Die Rolle des Freundes in Hasenclevers Drama: Der Sohn


Seminararbeit, 2002

17 Seiten


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Inhalt

1 Das Wandlungsdrama „Der Sohn“ von Walter Hasenclever S. 3 und die besondere Rolle des Freundes

2 Der Freund - Charakter, Handlungsweise, Philosophenrezep- S. 3 tion sowie Wirkung und Funktion

2.1 „Adaption des Goetheschen Fauststoffes“1

2.2 Breite Auffächerung der Argumentation der Lebenslehre Za- S. 6 rathustras2von Nietzsche

2.2.1 Cherubims Nietzsche-Argumentation wird zur Groteske3

2.2.2 „Radikale, revolutionäre Interpretation Nietzsches“4durch

den Freund

2.3 „Rückkehr zu Schopenhauer“5

2.4 „Der Freund Kurt Hiller“6

3 Ein Inszenierungsversuch auf Grund der gewonnenen Er-

kenntnisse heute am Anfang des 21.Jh

4 Literaturverzeichnis

1 Das Wandlungsdrama „Der Sohn“ von Walter Hasenclever und die besondere Rolle des Freundes

Das Wandlungsdrama „Der Sohn“ schreibt Walter Hasenclever 1913/14. Der Autor richtet sich „nach dem Vorbild der Protagonistendramen Schillers, Wedekinds und Hofmannsthals“7. Es wird ein Charakter, der Sohn, in den Mittelpunkt gestellt. Seine Wandlung wird ausgearbeitet. Deshalb nennt man diese Dramen auch „Ich“-Dramen.

Alle anderen Figuren des Dramas stehen diesem Protagonisten nur zeitweise zur Seite, führen und leiten ihn. Mit ihrer Hilfe kann sich der Sohn weiterent- wickeln. Er wandelt sich vom Jüngling, der die Wirklichkeit flieht, zu einem selbstbewussten, freien Mann, der sie bejaht8. In diesem Prozess spielt der Freund die wichtigste und entscheidende Rolle. Ihm ist neben dem Sohn der meiste Platz eingeräumt, um sich zu entfalten und um auf den Sohn zu wir- ken. Dies tut er auf eine sehr vielschichtige, undurchsichtige, zwielichtige Art und Weise, die auch Untersuchungsgegenstand sein soll. Auch die Wirkung und die Funktion dieser größten Helfersfigur am Wegrand des Sohnes soll betrachtet werden.

Der Freund als Teil des Sohnes ist, das zweite Ich, der negative Pol in der Persönlichkeit des Protagonisten, der ihn zur Wandlung zwingt, selbst aber in sich fest bleibt steht hier im Mittelpunkt.

Zum Schluss möchte ich eine Möglichkeit finden, auf Grund meiner Betrachtungen, wie man den Freund jetzt am Anfang des 21. Jh. inszenieren könnte. Unter der Maßgabe, dass er das zweite Ich des Sohnes darstellt.

2 Der Freund - Charakter, Handlungsweise, Philosophenrezep-

tion sowie Wirkung und Funktion Hasenclever verarbeitet mehrere Ansätze von Autoren und Philosophen in dem Freund, so dass dieser eine sehr vielschichtige Person wird. Aber im großen und ganzen ist er in seinem Charakter gefestigt, hat alles, was ihn reizte, genossen9und erfährt in sich keine Veränderung im Gegensatz zu dem Sohn. Doch ist der Freund der Initiator dieser Wandlung. In dieser Funktion ist er eng verbunden mit der Entwicklung des Sohnes, die man mit betrachten muss und auch mit in die Interpretation einfließt.

