Irving, John - Owen Meany


Referat / Aufsatz (Schule), 2002
18 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

- Biographie -

- Das Werk -
Handlungszusammenfassung

Figuren
1. Hauptpersonen
2. Nebenpersonen
3. Weitere Nebenpersonen
Motive des Romans
Symbolik
Erzählstruktur Irvings

- Das Werk im Vergleich -
Günter Grass "Die Blechtrommel" versus John Irving "Owen Meany"
1. Inhaltsangabe "Die Blechtrommel"
2. Ähnlichkeiten der beiden Romane:
2.1) Hauptpersonen
2.2) Nebenpersonen
2.3) Handlung
2.4) Erzählstil
2.5) Das Ende

- Anhang -

Leseprobe

Quellenangabe

Nicole Badstöber

Biographie

John Irving wird am 02.03.1942 als John Winslow Blunt jr. in Exeter / New Hampshire, USA geboren. Seinen leiblichen Vater hat er nie kennengelernt. Als Irving sechs Jahre alt ist, heiratet seine Mutter erneut und er nimmt den Namen seines Stiefvaters an. Seine Mutter ist Krankenschwester und der Stiefvater Professor für russische Geschichte.

Mit 14 Jahren beginnt John Irving zu schreiben und zu ringen. Die Sportart Ringen hat in seinem Leben einen grossen Stellenwert und wird auch in einigen seiner Romane verwendet. Er besucht die Preparatory-School in Exeter und nimmt ein Studium an der Universität von New Hampshire auf. Er war in jungen Jahren Legastheniker und kein guter Schüler.

Im Rahmen eines Auslands-Studien-Programms verbringt Irving 1963 ein Jahr am Institute for European Studies in Wien und lernt Günter Grass kennen, mit dem er heute noch befreundet ist. Nach seiner Rückkehr in die USA findet Irving eine Anstellung als Lehrer am Windham College in Vermont. 1965 heiratet Irving seine erste Frau Shyla, eine Kommilitonin, im darauffolgenden Jahr wird Sohn Colin geboren.

Sein erstes Buch "Lasst die Bären los", das 1968 veröffentlicht wird, ist kein grosser Erfolg und so arbeitet Irving unter anderem als Trainer für Ringermannschaften an verschiedenen Universitäten und als Assistant Professor of English am Mount Holyoke College in Massachusetts, bis ihm der Erfolg des 1978 erschienenen Romans "Garp und wie er die Welt sah" ermöglicht, sich ausschliesslich der Schriftstellerei zu widmen.

1981 heiratet er, nach der Scheidung von seiner ersten Frau, seine aus Kanada stammende Agentin Janet Turnbull.

Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet John Irving als Trainer, unter anderem sehr erfolgreich für seine beiden, aus erster Ehe stammenden Söhne Colin und Brendan. 3 Jahre vor der Geburt seines dritten Sohnes Everett zieht sich Irving als Trainer zurück.

Die Familie, vor allem das Leben und Schaffen seines Grossvaters prägte John Irving. In einem Interview sagte er einmal: "Ein Schriftsteller kann nur etwas von Wert erschaffen, wenn er sich sorgt" Daher ist die Familie in den unterschiedlichsten Ausprägungen das Grundmotiv in seinen Romanen.

Weiterhin sind in allen Romanen John Irvings autobiographische Züge zu erkennen. So verwendete er beispielsweise die Tätigkeit seines Grossvaters als Gynäkologe in seinem Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag" und auch das Ringen wird in einem seiner frühen Romane "Eine Mittelgewichtsehe" zum Thema.

John Irving lebt heute in Vermont und Toronto und hat zwischenzeitlich 12 Romane veröffentlicht, darunter wurden 4 Romane verfilmt. Auch sein 1989 veröffentlichter Roman "Owen Meany" wurde unter dem Titel "Simon Birch" verfilmt.

- Das Werk -

Handlungszusammenfassung

Vordergründig erzählt der Roman die Geschichte der Freundschaft zwischen John Wheelwright und Owen Meany im Amerika der fünfziger Jahre, wobei während des Lesens mehr und mehr deutlich wird, dass es sich um die Geschichte eines Glaubens an die Erfüllung des eigenen Schicksals eines neuzeitlichen Messias handelt.

John ist das uneheliche Kind seiner Mutter Tabitha Wheelwright, einer schönen, liebevollen Frau mit einer aussergewöhnlichen Singstimme, die hartnäckig die Identität des leiblichen Vaters verschweigt und Dan Needham heiratet, als John 10 Jahre alt ist; er wird John ein väterlicher Freund. Johns Leben ist vor allem durch den Halt und die Geborgenheit, die ihm die Familie gibt, geprägt, wobei er im Haus seiner Grossmutter Harriet geboren wird und dort auch den Grossteil seiner Jugend und des frühen Erwachsenendaseins verbringt. Während Johns Leben eher farblos ist und er immer im Schatten seines Freundes Owen bleibt, ja sogar dessen Führung bedarf, wird dieser und sein Leben in den schillerndsten Farben beschrieben.

Der kleinwüchs ige, mit einer schrillen Stimme und von der Norm abweichenden körperlichen Merkmalen ausgestattete Owen ist Johns bester Freund. Er übernimmt durch großes Durchsetzungsvermögen und eine in seinem Glauben begründete Gewissheit nicht nur die Führung in seine m Leben, sondern auch in dem anderer Menschen, allen voran Johns.

Owen wächst in einer Familie heran, der es sowohl an Fürsorglichkeit und Liebe als auch an Wärme fehlt und die von einer alles Lebendige unterdrückenden Lethargie und Unterwürfigkeit gegenüber dem Aberglauben überschattet wird. Owens Vater ist Besitzer einer erfolglos geführten Granitmine und ein Grabsteinhersteller, was die Morbidität der Familie und Owens Faszination vom Tod und die Hinwendung dazu erklärt. Während seine eigene Mutter die Aussenwelt nur selten wahrzunehmen scheint, betet Owen Johns Mutter an, die ihm starke mütterliche Gefühle entgegenbringt und ihn mit Zärtlichkeit und Fürsorge überschüttet. Um so mehr trifft es Owen, dass er für den Inbegriff der Schönheit, Perfektion und mütterlicher Fürsorge, den er in Tabby Wheelwright sieht, zum Auslöser für ihren Tod wird.

Owen, der eigentlich zu klein und schwach für das amerikanischste aller Spiele, dem Baseball, ist, bekommt das erste Mal die Gelegenheit einen Ball zu schlagen. Dieser wird zum Fehlschuss und trifft Tabby so unglücklich an der Schläfe, dass sie stirbt. Von diesem Moment an ist Owen davon überzeugt zu einem Instrument Gottes geworden zu sein; auch vor dem Hintergrund seiner starken Religiosität und weil er glaubt, den vermeintlichen Todesengel, den er im Fieber im Schlafzimmer von Tabby gesehen hat, vertrieben zu haben und daraufhin mit der Aufgabe betraut worden zu sein, den Auftrag des Todesengels dennoch auszuführen. Während einer Schulaufführung von "Ein Weihnachtslied" hat Owen eine Vision, als er mit Scrooge an dessen Grabstein steht; er sieht seinen eigenen Grabstein und das darauf eingravierte Todesdatum. Später hat er einen Traum, der ihm verdeutlicht, wie er sterben wird, nämlich als Held bei der Rettung vietnamesischer Kinder.

