Ethno-kulturelle Erziehung


Facharbeit (Schule), 2002

12 Seiten


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Ethno-kulturelle Erziehung

Die Erziehung ist gerade für den Menschen sehr wichtig. Wir unterscheiden uns von den Säugetieren in der Hinsicht, da wir körperlich viel unfertiger sind und deshalb müsste das Kind, so Portmann, in einem sozialen Mutterschoss eingeordnet leben.

Besonders wertvoll dabei ist die vorrationale Kommunikation zwischen Mutter und Kind, was also eine frühe soziale Menschenerziehung bedeutet. So wird das Kind liebkost, geneckt und durch verschiedene Reize mit der Umwelt konfrontiert und hat gleichzeitig die Möglichkeit auf seine Weise dem Ganzen Ausdruck zu verleihen.

Nun geht die Tendenz dazu hin, dass man versucht die Erziehungsmittel der verschiedenen Kulturen miteinander in Verbindung zu setzen und sich auch an anderen Werten und Normen zu orientieren. Wir finden heute noch Menschengruppen, die wir primitiv nennen, was durchaus ohne Wertung zu verstehen ist, die aber noch an einem Anfang stehen, demgegenüber wir einen langen Weg zurückgelegt haben.

In solchen primitiven Völkern stehen sich Erwachsene und Kinder sehr nahe. Die Kinder teilen das Leben der Erwachsenen und sind überall mit dabei. Im Heranwachsen erfahren sie somit alles, was sie brauchen um ihr Leben selbstständig und verantwortungsvoll zu führen.

Erziehung in den industrialisierten Ländern:

Wir können von uns behaupten, dass wir uns in einer industrialisierten Kultur befinden.

Allerdings haben sich unsere Werte und Normen im Laufe der Zeit sehr verändert, und damit hat auch die Erziehung einen Wandel durchlebt.

Früher hat man zum Beispiel gedacht, dass der soziale Aspekt nur für sich alleine bestand.

Auch andere Bereiche des kindlichen Wachstums, wie die intellektuelle Entwicklung und die Persönlichkeitsentwicklung wurden als deutlich von einander geschiedene Gebiete betrachtet.

Doch heute weiß man, dass diese verschiedenen Teilprozesse von einander abhängig sind. Auch die Kinderpflege und die Erziehung stehen in einem sozialen und kulturellen Zusammenhang, hat man herausgefunden. So bilden die Art und Weise, wie ein Kind aufgezogen wird, und die Einstellung zu ihm eine Einheit innerhalb der kindlichen Entwicklung selbst und nicht bloße Faktoren, die diese beeinflussen.

Die Bedeutung, die Kinder in unserer Gesellschaft für uns haben, hat sich nicht wesentlich verändert, nur die Art, wie die Gesellschaft mit Kindern umgeht, hat sich weitgehend gewandelt.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begann eine Erziehungsziel, das auf körperlichem und seelischem Wohlbefinden und einem streng programmierten Tagesablauf basierte, was sich auch noch bis vor kurzem bei uns durchzusetzen schien. Vom frühesten Zeitpunkt der Entwicklung an, nämlich schon beim Stillen, wurde alles, was die Kindeserziehung anbelangte, streng geregelt. Demnach war eine genau dosierte Flaschennahrung dem Stillen vorgezogen, außer man stillte streng nach Plan, d.h. ca. alle 3-4 Stunden. So war man sich sicher, dass man alles unter Kontrolle hatte. Wenn also ein Säugling ohne ersichtlichen Grund schrie, ließ man ihn ruhig schreien. Der Erwachsenen trägt also die Verantwortung dafür, dass das Kind lernt zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, im Hinblick auf Essens- und Schlafzeiten, das Spiel usw. Das Richtige war in dem Fall eine Kombination von Lebensgewohnheiten der Erwachsenen und wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Entwicklung des Kindes.

So fühlten sich die Erwachsenen sicher im bezug darauf, was sie machten. Nicht allein durch den Fortschritt in der Naturwissenschaft glaubten die Menschen alles unter Kontrolle zu haben. Sie fühlten sich sicher und dachten sich, dass sie mit genau vorgeschriebenen Prozeduren die Natur überlisten und dadurch größere und bessere Kinder „produzieren“ könnten.

Die Mütter von heute wissen aber, dass es das beste ist, ihr Kind in solch einem frühen Alter flexibel und nachgiebig zu behandeln.

Man glaubt, dass es die Pflicht des Erwachsenen sei, den Bedürfnissen des Kindes entgegenzukommen und nicht von ihm zu erwarten, dass es sich frühzeitig seiner Welt anpasst. Dazu gehört auch die Pflicht dem Kind seine Nahrung zu reichen, wenn es selbst danach verlangt. Alle Beschäftigungen sollen dem kindlichen Rhythmus angepasst werden. Von größter Bedeutung ist das Bedürfnis des Kleinkindes nach Liebe und nach einer intimen Beziehung zu seiner Mutter bzw. der Hauptbezugsperson, das viel wichtiger sei als die sorgfältige körperliche Pflege. Dazu gehört, dass das Kind viel Körperkontakt erhält, zum Beispiel wenn es gestillt wird.

Spontaneität im kindlichen Verhalten, Aufrichtigkeit der Gefühle, sowie echtes Interesse werden mehr geschätzt als gute Manieren, Selbstbeherrschung oder intellektuelle Leistungen.

So weit, so gut: Jede Kultur hat das Recht und die Pflicht, die Ziele in der Erziehung selbst zu setzen, für die sie kämpfen will, und die oben erwähnte Zielsetzungen scheinen genau das zu sein, was wir als Gruppe für unsere Kinder erstreben.

