Die Bürokratietheorie


Seminararbeit, 2002
16 Seiten, Note: 3,2

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bürokratie
2.1 Charakteristische Merkmale von Bürokratien
2.2. Die Beziehung zwischen Büros und ihrer Umwelt
1. Der Geldgeber
2. Der Wettbewerbsmarkt
3. Die Kunden

3. Das bürokratische Angebot
3.1. Das budgetmaximierende Verhalten der Bürokraten
3.2. Die Outputerstellung durch die Bürokratie

4. Die Kontrolle der öffentlichen Verwaltung
4.1. Kontrolle durch Anreize innerhalb der Bürokratie
4.2. Kontrolle durch Anreize außerhalb der Bürokratie

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bereits im 19. Jahrhundert stellte A. Wagner in seinem Werk „Grundlegung der politischen Oekonomie“ die These auf, die Staatsausgaben wüchsen nicht nur absolut sondern auch relativ zur wirtschaftlichen Aktivität des Staates. Zur Messung dieser Aktivitäten wird heute häufig die Staatsquote verwendet.1 Sie erfasst den Anteil der öffentlichen Ausgaben im Bruttoinlandsprodukt. Zahlreiche empirischen Studien haben das so genannte „Wagnersche Gesetz“ über die steigende Staatsquote inzwischen belegt. Betrachtet man beispielsweise die Staatsausgaben der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2000, so liegen diese mit 991,1 Mrd. Euro bei 48,7 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Verglichen mit dem Jahr 1960 haben sie um über 16 Prozentpunkte zugenommen.2

Im vorliegenden Beitrag soll anhand der ökonomischen Theorie der Bürokratie ein möglicher politökonomischer Erklärungsansatz für die stetig steigenden Staatsausgaben gefunden werden. Die sozialen Theorien der Bürokratie werden dabei vernachlässigt. Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich wie folgt: Im zweiten Kapitel werden zunächst die charakteristischen Merkmale von Bürokratien dargestellt, um dann auf die Beziehungen von Bürokratien und ihrer Umwelt im näheren einzugehen. Kapitel drei untersucht die bürokratische Angebotserstellung. Hier beschäftigt vor allem die Frage, warum Bürokraten dazu neigen, ihr Budget zu maximieren und welche Auswirkungen damit verbunden sind. Das vierte Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert verschiedene Ansätze zur Kontrolle der Bürokratie, um den Anstieg der Kosten im Bereich der öffentlichen Verwaltung zu reduzieren.

2. Die Bürokratie

2.1 Charakteristische Merkmale von Bürokratien

Bürokratien sind Teil der Exekutive des Staates. Unter Bürokratien werden Ämter und Behörden der öffentlichen Verwaltung verstanden, in denen öffentliche Güter oder Dienstleistungen produziert werden. Die dort beschäftigten Angestellten werden als Bürokraten bezeichnet. Ihre Büros sind nicht-gewinnorientierte Organisationseinheiten, deren Einnahmen zumindest zu einem Teil aus anderer Quelle als dem Verkauf der staatlichen Leistung in Outputeinheiten zum Stückpreis stammen.3 So ist es ihnen möglich, einigen Nachfragern eine höhere Outputmenge von bürokratischen Gütern und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, als diese zum Stückpreis zu zahlen bereit sind. Viele Produkte des bürokratischen Angebots sind zudem durch hohe Produktionsfixkosten und Schwierigkeiten bei der Gebühren-Erhebung gekennzeichnet.4

2.2. Die Beziehung zwischen Büros und ihrer Umwelt

Die Personen, mit denen Büros in Beziehung stehen, können in drei Gruppen gegliedert werden:

1. Der Geldgeber

Die für ein Büro wichtigste Beziehung ist die zu seinem Geldgeber. Üblicherweise handelt es sich dabei um eine Regierungsabteilung, deren Führungspersonen durch Wahl bestellt werden. Diese Beamten überwachen die bürokratischen Aktivitäten, genehmigen das Budget dafür und stellen es ganz oder überwiegend zur Verfügung.5 Ihrerseits finanzieren sich Regierungsabteilungen größtenteils aus Steuereinnahmen. In den meisten Fällen ist das Büro alleiniger Anbieter bestimmter staatlicher Leistungen und eine Regierungsabteilung alleiniger Nachfrager von diesen. In diesem Zusammenhang kann von einem bilateralen Monopol gesprochen werden.6

Betrachtet man die Regierungsabteilung als Auftraggeber und die Angestellten der öffentlichen Verwaltung als deren Agenten, so lässt sich die Beziehung zwischen einem Büro und seinem Geldgeber auch als Prinizipal-Agent-Beziehung beschreiben.7 Sie geht von einer ungleichen Informationsverteilung zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer aus.