Owen ist in seinem Glauben an sein vermeintliches Schicksal so gefangen, dass alles für ihn zunehmend unwichtig wird. Er konzentriert sich auf für John eher unwichtige Aufgaben, wie das Einüben des Dunkingsprungs beim Basketball in einem für Owen sehr wichtigen Zeitlimit. John assistiert ihm dabei; man hat fast den Eindruck, John würde nichts anderes machen, als Owen in seinem Leben zu assistieren. Auf Owens Initiative hin wird auch das Thema von Johns leiblichem Vater immer wieder aufgenommen und führt letztlich dazu, dass beide während eines Ausflugs nach Boston Erkundigungen über Tabby einholen, um zu erfahren, dass sie eine Art Doppelleben führte und als Sängerin in einem Nachtlokal auftrat.

Owen erfährt anders als John, für den die wichtigen Aspekte im Leben immer nur angeschnitten werden, nicht nur im Glauben eine wichtige Bereicherung, sondern auch in der Liebe zu Hester. Owen, der ein sehr guter Schüler ist, wird der Schule verwiesen, nachdem ans Licht kommt, dass er Wehrpässe für noch nicht volljährige Studenten fälschte. Er weigert sich auf eine andere Universität als die von New Hampshire zu gehen und erhält schliesslich ein Stipendium vom Militär. John erkennt, dass Owen keine Anstrengung auslässt, um die Erfüllung seines vermeintlichen Schicksals voranzutreiben, als Held in Vietnam zu sterben, und versucht ihm immer wieder klarzumachen, dass seine Visionen nur eine Folge von fieberhaften Erkältungen waren und ein Traum nie mehr bedeutet, als ein Traum zu sein.

Owen lässt sich durch nichts abbringen und bemitleidet John für seinen mangelnden Glauben und seinen Rationalismus. Einzig die Tatsache, dass auch John in seinem Traum vorkommt ängstigt Owen und er bewahrt John davor zum Kriegsdienst herangezogen zu werden, indem er ihm mit einer Diamantsäge seines Vaters die ersten beiden Glieder seines Zeigefingers amputiert.

Während John weiterhin ein eher ruhiges Leben im Schoss seiner Familie und als Student verbringt, wird Owen beim Militär ausgebildet und setzt weiterhin alles daran, nach Vietnam geschickt zu werden. Als dies nicht gelingt, da er aufgrund seiner körperlichen Defizite bei sportlichen Tests versagt, hegen John und Hester die Hoffnung, Owen würde verschont bleiben.

Owen wird Rückführungsoffizier für die Leichen der in Vietnam gefallenen Soldaten. Diese Eigenschaft führt ihn schliesslich nach Arizona, kurz vor dem Dies Ultimo und er lädt John zu sich ein. Auf dem Flughafen, kurz vor der Abreise Johns, entdeckt Owen die vietnamesischen Kinder mit den von ihm im Traum gesehenen Nonnen. Auf die Bitte einer der Nonnen, die männlichen Kinder auf die Toilette zu begleiten, ist Owen von allen Zweifeln, die zwischenzeitlich in ihm aufgestiegen sind, befreit. In dem Toilettenraum befindlich, stürmt plötzlich der Bruder des in Vietna m getöteten Soldaten, den Owen nach Hause überführt hatte, in den Raum. Er ist ein fanatischer Vietnam-Sympathisant und wirft eine Granate auf den unerreichbar hohen Fenstersims. Diesen kann Owen durch den lange eingeübten Dunkingsprung erreichen und nur innerhalb der magischen 4-Sekunden-Grenze.

Owen gelingt es und er hält die Granate fest, damit niemand verletzt wird. Er stirbt, nachdem ihm beide Arme abgerissen wurden, am grossen Blutverlust.

Während der Vorbereitung zu Owens Beerdigung gibt sich der unscheinbare, bei den Gottesdiensten ewig stotternde Pastor Merrill als Johns leiblicher Vater zu erkennen, indem er durch Owens Stimme den Verbleib des "Mordinstruments", des Baseballs, bekanntgibt. Nachdem Pastor Merrill sich offenbart hat ist John von der Schwäche seines Vaters sehr enttäuscht; er bereitet ihm jedoch mit Hilfe der Schneiderpuppe seiner Mutter ein Wunder, damit dieser zum Glauben zurückfindet, den er beim Tod der Mutter verloren hatte, als er sich wünschte, sie möge tot umfallen und dieser Wunsch in Erfüllung ging.

John besucht am Ende Owens Vater, der ihm den von Owen angefertigten Grabstein, mit seinem Todesdatum und seinem Dienstgrad versehen, zeigt. Während John die Situation sehr makaber findet, erklärt ihm Mr. Meany, dass Owen diesen schon lange bevor er starb gefertigt hat.

Nachdem der Roman im Verlauf der Geschichte immer zwischen zwei Zeitebenen wechselte, den fünfziger und sechziger Jahren, als Owen noch lebte, und den achtziger Jahren, als John zurückblickt und einen Einblick in sein höchst langweiliges Dasein bietet, schliesst letztlich die Vergangenheit zur Gegenwart auf. John ist nun verbittert und einsam und kann seinem Land nicht verzeihen, dass sie aus seinen Augen Mitschuld am Tod Owens tragen.

Er verfolgt die Politik in den USA mit einem verbitterten Eifer, denn er vergleicht unentwegt die Verfehlungen der amerikanischen Aussenpolitik unter Reagan mit denen, die letztlich zum Fiasko in Vietnam führten. Er hat nie geheiratet und Kinder bekommen, eigentlich hat er nie wieder geliebt. Er hat durch die Geschehnisse um Owen zu seinem Glauben gefunden, wobei es wohl eher ein Glauben an das Phänomen Owen ist. Er ist so von seinem Wesen eingenommen, dass er unbewusst wohl sogar in der ihm von Owen zugedachten Rolle des Josefs - der männlichen Jungfrau - geblieben ist.

Figuren

1. Hauptpersonen

- Owen Meany: Sein richtiger Name ist Paul O. Meany jr. und er ist der Held der Geschichte. Er ist sehr klein, wirkt mit seiner dünnen Haut fast durchsichtig und hat eine so seltsame durchdringende Stimme, dass alles was er sagt, zur Verdeutlichung im Buch in Großbuchstaben geschrieben wird. Er ist sehr intelligent und sowohl Gleichaltrigen als auch vielen Erwachsenen voraus. Er ist stark gläubig und hält sich, nach einigen, für ihn schockierenden Erlebnissen - allen voran, der von ihm verschuldete Tod von Johns Mutter - für Gottes Werkzeug. Nachdem er bei der Aufführung "Ein Weihnachtlied" sein eigenes Todesdatum auf Scrooges Grabstein sieht glaubt er so fest daran, sein Schicksal erfüllen zu müssen, dass dies, obwohl es mit dem Tod endet, zu seinem einzigen Ziel wird. Er rettet am Ende einige vietnamesische Waisenkinder vor einem Attentat durch einen fanatischen Vietnamsympathisanten durch einen jahrelang geübten Basketballsprung und stirbt an den Folgen der Verletzungen, die er sich durch die in Sicherheit gebrachte Handgranate zuzieht.

