Ein kulturwissenschaftlicher Fachtext?


Seminararbeit, 2001

16 Seiten, Note: 1,7


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Gliederung

A) Astratto in italiano

B) Einleitende Worte

C) "Wo Sprach- und Kulturwissenschaften einander berühren" von Stephan Merten - ein kulturwissenschaftlicher Fachtext?

1. Augenscheinliches

2. Strukturelle Ebene
2.1. Thema und Inhalt
2.2. Logische und inhaltliche Gliederung
2.2.1. Einleitung
2.2.2. Grundlagen: Kultur- und Weltbegriff
2.2.3. Kultur als System
2.2.4. Wege der Kulturforschung
2.2.5. Lévi-Strauss - seine Theorie
2.2.6. Lévi-Strauss - Schwachstellen
2.2.7. Schluss: Fremdsprachenlernen, Mentalität
2.3. Bemerkungen zur inhaltlichen Gliederung
2.4. Zum Wortschatz
2.4.1. Fachwortgebrauch
2.4.2. Fachsprachliches Inventar für die Kulturwissenschaften
2.4.3. Problematik der kulturwissenschaftlichen Fachlexik
2.5. Syntax
2.6. Sprachliche Gliederungsmittel
2.7. Darstellungsart und Themenentfaltung

3. Kommunikativ-funktionale Ebene
3.1. Anmerkungen zur Texteinbettung
3.2. Paradigma
3.3. Sachverhalte
3.4. Zielbereich und Kommunikationssituation - Textsorte

D) "Wo Sprach- und Kulturwissenschaften einander berühren" - ein Text für den fachbezogenen Fremdsprachenunterricht

E) Bibliografie

A) Astratto in italiano

Qualsiasi disciplina scientifica a bisogno di una lingua specializzata - così anche le scienze della cultura. La tesina seguente tratta un testo: "Wo Sprach- und Kulturwissenschaften einander berühren: Altes und Neues zu einer fruchtbaren Verbindung" (Punti di incrocamento tra le scienze linguistiche e culturali: Nuovo e conosciuto di una congiunzione fertile) di Stephan Merten. Il testo viene analizzato sotto l'aspetto strutturale, così il conentuto, la struttura logica, la frequenza di termini tecnici nella lessica del testo, la sintattica et il modo di sviluppare il tema. Il risultato della ricerca è un livello medio della lingua scientifica. L'analisi include anche la funzione communicativa del testo e la questione della sua direzione pragmatica. Questo punto permette di classificare il testo come tipo introduttivo per un pubblico con formazione lunguistica. Per questo motivo, il testo può anche essere impegniato per i corsi di lingua specializzata.

B) Einleitende Worte

Die Kulturwissenschaften als eigenständige, fächerübergreifende Wissenschaft von der Kultur im weitesten Sinne existieren erst seit kurzer Zeit. Unweigerlich gab es schon lange vorher interdisziplinär denkende Ansätze, dennoch keine einheitliche Disziplin, so wie heute an einigen Universitäten in Lehre und Forschung vertreten ist. Als Wissenschaft, die sich als horizontale Verbindung der Geistes- und Sozialwissenschaften sieht, ist sie zumindest weit gefächert, wenn nicht sogar in einigen Punkten unvereinbar. Die Kulturwissenschaftler sind oft gefordert, ihre Disziplin zu rechtfertigen und ihr eine Legitimationsbasis nachzuweisen, was sich bekanntermaßen in den seltensten Fällen durch empirische Erhebungen erledigen lässt. Vielmehr sind Transferdenken und Argumentationsarbeit gefordert - die Naturwissenschaften hingegen können sich an nachgewiesene Tatsachen und feststehende Fakten halten. Den Geisteswissenschaften fehlt ein solch unmittelbar greifbares System von Tatsachen.

Auf der Suche nach Legitimation stellt sich unweigerlich die Frage nach dem fachinternen Kommunikationsmittel, dessen jede Wissenschaft bedarf und welches sie von den anderen und vom Laien abgrenzt. Jeder wissenschaftliche Fachzweig verfügt über "seine" Sprache, genauso wie die Handwerkszweige über eine fachinterne Ausdrucksweise. Die Wissenschaften - gleichgültig, ob Naturwissenschaft oder Geisteswissenschaft - haben im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte eigene Nomenklaturen und Verständigungsweisen etabliert, deren Aneignung in einigen Fällen einen Großteil des Studiums darstellt. Überspitzt ausgedrückt könnte man argumentieren, dass eine Fachrichtung sich erst dann mit Recht als ebensolche bezeichnen kann, wenn sie ihre eigene Fachsprache in eigenen Fachtexten auf eigenen Fachkongressen vortragen kann. Können das die Kulturwissenschaften? Wie sieht ein typischer kulturwissenschaftlicher Fachtext aus? Im Rahmen der zunehmenden Etablierung der Kulturwissenschaften als ernstzunehmende Fachrichtung schafft eine eigene kulturwissenschaftliche Fachsprache eine weitere Legitimationsbasis. Einem potentiellen Fachtext wollen wir in dieser Arbeit auf den Zahn fühlen: Als Beispielmaterial dient uns "Wo Sprach- und Kulturwissenschaften einander berühren: Altes und Neues zu einer fruchtbaren Verbindung" ein recht allgemein gehaltener Text von Stephan Merten, einem Sprachwissenschaftler, somit gehen wir an die Fragestellung aus dem Blickwinkel der Linguistik (als einer Komponente der Kulturwissenschaften) an.

