Das Wählerverhalten in Ost- und Westdeutschland


Hausarbeit, 2001
15 Seiten, Note: Sehr gut

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Gliederung

1. Einleitung

2. Begriffsklärung

3. Das unterschiedliche Wählerverhalten als Tatsache
3.1 Wahlen im politischen Umbruch
3.2 Wahlen im vereinigten Deutschland
3.3 Analyse des Wahlverhaltens

4. Gründe für das unterschiedliche Wählerverhalten
4.1 Unterschiede als Resultat der Geschichte
4.2 Unterschiede als Resultat der wirtschaftlichen Entwicklung
4.3 Unterschiede als Resultat der sozialen Entwicklung

5. Zusammenfassung und Ausblick - Wird sich das Wählerverhalten angleichen?

Bibliographie

1. Einleitung

,,Der Wahlkampf hat begonnen"1 titelt ,,die tageszeitung" am 29. November 2001, einen Tag nach dem im deutschen Bundestag der so genannte ,,Kanzleretat" des Bundeshausalts für 2002 verhandelt wurde. Traditionell geht es an diesem Tag nicht etwa um den Haushalt, sondern um die gesamte Politik der Bundesregierung im zurückliegenden Jahr. Die Parteien der Opposition, namentlich CDU/CSU, FDP und PDS, lieferten sich dem Artikel nach jedoch einen solchen Schlagabtausch mit den Regierungsparteien SPD und Bündnis'90/Die Grünen nur ,,um ihren Platz in der abendlichen ,Tagesschau' zu ergattern"2.

Die Parteien im Bundestag haben aber auch allen Grund den Wahlkampf schon zehn Monate vor der eigentlichen Bundestagswahl zu beginnen. Noch nie sahen sie sich mit solch einem unsicheren Wählerverhalten konfrontiert, dies zeigte schon die Bundestagswahl von 1998, in der die SPD überdurchschnittlich und unerwartet hoch gewann und auch aus den zwischenzeitlich erfolgten Landtagswahlen, wie etwa im Herbst 2001 bei der Hamburger Bürgerschaftswahl, als eine völlig neue Partei, die PRO, auf Anhieb fast 20 Prozent der abgegebenen Stimmen holen konnte, geht diese These hervor.

Diese Entwicklung zeigt sich in der Bundesrepublik schon seit Anfang der 1980er Jahre, wie man an der Vielzahl der Literatur, die sich seit diesem Zeitpunkt mit dem Thema beschäftigt, leicht erkennen kann. Doch richtig deutlich werden die angesprochenen Tendenzen wohl erst seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

Mit den Ereignissen von 1989/1990, brach nicht nur die DDR zusammen. Vor allem wurden Millionen von DDR-Bürgern praktisch von einem Tag auf den anderen zu Bundesbürgern, mit allen Rechten und Pflichten. Dies muss auch Konsequenzen für die politische Landschaft in Deutschland haben. Die Menschen im Ostteil Deutschlands haben eine ganz andere Entwicklung hinter sich als die Westdeutschen und daraus resultieren interessante Fragen. Wie unterschiedlich sind die Deutschen in dem Bereich, der scheinbar den wichtigsten Teil der deutschen Demokratie ausmacht? Wie unterschiedlichen wählen sie? Warum wählen die Deutschen in Ost und West unterschiedlich? Wie lässt sich das erklären?

Sicherlich können bei einer Untersuchung dieser Fragen nicht alle Faktoren berücksichtigt werden, in diesem Falle würde eine Bearbeitung viel zu differenziert und damit auch viel zu umfangreich ausfallen. Sinn dieser Arbeit soll es sein eine Richtung zu zeigen, was dieses Thema zu beachten Verlangt, sie soll Verallgemeinern, auch wenn das elf Jahre nach der deutschen Einheit zunehmend schwerer fällt. Langsam beginnen sich die Grenzen zu verwischen, ob wir es erleben werden, wenn sie gänzlich verschwinden ist dabei dennoch fraglich.