- John Wheelwright: Er ist Owens bester Freund und bietet ihm, zusammen mit seiner Mutter und der Grossmutter eine Art Ersatzfamilie. Von ihm wird die Geschichte um Owen erzählt, wobei er eher farblos wirkt. Er ist das uneheliche Kind seiner Mutter mit dem Pastor von Gravesend. Während Owen eine fast fanatische Steuerung seines Leben erfährt, scheint John im Gegensatz dazu überhaupt keine Kontrolle zu haben. Durch seine Jugend hinweg, wird die Abhängigkeit von Owen klar, der ihm das Leben erklärt, in der Schule hilft, ihm über den Verlust der Mutter hinweg hilft und ihn später vor Vietnam rettet. Man hat sogar den Eindruck, dass John auch später noch die Rolle erfüllt, die ihm Owen zugedacht hat, als er ihn zum Josef im Krippenspiel machte.
- Harriet Wheelwright: Sie ist eine aristokratische, kritische und für viele ihrer Zeitgenossen ehrfurchtseinflösende alte Dame. Obwohl sie von Vorurteilen gegenüber Owen behaftet ist, entwickelt sie im Lauf des Romans eine freundschaftliche Beziehung zu ihm, die vor allem auf gegenseitigem Respekt basiert. Sie ermöglicht Owen durch ihre finanzielle Unterstützung an die Gravesend Academy zu gehen. Sie stirbt im Alter von 99 Jahren.
- Hester Eastman: Sie ist Johns Kusine und nur ein Jahr älter als er und Owen. Obwohl anklingt, dass John in Hester verliebt ist und zwar seit dem Augenblick, als er durch das von Vetter Simon erfundene Spiel "Wer verliert muss Hester küssen" , gehört ihre Liebe Owen. Im Grunde ist sie ein sehr trauriger Mensch, der sich durch die Eltern immer ungerecht behandelt fühlte und deshalb durch ihr Verhalten, vor allem in Bezug auf viele wechselnde Liebhaber gegen die Familie rebelliert. Sie wird später eine berühmte Hardrock - Sängerin, wobei deutlich wird, auch in ihren Liedern, dass sie den Tod von Owen nie überwunden hat.
- Tabitha Wheelwright: Johns Mutter und Tochter von Harriet Wheelwright. Sie ist die skandalöse Person in Gravesend, nicht nur dadurch, dass sie das uneheliche Kind John hat, sondern weil sie bis zu ihrem Tod verschweigt, wer der eigentliche Vater ist. Sie ist eine aussergewöhnlich liebevolle Mutter und kümmert sich rührend um Owen, den sie liebt wie ihr eigenes Kind. Die Tatsache, dass sie immer Mittwochs mit dem Zug nach Boston fährt, um dort Gesangsunterricht zu nehmen und das Faktum, dass sie Johns Vater im Zug kennenlernte, gibt den Anstoss zu den immer wiederkehrenden Gedanken und Nachforschungen, die John und Owen anstellen, um den leiblichen Vater ausfindig zu machen. Wie sich herausstellt, führte Tabby Wheelwright eine Art Doppelleben, denn im Gegensatz zum biederen unscheinbaren Leben in Gravesend trat sie in Boston als Barsängerin auf. Sie stirbt kaum dreissigjährig durch einen Fehlpass Owens beim Baseballspiel.
- Dan Needham: Ehemann von Tabitha und Stiefvater und Freund von John. Er sorgt sich liebevoll um John. Tabitha und Dan haben eine unverständlich lange Verlobungszeit von 4 Jahren, die sich erst am Ende des Buches durch den leiblichen Vater erklären lässt. Er liebt Tabby aufrichtig und hört auch nie auf sie zu lieben, obwohl sie bis zu Tabbys Tod nur ein knappes Jahr verheiratet sind. Dan ist Lehrer an der Gravesend Academy.
- Reverend Lewis Merrill: Er ist Johns biologischer Vater. Das auffälligste an dieser unscheinbaren Person ist sein Stottern während des Gottesdienstes. Reverend Merrill ist verheiratet und hat zwei Kinder. Obwohl es für ihn, nachdem er sich entschieden hat, seine Familie nicht zu verlassen, eine nützliche Tatsache sein konnte, dass Tabby Wheelwright im Umgang mit ihm keinerlei Schwierigkeiten hat, ihm gegenteilig sogar äusserst freundlich gesinnt ist, kann er ihr dieses Verhalten nicht verzeihen und wünscht ihr bei besagtem Baseballspiel den Tod und verliert, nachdem dieser Wunsch in Erfüllung geht, den Glauben an Gott und stottert seit diesem Tag. John ist unermesslich enttäuscht, als er sich unfreiwillig zu erkennen gibt und John seine Schwäche erkennt.
- Martha Wheelwright: Schwester von Tabby Wheelwright und Mutter von Noah, Simon und Hester. Sie sagt über ihre Schwester, sie sei ein wenig einfältig, was wohl eher eine etwas eifersüchtige Reaktion auf die Tatsache ist, dass Tabby sowohl hübscher ist, als auch eine bessere Stimme hat als ihre Schwester.

2. Nebenpersonen

Mister Fish Harriets neugieriger Nachbar. Er verkörpert alle Eigenschaften eines durchschnittlichen amerikanischen Bürgers.

Noah Eastman Älterer der beiden Vettern von John und Sohn von Martha und Alfred Eastman.

Simon Eastman Der jüngere beider Vettern. Er war das wildeste der drei Kinder und gab seiner Schwester den Namen "Hester the Molester".

Alfred Eastman Ehemann von Martha und Vater der Kinder Hester, Noah und Simon.

Lydia Hausmädchen und Freundin von Harriet Wheelwright.

Mr. und Mrs. Ihre Rolle als Statisten im Leben von Owen wird schon dadurch

Meany gekennzeichnet, dass sie keinen Vornamen besitzen.

3. Weitere Nebenpersonen

Buzzy Thurston, Harold Crosby, Harry Hoyt, Mrs. Hoyt, Amanda und Arthur Dowling, Chief Ben Pike, Mr. Chickering, Reverend Dudley Wiggin und Barb Wiggin, Larry O'Day, Mr. Early, Mary Beth Baird, Germaine und Ethel, Mr. Morrison, Mr. Mc Swiney, Mitzy Lish, Larry Lish, Dr. Dolder, Mr. Tubulari, Mr. Peabody, Reverent Scammon, Mr. und Mrs. Brinker-Smith, Canon Mackie, Canon Campbell, Vater und Sohn Giordano, Big Black Buster Freebody, Dick Jarvits und Familie, Mrs. Brocklebank, Katherine Keeling, die Poggios, Eleanor Pribst, Major Rawls, General LaHoad, Colonel Eiger, die Nonnen, die vietnamesischen Kinder.

Motive des Romans

Das Hauptmotiv im Roman von John Irving ist der Glaube und die Religiosität am Beispiel Owen Meanys, wobei eine deutlich kritische Tendenz Irvings bei dessen Verwendung zu erkennen ist. Obwohl Owen sehr entschieden seinen Weg geht und keinen Zweifel an der Richtigkeit seines Handelns zulässt: "Es kommt nicht darauf an, dass ich ein Held sein will - ich werde ein Held sein. Ich weiss, dass das meine Aufgabe ist" (S.653), hat man den Eindruck, dass sich Owen aus einer unzubändigenden Angst und Fixiertheit auf den Tod in den Gedanken stürzt, sein Schicksal erfüllen zu müssen und von Gott mit einer besonderen Aufgabe betraut worden zu sein. Dies wird vor allem in der Reaktion auf den wiederkehrenden Traum deutlich, als Pastor Merrill ihn dazu befragt und Irving schreibt: ""Hast Du diesen Traum wieder gehabt?" "Ja", sagte Owen und fing an zu weinen - er begann zu schluchzen, wie ein Kind" (S.565).

Wie soll sich Owen auch ein gesundes Mass an Lebensfreude erhalten, wenn er zwischen Grabsteinen aufwächst, seiner Mutter jede Lebendigkeit fehlt und die Eltern einem starken Aberglauben unterliegen? Die Tatsache, dass seine Eltern ihm im Alter von 10 Jahren offenbaren, dass er das Produkt einer unbefleckten Empfängnis ist, lässt in Verbindung mit der starken Religiosität Owens kein anderes Schicksal zu. Weiterhin scheint es für ihn ein erträglicher Weg zu sein, sich seine körperliche Fehlentwicklung zu erklären und mit der unerträglichen Belastung fertig zu werden, am Tod eines geliebten Menschen schuld zu sein.

