Märchenstrukturen im Vergleich - der Ansatz Vladimir Propps


Seminararbeit, 2001

15 Seiten, Note: 2,3


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Inhaltsverzeichnis

1. Märchen und Märchenforschung

2. Strukturalistische Märchenforschung nach Vladimir Propp
2.1 Abgrenzung
2.2 Die 31 Funktionen der handelnden Personen
2.3 Transfer der Funktionen
2.4 Der Umgang mit Propps Theorie

3. Resümee

Literaturverzeichnis

Hinweis: Die Namen der erwähnten Autoren sind an den Stellen, an denen direkt oder indirekt auf ein Zitat zurückgegriffen wird, durch KAPITÄLCHEN hervorgehoben, um eine bessere Übersichtlichkeit zu gewährleisten.

1. Märchen und Märchenforschung

Die folgende Ausarbeitung stellt eine Auseinandersetzung mit der literarischen Gattung Märchen dar. Dabei soll diese zunächst kurz in ihrer Entstehung, ihrem Verständnis und ihren Theorien erläutert werden, ehe gezielt auf einen strukturalistischen Ansatz der Märchenforschung nach Vladimir Propp zurückgegriffen wird. Dabei geht es um inhaltliche Bestandteile, die in verschiedenen Varianten bei vielen Märchen länderübergreifend wiederzufinden sind.

Märchen sind Erzählungen in kurzer abgeschlossener Form und beinhalten oftmals imaginäre Handlungen, die sich eindeutig von der Realität unterscheiden. Hier zeigt sich der Symbolcharakter dieser Textart. So sind Märchen in enger Beziehung zur Fabel sowie zu Mischformen wie Novellen und Schwänken zu sehen und tragen genau wie diese häufig eine Lehre oder Lebensweisheit mit sich. Märchen sind aus mündlicher Überlieferung entstanden, sodass die Art und Weise des Vortrags durch Improvisation bestimmt und ebenso wie der Charakter des Vortragenden von entscheidender Bedeutung für die Wirkung auf das Publikum ist. Dementsprechend kann die schriftliche Form von Märchen lediglich einen Abriss der Erzählsituation darstellen und bietet nur begrenzt Spielraum für Interpretationen.

Hinweise auf Formen märchenhafter Literatur finden sich in den Überlieferungen der meisten Hochkulturen, insbesondere bei den Ägyptern, den Babyloniern, den Griechen und den Römern. Erste Märchensammlungen veröffentlichten die Italiener Gianfrancesco Straparola (in den Jahren 1550 - 1553) und Giambattista Basile (1634 - 1636) sowie die

Franzosen Antoine Galland (1704 - 1717) und Charles Perrault (1697). Die Veröffentlichung des Letzteren bildete auch die Grundlage für die in Deutschland (1812 - 1815) von den Brüdern Grimm publizierten „Kinder- und Hausmärchen“, eine der heute bekanntesten Zusammenstellungen. Das aufkommende Interesse an Märchen in dieser Zeit ist u. a. auf die Strömungen der literarischen Epoche der Romantik zurückzuführen. Dabei erfüllten sie insbesondere die Anschauungen von Dichtung über Ursprung und Gestalt. Dienten Märchen ursprünglich zur Unterhaltung an Adelshöfen, werden sie heutzutage hauptsächlich Kindern erzählt und zur Entwicklung der Lesefertigkeit in der Grundschule eingesetzt.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Märchen verläuft in unterschiedliche Richtungen. Die Brüder Grimm beschäftigten sich ausführlich mit der Entstehung der Märchen, welche sie auf Mythen und Heldensagen zurückführten. Auch Carl Gustav Jung griff diesen Gedanken auf, versuchte aber so, tiefenpsychologische Einblicke in die Gefühlswelt des Menschen zu bekommen. Weiterhin gibt es Untersuchungen zu Form und Stil von André Jolles oder zu Erscheinungsformen des Märchens von Max Lüthi. In der Einordnung und Formbestimmung sind zwei wesentliche Positionen zu unterscheiden. So teilte der Finne Antti Aarne Märchen nach ihren Inhalten ein, deren diverse Ausführungen und Varianten er entsprechend zuordnete. Demgegenüber formulierte der russische Märchenforscher Vladimir Propp 31 Funktionen, die in nahezu jedem Märchen wiederzufinden und für eine differenzierte Märchenforschung konstitutiv seien.