Der Osten wählt in sich genauso differenziert wie der Westen. Doch ist gerade die tendenzielle Entwicklung im Osten als Ganzes von Interesse, nicht umsonst existierte im Bundestagswahlkampf 1998 der Slogan, dass die Wahl im Osten gewonnen werden würde. Dies These war auch fast richtig, sie wurde dort jedoch vor allem verloren. Die CDU musste gerade in Berlin, Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg- Vorpommern und Sachsen die schwersten Verluste hinnehmen. Gleichzeitig haben aber auch die Sozialdemokraten die größten Probleme im Osten und dort ausgerechnet vor allem im ,,roten" Sachsen. Wohin bewegt sich der ostdeutsche Wähler? Wird er sich vielleicht gar nicht verändern, sondern vielmehr dem Westdeutschen zum Vorbild werden?

2. Begriffsklärung

Bevor man sich mit dem Wählerverhalten - insbesondere mit dem nach 1989 - der Deutschen befasst, ist es wichtig sich mit einigen Grundbegriffen der Wahlforschung auseinander zu setzen, denn gerade die Zeit nach der Wiedervereinigung wurde von verschiedenen Wahlforschern als ein Experimentierfeld für die damalige Wissenschaft gesehen. Für die Umwandlung der DDR von der so genannten ,,sozialistischen Volksdemokratie" zu einer bürgerlichen Demokratie gab es zuvor keinen Präzedenzfall, von dem man hätte auf eine etwaige weitere Entwicklung schließen können. Die Forschung war allein auf ihre theoretischen Grundlagen angewiesen, auf deren Basis sie Prognosen abgeben und sodann abwarten musste, ob diese sich bewahrheiten.

Grundsätzlich lässt sich das theoretische Wählerverhalten in drei, manche Autoren sprechen auch von vier, Erklärungsansätze unterteilen, die sich in entscheidenden Punkten widersprechen und dennoch nicht für sich allein stehen können.3 Der soziologische Ansatz basiert auf der Annahme, dass das Wählerverhalten dem Verhalten der Gruppe entspricht, der der jeweilige Wähler zugeordnet wird4. Zur Identifikation solcher Gruppen werden Merkmale ,,wie Einkommen, ökonomischer Status bzw. Schichtzugehörigkeit, Beruf, Konfession, Stadt - Land"5 angewendet. Auf Deutschland bezogen würde dies also bedeuten, dass ein Katholik eher konservativ, ein Atheist eher linkspolitisch wählt. Ein anderes Beispiel wäre, dass die Arbeiterschaft zu den Parteien links von der Mitte tendieren, Beamte, höhere Angestellte und so weiter dagegen nach rechts. Diesem Ansatz nach haben aktuelle Ereignisse nur wenig Einfluss auf die Wahlentscheidung, der Wähler würde auch in schwierigen Zeiten seiner Stammpartei ,,treu bleiben".

Der in den 1950er Jahren von Angus Campbell entwickelte individualpsychologische Ansatz beschreibt eine nicht ganz so feste Parteienbindung. Hierbei wird davon ausgegangen, dass der Wähler im Laufe seines Lebens zwar eine Langzeitbindung an eine Partei entwickelt, diese jedoch im ständigen Konflikt mit aktuellen Bezugspunkten steht. Die ,,eigene" Partei wird zwar durchweg positiver betrachtet, der Standpunkt von dieser wird eher als richtig angesehen, ihre Kandidaten werden mehr geschätzt, doch ist es trotzdem möglich, dass der Wähler in bestimmten Situationen ,,seiner" Partei aus aktuellem Anlass die Stimme versagt.6 Erklären ließe sich somit das Entstehen der ,,Grünen" in der Bundesrepublik Anfang der 1980er, die ein Wählerpotential der SPD in sich aufnahmen und nehmen.

In den späten 1960er Jahren wurde als dritte Theorie, vertreten durch Anthony Downs, der rationale W ä hler angenommen. Der Wähler hat demnach keinerlei Bindung an eine Partei sondern entscheidet allein nach einer flexiblen ,,Kosten-Nutzen-Überlegungen"7. Vor allem Sachthemen und welche der Parteien nach Meinung des einzelnen Wählers am Besten mit diesen umgehen können, entscheiden darüber, wem er seine Stimme überträgt. Insbesondere innenpolitische Themen stehen dieser Theorie nach im Vordergrund, was sicherlich gerade bei den ,,Wendewahlen" 1990 der Fall war. Das alles überschattende Thema der deutschen Einheit brachte die Entscheidung zu Gunsten von Bundeskanzler Helmut Kohl, wobei dieser vor allem im Osten die Mehrheit erhielt, dazu jedoch später. Es gab Ansichten das sich nun gerade der ostdeutsche Wähler zu solch einem rationalem Wähler entwickeln würde, denn er hatte keinerlei Parteibindungen aufbauen können, wie sie von den anderen beiden Theorien verlangt wurden, er war mit einer fast vollständig neuen Parteienlandschaft konfrontiert, in die er nicht hineingewachsen war, er war sozusagen nicht durch 40 Jahre bürgerliche Demokratie ,,vorbelastet".

