Das Berliner Stadtschloss - Chiffre für neuen Bürgersinn?


Seminararbeit, 2002

7 Seiten, Note: noch unben


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Das Schloss - eine Chiffre für neuen Bürgersinn?

„Eine Sehnsucht geht um in Berlin: die Sehnsucht nach dem Schloss der preußischen Könige, der deutschen Kaiser. Der regierende Bürgermeister will es wieder, der Bundeskanzler will es, die CDU, die Grünen. Diese Sehnsucht ist eine Sehnsucht nach Mitte. Denn wie die Achsen der Stadt heute, wie eh und je, wie gestreckte Zeigefinger auf jenen leeren Platz verweisen, wo Walther Ulbricht 1950 das Haus der Hohenzollern sprengen ließ, so streben die Nervensysteme des politischen Sentiments einem Zentrum zu, in dem seit den Katastrophen des 20. Jh. ein Vakuum herrscht….wenn das Schloss in der Lage ist eine Chiffre für neuen Bürgersinn zu werden, dann sollte man es wiederherstellen“1

Über 500 Jahre war das Stadtschloss ein politisch und städtebaulich wichtiger Teil Berlins. Als Amtssitz der Hohenzollern symbolisierte es nicht nur einen absolutistischen Machtanspruch, sondern bot den Bürgern der damaligen Zeit auch Halt und Orientierung. Durch seine stereometrische Prägnanz bildete der Baukörper wertvolle Raumkanten, nahm wichtig Blickbeziehungen auf fasste den ihn umgebenden Raum. Auf dem Schlossplatz finden sich noch heute Teile der freigelegten Fundamente des ehemaligen Schlosses. Um diese sichtbare Wunde im Stadtgrundriss gruppieren sich städtebaulich zusammenhanglose Einzelfragmente wie der Palast der Republik, das ehemalige Staatsratsgebäude, Schinkels Altes Museum. Der Platz wirkt ungefasst und leer. Diese unbefriedigende Situation war Thema einer fast elfjährigen Debatte, eines städtebaulichen Wettbewerbs und endlosen hitzigen Streitereien zwischen Historikern, Architekten und Lobbyisten aller Art. In diesen Tagen entscheidet der Bundestag über die Zukunft des Areals. Die extra einberufene Expertenkommission „Historische Mitte“2empfiehlt in ihrem Abschlussbericht die Heilung der sich aus der Wunde ergebenden Sehnsucht durch den Abriss des Palastes der Republik und die Errichtung eines Schloss-Neubaus. Dem Schloss wird hier eine kurative Wirkung zugeschrieben. Es soll durch seine städtebauliche Existenz und durch seine fiktive Symbolkraft die Sehnsucht nach Mitte befriedigen. Dies sind hohe Erwartungen an einen seit über 50 Jahren aus dem Stadtgefüge gelöschten Baukörper.

Geschichtliche Prozesse haben die Stadt verändert und Spuren in ihrem Grundriss hinterlassen. Im letzten Jahrhundert hat Berlin den Untergang von vier deutschen Staaten erlebt. Kriegszerstörung, deutsche Teilung und raumgreifende Neuplanungen in der Nachkriegszeit, wie z. B. die Neuanlage von Plätzen und Alleen, lassen sich auch im Umfeld des Schlossplatzes stark spüren und man stellt fest, dass der Ort nicht mehr der selbe ist. (siehe Abbildung 2)

Abbildung 2: Überlagerung der Stadtkarten von 1938( grau) und 1990 (rot)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Zeitgeschichte hat auch dazu beigetragen, dass sich in den letzten 50 Jahren die Zentren der Stadt aus der Mitte gen Osten bzw. gen Westen verschoben haben und sich die städtebauliche Wertigkeit der Berliner Mitte verändert hat.3

