Bioethik - Werte in der Natur -


Seminararbeit, 2002

11 Seiten, Note: 2


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In dieser Hausarbeit wird Holmes Rolstons Aufsatz: Werte in der „Natur und die Natur der Werte“ vorgestellt. Hinzufügend wird das Kapitel „Umwelt“ aus Peter Singers „Praktische Ethik“ erläutert.

Zunächst werde ich vorstellen, wie Singer die westliche Tradition hinsichtlich der Thematik, was Wert in der Natur ist und wie er entstehen kann, untersucht. Des weiteren versuchen, sowohl Holmes Rolston als auch Peter Singer, die Ethik auf plausible Art und Weise über empfindungsfähige Wesen hinaus zu erweitern. Rolston beginnt in seinem Werk beim „Werthaften Menschen“ und endet schließlich bei „Werthafter Natur“.

Singer erläutert die abendländischen Naturauffassungen. Er beschreibt wie im Gegensatz zu einigen anderen alten Traditionen, wie z.B. der Indiens, sowohl die hebräische als auch die griechische Tradition den Menschen den zentralen Platz im moralischen Universum zuwiesen.1 Singer redet sogar davon, dass diese Traditionen den Menschen zur Gesamtheit der moralisch bedeutsamen Erscheinungen in der Welt machen. Die hebräische Sicht wird -so Singer- von der biblischen Schöpfungsgeschichte, die Genesis, veranschaulicht: „...Lasst uns Menschen machen, sie sollen herrschen über die Fische, “2 Doch sollte die Genesis nach Meinung verschiedener Umweltschützer nicht als Freibrief für unseren Umgang mit anderen Lebewesen verstanden werden, sondern vielmehr als Sorgepflicht für sie im Namen des Herrn, womit wir vor Gott für die Art und Weise, wie wir sie behandeln, verantwortlich wären.3 Singer beschreibt weiter, inwiefern das Christentum im römischen Imperium auch Elemente der altgriechischen Naturauffassung in sich aufnahm. Aristoteles begriff die Natur als hierarchische Ordnung, in der weniger vernunftbegabte um der höherbegabten Wesen willen existieren.4 So existiert in der maßgebenden westlichen Tradition die Natur nur um des menschlichen Nutzens willen. Nur dem Menschen kommt auf dieser Welt moralische Bedeutung zu. Die Natur selbst besitzt keinen Wert an sich, und die Vernichtung von Pflanzen und Tieren kann keine Sünde sein, es sei denn, wir ziehen dadurch Menschen in Mitleidenschaft.5 Singer erläutert an dieser Stelle einige Beispiele, welche eng mit dem menschlichen Wohlergehen im Zusammenhang stehen und die Sorge um die Bewahrung der Natur nicht ausschließen. Er erklärt, dass Kernbrennstoff, sei es in Bomben oder Atomkraftwerken, menschliches Leben so sehr gefährdet, dass man im Rahmen der

vorherrschenden westlichen Tradition, gegen die Atomkraft eintreten könnte.6 Laut Peter Singer ist es offensichtlich, dass sogar im Rahmen einer anthropozentrischen Ethik der Schutz unserer Umwelt ein höchst bedeutsamer Wert ist.

Auch Holmes Rolston untersucht, inwiefern der Mensch werten kann.

Er erläutert, dass Menschen in der Lage sind, Natur instrumentell zu bewerten und ihre eigenen Bewusstseinszustände sowohl intrinsisch als auch instrumentell bewerten können.7

