Franz Kafkas - Ein Bericht für eine Akademie: Über Rotpeters Sozialisationsprozeß


Seminararbeit, 2001
15 Seiten, Note: 2,0 (gut)

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rotpeters Vergangenheit
2.1 Rotpeters Vergangenheit
2.2 Das Vorleben

3. Rotpeters Wunden und Harmlosigkeit
3.1 Die Harmlosigkeit als Integrationsbedarf und das Paradox der Unschuld

4. Rotpeters Menschwerden

5. Schluß

6. Literaturverweise

‚Ein Bericht für eine Akademie‘

1. Einleitung

Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie 1 erzählt die Geschichte von einem Affen, der während einer Jagdexpedition erschossen und gefangen genommen wurde, und der sich mittlerweile entschieden hat, sich so viel wie möglich in einen Menschen zu verwandeln. Der Text wurde wahrscheinlich zwischen dem 1. und dem 22. April 1917 geschrieben; Kafka wurde vermutlich von einem Artikel aus dem ‚Prager Tageblatt‘ zu dieser Erzählung inspiriert: dieser Artikel berichtet von dem Tagebuch eines dressierten Affens und erschien am 1. April 19172 ; am 22. April schickte Kafka diese und elf andere Prosastücke an seinen Freund Martin Buber, Herausgeber der Monatsschrift ‚Der Jude‘, unter dem gemeinsamen Titel ‚Verantwortung‘. Es wurde auch argumentiert, daß Kafkas Erzählidee auf seiner Kenntnis von zwei Erzählungen von E.T.A. Hoffman beruht3, der sich selbst von M de Cervantes inspirieren ließ4 ; der Zeitungsartikel wäre auf jeden Fall aktueller zur Zeit der Entstehung von dem Bericht. Diese Geschichte wurde erstmals im November 1917 in ‚Der Jude‘ gedruckt. In einem Sammelband ‚Ein Landarzt‘ wurde die Erzählung 1920 in einem Buch gedruckt.

Der Bericht, in der Form eines akademischen Vortrags, wird von einem Affen vorgetragen und diskutiert seine Eingliederung in die menschliche Welt. Die Erzählperspektive ist folglich die des sprechenden Ichs und der schweigenden anderen: der Affe, Rotpeter, wurde von den ‚hohen Herren von der Akademie‘ aufgefordert, einen Vortrag über sein ‚äffisches Vorleben‘ zu halten - doch konnte er das nicht machen, denn dieses Vorleben lag so weit hinter ihm, daß er sich nicht mehr daran erinnern konnte. Statt dessen beschreibt er seinen Sozialisationsprozeß: seine Gefühle nachdem er gefangen genommen wurde, und sein Streben nach dem Menschenleben und die Versuche, sich darin zu integrieren. Diese waren doch nur eine pragmatische Entscheidung - schon früh hat er erkannt, daß der einzige Ausweg aus seiner Gefangenschaft der war, auf seine Vergangenheit bzw. Affenheit zu verzichten und dabei Mensch zu werden.

Diese Verwandlung war scheinbar erfolgreich. Der Affe erreicht die ‚Durchschnittsbildung eines Europäers‘, trinkt Wein und wird von den hohen Herren der Akademie zu einer Rede aufgefordert. Er gibt zu, er hätte keinen Bericht über seine Sozialisation zu erstatten, wenn er seine Stellung in der Menschenwelt ‚nicht bis zur Unerschütterlichkeit gefestigt hätte‘ (S. 201).

Trotzdem wird er auf der anderen Seite nur in der Gesellschaft als eine Art Laune der Natur akzeptiert, insofern als er nur als Künstler im Halbwelt-Milieu des Varietés seinen Lebensunterhalt bekommen kann bzw. sucht: Sein vollkommener Verzicht auf den Eigensinn bzw. seine Vergangenheit als wildes Tier und seine scheinbare Unterdrückung jeder Art von Rachegefühlen sowie Verärgerung über sein Schicksal und Verlust der Freiheit sind etwas künstlich und lassen die Frage offen stehen, ob Rotpeters Eingliederung in die menschliche Gesellschaft eine erfolgreiche Geschichte ist, oder eine Geschichte der Unterdrückung und des Verlusts des Selbst ist. Das größte Paradox ist der Verzicht auf die ursprüngliche Freiheit des Tieres, die er durch die beschränkte Freiheit der Menschenwelt zu ersetzen versucht.