2. Strukturalistische Märchenforschung nach Vladimir Propp

2.1 Abgrenzung

VLADIMIR PROPP wählt einen Ansatz der Märchenunterscheidung, in dem er Gesetzmäßigkeiten innerhalb verschiedener Märchen bestimmt. Diese Gesetzmäßigkeiten macht er an inhaltlichen Strukturen fest, die er allgemein definiert und in den von ihm untersuchten Märchen wiederfindet. PROPP stützt seine Ergebnisse auf eine Sammlung russischer Zaubermärchen, welche von Alexander Afanasev zusammengestellt worden ist. In seiner 1928 entstandenen Studie, die in seinem 1969 erschienenen Werk „Morphologie des Märchens“ neu veröffentlicht worden ist, beginnt PROPP seine Ausführungen mit der Aussage, in der Märchenforschung seien in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts keine neuen Erkenntnisse zu verzeichnen gewesen. Dies führt er jedoch nicht auf die von einigen Märchenforschern beklagte lückenhafte Quellenlage zurück:

„So kann man unmöglich behaupten, das ‘vorhandene Material sei immer noch unzureichend’. Das Problem liegt nicht primär im Umfang des Materials, sondern vielmehr in den Forschungsmethoden.“1

Er bemängelt an der bisherigen Märchenforschung , dass zwar Untersuchungen zu Regelmäßigkeiten stattgefunden hätten, Märchen jedoch nach bereits feststehenden Schemata gruppiert würden. Er ist der Ansicht, Einteilungen würden vollzogen, um Märchen besser unterscheiden zu können, jedoch nicht anhand von ihnen entwickelt. Probleme bei der Ordnung von Märchen nach Obergruppen macht er durch den exemplarischen Vergleich von Tier- und Zaubermärchen deutlich, die trotz zahlreicher Unterschiede auch Gemeinsamkeiten hätten, welche in vielen Fällen keine eindeutige Kategorisierung zulassen würden. Weiterhin verwirft er eine Klassifizierung von Märchen in „Sujets“. Dieser vom spätlateinischen Begriff „Subiectum“ abstammende Ausdruck, dem die Unterscheidung von Märchen anhand ihrer Protagonisten charakteristisch ist, führt nach PROPPS Ansicht zu keiner sinnvollen Lösung des Problems.

PROPP würdigt in diesem Zusammenhang die Märchenklassifizierungen der so genannten finnischen Schule und greift die Theorie Antti Aarnes auf. Im Hinblick auf dessen Einteilung in Tiermärchen, eigentliche Märchen und Schwänke, fragt er jedoch abermals nach den Kriterien, die eine exakte Unterscheidung möglich machen. In den Untereinteilungen Aarnes macht PROPP eine Gliederung nach „markanten Momenten“2 aus, stellt jedoch daran ansatzweise Uneinheitlichkeit und so einen Wechsel zu einer strukturorientierten Märchenforschung fest. Genau hier formuliert er sein eigenes Untersuchungsziel:

„Im Verlauf unserer Arbeit werden wir nachzuweisen versuchen, daß eine Analyse nach einzelnen Bestandteilen die richtige Methode der Erforschung ist.“3

Dabei kommt es ihm zufolge zunächst auf eine ausführliche Beschreibung an, um Elemente zu herauszustellen, mit Hilfe derer auch interkulturelle Vergleiche gezogen werden können. Dazu sei eine Untersuchung des Systems, nach dem Märchen aufgebaut sind, unumgänglich:

„Wir können aber behaupten, daß es ohne ausgesprochen morphologische Untersuchungen auch keine wirkliche historische Forschung geben kann. Solange wir ein Märchen nicht in seine Bestandteile zerlegen können, wird es keine echt Vergleichsbasis geben.“4

Die von ihm angesprochene morphologische Untersuchung führt PROPP mit einer Gruppierung der Aktivitäten, welche die innerhalb eines Märchens verwendeten Figuren vollziehen, durch. Er spricht von „Funktionen der handelnden Personen“.5 Diese Funktionen sollen Aktionen beschreiben, die den Handlungszusammenhang maßgeblich bestimmen. PROPP geht hierbei von vier Axiomen aus. So sind die Funktionen 1. unabhängig von der ausführenden Person, 2. in ihrer Anzahl begrenzt, 3. immer in derselben Reihenfolge ( wobei einzelne Funktionen fehlen können) vorzufinden und 4. auf der Grundlage von Afanasevs Zaubermärchen formuliert worden.