2.1 „Adaption des Goetheschen Fauststoffes“

Es liegt dem Stück die Idee der Freiheit zu Grunde. Subjektiv bedeutet das die Befreiung aus einer einengenden, beklemmenden Situation. Für diesen Prozess des gegen den Vater rebellierenden Sohnes steht dem Protagonisten „ein mephistophelischer „Freund“ zur Seite“10. Er nutzt die Euphorie des sich entwickelnden Sohnes aus und überredet ihn zum Vatermord. Eine Assoziation zu „Faust“ findet sich in der Suche nach dem geistigen Ich. Beide - Faust und der Sohn - sind Suchende und Wachsende. Auf diese Verwandtschaft weist Hasenclever in seinem Stück direkt hin. Nachdem der Sohn einem Selbstmordversuch widersteht und - durch die Vision des Todes eines Mädchens - die Kraft findet, sein Leben weiter zu führen, weiter zu entdecken, beschließt er seine Ketten abzuwerfen und in die Stadt zu gehen:

Der Sohn: Ich muß noch leben! Ich muß das erfahren.11

Da taucht der Freund auf und offeriert ihm, dass er sein Leben einem Plagiat an Faust verdankt12. Durch diese Bemerkung stellt er einen direkten Kontakt zwischen dem Monolog von Faust und dem des Sohnes her, die sich sehr ähneln und in ihrer Grundaussage gleich sind. Beide sehen keinen Sinn mehr im Leben, weil sie keinen Weg der Weiterentwicklung mehr sehen, doch erwachen ihre Lebensgeister wieder.

Goethes Figur jedoch ist ein allgemeiner Sinn- und Gottsuchender. Hasencle- ver „thematisiert [...] diese Frage in der Zuspitzung der Perspektive auf das „Ich““13. Diese Situation des Drängen und Suchen nutzen sowohl Mephisto als auch der Freund, um sich den Protagonisten als Helfer anzubieten, um sie zu ihren Zwecken auszunutzen.

Hasenclever verwendet christliche Zitate im Dialog zwischen Sohn und Freund, der als Teufel und Verführer auftritt:

Der Sohn: Die Wolke am Himmel raucht. Ich könnte beten: Wende das Übel von mir... Der Freund: Du brauchst keinen Christus am Kreuz. Töte, was dich getötet hat!14 So verführt der Freund den Sohn in den ersten beiden Akten zu seiner ersten sexuellen Erfahrung mit der Gouvernante. Damit verbunden verheißt er dem Sohn eine philosophische Erkenntnis:

Der Freund: Sie wird deine Augen sehend machen. [...] Du wirst etwas erkennen von dem Schauspiel der Welt.15

Erst ab dem 3. Akt verfolgt der Freund ein politisches, aktivistisches Ziel, zu dessen Erfüllung er den Sohn benutzt, dass in den ersten beiden Akten noch keine Rolle spielt. Er bringt ihn im 4. Akt von Adrienne, deiner Hure, die den Sohn jetzt vollkommen zum Manne machte, ab und kann den Protagonisten überzeugen, seinen Vater zu töten, um sich von allen Zwängen zu befreien:

Der Freund: Töte, was dich getötet hat.16

Das ist die Grundlage einer Revolution der Söhne gegen die Väter. Das heiligt den Vatermord sogar:

Der Freund: Gott ist bei dir.17

Hasenclever parodiert Bibelstellen, um die Befreiung auch von dieser einengenden Macht zu demonstrieren und eine größere Freiheit herzustellen. In der Figur des Freundes kann man den Teufel erkennen, der die Menschen anstachelt, vorwärts zu streben und nicht stehen zu bleiben:

Der Freund: Wer einen Gedanken in die Welt schleudert und bringt den nicht zu Ende, soll des höllischen Feuers sterben!18

Er leitet den Sohn auch durch seine Gedanken, so sehr ist dieser ihm verfallen. Die Rede im „Klub zur Erhaltung der Freude“ wird dem Protagonisten von dem Freund eingegeben19.