Rolston zitiert an dieser Stelle Bryan Norton: „Das Werten geschieht immer vom Standpunkt eines bewusst Wertenden aus. Nur Menschen sind wertende Wesen.8 Rolston vertritt hingegen die Meinung, dass nicht ohne weiteres unterstellt werden sollte, dass es so etwas wie nichtmenschlichen Wert nicht geben kann.9 Rolston lenkt unsere Aufmerksamkeit um ein Beispiel für Wert der ohne Anwesenheit von Menschen entstanden ist, zu geben, auf einen Mammutbaum. Unsere Bewunderung bezieht sich nur auf den Baum selbst, dass heißt wir stellen keinen Bezug auf etwas anderes her. Dennoch sind derartige Werte anthropogen, wenn sie auch nicht anthropozentrisch sind. Wert benötigt laut Rolston Subjektivität. Rolstons stellt jedoch die These auf, dass sich der jeweilige Wert (z.B. Mammutbaum) objektiv in manchen Entitäten (z.B. Baum) selbst befindet. Denn obwohl wir so reden, als seien Menschen die Quelle von Werten in Naturobjekten, wird eigentlich gar kein Wert in Naturobjekte hineingelegt.10 Wir Menschen tragen das Licht, das Wert entzündet, obwohl wir dazu den Brennstoff von der Natur benötigen. Formal ausgedrückt heißt das, dass bei de M-n Begegnung Wert von M an n verliehen wird, und das ist wirklicher extrinsischer Wert für n, denn er kommt zu n von M und ebenso ist es extrinsischer Wert für M, denn er wird von M an n verliehen. Weder M noch n allein haben einen solchen Wert.11 Naturdinge die noch im verborgenen liegen, haben nach Rolston potentiellen intrinsischen Wert.12

Tiere hingegen erheben Menschen keineswegs zum Maß aller Dinge. Rolston vertritt die Auffassung, dass es keinen besseren Beleg für nichtmenschliche Werte und wertende Wesen gebe, als das freie, unabhängige Leben von Tieren in der Wildnis. Geht man von der These aus, dass ein Subjekt immer erforderlich wäre, damit es überhaupt einen Wert gibt, muss man davon ausgehen, dass zumindest die höheren Tiere werten, da sie ein Bewusstsein haben und Interesse an etwas nehmen können. Tiere sind nach Rolstons Erörterung sogar dazu fähig etwas um seiner selbst willen zu schätzen. Rolston vertritt die Auffassung, es sei unplausibel von einer Tierwelt voll instrumenteller Werte, aber bar intrinsischer Werte auszugehen, wo alles die Ressourcen schätzt die es braucht, aber nichts an sich selbst.13 Tiere bewahren und schätzen ihre Identität. Werten ist dem Tierleben intrinsisch.

Holston untersucht des weiteren werthafte Organismen. Eine Pflanze ist kein Subjekt, aber auch kein lebloses Objekt wie ein Stein. Er weist uns darauf hin, dass wie einen subjektivistischen Fehlschluss begehen, wenn wir denken, alle Werte lägen in subjektivem Erleben und schlimmer noch den anthropozentrischen Fehlschluss, wenn wir denken, alle Werte lägen in menschlichen Optionen und Präferenzen.14 Wir gelangen nach Rolston zu Werten, wenn wir erkennen, dass die genetische Ausstattung, eine normative Einrichtung ist, welche zwischen dem was ist, und dem, was sein soll unterscheidet. Der physikalische Zustand, den der Organismus bewahrt, ist demzufolge ein Wertzustand. Rolston wirft an dieser Stelle den Autoren Norton und Windelbrand vor, sie wären nicht in der Lage, ihre Allgegenwärtigkeit als wertende Wesen zu vergessen und hätten die einfachste Biologie vergessen.15 Denn selbst diejenigen, die meinen, der ganze intrinsische Wert eines Organismus müsse von Menschen verliehen werden, glauben doch immerhin, dass die Dinge für einen Organismus besser oder schlechter stehen können. Ein wertendes Wesen ist demnach ein Wesen, das fähig ist, Werte zu verteidigen. Nichtempfindungsfähige Organismen besitzen Wert, setzen aber keinen.16