Die einstige stereometrische Wirkung des Schlosses kann von keinem der Baukörper am Platz erreicht werden. Am ehesten würde dies vom Palast der Republik erwartet, der in der Nachkriegszeit auf einem Teilbereich des ehemaligen Schlossgrundrisses errichtet wurde. Doch zum einen bedingt durch das gegenüber dem Schloss geringere Bauvolumen, zum anderen durch seine Lage am Randbereich des Areals ist dieses Gebäude nicht in der Lage dem Platz Halt zu geben. Auch die übrigen Gebäude sind mit einer ganzheitlichen Raumkonzeption nicht zu vereinbaren. Sie tragen selbst in Ihrer Gesamtheit nicht zu einer Verbesserung der räumlichen Qualität bei. Hieraus zu schlussfolgern, dass das Schloss als einziger Körper in der Lage wäre ein bauliches Rückgrat für die Berliner Mitte zu bilden, wäre nicht richtig, denn das gesamte Ensemble , auf das es sich bezog fiel der Geschichte zum Opfer.

Politisch symbolisiert das Schloss einen zentralistischen Machtanspruch, der in seiner Ideologie kaum mit unserem heutigen demokratischen Verständnis zu vereinbaren ist, da dort freie Lebens- und Denkprozesse nicht geduldet würden. Warum also sollte die Demokratie als Bauherr die trostlose Brache Berlin Mitte mit Überresten des Hohenzollern- Schlosses überbauen? Verspricht man sich etwa Trost für den durch die eindringlichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts gekränkten nationalhistorischen Stolz durch die Pracht des Schlüter- Hofes oder des Eosander Portals? Oder versucht man das lediglich das ruhelose Auge durch Liebreiz und Schönheit zu täuschen? Leider scheint der optische Aspekt allein viele Menschen zufrieden zu stellen. Prägnant hierfür ist auch der Kommentar unseres Bundeskanzlers.Er befürwortet den Neubau „ weil das Schloss schön ist“4Diese rein populistische Bauchaussage, gleichermaßen amüsant, wie erschreckend und enttäuschend, lässt leider auf eine leider zu geringe Durchdringung des Themas schließen.

Aus der Sicht der Denkmalpflege erscheint hier eine zusätzliche Problematik. Das Berliner Stadtschloss stand zwar 500 Jahre am selben Ort, doch veränderte sich sein Gesicht, seine Ausrichtung und Baumasse im Laufe der Zeit. Diese kontinuierlichen Modifikationen und Umbauten waren teils Reaktionen auf städtebauliche Veränderungen in der Umgebung, teils riefen sie Transformationen im Stadtgrundriss hervor. Welche bauliche Ausprägung des Schlosses möchte man denn wieder aufbauen? Welche Epoche und welches Ereignis waren in Zusammenhang mit dem Schloss denn für unser heutiges Verständnis derart wichtig, dass wir es unbedingt baulich wiederholen sollten? Daten und Maßstäbe sucht man vergeblich. Doch genau hier sitzt der springende Punkt. Gerne wird die Zeit vor 1918 als eigentlich identitätsstiftende Epoche für Berlin erwähnt, denn die dramatischen Vorfälle des letzten Jahrhunderts wurde nie richtig verarbeitet. Viel zu gerne würde man sie aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt, und natürlich auch des Landes, streichen. Hier wird deutlich, dass die Deutschen nicht von einer anderen Zukunft träumen, sondern von einer anderen Vergangenheit. Berlin soll zu einer normalen deutschen Stadt werden, Deutschland zu einem normalen Land. Hieraus resultiert eine Vorgehensweise, die für die Berliner Baupolitik kennzeichnend ist: Im Namen der Historie versucht man mit dem 19. am das 21. Jahrhundert anzuknüpfen und dabei die baulich - zeitgeschichtlichen Spuren des 20. Jahrhunderts auszulöschen. Wenn alles nach Plan läuft, wird in wenigen Jahren von den baulichen Zeugnissen unbequemer Zeitabschnitte, wie z. B. der DDR, nichts nennenswertes mehr vorhanden sein.