Bürokratien bieten dem Geldgeber ihr Gesamtouput grundsätzlich gegen ein Budget an. Hierin besteht ein wichtiger Unterschied zur Marktorganisation, die Outputeinheiten zum Stückpreis anbietet.8

2. Der Wettbewerbsmarkt

Nur auf dem Wettbewerbsmarkt agieren Bürokratien als Nachfrager. Dort beschaffen sie sich Arbeitskräfte und - materialen. Dafür müssen sie zumeist gleiche Preise bezahlen wie nicht-staatliche Organisationseinheiten, so dass ihr Verhalten hier dem einer profitorientierten Firma entspricht.

Sind Bürokratien monopolistischer Anbieter von Dienstleistungen, so können sie in Teilmärkten einziger Käufer bestimmter Güter und Arbeitsfertigkeiten sein. Das versetzt sie in die Lage Preise und Löhne zu diskriminieren. Ressourcen des öffentlichen Bereichs kann die Bürokratie zu einem niedrigeren Preis erlangen als die Markteinheit, wenn ihr Anspruch darauf von anderen öffentlichen Verwaltungen als vorrangig behandelt wird.9

3. Die Kunden

Zusätzliche Einnahmen zum gewährten Budget durch den Geldgeber entstehen dem Büro, wenn es Outputeinheiten gegen einen Stückpreis verkauft. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Nachfrage können zwei Kundengruppen voneinander unterschieden werden: Die eine wird durch Beamten der Regierungsabteilung vertreten. Sie finanziert das Angebot über einen Zuschuss, während die andere direkt zu einem Preis kauft. Ist ein Büro stark vom Einzelverkauf seiner Produkte abhängig, so agiert es ähnlich wie eine Markteinheit.10

3. Das bürokratische Angebot

3.1. Das budgetmaximierende Verhalten der Bürokraten

Betrachtet man noch einmal die Prinzipal-Agent-Beziehung zwischen Geldgebern und Bürokraten, so kann festgestellt werden, dass die Prinzipale ihre Agenten nicht voll kontrollieren können. Schließlich sind Bürokraten dazu in der Lage, Kenntnisse bezüglich ihrer Produktionsprozesse und Kosten sowie der tatsächlich benötigten Outputmenge nur teilweise oder gar nicht an den Geldgeber weiter zu geben. Die so entstehenden Informationsasymetrien gebrauchen die Bürokraten, um ihren eigenen Nutzen zu maximieren. Dieser Zusammenhang soll im folgenden erläutert werden.

Nach Niskanen zieht der Bürokrat Nutzen aus: „Gehalt, Nebeneinkünften aus dem Amt, öffentlichem Ansehen, Macht, dem Output des Büros, der Freiheit, Veränderungen durchführen und das Büro leiten zu können.“11 Die Höhe des dem Bürokraten zur Verfügung stehenden Gesamtbudgets hat dabei einen wichtigen Einfluss auf alle der genannten Größen mit Ausnahme der letzten beiden.12 Frey/ Kirchgässner beschreiben diesen Zusammenhang besonders anschaulich: „Das Einkommen [des Bürokraten] wächst mit der Zahl der Untergebenen und diese wiederum mit dem verfügbaren Budget. Die Anerkennung und das Prestige nehmen mit steigender Ausgabenhöhe einer Verwaltungsstelle zu. Die Forderungen der Klientel lassen sich mit steigenden Ausgaben und größerem Handlungsspielraum leichter befriedigen, was den Staatsangestellten ein ruhiges und angenehmes Leben sichert“.13

Um seinen eigenen Nutzen zu maximieren, trachtet der Bürokrat also danach, sein Gesamtbudget zu maximieren. Dies ist ihm jedoch nicht ohne Weiteres möglich, schließlich muss er in seinem budgetmaximierenden Verhalten Nebenbedingungen beachten. Aus Sicht von Niskanen liegt die wichtigste Einschränkung für den Bürokraten im Budget selbst, das zumindest „die kleinstmöglichen Gesamtkosten für das Angebot des vom Geldgeber erwarteten Outputs“14 decken muss. Nach Frey/Kirchgässner muss der Bürokrat aber auch eine Reihe von administrativen Vorschriften beachten, die ihn in seiner Freiheit zu handeln, beschränken. Zudem muss er wesentliche Konflikte mit dem Geldgeber vermeiden.15