Zusammenfassend kann man also davon ausgehen, dass das Wählerverhalten durch drei Punkte beeinflusst wir. Die mittel- bis langfristigen Bindungen, die sich im Laufe der Zeit ausgebildet haben, die Personen die den jeweiligen Wahlkampf bestimmen und somit die Meinungen über ihre Parteien bestimmen und auch aktuelle Ereignisse, die sich je nach spezifisch eingeschätzter Wichtigkeit im Meinungsbild der Bürger widerspiegeln.8 Diese Faktoren haben von Wahl zu Wahl unterschiedlich hohen Einfluss und insbesondere die Wahlen 1990 müssen getrennt von den darauf folgenden Wahljahren gesehen werden.

3. Das unterschiedliche Wählerverhalten als Tatsache

3.1 Wahlen im politischen Umbruch

Entgegen der allgemeinen Erwartung, die von einem Wahlsieg der SPD ausging, ging die im Osten aufgestellte ,,Allianz für Deutschland" aus CDU, DA und DSU bei den Volkskammerwahlen in der DDR im März 1990 als Gewinner hervor. Damit traf das Volk die Wahl einer schnellen Vereinigung der beiden deutschen Staaten, verbunden mit der Hoffnung auf baldigen materiellen Wohlstand.

Man kann davon ausgehen, dass in dieser Volkskammerwahl das rein rationale Wahlverhalten den größten Einfluss ausübte, denn, wie schon erwähnt, gab es kaum gewachsene Parteibindungen - davon auszunehmen sind bestenfalls einige wenige ,,Alt-Sozialisten", die der PDS ihre Stimme gaben. Vor allem waren bei dieser Wahl die Personen ein wichtiger Faktor, auch wenn Dieter Roth und Thomas Emmert9 recht haben mögen, dass diese praktisch alle aus dem Westen kamen und somit für den DDR-Wähler fast unbekannt sein sollten, so trifft es nicht durchweg zu, dass Personen keinen Einfluss hatten, vermittelte doch vor allem das in dieser Vielfalt neue Medium Fernsehen auch den Ostdeutschen einen Eindruck über die westdeutschen Politiker. Mag sein, dass Roths und Emmerts Einschätzung am ehesten für die Person Oskar Lafontaine den Tatsachen entsprach, doch auch er hatte ein Bild im Osten - welches der SPD in den Wendewahlen schließlich zum Verhängnis wurde. Er stand für Unsicherheit, ob die Einheit kommen solle oder ob man vielleicht noch ein wenig abwartet, er stand ein wenig der euphorischen Stimmung im Osten entgegen, ganz anders sein Widerpart Helmut Kohl, der sich in kurzer Zeit zur Symbolfigur für eine rasche deutsche Einheit entwickelte. Unter diesem Gesichtspunkt waren die Wendewahlen des Jahres 1990 sehr wohl auch eine Personenwahl.

Das bürgerliche Lager ging ebenfalls aus den folgenden Kommunal-, Landtags und ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen 1990 als Gewinner hervor (mit Ausnahme von Brandenburg) - auch hier ohne eine eigentliche Wählerschicht zu besitzen, denn ein bürgerliches Lager aus Mittel- und Besserverdienenden existierte nach 40 Jahren DDR nicht. Die CDU und ihre verbündeten Parteien bezogen ihre Stimmen überwiegend aus der Arbeiterschaft, was in den etablierten westlichen Demokratien nicht in dem Maße der Fall gewesen wäre. Die SPD konnte ihre den Theorien nach traditionellen Wähler nicht erreichen, eben weil die Ostdeutschen keine traditionellen Wähler sind. Die Wahlen wurden im Osten vor allem durch einen alles dominierenden Kanzler Kohl gewonnen.