Holmes Rolston gelangt nun zu der Frage, ob eine Spezies selbst werthaft sein kann, also fähig sein kann zu werten. Diese hat kein Selbst, doch auch bei einer Spezies kann man auf einer anderen Stufe von biologischer Identität sprechen, einer biologischen Identität, die sich im Laufe der Zeit genetisch behauptet.17 Die Spezies ist eine größere Veranstaltung als das Individuum mit seinem Interesse oder seiner Empfindungsfähigkeit. Manche Ereignisse können gut für das Wohlbefinden einer Art im ganzen sein, obwohl sie, betrachtet man das einzelne Individuum, leidvoll sind. Das Individuum ist Träger einer Lebensform, und die Träger einer Lebensform, und die Träger vergehen, während die Lebensform bleibt, doch anders kann die Lebensform nicht bestehen. Vieles was vorher über einzelne Organismen als nichtmoralische normative Systeme gesagt wurde, kann auch auf Spezies angewendet werden. Die Spezies bewahrt eine besondere Form des Lebens, widersteht der Auslöschung, indem sie durch Regeneration eine normativ Identität durch die Zeiten erhält. Holmes Rolston ist der Meinung, dass die Fortpflanzungsstrategie der Spezies das Individuum ist, wie man sagen kann, dass der Embryo oder das Ei die Fortpflanzungsstrategie des Individuums ist. Der Wert liegt in der dynamischen Lebensform; das Individuum erbt, verwirklicht und überliefert sie.18 Selbst eine Spezies ist ein wertendes Wesen. Spezies haben eine biologische Identität, die sie durch die Zeit hinweg verteidigen, auch wenn sie keine subjektiven Erfahrungen machen. Spezies sind also werthaft, da sie fähig sind den Erhalt ihrer biologischen Identität wertzuschätzen. Wertvoll ist somit die Fähigkeit zur Reproduktion.19