Migué/Bélanger haben das Modell von Niskanen weiterentwickelt. Sie gehen davon aus, dass der Eigennutzen des Bürokraten neben der Größe des Gesamtbudgets auch die Erhöhung seiner Ressourcen im nicht-produktiven Bereich beinhaltet. Er wird also nicht nur versuchen, seine gesamten finanziellen Mittel, sondern auch den Teil des Budgets zu maximieren, über den er frei verfügen kann. Dieser Teil entspricht der Rente bzw. dem diskretionären Budget und wird nicht zur Produktion des öffentlichen Gutes, sondern zur Finanzierung von Nebenleistungen, wie großen Büros, Dienstreisen oder kostenintensivem Personal verwendet.16

Das budgetmaximierende Verhalten der Bürokraten ist nach Niskanen auf drei wichtige Charakteristika des Büros zurückzuführen:

(1) Es ist monopolistischer Anbieter einer staatlichen Leistung,
(2) nur das Büro kennt die tatsächlichen Kosten für das produzierte Output und
(3) dem Büro steht es gegenüber dem Geldgeber zu, ein Take-it-or-leave-it-Angebot zu machen.

Eine Einschränkung in einem dieser Bereiche würde zu einer Abschwächung des budgetmaximierenden Verhaltens führen.17

3.2. Die Outputerstellung durch die Bürokratie

Ausgehend von Wechselbeziehung des bilateralen Monopols bieten öffentliche Verwaltungen den Regierungsabteilungen eine bestimmte Menge an staatlichen Leistungen „zu einem bestimmten ‚Preis‘ in Form budgetärer Kosten“18 an. Die Regierung hat nur die Möglichkeit, das Angebot für das Gesamtoutput anzunehmen oder abzulehnen, da sie über keinerlei Information hinsichtlich der tatsächlichen Kosten der Leistungsbereitstellung der Bürokratie verfügt. Sie wird der Produktion aber nur dann zustimmen, wenn ihre gesamte Zahlungsbereitschaft den budgetären Kosten entspricht. Daraus ergibt sich, dass die Grenzkosten für das öffentliche Gut gleich der marginalen Zahlungsbereitschaft der Regierung sein müssen.19

Aus Sicht von Niskanen hängt der Nutzen der Bürokraten positiv von der Größe ihres Gesamtbudgets bzw. Outputs ab.20 In der Abbildung führt ihre Budgetmaximierung somit zur Produktion der maximal möglichen Menge des öffentlichen Gutes in Höhe von XN. Die gesamten Produktionskosten belaufen sich hier auf die Fläche OBDXN. Diese Fläche entspricht der gesamten Zahlungsbereitschaft des Geldgebers in Höhe der Fläche OAEXN. Das Angebot an öffentlichen Gütern wird also soweit ausgedehnt bis die gesamte Zahlungsbereitschaft den Gesamtkosten entspricht. In dieser Situation kommt es zu einer betrieblich effizienten Bereitstellung von staatlichen Leistungen, da die Bürokratie auf der Grenzkostenkurve KX(X) im Punkt D, d.h. zu den geringst möglichen Kosten ohne Entstehung einer Rente, produziert. Betrachtet man jedoch die Höhe des Outputs, so ist festzustellen, dass XN größer als die volkswirtschaftlich (allokativ) effiziente Menge ist. Diese wird im Punkt XW bereitgestellt, da hier die Grenzkosten gleich der marginalen Zahlungsbereitschaft sind.21

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Migué/Bélanger steigern Bürokraten ihren Eigennutzen auch durch die Erhöhung der Ressourcen im nicht-produktiven Bereich. Konzentrierten sie sich ausschließlich auf die Maximierung ihrer Rente, so führte das zur Produktion der allokativ effizienten Menge des öffentlichen Gutes in Höhe von XW. Hier entspricht das vom Geldgeber zur Verfügung gestellte Budget der Fläche OACXW. Die gesamten tatsächlichen Produktionskosten der Outputerstellung belaufen sich aber nur auf die Fläche OBCXW, so dass ein Überschuss in Größe des Dreiecks ABC entsteht. Dieser wird im in dem von Niskanen beschriebenen Fall dazu verwendet, die zusätzlich anfallenden Kosten CDE für die Produktion der alllokativ ineffizenten Menge XN-XW auszugleichen, da sie nicht durch die Zahlungsbereitschaft gedeckt sind. Migué/Bélanger hingegen gehen davon aus, dass sich die Bürokraten den Überschuss als diskretionäres Budget aneignen. Ihr Angebot ist somit zwar allokativ nicht aber betrieblich effizient, da es zu teuer produziert wird.22