3.2 Wahlen im vereinigten Deutschland

Der Blick auf die folgenden zehn Jahre soll auf die beiden Bundestagswahlen der 1990er beschränkt bleiben, eine Analyse der Landtags oder gar Kommunalwahlen wäre dieser Arbeit nicht so dienlich und würde den Rahmen sprengen.10 Die Zeit zwischen 1990 und 1998 war vor allem geprägt durch ein weiteres und gerade im Osten sprunghaftes Ansteigen der Arbeitslosigkeit, die ,,blühenden Landschaften", wie sie Helmut Kohl versprach, wurden nicht so schnell Wirklichkeit, wie es sich viele erhofft hatten. Im Gegenteil, die ostdeutsche Wirtschaft brach flächendeckend zusammen.

Seit den Bundestagswahlen vom Dezember 1990 zeigten Umfragen auch im Osten einen immer deutlicheren Trend zur politischen Linken hin. Die SPD lag lange Zeit vor der CDU und auch die PDS erholte sich zunehmend aus ihrem Wendetief. Der Einigungsprozess wird durch die Bevölkerung zunehmend als gescheitert betrachtet, die Ostdeutschen fühlen sich wieder mehr als Bürger ,,zweiter Klasse", der Bürger im Westen dagegen glaubt, dass der Ostdeutsche sich zu wenig anstrengen würde11. Alle Umfragen deuteten für die Bundestagwahlen 1994 einen Machtwechsel in Bonn an. Doch so kommt es nicht, wieder ist es vor allem der ,,Kanzler der Einheit", der mittels seine Prestige selbst dafür sorgt für weitere vier Jahre im Amt zu bleiben. Dem Wähler im Osten wie im Westen wurde erfolgreich vermittelt, dass ein Wechsel ein höheres Risiko mit sich bringen würde. Die SPD verfehlte ihr Wahlziel, den Wechsel, nur knapp.

Ein wichtiger Unterschied zwischen Ost und West zeigte sich nun auch bei der Bundestagswahl. Die PDS übersprang bundesweit zwar nicht die 5- Prozent-Hürde, war jedoch drittstärkste Kraft im Osten und zog auf Grund ihrer gewonnenen Berliner Direktmandate trotzdem in den 13. Bundestag ein.

Die folgenden vier Jahre brachten nur wenig Änderung an der gesamtdeutschen Wirtschaftslage, der Westen rutschte in die Rezession, im Osten blieb der erhoffte Aufschwung weiter aus. Im Herbst 1998 kam es folglich zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik zu einer Abwahl eines regierenden Kanzlers. Die CDU verlor im Westen, wie im Osten die Wahl, wobei gerade der Osten, der in den vorhergehenden Wahlen ja recht konservativ gewählt hatte, den Ausschlag gegeben hat hin zur ersten Bundesregierung aus SPD und Bündnis90/Die Grünen.

3.3 Analyse des Wahlverhaltens

Wie schon mehrfach angesprochen, hat der Osten ganz andere gesellschaftliche Grundlagen als der Westen und damit auch völlig verschiedene wahlpolitische Präferenzen. Die Unterschiede lassen sich nach Rainer-Olaf Schultze in fünf Punkte unterteilen.12

Als ein wichtiger Punkt gilt bei Schultze die hohe Bereitschaft zur Wechselwahl im Osten. Die teils deutlichen Schwankungen der Wahlergebnisse, wie etwa bei der Berlin-Wahl 2001, geben darauf einen Hinweis. Im Westen entwickelt sich diese Tendenz erst langsam seit den späten 1980ern, vorher existierten relativ feste Wählerschaften. Des Weiteren haben die beiden großen Volksparteien im Osten einen verhältnismäßig geringen Zuspruch, sie konnten 1998 nur wenig mehr als 60 % der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen - 14 Prozentpunkte weniger als im Westen. Weiter nach Schultze haben sich FDP und Grüne zu rein westdeutschen Regionalparteien entwickelt, mit Ausnahme von Berlin sind sie in keinem ostdeutschen Parlament vertreten und fallen somit als Mehrheitsbeschaffer für die großen Parteien weg. Viertens können rechtsextremistische Parteien im Osten schneller Stimmen gewinnen, als Beispiel sei hier nur die Landtagswahl von Sachsen-Anhalt von 1998 genannt.