Anhand einiger Kriterien der Textanalyse wollen wir untersuchen, inwiefern der vorliegende Text Fachsprachencharakter aufweist.

C) "Wo Sprach- und Kulturwissenschaften einander berühren" von Stephan Merten - ein kulturwissenschaftlicher Fachtext?

1. Augenscheinliches

Der Text an sich umfasst knappe zwölf Seiten, anschließend folgen weitere zwei mit einer Bibliographie. Schon beim Überfliegen des Textes - ohne auch nur einen kompletten Satz zu lesen - fällt dem Leser die optische Gliederung in eine Vielzahl von Absätzen auf, der längste von einer viertel Seite, die kürzesten umfassen gerade eine einzige Zeile. Die Grobgliederung (Einleitung - Hauptteil - Schluss) kann nicht nach dem oberflächlichen Erscheinungsbild erfolgen. Auch sind keine Zwischenüberschriften vorhanden, die eine Aufteilung des Textes in Kapitel möglich machen.

Zunächst bleiben wir beim Erscheinungsbild der vorliegenden Seiten: Durch die Schriftgröße sehen wir, dass der Autor zahlreiche Zitate (kleiner geschrieben) in seinem Werk herangezogen hat - um genauer zu sein, gibt es keine Seite ohne Belegstelle. Der Verdacht drängt sich auf, dass es sich um einen Fachtext handeln muss, auch die Länge der Bibliographie verleitet zu dieser Annahme. Wir wissen aber, dass dieser Schluss voreilig ist und machen uns erst an das Lesen des Textes. So wollen wir zuerst die Struktur des Textes betrachten und uns dann über die kommunikative Funktion Gedanken machen.

2. Strukturelle Ebene

Auf dieser Ebene sollen die inhaltlichen und grammatischen Strukturen umrissen werden und auf ihre Fachsprachlichkeit untersucht werden, um eine Klassifizierung des Textes vorzunehmen.

2.1. Thema und Inhalt

Merten versucht, zwischen Sprachwissenschaft und Kulturwissenschaften Brücken zu schlagen, um die erste Disziplin als Teil der zweiten festzumachen. Dazu grenzt er das Forschungsgebiet der Kulturwissenschaften ab, führt Definitionen von Kultur an, gelangt zum Systemgedanken sowohl von Sprache als auch von Kultur, zeichnet einige Wege der Kulturforschung nach, wobei er besonders auf den Ethnologen Claude Lévi- Strauss eingeht. Er legt dessen Schwächen dar, abschließend bespricht er unter anderem, wie wichtige das Erlernen von Fremdsprachen ist

2.2. Logische und inhaltliche Gliederung

Wir gehen den Text noch einmal anhand seines logischen und inhaltlichen Aufbaus durch, um die Argumentationsstrukturen zu erkennen und nachzuvollziehen. Was äußerlich nicht gekennzeichnet war, ist am Inhalt abzugrenzen: Die Grobgliederung.

2.2.1. Einleitung

Einleitend gibt Merten einen diachronischen Einblick in Interesse am Zusammenhang von Sprache und Kultur. Das erste Zitat ist - strategisch geschickt platziert - von Saussure, dem Begründer der modernen Sprachwissenschaft, und fokussiert die soziale Komponente von Sprache. Um den Bogen zur heutigen Zeit zu schlagen, schließt sich ein Ausspruch eines zeitgenössischen Sprachwissenschaftlers an, der ebenso Sprache mit Kultur verbindet. Der Autor schließt dann den Teil der Linguistik, nämlich die generative Grammatikforschung aus der Debatte aus, die Sprache als unabhängig von Kultur behandelt.

Zwei Strömungen der heutigen Sicht vom Zusammenhang Sprache-Kultur werden angerissen, dann gibt Merten seinen kurzen Überblick über interdisziplinäre Ansätze, die sich mit dieser Thematik befassen: Anthropologie und Ethnologie. Die Mittel und Modelle der Kulturforschung zur Analyse scheinen Merten zu begrenzt und er beschließt: "Nach neuen Wegen ist daher zu suchen" - ein eindeutig zum Thema überleitender Satz und das Ende der Einleitung (S. 2, 3. Absatz).

2.2.2. Grundlagen: Kultur- und Weltbegriff

Vor dem eigentlichen Beginn seiner Ausführungen definiert Merten zuerst den Begriffsrahmen: Die Frage nach dem Wesen von Kultur. Eine eigene Definition gibt er ausdrücklich nicht. Einem Zitat Ingendahls nachgehend, widmet er sich zunächst dem Weltbegriff, den er durch Kant als nur subjektiv erkennbar definiert. Als Weiterentwicklung erläutert Merten kurz den "Radikalen Konstruktivismus" (S. 3, 2. Absatz1). Aus dieser Auffassung resultiert die Unbewertbarkeit von Kulturen - denn jede nimmt eine andere Wirklichkeit wahr, sowohl in sprachlicher als auch in generell kultureller Hinsicht. Merten führt nun die Unbestimmtheit des Herder'schen Kulturbegriffes auf der Suche nach einer nicht-konstruktivistischen Basis an und zitiert als Extrem Murdock, der jeglichen Kulturbegriff ablehnt (S.3, vorletzter Absatz).