Wir haben also auch unsere Naivität bezüglich der Veränderungen, die wir an den Naturgesetzen vernehmen wollten, abgelegt und können jetzt realistischer in die Zukunft blicken.

Erziehung in Naturvölkern:

Bei den Hopi-Indianern ist die Geburt ein wichtiges Ereignis. Im allgemeinen sind Kinder bei ihnen sehr erwünscht, sie halten sie für Persönlichkeiten von großer Bedeutung.

Obwohl beide Geschlechter erwünscht sind, hält man für besonders wichtig wegen ihrer Rolle bei der Fortführung des Clans. Sie haben auch eine festere Position und größere Sicherheit während des ganzen Lebens, da sie ständig in einer Hausgemeinschaft leben, dem Clan der Mutter, dem sie ihr Leben lang am stärksten zugehörig sind.

Die Geburt findet im Hauswesen der Mutter statt und der Ehemann und ein oder mehrere Angehörige der Mutter sind meist dabei. Mit Hilfe des Medizinmannes wird das Kind entbunden und die Nachgeburt wird samt dem Blut, dem Sand von der Stelle der Geburt und heilige Speisen in eine bestimmte Spalte geworfen. Falls es sich um eine Todgeburt handelt, wird es ebenfalls dazu gelegt.

Auch die Nabelschnur wird einer bestimmten Zeremonie unterworfen, da der Nabel bei den Hopi als Sitz der Lebensseele gilt. So wird sie, handelt es sich bei dem Kind um ein Mädchen, an einem Rührholz, bei einem Jungen um einen Bogen gebunden.

Während der ersten 24 Stunden wird das Neugeborene auf dem Rücken liegend in der Wiege festgebunden. Außer wenn es gerade gebadet wird, verbringt das Kind während der ersten drei Lebensmonate die ganze Zeit an der Wiege festgebunden. Danach wird der Gebrauch der Wiege auf die Zeiten eingeschränkt, in denen das Kind wirklich schläft, egal ob nachts oder am Tage. Je nach Verlangen des Kindes wird dann der Gebrauch der Wiege im Alter zwischen sechs Monate und einem Jahr eingestellt.

Man mag vielleicht annehmen, dass diese Einschränkung der Bewegungsmöglichkeit die Entwicklung der motorischen Kontrolle beeinflusst, doch das stimmt nicht so, wie auch Lieselotte Frankl bei albanischen Kindern untersuchte. Die Kinder fühlen sich aber aufgrund dieser Tradition sicherer.

Die Untersuchung von Frankl zeigt albanische Säuglinge, die während des ganzen ersten Lebensjahres in ihren Wiegen festgebunden wurden. In den ersten sechs Monaten wurden sie sogar im Dunkeln der Hütte gehalten oder es wurde ihr Gesicht mit einem Tuch verdeckt. So waren sie weder in der Lage sich zu bewegen, noch konnten sie optische Eindrücke erleben bzw. verarbeiten. Allerdings hatten sie zu Menschen Kontakt, die sich zu ihnen herab beugten oder wenn sie die Mutter stillte. Dazu beugte sie sich über die Wiege.

Lediglich zum Waschen wurden die Kinder aus der Wiege genommen und Kinder, die schon älter als vier Monate waren, genossen die Bewegungsfreiheit sichtlich und wehrten sich gegen ein neues Festbinden an die Wiege, worauf die Mutter ein Tuch über das Gesicht legte und es so lange wiegte, bis es verstummte.

Den Forschern gelang es zehn Mütter zu überreden ihre Kinder für einen längeren Zeitraum loszubinden. In allen motorischen Leistungen, besonders natürlich im Greifen, waren vorerst große Rückstände zu beobachten. Die Arme hingen schlaff, die Finger waren ausgestreckt und nicht zu Fäusten geballt, es bestand praktisch kein intentionaler Objektbezug, keine raumgreifende Bewegung, keine Aktivität und keine sensomotorische Koordination. Aber das galt nur für den Beginn der Untersuchung. Wurden den Kindern öfter Spielmaterial angeboten und ihnen länger überlassen, holten die acht Monate alten Säuglinge innerhalb von zwei Stunden den Rückstand von mehreren Monaten auf. Außerdem zeigten sie keine Angst- und Fremdheitsreaktionen, sondern lediglich völlige Passivität, die aber innerhalb von zwei Stunden weitgehend überwunden werden konnte.

Durch diese Untersuchung zeigt sich, dass auch die Kindern der Hopi keinen Rückstände dieser Art zu befürchten haben. Mit zunehmenden Alter werden die Kinder immer mehr zu Teilen des soziale Gefüges, das ihm ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden gibt. Es ist aber anzunehmen, dass diese Art der Behandlung Auswirkungen auf die Entwicklung des Charakters hat.

Im ersten Lebensjahr bleibt das Kind besonders nahe bei seiner Mutter und anderen weiblichen Angehörigen des Haushalts. Nie wird es alleine gelassen, aus Furcht vor bösen Geistern, die im schaden könnten. Auch in der Nacht schläft es bei seiner Mutter und wird gestillt und beruhigt, wann immer es schreit. Es darf trinken, bis es satt ist, und wird nie gekitzelt oder in die Luft geworfen, aber es wird liebkost und von Unannehmlichkeiten beschützt. Beobachtungen zufolge sind Hopi-Babys meist zufriedener, lächeln häufiger und schreien weniger.

Mit etwa drei oder vier Monaten wird es in ein Tuch geschlagen, am Rücken der Mutter festgebunden und so mit außer Haus genommen. Auch die ältere Schwester übernimmt hin und wieder die Pflege des Babys. Ältere Brüder werden nur dann eingesetzt, wenn keine weibliche Person zur Verfügung steht. Das Kind, das für das Baby sorgt, ist gewöhnlich zwischen fünf und zwölf Jahre alt und nimmt es überall hin mit.