Ein Indiz dafür ist die eingangs bereits beschriebene Forderung der Kommission „Historische Mitte“ welche in Ihrem Abschlussgutachten den Abriss des Palastes der Republik fordert. Dieses Gebäude, eines der letzten politischen Denkmale für die DDR, sollte schon 1990 aufgrund seiner Asbestverseuchung einem Neubau weichen. Das Verlangen nach einer beschönigenden Korrektur der Geschichte ist angesichts der deutschen Vergangenheit eine verständliche, wenn auch äußerst problematische Sehnsucht. Der Palast ist hierfür ein anschauliches Beispiel, denn wir dürfen ihn nicht nur als Symbol für einen vergangenen Staat und die damit verbundene Teilung begreifen, sondern sollten auch seinen Erinnerungswert für die ostdeutschen Bürger beachten .Sie verbinden mit dem Gebäude weniger Erinnerungen an politische Veranstaltungen ,als an eine Stätte des Vergnügens mit Restaurants, Cafés und Bühnen, vor allem aber einen Ort des politischen Engagements der Wendezeit. Die ostdeutsche Geschichte findet keine Akzeptanz in der westdeutschen Bevölkerung. Man versucht die Ereignisse zu verdrängen und die ostdeutschen Bürger der West- Geschichte anzupassen. Diese Bevormundung zeigt sich auch in den Abrissgedanken für den Palast der Republik .Mit dem Abriss des Gebäudes geht ein weiteres Stück der ostdeutschen Vergangenheit und Identität unter. Der Verlust dieses, wenn auch ungeliebten Denkmals, würde die Wunde „Berliner Mitte“ noch tiefer aufreißen.

Das 20. Jahrhundert war eine wichtige Epoche für Berlin. Die zeitgeschichtlichen Ereignisse wie Moderne, Faschismus, Weltkrieg, Stalinismus, Sozialismus, Kalter Krieg, Revolte und Kapitalismus, um nur einige zu nennen, haben die Stadt geprägt und verändert. In dem kontinuierlichen Wechselspiel Zerstörung, Modifikation und Neuplanung entwickelte sich Berlin zu einem Gemenge widersprüchlicher ideologischer Elemente. Die Geschichtlichkeit kommt hier weniger in der Ansammlung historischer Bausubstanz zum Ausdruck, als in der Auslöschung der baulichen Vergangenheit. Es ist absurd, dass Berlin, gerade wegen des Fehlens der meisten seiner historischen Bauten als ein Ort voller Historie erscheint.

Für welchen zeitgeschichtlichen Abschnitt man sich auch im Zuge eines etwaigen Schlossneubaus entscheiden würde, das historische Gebäude und der Neubau könnten optisch nie identisch sein, da authentisch Pläne fehlen. Das Bild des neuen Schlosses würde sich aus Teilüberlieferungen und Photographien zusammensetzen. Geschichtlichkeit und Authentizität des Neubaus sollen durch scheinbare Präzision im Detail suggeriert werden, während man alles Missbeliebige, nicht Eingängige oder Unökonomische am Neubau zu modifizieren gedenkt.5Wie soll denn eine derartige Verunklärung der Geschichte einen Symbolcharakter erhalten? Das eigentlich Echte, Authentische in unseren Erinnerungen würde seinen Wert gegenüber dem historisch gewordenen verlieren. Der Neubau würde zu einer willkürlichen, toten Abstraktion, die lediglich optisch ausgehungerte Touristen befriedigen würde. Eine Kulissenarchitektur als optisch hochwertiger Hintergrund für Fotos, ähnlich dem Pariser Platz. Dieser Ansatzpunkt der Geschichtsbeschönigung lässt die in Berlin stark verfochtenen Ideologien der Kritischen Rekonstruktion für diesen Bereich zu leeren Phrasen werden. Ziel der Kritischen Rekonstruktion sollte es nicht sein, Berlin einem einzelnen Bauwerk anzupassen, sondern sich auf bewährte Strukturen zu besinnen und differenzierte Denkansätze für eine lebenswertere Stadt zu schaffen.