Der wichtigste Unterschied aber ist wohl die starke PDS, die im Osten so viele Stimmen - bei der Berlin-Wahl 2001 fast 50 % - holt, dass ihre bundespolitische Bedeutung immer weiter steigt. Jüngste Umfragen des emnid-Insituts sehen sie gleichauf mit der FDP als drittstärkste Kraft in der Bundesrepublik. Landesregierungen sind im Osten kaum noch zu stellen ohne dabei auch die PDS in irgendeiner Weise einzubeziehen, gerade in Thüringen und Sachsen stellt die CDU noch eine Alleinregierung, doch liegen die letzten Wahlen dort auch schon wieder drei Jahre zurück, in denen die äußerste Linke einen starken Aufwind erlebte. Im Osten hat sich ein Dreiparteiensystem aus SPD, CDU und PDS entwickelt, während im Westen in der Regel vier Parteien - CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP - in den Parlamenten vertreten sind.

4. Gründe für das unterschiedliche Wählerverhalten

4.1 Unterschiede als Resultat der Geschichte

Nachdem wir uns damit beschäftigt haben, wie sich das Wählerverhalten im Ostteil Deutschland von dem des westlichen Teils unterscheidet, soll nun betrachtet werden, wie sich diese Unterschiede überhaupt heraus bilden konnten. Es liegt auf der Hand, dass 40 Jahre DDR ihre Spuren hinterlassen haben, doch man kann um Unterschiede aufzuspüren durchaus noch weiter in die Vergangenheit zurückgehen. Das Phänomen des ,,roten" Ostens zeigte sich schon zu Zeiten der Weimarer Republik. SPD und KPD konnten auf dem Gebiet der späteren DDR noch 1933 über 10 Prozentpunkte mehr Stimmen holen, als in dem Gebiet der Bundesrepublik ab 1949, damals war der Osten also eine Hochburg der Arbeiterparteien.13 Karl Schmitt geht an dieser Stelle dann sogar soweit, zu behaupten, schon damals wäre der Verfall dieser Hochburg deutlich geworden, doch kann dieser Trend nur schwer nachvollzogen werden, wenn man bedenkt, welchen Einfluss die NSDAP erlangte. Auch der Aufwind der ,,linken" Parteien der letzten Jahre zeigt, dass das bekannte Profil der Wählerschaft, wenn auch in abgeschwächter Form, langsam wieder zurückkehrt. Die Wahlen von 1990 waren kein zwangsläufiger Prozess, vielmehr waren sie Protest gegen das System.

Die Geschichte hatte und hat immer noch einen großen Einfluss auf das Wählerverhalten. Es gibt Wähler im Osten und im Westen die die PDS immer noch als Verkörperung des Stalinismus ansehen und ihr demnach aus geschichtlichen Gründen mit Ablehnung entgegentreten. Vor allem hat der Osten durch seine 40jährige DDR-Erfahrung auch eine ganz andere Einstellung zum Wählen selbst, während der Westen mit seiner Parteienlandschaft gewachsen ist, wählt der Ostdeutsche nun relativ ,,vorurteilsfrei", so kommt es auch zu der erhöhten Bereitschaft von Mal zu Mal eine andere Partei zu wählen. Die Wahlen 1990 waren eben keine ,,Stunde Null"14, wie Schmitt es sieht, der Osten hat durchaus eigene politische Erfahrungen die sich auf eine ganz eigene Art und Weise auswirken.

4.2 Unterschiede als Resultat der wirtschaftlichen Entwicklung

Es fällt schwer Geschichte und Wirtschaft der DDR zu trennen, war im ,,real existierendem Sozialismus", Wirtschaft und Politik doch eng miteinander verflochten. Wenn man die geschichtlichen Aspekte mehr auf ideologische Aspekte und die wirtschaftlichen eher auf die soziologischen, so wird diese Einteilung schon klarer. Im Osten hat sich die Berufsstruktur zwischen 1949 und 1990 in eine andere Richtung entwickelt als die im Westen.15 Während in der Bundesrepublik die Zahl der Arbeiter als klassisches SPD-Klientel kontinuierlich sank, so stieg sie im Osten immer weiter an. In der heutigen Bundesrepublik können nur noch knapp 40 Prozent als Arbeiter bezeichnet werden, über die Hälfte der Erwerbstätigen sind Beamte oder Angestellte. Ganz anders im Osten, die Wirtschaft war hier auf Massenbeschäftigung ausgelegt, daraus resultierte eine Arbeiterklasse, die den weitaus größten Anteil der Erwerbstätigen bildete, Selbstständige als FDP- und CDU/CSU-Wähler existierten in der Zentralwirtschaft fast überhaupt nicht.