Die Grundidee zur Befreiung kommt von dem Sohn im 1. Akt der 2. Szene, doch wäre er allein unfähig, sie durchzusetzen. Nur der Freund kann ihm den Anstoß geben und ihm zur Flucht verhelfen. In dieser Hinsicht ist der Freund auch ein zweites Ich des Sohnes, das ihn wirklich zur Tat aufrüttelt. Das fällt dem Sohn selber auch auf, er weiß nicht mehr genau, was von ihm erdacht und was vom Freunde ihm aufgezwungen wurde:

Der Sohn: Ich musste mich fragen, wer ich bin. Der Verdacht liegt nahe, dass deine Hilfe nicht ganz so parteilos war.20 Beide sind eigentlich eine Figur - wie auch Faust und Mephistopheles - was man auch bei der Inszenierung beachten muss.

2.2 Breite Auffächerung der Argumentation der Lebenslehre Za- rathustras - Nietzsches

Im Sohn diskutiert Hasenclever mehrere Interpretationsansätze Nietzsches in den Argumentationen von Cherubim, vorerst Gleichgesinnter zu dem Freund, und dem Freund selber. Es kommt zu einer fast konträren Auseinanderset- zung mit dem selben geistigen Ansatz.

2.2.1 Cherubims Nietzsche-Argumentation wird zur Groteske

Wie schon erwähnt, kommt es im 3. Akt zu einem Bruch. Die Handlung tritt aus ihrem privaten Grundton in eine politische Aktion, eine politische Vereini- gung ein - in den „Klub zur Erhaltung der Freude“. Dieser Klub wurde vor geraumer Zeit von Cherubim und dem Freund gegründet. Doch scheinen sich beide auseinander gelebt zu haben, mittlerweile unterschiedlicher Ansicht zu sein. Dies bemerkt Cherubim im Kreise seiner Mitstreiter von Tuchmeyer und dem Fürsten:

Cherubim: Von Tuchmeyer: unter uns - hast du nie etwas an ihm [dem Freund] bemerkt?

Von Tuchmeyer: Wie meinst du das?

Cherubim: Ich fürchte um seinen unstäten Sinn. [...] Ich habe manchmal vor ihm, wie vor einem Rivalen, gezittert.21 Als Protagonist der vitalistischen Lebensführung, wie sie sich von Nietzsches zeitkritischen Perspektiven des verherrlichten Lebenskultes ableiten lässt, entwirft Hasenclever den jungen Cherubim im Kontrast zu dem Freund. Er will Zarathustras Beispiel folgen und eine neue Religion aufbauen, die das Ich heraushebt und das Herz und das Glück propagiert. Diese Religion ist eine Kampfansage gegen die Welt:

Cherubim: [...] Wir leben für uns. [...] Wir wollen [...] den Gott der Schwachen

und Verlassenen von seinem Throne stürzen. An seiner Stelle heben wir die Posaune der Freundschaft: unser Herz. [...] laßt uns den Mut haben zur Brutalisierung des Ichs in der Welt!22

Cherubim bezieht die Position Nietzsches und interpretiert ihn so, dass der starke Mensch einen Anspruch auf Glück hat, den er mir der christlichen Verheißung des Paradieses verbindet23:

Cherubim: Deshalb muß ich die Freude predigen, skrupellos. Genießt den Duft der Rose ohne Dorn! Stellt Tische hin, an denen gespielt und nicht verloren wird! Zieht Frauen auf, die uns alle lieben! Es lebe unser herrlich weltliches Gefühl!24

Durch die Verbindung von Nietzsche und der christlichen Religion erhält der Standpunkt Cherubims einen ironischen, ja grotesken Ton. Nietzsche erkannte nämlich, dass Gott nicht mehr existierte, die Kultur sich ohne religiöse Bezüge weiterentwickelt:

Als Zarathustra aber allein war, sprach er [...]: » [...] Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, daß Gott tot ist!«25

Er verliert außerdem seine Glaubwürdigkeit, indem er die machtpolitischen Rahmenbedingungen, an die ihn der Fürst erinnert, akzeptiert:

Cherubim: Wenn schon mit dem Gedanken vertraut unsrer minderen Wichtigkeit

auf der Erde, wollen wir uns wenigstens zu höchster Stufe bringen.26

2.2.2 „Radikale, revolutionäre Interpretation Nietzsches“ durch den Freund

Im Gegensatz zu Cherubim vertritt der Freund eine radikalere und revolutio- näre Auslegung Nietzsches. Er bevorzugt eine rationale statt eine sensuelle Interpretation. Er löst sich von lauten Festen und der Suche nach dem Glück als Grundlage des Lebens und der Revolution. Er sucht nach der Wahrheit und erklärt Cherubim den Kampf. Der Sohn wird als Prophet seiner Philoso- phie benutzt. Der Freund entlarvt die Propagierung der Lebenssteigerung als

Täuschung:

Der Freund: Du willst weiter diesen Betörten Taumel und Trunkenheit predigen? Empört sich nicht etwas in dir gegen die Lüge?27

„Mit Nietzsche wendet er sich gegen den Götzendienst des vierten Gebots.“28 Er vertritt das Recht des Stärkeren. Er schreckt auch nicht vor terroristischer Konsequenz zurück und erhofft damit einen Umsturz ähnlich der französi- schen Revolution:

[...] daß der Kampf gegen den Vater das gleiche ist, was vor hundert Jahren die Rache an den Fürsten war.29

Er sucht die Wahrheit und findet eine Möglichkeit nur im Aktivismus, wie ihn auch Kurt Hiller als Philosophie ansah. Die Tat ist das Einzige, der er das Recht zur Existenz zuerkennt. Doch von dieser Grundlage Hasenclevers zur Darstellung des Freundes später mehr.

2.3 „Rückkehr zu Schopenhauer“

Die radikale Auslegung Nietzsches ist nur ein Teil der Ansichten des Freun- des. Die Lebensbejahung, die laut Nietzsche durch Desillusionierung durch die Wirklichkeit zum Freitod führt, ist ein Ansatz Hasenclevers in der Anlage des Freundes. Noch eher als das vertritt er aber die Ansicht Schopenhauers, der auf jeglichen Optimismus für das Leben verzichtet, so dass man ohne Illusion weiter leben kann.

Die ewige Wiederkehr des Gleichen, die Nietzsche optimistisch als Chance der Steigerung und Vollendung des Lebens versteht, sieht Schopenhauer als Leidensweg des Menschen. Seine Meinung ist, dass der Optimismus »eine wahrhaft ruchlose Denkungsart« sei, »ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit«30. Diese Lehre zielt auf Desillusion des Menschen hin, der sein Leben nicht mehr als etwas besonderes ansieht.

Diese Ansicht hat Schopenhauer in einem indischen Vers zusammengefasst, den Hasenclever als erstes Herantasten an den Philosophen entdeckte und nie wieder vergaß:

Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen, Sei nicht in Leid darüber. Es ist nichts. Und hast du einer Welt Besitz gewonnen, Sei nicht erfreut darüber. Es ist nichts. Vorüber gehen die Leiden und die Wonnen. Geh an der Welt vorüber. Es ist nichts.31

Diese Ansicht liegt der Figur des Freundes zu Grunde.

Der radikalen Argumentation nach Nietzsche, die der Freund ins Feld gegen den durch Illusion geblendeten Cherubim führt, bleibt nicht unwidersprochen. Er selber widerlegt seine Beweisführung. Seine eigene Lebenserfahrung spricht gegen die Lebenssteigerung:

Alles was mich reizte, das habe ich genossen. Das Zuwenig hat mich getötet, nicht das Zuviel.32

Ihm ist eine Weiterentwicklung verwehrt. Er kann nichts mehr erleben, sich nicht mehr steigern. Das erklärt auch, warum er zu einer Wandlung - wie der Sohn - nicht mehr fähig ist. Deshalb nimmt er sich am Ende auch das Leben. Seine Grundgedanken sind vollkommen in den Sohn übergegangen, die Revolution ist in Gang gesetzt. Der Freund hat keinen Existenzgrund mehr und nimmt Gift. Als zweites Ich des Sohnes ist er nicht mehr nützlich. Die beiden Ichs sind in dem gewachsenen Sohn vereint.

