Sinnerzeugung durch Szenario-Technik


Seminararbeit, 2001

23 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sinn
2.1 Der Sinnbegriff nach Gottlob Frege
2.2 Der Sinnbegriff nach Niklas Luhmann
2.3 Sinnerzeugung

3 Szenario-Technik
3.1 Definition von Szenarien
3.2 Szenario-Technik als Prognoseverfahren
3.3 Einsatzgebiete der Szenario-Technik
3.4 Ziele in der Szenario-Technik
3.5 Der Prozess der Szenario-Technik
3.5.1 Die Business Idee
3.5.2 Vorherbestimmte und unsichere Elemente
3.5.3 Die „Eisberg-Analyse“
3.5.4 Testen von Entscheidungen und Projekten

4 Sinnerzeugung durch Szenario-Technik

Vorgelegt: Dozent:

Silke Ebel Prof. Volker Riegger

Seminartitel:

Grundlagen der

Kommunikationsplanung

Strategie und Kommunikation III

1 Einleitung

Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen Informationsbeschaffung eines der zentralen Probleme war, stehen die Menschen in der

Informationsgesellschaft vor der Schwierigkeit, aus einer Vielzahl von nicht mehr überschaubaren Informationen die relevanten auswählen zu müssen.

Als letzter Universalgelehrter gilt Gottfried Wilhelm von Leibniz. Er starb 1716. Seitdem ist das kommunizierte und veröffentlichte Wissen der Welt um ein Vielfaches gestiegen. Es schafft eine immer komplexere Welt mit immer zahlreicheren Möglichkeiten und Widersprüchen. Oft erscheint im Kontext der vielen Optionen das eigene Handeln nicht mehr sinnvoll, wenn die Frage gestellt wird, welche Entscheidung die Richtige ist. Doch vielleicht ist bereits die Frage nach der einen richtigen Entscheidung in einer Welt des permanenten Wandels nicht die Frage, deren Antwort zu einer erfolgreichen Bewältigung der sich stellenden Aufgaben führt. Vielmehr kann es mehrere sinnvolle Entscheidungen geben, die nach einer gründlichen Prüfung alle im gleichen Maße plausibel sind.

Szenario-Technik ist sowohl ein Prognose- als auch ein Planungsinstrument. Sie arbeitet mit der Grundannahme, das es verschiedene im gleichen Maße plausible Geschichten von der Zukunft geben kann. Unsicherheiten und Widersprüche werden zu intern sinnvollen Geschichten verwoben. Sinn kann durch Szenario-Technik vielschichtig und weit verzweigt erzeugt werden.

Die vorliegende Arbeit möchte diesen Prozess der Sinnerzeugung durch Szenarios beschreiben. Hierfür möchte ich die Arbeit in zwei Teile untergliedern.

Der erste Teil beschäftigt sich mit der Frage, was ist Sinn. Ich stütze mich hierbei im wesentlichen auf zwei Autoren. Der erste ist der Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege, der 1892 einen Aufsatz mit dem Titel „Sinn und Bedeutung“ schrieb. Der zweite Autor, den ich zu Wort kommen lassen möchte ist der Soziologe Niklas Luhmann. Ich beziehe mich in erster Linie auf das Kapitel „Sinn“ in seinem Buch „Soziale Systeme“.

Im zweiten Teil der Arbeit werde ich die Szenario-Technik vorstellen und aufzeigen, in welcher Form sie für die Erzeugung von Sinn verwendet werden kann.

2 Sinn

Zur Beantwortung der Frage wie Sinn durch Szenarioplanung erzeugt werden kann, werde ich versuchen zunächst die Fragen zu beantworten: Was ist Sinn? Wie kann Sinn beschrieben werden. In welcher Form liegt Sinn vor? Wie entsteht Sinn?

Dazu werde ich zuerst Gottlob Frege zu Wort kommen lassen, der Sinn als semantischen Grundbegriff einführte.

2.1 Der Sinnbegriff nach Gottlob Frege

Gottlob Frege unterscheidet Vorstellung, Bedeutung und Sinn und diese Unterscheidung hier nachzuvollziehen, erleichtert das Verständnis seines Sinnbegriffs.