Obwohl Owen bar jeden Zweifels seine vermeintliche Mission verfolgt, zeigt sich doch vor allem in der Reaktion gegenüber seinen Eltern, dass er mit seinem Schicksal hadert. Man merkt deutlich, dass Owen sehr viel Wut seinen Eltern gegenüber empfindet, sei es in offen bekundetem Zorn, wie etwa bei der Aufführung des Krippenspiels, als er seinen Eltern zuruft: "Ihr habt hier nichts zu suchen" und: "Es ist ein Frevel, dass ihr da seid!" (S. 309), oder als versteckte Wut, die deutlich wird in den Aufforderungen an seinen Vater, die wie Befehle klingen, als er ruft: "Fahr zum Strand!" (S.204). Es stellt sich die Frage, ob Owen deshalb so wütend auf seine Eltern ist, weil er sie dafür verantwortlich macht, dass er diesen Weg bis zu seinem Tod gehen muss und er gezwungen ist die Rolle des Messias anzuerkennen.

Owen zeigt uns in erster Linie jedoch, dass gerade in einer Welt, in der es so wenig Menschlichkeit gibt, die von Falschheit und Doppelmoral geprägt ist, der Glaube an etwas Gutes eine Hoffnung ist und Dinge erträglicher werden lässt und Irving schreibt: "dass er auf fatalistische Weise akzeptierte [...] - als sich die Welt gegen ihn zu stellen schien und er kaum einen Finger zu seiner Verteidigung rührte" (S.511). Er erklärt John seinen Glauben anhand der Statue der Maria Magdalena, die im Torbogen der Schule steht, an der sie den Basketballsprung üben. Sie spielen bis zum Einbruch der Dunkelheit und Owen fragt John, ob er die Statue noch sehen kann. Als dieser verneint, erklärt Owen: "Du siehst sie nicht mehr, aber du weisst, dass sie noch da ist - ja ?" und "Siehst Du, genauso geht es mir mit Gott. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich bin mir absolut sicher, dass er da ist!" (S.625).

Alte Werte und die Sicherheit gewohnter Lebensrhythmen werden durch den Krieg zerstört. Am Beispiel des Vietnamkrieges schildert Irving die Sinnlosigkeit eines Krieges am eindringlichsten, unter anderem durch das Schicksal Buzzy Thurstons, der durch beabsichtigte Vergiftung mit Drogen zwar erfolgreich der Einberufung entkommen war, jedoch an den Folgen stirbt, als er im Drogenrausch gegen eine Brücke fährt.

Menschen sehnen sich in Zeiten der Not nach etwas immerwährendem, etwas, das alles überdauert. Der Glaube Owen Meanys ist aufgrund seiner Unerklärbarkeit durch nichts zu zerstören, er ist das einzige, das ihm sicher ist und nur durch ihn entstehen und wieder vergehen kann. Johns Glaube dagegen war immer labil und letztlich ist der Glaube an Owen Meany das einzige, was an echtem Glauben in ihm ist.

Im Gegensatz dazu wird durch die Reaktion Pastor Merrills deutlich, dass niemand bereit ist, an ein zweites Wunder zu glauben. Dadurch, dass Owens Familie kein Weihnachtsfest feiert, dass Jesus-Kind in der Weihnachtskrippe fehlt und er auch nie von seinen Eltern berührt wird, liegt die Vermutung nahe, dass sie sowohl das "erste" Wunder, Jesus, ablehnen, als auch ihr eigenes Kind. Generell ist es für die Menschen von Gravesend einfacher an etwas zu glauben, das sich nicht beweisen lässt, als an etwas, das man selbst erlebt. Es ist schwer für die

Menschen zu akzeptieren, dass Owen ein zweiter Messias ist, weil er durch seine Schwächen menschlich ist und ein Wunder wohl nicht menschlich sein darf. Dies führt zu einem weiteren Motiv des Romans - der Menschlichkeit.

Owen hat etwas "Göttliches" an sich, etwas, das ihn von allen Menschen abhebt und ihn über den Dingen stehen lässt: "Owen wirkte nicht menschlich. [...]; und seine Autorität auf der Bühne war nicht nur die eines Erwachsenen - sie war übernatürlich" (S.287). Obwohl er kontrollierend wirkt und um Dinge wissend, die für andere nicht greifbar sind, ist er mit seinen Schwächen doch so herrlich menschlich. Vor allem zu Beginn des Romans, als Owen noch ein Kind ist und hartnäckig versucht, sich gegen andere zu behaupten, wie er würdevoll die Streiche, die man ihm spielt, erträgt und seinen Stolz zu behaupten versucht, machen ihn zu jemandem, den man gern haben muss.

Ein ganz eindrucksvolles Beispiel hierfür ist die Situation, als er sich beim Spielen mit Johns Verwandten in die Hose macht und der darauffolgende trotzig-ernste Erklärungsversuch: "Es war ein unglücklicher Zufall, ich war einfach zu aufgeregt, und ich hab zuviel Orangensaft zum Frühstück getrunken - und ich kann es nun mal nicht leiden, wenn man mich kitzelt" [...] "Das mit dem Kitzeln war nicht abgemacht" (S.113). Im Verlauf des Romans kann man das Menschlichwerden auch an anderen Personen feststellen. So ist Tabby Wheelwright während eines Grossteils des Romans die perfekte Frau und Mutter in den Augen Johns.

Dieser Eindruck bröckelt, als ans Licht kommt, dass sie auch eine "dunkle" Seite hatte, nämlich die der Barsängerin. Auch Johns Grossmutter Harriet, eine hochnäsige, arrogante Person, entwickelt Owen gegenüber aufrichtige Sympathie und wird vom Schreckgespenst zur ebenbürtigen Freundin: "Nachdem Owen Meany von uns gegangen war, gab es niemanden mehr, der Harriet Wheelwrights Ansprüchen an Personen, die als Gesellschaft für sie in Frage kamen, genügt hätte" (S.709). Auch das Motiv der Mitmenschlichkeit und Liebe wird in den Freundschaften verschiedener Personen deutlich. Obwohl Owen John das Schlimmste angetan hat, in dem er seine Mutter tötete, wirft John ihm das niemas vor.

Die Freundschaft der beiden verzeiht alles. Darüber hinaus besitzen die Kinder die einzigartige Fähigkeit durch symbolische Handlungen, wie den Austausch von Gürteltier und Baseballkarten mehr über den Stellenwert des anderen und ihre Gefühle auszusagen als es Worte könnten. Die Freundschaft zu John bietet Owen einen Familienersatz und Owen dankt es ihm mit selbstloser Hilfe und Einsatz, so zum Beispiel, als Owen John durch die Schule hilft: "Und so verkündete Owen [...], dass auch er die letzte Klasse an der Gravesend High- School absolvieren wolle. Er würde also bei mir bleiben [...] - er hätte ein Schuljahr überspringen können, und dennoch wiederholte er freiwillig eine Klasse mit mir!" (S.375).

Beide geben sich, was der andere braucht, ohne eigennützig zu handeln, und sie vertrauen einander grenzenlos; als Owen vorschlägt, durch eine Amputation des Zeigefingers John vor der Einberufung nach Vietnam zu retten, sagt er: "Ich liebe Dich, Dir wird nichts passieren - vertrau mir" (S.702).

Ein krasses Gegenteil dazu scheint Irvings Beschreibung des typischen Amerikaners zu sein. Fast schon beiläufig kritisiert Irving das amerikanische Heldentum am stärksten durch die Verwendung des Baseballs, der eine amerikanische Identität darstellt, als Mordinstrument und lässt Owen im Augenblick seines Todes sagen: "Bitte sorgen sie dafür, dass ich dafür irgendeine Medaille bekomme" (S.850).