Mit den ideologischen Ansätzen einer Schlossimitation ist natürlich auch ein enormer Kostenfaktor verbunden. 6- 8 Milliarden Euro für einen virtuos gelogenen Platz? Wie viel für eine neue Stadt? Seit wann kann man denn geschichtliche Identifikationspunkte kaufen? Der Neubau könnte maximal zu einem interessanten Exempel für mediale Architektur werden, jedoch hat der Schlossplatz eine dafür zu wichtige Bedeutung für Berlin. Die Signalwirkung eines derartigen Großprojektes ist nicht zu unterschätzen. Eine Welle von Rekonstruktionen wäre zwar nicht unmittelbar zu befürchten, jedoch wird die Haltung der Gesellschaft zu Denkmalen und Geschichte im Allgemeinen einen prekären Wandel erfahren. Die Zerstörung von originaler Substanz mit anschließender Rekonstruktion würde vollends hoffähig. Doch Erinnerungskultur braucht das Authentische und die authentische Erinnerung an die Schlossbaugeschichte sind historische Fundstücke und Fragmente. Sie werden aussagekräftiger und wirkungsvoller sein als jede Schlossreplik und sie bedeuten als originale Einzelteile mehr als eine bauliche Lüge.

Ein geschichtsverleugnender Neubau wird nie die Option auf einen Denkmalstatus erhalten. Schon eher wäre dies denkbar, wenn der Ort neu interpretiert würde. Die bürgerliche Unruhe und Unzufriedenheit und die bevorstehende Wahl treiben den Entscheidungsprozess mit Zeitdruck voran. Dabei gäbe es doch die Möglichkeit den Raum erstmal anderweitig zu bespielen. Keine Nutzung mehr als Parkplatz oder qualitativ minderwertiger Rummelplatz, sondern beispielsweise Lesungen , Ausstellungen , Freilichttheater. Eine Belebung der Mitte nicht durch Zwang von oben, sondern durch die Bürger. Eine Heilung der Wunde aus der Mitte heraus. Diese neue Symbolik kann eher zu einer Lösung der Problematik führen, als die erzwungene Standpunktdiskussion um Geschichtsverleugnung.

Wie zu erkennen ist, ist die derzeitige Brache am Schlossplatz ist sowohl in städtebaulicher, als auch in politisch - ideologischer und geschichtlicher Hinsicht problematisch und unbefriedigend .Es reicht nicht einen Teilaspekt des Themas beleuchten, denn es geht hier nicht um die Neuerstellung eines Bauwerks, sondern um ein sensibles Verständnis für geschichtlichen Gefüge in Zusammenhang mit der Sehnsucht nach Mitte als der politischen Botschaft . Diese Sehnsucht sitzt tief. Sie lässt sich nicht auf Optik, Raumgefühl und Geschmack reduzieren. Deutschland ist nach der langen Teilung immer noch auf der Suche nach einer Basis für eine gemeinschaftliche Geschichte. Dies ist in Berlin, als ehemals geteilter Stadt deutlicher spürbar als an jedem anderen Ort. Vor allem den ostdeutschen Bürgern fehlt ein Symbol für den Neubeginn für eine gemeinsame deutsche Geschichte. Die Erinnerung an gefestigte Werte aus der Vorkriegszeit ist somit verständlich. Diese Suche nach einer neuen Mitte ist nicht durch Blendwerke und Attrappen zu befriedigen. Unter diesen Umständen ist das Schloss nicht in der Lage Chiffre für einen neuen Bürgersinn zu werden. Die Befriedigung wäre nur von kurzer Dauer, denn das Bewusstsein des Volkes lässt sich nicht täuschen. Der Respekt vor allem vor der ostdeutschen Geschichte würde einen kompletten Neuentwurf für den Ort fordern, der die baulichen Zeugnisse des Vergangenen und den heutigen Stadtgrundriss respektiert und dadurch Halt und Zuversicht gibt. Ein Bauwerk, gelöst von der übertriebenen Sehnsucht nach der guten Geschichte wäre ehrlich. Wichtig hierfür ist der Ort und nicht der Versuch der krampfhaften Belebung vergangener Epochen. Eine solche Maßnahme wäre identitätsfördernd und würde alle Probleme auf einen Schlag lösen.