Tatsächlich jedoch ist nach Rolston das Ökosystem die grundlegende Einheit der Entwicklung und des Überlebens. Menschen können ökosystemische Gemeinschaften intrinsisch -an sich- wie auch instrumentell bewerten. Aldo Leopold äußert sich hierzu folgendermaßen: „Etwas ist gut, wenn es dazu tendiert, die Integrität, Stabilität und Schönheit der biotischen Gemeinschaft zu bewahren. Es ist schlecht, wenn es zu etwas anderem tendiert.“20 Um zu untersuchen, ob Ökosysteme, wenn sie existieren, fähig sind zu werten, erläutert Rolston was biotische Gemeinschaft als organisierte Lebensform bedeutet. Er verweißt darauf, dass ein Kategoriefehler begangen würde, würde man an Gemeinschaften etwas bemängeln, dass eigentlich nur auf der Ebene von Einzelorganismen einen Platz hat, und das dieses bedeuten würde, eine Ebene mit den Maßstäben einer anderen zu messen. Folglich sollte nicht nach Interessen oder Identität eines Ökosystems gefragt werden, sondern nach einer Matrix von Verbindungen zwischen den Zentren, nach kreativen Reizen, offenen Potentialen, nach Selektionsdruck und erfolgreicher Anpassung und nach der Ausdifferenzierung von Spezies und der Unterstützung von Leben. Holmes Rolston redet davon, dass man betreff Ökosysteme systemischer und weniger organistisch denken sollte.21 Ein Ökosystem im Gleichgewicht besteht nicht nur aus einem Gleichgewicht der Kräfte, sondern auch aus einem Gleichgewicht der Werte. Es bringt eine spontane Ordnung hervor, die Reichtum, Schönheit, Integrität und dynamische Stabilität der Bestandteile einschließt. Diese Produkte sind werthaft, Menschen können sie wertschätzen. Holmes geht jedoch noch weiter und behauptet, dass der Prozess das eigentlich Werthafte ist, das fähig ist, diese Werte zu erzeugen.22 Das Ökosystem ist der Urquell von Individuum und Spezies gleichermaßen. Wir können die Bedeutung biomolekularen Lebens nicht erfassen, ohne ökosystemisches Leben zu verstehen, eine Ebene ist -so Rolston- ebenso wichtig wie die andere. Axiologisch arbeiten die Begriffe „instrumentell“ und „intrinsisch“ auf den umfassenderen Ebenen nicht sehr gut. Ökosysteme haben somit - nach Rolston - einen systemischen Wert.23 Rolston erörtert weiter, dass die Produktivität von Ökosystemen die Fähigkeit besitzt Werte zu schaffen und somit selbst auch werthaft ist. Wir Menschen sind ein spätes Systemprodukt von Ökosystemen und sollten es nicht so hoch einschätzen, dass wir ihm alles unterordnen. Die Werthaftigkeit eines Ökosystems wird auch deutlich bedenkt man, dass es unendlich viele Spezies hervorbringt. Zusammenfassend lässt sich bis zu dieser Stelle sagen: „Werte sind intrinsisch, instrumentell oder systemisch, und alle drei Werttypen sind miteinander verbunden, keiner ist wichtiger als die anderen, obwohl der systemische Wert grundlegend ist. Rolston fährt auf der planetaren Ebene weiter fort und redet von der Erde als die eigentlich wichtige Überlebenseinheit. Er vertritt die Auffassung, dass wir ein systemisches Verständnis des Wertes der Erde bräuchten; eines Wertes der schon war, bevor wir auf der Erde erschienen, und nicht nur eines Wertes, der erst im Auge des Betrachters entsteht. Wenn wir diesen Wert finden, wird sich daraus ein globaler Sinn von Pflicht ergeben.24 Rolston erörtert, dass die Erklärung für die Verbreitung von Leben auf der Erde in der außergewöhnlichen Anordnung gewöhnlicher Elemente liegt und den ganz besonderen Umständen, in denen diese weitverbreiteten Elemente auf der Erde arrangiert sind, nämlich in einem selbstorganisierenden System.25 Rolston ist der Meinung, wir würden dem objektiven Wert der Erde nicht gerecht werden, solange wir ihre wunderbare Naturgeschichte nicht würdigen.26 Er fährt fort, dass die Erde mit eine der wertvollsten Entitäten sei, weil sie in der Lage wäre, alle Werte auf der Erde hervorzubringen.27 Der Erde selbst macht vielleicht nichts etwas aus, aber alles auf der Erde macht einen Unterschied, auch für die Erde.28 Die Erde ist der Urwert der Welt. Rolston erklärt, dass die Kreativität im System der Natur, die auch in uns wirkt, und die Werte erzeugt, der Grund unseres Seins ist und nicht bloß der Grund unter unseren Füßen. Rolston schließt das Kapitel werthafte Erde mit den Worten: „Vielleicht ist die Erde der Urgrund aller Pflicht, Gott, wenn er existiert, einmal ausgenommen.“29 Holmes Rolston schließt sein Werk indem er sich nochmals der These „Wo kein wertendes Wesen, da kein Wert-Axiom ist“ widmet. Er stellt fest, dass diese These zu individualistisch ist, da es Wert in einem subjektiven Selbst lokalisieren will.30 Rolsten hat nicht die Absicht zu leugnen, dass für das Bestehen von Werten solche wertenden Wesen ausreichen. Er vertritt aber die Auffassung, dass das Holistisch, systemisch, ökologisch und global gesehen nicht alles sein kann, was zu Werten zu sagen ist.31 Er verweist auf andere Beispiele um zu verdeutlichen, dass es Wert ohne Wertende gibt. Rolston erläutert, dass es vielleicht keine Religion ohne Gläubige und kein Jucken ohne Gejuckten geben kann, aber es gibt Gesetzte ohne Gesetzgeber, Geschichte ohne Historiker, Biologie ohne Biologen, Physik ohne Physiker, Geschichten ohne Erzähler.32 Empfindungsfähige wertende Wesen sind - so Rolston - nicht notwendig für Werte. Ein Werte-generierendes System reicht dafür aus.33 Holmes Rolston fährt fort, dass es eine andere Bedeutung von Werthaftigkeit ist; „ein x ist werthaft, wenn x fähig ist, Werte zu erzeugen.34 Demnach konstituieren die axiologischen Maßstäbe, welche wir konstruieren, nicht Wert. Rolston verweist auf die naturwissenschaftlichen Maßstäbe, die wir entwerfen und die trotzdem nicht, dass mit ihnen Gemessene erzeugen.35 Rolston erläutert, dass die Position, Menschen würden Werte in einer potentiell wertvollen Welt „zünden“ nicht ganz richtig gewesen sein kann. Die Alternative zu dieser Aussage fügt Rolston an. Menschen hätten sich der Naturgeschichte des Planeten, in der es Werte gibt, psychologisch angeschlossen, wo immer es positive Kreativität gab. Er fährt fort: „Natürlich kann eine solche Kreativität in Subjekten mit ihren Interessen und Vorlieben vorkommen, sie kann aber auch in lebenden Organismen objektiv vorkommen, die ihr Leben, und in Spezies, die ihre Identität über die Zeit hinweg verteidigen, und in Systemen, die selbstorganisierend sind und gespeicherte Errungenschaften weitergeben.“36 Holmes Rolston schließt sein Werk mit einem Appell an bestimmte Philosophen und alle Menschen: „ Von diesem objektiveren Standpunkt aus erscheint es bloß subjektiv, philosophisch naiv und angesichts der derzeitigen ökologischen Krise sogar gefährlich, mit einem Bezugsrahmen zu operieren, der nur eine Spezies absolut setzt und den Rest der Natur lediglich auf seinen Wert für diese Spezies hin betrachtet. Jene Philosophen leben in einer nicht erkundeten Welt, und ihr Leben und das Leben derer, die sie anleiten, ist kein lebenswertes Leben, denn sie können ihre werthafte Welt nicht sehen.37