Er setzt die optimistische Lebensbejahung Nietzsches außer Kraft. Er erkennt Schopenhauers Argumente dagegen an und wählt den Gifttod:

Ich werde verduften und mich Lügen strafen. Die Bejahung des Lebens ist nur einem Spitzbuben erlaubt, der im voraus weiß, wie er endet.33

Doch kann er auch sich selber nicht das Leben nehmen. Er hat Angst und doch ist etwas Lebenslust in ihm, die ihm im Wege steht. So wählt er den Weg, sich das Gift von der schönen Hure Adrienne zu geben. An dieser Stelle wird auch Schopenhauer nicht wirklich angenommen. Jeder Mensch hat noch eine Hoffnung auf Glück, auch wenn alles aussichtslos scheint. Doch fehlt hier wirklich der Grund fürs Weiterleben, seine Arbeit ist erledigt.

2.4 „Der Freund Kurt Hiller“

In den zwei ersten Akten des Dramas bleibt Hasenclever in der Ausarbeitung des Konflikts zwischen aufbegehrender Jugend und dem erstarrten Alten im kleinen Kreis der Familie. Hier zitiert der Autor auch noch sehr stark aus autobiografischen Erlebnissen.

Der auftauchende Freund hat noch keine politischen Ambitionen, will dem Sohn nur aus seiner familiären Enge, die der Vater schafft, heraus helfen. Er gibt den Anstoß zur sexuellen Entdeckung der Gouvernante und hilft ihm bei einer nächtlichen Flucht. Diese ersten beiden Akte schrieb Hasenclever vor dem Besuch seines Freundes Kurt Hiller. Dieser Besuch bewirkt einen signifikanten Bruch im Drama ab dem 3. Akt, denn jetzt fließen auch politische I- deen in das Werk ein. Der Einfluss stammt von Hillers aktivistischer Programmatik, die von Nietzsche abgeleitet ist.

Kurt Hiller war Begründer und treibende Kraft des politisch-literarischen Aktivismus. Er gibt mit Pfemfert die Zeitschrift Die Aktion heraus, die erste bedeutende Anthologie des Expressionismus. Er erhofft sich ein Ideal:

Die tätige Gemeinschaft geistig gerichteter Menschen, denen Geist kein Spiel der Erkenntnis oder des schönen Formens, sondern sittliche Aktivität bedeutet: eine Kraft [...] auf Umgestaltung des Gegebenen, auf Änderung der Welt [aus].34

Er ist 1909 Mitgründer des „Neuen Clubs“, der für eine Steigerung der Lebensintensität eintritt. Diesen Klub stellt Hasenclever in der karikierten Form des „Klubs zur Erhaltung der Freude“ dar.

Hasenclever ist sehr begeistert von den Ideen seines Freundes Hiller und schreibt ihm aus Heyst sur Mer, wo er an seinem Drama arbeitet:

Sie werden es [das Drama] sicher lieben! Sie kommen (geistig) ganz drin vor!35

Hasenclever setzt sich kritisch mit dem traditionellen, narzißtischen Vitalismus auseinander, dem er Hillers Idee vom Aktivismus entgegensetzt.

Der Freund als Vertreter Hillers Idee, setzt den Sohn als Verkünder seiner Philosophie der Tat ein. Diese soll die junge, aufstrebende Generation von der Willkür und Starre der herrschenden Gesellschaft der Väter befreien. Doch ist er selber nicht fähig, sein Programm aus eigener Kraft zu realisieren. Er braucht die „Glut des Hasses“36im Sohn zur Durchführung.