Wie schon festgestellt brachte es die geschichtliche Entwicklung mit sich, dass sich die Wählerzuordnungen 1990 umkehrten. Die breite Arbeiterschicht der DDR wählte konservativ, das geringe Bildungsbürgertum eher links.

Wichtiger wird die wirtschaftliche Entwicklung als politischer Faktor aber nach 1990. Durch den anhaltenden wirtschaftlichen Zusammenbruch in den neuen Ländern verlor die Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP in Umfragen immer mehr an wirtschaftlicher Kompetenz, die Versprechungen, die Anfang der 1990er gemacht wurden, konnten unmöglich gehalten werden. Die einsetzende Wählerwanderung kann vermutlich jedoch nicht so sehr dem Rücklauf zu einer bestimmten Wählerklientel zugesprochen werden, als dass vielmehr der innenpolitische Fakt der hohen Arbeitslosigkeit eine große Rolle beim Regierungswechsel 1998 gespielt hat. Der Unterschied zwischen Ost und West beruhte 1998 vor allem darauf, dass der Osten wegen der höheren Arbeitslosigkeit stärker gegen die Regierung protestierte.

4.3 Unterschiede als Resultat der sozialen Entwicklung

In der DDR war die soziale Komponente viel ausgeprägter als in der Bundesrepublik. Der Staat sorgte einfach für alles, er bestimmte in gewisser Weise das gesamte Leben. Das wird im Osten sicherlich zu aller erst negativ bewertet, doch hat man dadurch auch eine andere Vorstellung vom Zuständigkeitsbereich eines Staates. Der Staat hat für viele Ostdeutsche immer noch eine Art Fürsorgerfunktion, gerade im sozialen Bereich und auch im Bereich innere Sicherheit erwarten die Ostdeutschen mehr Aktivität vom Staat.16

Im Westen dagegen geht man mehr und mehr dazu über, die soziale Sicherheit in die Hände jeder einzelnen Privatperson zu legen. Diese Differenz sorgt vielleicht dafür, dass die Ostdeutschen schneller zu Extremen neigen. Die stark linkspolitisch orientierte PDS konnte sich auf diesem Wege etablieren, sie steht für die soziale Sicherheit, die sich die Menschen im Osten wünschen. Bei den letzten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt konnte man dann auch einen starken Rechtsruck erleben. Sicherlich resultierte der vor allem aus einem Protestverhalten heraus, auch von der Protestwahl wird im Osten schließlich mehr Gebrauch gemacht als im Westen, doch tendieren Ostdeutsche gerade beim Thema innere Sicherheit zu einem sehr rechtskonservativem Rand hin. Die DDR mit ihrer Unfreiheit vermochte es dieses gesamte Spektrum auszufüllen, doch erfolgreich, war sie damit ja nicht, deswegen will auch die überwiegende Mehrheit der Ostdeutschen das System der DDR nicht zurück, doch in gewissen gesellschaftlichen Bereichen wünscht man sich eben doch ,,mehr Staat".

5. Zusammenfassung und Ausblick - Wird sich das Wählerverhalten angleichen?

Im Wahljahr 2002 bestehen also wieder große Unsicherheiten in der Bestimmung der Wahlentwicklung in Deutschland. Neun Monate vor der nächsten Bundestagswahl muss man aus der wahlgeschichtlichen Entwicklung heraus feststellen, dass sich der Wähler nur noch sehr schwer einschätzen lässt. 1990 wählte vor allem der Ostdeutsche anders als der Demoskop erwartete, zu Beginn des Jahres 1994 wurde von sämtlichen Analysen, der Wechsel der Bundesregierung vorausgesagt und 1998 glaubte man nicht, dass die SPD so stark werden würde, wie sie es tatsächlich geworden ist. Man muss also zu dem Schluss kommen, dass man Wahlforschern nur noch bedingt glauben schenken kann, angesichts einer Bevölkerung, die scheinbar nicht mehr ,,weiß", wen sie eigentlich wählen sollte. Bundesdeutsche Wähler lassen sich noch schwerer als früher in Wählerschemata pressen, wie sie im zweiten Kapitel angesprochen wurde und ostdeutsche haben diesen seit 1990 nie entsprochen.