Offenbar als einigermaßen griffiges Werkzeug sieht Merten dann die für seine Gedanken grundlegende Definition Tylors. Inhaltlich ähnlich ist der folgende Ausspruch von Geertz, der den Systemgedanken einführt ("systemtheoretischer Ansatz").

2.2.3. Kultur als System

Inhaltlich können wir den nächsten Gliederungspunkt (ab S. 4, 6. Absatz bis S. 5, 4. Absatz) mit "Kultur als System" überschreiben, denn davon geht Merten jetzt aus. Durch eine kurze Abhandlung vermittelt der Autor einen Eindruck von Luhmanns Weltbild, über die Rollen von 'Tiefen- und Oberflächenstruktur'. Auch die Sprache hat in dem System Kultur einen Platz, sie fungiert als Verbindungsstück für Soziales und das gegenseitige Verstehen.

Zu Posner kommt der Verfasser dann, indem er Kulturen als dynamisch, nicht statisch definiert. Wichtig ist dafür die Gruppenzugehörigkeit des Menschen, wahrscheinlich meint Merten auch dieses, wenn er von Koordination "diese[r] Gesichtspunkte" durch Posner spricht (S. 4, vorletzter Absatz). Laut diesem sind Kulturen Zeichensysteme - als solche sieht Saussure auch die Sprache. So schlägt der Autor hier eine Brücke zwischen Sprache und Kultur - der zentrale Satz seines Werkes lautet: "Zeichen- und Systemcharakter verbinden Sprache und Kultur".

2.2.4. Wege der Kulturforschung

Im folgenden Kapitel (S. 5, 6. Absatz bis S. 6, 4. Absatz) betrachtet Merten die unterschiedlichen Ansätze, Kultur zu erforschen. Er stellt zwei Auffassungen vor, den Evolutionismus und seine Gegenströmung, die er als favorisierte weiter verfolgt. Laut Boas, Vertreter der "nicht-evolutionistischen Kulturanthropologie" (S.5) sind Kulturen nicht miteinander vergleichbar und deswegen nicht bewertbar. Wieder gibt es einen Kontaktpunkt mit den Sprachwissenschaften - deren Bedeutung für die ethnologische Forschung unterstreicht Boas. Sprache beeinflusst seiner Ansicht nach das Handeln, er meint, dass das System Sprache vom Denken beeinflusst wird und nicht umgekehrt. Der Schrift kommt besondere Bedeutung zur Wissenskonservierung zu, damit erklärt er die Unterschiede in mentalen Prozessen zwischen den sogenannten Naturvölkern und den Mitgliedern unserer Kulturgruppe.

Als Gegensatz zu Boas' Ansatz streift Merten dann den von Sapir, der meint, dass Sprache auf Kultur einwirkt, und schließlich tangiert er auch die radikale Ansicht, dass Menschen aus unterschiedlichen Sprachkreisen gar nicht gleich denken können.

2.2.5. Lévi-Strauss - seine Theorie

Merten bleibt dann doch bei Boas und seinem geistigen Nachfolger Claude Lévi-Strauss als "Begründer der strukturalen Anthropologie" (S. 6). In seinen Untersuchungen wendet Lévi-Strauss die Systematik der Sprache auf kulturelle Erscheinungen an.

Merten lässt den Anthropologen in einem Zitat begründen: Was zählt, seien die Beziehungen der einzelnen Elemente zueinander.

Kurz wird der grundsätzliche Ansatz des französischen Anthropologen umrissen (S. 6, 5. Absatz bis S. 7, vorletzter Absatz), ausgehend von der immerwährenden Konstanz menschlichen Denkens seien deswegen alle Kulturen im Grunde gleich, die Beziehungen sind also austauschbar und bei ihrer Betrachtung komme man dem menschlichen Geist - genauer seiner Struktur - auf die Schliche. Merten hat uns also in knappen sieben Zeilen die Grundannahme Lévi-Strauss' vermittelt und erklärt, warum ihn der Denker als universalistisch angesehen hat.

Der Autor begründet auch den Kontakt Lévi-Strauss' mit linguistischen Grundsätzen, er wurde von der Prager Schule beeinflusst.

Diese wird dann kurz im Hinblick auf die Forschung Lévi-Strauss' umrissen. Bei der Beschreibung der Strauss'schen Arbeitsweise (Modellgewinn durch Abstraktion der Realität zur Bewertung der Realität) nennt uns der Autor auch gleich den "Zirkelschluss" dieser Annahme (S. 6, letzter Absatz).

Auf den folgenden beiden Seiten befasst sich Merten nur mit der Theorie des Anthropologen, erklärt sein formelhaftes Vorgehen und weist wiederholt auf die ähnlich Arbeitsweise der Sprachwissenschaften hin - Phonologie in Beziehung mit dem Strauss'schen Avunkulat. Auch gibt es eine Verbildlichung der anthropologischen Ordnung mittels Schaubild, zu dessen Beschreibung und hinführender Erklärung Merten eine ganze Seite aufwendet - ohne diese Hinführung wäre es aufgrund der vielen Kürzel (a1, b2, c3 etc.) unverständlich. Im Hinblick auf Verwandtschaftsstrukturen nennt Merten die Komponentialanalyse nur sinnvoll für klar abgegrenzte Verhältnisse - also nicht brauchbar für komplexe Gebilde wie Sitten und Einstellungen. Daneben gibt die schon bemängelte Formalität, angewandt auf Konnotationsgebundenes und womöglich unklar Übersetztes, Anlass zu Kritik.