Eine Monumentalarchitektur wäre aus geschichtlichem Pathos auch mit kultureller Nutzung in der heutigen Zeit mit Vorsicht zu genießen, selbst unter einem etwaigen Gesichtspunkt „function follows form“. Leicht könnte die Bedeutung ins Negative kippen. Deshalb muss das zukünftige Element in erster Linie denen zur Verfügung stehen, die den Halt suchen: den Bürgern.

Abbildung 1: Abriss des Schlüter- Hofes .in: www.berliner-schloss.de

Abbildung 2: Überlagerung Stadtkarte 1938/ 1990 .in: www.stattwerkstatt.de

[...]


1Schuller, Konrad. Sehnsucht nach Mitte, in: FAZ 26.05.2000, Nr.122 S.12

2 Abschlussbericht der Expertenkommission „Historische Mitte“.in: www.berliner-schloss.de

3 Stadtwerkstatt Berlin, Der Reader. In: www.Stadtwerkstatt.de

4 Schröder, Gerhard. Kommentar zur Schlossdebatte , in: www.berliner-schloss.de

5 Abschlussbericht der Expertenkommission „Historische Mitte“ .in : www.berliner-schloss.de

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Das Berliner Stadtschloss - Chiffre für neuen Bürgersinn?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Veranstaltung
Positionen in der Denkmalpflege
Note
noch unben
Autor
Jahr
2002
Seiten
7
Katalognummer
V106873
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Konstruktive Kritik erwünscht
Schlagworte
Berliner, Stadtschloss, Chiffre, Bürgersinn, Positionen, Denkmalpflege
Arbeit zitieren
Carmen Kratzke (Autor), 2002, Das Berliner Stadtschloss - Chiffre für neuen Bürgersinn?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106873

Kommentare

  • Gast am 2.2.2003

    Logischer Ansatz.

    Hallo Carmen, habe Deine Arbeit gelesen und finde den Ansatz sehr gut und durchdacht. Mach weiter so!

  • Gast am 25.7.2004

    Demokratie als Bauherr? Falsche Frage, falsche Antwort..

    Sie fragen: Warum also sollte die Demokratie als Bauherr die trostlose Brache Berlin Mitte mit Überresten des Hohenzollern-Schlosses überbauen?

    Leider geben Sie damit nicht die ganze Diskussion zum Zeitpunkt Ihrer Arbeit wieder. Seit Okt 2001 sind wir in der Prese zu finden. Die Bürger als Bauherr wollen das Schloss, ohne Steuergelder, vollständig privat finanziert.
    Wir überbauen nicht mit Überresten, die gibt es nicht, sondern wir bauen neu.
    Unser Slogan:
    Wir bauen das Schloss
    hppt://www.wbds.de

  • Gast am 26.4.2007

    Keine Alternative zum Stadtschloss Neubau.

    Den ersten Abschnitt der Seminararbeit von Carmen Kratzke kann ich nachvollziehen und unterstützen nämlich, dass das alte Stadtschloss der Stadtmitte von Berlin Halt gab. Doch je weiter man liest, desto mehr verstrickt sich die Autorin in immer abstrusere Thesen von Geschichtslüge, Geschichtsauslöschung und -beschönigung, wenn das Stadtschloss von Berlin neu gebaut werden würde. Dies ist absurd und unhaltbar.

    Die Autorin schreibt, dass ein neu gebautes Stadtschloss kein Rückgrat mehr sein könnte, weil das umgebende Bauensemble von der Geschichte ausgelöscht worden sei. Welches Ensemble die Autorin meint ist mir schleierhaft, denn die Straße Unter den Linden, sowie das Alte Museum,
    welche auf das Stadtschloss Bezug nahmen, sind noch vorhanden. Dieses Ensemble wurde nicht, wie es die Autorin schreibt von der Geschichte ausgelöscht. Es liegt nur heute seltsam verloren da, weil der Bezugs- und Mittelpunkt, das Stadtschloss fehlt. Es spricht überhaupt nichts dagegen, dass das neugebaute Stadtschloss wieder dieses wichtige Rückgrat werden wird.