2.2 Die 31 Funktionen der handelnden Personen

Im Folgenden werden die von PROPP entwickelten Funktionen der in einem Märchen handelnden Personen kurz dargestellt. Dabei werden seine (hervorgehobenen) Definitionen mit eigenen Anmerkungen zu einem ganzheitlichen Überblick zusammengeführt:6

Ausgangssituation: Vorstellung der Beteiligten durch Nennung ihres Namens oder Beschreibung ihrer Lage. Es folgen die Funktionen:

1.) Ein Familienmitglied verlässt das Haus für eine Zeit. Gründe dafür sind Arbeit, Reise oder Krieg.

2.) Dem Helden wird ein Verbot erteilt. Alternativ: Vorschrift, Gebot. Oftmals Grundlage, bei deren Verletzung ein Unglück droht.

3.) Das Verbot wird verletzt. Folge: Gegenspieler des Märchenhelden tritt auf, Schaden wird verursacht.

4.) Der Gegenspieler versucht, Erkundigungen einzuziehen. Zweck: Nachforschungen über Personen und Gegenstände. Auch der Held kann den Feind ausfragen.

5.) Der Gegenspieler erhält Informationen über sein Opfer ( sei es bewusst oder unbewusst).

6.) Der Gegenspieler versucht, sein Opfer zu überlisten, um sich seiner selbst oder seines Besitzes zu bemächtigen. Mittel: Verwandlung, Überredung, Zaubermittel, Betrug oder Gewalt.

7.) Das Opfer fällt auf das Betrugsmanöver herein und hilft damit unfreiwillig dem Gegenspieler. Verbote werden stets übertreten, betrügerische Angebote angenommen und ausgeführt.

Ende der Einleitung

8.) Der böse Gegenspieler fügt einem Familienmitglied einen Schaden zu. Mittel: Entführung, Raub, Hinterhalt, Diebstahl oder Körperverletzung, die als Diebstahl aufzufassen ist.

8a.) Einem Familienmitglied fehlt irgendetwas, es möchte irgendetwas haben. Verlangen nach einer Person, einem Zauber- oder Existenzmittel. Kein Einfluss auf die Struktur des Märchens.

9.) Ein Unglück oder der Wunsch, etwas zu besitzen werden verkündet, dem Helden wird eine Bitte bzw. ein Befehl übermittelt, man schickt ihn aus oder lässt ihn gehen. Held als Person, deren eigenes Schicksal beschrieben wird oder die das Schicksal anderer beeinflusst. Unterscheidung: „leidender Held“ - „Sucher“.

10.) Der Sucher ist bereit bzw. entschließt sich zur Gegenhandlung. Bereitschaft zur Tat wird beschrieben.

11.) Der Held verlässt das Haus. Sucher: absichtlicher Aufbruch, leidender Held: gezwungener Aufbruch

Schenker/Geber/Prüfer tritt auf (Wendepunkt)

12.) Der Held wird auf die Probe gestellt, ausgefragt, überfallen usw. , wodurch der Erwerb des Zaubermittels oder des übernatürlichen Helfers eingeleitet wird. Held tritt mit neuer Person in Kontakt und hat eine Prüfung zu bestehen.

13.) Der Held reagiert auf die Handlungen des künftigen Schenkers. Die Reaktion kann positiv oder negativ sein.

14.) Der Held gelangt in den Besitz des Zaubermittels. Es existieren alle logischen Kombinationen von Prüfung und Besitznahme einer für die weitere Handlung relevante Sache. Einteilung des Schenkers in zwei Typen: Typ 1: negativ; Typ 2: positiv. Definition Held: aktiv oder passiv.

15.) Der Held wird zum Aufenthaltsort des gesuchten Gegenstandes gebracht, geführt oder getragen. Ortswechsel des Helden wird beschrieben oder nur vollzogen.

16.) Der Held und sein Gegner treten in einen direkten Zweikampf. Der Gegenspieler oder falsche Held wird nun explizit vom Schenker unterschieden.

17.) Der Held wird gekennzeichnet. Markierung, zum Zweck späterer Wiedererkennung durch andere.

18.) Der Gegenspieler wird besiegt.

19.) Das anfängliche Unglück wird gutgemacht bzw. der Mangel behoben. Das in Funktion 8.) beschriebene Elend wird zum Positiven gewendet.