Die Bedeutung eines Zeichens ist ein sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand: „ Die Bedeutung eines Eigennamens ist der Gegenstand selbst, den wir damit bezeichnen; “ [Frege. 1986. S.44] Die Vorstellung ist subjektiv. Sie ist das Bild, dass der Einzelne sich von einem Gegenstand macht. Die Vorstellungen zweier Menschen von einem Gegenstand können nie gleich sein, da jede Vorstellung nur im Kopf des Einzelnen existiert. Dazwischen liegt der Sinn, der nicht subjektiv wie die Vorstellung ist, jedoch auch nicht der Gegenstand selbst ist.

In Abgrenzung zur Bedeutung kann über den Sinn folgendes gesagt werden:

„ Ein Eigenname (Wort, Zeichen, Zeichenverbindung, Ausdruck) drückt aus seinen Sinn, bedeutet oder bezeichnet seine Bedeutung. Wir drücken mit einem Zeichen dessen Sinn aus und bezeichnen mit ihm dessen Bedeutung. “ [Frege. 1986. S.46]

Dem Sinn eines Zeichens kann einfach das Zeichen selbst zugehören, ohne dass damit ein Gegenstand bezeichnet wird. Etwas kann also einen Sinn haben, ohne dass es eine Bedeutung hat. Dies gilt z.B. für Fabelgestalten und Phantasiegebilde. Es kann auch verschiedene Zeichen geben, die dieselbe Bedeutung haben, jedoch nicht denselben Sinn. Beispielsweise bezeichnet der Eigenname „Abendstern“ die Venus, ebenso wie der Eigenname „Morgenstern“. Die Bedeutung beider Eigennamen ist dieselbe, jedoch nicht ihr Sinn.

Doch wie erfassen wir Sinn. Frege gibt hier eine evolutionäre Erklärung und grenzt Sinn gegen Bedeutung ab, indem er sagt, dass es nicht möglich ist, von einem Sinn auf die Bedeutung zu schließen:

Der Sinn eines Eigennamens wird von jedem erfa ßt, der die Sprache oder das Ganze von Bezeichnungen hinreichend kennt, der er angehört; damit ist die Bedeutung aber, falls sie vorhanden ist, doch immer nur einseitig beleuchtet. Zu einer allseitigen Erkenntnis der Bedeutung würde gehören, da ßwir von jedem gegebenen Sinn sogleich angeben könnten, ob er zu ihr gehöre. Dahin gelangen wir nie. “[Frege. 1986. S.42]

Kommen wir nun zu der Verhältnis zwischen Sinn und Vorstellung. Im Gegensatz zu Vorstellung, die immer Eigentum eines Einzelnen ist, hat der Sinn einen kollektiven bzw. sozialen Charakter:

„ Die Vorstellung unterscheidet sich dadurch wesentlich von dem Sinne eines Zeichens, welcher gemeinsames Eigentum von vielen sein kann und also nicht Teil oder Modus der Einzelseele ist; denn man wird wohl nicht leugnen können, da ßdie Menschheit einen gemeinsamen Schatz von Gedanken hat, den sie von einem Geschlechte auf das andereüberträgt. “ [Frege. 1986. S.44]

Der Sinn ist also allgemein gültig, eine Vorstellung wird immer von einer bestimmten Person besessen. Verschiedene Personen können denselben Sinn auffassen, jedoch nie dieselbe Vorstellung haben.

Für Sätze gilt nach Frege entsprechendes wie für einzelne Eigennamen. Bei seiner Betrachtung von Sätzen spielt der Begriff des Gedanken eine wichtige Rolle. Frege zu Folge kann ein Gedanke nicht Bedeutung eines Satzes sein, sondern nur sein Sinn. Was oben bereits auf Eigennamen bezogen wurde, das sie einen Sinn ohne ein Bedeutung haben können, gilt noch im stärkeren Maße für Sätze: Es kann Sätze geben, die einen Gedanken enthalten, also einen Sinn haben, jedoch keine Bedeutung, da sie keinen Wahrkeitswert besitzen. In der Regel begnügen wir uns nicht mit dem Sinn eines Satzes, sondern fragen auch nach seiner Bedeutung. Doch ist das nicht immer der Fall, in der Kunst beispielsweise reicht uns der Sinn, um sie zu genießen:

„ Beim Anhören eines Epos z.B. fesseln uns neben dem Wohlklang der Sprache allein der Sinn der Sätze und die davon erweckten Vorstellungen und Gefühle. Mit der Frage nach der Wahrheit würden wir den Kunstgenuss verlassen und uns einer wissenschaftlichen Betrachtung zuwenden. “ [Frege. 1986. S.48]

2.2 Der Sinnbegriff nach Niklas Luhmann

Der Sinnbegriff spielt in Luhmanns Theorie Sozialer System eine zentrale Bedeutung.