Bemerkenswert ist, dass die ostdeutschen Wähler schon heute das praktizieren, was sich im Westen erst langsam entwickelt. Von Wahl zu Wahl, wird häufiger gewechselt, mehr und mehr spielt ein kurzfristiges Kosten-Nutzen-Kalkül eine Rolle, auch im Westen verschwimmt langsam die traditionelle Wählerschaft, die im Osten fast nicht existiert. Doch auch der Osten hat mit dem bundesdeutschen Parteiensystem ja einiges aus dem Westen übernommen. Die beiden Volksparteien sollten noch eine Zeit lang eine stabile Rolle spielen, auch wenn sie schon heute verschiedentlich tot gesagt werden und auch tatsächlich langsam an Einfluss verlieren.

Die Unterschiede können jedoch nicht einfach verschwinden, 40 Jahre DDR haben Auswirkungen auf mehrere Generationen - vor allem im sozialen Bereich. Wann der wirtschaftliche Sektor angeglichen sein wird, ist nicht absehbar. Das Wählerverhalten ist eine Summe aus sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen, die sich gegenseitig überlagern und beeinflussen, auf dieser Basis ist auf lange Sicht kein einheitliches Bild möglich.

Auch für 2002 gilt wieder, dass der Osten eine nicht unerhebliche Rolle spielen wird. Durch die Bundestagsreform verliert er zwar an Gewicht, doch der ostdeutsche Wähler muss jedes Mal aufs Neue gewonnen werden und je ähnlicher sich die Hauptkandidaten sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er in Extreme verfällt hauptsächlich ins linkspolitische Lager und gerade die ,,Partei des Ostens" PDS spielt eine nicht zu verleugnende und wachsende Rolle bei der Regierungsbildung. Vielleicht sorgt das ostdeutsche Wählerverhalten sogar dafür, dass es in Deutschland zum zweiten Mal zu einer großen Koalition kommt.

Bibliographie

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Bürklin, Wilhelm / Roth, Dieter (Hrsg.), Das Superwahljahr. Deutschland vor unkalkulierbaren Regierungsmehrheiten?, Köln 1994.

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Kranenpohl, Uwe u.a.: Die politischen Parteien in Deutschland. Geschichte, Programmatik, Organisation, Personen, Finanzierung, München 2000.

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Schultze, Rainer-Olaf: Wählerverhalten bei der Bundestagswahl. Bekannte Muster mit neuen Akzenten, in: Politische Bildung (2000)[3], S. 34-56.

Urbach, Matthias: ,,Der Wahlkampf hat begonnen. Knapp zwei Wochen nach der dramatischen Vertrauensabstimmung kehrt der Bundestag zur Innenpolitik zurück - und das auf erbärmlichen Niveau", in ,,die tageszeitung", vom 29. November 2001.

Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Deutschland. Eine Nation - doppelte Geschichte, Köln 1993.

[...]


1 Urbach, Matthias: "Der Wahlkampf hat begonnen. Knapp zwei Wochen nach der dramatischen Vertrauensabstimmung kehrt der Bundestag zur Innenpolitik zurück - und das auf erbärmlichem Niveau", in "die tageszeitung" vom 29. November 2001

2 Ebd.

3 Vgl. dazu auch Eith, Ulrich / Mielke, Gerd : Wahlforschung, in: Mols, Manfred / Lauth, Hans- Joachim / Wagner, Christian (Hrsg.): Politikwissenschaft: Eine Einführung, 3. Auflage, Paderborn u.a. 2001, S. 315-344

4 Ebd.

5 Schultze, Rainer-Olaf: Wahlforschung, in Andersen, Uwe / Woyke, Wichard (Hrsg.) : Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, 4. Auflage, Opladen 2000, S. 645

6 Vgl. ebd. S. 646

7 Ebd. S. 646

8 Vgl. Bürklin, Wilhelm /Roth, Dieter /Hrsg.): Das Superwahljahr 1994. Deutschland am Ende einer Ära stabilen Wahlverhaltens?, In: Bürklin, Wilhelm / Roth, Dieter: Das Superwahljahr. Deutschland vor unkalkulierbaren Regierungsmehrheiten?, Köln 1994, S.14 ff.