Migué/Belangér gehen weiter davon aus, dass der Nutzen des Bürokraten im Allgemeinen sowohl in der Maximierung des diskretionären Budgets als auch in der Erhöhung des Outputniveaus besteht. Inwieweit ein Büro dann allokativ oder betrieblich ineffizient produziert, hängt von der Präferenz für Rente oder Budget ab. Die Menge des zur Verfügung gestellten Angebots liegt in diesem Fall zwischen XN und XW - in der Abbildung bei XM. Hier tangiert die höchste Indifferenzkurve des Bürokraten die Kurve der Rente. Der Bürokrat hat seinen Nutzen aus Rente und Budget maximiert, das öffentliche Gut wird dabei in zu umfangreicher Menge bereitgestellt und zu überhöhten Kosten produziert.23

4. Die Kontrolle der öffentlichen Verwaltung

Die bisherige Diskussion hat gezeigt, dass öffentliche Verwaltungen ihre Monopolstellung und ihren Informationsvorsprung dazu gebrauchen, ihr Budget und darüber ihren Eigennutzen zu maximieren. Dies hat eine allokativ und/oder betrieblich ineffiziente Produktion von staatlichen Leistungen zur Folge. Im folgenden sollen verschiedene Anreizmöglichkeiten erläutert werden, die die bestehenden Informationsasymmetrien zwischen Prinzipal und Agent reduzieren oder unwirksam machen, um somit eine effizientere Bereitstellung von öffentlichen Gütern zu gewährleisten.

4.1. Kontrolle durch Anreize innerhalb der Bürokratie

Ein möglicher Anreiz für die Bürokratie ihr budgetmaximierendes Verhalten zu reduzieren, kann im verstärkten Wettbewerb zwischen den einzelnen Verwaltungseinheiten bestehen. So obliegt es dem Staat, öffentliche Aufträge auszuschreiben und unter den Angeboten der einzelnen Verwaltungseinheiten dasjenige realisieren zu lassen, das die geringste Ineffizienz verspricht. Andererseits besteht die Möglichkeit, mehrere bürokratische Organisationseinheiten mit gleichen Aufgaben zu betrauen, um ex-post zu ermitteln, welche am effizientesten produziert. In beiden Situationen führt verstärkter Wettbewerb zu einer Einschränkung der monopolistischen Stellung des bürokratischen Angebots. Besteht die Möglichkeit, ein öffentliches Gut durch einen privaten Anbieter produzieren zu lassen, so kann der Druck zur allokativ und/oder betrieblich effizienten Produktion auf die öffentlichen Verwaltungen mittels dieser Konkurrenz noch einmal vergrößert werden. Eine wichtige Voraussetzung für die Einführung des Wettbewerbs besteht jedoch in der Annahme, dass die einzelnen Organisationseinheiten bei der Bewerbung um die jeweiligen Aufträge untereinander bezüglich ihrer Angebote keinerlei Absprachen treffen.24

Mit der Einführung eines ‚Belohnungssystems‘ kann aus Sicht von Niskanen für den Bürokraten ein weiterer Anreiz geschaffen werden, die Differenz zwischen den tatsächlichen und den bürokratischen Kosten zu reduzieren. Gelingt es ihm in einer Periode, die Kosten gemessen am Gesamtoutput zu reduzieren und damit das zur Verfügung stehende Budget nicht voll auszunutzen, so erhält er eine Belohnung in Form eines Bonus. Ein häufig genannter Kritikpunkt des ‚Belohnungssystems‘ besteht in der herrschenden Meinung, dass im öffentlichen Sektor keine monetären Anreize geschaffen werden sollten.25