Irving prangert die Unmoral der Menschen und insbesondere der Politiker an, indem er beschreibt, wie empört und enttäuscht Owen auf den Tod Marilyn Monroes reagiert. Er sagt: "Sie war wie unser Land - nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt; etwas ausser Atem, ungeheuer schön, vielleicht ein bisschen dumm, vielleicht viel schlauer, als es schien. [...] Diese berühmten, mächtigen Männer - haben die sie wirklich geliebt ? [...] sie haben sie nur benutzt [...] und genau das tun die mächtigen Männer mit diesem Land - es ist ein schönes Land, sexy und etwas ausser Atem, und die mächtigen Männer benutzen es, um sich mal was aufregendes zu gönnen! Sie sagen, sie würden es lieben, aber sie meinen es nicht so. Sie sagen Sachen, damit sie anständig wirken - sie tun so, als wären sie moralisch. Und das hab ich auch von Kennedy geglaubt" (S.596). Vielfach prangert er die Dummheit der Amerikaner an und schildert das Kleinbürgertum durch die Beschreibung eines "typischen" Nachbarn, Mr. Fish:

"Er war der Inbegriff eines pingeligen, wachsamen Mannes, der gerade ein vom Baum gefallenes Blatt aufheben will, er war der ewige Rasenrecher, der ewige Schneeschipper" (S.253).

Er beschreibt die Einfältigkeit der Amerikaner "die voller Selbstgerechtigkeit mit einer äusserst kindischen Form von Heldentum kokettieren - mit dem eigenen Heldentum" (S.735). Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Mrs. Hoyt, die, nach dem Tod ihres Sohnes in Vietnam, zu einer engagierten Vietnam - Gegnerin wurde, eher deshalb ihren Arbeitsplatz verliert, als dass sie Unterstützung findet: "Mrs. Hoyt war die erste Person, an die ich mich erinnern kann, die sagte, einen bestimmten amerikanischen Präsidenten zu kritisieren bedeute nicht automatisch, dass man antiamerikanisch war; [...] Doch diese Unterschiede waren für die meisten Bürger von Gravesend zu fein; sie sind auch heute noch für viele meiner ehemaligen Landleute zu fein" (S.186).

Die Ansichten Johns sind ein Seitenhieb auf die amerikanische Politik, insbesondere bei Sätzen wie: "Ihre weiteren Pläne waren zwar unklar, doch sie demonstrierten mustergültige amerikanische Entschiedenheit" (S.507) und: "Unklare Entschlossenheit! Das ist typisch amerikanische Politik: unklar sein, aber auf jeden Fall entschlossen vorgehen!" (S. 499). Die Rekrutierung von sozial Benachteiligten während des Vietnamkrieges unter dem Deckmäntelchen des Patriotismus findet bei Owen scharfe Worte: "Er sagt damit, ihr braucht nicht unbedingt weiss zu sein - oder intelligent - um zu sterben. Das nenn ich eine tolle "Gelegenheit"" (S. 517). Irving vergleicht die aussenpolitische Haltung der USA, die zum "Selbstmord" Amerikas in Vietnam führte mit der in den achtziger Jahren gemachten Politik von Reagan, um aufzuzeigen, welch' gefährliches Potential in dieser Art der Regierungsführung liegt. Gleichzeitig verurteilt er die grundsätzliche Moral der Politiker in Sätzen wie "Warum sollte man sich von etwas abhalten lassen, wenn der einzige Grund dafür, etwas nicht zu tun, der ist, dass man dann erwischt werden könnte ? Nennst Du das etwa moralisch ? Nennst Du das etwa verantwortungsvoll ?" (S.517).

Weiterhin übt Irving Kritik an der Kirche. Owen sagt: "Der Glaube eines Menschen hat sein eigenes Tempo. [...] Das Problem an der Kirche ist der Gottesdienst. Ein Gottesdienst wird für ein Massenpublikum abgehalten" (S.42). Weiterhin nennt Owen den Versuch, durch das Erfüllen der christlichen Gebote, im Himmel belohnt zu werden "himmlische Bestechung", was bedeutet, dass jeder Mensch aus sich heraus die christlichen Gebote der Nächstenliebe befolgen, Moral zeigen und ein guter Mensch sein sollte und nicht, weil man sich mit aufgesetzten und nicht von Herzen kommenden Verhaltensweisen einen Platz im Himmel sichern will. Man sollte zum Gottesdienst gehen, weil man das ehrliche Bedürfnis danach spürt und nicht aus einem erzieherischen Wert oder Heuchelei heraus. So sagt John: "Er tut es nur wegen der Kinder, la ndet in der Kirche, so wie manche Männer mit einem derart leeren Gesichtsausdruck in einer Ehe landen" (S.247). Kritik an der Beichte übt Owen, indem er sagt: "Wenn Katholiken alles beichten können, dann können sie sich auch alles vergeben" (S.516).

Beide Pastoren, sowohl Pastor Merrill als auch Reverend Wiggins sind ein Beispiel für den Glauben basierend auf falschen Voraussetzungen. Reverend Wiggins ist ehemaliger Pilot und musste aus gesundheitlichen Gründen diesen Beruf aufgeben und schuf sich mit dem Amt des Reverends wohl eher ein zweites Standbein, als dass er sich je berufen gefühlt hätte. Pastor Merrills Grundlage für seinen Glauben war der Zweifel. Der Glaube duldet jedoch keinen Zweifel, denn diese müssten durch Erklärungen und Beweise beseitigt werden und Wunder können nicht erklärt werden. Gleichzeitig war Pastor Merrill so gutgläubig oder egozentrisch, den Tod von Tabby Wheelwright auf seinen Wunsch "sie möge tot umfallen" und dessen vermeintliche Erfüllung zu beziehen, wodurch er seinen Glauben gänzlich verlor.

Sehr ironisch wird dessen Einfältigkeit beschrieben, als er es ablehnt, Owen als ein Wunder zu bezeichnen, obwohl ihm dieses Wunder selbst wiederfahren ist, als er sich seinem Sohn offenbart, indem Owen durch ihn spricht und den Verbleib des Baseballs und somit die Vaterschaft verrät; aber er glaubt an das Wunder der Auferstehung Tabbys, das von John mittels ihrer Schneiderpuppe inszeniert wird und das ihn zu seinem Glauben zurückfinden lässt. Heftig kritisiert wird auch das katholische Priesteramt, indem Harriet Wheelwright die Entscheidung zum Priesteramt als eine Art Schimpfwort gebraucht und John erklärt: "Sich für das Priesteramt entscheiden, das war eine der Lieblingswendungen meiner Großmutter; sie verwendete sie stets im Zusammenhang mit unerträglicher Dummheit, selbstverschuldeten Schwierigkeiten und Handlungen, die ebenso unmenschlich wie dumm waren" (S.157).

Abschliessend macht Irving durch seinen Helden deutlich, dass alles einen Sinn hat. Owens körperliche Merkmale - seine kleine und zierliche Statur - und die seltsame Stimme, die ihn zeitlebens zu einem Aussenseiter machen, erfüllen letztlich einen besonderen Zweck. Obwohl Owen die Möglichkeit in Betracht ziehen können, sich einer Operation zu unterziehen, wollte er an seiner Stimme nichts ändern und er sagt: "wenn Gott mir diese Stimme gegeben hat, dann hatte er einen Grund dafür" (S.493).

