Herta bestritten. Die Personen agieren zwischen geschlossenen Kisten und Koffern, die nach Oxford adressiert sind. Die Szene hat die Funktion einer dramatischen Exposition. In dem mit Banalitäten durchzogenen Gespräch erfährt der Zuschauer Einzelheiten über den Selbstmord Josef Schusters, über mögliche Gründe sowie über seinen Charakter und das Zusammenleben des Ehepaares. Frau Zittel spielt hier die entscheidende Rolle, denn sie vermischt ihre Meinung mit den Aussagen des Professors:

Sie bezeichnet ihn als „feinen Mensch“ (53), der sehr viel auf Ordnung und Disziplin hielt. Er war nach seinen eigenen Worten ein „Genauigkeitsfanatiker“ (27). Im Gegensatz zu seinem Bruder Robert war er ein schwieriger Mensch, ein „Egoist“ (19) und nach seinen eigenen Aussagen „kein guter Mensch“ (23), der auch nicht sehr beliebt war. Im Grunde hat er „nur seinen Bruder geliebt“ (25). Des weiteren wird er als Tyrann beschrieben, unter dem seine Frau und seine Kinder sehr gelitten haben. Er haßte seine beiden Töchter, O-Ton: „meine zwei studierten Schauertöchter“ (36), ebenso wie seinen Sohn, der „das Leben seines Vaters“ (58) zerstört hat.

Diese familiären Probleme seien jedoch kein Grund für die Tat gewesen. „Er war nicht lebensüberdrüssig“ (57), ebenso wenig war er verrückt. Allerdings sei er von seiner Familie nie richtig verstanden worden, denn „ein Geistesmensch wird nie verstanden“ (57). Er hatte zu seiner Frau ein gespaltenes Verhältnis, die auch ein „einsamer Mensch“ (15) war. Sie leidet unter Wahnvorstellungen und Panikattacken, da sie fortwährend „das Geschrei vom Heldenplatz“ (27) höre, was außer ihr niemand hört. Es überrascht daher auch nicht, dass schon die ganze Familie in psychiatrischer Behandlung war. Der Selbstmord liegt soz. in der Familie.

Schon nach den ersten Eindrücken ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Das trifft z.B. auf den Selbstmord zu. Zunächst heißt es, der Selbstmord sei eine „Kurzschlußhandlung“ (13) gewesen. An anderer Stelle heißt es, „der Professor wird schon gewußt haben / was er tut“ (57). Auch der Grund der Abreise nach Oxford ist widersprüchlich. Den Entschluß habe er seiner Frau zuliebe gefaßt . Andererseits führt Frau Zittel ein egoistisches Motiv an: „ Der Lehrstuhl in Oxford ist meine Rettung / hat er gesagt / für meine Frau bedeutet das vielleicht den Untergang“ (35).

3.2 Zweite Szene

Schauplatz: Volksgarten

Nach dem Begräbnis gehen die Töchter Anna und Olga nach Hause. Sie nehmen den Weg durch den Volksgarten, Onkel Robert, der Bruder des Verstorbenen, folgt ihnen. Die in der ersten Szene eingeführten Motive verdichten sich; die Gespräche kreisen um den Selbstmord Josef Schusters. Wie ihre Mutter, die stark unter der Heldenplatz-Paranoya leidet, d.h. sie hört als Einzige das Geschrei der hysterischen Massen anläßlich des „Anschlusses“ Österreichs 1938, so glaubt auch Tochter Anna überall den neuen Nationalsozialismus zu spüren. Sie greift auch die für Bernhard typische Übertreibung auf: „ In Österreich mußt du entweder katholisch / oder nationalsozialistisch sein“ (63). Abermals tritt der so anders geartete Charakter des Professor Robert in den Mittelpunkt. Er sei eben kein „Selbstmordtypus“ (68), er ignoriere die Umgebung und sei deshalb der geborene Genießer. So glaubt er nicht -im Gegensatz zu seinem Bruder- an die Nazis in Wien. Es wiederholt sich in dieser Passage eigentlich das, was zuvor schon Frau Zittel als Gründe dargelegt hatte: er haßte Wien, in Oxford hielt er es auch nicht mehr aus, und so habe er keinen Ausweg mehr gesehen.