Sinn ist das Medium, das die selektive Erzeugung aller psychischer, und sozialer Formen erlaubt. Psychische Formen sind Gedanken und soziale Formen sind Kommunikaionen. Ein Medium übermittelt Formen, indem es die Eigenschaften eines Objektes als Form annimmt. Beispielsweise überträgt das Medium Licht die Formen eines visuell wahrnehmbaren Gegenstand, z.B. eines Regals, den wir dadurch wahrnehmen können. Sinn macht also als Medium die Wahrnehmbarkeit aller psychischer und sozialer Formen erst möglich.

Die Begriffe Medium und Form werden relativ verwendet. Medium oder Form ist etwas nur im Bezug auf etwas anderes. So kann Sinn in Bezug auf psychische und soziale Formen Medium sein und selbst auch Form. In einer phänomenologischen Beschreibung schreibt Luhmann zur Form Sinn:

Das Phänomen Sinn erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns. Etwas steht im Blickpunkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und- so-weiter des Erlebens und Handelns. Alles, was intendiert wird, hält in dieser Form die Welt im ganzen sich offen, garantiert also immer auch die Aktualität der Welt in der Form der Zugänglichkeit. Die Verweisung selbst aktualisiert sich als Standpunkt der Wirklichkeit, aber sie bezieht nicht nur Wirkliches (bzw. präsumtiv Wirkliches) ein, sondern auch Mögliches (konditional Wirkliches) und Negatives (Unwirkliches, Unmögliches). “ [Luhmann 1991, S.93f]

Diese Beschreibung bedarf der Erläuterung. Ich lasse mich hierbei von einer grafischen Darstellung inspirieren, die Rüdiger Flothmann in seiem Referat am 16.1.2001 vorstellte.

„ Etwas steht im Blickpunkt ... “ , dafür setze ich einen Punkt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„ ... anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns ... “ , der Punkt erhält einen Kreis, der den Horizont darstellen soll. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass der Horizont unerreichbar bleibt, mit jedem Versuch der Annäherung verschiebt er sich weiter in die Ferne, was gleichzeitig eine Erweiterung des Horizontes bewirkt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„ Das Phänomen Sinn erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns. “

Die Verweisungen auf weitere Möglichkeiten der Erlebens und Handelns stelle ich als Linien dar, die sich strahlenförmig vom Punkt in Richtung Horizont bewegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„ Alles, was intendiert wird, hält in dieser Form die Welt im ganzen sich offen, garantiert also immer auch die Aktualität der Welt in der Form der Zugänglichkeit. “ Aktualisiere ich nun eine der Möglichkeiten, rückt sie automatisch ins Zentrum, in den Blickpunkt, und hält wieder Verweise auf weitere Möglichkeiten parat, die ihn ihrer Gesamtheit die Welt, also alles Wirkliche, Mögliche und Negative (Unwirkliches und Unmögliches) zugänglich machen: „ Die Verweisung selbst aktualisiert sich als Standpunkt der Wirklichkeit, aber sie bezieht nicht nur Wirkliches (bzw. präsumtiv Wirkliches) ein, sondern auch Mögliches (konditional Wirkliches) und Negatives (Unwirkliches, Unmögliches). “

An diesem Punkt wird deutlich, dass jeder Sinn unendliche Komplexität enthält, auf die psychische und soziale Systeme zurückgreifen können. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Sinn eine unendliche Beliebigkeit präsentiert.

Komplexität impliziert immer einen Selektionszwang, denn ohne Selektion bilden sich keine Strukturen aus und sind Systeme nicht möglich. Jeder bestimmte Sinn legt bestimmte Anschlussmöglichkeiten nahe und macht andere unwahrscheinlich, schwierig, weitläufig oder schließt sie ganz aus.