2.2.6. Lévi-Strauss - Schwachstellen

Im folgenden Teil kritisiert Merten weiter die formal-strukturelle Analyse (S. 7, letzter Absatz bis S. 10, vorletzter Absatz). Zum wiederholten Male weist er auf den fehlenden Zusammenhang von Gesagtem und Denkstrukturen hin, eine Analogie ist "mehr als problematisch" (S. 8). Bezüglich komplexer Zusammenhänge wie dem kulturellen Verständnis von Verwandtschaft und dem Spracherwerb sieht der Autor keinen Sinn in formal-struktureller Vorgehensweise. Zu Untermalen versucht er das auch gleich mit einem Zitat vom ehemaligen - wohl eines Besseren belehrten - Formalisten Tyler, der in seinem Ausspruch die strukturale Vorgehensweise nur geeignet für bestimmte sprachwissenschaftliche Zwecke hält - aber gewiss nicht für komplexere Themen: Stichpunkt Zirkelschluss. Er zieht den hermeneutischen Ansatz vor. Und auch andere Elemente der Sprache, meint Tyler, müssen in die Betrachtung einfließen: Pragmatik und Semantik, für die der formale Strukturalismus sicher keinen Platz findet, intellektuell unterbemittelt ist dieser, so der Ex-Strukturalist.

Ein "Fazit" aus der Lévi-Strauss-Diskussion zeichnet sich ab, in dem die Kritik auf den Punkt gebracht wird. Erst kommt Merten zu dem Schluss, dass die strukturale Betrachtung nur in einem begrenzten Rahmen Früchte trägt, dann wendet er sich noch einmal der Mythologie aus der Sicht von Claude Lévi-Strauss zu (S. 9, vorletzter Absatz). Auch hier sucht der Ethnologe nach den versteckten universalen Strukturen der menschlichen "Logik". Merten führt fort, indem er zwar auf die Kritiker Lévi- Strauss' verweist, zugleich aber den Verdienst des ständig Widerlegten nennt: er hat "formale - besonders strukturalistische - Methoden in die Kulturanthropologie eingeführt" (S. 10, 2. Absatz).

Ein Schüler der Anthropologen, Sperber, nennt als weitere Unterschiede zwischen Sprach- und Kultursystemen vor allem den Codecharakter der Sprache und die Netzwerkeigenschaften der Kulturen. Am durchexerzierten Ethnologen wird kaum ein gutes Haar gelassen.

Merten bringt im folgenden Absatz noch den Begriff des Symbolischen als Eigenheit von Kulturen ins Spiel, dadurch sind sie von Sprache abzugrenzen. Und schon wieder resultiert daraus, dass die strukturalistische Kulturanalyse zu "mechanistisch" für das komplexe Phänomen Kultur ist.

Endlich kehrt der Autor ab von Claude Lévi-Strauss: Kurz reißt er den Einfluss des Semiotikers Morris auf die amerikanische Kulturanthropologie an. Anders als der Formalismus stellt der semiotisch geprägte Ansatz die unterbewussten Elemente in den Vordergrund. Aber der Autor verfolgt diesen Ansatz nicht weiter, sondern belässt es bei dieser Aussage.

2.2.7. Schluss: Fremdsprachenlernen, Mentalität

Mit "Festzuhalten bleibt" leitet Merten den Schlussteil seines Werkes ein (ab S. 10, letzter Absatz). In lockerer, thesengleicher Folge fasst er einige der behandelten Gesichtspunkte zum Thema Sprache und Kultur zusammen. Anders als im vorhergehenden Verlauf legt er hier weniger Wert auf ein striktes Argumentationsmuster - die Thesen bauen zwar logisch aufeinander auf, doch wird auf weitergehende Erklärungen verzichtet (S. 9/10, letzter/erster Absatz).

Auf Seite 11 wird uns klar, dass der Autor nach einem anderen Schema vorgeht: Stephan Merten gibt nicht mehr nur andere wieder, sondern bringt eigene Stellungnahmen - vor allem das Sprachenlernen leitet er als essentiell von der kulturellen Eigenheit einer Sprache ab. Das Köller-Zitat unterstützt seine eigene These und dient nicht, wie die Belegstellen vorher, als Quellenangabe für von Merten zusammengefasste Aussagen.

Die Bedeutung der inhaltsbetonten Sprachwissenschaft gegenüber der leichter zugänglichen Grammatik legt er dar: 'zwischen den Zeilen' stehen kulturell relevante Inhalte. Anders als die strukturalistische Sprachwissenschaft befasst sich die inhaltsbezogene mehr mit ihnen. Doch kann laut Merten die klare Wortfeldgliederung in der Sprache nicht mit jener der Kultur gleichgesetzt werden; sie ist viel diffuser, partiell reflektiert in der Mentalität.

Zum Ende geht der Autor noch auf die Komplexität des Begriffes 'Mentalität' ein, der viele Bereiche umfasst und zum Teil außersprachlich übermittelt wird, wie "Werte und Konventionen" (S. 11, letzter Absatz), erst durch 'Selbstreflexion' und im Vergleich zu anderen Kulturen können diese Eigenheiten erkannt werden. Merten schließt ab, indem er noch einmal betont, dass Kultur nur zu einem Teil durch Sprache getragen wird.