Auch Peter Singer redet von einem schwierigen Unterfangen, die Ethik auf plausible Art und Weise über empfindungsfähige Wesen hinaus zu erweitern. Er erklärt das eine auf den Interessen empfindungsfähiger Lebewesen begründete Moral auf vertrautem Boden stehe, da diese über Bedürfnisse und Wünsche verfügen. So macht es zumindest einen Sinn zu fragen was das jeweilige Lebewesen empfindet, fügt man ihm Schmerzen zu. Singer beschreibt, wie schwierig es jedoch wäre zu untersuchen, wie es ist, wenn die Wurzeln eines Baumes im Wasser stehen. Peter Singer wirft die Frage auf, wo Wert zu finden sei, wenn wir die Interessen empfindungsfähiger Lebewesen als Wertequelle hinter uns lassen.38 Er fährt fort, dass sich die Grenze zwischen belebten und unbelebten Dingen der Natur schwerer verteidigen lässt, rückt man von dem Aspekt der Empfindungsfähigkeit ab.39 Wäre es tatsächlich schlimmer, einen alten Baum zu fällen als einen wunderschönen Stalaktiten zu zerstören, dessen Wachstum sogar noch länger gedauert hat? Singer vertritt die Auffassung, Schweitzers Versuch, uns zu einer alles Lebendige achtenden Ethik zu bewegen würde insofern in die Irre führen, als er sich auf „Sehnsucht“, „Gehobenheit“, „Lust“ und „Angst“ beruft. Pflanzen haben keine solchen Erlebnisse. Singer redet von der Möglichkeit im Falle von Pflanzen und Flüssen von einer rein physikalischen Erklärung des Geschehens auszugehen. Er erläutert, dass in diesen Fällen kein Bewusstsein existiert und es darum auch keinen zwingenden Grund für uns gebe, warum wir Wachstum und Absterben von lebenden Dingen bestimmende physikalische Vorgänge mehr respektieren sollten als solche, die leblose Dinge bestimmen.40 Singer schließt seine Untersuchung, indem er darauf hinweist, dass es unter dieser Vorraussetzung zumindest unklar bliebe, warum wir größere Achtung vor einem Baum als vor einem Stalaktiten oder größere Achtung vor einem einzelligen Organismus als vor einem Berg empfinden sollten. Peter Singer nährt sich des weiteren den Aspekten Holmes Rolstons. Er erläutert, dass im Gegensatz zu der Erfurcht vor dem Leben lehrenden Ethik, welche lediglich auf einzelne lebende Organismen abhebt, die Vorschläge einer Tiefenökologie dazu neigen, etwas Größeres als Wertgegenstand anzunehmen: die Spezies, die ökologischen Systeme, sogar die Biosphäre als Ganzes.41 An dieser Stelle zitiert er Aldo Leopold: „Etwas ist richtig, wenn es dazu tendiert, die Integrität, Stabilität und Schönheit der Lebensgemeinschaft zu erhalten. Es ist falsch, wenn es zu anderem tendiert.“42 Singer führt weitere Tiefenökologen und deren Standpunkte an, kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die tiefenökologische Ethik keine überzeugenden Antworten auf Fragen nach dem Wert des Lebens individueller Lebewesen gibt. Er erläutert, dass die Tatsache, dass alle Organismen Teil eines zusammenhängenden Ganzes sind, nicht darauf hindeutet, dass ihnen allen ein Wert an sich zukommt und noch weniger von einem intrinsischen Wert zu reden ist. Des weiteren besitzen sie nach Singer vielleicht nur deshalb einen Wert, weil sie für die Existenz des Ganzen benötigt werden, und das Ganze besitzt vielleicht nur Wert, weil es die Existenz von Wesen mit Bewusstsein fördert. Singer merkt an dieser Stelle an, dass die Tiefenökologie andere Fragestellungen verfolgen sollte. Sie könnte seiner Meinung an Plausibilität gewinnen, wenn sie auf höherer Stufe, eventuell der Stufe von Spezies und Ökosystemen, Anwendung fände. Trotz dieser Zurückweisung der moralischen Grundlage der tiefenökologischen Ethik spricht laut Singer vieles für die Bewahrung der unberührten Natur. Er merkt jedoch an, dass wir und an Argumente halten sollten, die sich auf die Interessen von menschlichen und nichtmenschlichen empfindungsfähigen Wesen jetzt und in der Zukunft beschränken, wenn man kein anderes und solideres Fundament stellen könnte.43 Singer meint, dass diese Argumente vollkommen genügen, um zu zeigen, dass zumindest in einer Gesellschaft, in der niemand die Natur zerstören muss, um Nahrung zum Überleben oder Material zum Schutz gegen die Elemente zu erlangen, der Wert der Erhaltung der verbleibenden wichtigen Gebiete unberührter Natur die wirtschaftlichen Werte, die durch ihre Zerstörung erlangt werden, bei weitem übersteigt.44