Höhepunkt der Handlung.

20.) Der Held kehrt zurück. Rückweg = Hinweg.

21.) Der Held wird verfolgt. Schwierigkeiten auf dem Heimweg mit dem Gegenspieler.

22.) Der Held wird vor den Verfolgern gerettet. Überwindung der oben geschilderten Schwierigkeiten.

Hier kann das Märchen nach einer kurzen Beschreibung der Zukunft enden

23.) Der Held gelangt unerkannt nach Hause zurück oder in ein anderes Land.

24.) Der falsche Held macht seine Unrechtmäßigen Ansprüche geltend. Andere beanspruchen die Rolle, die dem Helden gebührt.

25.) Dem Helden wird eine schwere Aufgabe gestellt. Abschließende Prüfung mit dem Zweck der Identifizierung.

26.) Die Aufgabe wird gelöst. Besonderheiten werden durch den Helden herausgefunden.

27.) Der Held wird erkannt. Sollte der Held keine wie in Funktion 25.) beschriebene Aufgabe gelöst haben, wird seine Identität anhand eines Symbols oder Körpermals nachgewiesen.

28.) Der falsche Held, Gegenspieler oder Schadenstifter wird entlarvt. Entdeckung vorgetäuschter Tatsachen, häufig durch die Unfähigkeit, die in Funktion 25.) beschriebene Aufgabe zu lösen.

29.) Der Held erhält ein anderes Aussehen. Äußere Gegebenheiten passen sich der neuen Rolle des Helden an.

30.) Der Feind wird bestraft. Letzter Vollzug der Gerechtigkeit.

31.) Der Held vermählt sich und besteigt den Thron. Glückliches Ende.

2.3 Transfer der Funktionen

Nach der Darstellung der Funktionen soll im nächsten Schritt eine Anwendung dieser untersucht werden. Hierbei wird gezielt auf Märchen zurückgegriffen, die nicht der von Propp analysierten Sammlung Afanasevs angehören, um die Generalisierbarkeit des Ansatzes zu prüfen. Exemplarisch werden dabei die Märchen „ Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ und „Schneeweißchen und Rosenroth“ aus der Sammlung der Brüder Grimm untersucht.7 Zum besseren Verständnis folgt zunächst eine kurze inhaltliche Zusammenfassung.

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

Eine Prinzessin verliert beim Spielen ihre goldene Kugel im Brunnen des Schlossparks. Daraufhin bietet ihr ein sprechender Frosch an, die Kugel zu holen, möchte aber als Belohnung mit ihr speisen und in einem Bett schlafen. Die Prinzessin geht zum Schein auf diese Forderung ein, verschwindet aber nachdem sie ihre Kugel zurückerhalten hat, ohne sich weiter um den Frosch zu kümmern. Dieser folgt ihr jedoch und besteht auf die Einlösung des Versprechens. Da auch der König als Vater der Prinzessin der Meinung ist, seine Tochter müsse sich an ihre gegebenen Worte halten, nimmt diese den Frosch nach dem Essen notgedrungen mit auf ihr Gemach. Als er dort in ihr Bett springt, wirft sie ihn verärgert gegen die Wand. Daraufhin verwandelt er sich in einen Prinzen, der angibt durch eine Hexe verwünscht gewesen zu sein und nur durch die Prinzessin hätte erlöst werden können. Am nächsten Morgen fahren sie gemeinsam in einer bereitstehenden Kutsche in das Reich des Prinzen. Auf der Kutsche steht auch dessen Diener Heinrich, dem vor Freude über die Rückkehr seines Herrn die eisernen Ketten der Traurigkeit vom Herz springen.

Schneeweißchen und Rosenroth

Eine Witwe lebt allein mit ihren beiden Töchtern Schneeweißchen und Rosenroth, welche ihre Mutter in allen Lebenslagen unterstützen. In einem Winter bittet plötzlich ein Bär um Aufnahme bei den Frauen, der sich vor der Kälte schützen will. Sein Wunsch wird erfüllt und so kommt er nun an vielen Winterabenden und freundet sich mit Schneeweißchen und Rosenroth an, ehe er sich im Sommer für längere Zeit verabschiedet.