Das Abstillen geschieht nach und nach und ohne große Schwierigkeiten. Normalerweise ist es abgeschlossen, bevor das Kind zwei Jahre alt ist, dennoch gibt es Fälle, in denen das Kind bis vier Jahre oder länger gestillt wird. Dann allerdings werden verschiedenen Methoden angewannt, wie Chili oder ein Wurm auf der Brustwarze.

Etwa im Alter von 15 Monaten, wenn es zu gehen und zu sprechen beginnt, setzt die Reinlichkeitserziehung ein. Auch das geschieht mit einem Minimum an Zwang. Wenn das Kind Zeichen von Unbehaglichkeit verspürt, nimmt man es mit hinaus und erklärt ihm, es müsse gehen, wenn es ein Bedürfnis verspüre. Wenn es aber nicht folgt, wird es noch einmal aufgefordert, und will es dann trotzdem nicht gehorchen, wird es ausgeschimpft oder bekommt einen Klaps. Später verlangt man von ihm, dass es seine Notdurft außerhalb des Dorfes verrichtet.

Vor dem zweiten Lebensjahr erwartet man keine Kontrolle der Ausscheidungen während der Nacht. Bettnässen kommt gelegentlich bis ins Alter von sechs oder sieben Jahren vor. In einem solchen Fall werden Mädchen nur aufgefordert ihr Nachthemd zu waschen, während über Buben feierlich gesungen und er mit kaltem Wasser übergossen wird.

Genauso wie das Bettnässen werden auch Verhaltensweisen wie Daumenlutschen, Wutanfälle, Raufen und Stehlen häufiger beobachtet als bei Mädchen, obwohl generell die einfachen Verhaltensregeln ohne Schwierigkeiten erlernt werden.

Die Erziehung, die ja hauptsächlich bei den Frauen liegt, wird von männlichen Familienangehörigen unterstützt, falls schärferes Durchgreifen erforderlich wird. Außerdem werden sie noch von den glaubenspendenden Katschinas unterstützt, die gutes Verhalten belohnen und, in seltenen Fällen auch drohen, böse kleine Kinder zu fressen oder fortzuschleppen.

Im Wesentlichen ist das Grundmuster der Hopi-Erziehung aber das Annehmen und Erlauben. Das Kind lernt vorwiegend durch Nachahmen und Probieren und dadurch, dass es als wichtiges Glied der Gruppe behandelt wird. Es hat sowohl Rechte und Vorrechte, aber auch Pflichten und Verantwortung.

Kinder haben in der Hinsicht bemerkenswerte Bewegungsfreiheit, werden aber andererseits sanft, aber bestimmt in den Grenzen der körperlichen Sicherheit gehalten und vor übernatürlichen Gefahren geschützt.

Auch irreale Gefahren, wie die Katschinas, sollen das Kind bereits in sehr früher Kindheit auf die gefährliche Natur vorbereiten. Angesichts dieser Bedrohung von außen ist es dem Kind nie möglich, sich isoliert oder verlassen zu fühlen, da immer eine ganze Gruppe von Verwandten um es herum ist, die es tröstet und beruhigt.

Die trotzdem größere Anzahl der Verhaltensauffälligkeiten bei Buben lässt sich durch die unterschiedliche Erziehung der beiden Geschlechte erklären.

Mädchen werden in eine Gruppe mit gemeinsamen Haushalt hineingeboren, sie wachsen darin auf , lebt ihr ganzes Leben darin, bis es einmal als Glied einer eng verbundenen und mächtigen Gruppe weiblicher Personen stirbt.

Buben werden von der Gruppe getrennt und beginnen im Alter von vier oder fünf Jahren der Welt der Felder und Berge anzugehören. Er nimmt im Laufe seines Lebens im Hinblick auf die Gruppe eine Randstellung ein.

Während die Rollen beider Geschlechter Ausdauer, Fleiß und Geduld erfordern, verlangt die der männlichen Hopi ständige Wachsamkeit und einen hohen Grad an Anpassungsfähigkeit, um den natürlichen, übernatürlichen und sozialen Kräften und Mächten der Welt des Mannes zu entsprechen.

Beinahe von Geburt an werden sie mit der ihnen vorgesehenen Rolle konfrontiert. Die Mädchen werden ermutigt gute Köchinnen zu sein, während man den Buben sagt, er werde ein schneller Läufer.

Darum überrascht es nicht, dass die Buben mehr Schwierigkeiten machen, als die Mädchen. Erst im Alter von fünf Jahren, wenn das Mädchen der Mutter bei der Hausarbeit helfen soll, tritt bei ihnen fehlangepasstes Verhalten, wie Wutanfälle, Stehlen, Daumenlutschen und Raufen auf, allerdings weniger vorherrschend als bei Buben.

Genau wie bei uns kommen auch zuerst die Pflichten und dann der Spaß und das Spiel. Sie dürfen sich vergnügen, wo sie wollen, solange sie sich nicht in die Beschäftigungen der Erwachsenen einmischen.

Auch anders ist, dass die Hopikinder kein Spielzeug haben, sondern sich entweder selbst etwas anfertigen oder kleine Tiere nehmen, die aber oft aufgrund der rohen Behandlung dabei umkommen.

Es gibt auch keine feste Grenze in der Erziehung zwischen Arbeit, Spiel und Zeremonie.

In der Erziehung werden überhaupt selten körperliche Strafen gebraucht. Der Vater vertraut dabei auf Unterweisungen, Beispiel und Ermahnen. Eher wird das Kind mit Einbezug von bösen Geistern und anderen irrealen Figuren bedroht, so dass der Vater immer in der Beschützerrolle bleibt und die freundliche Atmosphäre nicht durch Feindseligkeiten gestört wird. Allerdings ist die Konfrontation mit der Wirklichkeit, also, dass es eigentlich der Vater war, der die Katschinas beauftragte, umso schmerzhafter.