Onkel Robert gesellt sich nun zu seinen Nichten, erweist sich als der ruhig-gemütliche Mann, der sich um nichts mehr kümmert. Der Selbstmord seines Bruders habe ihn zwar überrascht, jedoch wußte er schon seit der Kindheit, dass er den Gedanken hegte. Für Anna ist die Tat des Vaters direkte Folge des österreichischen Antisemitismus. Der Vater hätte noch einmal nach Oxford übersiedeln wollen, weil er die Atmosphäre in Wien nicht mehr aushielt. Kurzgesagt: „die Juden haben Angst in Wien“ (83). Das Stück nimmt jedoch eine Wendung, als der lethargisch wirkende Onkel Robert sich seitenlang über die räumliche und geistige Zerstörung in Österreich aufregt. Es sei erstaunlich, dass „nicht das ganze österreichische Volk / längst Selbstmord gemacht hat“ (88).

Mit Blick auf das Parlament steigert Onkel Robert seine Wut über die Regierenden. Er bezeichnet die Sozialisten als „die Totengräber ihres Landes“ (99) und gibt ihnen somit die Hauptschuld am Verfall Österreichs. Weiter „Sündenböcke“ sind Staat, Kirche, der Bundespräsident und der Kanzler.

Onkel Robert bezeichnet die vorliegenden Verhältnisse als die „Wiener Falle“, in die sein Bruder getreten ist und die er zweifelsohne auch kennt: „Ich selbst wußte ja auch / dass ich indem ich nach Wien gegangen bin in die Hölle gegangen bin“ (114). Man kann sich nur kurzzeitig in die Musik hineinflüchten, aber eines Tages bleibt nur der Selbstmord.

3.3 Dritte Szene

Schauplatz: Speisezimmer in der Wohnung Professor Josef Schuster in der Nähe des Heldenplatzes

In der 3.Szene, in der sich die Trauergesellschaft zusammenfindet, ist der Personenkreis noch um den Kollegen Professor Liebig und dessen Frau sowie Herrn Landauer, einen „Verehrer“, erweitert, Sohn Lukas tritt zum ersten mal auf, jedoch erst im Verlauf der Szene. Onkel Robert eröffnet das Gespräch und setzt thematisch seinen Monolog fort, die Motive sind nur leicht variiert. Die österreichischen Zeitungen seien „Dreckblätter“, die Politiker korrupt und der Geist vernichtet. Das Unabänderliche nimmt er gelassen hin; obwohl in „jedem Wiener ein Massenmörder“ (118) steckt, darf man sich „die Laune nicht verderben lassen“ (118). Auch die auswärtigen Gäste der Familie bestätigen die deprimierende Sicht der Dinge. In Österreich sei alles „niederträchtig“ und die Nazis seien „wieder an der Macht“. Was den Grund des Selbstmords angeht, einigt man sich auf folgenden Nenner: Professor Josef Schuster „war zu kompliziert um die Welt auszuhalten“ (144). Mit dem Auftreten Lukas´ setzt auch ein Stimmungswechsel ein. Er schlägt zur Ablenkung den Trauernden vor, sich „Minna von Barnhelm“ im Theater anzuschauen, denn die Vereinigung unvereinbarer Dinge sei doch gerade das „wienerische“ und sei geschmacklos. Sie stellen fest, derjenige, der die Welt auf den Schein reduzieren kann, findet Wien amüsant und interessant. Für den verstorbenen Josef Schuster habe es „überhaupt keine Lösung gegeben“ (164).

Am Schluß der „Szene“, wird das Heldenplatz-Geschrei, das nur von Frau Professor Schuster wahrgenommen werden kann, unerträglich und bedeutet gleichsam ihren Tod. Sie „fällt mit dem Gesicht voraus auf die Tischplatte. Alle reagieren erschrocken“ (165).

4. Die Politisierung in „Heldenplatz“

In „Heldenplatz“ wird die politische und gesellschaftliche Kritik gegen den österreichischen Staat über die Person des verstorben Josef Schusters geäußert.