4.2. Kontrolle durch Anreize außerhalb der Bürokratie

Ein weiterer Anreiz zur Effizienzsteigerung der Bürokratie kann in der Installation einer kontrollierenden Institution bestehen. Diese ist in der Bundesrepublik Deutschland mit den Rechnungshöfen gegeben. Sie sind ebenfalls Teil der öffentlichen Verwaltung und oberste Behörden des Bundes und der Länder. Als unabhängiges Organ der staatlichen Finanzkontrolle sind die Rechnungshöfe jedoch nur dem Gesetz unterworfen. Ihre Mitglieder besitzen richterliche Unabhängigkeit.26 Zwar kontrollieren sie die Haushalts- und Wirtschaftsführung von Bund und Ländern, haben aber keine Möglichkeiten, ihre Vorschläge auch durchzusetzen. Politisch werden die Anregungen der Finanzkontrolleure durch die Haushaltsausschüsse aufgegriffen, die dann selbst entscheiden, inwieweit auf bestimmte Vorschläge einzugehen ist. Weiterhin stellt sich die Frage, nach den Möglichkeiten verwaltungsspezifische Mängel durch eine andere Verwaltung zu eliminieren. Frey/Kirchgässner weisen darauf hin, dass für die Mitglieder der Rechnungshöfe wenig Anreize bestehen, unzureichendes Verhalten von öffentlichen Verwaltungen aufzuklären, solange sie selbst Teil dieser sind.27

Diese Überlegung führt zur Frage nach den Möglichkeiten der Einflussnahme durch die Wähler. Stünde ihnen eine direkte Mitbestimmung bei finanziellen Entscheidungen offen, so wäre eine weitere Kontrollinstanz geschaffen. Vorraussetzung hierfür wäre jedoch ein verbesserter Informationsfluss über Nutzen und Kosten der bürokratischen Aktivitäten, um das Prinzipal-Agent-Problem zwischen Wähler und Staat zu reduzieren.28

5. Schlussbetrachtung

Die ökonomische Analyse der Bürokratie hat gezeigt, dass die Produktion öffentlicher Güter ineffizient ist, weil die Angestellten der öffentlichen Verwaltung dazu neigen, ihren Eigennutzen und daraus resultierend ihr Budget zu maximieren. Als Folge kommt es zu einer überhöhten Ausgabe an finanziellen Mitteln durch den Staat, die wiederum zu einem großen Teil über Steuereinnahmen gedeckt werden müssen.

Sowohl das Niskanen-Modell als auch dessen Weiterentwicklung durch Migué/Bélanger gehen von einer starken Machtposition der Bürokratien gegenüber ihrem Geldgeber aus, die es zulässt das Ziel der Budgetmaximierung zu verfolgen. Demgegenüber ist kritisch anzumerken, dass diese Machtposition als unrealistisch großangenommen wird.29 Diese Aussage soll im folgenden mittels des mehrstufigen Prinzpal-Agent-Verhältnisses erläutert werden, in dem der Politiker als Agent der Wähler und gleichzeitig als Prinzipal der Bürokratie auftritt.30 Politiker verfolgen in erster Linie das Ziel ihrer Wiederwahl, wozu sie einen großen Teil der Wählerstimmen auf sich vereinigen müssen. Diese werden sie aber nur erlangen, solange sich die Höhe ihrer Besteuerungsmaßnahmen in einem für die Wähler akzeptablen Rahmen bewegt. Daraus folgt, dass die Staatsausgaben und damit die zu vergebenden finanziellen Mittel für die Produktion öffentlicher Güter nicht unbegrenzt großsein können. Die Politiker werden also darum bemüht sein, die bestehenden Informationsasymmetrien zwischen ihnen und der Bürokratie durch Investitionen in geeignete Kontrollmaßnahmen wie beispielsweise ein verbessertes Accounting zu reduzieren, um die Steuersätze niedrig halten zu können.

Aus der Überlegung, dass die durch die Regierung zu vergebenden Gesamtbudgets nicht uneingeschränkt großsein können, folgt, dass die einzelnen Büros untereinander im Wettbewerb um knappe Gesamtbudgets stehen. Es kommt es zu einer Schwächung der Monopolstellung der einzelnen Büros. Sie werden die benötigten Mittel daher rechtfertigen und dadurch ihren Informationsvorsprung gegenüber dem Geldgeber reduzieren müssen.31