Singer sieht aber auch in der Erhaltung der Natur für nachfolgende Generationen ein weiteres Argument für die Entwicklung einer neuen Umweltethik. Er redet von einer schwerwiegenden Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen. Singer sieht Gewinne, die zum Beispiel aus der Waldabholzung entstehen - Arbeitsplätze, Profite für Unternehmen, Exporterträge, billigere Pappe oder preiswerteres Verpackungsmaterial - lediglich als kurzfristige Gewinne an. Er fügt an, dass die Verbindung mit der Vergangenheit ein für allemal verloren ist, wenn der Wald einmal gefällt wurde. An dieser Stelle greift Singers Argument hinsichtlich der Rücksicht auf nachfolgende Generationen, denn jede uns auf diesem Planeten nachfolgende Generation wird die Kosten dafür tragen müssen. Aus diesem Grund sprechen Umweltschützer zu Recht von der Natur als „Welterbe“. Von unseren Vorfahren erhalten, müssen wir es für unsere Nachkommen bewahren. Singer vertritt den Standpunkt der unabschätzbaren und zeitlosen Naturwerte. Es gibt Dinge, die wir uns mit Geld nicht zurückkaufen können, wenn sie einmal verloren sind.45 Singer merkt an, dass diese Argumentation nicht beweist, dass es keine Rechtfertigung für das Fällen irgendwelcher Urwälder geben kann. Doch laut Singer beharrt sie darauf, dass jegliche derartige Rechtfertigung den Wert der Wälder für zukünftige Generationen in ferner wie in naher Zukunft voll und ganz berücksichtigen muss.46 An dieser Stelle des Textes stellt sich Peter Singer die Frage, ob wir überhaupt sicher sein können, dass zukünftige Generationen Wert auf unberührte Natur legen. Er fügt seine Gedanken an, dass sie sich vielleicht in klimatisierten Einkaufszentren, wo sie vor für uns unvorstellbar raffinierten Computerspielen sitzen, glücklicher fühlen. Laut Peter Singer sollten wir diese Möglichkeit jedoch nicht allzu ernst nehmen, da der „Trend“ zunächst einmal in die entgegengesetzte Richtung geht. Singer: „niemals hat die Natur eine größere Wertschätzung als heute erfahren, ganz besonders bei den Nationen, die Armut und Hunger überwunden haben und nur noch über vergleichsweise wenig unberührte Natur verfügen. Man schätzt die Natur wegen ihrer unermesslichen Schönheit, als Reservoir ihr noch zu entlockender naturwissenschaftlicher Kenntnisse, wegen der sich in ihr bietenden Freizeitmöglichkeiten und weil viele Menschen einfach auf das Wissen Wert legen, dass etwas Natürliches, das von der modernen Zivilisation relativ unberührt ist, fortdauert.“47 Singer geht davon aus, dass zukünftige Generationen in den nachkommenden Jahrhunderten die Natur aus denselben Gründen schätzen werden. Er ist sich bewusst, dass Argumente die jene Schönheit der Natur als Grund für deren Bewahrung anführen, manchmal nicht ernst genommen werden, weil sie als „bloß ästhetisch“ gelten. Singer verweißt an dieser Stelle jedoch auf Kunstschätze früherer Kulturen, wie zum Beispiel die Gemälde im Louvre, deren Fortbestand uns sehr wichtig ist und für deren Vernichtung wir uns keinen wirtschaftlichen Profit als angemessenen Gegenwert vorstellen könnten. Schlussendlich vertritt er die Auffassung, dass es bis zu einem gewissen Grade auch von uns abhängt, ob die nachfolgenden Generationen in der unberührten Natur eine ähnliche Quelle solch tiefer Freude und Zufriedenheit verspüren und somit in ihr einen kostbaren unersetzbaren Wert sehen. Laut Singer müssen wir dafür Sorge tragen, dass wie zukünftigen Generationen nicht gleichermaßen unersetzliche Verluste zufügen, wie wir es durch frühere Generationen erfahren haben, deren gedankenloses Handeln uns der Möglichkeit beraubt hat, Tiere wie den Dodo, den Beutelwolf oder den Tasmanischen Beutel-Tiger anzutreffen. Er fügt an, dass wir durch die Wetterveränderung bewirken, dass jeder Ort der Erde vom Menschen geprägt und somit künstlich ist.48 Seine Folgerung ist, dass wir somit die Natur ihrer Selbstständigkeit berauben würden und das fatale Konsequenzen für ihre Bedeutung hätte, da die Selbstständigkeit der Natur eben gerade ihre Bedeutung ist und es ohne sie nichts mehr außer uns gibt.49 Schlussendlich stellt Peter Singer fest, dass die Erhaltung der unberührten Natur in ihrem heutigen Bestand den zukünftigen Generationen zumindest noch den Weg offen lässt, von ihren Computerspielen abzulassen und die Augen für eine nicht vom Menschen geschaffene Welt zu öffnen. Wenn wir die Natur zerstören, dann entfällt diese Wahl für immer !50