    Die Autorin spricht davon, dass das Stadtschloss einen zentralistischen Machtanspruch hatte, und deshalb nicht wieder von einer demokratischen Institution beansprucht werden könnte. Diese ideologische Sprache haben schon die SED- Machthaber gesprochen und gerade deshalb das Stadtschloss gesprengt. Doch diesen Machtanspruch
    hattedas Schloss seit der Revolution von 1918 längst verloren. Würde dieser Gedanke konsequent zu Ende gedacht werden, hätte kein einziges Stadtschloss, welches im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde wieder aufgebaut bzw. danach genutzt werden dürfren, weil fast alle Schlösser bis zur Revolution 1918 ein Machtzentrum darstellten! Ein unmöglicher Gedanke. Tatsächlich aber wurde das Stadtschloss nur sporadisch als Residenz genutzt. Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. regierten vor allem in Potsdam. Wilhelm II. hatte seine Hauptresidenz im Neuen Palais in Potsdam. Hier und nicht im Berliner Stadtschloss fiel auch eine der fatalsten Entscheidungen der Weltgeschichte und zwar Österreich in Bündnistreue beim Krieg gegen Serbeien beizustehen, der Blankoscheck, der Deutschland geradewegs in den Ersten Weltkrieg führte.
    Es gibt viele Beispiele, dass diese füher als "Machtzentrum" genutzten Schlösser, heute demokratischen Institutionen dienen können. So sind in den Stadtschlössern von Schwerin, Hannover und Wiesbaden Landesparlemente untergebracht und die Schlösser in Kiel und Stuttgart werden ebenfalls von jeweiligen Landesregierung als Staatskanzlei oder als Sitz von Ministerien genutzt.

    Es geht beim Neubau des Stadtschlosses nicht um Sehnsucht nach der Vergangenheit, sondern darum Berlins historischer Mitte ihr Gesicht zurückzugeben. Dies würde die ganze Stadt aufwerten und ist deshalb dringend notwendig.

    Dass die dunkle Geschichte des 20. Jahrhunderts durch einen Neubau des Stadtschlosses nicht im geringsten verdrängt wird,kann man am Holocaustmahnmal sehen, dass nur einige 100 m vom
    Brandenburger Tor entfernt liegt und am Staatsratsgebäude der DDR ( es steht unter Denkmalschutz!), das direkt gegenüber vom neuen Stadtschloss liegt. Dort übrigens war die tatsächte Machtzentale der DDR.

    Warum die Autorin im Zusammenhang mit dem neuen Stadtschloss eine Identifikation mit dem 19. Jahrhundert herzustellen versucht ist ebenfalls rätselhaft. Entstehen soll der Barockbau von Schlüter und Eosander. Die Kuppel war ursprünglich gar nicht vorgesehen, wird jetzt aber doch gebaut, weil sie ein Charakteristikum der Schlosssilluhette war. Doch sie ist schon alles, was das 19. Jahrhundert zum Schloßneubau beiträgt. Man errichtet diesen Barockbau wieder neu, weil er zum bedeutensten zählte, was der europäische Barock hervorgebracht hatte und weil man diese grandiose Achitektur wieder zeigen will. Darauf hatt schon die Komission Historische Mitte in ihrem Vorwort hingewiesen. Das damit die Geschichte des 20. Jahrhunderts ausradiert wird ist absurd. Der Abriss des Palastes der Republik hat nichts mit Geschichtsverleugnung des 20. Jahrhunderts zu tun, sondern mit der Brutalität eines Gebäudes, dass am falschen Ort errichtet wurde. Die Abstruse These vom Ausradieren der DDR Architektur kann schon aus Kostengründen nicht durchgeführt werden.

    Viele der Architekturkritiker haben wie die Autorin Frau Kratzke beim Pariser Platz Geschichtsbeschönigung, Kulissenarchitektur geschrien. Heutesind die meisten Kritiker verstummt, weil dieser Platz von der Völkerung angenommen und akzeptiert wird.