2.3. Bemerkungen zur inhaltlichen Gliederung

Auffällig am ganzen Text ist wahrscheinlich, dass sich Merten so lange und ausgiebig mit Lévi-Strauss beschäftigt, mit den anderen 'Vordenkern' weniger - warum widmet er nicht beispielsweise dem bloß knapp erwähnten Morris den gleichen Aufwand in Darstellung und Erklärung? Ein Grund dafür könnte sein, dass Lévi-Strauss eindeutig ein 'Kulturwissenschaftler' war, da er sich mit der Beschreibung von verschiedenen Ethnien beschäftigt hat. Dafür hat er die Methodik einer bestimmten Richtung der Sprachwissenschaft angewandt und somit die Bedeutung der Linguistik für die Kulturwissenschaften manifestiert. Seine Theorie hatte - und hat in mancher Hinsicht noch immer - Bedeutung, da sie interdisziplinär ansetzte, wenngleich mit etlichen Schwächen, wie Merten erläutert. Doch war er einer der ersten, der Kulturwissenschaft mit dem Hintergrund der Sprachwissenschaft betrieben hat - für den Autor als sprachwissenschaftlich vorbelastet ein berücksichtigenswerter Aspekt.

Zum ganzen Text lässt sich sagen, dass der Autor um Kohärenz bemüht ist, was seine Argumentation betrifft. Das heißt, er belegt im Ablauf auftretende Meinungen und Tendenzen immer mit Zitaten, um seinem Text 'Hand und Fuß' zu geben, ihn wissenschaftlich zu machen.

2.4. Zum Wortschatz

2.4.1. Fachwortgebrauch

"Fachwörter sind präziser und kontextautonomer als allgemeinsprachliche Lexik", deswegen verfügen einzelne Wissenschaften und Handwerkszweige über spezielle Ausdrücke, um sich untereinander besser verständigen zu können - oder sich von anderen abzugrenzen (Fluck (1996): Fachsprachen, S. 47f). Dabei gilt in der Regel: je höher der Wissenschaftlichkeitsgrad, desto ausschließlicher der Fachwortgebrauch (nach einem Schema von v. Hahn (1983): S. 93).

2.4.2. Fachsprachliches Inventar für die Kulturwissenschaften

Wir haben bei diesem Text schon vermutet, dass es sich um eine Einführung in die Kulturwissenschaften handelt. Der Abstraktheitsgrad ist - wie die logische Gliederung gezeigt hat - mäßig hoch: Zwar kann ein Laie beim Durchlesen (falls ihm währenddessen nicht die Geduld endet) einige Aspekte nachvollziehen, doch bleibt ihm ein Großteil der Argumentationsstrukturen verborgen. Nicht aber aufgrund des Wortschatzes, denn so fachgebunden wie das Thema ist er nicht. Spricht Merten auf Seite 4 von Kulturen als 'selbstreferentielle Systeme', so fällt auf, dass zur Erläuterung keine linguistischen, semiotischen oder sonstige Begriffe unkommentiert im Raum stehen gelassen werden. Zwar verwendet er Schlüsselbegriffe wie "Tiefenstruktur", "Oberflächenstruktur" oder "Autopoiesis", die grundlegend für Luhmanns Theorie sind. Diese Ausdrücke werden aber im Textverlauf erklärt oder so eingesetzt, dass sich ihre Bedeutung aus dem Kontext ergibt2.

Merten hält sich also im Bereich des allgemein mehr oder minder verständlichen. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er einige Begriffe der Allgemeinsprache in einem wissenschaftlichen Kontext verwendet: Die Begriffe "Sprache" und "Kultur" verlangen vom Leser Wissen ob der Komplexität dieser Konzepte. Das zeigt sich besonders gut in seinen Definitionsansätzen von "Kultur". Das Wort ist der Allgemeinsprache entliehen - was oft auch gerade in der Handwerksfachsprache zu beobachten ist - und wird mit neuem Inhalt aufgestockt. Der Autor selbst weist auf die Entlehnung des "Kultur" -Begriffs aus der Alltagssprache hin (S. 2). Völlig neue Bedeutung erhält er sicher nicht, er wird weitläufiger. Verfügt der Leser nicht über ein breit angelegtes Verständnis der Schlüsselbegriffe, so kann er mit dem Text nicht viel anfangen.

Doch - wie oben erwähnt - ist der Text für ein Publikum vom Fach gedacht - wenngleich auch nicht von der 'oberen Elite'. Es treten Fachwörter auf, die zum linguistischen Basiswissen gehören und die jemand, der sich mit den Wissenschaften von Sprache und Kultur beschäftigt, entweder schon vernommen hat oder sich sowieso aneignen sollte.

2.4.3. Problematik der kulturwissenschaftlichen Fachlexik

Es kann auch die Frage aufkommen, ob es die Kulturwissenschaften je zu einer einzigen und elaborierten Sprache bringen werden, denn in der Disziplin vereinigen sich viele Fachrichtungen; jede davon bringt eigene Fachausdrücke mit, die sie dann auch im kulturwissenschaftlichen Kontext anwendet. Sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, ist sicher schwierig, denn das Terminologieregister von Soziologen und Sprachwissenschaftlern ist unterschiedlich, beide manifestieren aber, ein Ansatzpunkt zur Erforschung der menschlichen Kultur zu sein. Um ein einheitliches Fachwortinventar zu schaffen, braucht es sicher noch gemeinsame interdisziplinäre Forschung und letztendlich auch viel Zeit.