Der Freund: Ich bin kein Redner. Die Flamme ist mir versagt; ich würde am Ende selber gegen mich sprechen.37

So entscheidet sich der Sohn im dritten Akt unter der Suggestion des Freundes zur Tat und vertritt diese in der Öffentlichkeit. Hinter dem Vorhang gibt der Freund ihm hypnotisch die Rede vor. Der Sohn wird an die Stelle des Vorreiters zur Revolution gegen die Väter gestellt.

Der Freund tritt vorbehaltlos für die Tat ein, denn nur ihr allein erkennt er rückhaltlos das Recht zur Existenz zu38.

Im vierten Akt lenkt der Freund den Sohn von der Hure Adrienne ab, um ihn wieder auf den für ihn richtigen Weg zu bringen - den Weg zur Revolution der Jugend gegen die Väter. Dieser Weg führt zum Vatermord, um den Gedanken der letzten Nacht, aus dem Wort, eine Tat folgen zu lassen.

Der Freund: Wir brauchen eine Verfassung, einen Schutz gegen Prügel, die uns zur Ehrfurcht unter unsere Peiniger zwingt. Dies Programm stelle ich auf, denn ich kann es beweisen. Führe du das Heer.39

Die Bereitschaft zur Tat ist der Endpunkt der Wandlung des Sohnes zu der ihn der Freund getrieben hat.

Doch am Schluss, als er den Sohn auf den Weg des Vatermordes gebracht hat, der der Anfang einer ganzen Revolte der Jungen darstellen soll, beurteilt er selbstkritisch die von ihm initiierte Revolution als illusionär und kann aus seinem eigenen Konzept keine Lebenskraft mehr schöpfen:

Der Freund: Er wird es tun. Triumph! - Hier ist meine Kraft zu Ende. [...] Und selbst wenn er die Tat begeht, was ist geschehen? Er lebt und wird mich doppelt hassen - wenn der Mantel fällt.

Was hab ich ihm denn zugeredet?40

Deshalb wählt er selbst den Gifttod. Seine Kraft ist zu Ende, sein Programm weiter gegeben. Es wird erfüllt. Er selber kann nichts mehr dazu tun, auch wenn er unsicher ist, ob es der richtige Weg ist. Es liegt nicht mehr in seiner Hand.

Durch diese kritische Selbstreflexion hinterfragt Hasenclever selber noch einmal die Wirksamkeit des Aktivismus und erkennt dessen Aussichtslosigkeit. Er will etwas gegen die Zwänge der bürgerlichen Welt tun, doch weiß er genau, der Aktivismus kann keine Lösung bieten. Hier stimmt er Schopenhauers Lebenspessimismus zu.

Der Sohn ist durch den Freund in die aktivistische Argumentation hineinge- wachsen. Hasenclever definiert die Tat nur als aller letztes Machtmittel ge- genüber dem verachteten Typ des Bildungsphilisters, der den schöpferischen Geist mißachtet41:

Der Sohn: Tyrannen, ihr Väter, ihr Verächter alles Großen [...] Dein Intellekt reicht nicht aus zum Gedanken, so beuge dich vor der Tat!42

Doch nicht die Tat tötet den Vater, sondern allein die Bereitschaft zur Tat bewirkt den Herzschlag. Damit wird der aktivistische Gehalt des Dramas noch einmal relativiert.

Das Drama endet mit einer Askese des Protagonisten. Er entscheidet sich im Schlussmonolog gegen eine aktivistische Lebensführung:

Der Sohn: Ich weiß, daß Taten nur durch Opfer werden: mein Herz war übervoll - jetzt ist es leer. [...]