Kurz darauf begegnet den beiden Mädchen ein Zwerg, dem sie dreimal helfen, als sich dieser mit seinem Bart verfangen bzw. ihn eingeklemmt hat und als ihn ein Adler fortragen will. Er bedankt sich jedoch nie, sondern tadelt und beleidigt beide. Als sie einige Zeit später sehen, wie er Edelsteine sortiert, beschimpft er sie abermals. Nun taucht der Bär wieder auf, der den vor Angst erstarrten Zwerg mit einem Tatzenhieb tötet. Daraufhin fällt plötzlich die Bärenhaut ab und es entpuppt sich ein Prinz, der erzählt, von dem Zwerg verwünscht und erst durch dessen Tod wieder erlöst worden zu sein. Auch sein gestohlener Schatz würde vor ihnen liegen. Das Märchen endet mit der Heirat zwischen dem Prinzen und Schneeweißchen sowie der zwischen seinem Bruder und Rosenroth.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Funktionen nach Propp am Beispiel der Märchen „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ sowie „Schneeweißchen und Rosenroth“.

Durch das Schaubild wird deutlich, dass eine Übertragung der Funktionen Propps zwar möglich ist, jedoch übereinstimmender Regelungen bezüglich der Einordnung der handelnden Personen bedarf. So kann man in beiden hier vorgestellten Märchen keinen eindeutigen Helden ausmachen. Dieser kann sowohl durch den bzw. die weiblichen Protagonisten als auch durch den männlichen personifiziert werden. Gleichzeitig ist die Rolle des Schenkers gar nicht auszumachen oder sie wird in Teilen durch den jeweils „anderen“ Helden vollzogen. Einschränkend ist allerdings festzuhalten, dass beide Märchen keine differenzierte Personenkonstellation aufzeigen.

Deshalb lassen sich Propps Ausführungen insgesamt schon projizieren, auch wenn sie in erster Linie der Einordnung der von ihm untersuchten Zaubermärchen dienen.

2.4 Der Umgang mit Propps Theorie

Die Funktionen der in einem Märchen handelnden Personen sind von vielen anderen Märchenforschern aufgenommen und bewertet worden. MAX LÜTHI, der sich wie eingangs erwähnt mit der Phänomenologie von Märchen auseinander gesetzt hat, hält dem Anspruch Propps, die Struktur des Märchens sei gleich, lediglich seine Inhalte abweichend, entgegen:

„Es kann umgekehrt ein und dieselbe Aussage in ganz verschieden gebauten Sätzen formuliert werden; in diesem Fall bleibt der Inhalt konstant, die Struktur [...] ist variabel.“8

Die Auffassung Propps, es gebe nur einen einzigen Typ des Zaubermärchens hält er für bedenklich. Damit müsse jedes abweichende Märchen lediglich als Umwandlung des ursprünglichen angesehen werden:

„Eine Gefahr dieser Betrachtungsweise [...] ist die Vergewaltigung des Materials; wer alles auf ein Grundelement zurückführen will, dem scheint auch das Verschiedenste ‘nichts anderes als eine Transformation’ zu sein.“9

LÜTHI räumt jedoch ein, Propps Werk besitze weit reichende Bedutung.10 So habe dieser schließlich einen ganz anderen Ansatz gewählt als den, für den sich LÜTHI selbst entschied. So kommt er zu der versöhnlichen Feststellung:

„Propps Strukturanalyse und meine Stilanalyse ergänzen einander.“11

Auch der englische Literaturwissenschaftler PETER GILET hat sich mit der behandelten Theorie beschäftigt. Er erkennt zwei wesentliche Schwächen in Propps Ausführungen. Er hält einerseits die Funktionen in ihrer Anzahl für zu groß und andererseits die Tatsache, dass Funktionen ausgelassen werden können, für zu ungenau:

„Not all Functions, however, are present in all tales, so what Propp postulates is a giant structure which only ever manifests itself, in any particular tale in part. It is a weakness of his argument that he fails to justify this process of summation.”12

In einem Nebensatz merkt er außerdem an, was bereits die Ausführungen in 2.3 haben erkennen lassen. Die gewollte Generalisierbarkeit der Funktionen steht in Widerspruch zu der Grundlage, auf der diese entstanden sind:

„Propp then states that, in spite of the universality of his theory, he will focus his study on the Russian tales contained in Afanassiev´s collection,…”13

GILET führt den Ansatz von Vladimir Propp in der Entstehung auf die Strömungen der Russischen Revolution zurück:

„It is any rate clear that one effective way for the rational side of the Revolution to neutralize those products of the imagination represented by folktales and literature was to find in them abstract structures of Reason. The operation not only cast the imaginative in a more digestible form, but also isolated it from its context and so neutralized it in this way too.”14