Die Frauen der Black-Foot-Indianer schränken, sobald sie wissen, dass sie schwanger sind, die Arbeit ein und es beginnt eine Periode disziplinierten Lebens, während der ihnen die viele Arbeit verboten war. Den Haushalt macht eine zweite Frau, wenn es sich der Gatte leisten kann, sonst die jüngere Schwester. Auch im bezug auf das Essen ist sie eingeschränkt. Sie darf zum Beispiel bestimmte Fleischarten nicht mehr essen, da dies sonst Auswirkungen auf das Ungeborene haben würde.

Kommt das Kind dann auf die Welt, wird die Mutter gesäubert und massiert. Das Neugeborene wird in alte Lumpen gewickelt, die natürlich vorher gewaschen wurden. Die ersten dreißig Tage trägt es solche Kleidung und auch die Mutter verwendet die gleiche Kleidung, die sie in der Schwangerschaft nahm. Die Lumpenkleidung des Babys wird lediglich mit Wildlederstreifen zusammengebunden. Dies ist eine Art Probeperiode, in der man sichergehen will, dass es die Zeit nach der Geburt übersteht.

Obwohl das Kind während einer besonderen Zeremonie einen Namen erhält, gibt ihm die Mutter meist einen Kosenamen, der hervorstechende Züge des Kindes beschreibt, was aber keineswegs eine negative Bedeutung hat.

Großmüttern haben bis auf den heutigen Tag immer ein enges Verhältnis zu ihren Enkelkindern. Es ist sogar üblich, dass die Großeltern eines ihrer Enkel aufziehen. Durch die traditionelle Nähe zwischen den beiden sind die Kinder den gleichen Wertvorstellungen ausgesetzt, nach denen ihre Eltern erzogen wurden. Sie erhalten dadurch ein Maß an Zuwendung, das vielen Kindern bei uns heute abzugehen scheint. So ist immer jemand für das Kind da, auch wenn die Eltern mit einem anderen Kind beschäftigt sind, der auch feststellen kann, was los ist. Infolgedessen ist es bei den Black-Foot-Indianern nicht üblich Kinder zu schlagen, auch wenn es gelegentlich vorkommt. Diese besondere Zuneigung erklärt, wie Eltern an langen, kalten Wintertagen und -nächten mit vielen Kindern im überfüllten Tipi zurechtkommen. Dabei erzählen meist die Großeltern Geschichten, veranstalten Spiele und beschäftigen die Fantasie der Kinder auf andere Weise.

Früher gab man alten Witwen, die allein lebten, oft ein verwaistes Kind aus der Verwandtschaft in Pflege. Jedes kleine Kind, das seine Mutter verlor, wurde von einem Verwandten, gewöhnlich der Großmutter, übernommen. Daran erkennt man die extrem soziale Verhaltensweise, die in solchen Naturvölkern noch alltäglich ist und dass Kinder in dem Fall etwas ganz Besonderes sind, die nicht nur als nachkommende Generation gelten.

Als Nahrung bekommen die Kinder in den ersten drei oder vier Monaten nichts anderes als Muttermilch. Ihre erste andere Nahrung ist für gewöhnlich ein wenig Brühe, und zum Saugen gibt man ihnen Knochen. Es kommt auch manchmal vor, dass Kinder bis zum siebenten Lebensjahr gestillt werden. Teilweise werden Kinder länger gestillt, als Form der Geburtenkontrolle, was aber keine hundertprozentige Garantie ist.

Wie auch bei den Hopi sind die Kinder die meiste Zeit fest eingewickelt, jedoch werden die Taschen schon immer wieder aufgeschnürt und das Kind kann sich bewegen. Die Babys steckten so, oben bekleidet und unten in weiches, trockenes Moos gepackt und mit einem weichen Tuch oder Fell umwickelt, in ihrem Traggestell, so dass nur der Kopf herausschaut. Auf der Rückseite der Moostasche befestigt, bietet es dem Kind einen soliden Rahmen und einen besseren Schutz beim Transport. Obwohl es immer wieder Bewegungsfreiheit erhält, gewöhnt es sich so sehr an die Enge, dass es oft sogar wieder eingeschnürt werden muss, um einschlafen zu können. Auf diese Weise sind sie so gut verpackt, dass man sie sicher handhaben kann.

Früher waren die Traggestelle fast lebensnotwendig, da sie alle Wege mit dem Pferd zurücklegten. Hatte die Mutter in der Nähe des Lagers Arbeit zu verrichten, hängte sie den Riemen an den Zweig eines Baumes, in dessen Schatten das Baby friedlich schlafen konnte. Auch im Tipi oder Haus hängten sie kleine Hängematten auf, um ihre Kinder so aus dem Weg zu schaffen. Es wird dann mitsamt seiner zugeschnürten Moostasche dort hinein gelegt. Sogar in der Nacht schläft es in der Hängematte, die dann über dem Bett der Mutter angebracht wird, für den Fall, dass es herausfallen sollte, oder es schläft in seinem eigenen Bett. Ein schreiendes Baby wird in der Hängematte beruhigt, in dem es geschaukelt und gewiegt wird.

Um die Zeit, wo ein Kleinkind laufen lernt, wird ihm zum ersten Mal Respekt vor etwas beigebracht. So darf in der Nähe des Altars, den jede Familie hat, nicht herumgespielt werden. Eltern schrecken ihre Kinder lieber von schlechten Gewohnheiten ab, als sie zu schlagen. Vielleicht gewöhnen sie sie daran, sich vor pelzigen Gegenständen zu fürchten. So legt die Mutter, immer wenn das Kind an etwas herangeht, das es nicht anrühren soll, ein Stück Fell darüber, so dass es sich aus Angst fernhält.