Ins schmerzlich Ungeliebte, in die Schwere des tief Erkannten treibt mein Körper hin.43

Daran erkennt man, dass Hasenclever den politischen Problemstellungen in seinem Werk eine untergeordnete Bedeutung zumißt44. Er sieht den Aktivis- mus kritisch und nicht als ausreichendes Instrument zur Gesellschaftsände- rung. Dies sieht selbst der Vertreter - der Freund - selbstkritisch ein. Man kann erst einmal verändern, doch wie sieht die neue Gesellschaft aus? Doch eine bessere Lösung gibt Hasenclever auch nicht, weil er selber keine sieht. Für ihn steht das Fühlen des Sohnes im Vordergrund, nicht dessen Handeln. Der Freund im aktivistischen Sinn Hillers gibt nur eine Richtung, zwingt den Sohn förmlich in diese Richtung doch mit der Konsequenz, dass der Freund am Ende selber nicht sicher ist über die Richtigkeit seines Tuns.

3 Ein Inszenierungsversuch auf Grund der gewonnenen

Erkenntnisse heute am Anfang des 21.Jh.

Wenn man den Freund als zweites Ich des Sohnes sieht, muss er von Anfang an mit auf der Bühne sein, beobachtet das Geschehen und macht sich erst bemerkbar, als der Sohn den Gedanken der Flucht ergreift:

Der Sohn: Unendliches Gefühl! [...]

Konzert und Stadt - ich werde euch erreichen! [...]

Ich werde leben! O Gold! O Applaus! [...] Gestalten des Abendscheins,

Gebt mich noch einmal, beglückter und reiner, Zurück an die Freude des ewigen Seins!45

Hier macht der Freund auf sich aufmerksam, denn hier hat er eine Stelle, wo er angreifen kann, dem Sohn Weg und Richtung geben kann. Jetzt ist das zweite Ich des Sohnes erwacht.

Als das Drama am 18. Januar 1918 zur ersten öffentlichen Bühnenaufführung kommt, gibt Hasenclever vor, wie die einzelnen Personen dargestellt werden sollen. Auch in Sachen Kostüm und Auftritt will er mitbestimmen. So wird der Sohn als typisch bürgerlich dargestellt, der Vater nicht zu sehr in die wilhelminische Ecke gesperrt und der Freund erhält die Anweisung, äußerlich ganz von den anderen abzuweichen:

Den Freund denk ich mir äußerlich gesondert in Kleidung und Gesicht. Er stellt die negative Kurve der Handlung dar mit dem sarkastischen Temperament. Er könnte eine Glatze haben und im besten Sinne des Geistes Jude sein.46

In diesem Sinne müsste man den Freund, als den negativen Pol, der zu poli- tischer Anarchie strebt heute anders darstellen. Einen langhaarigen Hippie kann man sich nicht mehr vorstellen. Diese Figur hätte in die 68er Revolution gepasst, als Zugpferd und Initiator der Revolten. Doch heute sind die Stu- denten daran gewöhnt, es ist Kult, alternativ gekleidet zu sein. Heute wäre ein Punk auf der Bühne auch kein großer Anstoßpunkt für das Publikum, doch würde der Freund mit rotem Hahnekamm die Anarchie auf der Straße, die tätige Aktion - leider ohne politischen Hintergrund - sehr gut darstellen. Ich denke, eine solche Figur wäre auch fähig, den Sohn zu einer Tat zu überzeugen, die ein Anstoß für eine Revolution sein könnte. Auf diese Weise wäre der Grundidee Hasenclevers, der den Freund als das Negative der Handlung sehen möchte, bestmöglich Rechnung getragen. Ab Schluss nimmt er sich das Leben, da er nicht mehr gebraucht wird von dem Sohn. Seine Gesinnung ist teilweise in den Sohn über gegangen, ist mit seinen Ansichten zusammengeflossen. Jetzt hat der Freund keinen Einfluss mehr auf den Protagonisten. Der Sohn tötet sein zweites Ich quasi selber, in dem er jetzt auf eigenen Füßen steht, erwachsen geworden ist.

4 Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Hasenclever, Walter: Der Sohn. Stuttgart: Reclam, 1994.

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen. München: insel taschenbuch, 1976.

Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Eine Tragödie, hrsg. von Erich Trunz. München: Beck, 1999.

Sekundärliteratur:

Breuer, Dieter: Rückkehr zu Schopenhauer. Die Auseinandersetzung mit dem Vitalismus und Aktivismus in Walter Hasenclevers Dramen. In: Literatur und Theater im Wilhelminischen Zeitalter. Hrsg.: Hans-Peter Bayersdörfer u.a. Tübingen: Niemeyer, 1978; S. 238-257.

Kasties, Bert: Walter Hasenclever. Eine Biographie der deutschen Moderne . Tübingen: Niemeyer, 1994.

Rothe, Wolfgang (Hrsg.): Der Aktivismus 1915-1920. München: dtv, 1969.

Schommers-Kretschmer, Barbara: Philosophie und Poetologie von Walter Hasenclever. Aachen: Shaker, 2000 (Studien zur Literatur und Kunst).

Vietta, Silvio: Die erkenntnistheoretische Voraussetzungen des Expressionismus. In: Expressionismus. Hrsg. Silvio Vietta; Hans-Georg Kemper. München: Fink, 6. Auflage, 1997; S. 134-143.

Viviani, Annalisa: Das Drama des Expressionismus. Kommentare zu einer Epoche. München: Winkler, 1970.

[...]


1Schommers-Kretschmer, Philosophie und Poetologie im Werk Walter Hasenclevers, 2000, S.22.

2vgl. Breuer in Bayersdörfer: Literatur und Theater im Wilhelminischen Zeitalter. 1978. S.250.

3vgl. ebd. S.250

4ebd., S. 250.

5ebd. S. 238.

6 Kasties, Walter Hasenclever, 1994, S114.

7Viviani, Drama des Expressionismus, 1970, S.96.

8vgl. ebd. S.96.

9vgl. Hasenclever, Der Sohn, 1994, S.19.

10Schommers-Kretschmer, S. 22.

11Hasenclever, Der Sohn, S. 16.

12vgl. ebd. S.17.

13Schommer-Kretschmer, S.25.

14Hasenclever, Der Sohn, 1994, S.93/94.

15ebd. S.21.

16ebd. S.94.

17ebd. S.90.

18ebd. S.85.

19vgl. ebd. S.73-76.

20ebd. S.85.

21ebd. S.55/56.

22ebd. S.59.

23vgl. Schommer-Kretzschmer, S. 24.

24Hasenclever, Der Sohn, S. 63.

25Nietzsche, Zarathustra, insel taschenbuch, S.13.

26Hasenclever, Der Sohn, S.62.

27ebd. S. 64.

28Breuer in Bayersdörfer, S. 251.

29Hasenclever, Der Sohn, S. 86

30vgl. Breuer in Bayersdörfer, S. 254.

31Schopenhauer zitiert in Breuer, S.241.

32Hasenclever, Der Sohn, S.19.

33ebd., S. 96.

34Hiller zitiert in Kasties, S.115.

35Hasenclever an Hiller, 18.11.1913, zitiert in Kasties, S.116.

36Hasenclever, Der Sohn, S.86

37ebd., S.85

38vgl. ebd., S. 85.

39ebd. S.87.

40W.H., Der Sohn, S.96.

41vgl. Kasties, S. 124.

42Hasenclever, Der Sohn, Reclam, S.107.

43ebd. S.110 / 111.

44Kasties, S. 125.

45Hasenclever, Der Sohn, Reclam, S. 16. - 16 -

46 Hasenclever an Demetz zitiert in Kasties, S. 132.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Freundes in Hasenclevers Drama: Der Sohn
Hochschule
Technische Universität Dresden
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V106896
ISBN (eBook)
9783640051717
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Freundes, Hasenclevers, Drama, Sohn
Arbeit zitieren
Anna-Maria Torchala (Autor:in), 2002, Die Rolle des Freundes in Hasenclevers Drama: Der Sohn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106896

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