Am Ende wird klar, dass die vietnamesischen Kinder ihm nur deshalb folgen, weil er ihre Stimme hat - die Stimme eines Kindes - und ihre Grösse. Irving schreibt: "Es lag nicht nur daran, dass er ihre Sprache sprach; es war seine Stimme, die sie zum Hinhören zwang, es war eine Stimme wie ihre. Deshalb vertrauten sie ihm, deshalb hörten sie auf ihn" (S. 846).

Durch seine aussergewöhnlich kleine Statur, die ihn auffallen liess und die eine Erklärung für mögliche Ablehnung durch andere hätte sein können, wurde er oftmals zum Anführer des Geschehens, so zum Beispiel beim Krippenspiel, als nur er in die Krippe passt, oder beim Versteckspielen auf dem Dachboden im Grossmütterlichen Haus, als er anbietet, als Versteckobjekt zu fungieren.

Die Führungsrolle, die Owen immer wieder innehat, beschreibt John mit den Worten: "In jenem Dezember 1953, ..., war mir nur undeutlich bewusst, dass Owen der Dirigent enes ganzen Orchesters von Ereignissen war - und überhaupt nicht bewusst war mir, dass diese Orchestrierung zu einem einzigen Ton führen würde" (S.259).

Mit der Rettung der Kinder erreicht Owen im Tod sein lebenslanges Ziel.

Symbolik

- John

Abgeleitet von Johannes, einem der Jünger Jesu'. Johannes war Jesus der liebste Jünger, sowie John Owens bester Freund ist.

- "Ein Weihnachtslied" von Charles Dickens

Sowohl Scrooge als auch Owen wird die Zukunft gezeigt. Für beide der Augenblick, in dem sie entscheiden müssen, welchen Weg sie weiter gehen. Scrooge nimmt dies zum Anlass, sich und damit seine Zukunft zu ändern, Owen beginnt fast fanatisch darauf hin zu arbeiten, dass sich diese Offenbarung erfüllt.

- Das rote Kleid

Die Farbe rot ist gleichbedeutend für Emotionalität, Liebe und Leidenschaft. Sie symbolisiert etwas aufregendes. Das rote Kleid steht stellvertretend für das Ausbrechen Tabithas aus ihrem unscheinbaren, ruhigen, vorhersehbaren Leben in Gravesend in das aufregende, etwas gefährlich anmutende Leben in der Grossstadt Boston. Gleichermassen ist die Farbe rot ein Zeichen moralischer Verfehlung; ähnlich wie im Roman "Der Scharlachrote Buchstabe" von Nathaniel Hawthorne, indem Hester Prynne gezwungen wird, das scharlachrote "A" zu tragen, weil sie den Vater ihres unehelichen Kindes nicht preisgeben will. Auch hier ist der Vater ein Priester.

- Das Gürteltier

Es ist das einzige Geschenk, das John von den Verehrern seiner Mutter geschenkt bekommt und auch behält. Es wird, wie Owens Baseballkarten, zu einem Symbol dessen, was Owen John bedeutet. Ausserdem ist es ein weiterer Bestandteil des Motivs "Armlosigkeit".

- Das Hochzeitsgeschenk

Es symbolisiert, wie eng Owen mit dem Leben in der Granitmine und somit mit dem Tod verbunden ist. Möglicherweise ist es symbolisch für Tabithas Tod.

- Armlosigkeit

Durch die Armlosigkeit wird der Tod symbolisiert, wobei sich diese wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht. Sowohl das Gürteltier, Watahantowet, die Schneiderpuppe von Johns Mutter, die Statue der Maria Magdalena, als auch am Ende Owen sind armlos. Auch in der scheinbar nebensächlichen Beschreibung Owens, als er auf dem Dachboden in Harriet Wheelwrights Haus erscheint, wird das Motiv verwendet. Irving schreibt: "Wie er seine Hände hinter dem Rücken gefaltet hatte, sah er aus wie Watahantowet, ohne Arme" Möglicherweise wollte Owen die Mutter Johns unsterblich machen, indem er die Arme der Statue an ihrer Schneiderpuppe anbrachte, denn die Arme stehen für Erschaffen und Leben im weitesten Sinn. Eine weitere Definition ist, dass Arme Gewalt und Macht bedeuten, wobei das Fehlen der Arme Hilflosigkeit ausdrückt.

Mit den Armen hat Owen die Mutter getötet, indem er den Baseball schlug. Die fehlenden Arme bei Watahantowet versinnbildlichen, dass alles eine Seele, einen Geist hat. Es ist nicht so sehr wichtig, was wir Menschen mit den Händen erschaffen, sondern wer wir sind. Eine mögliche Erklärung dafür, warum Owen der Statue der Maria Magdalena die Arme und den Kopf abgeschlagen hat, könnte im Hinblick auf ihre biblische Geschichte als Edelprostituierte sein, dass sie nur auf ihre Körperlichkeit reduziert wurde und niemand sich für das zu interessieren schien, was in ihrem Kopf vorging. Ebenso war es bei Johns Mutter. Es wird beschrieben, dass sie eine schöne Frau war, die alle ansahen, aber ihre Schwester und wahrscheinlich auch einige andere hielten sie für einfältig, wobei sich herausstellte, dass sie schlauer war, als ihr zugetraut wurde.

Erzählstruktur Irvings

Der Roman wird aus der Perspektive Johns, dem Ich-Erzähler wiedergegeben. Dabei ist der Erzählstil Irvings sehr ausschmückend und detailgetreu, wobei dies streckenweise sehr langweilig wirkt. Die Beschreibung des von John behandelten Unterrichtsstoffes beispielsweise wird folgendermassen dargestellt: "ich drücke meinen Mädchen in der Abschlußklasse Hamlet in die Hand [...] Und Schuld und Sühne [...]. Raskolnikows Erbärmlichkeit erfassen sie noch, aber sie sehen nicht, wie sogar in den einfachsten Beschreibungen Dostojewskijs psychologisches Konzept zum Tragen kommt [...]. Vom Wirt in einer Schenke, zum Beispiel, wird gesagt: "sein kleines Gesicht schien, gleich einem eisernen Schlosse, mit Öl eingefettet". Was für ein herrliches Gesicht für einen Schenkenwirt!" (S.721).

Auch die Nebenpersonen werden bei Irving ausführlich beschrieben, während sie das Thema mehrerer Erzählstränge darstellen, die parallel verlaufen und in jedem Kapitel wieder aufgegriffen und erweitert dargestellt werden. Dabei wird meist das Ergebnis der Handlung vorweggenommen; so wird im ersten Kapitel bereits der Tod der Mutter geschildert und während der weiteren Kapitel wird ihr Leben und die Beziehung zu Owen, John und ihrem späteren Ehemann Dan dargestellt. Auch die Beerdigung Owens wird beschrieben, bevor der Leser weiss, wie er ums Leben kommt. Dabei wird durch einen geschickt aufgebauten Spannungsbogen erst das Ende des Romans zum Schlüssel vieler kleiner, eher unwichtig erscheinender Nebenhandlungen, so zum Beispiel die lange Verlobungszeit der Mutter mit Dan Needham oder das Einüben des Sprungs beim Basketballspiel.

Ein weiteres interessantes Mittel des Autors sind die verschiedenen Zeitebenen in denen der Roman spielt. Während die Haupterzählung in den fünfziger Jahren spielt, als Owen noch lebt, werden Erzählungen aus der Gegenwart als kurze Unterbrechung eingeschoben. Leider wird der Geschehensfluss in der Vergangenheit durch zu viele gleichgewichtige und zu ausführlich beschriebene Nebenhandlungen überlagert, so wird beispielsweise auf ermüdenden 12 Seiten die an sich uninteressanten und für die Handlung unwesentlichen Ferien bei Tante Martha beschrieben. Auch eine Vielzahl der Abschnitte über das politische Verhalten wirken durch den eigenen Mangel an Kenntnissen der amerikanischen Politik wie eine Aneinanderreihung bekannter und unbekannter Namen, so dass diese Abschnitte eher mühsam und verwirrend sind und zum Überlesen verleiten.