Unbeachtet dessen, erkennt er ebenso wie Lüthi die Bedeutung der Theorie an und stellt deren Wichtigkeit heraus, indem er der Frage nachgeht, warum sie auch in Westeuropa Verbreitung gefunden habe:

„I would suggest that this was because Western society, too, had still find a working relationship between the two currents, one of feeling and one of thought, one Romantic and one rational, and that, in the second half of the Twentieth Century the debate is still very much alive and Propp`s work still most relevant. “15

Diese Ansichten zeigen auf, wie richtungsweisend Propps Gedanken für die Märchenforschung sind. Die vorliegenden Betrachtungsweisen sollen die Grundlage für eine abschließende eigene Reflexion bilden.

3. Resümee

Zusammenfassend kann man sagen, dass der strukturalistische Ansatz nach Vladimir Propp eine gute Möglichkeit darstellt, Märchen hinsichtlich ihrer Bestandteile zu untersuchen. Der Standpunkt, Märchen über ihren Aufbau zu klassifizieren, steht demjenigen gegenüber, dies über inhaltliche Aspekte zu vollziehen. Wie dargestellt worden ist, haben beide Auffassungen Vor- und Nachteile. Im Ansatz von Propp, der mit Universalitätsanspruch beschrieben wird, fällt auf, dass er sich direkt letztlich nur auf die der Untersuchung zu Grunde liegenden Zaubermärchen beziehen lässt. Dabei hätte man hier durch eine etwas gröbere Einteilung der Funktionen sicher eine höhere Generalisierbarkeit schaffen können.

Einen Alleingültigkeitsanspruch kann keine der Theorien beanspruchen. Das ist aber auch nicht unbedingt notwendig, denn eine wissenschaftliche Auseinandersetzung ist zumindest in den Geisteswissenschaften umso fundierter, desto mehr Blickwinkel sie einnimmt.

Literaturverzeichnis

GILET, PETER: Vladimir Propp and the universal folktale: recommissioning an old paradigm - story as initiation. New York, Washington D. C. u. a. : Peter Lang 1998.

GRIMM, JACOB UND WILHELM ( Hrsg.): Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich. In: GRIMM, JACOB UND WILHELM: Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Kleine Ausgabe. Nachdruck der letzten Veröffentlichung Wilhelm Grimms 1858. Frankfurt/M. und Leipzig: Insel Verlag 1985. S. 9 - 13.

GRIMM, JACOB UND WILHELM ( Hrsg.): Schneeweißchen und Rosenroth. In: GRIMM, JACOB UND WILHELM: Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Kleine Ausgabe. Nachdruck der letzten Veröffentlichung Wilhelm Grimms 1858. Frankfurt/M. und Leipzig: Insel Verlag 1985. S. 255 - 264.

LÜTHI, MAX: Strukturalistische Märchenforschung ( Würdigung der Leistung V. J. Propps). In: Das europäische Volksmärchen : Form und Wesen. 10. Auflage. Tübingen und Basel: Francke 1997. S. 115- 121.

PROPP, VLADIMIR: Morphologie des Märchens. Übersetzung aus dem Russischen von Christel Wendt. Hrsg. von Karl Eimermacher. München: Carl Hanser Verlag 1972.

[...]


1 VLADIMIR PROPP (1969): Morphologie des Märchens. S. 12.

2 Ebd. S. 19.

3 Ebd.

4 Ebd. S. 23.

5 Ebd. S. 26.

6 Vgl. ebd. S. 31-66.

7 JACOB UND WILHELM GRIMM (1858): Kinder- und Hausmärchen

8 MAX LÜTHI (1997): Das europäische Volksmärchen. S. 115.

9 Ebd. S. 117.

10 Vgl. ebd. S. 121.

11 Ebd. S. 121.

12 PETER GILET (1998): Vladimir Propp and the Universal Folktale. S. 29.

13 Ebd. (Hervorhebung von mir R. M.).

14 Ebd. S. 5.

15 Ebd. S. 6

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Märchenstrukturen im Vergleich - der Ansatz Vladimir Propps
Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V106816
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Märchenstrukturen, Vergleich, Ansatz, Vladimir, Propps
Arbeit zitieren
Raphael Meier (Autor), 2001, Märchenstrukturen im Vergleich - der Ansatz Vladimir Propps, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106816

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