Genauso kann auch mit realen (Wolf,...) oder irrealen (Geister,...) Figuren gedroht werden. Geht die Mutter zu Fuß wohin, bindet sie das Kind mit einer Decke am Rücken fest.

Die Kinder wachsten immer inmitten des alltäglichen Haushaltes auf und erlernen so auf ganz natürliche Weise die Werte und Sitten der Familie. So auch, dass sie alte Leute zu achten haben, und dass sie nicht in der Nähe von heiligen Leuten spielen dürfen, vor allem nicht, wenn sie rauchen. Die Regeln werden auch nicht in Frage gestellt, sondern so akzeptiert.

Ist ein Kind nicht brav, so können die Eltern einen alten Mann oder eine alte Frau holen, die ihm eine Lektion erteilt. Wenn es sich aber weiterhin schlecht benimmt, darf die alte Person eine Ahle hervorziehen und ihm die Ohrläppchen durchbohren. Die Indianer halten dies für ein gutes Mittel die Kinder zur Vernunft zu bringen.

Manchmal wird ein Baby auch mit einem schreckenerregenden Wiegelied in den Schlaf gesungen, wie dieses, das wie folgt lautet: „Wolf, Wolf, komm und friss dieses Baby, das nicht schlafen will.“

Für gewöhnlich dürfen kleine Kinder zusammenspielen, im Sommer oft auch nackt. Doch sobald sie alt genug sind, den Unterschied zwischen Mädchen und Jungen zu erkennen, werden sie getrennt, und die Mädchen von nun an von ihren Müttern und Tanten beaufsichtigt. Buben dürfen nicht in ihre Nähe kommen, und werden sogar, wenn sie etwas tun, dass dem Ruf der Familie schadet, meist von ihren eigenen Brüdern hart bestraft. Brüder und Schwestern haben sich mit Achtung zu begegnen, und die Mädchen dürfen sich vor ihren Brüdern nicht unschicklich bekleidet zeigen.

Während sie heranwachsen, werden die Mädchen so stark beaufsichtigt, dass sie sich keine besondere Meinung über die verschiedenen heiratsfähigen Männer machen können. So ist die Tradition gesichert, dass die Eltern für die Kinder die Ehepartner aussuchen.

Als Spielzeug haben die jungen Mädchen nur jene Imitation der Dinge, mit denen ihre Mütter arbeiten, kleine Tipis und Zeltausrüstungen, Puppen und kleine Traggestelle sowie Miniaturwerkzeuge zum Gerben und Essenkochen. In der Hoffnung, dass sie lernen würden, ehrlich, freundlich und tugendhaft zu werden, erzählt man ihnen von den heiligen Frauen, die Sonnentänze veranstalten.

Wie Konflikte zwischen Mutter und Kind bei den Himba abgebaut werden, zeigen diese Beispiele ganz gut.

Ein Kleinkind von etwa 1 ½ - 2 Jahren hat in den Milchtopf gegriffen und sich natürlich überall bekleckert. Die Mutter ist darüber verärgert und schimpft das Mädchen während sie sie wieder säubert. Nach einiger Zeit fängt das Kind zu weinen an, doch da versucht die Mutter es zu trösten, indem es ein Spiel mit ihm beginnt, wobei sie mit übertrieben hoher Stimme eine Wechselrede mit dem Kind startet. Dadurch ist beim Kind wieder alles vergessen.

Daran erkennt man, wie zwar das Kind für sein Verhalten getadelt wurde, ihm aber die Mutter danach viel Zeit schenkt, wodurch es u.a. auch erfährt, dass es von der Mutter trotzdem geliebt wird.

Die zweite Situation spielt sich wie folgt ab:

Die Mutter hat schlechte Laune, eventuell weil ihr Kind krank ist. Jedenfalls versucht das Kind mit seiner Mutter Kontakt aufzunehmen und die Aufmerksamkeit auf sich zu richten. Da sie aber mit ihrer Frisur beschäftigt ist, wirkt sie genervt über das Verhalten des Kindes. Das Kind greift nach einer Haarsträhne der Mutter, diese jedoch schlägt auf spielerische Weise mit der Gleichen leicht zurück. Als es aber zu fest wird, beginnt sich das Kind zu wehren, woraufhin sich die Mutter selbst mit den Haaren schlägt, sich also selbst bestraft. Dadurch wird der Konflikt auf spielerische Weise abgebaut.

Bei manchen Eskimos darf die Schwangere, so wie bei den Black-Foot-Indianern, bestimmte Mahlzeiten aus traditionellen Gründen nicht mehr zu sich nehmen. Auch das Verhalten der Mutter bzw. der Umwelt könne, ihnen zufolge, auf das Ungeborene übertragen werden.

Nach der Geburt wird das Kind sofort in ein Kleid aus Fell oder Vogelbälgen gesteckt. Man muss dabei auch die Außentemperatur in diesen Breiten bedenken. Die ersten paar Tage verbringt die Mutter mit ihrem Neugeborenen in einer einsamen Behausung und darf erst wieder nach einer gewissen Zeit zur Familie zurück. Sie hat auch eine große Anzahl an Vorschrift zu beachten, die vor allem das Essen und die Arbeit betreffen.