9 Vgl. Emmert, Thomas / Roth, Dieter: Wählerentscheidungen und Wählereinstellungen in Ostdeutschland vor und nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl, In: Niedermayer, Oskar / Stöss, Richard (Hrsg.): Parteien und Wähler im Umbruch, Parteiensystem und Wählerverhalten in der ehemaligen DDR und in den neuen Bundesländern, Opladen 2994, S. 241 f.

10 Weiterführende Aufsätze, die sich mit dem Thema Wählerverhalten bei Kommunal- oder Landtagswahlen beschäftigen sind bspw.: Eith, Ulrich: Kommunales Wählerverhalten in Ost- und Westdeutschland: Brandenburg, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen im Vergleich, in: Gabriel, Oscar W. (Hrsg.): Politische Orientierungen und Verhaltensweisen im vereinigten Deutschland, Opladen 1997, S.377-400 und Emmert Thomas / Stögbauer: Volksparteien in der Krise. Die Wahlen in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Hamburg, in: Bürklin, Wilhelm / Roth, Dieter (Hrsg.): Das Superwahljahr: Deutschland vor unkalkulierbaren Regierungsmehrheiten, Köln 1994, S.86-110. Viele Ansätze in letzterem Aufsatz lassen sich durchaus auch auf die Bundesebene übertragen.

11 Vgl. Emmert, Thomas: Politische Ausgangslage vor der Bundestagswahl 1994. Entwicklung der Parteien, Themen und Kandidaten in Ost und West, in: Bürklin, Wilhelm / Roth, Dieter (Hrsg.): Das Superwahljahr. Deutschland vor unkalkulierbaren Regierungsmehrheiten?, Köln 1994, S. 74ff.

12 Schultze, Rainer-Olaf: Wahlforschung, in Andersen, Uwe / Woyke, Wichard (Hrsg.) : Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, 4. Auflage, Opladen 2000, S. 635

13 Vgl. Schmitt, Karl: Im Osten nichts Neues? Das Kernland der deutschen Arbeiterbewegung und die Zukunft der politischen Linken, In: Bürklin, Wilhelm / Roth, Dieter (Hrsg.): Das Superwahljahr. Deutschland vor unkalkulierbaren Regierungsmehrheiten?, Köln, 1994, S. 186

14 Ebd. S. 198

15 Bürklin, Wilhelm / Roth, Dieter, Siehe Anm. 8 S. 17

16 Vgl. Bauer-Kaase, Petra: Politische Orientierung in Ost- und Westdeutschland seit der Deutschen Vereinigung, in: Niedermayer Oskar / Stöss, Richard (Hrsg.): Parteien und Wähler im Umbruch: Parteiensystem und Wählerverhalten in der ehemaligen DDR und den neuen Bundesländern, Opladen 1994, S. 269ff.

14 von 15 Seiten

Details

Titel
Das Wählerverhalten in Ost- und Westdeutschland
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Übung Einführung in das politikwissenschaftliche Arbeiten
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V106836
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kann Deutschland überhaupt noch regiert werden? Ständig wechselnde Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat haben die letzten 20 politischen Jahre immer unruhiger werden lassen und gerade nach der deutschen Vereinigung gab es ein neues Problem: Wie kann die Politik mit zwei deutschen Wahlvölkern gleichzeitig umgehen? Ost- und Westdeutsche haben ein Wahlverhalten, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Diese Arbeit gibt einen Abriss über die Entwicklung des Wahlverhalten in den beiden Teilen des vereinigten Deutschlands. Vor allem wird auch auf Gründe eingegangen, wie es möglich ist, dass in einem Land regional so unterschiedlich gewählt wird und wie stark der Einfluss von 40 Jahren Trennung wirklich ist. Prognosen, wie die nächsten Wahlen ausgehen, gibt es dabei freilich nicht, denn die wichtigste Feststellung dieser Arbeit ist, dass Prognosen ein Werkzeug von gestern sind, heute stimmen sie schon lange nicht mehr mit der Wirklichkeit überein.
Schlagworte
Wählerverhalten, Ost-, Westdeutschland, Einführung, Arbeiten
Arbeit zitieren
Till Käbsch (Autor), 2001, Das Wählerverhalten in Ost- und Westdeutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106836

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