[...]


1 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.337

2 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.337

3 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.337

4 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.339

5 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.340

6 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.340

7 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.247

8 Norton, Bryan in Towards Unity Among Environmentalists, New York 1991 S. 251

9 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.248

10 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.250

11 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.250

12 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.250

13 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.251

14 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.252

15 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.255

16 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.255

17 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.256

18 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.258

19 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.259

20 Leopold, Aldo in „Am Anfang war die Erde, München 1992 S.174

21 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.261

22 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.262

23 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.263

24 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.266

25 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.266

26 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.267

27 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.267

28 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.267

29 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.268

30 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.269

31 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.269

32 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.269

33 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.269

34 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.269

35 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.269

36 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.269

37 Rolston, Holmes in Werte in der Natur & die Natur der Werte S.269

38 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.351

39 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.352

40 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.354

41 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.355

42 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.355

43 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.360

44 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.360

45 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.343

46 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.343

47 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.344

48 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.346

49 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.346

50 Singer, Peter in Praktische Ethik 1994 Reclam S.345

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Bioethik - Werte in der Natur -
Veranstaltung
Bioethik - Holmes Rolston - Peter Singer -
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V106823
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Über Holmes Rolstons Aufsatz -Werte in der Natur und die Natur der Werte- und über Peter Singers Buch Bioethik (Kapitel: Umwelt) :-)
Schlagworte
Bioethik, Werte, Natur, Bioethik, Holmes, Rolston, Peter, Singer
Arbeit zitieren
Mirco Staudt (Autor), 2002, Bioethik - Werte in der Natur -, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106823

Kommentare

  • Gast am 7.8.2002

    ahja!.

    Gute Arbeit, nur das mit den Fußnoten ist äußerst ungeschickt und stört beim Lesen, eine ausführliche Quellenangabe oder ordentliche Kennzeichung von Zitaten hätten es auch getan!
    Gruß SB

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Titel: Bioethik - Werte in der Natur -



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