Der Säugling wird im allgemeinen nackt auf dem Rücken der Mutter und unter ihren Kleidern getragen. Mit den damit verbundenen Nachteilen beschäftigte sich ein Geistlicher, der meinte, dass die Kinder bis ins Alter von ca. zwei Jahren keine Kleidung tragen und sich so ganz nackt viele Ungehörigkeiten auf dem Rücken der Mutter erlauben könnten, die Mutterliebe das alles aber geduldig und gleichgültig ertrage. Der Ethnologe Birket-Smith hingegen machte eine etwas andere Beobachtung: „Wenn sich die Natur auf diese Weise bemerkbar macht, kann man sehen, wie der Mutter ihr nacktes Kind sogar bei 20 bis 30 Grad unter Null mit einer blitzschnellen Bewegung herausreißt.“

Durch die Art wie die Kinder am Rücken befestigt werden, können die Mütter sie zum Stillen einfach hervordrehen, ohne dass es mit der Kälte in Berührung kommt. Meist werden die Kinder bis zu ihrem dritten bis vierten Lebensjahr gestillt.

Sibirische Eskimos jedoch kleiden ihre Kleinkinder in eine Hülle aus Fell ein, in die nur zwei Öffnungen eingelassen sind: eine für das Gesicht und eine andere, gut verschließbar, beim Gesäß, die dazu dient, das als Windel verwendete getrocknete Moos auszuwechseln.

Wenn das Kind etwas größer wird, wird es in die Kapuze des mütterlichen Parka gesteckt, die natürlich besonders groß geschnitten ist und in der es seine ersten Lebensjahre hauptsächlich verbringt. Ist das Kind wach, wird die Kapuze zurückgeschlagen und es kann der Mutter über die Schulter sehen. Dadurch hat die Mutter die Arme frei um verschiedene Arbeiten zu verrichten. Bis sie selber gehen können, werden die Kinder auf diese Weise getragen, manchmal sogar noch länger.

Ein kleines Kind ist ständig unter der Obhut der Mutter, einer älteren Schwester, Großmutter oder eines männlichen Familienmitgliedes. Sogar Kinder von sechs oder sieben Jahren hüten schon liebevoll ihre jüngeren Geschwister.

Genauso wie die Pflege ist auch die Erziehung ähnlich wie bei den Black-Foot-Indianern. Nur selten werden die Kinder zurückgewiesen und so gut wie nie geschlagen, dafür aber ständig mit Zuneigung und Liebe belohnt, wenn sie sich gut benahmen und brav sind. Umgekehrt erwartet man von einem Kind, dass es die Zärtlichkeit, die man ihm schenkt, erwidert und verlangt von ihm auch Respekt vor den Eltern, Großeltern und anderen Verwandten. Diese freiheitliche Erziehungsmethode und deren guten Erfolg haben Forscher des letzten Jahrhunderts zur Kenntnis genommen: „Die Liebe und Zuneigung der Eltern für ihre Kinder ist extrem, und die Kinder scheinen sie auch durchaus zu verdienen. Sie zeigen kaum eine Spur von der Verdrießlichkeit und Launenhaftigkeit, die unter den Kindern Zivilisierter so verbreitet ist, und obschon sie extrem verwöhnt werden, sind sie bemerkenswert gehorsam.“ Auch scheint ihnen körperliche Züchtigung absolut unbekannt zu sein. Die Kinder werden kaum getadelt oder in irgendeiner Weise bestraft. Außerdem haben diese Kinder sehr viel Freiheit, die sie genießen und trotzdem nichts Bösartiges im Schilde führen, sondern sich ruhig um ihre eigenen Angelegenheiten, Zeitvertreibe und Spiele kümmern.

Sir William Parry, der 1821 und 1823 auf die Eskimos stieß, verglich deren Kinder mit der Jugend des damaligen Englands, wobei die englischen Kinder schlechter wegkamen. Er meinte, dass Ungehorsam kaum vorkam und oft nur ein Wort oder ein Blick der Eltern genügte um die Kinder auf den richtigen Weg zu bringen. Auch Trotz und die Neigung zum Unfug, die in England viel Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch nahm, wusste er sich nicht zu erinnern. Die Kinder weinen auch nicht wegen unbedeutender Vorfälle und manchmal nicht einmal bei schweren Verletzungen.

Doch diese Kinderliebe scheint im totalen Widerspruch zur Kindestötung zu stehen, von der immer wieder berichtet wurde. Gründe dafür waren Krankheit oder Behinderung des Neugeborenen, mit der es ihm fast unmöglich wäre ohne ärztliche Hilfe zu überleben. Wenn die Mutter bei der Geburt starb, begrub man sie entweder zusammen, oder man ließ das Kind erfrieren. Besonders Mädchen wurden getötet, da sie glaubten, dass beim Stillen dieses Kindes eine neue Schwangerschaft verhütet würde. Das führte bald zu einem großen Frauenmangel, sodass eine Frau mehrere Männer hatte.

Doch nicht nur Kindestötung, sondern auch negative Faktoren wie die periodische Lebensmittelknappheit, der Unfalltod oder organisch bedingte Krankheiten, die den Tod nach sich zogen, führt zu einer Reduzierung der Menschen in den Regionen. Vielleicht liebt man deshalb die Kinder so sehr, weil man sie so leicht verlieren kann, was aber eigentlich wieder ein Widerspruch ist, da man die Erfahrung machte, dass Mütter in Kriegszeiten weniger starke Bindungen zu ihren Kindern aufbauten, um den Verlust besser ertragen zu können.

Jedenfalls ist ein Neugeborenes immer der Mittelpunkt der Zuneigung der ganzen Familie. Dagegen werden Waisenkinder nur aufgenommen, aber nicht in die Familie eingegliedert. Es ist also schon ein Unterschied, ob es das eigene Fleisch und Blut ist oder nicht. Erst mit ungefähr vier bis fünf Jahren gelten Kinder als „richtige Menschen“.