Die Unterscheidung in naheliegende und unwahrscheinliche Anschlussmöglichkeiten hat sich hierbei im Laufe einer Sinnevolution entwickelt. In dieser Sinnevolution wurden unzählige Anschlussmöglichkeiten ausprobiert, dabei haben sich einzelne bewährt und andere nicht. Sinn hat dadurch im Laufe seiner Evolution Formen angenommen, Sinn stellt in seinen Formen Ordnung und Struktur zur Verfügung.

Als Menge der Formen, die für die Selektion von Sinninhalten benutzt werden können, kann die Semantik bezeichnet werden, also der Begriffsvorrat der Gesellschaft. Unterschiedliche Gesellschaften verfügen über einen unterschiedlichen Begriffsvorrat, der entsprechend unterschiedliche Anschlussmöglichkeiten bereithält.

2.3 Sinnerzeugung

Nach Gottlob Frege kann Sinn vorhanden sein, ohne dass das Bezeichnete ein Bedeutung haben muss. Sinn bildet nicht etwas in der „Realität“ tatsächlich vorhandenes ab, sondern hat seinen eigenen Sinn. Ich möchte auf das Beispiel des Epos hinweisen und auf sämtliche Fiktion ausdehnen. Zukunftsszenarien sind eine Form von Fiktion, konstruiere ich sie, erzeuge ich Sinn.

Ein weiterer Aspekt, der mir bei der Frage der Sinnerzeugung durch Szenario-Technik interessant erscheint, ist der kollektive Aspekt von Sinn.

Sinn als gemeinsames Eigentum von vielen und als von einer Generation an die nächste weitergegeben. Obwohl Frege nicht erläutert wie dies geschieht, möchte ich ergänzen, diese Weitergabe findet durch Kommunikationen statt. Sinn wird der Gemeinschaft also erst zugänglich durch Kommunikation. Gemeinschaftlicher Sinn wird durch Kommunikationen erzeugt und erhalten.

Legt man den Sinnbegriff von Niklas Luhmann zugrunde, so könnte in einem weiteren Sinne von Sinnerzeugung gesprochen werden in jedem Moment der Aktualisierung von Möglichkeiten, da jede Aktualisierung eine neue Form von Sinn mit neuen Anschlussmöglichkeiten mit sich bringt. Ich möchte den Begriff Sinnerzeugung jedoch etwas enger fassen und ihn nur im Zusammhang mit der Erzeugung von grundlegend neuem Sinn verwenden und dafür zuerst die Frage beantworten, was neuer Sinn ist.

Wird Sinn als Medium betrachtet, ist Sinn die Prämisse jeder Erfahrungsverarbeitung. Demzufolge hat Sinn alles was gedacht oder kommuniziert wird. Das schließt, wie oben zitiert, sämtliche Negationen mit ein, den die Negation selbst ist bereits gedacht und kann kommuniziert werden. Anders ist es mit noch nicht Gedachtem und Nicht- Kommuniziertem. Das nicht gedachte und/oder nicht kommunizierte hat keinen Sinn.

Ich möchte dies am Beispiel von Tabus etwas illustrieren. Solange Tabus als Negationen gedacht werden, stellen sie als Sinn den Inhalt dieses Tabus einem Individuum zur Verfügung. Wird das Tabu als Verbot kommuniziert, steht sein Inhalt als Negation und damit als Sinn dem sozialen System zur Verfügung. Da beispielsweise das Wort Kinderpornografie in unserer Sprache existiert und sein Inhalt gedacht und kommuniziert wird, steht Kinderpornografie als Möglichkeit zur Verfügung. Kinderpornografie hat also Sinn.

Anders ist es, wenn Tabus so vollständig sind, dass sie nicht einmal gedacht und/oder kommuniziert werden. Erst, wenn jemand eine Vorstellung davon hat, was Kinderpornografie ist, kann er sie auch vollziehen. Wird Kinderpornografie zudem in einem sozialen System als Thema kommuniziert, können Individuen eine Vorstellung davon entwickeln, die sie ohne die Kommunikation nicht erhalten hätten.

Ich hoffe mit diesem Beispiel illustriert zu haben, wann Sinn vorliegt und wann nicht.

