Novalis als Zeuge Christi und Verehrer Marias


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

18 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhalt

1. Die Geistlichen Lieder als Ausdruck persönlicher Ergriffenheit
1.1 Zur Entstehung und Bedeutung
1.2 Persönliche Ergriffenheit am Beispiel des ersten Liedes

2. Die Marienlieder
2.1 Das Marienbild des Novalis
2.2 Lied 12: Das kleine Marienlied
2.3 Lied 13: Das große Marienlied

Literatur

1. Die Geistlichen Lieder als Ausdruck persönlicher Ergriffenheit

1.1 Zur Entstehung und Bedeutung

Warum wohl hat Karl Otto Conrady in seinem "... große(n) deutsche(n) Gedichtbuch"[1] neben dem "Lied der Toten" gerade die "Geistlichen Lieder" zum Druck ausgewählt und damit als repräsentativstes Stück der Lyrik Novalis´ empfunden?

Warum nicht eine Auswahl seiner zahlreichen Gedichte oder gar die "Hymnen an die Nacht", die doch den Ruhm des romantischen Dichters erst begründet haben und vielfach interpretiert wurden.

Wohl, um diese Zeugnisse eines besonderen, aber frommen und festen Glaubens als etwas "Exquisites", Auserwähltes zu präsentieren. Denn es handelt sich nicht nur um ein vielfach ausformuliertes poetisches Glaubensbekenntnis, vielmehr kommt ein "Hardenberg´scher Einschlag" hinzu, der sie abhebt von all den anderen Liedern der Kirchengesangbücher. Carl Busse geht sogar so weit, dass er behauptet: "Die ganze erste Romantik hat ausser diesen frommen Liedern nichts geschaffen, was in das Allgemeinleben der Nation aufgegangen wäre" (Busse 1898, S. 45).

Die Überlieferung der 1802 im "Musen-Almanach" (Lieder 1-6) und in den "Schriften" gesammelt erschienenen "Geistlichen Lieder" ist in einigen wichtigen Punkten bisher ungeklärt. Sie stehen offensichtlich in engem Zusammenhang mit den "Hymnen an die Nacht" (1797), in denen der Sehnsucht nach einer höheren Welt, nach der Ewigkeit und schließlich der Preisung der Nacht des Todes als das wirkliche Sein in einer überaus eigentümlichen und zugleich einzigartigen Weise Ausdruck verliehen wird. Bereits dort beginnt eine Zuwendung zu Christus, der erst im Tod das ewige Leben erschließt. Jedoch erreichen sie für Busse niemals die Qualität der Lieder, "die Hymnen sind im Guten und im Schlechten eine romantische DichtungEin Lied aber wie das innige "Wenn ich ihn nur habe,..." wird niemand speziell romantisch nennen. Deshalb sind auch die geistlichen Lieder mit denen keines Mitgliedes der Litteratursippe zu vergleichen. Sie stehen über der Schule." (Busse 1898, S. 46) Es sind die "...innigsten Jesuslieder, die wir besitzen" (ebd., S. 49).

Religiöse Gedichte hatte Novalis bereits als Schüler und Student verfasst, zum Beispiel "Auferstehung". Als junger Mann stand er unter den aufklärerisch-rationalistischen Einflüssen Klopstocks und war vom Elternhaus her mit der "Herrnhuter Brüdergemeine" Graf von Zinzendorfs (1700-1760) bekannt. Dieser hat über 2000 oft improvisierte und sprachlich bizarre pietistische Lieder verfasst und das geistliche Singen als emotionale und gemeinschaftsbildende Glaubensäußerung verstanden.

Keinesfalls soll aber die Annahme entstehen, dass Hardenberg die formalen und inhaltlichen Elemente seiner Vorbilder einfach übernommen hätte. Vielmehr ist es seine eigene religiöse Erfahrung, die zum Tragen kommt, die ihn zum Dichter der "Geistlichen Lieder" erst reifen ließ. Carl Busse hatte sich vergeblich bemüht, "...in dem alten Gesangbuch der Brüdergemeine, das dem Dichter vorlag, Vorbilder und unzweifelhafte Parallelstellen zu den Geistlichen Liedern zu entdecken" (Busse 1898, S. 72). Bei Gerhard Schulz findet sich ein ähnlicher Hinweis: "Die Frage nach Vorbildern ist deshalb wenig von Belang" (2001, S. 641).

Über die Entstehung der "Geistlichen Lieder" gibt es nur wenige Quellen und Zeugnisse, man geht davon aus, dass die ersten 8 ins Jahr 1799 gehören und bezieht sich dabei auf die Handschrift Hardenbergs, die Lieder 9 bis 14[2] sind vermutlich aus dem Frühjahr 1800.