2.5. Syntax

Ähnlich wie beim Wortschatz lässt sich auch der Satzbau in der Fach- oder Wissenschaftssprache auf einige 'gemeinsame Nenner' zurückführen. Zwar hat jede Wissenschaft ihre eigene Sprache mit bestimmten Eigenheiten, doch sind "die Vorliebe für Nominalisierungen, […] Verwendung bedeutungsarmer Verben, […] Bevorzugung infinitivischer und passiver Konstruktionen" (Fluck (1996), S. 204) allgemein üblich für diese Kommunikationsform - sie wird dadurch ökonomischer und knapper. In unserem Beispieltext finden wir an vielen Stellen Nominalisierungen, wo der Inhalt auch durch eine Verbalkonstruktion wiedergegeben hätte werden können, ein Beispiel:

"Eine weitreichende Akzentuierung in bezug auf den Kulturbegriff setzt einer der bedeutendsten Kulturanthropologen der Gegenwart […]." (Merten, S. 4)

Hier ist die starke Bedeutung der Nominalkonstruktion sichtbar - daneben die mindere Verbbedeutung: 'sein' ist ein bedeutungsarmes Hilfsverb. Den kernaussagetragenden Ausdruck "Akzentuierung" hätte Merten auch in Verbform als "akzentuieren" wiedergeben können.

Da der Autor nicht von einer persönlichen Sichtweise aus spricht - er verwendet kaum "man", geschweige denn "ich" oder ähnliche Personalpronomina, ist er auf passivische Konstruktionen angewiesen, um seinen Gedankengang zu kennzeichnen. Ausdrücke wie: "Nach neuen Wegen ist zu suchen" auf S. 2, oder "Einige [Wege] sollen im folgenden nachgezeichnet werden", S. 5, zeigen die Intentionen des Autors, ohne dass er jedoch mit seiner Person im Text aufwartet. Von der grammatikalischen Sicht deutet also viel darauf hin, dass es sich um einen fachspezifischen Text handelt, denn er hat in der Syntax entsprechende Merkmale.

2.6. Sprachliche Gliederungsmittel

Um den Text kohärent werden zu lassen, müssen Gedankengänge, Behauptung, Begründung und Folgerung durch sprachliche Mittel verbunden werden. Im Gegensatz zur Prosa oder zu einem populärwissenschaftlichen Text ist die Schlüssigkeit hier wichtig; wissenschaftliches Arbeiten erfordert genaue Abwägung der Argumente, schließlich soll die Nachwelt nachvollziehen und ihrerseits Konsequenzen daraus ziehen können.

Wie wir bei der Besprechung der inhaltlichen Gliederung festgestellt haben, werden in erster Linie schon bekannte Fakten wiedergegeben. Der erklärende Aspekt ist also wichtig; das schlägt sich in der sprachlichen Gliederung nieder. Merten begründet oft die Aussagen - sowohl diejenigen, die er selbst trifft, als auch die der anderen Wissenschaftler. Dazu verwendet er zahlreiche Konjunktionen, wie "deshalb", "weil", "so" etc., die klar machen, dass er Schlüsse zieht und konsekutiv eines aus dem anderen folgert. Den argumentativen Zusammenhang des Textes deutlich machen weiter Ausdrücke wie "Nach dieser Auffassung", "sind nicht..., sondern vielmehr", "sowohl […] als auch" "aus diesem Grund", "zu diesem Zweck" - Merten verwendet sie zahlreich.

Die Klarheit der inhaltlichen Gliederung steckt in der sprachlichen Gestaltung. Merten bezieht sich sehr oft auf vorher Gesagtes, durch Wiederaufnahmen expliziter - also durch Pronomina und umschriebene Wiedergaben des Vorher gesagten (vgl. Brinker (2001): S. 27 ff):

"Eine der Grundannahmen der frühen Kulturanthropologen […]

Zu dieser Theorie entwickelte sich bereits frühzeitig eine Gegenströmung". (Merten, S. 5)

2.7. Darstellungsart und Themenentfaltung

Hier wollen wir untersuchen, auf welche Weise der Autor das Thema ausbaut und entfaltet. Das Grundthema "Sprache und Kulturwissenschaften" entwickelt Merten auf deskriptive Weise - diese Art ist "für informative Texte besonders charakteristisch" (vergleiche: Brinker (2001), S. 70ff). Informativ ist der vorliegende Text zweifelsohne durch den Umstand, dass es sich um eine Zusammenfassung über längere Zeiträume und weite Themenkreise handelt.

An einigen Stellen leitet Merten einen "Sachverhalt […] aus bestimmten anderen Sachverhalten" ab (vgl. Brinker (2000): S. 70f) - er entfaltet das Thema also explikativ. Als Beispiel soll uns ein Abschnitt dienen, in dem wir die thematische Entfaltung nachzeichnen (Merten, S. 9, 6. Absatz):

Das Fazit der Diskussion über die Komponentialanalyse zeichnet sich ab: In einigen eng umgrenzten Gebieten wie Verwandtschaftsbeziehungen mag sie zu verwertbaren Ergebnissen führen. Sie versagt, wenn sie auf diffuse Kriterien des Alltags wie Emotionen oder Krankheiten bezogen wird. In diesen Bereichen sind Antworten stark davon abhängig, welche Werte die jeweilige Kultur diesem Phänomen beimißt. In Kulturkreisen, in denen Krankheiten und deren Behandlung in erster Linie von mythischen Faktoren abgeleitet werden, ist es z.B. kaum möglich, diese ausschließlich mit rationalen Kriterien zu beschreiben.