Erzeugt wird etwas, was vor der Erzeugung nicht vorhanden ist. Sinn wird in psychischen Systemen also erzeugt, wenn neue Vorstellungen und Gedanken entwickelt werden oder alte Vorstelllungen und Gedanken auf neue Art und Weise verknüpft werden. In einem sozialen System wird Sinn erzeugt, wenn neue Themen kommuniziert werden oder neue Zusammenhänge zwischen bereits vorhandenen Themen hergestellt werden.

3 Szenario-Technik

Ich möchte nun zuerst die Szenario-Technik im allgemeinen vorstellen, bevor ich sie anschließend mit dem Aspekt der Sinnerzeugung in Beziehung setze.

3.1 Definition von Szenarien

Es werden externe und interne Szenarien unterschieden.

Externe Szenarien werden abgeleitet von gemeinsamen und einvernehmlichen mentalen Modellen einer externe Welt. Sie sind intern konsistente und wertfreie Beschreibungen von möglichen Zukünften. Sie sind angelegt als Repräsentationen der gesamten Bandbreite möglicher zukünftiger Entwicklungen der externen Welt. Was in externen Szenarien geschieht ist außerhalb unserer Kontrolle.

Ein internes Szenario bezieht sich auf die Erwartungen zukünftiger Zustände in der Welt der Interaktion sowie auf das selbst einer bestimmten Person. Die Person spielt eine Rolle in ihrem eigenem internen Szenario. Ein internes Szenario ist eine Kausalkette von Argumenten, die eine Handlungsmöglichkeit mit einem Ziel verbindet. Es kann als Pfad durch die kognitive Karte einer Person gesehen werden.

In der Szenario-Technik wird auf die wertfreien externen Szenarien zurückgegriffen, sie spielen in der kontextuellen Umwelt, also der Welt, auf die die Organisation keinen Einfluss hat, die jedoch bei der Strategieentwicklung berücksichtigt werden muss.

3.2 Szenario-Technik als Prognoseverfahren

Die Szenario-Technik ist ein intuitives Verfahren zu strategischen Prognose. Im Gegensatz zu explorativen Methoden der Prognose, die sich auf quantitatives Wissen oder Expertenwissen stützen, beruht intuitives Vorgehen aus einer Kombination von Erfahrungen, Sachinformationen und Phantasie. Die klassische Prognose basiert auf der Annahme, dass die Vergangenheit in die Zukunft extrapoliert werden kann, Unsicherheiten werden nicht kommuniziert. In der Szenario-Technik hingegen spielt die Beachtung von Unsicherheiten eine zentrale Rolle. Sie unterscheidet vorherbestimmte von fundamental unsicheren Elementen. Die Vorhersagbaren Elemente tauchen in jedem Szenario wieder auf, während die Unsicherheiten zu einer Entwicklung verschiedener im gleichen Maße plausibler Zukunftsszenarien verwendet werden.

Szenario-Technik investiert in Annahmen, Werte und mentale Modelle. Wertzeuge und Techniken sind zweitrangig und werden nur sinnvoll im Zusammenhang mit einer gründlichen Erforschung von Annahmen, Werten und mentalen Modellen entwickelt.

3.3 Einsatzgebiete der Szenario-Technik

Aus dem militärischem Bereich kommend ist das klassische Einsatzgebiet der Szenario-Technik in Unternehmen die strategische Planung im weitesten Sinn. Szenario-Technik wird für die Formulierung des Unternehmesleitbildes und der -grundsätze, die Entwicklung von Zielen und Strategien und sogar in der operativen Planung eingesetzt. Sie liefert sowohl für das Gesamtunternehmen oder einzelne Geschäftsbereiche eine gemeinsame Basis für die Planung, als auch für organisatorische Teilbereiche wie die Projektplanung, die Planung von Produkten oder das Marketing. In letzterem Bereich ließe sie sich auch für eine Planung von Kommunikationskampagnen sinnvoll einsetzen.