So schreibt Irving: "und ich habe beschlossen, mit niemandem über die amerikanischen Waffenverkäufe an den Iran und die Weiterleitung des Gewinns aus diesem Geschäft an die Rebellen in Nicaragua zu diskutieren - und auch nicht über das Geschenk des Sultans von Brunei, das als Unterstützung für die Rebellen gedacht war" und: "Wer erinnert sich schon an Melvin Laird ? Wie viele von uns wissen noch, wer General Creighton Abrams oder General William Westmoreland waren [...]. Und wer der von General Curtis LeMay?" (S. 449, S. 537).

Ebenso langatmig sind die zahllosen biblischen Zitate und ausschweifenden Beschreibungen von Gottesdiensten: " Dann ermahnte uns Pastor Merrill mit dem bekannten Psalm: "Der Herr behüte deinen Ausgang [...] So führte er uns ins neue Testament [...].Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten" (S. 780).

Ein anderes Stilmittel, das im Roman häufig verwendet wird, sind Gegensatzpaare. Owens fanatischer und Johns mangelnder Glaube, das rauhe Klima Gravesends im Gegensatz zum schwül-heissen Klima Arizonas, der winzige Owen Meany und sein überdurchschnittlich grosser Mörder Dick Jarvis sind nur einige Beispiele.

Da das Hauptmotiv des Romans der Glaube und die Religiosität ist, verwundert es nicht, dass viele der im Roman verwendeten Namen biblischen Ursprungs sind. Dazu zähl sowohl eine der Hauptfiguren John, abgeleitet von Johannes, als auch die Vettern Simon und Noah und Kusine Hester, abgeleitet von Esther. Auffällig sind auch die Betitelungen Owens mit Messias, Friedensfürst oder Prophet und die biblischen Vergleiche und Anspielungen: "und so wurde er gekreuzigt" (S. 554) oder: "wie ein vom Himmel herabgestiegener Engel - ein kleiner, aber feuriger Gott, gesandt, über uns zu urteilen" (S. 675).

Der Roman enthält außerdem autobiografische Züge, besonders im Charakter Johns, der, wie Irving, seinen Vater nicht kennt und Legastheniker ist. Auf die Verwendung verschiedener Motive aus Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" komme ich in einem gesonderten Kapitel zu sprechen.

Zuletzt sei noch erwähnt, dass es sich um einen Zeitroman handelt und der Autor selbst von einem politischen Roman spricht.

- Das Werk im Vergleich -

Günter Grass "Die Blechtrommel" versus John Irving "Owen Meany"

Wie bereits erwähnt, lernte John Irving Günter Grass während seines Aufenthaltes in Wien kennen. Als Hommage an Günter Grass, den Irving sehr bewundert, hat er einige Themen und Motive in seinem Roman "Owen Meany" aus Grass' "Blechtrommel" entnommen.

Ich möchte hier nur die wichtigsten anführen, die beim Vergleich der beiden Bücher hervorstechen.

Die Handlungszusammenfassung habe ich aus der Lektürehilfe von Mentor übernommen, da sie für die Abhandlung über "Owen Meany" unwesentlich ist und nur einen groben Einblick gewähren soll.

4. Inhaltsangabe "Die Blechtrommel"

Oskar Matzerath, die Hauptfigur des Romans, schreibt als Patient einer Pflegeanstalt in einem Zeitraum von drei Jahren seine Biographie nieder. Beginnend mit der Lebensgeschichte seiner Grosseltern, beschreibt er die Jahre 1899 bis 1952.

Der Roman ist in drei Bücher gegliedert, die jeweils wichtige Abschnitte im Leben Oskars wiedergeben und einschneidende Wendepunkte markieren. Das erste Buch, das die wichtigsten Ereignisse der Jahre 1899 bis 1938 vergegenwärtigt, ist der Kindheit und Jugend Oskars gewidmet. Oskar entscheidet sich an seinem dritten Geburtstag das Wachstum einzustellen. Dazu braucht er die Blechtrommel, die für ihn notwendig ist, um das tägliche Leben zu meistern. Eine besondere Waffe ist Oskars Stimme, mit der er Glas zerstören und zerschneiden kann. Das erste Buch endet mit dem Tod seiner geliebten Mutter und dem Verlust eines guten Freundes. Dem Sturm auf die polnische Post folgt der zweite Weltkrieg.

Das zweite Buch schildert die Kriegsjahre in Deutschland. Als Zwergwüchsiger schliesst sich Oskar einer Theatergruppe an, die zur Unterhaltung der Soldaten an der Front engagiert ist. Seine grosse Liebe gilt Roswitha Raguna, die jedoch im Krieg von einer Granate getötet wird. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wird er kurzzeitig Führer der Stäuberbande, einer Gruppe von Jugendlichen, die durch Sabotageakte auf sich aufmerksam macht. Auch das Ende die ses Buches ist vom Tod überschattet: Alfred, sein Vater, wird von einem russischen Soldaten erschossen. Auf der Beerdigung entschliesst sich Oskar, die Verweigerung des Wachstums aufzugeben und von nun an Verantwortung zu übernehmen.

Nach dem Krieg macht Oskar als Trommler Karriere. Aufgrund des Verdachts, einen Mord verübt zu haben, wird er angeklagt und in eine geschlossene Anstalt eingeliefert.

5. Ähnlichkeiten der beiden Romane:

5.1) Hauptpersonen

- Beide Hauptfiguren in den Romanen haben die gleichen Initialen "O" und "M" für Oskar Matzerath und Owen Meany, wobei Oskar die alleinige Hauptperson in "Die Blechtrommel" darstellt während dieser Charakter bei "Owen Meany" in zwei verschiedene Hauptpersonen, John Wheelwright und Owen Meany aufgesplittert wird.
- Sowohl Oskar als auch Owen sind kleinwüchsig und haben eine besondere Stimme.
- Beide sind sehr klug und werden in den Romanen als ihrer Umgebung intellektuell überlegen dargestellt.
- Beide besitzen mystische Fähigkeiten; so kann Owen Geschehnisse, die in der Zukunft liegen, spüren oder sehen und Oskar hat die Fähigkeit sein eigenes Wachstum zu kontrollieren.
- Beiden ist eine gewisse Morbidität zu Eigen. Owens Familie besitzt ein Grabsteingeschäft und alles in seinem Leben dreht sich um den Tod, während Oskar eine Praktikantenstelle als Steinmetz annimmt und eine Vorliebe für Friedhöfe hat.
- Sowohl Oskar als auch John kennen ihren Vater nicht.
- Beide sind zeitweilig Jesus. Owen spielt ihn im Krippenspiel, während Oskar ihn in der Danziger Jugendbande darstellt und an seinem dreißigsten Geburtstag "Jesus" genannt wird.

5.2) Nebenpersonen

- Die Mutter Oskars bricht wöchentlich ein Mal aus ihrem gewohnten Alltag aus und macht anscheinend Einkäufe. Eigentlich trifft sie sich mit Oskars Vater. Die Mutter Johns fährt ein Mal wöchentlich mit dem Zug nach Boston. Vordergründig tut sie dies, um Gesangsunterricht zu nehmen. Eigentlich tritt sie in einer Bar als Sängerin auf.