Aussage: Die formale Komponentialanalyse versagt, wenn sie auf Krankheiten

angewandt wird.

Begründung: Die Bewertung von Krankheiten ist stark kulturabhängig.

Beispiel: Einige Kulturen leiten Krankheiten und deren Behandlung mythisch ab.

Folgerung: Mythische Faktoren sind rational nicht bewertbar, also ist die

Komponentialanalyse in diesem Fall nicht anwendbar.

Auf den ganzen Text bezogen ist die Art der Themenentfaltung recht schwierig abzugrenzen, da Merten als Begründung die Aussagen anderer nimmt, oder sie so zitiert und inhaltlich einordnet, dass sie als Begründung fungieren. Ob es sich also generell um explikative oder deskriptive Entfaltung handelt, ist nicht immer festzumachen.

3. Kommunikativ-funktionale Ebene

Auf dieser Ebene der Untersuchung soll weniger auf grammatikalische und kontextuelle Faktoren geachtet werden, als vielmehr zuerst auf den groben Sinnzusammenhang. Eine Einordnung des Textbeispieles anhand der Thematik und des inhaltlichen Aufbaus gibt Hinweise auf die Destination eines Textes.

3.1. Anmerkungen zur Texteinbettung

Der Artikel erschien 1994 in "Wirkendes Wort", einer Zeitschrift für deutsche Sprache und Literatur. Da er sich dort von S. 536 bis 553 erstreckt, ist er ein Beitrag in dieser Ausgabe, keinesfalls eine Einleitung oder ein Vorwort zu einem bestimmten Text. Die Zeitschrift wird vorwiegend von Fachpublikum gelesen, das sich mit Literatur und/oder Sprache auskennt. Wichtig ist, das es sich nicht - zumindest nicht explizit - um eine kulturwissenschaftliche Schriftenreihe handelt; wir schließen daraus, dass der Text von einer Seite - nämlich der sprachwissenschaftlichen - angegangen wird.

3.2. Paradigma

Unter Paradigma verstehen wir in dem Zusammenhang

"[…] die Gesamtheit der unumstrittenen Ausgangsüberlegungen (Theoreme, Begriffe etc.) und Vorgehensweisen (Modelle, Methoden etc.) einer "Schule" innerhalb eines Faches oder einer Disziplin." (Saarbeck, Schröder)

Bei Merten geht es - grob gesagt - um den Zusammenhang von Kulturwissenschaften und Sprachwissenschaften, wie die Überschrift schon verrät. Es wird ausgegangen von der Sprachwissenschaft, um sich der Kulturwissenschaft anzunähern.

3.3. Sachverhalte

Merten stützt sich in seinen Ausführungen auf die Forschungsarbeit vorangegangener Wissenschaftler, darunter Sprachwissenschaftler, Semiotiker und Philosophen. Dies hat zur Folge, dass der Autor nicht aus belegbaren Fakten seine Schlüsse ziehen kann, die Grundlage seiner Argumente und Thesen ist selbst eine theoretische, ihm stehen keine empirischen Werte oder handfeste Beweise zur Verfügung.

Kann ein Biologe aus einer bestimmten Anzahl und Art von Wassertieren genaue Rückschlüsse auf die Gewässertrophie ziehen, tut sich der Geisteswissenschaftler da schwerer mit der Beweisführung. Ihm stehen kaum Zahlen und Erfahrungswerte zur Verfügung, sondern seine Diskussionsgrundlage bilden bekannte (und anerkannte) Thesen. Das muss aber nicht bedeuten, dass geisteswissenschaftliche Grundsätze aus der Luft gegriffen wären - auch wenn dies seitens des Biologen mit seinen Kleinkrebsen und Libellenlarven gerne vorgeworfen wird.

Wenn wir die Zitate, die Stephan Merten zur Rate zieht, als Sachverhalte verstehen wollen, so geht er mit ihnen äußerst vorsichtig um: Keine These stellt er in den Raum, ohne sie nicht begründet anzuwenden, keine lässt er dort stehen, ohne nicht die Gegenseite mit einzubeziehen und daraufhin gegebenen Falles die Annahme zu entkräften oder für seine Beobachtungen auszuschließen. Um wieder Lévi-Strauss als Beispiel heranzuziehen, er erklärt dessen Auffassungen genau, und am Ende erweist sich seine Methodik doch in den Augen Mertens (und anderer) als nicht anwendbar auf die Kultur.

Für die pragmatische Funktion hat das zur Folge, dass der Leser die Zitate der aufgeführten Wissenschaftler als echte Sachverhalte ansehen muss, um Text und Thema als wissenschaftlich anzusehen; nur so hat der Text seine Gültigkeit, nur so ist sein Argumentationsschema nachvollziehbar.