Kleinkinder werden oft mit Spielzeug beschenkt, die das Gegenstück zu den Geräten der Erwachsenen bilden. So gab es Miniaturharpunen und -pfeile, Schlitten, Boote, aber auch geschnitzte Tiere. Auch Puppen dürfen nicht fehlen, mit denen die Kinder die Möglichkeit haben die Tätigkeiten der Erwachsenen nachzuspielen.

Schon früh übernehmen auch junge Kinder kleine Aufgaben wie Brennholz ins Haus zu bringen, zu putzen und beim Aufräumen zu helfen.

Jean Liedloff berichtet von den Yequana-Indianern, die besonders darauf schauen, dass es ihren Kindern gut geht. Die Mütter verlassen sich bei der Kindeserziehung völlig auf ihren Instinkt, der ja bei uns nur mehr in wenigen Zügen vorhanden ist. Das ist für sie das richtige Mittel, da sogenannte Expertenberichte, zum Beispiel von Frauenzeitschriften, meist nur oberflächlich berichten, was für Kinder angeblich wichtig sei. Dabei hat laut Liedloff jede Mutter den für die Erziehung seines Kindes notwendigen Trieb, den man aber erst verstehen muss und der in uns schlummert.

So ist es für die Yequana völlig logisch, dass sie die Kinder von der Mutter nicht trennen, da es für das Kind eine totale Enttäuschung wäre, nachdem es ja bereits neun Monate mit der Mutter, im Mutterleib, verbrachte und es demnach unmenschlich wäre, wenn es von ihr getrennt werden würde. Darum hat das Kind auch so viel Körpernähe, wie es benötigt. Dafür verwenden sie ein Tragetuch, wodurch das Kind immer die Möglichkeit hat bei der Mutter zu sein.

Auch wenn der Säugling schläft, wird er nicht abgenommen und gewöhnt sich daher auch an die Stimme der Mutter. Doch keineswegs behandelt ihn seine Mutter als „zerbrechliche Ware“. Wie es die Gegebenheiten verlangen, wird er hin und her geschoben, muss Stöße, Püffe, und unerwartete Bewegungen, sowie unerwartetes Anhalten und Gehoben- und Gedrücktwerden gegen verschiedene Körperteile ertragen. So gewöhnt er sich an den Rhythmus von Tag und Nacht, an die Veränderungen von Stoffen und Temperaturen an seiner Haut und an das sichere Gefühl, gegen einen lebendigen Körper gehalten zu werden. Von der Geburt bis zum Beginn des freiwilligen Krabbelns, wird der Säugling getragen und macht somit eine Fülle von Erfahrungen.

Verschiedene Spiele werden natürlich auch mit dem Baby veranstaltet. Es wird von der Mutter liebkost und geküsst und sie „sprechen“ miteinander in der Babysprache, also unter Verwendung verschiedener Laute, Glucksen, Lallen usw. So wird der Kontakt zwischen Mutter und Kind intensiviert und beide fühlen sich glücklich und wohl.

Doch das wichtigst in den ersten Lebensmonaten ist der Rhythmus, der erlernt werden muss, eben durch ständiges Getragenwerden. Nur so kann es das Leben in Aktion mitbekommen und ihm wird nie langweilig werden. Darum wird dem Kind, dessen Mutter nur still dasitzt und keinerlei Bewegungen durchführt, eher langweilig und es breitet sich Unbehagen aus.

Nachdem die Yequana auf grund der klimatischen Bedingungen fast nackt herumlaufen, und das Kind durch das ständige Tragen immer zur Brust gelangt, wenn es das Bedürfnis verspürt, lassen sie sich viel häufiger stillen. Daraus resultiert, dass diese Kinder viel weniger an Bauchkrämpfen leiden, da sie erstens mehr trinken und zweitens dem Stress von bestimmten Stillzeiten nicht ausgesetzt sind. Sogar in der Nacht haben sie Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme, da sie ja nicht von der Mutter getrennt werden, auch nicht zum Schlafen.

Setzt dann später die Reinlichkeitserziehung ein, jagt man des Kleinkind nach draußen, wenn den Boden der Hütte beschmutzt. Bis dahin hatte es genug Zeit gehabt Sicherheit und Vertrauen aufzubauen und auch von den anderen so betrachtet zu werden, dass sich seine sozialen Impulse im Einklang mit denen seiner Stammesgenossen entwickeln. Wenn dann eine seiner Handlungen Missbilligung erfährt, fühlt es, dass man nicht es selbst ablehnt, sondern seine Tat, und ist motiviert zu kooperieren. Es gibt keinen Impuls, sich den anderen gegenüber zu verteidigen oder überhaupt irgendeinen anderen Standpunkt als den ihren zu vertreten, da sie doch alle seine erprobten und getreuen Verbündeten sind.

Beginnt das Kind zu krabbeln, verlässt es erstmals den sicheren Schutz der Mutter. Es krabbelt so weit weg, wie es instinktiv für richtig hält. Das haben aber nicht nur die Kinder der Indianer, bei allen Kindern ist dieser Instinkt, also zur existenziellen Sicherheit, angeboren. Allerdings lassen die Yequana-Eltern ihre Kinder alles selbst ausprobieren, da sie auf diese Instinkt vertrauen. Wenn also ein Kind schon sehr nahe an einem Abgrund krabbelt, wird es die Mutter nicht zurückholen, sondern es dort lassen, da es ja sowieso nicht weiter krabbeln wird, als es für gut hält.

Ich könnte jetzt noch mehr Beispiele nennen, die aber im Grunde die gleiche Ansicht vertreten, nämlich, dass alles, was wir tun und lassen von der Natur gesteuert wird und wir uns eigentlich nur auf unseren Instinkte zu verlassen haben, auch wenn sie oft nur mehr latent vorhanden sind.