Bernhard schlägt gezielt um sich, Österreich ist für ihn der Inbegriff von sturem Glauben, von Unflexibilität und von ungebrochenem krankhaften Nationalsozialismus. Josef Schuster sei frisch aus dem „Geistesnest“ (155) Oxford in die „stumpfsinnige Niederträchtigkeit“ (66) der Stadt Wien gezogen und hat sich so „in Wien ruiniert“ (81). Als er den Lehrstuhl an der Universität in Wien wieder annahm, rechnete er nicht mit so einer großen Ablehnung seiner Kollegen gegenüber seiner Person, die stellvertretend für alle jüdischen Menschen steht. Diese antisemitische Haltung der österreichischen Bevölkerung wird noch durch mehrere Beispiele belegt. So wurden beide Töchter des Verstorbenen auf der offenen Straße bespuckt. Es wird weiterhin kritisiert, dass alle wichtigen gesellschaftlichen Stellungen „parteipolitisch besetzt“ (66) werden. Hier wird die Korruptheit des Staates verdeutlicht. Österreich wird als „ eine geist- und kulturlose Kloake / die in ganz Europa ihren penetranten Gestank verbreitet“

(97), bezeichnet. Es erfolgen auch mehrere Rundumschläge, z.B. als Professor Robert das Parlament, stellvertretend für die ganze Politik, sieht. Alles habe den „Tiefpunkt erreicht / nicht nur politisch gesehen, alles / die Menschen die Kultur alles“ (96). Es wird auch direkt das österreichische Volk an den Pranger gestellt; sie seien „sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige / die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien“ (89). Dieses Verhalten hat sich in den letzten 50 Jahren nicht verbessert, ja sogar drastisch verschlechtert. Eine große Schuld an dem geistigen und kulturellen Verfall haben nach Bernhard die Sozialisten, denn „diese sogenannten Sozialisten haben ja den heutigen Nationalsozialismus in Österreich heraufbeschworen“ (97) und sind somit „die eigentlichen Totengräber Österreichs“ (98).

Abschließend läßt sich sagen, dass Bernhard in seinem Werk gezielt und ohne Rücksicht zu einem Rundumschlag gegen Österreich ausholt. Es wird weder die Kirche, noch die normalen Bürger ausgeschlossen. Er neigt zur Pauschalisierung. Der Antisemitismus und der Nationalsozialismus in Österreich wird in Form des Verhaltens der gesamten Gesellschaft angeprangert. Die Hauptschuld am Untergang tragen jedoch die Sozialisten, auf die er, wie ich bereits eben sagte, mehrere rhetorische Angriffe durchführt.

6. „Heldenplatz“ - ein Medienspektakel

Schon vor der Premiere am 4.11.1988 gingen Skandalmeldungen durch die Zeitungen und unzählige Schlagzeilen sorgten für Wirbel, wie z.B.: „Steuerzahler soll für Österreich- Besudelung auch noch bezahlen“. Der Regisseur Claus Peymann und Autor Thomas Bernhard erhielten Drohbriefe. Die Uraufführung wurde gezielt durch die Boulevardpresse zum Medienereignis gemacht. Die Skandalträchtigkeit des Stückes und die Diskussionen wurden von den Medien inszeniert. Interessanterweise fand keine Auseinandersetzung mit dem Stück statt, das ohnehin eh niemand außerhalb des Theaters kannte. Es ging lediglich um die Erzeugung einer negativen Stimmung, wobei es selbstverständlich auf die politische Dimension ankam. Nachdem sich die Erregung gelegt hatte, war es an der Zeit, sich mit den Problemen, auf die das Stück in vertrackter Weise aufmerksam gelenkt hatte, ernsthaft auseinander zu setzen. Am 7.11.1988 schrieb die FAZ: „Lehrstück zum Nachdenken“.

2594 Wörter

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Bernhard, Thomas - Heldenplatz - Die Politisierung des Theaters im Stück #
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2002
Seiten
10
Katalognummer
V106812
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Viel Glück damit, ich hoffe, ihr müßt es nicht frei vortragen, so wie wir, könnt mir ja mal eure Ergebnisse dazu mailen, thnx
Schlagworte
Bernhard, Thomas, Heldenplatz, Politisierung, Theaters, Stück
Arbeit zitieren
Stefan Hock (Autor), 2002, Bernhard, Thomas - Heldenplatz - Die Politisierung des Theaters im Stück #, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106812

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