3.4 Ziele in der Szenario-Technik

Kees van der Heijden nennt fünf Ziele, die durch Szenario-Technik erreicht werden können. [Van der Hiejden. 1996]

1.Sie soll die Organisation dazu befähigen, Projekte zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen, die in der Zukunft unter unterschiedlichen und unsicheren Bedingungen bestehen können.
2.Sie soll die mentalen Modelle der Organisationsmitglieder erweitern und so zu einem gründlicheren und vollständigeren Nachdenken über die Zukunft führen.
3.Die Wahrnehmungsfähigkeit der Organisation für Ereignisse, die auf die Organisation einwirken, soll verbessert werden. Ereignisse sollen präziser wahrgenommen werden und ihre Bedeutung für die Organisation klarer erkannt werden.
4.Entscheidungen im gesamten Unternehmen sollen durch die Szenarien im Sinne der Unternehmensleitung getroffen werden, ohne das ein direktes Eingreifen des Topmanagements nötig ist. Szenario-Technik leiste dies, indem sie einen Kontext setzt, innerhalb dessen Entscheidungen getroffen werden.
5.Szenarioplanung ist ein Führungsinstrument, das besonders effektiv ist, wenn sich die Szenarioplaner ihrer Vermittlerrolle voll bewusst sind und nicht ihren persönlichen Interessen folgen.

3.5 Der Prozess der Szenario-Technik

3.5.1 Die Business Idee

Die Business Idee ist die Grundlage jedes Geschäftserfolges, im Prozess der Strategieentwicklung durch Szenario-Technik steht ihre Formulierung am Anfang, damit sie anschließend vor dem Hintergrund der verschiedenen Zukunftszenarien durchgespielt werden kann. Die artikulierte Business Idee ist eine rationale Erklärung dafür, warum die Organisation in der Vergangenheit erfolgreich war und wie sie es in der Zukunft bleiben wird. Eine starke Business Idee ist schwer zu kopieren und zeichnet sich durch eine Kombination einzigartiger Kompetenzen aus, die sich gegenseitig auf systematische Weise verstärken.

3.5.2 Vorherbestimmte und unsichere Elemente

In einem weiteren Schritt werden vorherbestimmte und unsichere Elemente identifiziert. Szenarioplanung muss sowohl mit Vorherbestimmtem als auch mit Unsicherheit umgehen könne, um seine Planungsfunktion mit seiner Funktion der Risikoeinschätzung zu kombinieren.

Jedes Verfahren des Risikomanagement benötigt Elemente, die vorhersagbar sind, auch die Szenario-Technik. Diese Elemente werden vorherbestimmte Elemente genannt. In einem begrenzten Zeitraum erlaubt die Trägheit des Systems Vorhersagen zu machen, z.B. im Bereich der Demografie, der technologischen Entwicklung oder der politischen Machtverschiebungen und kulturellen Veränderungen. Während jedoch die generelle Bewegungsrichtung von Entwicklungen vorhergesagt werden kann, können es einzelne Ereignisse nicht.

Wir können keine Vorhersagen machen, die unsere Wahrnehmungsfähigkeiten übersteigen, deshalb bewegt sich strategisches Management in einem komplexen Feld von Unsicherheiten.

Dabei werden drei Formen von Unsicherheit unterschieden:

1.Risiko: Es gibt genug historische Präzedenzfälle in der Form von ähnlichen Ereignissen, um uns zu befähigen, Wahrscheinlichkeiten für verscheidene mögliche Ereignisse einzuschätzen. Fehlschläge werden einkalkuliert und Entscheidungen in der Art getroffen, dass in der Summe ein positives Ergebnis zustande kommt.
2.Strukturelle Unsicherheiten: Strukturelle Unsicherheiten beschreiben das mögliche Auftreten eines Ereignisses. Es ist so einmalig, dass es nicht mit Wahrscheinlichkeiten berechnet werden kann. Die Möglichkeit des Ereignisses wird durch eine Ursache-Wirkungs-Kette der Begründung repräsentiert.
3.Unbekannte: Wir können uns das Ereignis nicht einmal vorstellen. Vorhersage ist nicht möglich.

Bei den Unsicherheiten im Prozess der Strategieentwicklung handelt es sich meist um strukturelle Unsicherheiten. Diese Form der Unsicherheit tritt auf, wenn Muster von Ereignissen auf verschiedene Art und Weise interpretiert werden können.