5.3) Handlung

- Die Handlung spielt in beiden Romanen vor und während eines Krieges. In "Die Blechtrommel" ist es der zweite Weltkrieg, während bei "Owen Meany" Vietnam der Schauplatz ist.
- Sowohl Oskar als auch Owen sind eng verflochten mit dem Tod der Mutter bzw. der mütterlichen Person. Oskar fühlt sich am Tod der Mutter schuldig, während Owen den Tod von Mrs. Wheelwright zweifelsohne verschuldet.
- Beide Romane sind angefüllt von biblischen Anspielungen, Zitaten oder Themen.

5.4) Erzählstil

- Beide Romane werden rückblickend erzählt, wobei sich Vergangenheit und Gegenwart abwechseln. Am Ende schliesst die Vergangenheit zur Gegenwart auf.

5.5) Das Ende

- Beide verhindern durch ein langjährig eintrainiertes Verhalten ein grosses Unglück. Owen bewahrt durch den geübten, in einer bestimmten Zeit vollbrachten Basketballsprung, dass die Granate in der Menge der Kinder zündet, während Oskar durch das Trommeln, das Erschiessen an dem vormaligen Feind verhindert.

- Anhang -

Leseprobe Die Stimme

Von allen Dingen, die meine Großmutter nicht leiden konnte, brachte mangelnde Anstrengung sie am meisten in Rage; dieser Haß kam Dan recht seltsam vor, da Harriet Wheelwright in ihrem Leben nicht einen Tag gearbeitet hatte - und dies auch von meiner Mutter nie erwartet hatte; auch mir hat sie niemals irgendeine lästige Pflicht aufgetragen. Dennoch bedurfte es ihrer Meinung nach permanenter Anstrengung, die Ereignisse zu verfolgen - sowohl die in unserer kleinen Welt als auch die außerhalb von Gravesend -, und es bedurfte großer Anstrengung und Intelligenz, nahezu ständig Kommentare über die gemachten Beobachtungen abzugeben; und bei diesen Anstrengungen erwies sich Großmutter als rigoros und konsequent. Ihr Glaube, daß Anstrengung ein Wert an sich sei, hielt sie davon ab, einen Fernseher zu kaufen.

Sie las leidenschaftlich gern und hielt Lesen für eine der vornehmsten Anstrengungen; Schreiben hingegen betrachtete sie als reine Zeitverschwendung - eine kindische Nachgiebigkeit gegen sich selbst, noch schmuddeliger als Malen mit Fingerfarben -, aber Lesen war für sie eine bewundernswerte , selbstlose Tätigkeit, die einen mit Information und Inspiration versorgte. Es muß sie betrübt haben, daß einige arme Narren ihr Leben mit Schreiben verschwenden mußten, nur damit wir genug Lesestoff hatten. Außerdem machte Lesen einen sicher und vertraut im Umgang mit der Sprache, dem notwendigen Werkzeug, um die ständigen Kommentare über das Beobachtete zu formulieren. Großmutter hatte ihre Zweifel am Radio, obgleich sie zugeben mußte, daß die moderne Welt sich mit einem derartigen Tempo vorwärtsbewegte, daß das geschriebene Wort nicht mehr Schritt halten konnte; Zuhören erforderte zumindest eine gewisse Anstrengung, und die Sprache, die man im Radio hörte, war nicht viel schlechter als die, über die man immer häufiger in Zeitungen und Zeitschriften stolperte.

Doch beim Fernsehen zog sie ihre Grenze. Zuschauen kostete keinerlei Anstrengung - es war weitaus nützlicher für Seele und Geist, zu lesen oder zuzuhören - und was es ihrer Meinung nach im Fernsehen zu sehen gab, empörte sie; natürlich hatte sie nur darüber gelesen. Sowohl im Veteranenheim als auch in der Seniorenresidenz von Gravesend - sie saß bei beiden im Verwaltungsausschuß - hatte sie heftig ihre Meinung kundgetan, den alten Menschen Fernsehgeräte zur Verfügung zu stellen bedeute nur, ihren Tod zu beschleunigen. Sie ließ sich von den Gegenargumenten beider Altersheime nicht erweichen: daß ihre Insassen oftmals zu schwach oder zu zerstreut zum Lesen waren und daß sie vor dem Radio einschliefen.

Meine Großmutter besuchte beide Heime und fand von dem, was sie sah, ihre Meinung nur bestätigt; was Harriet Whee-wright sah, bestätigte stets ihre Meinung: Sie sah, wie sich der Prozeß des Sterbens beschleunigte. Sie sah gebrechliche alte Menschen mit weit aufgerissenem Mund dasitzen; obwohl sie bestenfalls noch über einen Teil ihrer früheren Aufnahmefähigkeit verfügten, hing ihre Blich voller teilnahmsloser Aufmerksamkeit an Bildern, von denen Großmutter meint, sie seien "von so konzentrierter Banalität, daß man sie nicht im Gedächtnis behalten kann". Es war das erste Mal, daß sie wirklich eingeschaltete Fernseher gesehen hatte, und sofort war sie hin und weg. Sie meinte, das Fernsehen sauge das bißchen Leben, das noch in den alten Leuten steckte, "geradewegs aus ihnen heraus"; dennoch sehnte sie sich von diesem Zeitpunkt an nach enem eigenen Fernseher!

Der Tod meiner Mutter, dem binnen eines halben Jahres der Tod Lydias folgte, hatte viel mit der Entscheidung meiner Großmutter zu Kauf eines Fernsehers zu tun. Meine Mutter hatte das alte Grammophon sehr gemocht; abends lauschten wir Sinatra, der unter Begleitung des Tommy Dorsey Orchestra sang - meine Mutter sang gern mit Sinatra mit. [...] Ich hatte ein eigenes Radio, und nachdem Mutter gestorben war, schaltete ich es immer öfter ein; ich glaubte, es würde Großmutter zu nahegehen, wenn ich die alten Lieder von Sinatra auf dem Grammophon abspielte. Als Lydia noch lebte, schien sich Großmutter mit Lesen zufriedenzugeben; entweder wechselten sie und Lydia sich gegenseitig beim Vorlesen ab, oder sie zwangen Germaine dazu, ihnen laut vorzulesen - während die beiden ihre Augen schonten und sich eifrig ihrer Aufgabe widmeten, Germaine zu "erziehen". Doch nachdem Lydia gestorben war, weigerte sich Germaine, meiner Großmutter vorzulesen; Germaine war davon überzeugt, daß ihr Vorlesen Lydia entweder getötet oder ihren Tod beschleunigt hatte, und Germaine wollte Großmutter unter keinen Umständen auf ähnliche Weise ermorden. Eine Zeitlang las Großmutter Germaine vor; doch dadurch ergab sich für sie keine Möglichkeit, ihre Augen zu schonen, und oft hielt sie beim Lesen inne, um sich zu vergewissern, ob Germaine auch wirklich zuhörte. Germaine konnte allerdings nicht richtig zuhören - sie war zu sehr damit beschäftigt, am Leben zu bleiben, während Großmutter ihr vorlas. [...]

(Kapitel 6 / Seite 360 - 363)

Quellenangabe

Irving, A Prayer for Owen Meany (dt. Owen Meany)

John Diogenes Verlag, 1989

Irving, My Movie Business - Mein Leben, meine Romane, meine Filme

John Diogenes Verlag, 1999

Die Bibel

Deutsche Bibelgesellschaft

Grass, Die Blechtrommel

Günter DTV 1997

Mentor Lektürehilfe zu Günter Grass "Die Blechtrommel" Mentor Verlag München 2000

Internet dmoz.org/world/Deutsch/Kultur/Literatur/Autoren_und_Autorinnen/I/Irving,_John

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Irving, John - Owen Meany
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V106813
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Irving, John, Owen, Meany
Arbeit zitieren
Nicole Badstöber (Autor), 2002, Irving, John - Owen Meany, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106813

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