Es gibt nach Schulz einige Anhaltspunkte, aus denen sich die ursprüngliche Zielsetzung schließen läßt, dass Novalis die Absicht hatte, ein "...neues geistliches Gesangbuch" zu schaffen (S. 642). Das Erscheinen der "Reden über Religion" von Schleiermacher im Jahre 1798 war von Novalis mit Spannung erwartet worden und wird oft als ursprüngliche Veranlassung zu den Geistlichen Liedern gesehen. Novalis zeigte sich begeistert und fasste den Plan, zusammen mit Tieck ein Gesangbuch und Predigten herauszugeben. Die Predigten sind im Gegensatz zu den Liedern nie geschrieben worden. Dieser Fakt veranlasst Carl Busse zur Aussage: "Aber die Geistlichen Lieder hat er zustande gebracht. Man sieht, wie der Vers ihm natürlicher war als die Prosa" (Busse 1898, S. 44/45). Die Anzahl der tatsächlich von Novalis als Geistliche Lieder verfassten Texte scheint nicht zwingend mit den 15 (bzw. bei Schulz 14) üblicherweise unter diesem Sammeltitel zusammengefassten übereinzustimmen. Fest steht nur, dass die Lieder in dieser Auswahl von den Freunden Schlegel und Tieck nach Novalis´ Tod gedruckt wurden. Gesichert ist, dass die ersten 6 Lieder, in denen ein gedanklicher Zusammenhang von mehreren Forschern am ehesten nachgewiesen werden konnte, in der heute vorliegenden Anordnung vom Dichter für eine Veröffentlichung im "Athenaeum" vorgesehen waren. Die sog. "Abendmahlshymne" wurde dann von den Herausgebern einfach hinzugefügt. Für die Reihenfolge der restlichen Lieder lässt sich kein überzeugender Grund finden. Gemeinsam mit den ersten 6 wurden sie dann 1802 im Zuge der "Schriften" veröffentlicht. Schulz vermutet, dass zumindest die Lieder 7 und 8 von Novalis als für eine Veröffentlichung ungeeignet empfunden worden seien, da sie in ihrer sprachlichen Gestaltung erheblich hinter den ersten 6 zurückstehen (vgl. 2001, S. 644). Fraglich erscheint ihm auch der Zusammenhang der letzten vier Gedichte mit dem Plan des neuen, geistlichen Gesangbuches zu sein.

In diesen Liedern finden sich nach Wehr verschiedene Elemente der Theologie – pantheistische Teile neben unanfechtbarer Christologie. Die Lehre, dass Gott überall in der Natur sei, dass Gott und die Welt eine Einheit seien, scheint Novalis ebenso vertreten zu wollen wie die Lehre der Person und Natur Christi. Oder aber er legt sich bewusst nicht fest, um keinem dogmatischen Anspruch zu genügen. Dies hatte Busse allerdings bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts anders gesehen. Er verteidigt Novalis gegen den Vorwurf eines unchristlichen Pantheismus in seinen Geistlichen Liedern. Lediglich eine einzige Stelle käme zu dieser Annahme überhaupt in Betracht, nämlich die Zeilen 35/36 des zehnten Liedes: "Aus Kraut und Stein und Meer und Licht / Schimmert sein kindlich Angesicht" (vgl. 1898, S. 50). Und selbst dies stünde nicht im Gegensatz zur Annahme eines persönlichen Gottes (der theistischen Christologie), denn dessen untrennbares Attribut wäre eben auch das der Allgegenwart und Allverwandlungsfähigkeit. Die Phantasie des Novalis mache ihn keineswegs zu einem schlechten Christen (vgl. 1898, S. 51).

Er vertritt deutlich evangelische Auffassungen neben einer starken Neigung zum Katholischen, die vor allem in den vorletzten beiden, den wunderschönen Marienliedern, deutlich wird. Jedoch blieb er Protestant, wohl aber hatten zwei seiner Brüder konvertiert. In Busses Buch findet sich der Verweis auf ein Werk[3] über die protestantische Liederdichtung, in dem bedauert wird, "...dass der Protestant Novalis "leider" als katholischer Dichter geten müsse" (1898, S. 48).

[...]


[1] Karl Otto Conrady: „Der neue Conrady. Das große deutsche Gedichtbuch.“ –Patmos-Verlag, Düsseldorf / Zürich: 2000. S. 356-358

[2] Die Zählung in dieser Hausarbeit bezieht sich auf die Studienausgabe von Gerhard Schulz. In der Historisch-Kritischen Ausgabe von Paul Kluckhohn und Richard Samuel (1977, 3. Auflage) erscheint die sog. Abendmahlshymne als 7. Lied, somit existieren dort 15 Lieder. Mittlerweile wird die Hymne aber aufgrund zeitlicher, formaler und inhaltlicher Hinweise nicht mehr zu den Geistlichen Liedern gezählt. Auch in der benutzten Sekundärliteratur befinden sich die Lieder noch in einer anderen Anordnung. Daher wurden die Titelnummern von mir an die neue Zählung von Schulz angepasst. (vgl. Schulz 2001, S. 644)

[3] Wetzstein: Die religiöse Lyrik der Deutschen im 19. Jahrhundert. Neustrelitz 1892.

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Details

Titel
Novalis als Zeuge Christi und Verehrer Marias
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V10693
ISBN (eBook)
9783638170512
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novalis, Zeuge, Christi, Verehrer, Marias
Arbeit zitieren
Daniela Engelhardt (Autor), 2002, Novalis als Zeuge Christi und Verehrer Marias, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10693

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