    Immer verlangt die Autorin Authenztät. Aber ist diese wirklich notwendig? Ich meine nein. In 50 oder 100 Jahren wird dieses neue Schloss in Berlin eine eigene Autenzität haben. So wie der Campanile in Venedig oder das Stadtschloss in Warschau, wo man vergessen hat, dass beides Kopien vom Original sind, weil das eine Original 1902 eingstürzt war und das andere 1943 auf Befehl Hitlers gesprengt wurde.

    Wirklich abstruss wird es, wenn die Autorin mit den Zahlen der Baukosten jongliert. Nicht 6 - 8 Milliarden wird der Neubau des Stadtschlosses kosten, sondern 480 Millionen.

    Von Geschichtslüge beim Neubau des Stadtschlosses spricht die Autorin. Davon kann ebenfalls keine Rede sein. Denn es wird für jeden ersichtlich sein, dass dieses Schloss ein Neubau ist, schon an der modern gestalteten Ostfassade. Hier wird neues mit vergangenem Verbunden und dies in der Aerchitekturgeschichte immer wieder gemacht worden.

    Der Schlossneubau wird kein Blendwerk sein, sondern eines bedeudtensten Barockbauwerke Nordeuropas äußerlich wieder neu entstehen lassen und gleichzeitig die Moderne im Humboldt-Forum repräsentien. Mit den Museen der außereuropäischen Kunst und wahrscheinlich der Zentralen Landesbibliothek
    (ZLB)wird das neue Stadtschloss ein Ort des Wissens und Studierens werden. Eine Mehrheit der Berliner wünscht sich das neue Stadtschloss. Dies sollte man respektieren.

    In einem aber hat die Autorin völlig recht. Die Situation war viel zulange unbefriedigend. Weder konnte der Palast der Republik die Lücke füllen, die die Sprengung des alten Stadtschlosses hinterlassen hatte,noch konnte es irgendein geplanter moderner Neubau. Es gab und gibt keine Alternative zum Neubau Stadtschlosses!

  • Gast am 28.1.2008

    Wiederherstellung menschlicher Stadträume.

    Die Kritik von Carmen Kratzke an der geplanten Teilrekonstruktion des Berliner Stadtschlosses teile ich nicht. Aus meiner Sicht ist das Bauprojekt Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss (die republikanische Handschrift wird sichtbar werden) ein wichtiger Impuls und ermöglicht langfristig die Wiederherstellung menschlicher Stadträume in der - durch die monströsen Verbrechen der Nationalsozialisten und den roten Terror unter Stalin völlig zerstörten - historischen Mitte von Berlin durch ein kleinteiligeres Straßen- und Bebauungsmuster. Mein Vorwurf an Frau Kratzke ist, dass Sie in ihrem Text mit zu vielen - wissenschaftlich auf dünnem Eis stehenden - Behauptungen argumentiert. Bewirkt es wirklich etwas Gutes für die Berliner Bürger die gewaltsame Teilung der Stadt durch den Mauerbau und die städtebaulichen Verheerungen der 60er und 70er Jahre zwingend zu konservieren? Der radikale Stadtumbau - Geschichte sollte aus ideologischen Gründen ausgelöscht werden - durch die SED-Bauverwaltung war zu keinem Zeitpunkt demokratisch legitimiert.
    Die Rekonstruktion einzelner Schlüsselbauwerke ermöglicht einen wechselseitigen Bezug zwischen historischer und moderner Stadt und knüpft an das Konzept der behutsamen Stadtentwicklung an. In Hamburg wurde dieses erfolgreiche Konzept durch Oberbaudirektor Egbert Kossak - unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Bürger und zukünftigen Nutzer -, in Berlin durch Senatsbaudirektor Hans Stimmann realisiert. Erst wenn Berlin wieder eine Stadtmitte hat wird die wirkliche Teilung überwunden sein - der Behauptung Berlin hätte kein Zentrum möchte ich deutlich widersprechen. Leider wird die derzeitige Planungsdiskussion von einigen Akteuren sehr ideologisch geführt. Langfristig werden diese Akteure die Sehnsucht vieler Bürgerinnen und Bürger nach einer lebenswerteren Umgestaltung der (autogerechten und einseitig technisierten) Zentren nicht einfach ignorieren können.

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