Nicht alle Unsicherheiten der Umwelt können abgebildet werden, da sonst die betrachtete Komplexität auf ein nicht mehr handhabbares Maßansteigen würde. Deshalb konzentriert sich die Szenario-Technik bei der Umweltanalyse auf die Identifizierung der Aspekte, die für das Unternehmen eine wichtige Rolle spielen, die „really make a difference“[Van der Heijden. 1996. S. 95].

Scenario building framework [Van der Heijden. 1996. S. 95]

Die Grafik illustriert den Prozess der Entwicklung von Szenarien. In meiner Beschreibung des Prozesses sind nun also Vorherbestimmte und Unsicherheiten identifiziert. Der nächste Schritt ist die Interpretation der beobachteten Ereignisse. Die Interpretation versorgt Daten mit Struktur und wird von Van der Heijden „Eisberg-Analyse“ genannt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.5.3 Die „Eisberg-Analyse“

Der Begriff „Eisberg“ ist auf die Annahme zurückzuführen, dass beobachteten Ereignissen Muster zugrunde liegen und diese wiederum Strukturen aufweisen. Auf der obersten, der sichtbaren Ebene befinden sich also die Ereignisse, Muster und Strukturen sind auf den ersten Blick nicht sichtbar und können nur durch einen Interpretationsprozess erkannt werden.

Muster können in verschiedenen Formen vorliegen:

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] in zeitlicher Ordnung, Ereignisse werden in einer Zeitlinie organisiert und dargestellt, z.B. wird eine bestimmte Folge von Ereignissen als Trend beschrieben

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] in Form einer Kovarianz, d. h. verschieden Variablen folgen über die Zeit den gleichen Mustern

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] als räumlich-zeitliche Geschlossenheit, wenn auf ein bestimmtes Ereignis immer ein anderes bestimmtes Ereignis folgt, nehmen wir eine Zusammenhang an

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Ähnlichkeit in einer Form oder im Muster

Die entdeckten Muster dienen als Hinweise auf Kausalität. Von ihnen ausgehend wird auf zugrunde liegende Strukturen geschlossen. Der gesamte Prozess, in dem von der Vergangenheit auf die Gegenwart geschlossen wird beinhaltet die folgenden Schritte:

1.Wichtige Ereignisse werden spezifiziert.
2.Trends werden entdeckt, durch Herstellung eines zeitlichen Zusammenhangs von Ereignissen, dies wiederum führt zur Konzeption von Variablen
3.Auf Muster wird geschlossen, basierend auf Hinweisen für Kausalität, die dem Verhalten der Variablen auferlegt wird.
4.Strukturen werden entwickelt, das System wird durch kausale Verbindungen gekoppelt, als System erkannt und von der Umwelt unterschieden, dabei können verschiedene Strukturen aus der verschiedenen möglichen Interpretation von kausalen Mustern resultieren.
5.Die entdeckten Strukturen werden benutzt, um zukünftiges Verhalten zu projizieren. Durch die Verwendung der verschiedenen zuvor entwickelten Strukturen resultieren unterschiedliche Zukunftsszenarien.

3.5.4 Testen von Entscheidungen und Projekten

In einem letzten Schritt werden Entscheidungen, die Business Idee oder auch Projekte vor dem Hintergrund der Szenarien durchgespielt. Ziel ist es, die Entscheidungen so robust zu machen, dass sie in allen Zukunftsszenarien bestehen können. Stellt sich für eine mögliche Entscheidung heraus, dass sie in einem der Szenarien negative Folgen für das Unternehmen hat, wird sie solange modifiziert, bis sie in allen Szenarien zu positiven Ergebnissen führt.

4 Sinnerzeugung durch Szenario-Technik

Aus dem bisher Beschreibenen wird deutlich: Sinnerzeugung ist ein interpretatorischer Vorgang. Die bei diesem Vorgang beteiligten Individuen konstruieren die Welt und erlegen den Dingen und Ereignissen Sinn auf. Dafür werden Erfahrungen aus der Vergangenheit herangezogen. Die Informationen werden mit Sinn ausgestattet, indem sie sortiert und gedeutet werden. Mehrdeutige Informationen werden als alternative Szenarien erhalten. Im Gegensatz zu klassischen Prognoseverfahren, bei denen der Sinn in ein enges Korsett gezwungen wird, indem sich für die wahrscheinlichste Zukunftsprognose entschieden wird, steht durch die Szenario-Technik vielfältiger Sinn zur Verfügung. Die im gleichen Maße plausiblen Zukunftszenarien ermöglichen der Organisation so eine bessere und schnellere Anpassung an Veränderungen durch Erweiterung der mentalen Modelle.