Unbeachtet blieb bislang die Frage, wie einer Überversorgung an staatlichen Leistungen durch die Bürokratie entgegen zu wirken ist. Die Schwierigkeit besteht hierbei in der Bestimmung der optimalen Versorgungsmenge durch das öffentliche Gut. Geht man davon aus, dass die einzelnen Individuen ihre wahren Präferenzen diesbezüglich kennen und unverfälscht mitteilen, so können sie durch Abstimmung das Regierungsprogramm wählen, das die richtige Bereitstellungsmenge verspricht. Die im ‚Niskanen-Fall‘ angenommene Maximierung von Budget und Gesamtoutput durch die Bürokratie wäre nicht mehr realisierbar. Betrachtet man aber die hohe Zahl derer, die in öffentlichen Verwaltungen beschäftigt sind, so machen sie einen nicht unerheblichen Teil der Wählerstimmen aus. Sie werden dazu neigen, die Nachfrage nach den von ihnen bereitgestellten Gütern und Dienstleistungen zu übertreiben, um sich auf diesem Wege ein möglichst hohes Gesamtoutput bzw. Budget zu sichern. Verstärkt wird dieser Einfluss noch einmal durch den der gut organisierte Interessensverbände. Sie besitzen in der Regel eine besonders hohe Nachfrage nach einem bestimmten öffentlichen Gut. Wird diese durch die Regierung befriedigt, so kann gewöhnlich mindestens der Umfang an Wählerstimmen gewonnen werden, der der Größe der Interessensgruppe entspricht. In diesem Zusammenhang ist zwar ein Abbau der Informationsasymmetrien zwischen Politikern und Bürokraten feststellbar, dieser führt aber nicht zwangsläufig zu einer volkswirtschaftlich effizienten Produktion an öffentlichen Gütern, sondern lediglich zu einer Interessensangleichung der beiden Gruppen.32

Ein weiterer Schwachpunkt der von Niskanen und Migué/Bélanger entwickelten Modelle liegt in ihrer Annahme, Büros seien isolierte Einproduktunternehmen. Dies entspricht nicht der Realität, wo kosten- und leistungsmäßige Verflechtungen unter den einzelnen öffentlichen Verwaltungen beobachtet werden können. Die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten bei der Zurechnung von Kosten auf ihre einzelnen Kostenträger werden von den Bürokraten nicht selten ausgenutzt. Blankart erläutert diesen Sachverhalt an einem besonders anschaulichen Beispiel: Ein Bürokrat kann „jenen Leistungen, die der Politiker intensiv nachfragt, große Kostenblöcke zuordnen und jenen, die er wenig nachfragt, geringe Kostenanteile anlasten.“33 Auf diese Weise können Bürokratien die Zahlungsbereitschaft der Geldgeber für häufig nachgefragte Leistungen voll abschöpfen, um seltener nachgefragte Leistungen damit zu subventionieren. Als Resultat kommt es zu einer nur schwer kontrollierbaren Budgetbzw. Outputmaximierung.34

Abschließend kann festgestellt werden, dass einer Ausdehnung der Bürokratie nur durch umfassende Reformen entgegen gewirkt werden kann. In der Bundesrepublik Deutschland sind erste Schritte mit der zum 1. Juli 1997 in Kraft getretenen Reform des öffentlichen Dienstes gemacht worden. Sie ermöglicht eine teilweise leistungsgerechte Bezahlung der Beschäftigten in der öffentlichen Verwaltung und eine Vergabe von Führungspositionen auf Probe.

Auch ein Herauslösen marktfähiger Elemente aus der Bürokratie und deren privatwirtschaftliche Organisation hat zu einer Verkleinerung der Bürokratie auf besser kontrollierbare Restgrößen geführt.35

Der Verfasser dieser Arbeit ist der Meinung, dass die ökonomische Theorie der Bürokratietheorie einen wichtigen und plausiblen Beitrag zur Erklärung der steigenden Ausgaben des Staatssektors liefert. Die zentrale Annahme, bei den Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung handele es sich eben ‚auch nur um Menschen‘, die in erster Linie ihre persönlichen Ziele verfolgen, wird dabei als besonders realistisch betrachtet. Sie zeichnet ein gutes Bild der Individuen in ihrer Eigenschaft als Homo Oeconomicus, der unter gegebenen Bedingungen den höchsten Eigennutzen anstrebt. Als Resultat daraus ist es dem Staat kaum möglich, eine optimalen Produktion und Allokation seiner öffentlichen Güter zu gewährleisten.