3.4. Zielbereich und Kommunikationssituation - Textsorte

Der Text kann zweifelsohne als Einführung in die Kulturwissenschaften gelten. Er setzt allerdings voraus, dass beim Leser eine Grundlage an sprachwissenschaftlicher Bildung vorhanden ist, weil sonst die aufgeführten Zitate ihren Argumentationszweck verfehlen. Verfügt der Leser aber wenigstens über einige wenige Kenntnisse, dann kann er den Text inhaltlich nachvollziehen und - der Überschrift entsprechend - Berührungspunkte von Sprachwissenschaften und Kulturwissenschaften sehen.

Da Stephan Merten in unserem Falle keine weitgreifenden neuen Erkenntnisse zieht oder eigene, revolutionäre Theorien aufstellt, können wir diese Abfassung als einen einführenden Ausblick in Richtung Kulturwissenschaften ansehen - geschrieben für Studierende und Interessierte.

Merten versucht auch, die Kulturwissenschaften aus den Sprachwissenschaften herzuleiten, es liegt uns also hier ein 'Legitimationstext' vor, wo versucht wird, den Kulturwissenschaften die Berechtigung zuzuschreiben, sich als eigenständige Wissenschaft zu behaupten. Der Autor lässt nämlich Wissenschaftler wie Humboldt und Werder zu Worte kommen (im Text S.3), die sich über den Kulturbegriff äußern, daneben den Klassiker der Sprachwissenschaft überhaupt: de Saussure gleich auf der ersten Seite. Solch eine Abfassung wie die vorliegende ist als Einführung in die Kulturwissenschaften denkbar - solange diese Wissenschaft noch jung ist und sich gegenüber den anderen Geisteswissenschaften etablieren muss. Als Gegenbeispiel würde kein Linguist seine Wissenschaft heutzutage von Grund auf rechtfertigen müssen, geschweige denn der Biologe.

Um die Textsorte festzumachen gibt es viele Ansätze; eine Auflistung verschiedener Möglichkeiten geben Linke/Nussbaumer/Porter. Da uns nach der bisherigen Analyse ein Fachtext vorliegt, ziehen wir ein kommunikativ orientiertes Verfahren vor und machen die Textsorte aufbauend auf die Kommunikationssituation fest - nach einer Einteilung mit pragmatischem Schwerpunkt (Gläser: 1993). Es handelt sich demnach um fachbezogene Information von Experte zu Experte (einer mag erst ein solcher 'in spe' sein), mit erforschendem, aber auch mit didaktischem und einführendem Grundtenor.

D) Wo Sprach- und Kulturwissenschaften einander berühren - ein Text für den fachbezogenen Fremdsprachenunterricht?

Für die Auswahl von Arbeitsmaterial für den fremdsprachlichen Unterricht gibt es verschiedene Ansätze, die hier nicht alle durchexerziert werden sollen. Nur soviel: Es besteht die Qual der Wahl unter anderem zwischen populärwissenschaftlichem oder hochwissenschaftlichem, zwischen Texten mit bekanntem oder solchen mit unbekanntem Inhalt. Je nach Vorbildung und Motivation der Lerner und der Lehrenden kann nach diesen Gesichtspunkten abgewogen werden (nach Schröder, Saarbeck: 1999).

Inwiefern ist dieser Text geeignet? Während der Textarbeit hat sich gezeigt, dass er nicht populärwissenschaftlich ist - in der Zeitschrift "Stern" würde man seinesgleichen kaum finden - und einen bestimmten Anspruch an den Leser stellt. Da er flüssig formuliert ist und über ein logisches Argumentationsschema verfügt, bietet er nicht nur ein Beispiel für die Fachsprache mittleren Grades, sondern auch für Textgestaltung im Deutschen allgemein.

Aus der Kommunikationssituation heraus ist neben guten Kenntnissen der deutschen Sprache unabkömmlich, dass der fremdsprachige Leser schon engeren Kontakt mit der Materie hatte: Wenn er beispielsweise über Claude Lévi-Strauss bescheid weiß, kann er den Text nicht nur über die fremde Sprache, sondern auch durch den Inhalt weiter verarbeiten und verwerten. Um den Lerner nicht zu überfordern, sollte er also in seiner Muttersprache schon mindestens eine 'linguistische Grundausbildung' genossen haben, damit er von diesem Text profitieren kann. Er erhält dann eine Einführung in die Kulturwissenschaften - die zudem noch in der Originalsprache ist.

E) Bibliografie

Brinker, Klaus (2001): Linguistische Textanalyse: eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. Berlin: Schmidt.

Fluck, Hans-R. (1996): Fachsprachen: Einführung und Bibliographie; 5. überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Tübingen, Basel: Franke.

Gläser, Rosemarie (1993): A Multi-level Model for a Typologie of LSP Genres. In: Fachsprache 15, S 24

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[...]


1Der beiliegende Text von Stephan Merten, der sich eigentlich über die Seiten 536-553 erstreckt, wurde von der Verfasserin für diese Arbeit mit den mit den Seitenzahlen 1-13 durchnummeriert, damit der Leser sich orientieren kann.

2 Feldversuch mit einem Architekturstudenten: Nach genauem Durchlesen des gesamten Absatzes konnte er über den Grundbau des Luhmann'schen Systems Auskunft erteilen. Der Text liest sich nach seinen Angaben aber "etwas mühsam".

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Ein kulturwissenschaftlicher Fachtext?
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V106877
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fachtext
Arbeit zitieren
Veronika Bohl (Autor), 2001, Ein kulturwissenschaftlicher Fachtext?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106877

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