Mentale Modelle sind interne Konstruktionen der Wirklichkeit. Sie stellen Sinn als Pfade der Aktualisierung von Möglichkeiten zur Verfügung. Jede Erweiterung der mentalen Modelle erweitert gleichzeitig die Zahl der Anschlussmöglichkeiten, erzeugt also Sinn. Oder man könnte auch umgekehrt sagen, jede Erzeugung von Sinn erweitert die mentalen Modelle. Wird Sinn kommuniziert ist er Sinn eines sozialen Systems. In einer Organisation kommunizierter Sinn, steht somit der Organisation als Ganzes zur Verfügung.

Szenarioplanung leistet beides: Der Entwicklungsprozess von Szenarien führt zu einer Erweiterung mentaler Modelle der bei der Entwicklung beteiligten Individuen. Da die Entwicklung der Szenarien in Gesprächen erfolgt, also Kommunikationen stattfinden, ergibt sich automatisch ein geteiltes mentales Modell. Sind die Szenarien konstruiert und werden sie zum Testen von Entscheidungen und Projekten eingesetzt, kann mit ihrer Hilfe ein kollektiver Sinn für eine gesamte Organisation erzeugt werden, denn das Testen selbst findet wieder in Form von Kommunikationen statt.

Szenario-Technik kann der Organisation aus dem am Anfang geschilderten Dilemma heraushelfen, die richtige Entscheidung zu finden, indem sie den Prozess der Entscheidungsfindung verstärkt in den Vordergrund rückt. Es wird nicht mehr nach der einen wahren und richtigen Entscheidung gesucht, sondern es wird ein Verfahren implementiert, dass auf der einen Seite langfristige strategische Entscheidung robust für verschiedene denkbare Zukünfte macht und auf der anderen Seite die Anpassungsfähigkeit an Veränderungen in der Umwelt erhöht.

Mit einem letzten Gedanken möchte ich diese Arbeit beenden. Wir haben gesehen: Mit Erzeugung von neuem Sinn kann auf Wandel reagiert werden. Gleichzeitig erhöht aber die Erzeugung von neuem Sinn die den sinnkonstituierenden Systemen zugängliche Komplexität und beschleunigt somit den Wandel, weil die Anschlussmöglichkeiten steigen. Jede Reaktion auf Veränderungen in Form von Veränderung führt somit zu beschleunigtem Wandel und zwingt Unternehmen in eine sich immer weiter beschleunigende Spirale der Veränderung. Dies sollten sich alle Fortschrittsgläubigen hin und wieder bewusst machen.

Literaturverzeichnis

Baraldi, Claudio. 1998. GLU: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Frankfurt am Main. Suhrkamp.

Bußmann, Hadumod. 1990. Lexikon der Sprachwissenschaft. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart.

Flothmann, Rüdiger. 2001. Referat über Niklas Luhmann.

Frege, Gottlob. 1986. Sinn und Bedeutung. In Frege, Gottlob. Funktion, Begriff, Bedeutung. Vandenhoeck und Ruprecht. Göttingen.

Hügli, Anton. Lübcke, Poul. (Hrsg.) 1991. Philosophielexikon. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg.

Luhmann, Niklas. 1991. Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main.

Maciej, Stefan. 2000. (10.4.). Anwendungsmöglichkeiten und Probleme der Szenario-Technik als Instrument der strategischen Prognose. http://www.hausarbeiten.de/cgi-bin/superDBdruck.pl/archiv/bwl/bwl- szenariotechnik/bwl-szenariotechnik.shtml

Van der Heijden, Kess. 1996. Scenarios. The art of strategic conversation. John Wiley & Sons Ltd. West Sussex, England.

Wahren, Heinz- Kurt E. 1996. Das lernende Unternehmen. De Gruyter. Berlin, New York.

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Sinnerzeugung durch Szenario-Technik
Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V106922
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sinnerzeugung, Szenario-Technik
Arbeit zitieren
Silke Ebel (Autor), 2001, Sinnerzeugung durch Szenario-Technik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106922

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