Literaturverzeichnis

Blankart, Charles B.: Öffentliche Finanzen in der Bürokratie, Vahlen, 2001

Lehner, Franz: Einführung in die neue politische Oekonomie, Athenäum-Verlag, 1981

Frey, Bruno und Kirchgässner, Gebhard: Demokratische Wirtschaftspolitik : Theorie und Anwendung, 2. Auflage, Vahlen, 1994

Migué, Jean-Luc und Bélanger, Gerard: Toward a General Theory of Managerial Discretion, in: Public Choice, Vol. 17, 1974

Mueller, Dennis C.: Public choice, Cambridge Univsity Press, 1979

Niskanen, William A.: Bureaucracy and public economics , 2. Auflage, Elgar, 1994

Niskanen, William A.: Bureaucracy - servant or master? : Lessons from America, Institute of Economic Affairs 1973

Niskanen, William A.: Ein ökonomisches Modell der Bürokratie, in: B.S. Frey / W. Pommerehne: Oekonomische Theorie der Politik , Springer-Verlag 1979

Pitlik, Hans: Politische Ökonomie des Föderalismus, Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften Nr. 26, Peter Lang 1997

Wagner, Adolf: Grundlegung der politischen Oekonomie, Erster Theil, Grundlagen der Volkswirthschaft, Wintersche Verlagshandlung, 1892

[...]


1 Demgegenüber ist anzumerken, dass es unmöglich ist, die staatlichen Aktivitäten exakt zu messen. Bei der Berechnung der Staatsquote werden die produzierten Güter nicht zu ihren Marktpreisen, sondern zu ihren Kosten bewertet. Sie stellt damit ein ungenaues Maßfür das staatliche Output dar. (Vgl. Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 177 f.)

2 Vgl. www.iw-koeln.de: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

3 Vgl. Niskanen, W. A. (1973), S. 7

4 Vgl. Niskanen, W. A. (1979), S. 351

5 Vgl. Niskanen, W. A. (1979), S. 352

6 Vgl. Lehner, F. (1981), S. 114

7 Vgl. Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 175

8 Vgl. Niskanen, W. A. (1979), S. 352

9 Vgl. Niskanen, W. A. (1979), S. 356

10 Vgl. Niskanen, W. A. (1973), S. 19

11 Niskanen (1979), S. 359

12 Der Verfasser dieser Arbeit ist der Meinung, der Manager einer Firma in der Marktwirtschaft ziehe Nutzen aus den gleichen wie von Niskanen formulierten Größen. Im Gegensatz zur Bürokratie werden diese jedoch nicht über die Höhe des Budgets, sondern über die Größe des erwirtschafteten Gewinns der Firma bestimmt.

13 Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 181

14 Niskanen, W. A. (1979), S. 363

15 Vgl. Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 181

16 Vgl. Migué, J.-L und Bélanger, G. (1974) S. 28 ff.

17 Vgl. Mueller, D. C. (1979), S. 255

18 Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 183

19 Vgl. Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 181

20 Vgl. Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 184

21 Vgl. Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 184 und Blankart, C. B. (2001), S. 470 ff.

22 Vgl. Migué, J.-L./ Bélanger, G. (1974) S. 27 ff. und Blankart, C. B. (2001), S. 470 ff.

23 Vgl. Migué, J.-L./ Bélanger, G. (1974) S. 27 ff. und Blankart, C. B. (2001), S. 470 ff.

24 Vgl. Niskanen, W. A. (1973), S. 37 ff. und Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 194 f

25 Vgl. Niskanen, W. A. (1973), S. 43 ff.

26 Die Stellung des BRH und seiner Mitglieder sowie seine wesentlichen Aufgaben sind im Grundgesetz verfassungsrechtlich garantiert (Art. 114 Abs. 2 GG).

27 Vgl. Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 196 und Blankart, C. B. (2001), S. 477 ff.

28 Vgl. Frey, B./ Kirchgässner G. (1994), S. 197

29 Vgl. Pitlik, H. (1997), S.174

30 Vgl. Blankart, C. B. (2001), S. 467 ff.

31 Vgl. Blankart, C. B. (2001), S. 473 f.

32 Vgl. Pitlik, H. (1997), S.175 f.

33 Blankart, C. B. (2001), S. 473

34 Vgl. Blankart, C. B. (2001), S. 473

35 Vgl. Blankart, C. B. (2001), S. 479 f.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Die Bürokratietheorie
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Seminar
Note
3,2
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V106928
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bürokratietheorie, Seminar
Arbeit zitieren
Susanne Usdowski (Autor), 2002, Die Bürokratietheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106928

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