Nur, ob diese Ansicht, in unserer Welt auch diese Gültigkeit hat, ist zu hinterfragen. Wie schon am Anfang erwähnt, ist unsere Erziehung von verschiedenen Methoden gebrandmarkt, d.h., es waren nicht nur Erziehungsstile in der Vergangenheit präsent, die um das Wohl des Kindes bemüht waren, objektiv betrachtet. Natürlich dachten die Eltern der Kinder vor 100 Jahren, dass die Schläge und Demütigung dem Kind zugute kommen. Wir wissen nun natürlich, dass sie bei den Kindern schwerwiegende Folgeschäden auslösten. Trotzdem ist diese Erziehungsmethode immer noch in uns verwurzelt, bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Darum macht es in unserem Fall wenig Sinn auf unseren Instinkt zu hören, da wir damit vermutlich mehr zerstören als aufbauen können

Jean Liedloff bezeichnet uns als gefühlskalte, emotionslose Wesen, schon alleine aus dem Grund, weil wir unserem Instinkt nicht folgen, der besagt, dass wir zum Beispiel unser Kind nach der Entbindung an uns schmiegen sollten und von daher eine Prägung stattfindet, die das Kind an uns bindet, wie es auch bei den Wölfen der Fall ist. Statt dessen würde bei uns, in der westlichen Welt, das Neugeborene, dessen Haut nach der uralten Berührung durch einen weichen, wärmeausstrahlenden, lebendigen Körper schreit, in ein trockenes, lebloses Tuch gewickelt werden.

Dabei muss man auch bedenken, dass bei Mütter die Bindungsängste haben, also in ihrer Kindheit kein sicheres Bindungsmuster erlebt haben, keine positive Prägung stattfinden würde, sondern das „alte“ Bindungsmuster nur verstärken würde.

Auch die Tatsache, dass wir unsere Kinder nicht bei uns behalten würden, sondern, sobald, oder besser gesagt schon bevor sie schlafen, in ein kaltes Bettchen legen, ist ihrer Meinung nach auch kein gutes Erziehungsmittel. Daraus resultieren, nach Liedloff, unsere ganzen psychischen Krankheiten und Leiden, sowie Drogenabhängigkeit und andere Süchte. Denn bei den Yequanan kommen solche Zustände nie vor.

Trotzdem denke ich, dass wir unsere paae Instinktreste nicht ganz verloren haben, denn wenn wir mit Säuglingen kommunizieren, verwenden wir den „Augengruß“. Das ist ein kurzes, ca. eine sechstel Sekunde andauerndes Anheben der Augenbraue, das anscheinend für das Kind ansprechender sein dürfte. Außerdem sprechen wir mit Kindern automatisch eine Oktave höher und binden viele „I“ in die Sprachen ein, da das das Kind glücklicher stimmt und es das reizvoller findet als eine tiefe Stimme.

Auch die Gesicht-zu-Gesicht Interaktion befindet sich in einem bestimmten Abstand, ca. 30 cm., innerhalb der das Kind die Mutter sehen kann. Das Gesicht wird dann vom Kind fixiert und von der Mutter als persönliche Zuwendung empfunden. Das, und viele andere Faktoren, sichert das Überleben des Kindes. Und das ist meiner Meinung nach sehr wohl eine instinktive Reaktion.

Natürlich ist es immer leicht etwas, womit man ohnehin nicht zufrieden ist, wie es bei Liedloff so den Anschein hat, mit etwas „Besserem“ zu vergleichen und dann die „schlechten Erziehungsmaßnahmen“ zu verurteilen. Doch dabei muss man auch verschiedene Faktoren beachten, die der Mutter von heute diese optimale Erziehung scheinbar unmöglich machen bzw. ihr einen Strich durch die Rechnung machen. So gibt es in Naturvölkern keine Erwerbsarbeit, mit Hilfe derer sich die Frauen Nahrung verschaffen müssen. Wir müssen schon, um an Essen zu gelangen, vorher Geld verdienen, wozu wir aber Arbeit brauchen. Von daher ist es nicht allen Müttern möglich ihre Kinder bis zum Erwachsenenalter bei ihnen zu behalten, sondern muss auf diverse Institutionen zurückgreifen um überhaupt das Überleben für sich und ihren Nachwuchs zu garantieren.

Dennoch bin ich mir sicher, dass unsere Mütter, zumindest der Großteil, ihre Kinder genauso lieben, wie die Mütter anderer Kulturen, nur, dass sie es in manchen Punkten schwerer haben ihrem Kind die optimale Erziehung zu gewähren und sich von daher die für sie am besten geeignetsten Methoden selbst herausfinden muss.

Quellen:

- Ute Sesslen: „ Die weisen Frauen der Indianer “ (Scherz 1994)
- Hans Erpf: „ Das gro ß e Buch der Eskimo “ (Stalling)
- VIDEO: Medien Service: „ Familie Mensch - Folge 1: M ü tter & Kinder “ (BM / UK)
- Lotte Schenk-Danzinger: „ Entwicklung - Sozialisation - Erziehung von der Geburt bis zur Schulf ä higkeit “ (Klett-Cotta / Ö BV)
- Jean Liedloff: „ Auf der Suche nach dem verlorenen Gl ü ck - Gegen die Zerst ö rung unserer Gl ü cksf ä higkeit in der fr ü hen Kindheit “ (becksche reihe)

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Ethno-kulturelle Erziehung
Veranstaltung
Matura
Autor
Jahr
2002
Seiten
12
Katalognummer
V106860
ISBN (eBook)
9783640051359
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethno-kulturelle, Erziehung, Matura
Arbeit zitieren
daniela kettner (Autor:in), 2002, Ethno-kulturelle Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106860

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