In diesem Aufsatz wird Rotpeters Sozialisationsprozeß von dieser Perspektive aus untersucht. Daraus können wir schließen, daß dieses Tier zwar erfolgreich als Mensch sein kann, aber um diesen Zweck zu erreichen, hat er einen großen Teil seiner eigenen Selbsts geopfert bzw. sich unterdrücken lassen. Er behauptet, er habe freiwillig auf sein Affentum verzichtet, aber er war dadurch zu einer Art endlosen Gefangenschaft gezwungen.

2. Rotpeters Vergangenheit

‚ Laßt mich vergessen, daßauch hier die Welt

So manch Geschöpf in Erde-Fesseln hält. ‘

(Goethe: ‚Ilmenau, am 3. September 1783‘5 )

Rotpeter wurde von der Akademie gebeten, über sein ‚äffisches Vorleben‘ zu sprechen. Zunächst mußte er das doch ablehnen: Seit fünf Jahren sei er kein Affe gewesen, und er erzählt, daß diese Zeit, obwohl objektiv als relativ kurz betrachtet werden kann, für ihn eine Ewigkeit sei. Er kann sich nicht mehr an sein Vorleben erinnern - seine Verwandlung in einen Menschen hat ihn dazu gezwungen, seine Vergangenheit aufzugeben:

Diese Leistung wäre unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch. (S. 200)

Rotpeters Vergangenheit ist höchst symbolisch: das Idealbild des Wildtiers ist von unbeschränkter Freiheit und dieses wird von Rotpeter bestätigt. Als ein Affe, der laut Darwinistischen Evolutionstheorien der Vorgänger aller Menschen betrachtet werden darf, scheint er grundsätzlich dazu fähig zu sein, Mensch zu werden; Rotpeter begeht so eine Verwandlung innerhalb ein paar Jahren. Die Evolution der Urmenschen war selbst ein Verzicht auf diese wilde Freiheit: laut Rotpeter, ‚kein Bau würde standhalten vor dem Gelächter des Affentums‘ (S. 204) beim Anblick der Menschenfreiheit. Das Affensein bezeichnet also den vordaseinsmäßigen Stand in der Freiheit des Seins6. Doch nachdem er gefangen genommen worden war, sagte Rotpeter, er war ‚zum ersten Mal in [s]einem Leben ohne Ausweg‘.

2.1 Rotpeters große Entscheidung

Auf der Suche nach einem Ausweg mußte Rotpeter sich entscheiden, was für einen Weg er sucht. Seine Gefangenschaft in einem Schiff war unerträglich - er war in einem Käfig an einer Kistenwand eingesperrt. Er erkannte aber, daß ‚Affen gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand‘. (S. 203) Deswegen hatte er zwei Alternativen; entweder Affe zu bleiben, d.h. Flucht, über Bord springen und ersaufen im Weltmeer; oder aufzuhören, Affe zu sein und dabei nicht mehr an die Kistenwand zu gehören. Er trifft eine große Entscheidung: ‚nun, so hörte ich auf, Affe zu sein‘. (S. 203) Heinz Ide betrachtet Rotpeters Entscheidung als eine zwischen ‚Sein‘ und ‚Dasein‘. Er beschreibt die Paradoxen von Rotpeters Suche nach einem Ausweg sehr treffend:

Die Entscheidung für das Sein bedeutet Selbstaufgabe des Daseins, die des Daseins für das In-der-Welt-sein heißt Absage an das Sein, an den Ursprung, an die Eigentlichkeit, sie führt tiefer in das Verirrtsein. Jedes Dasein also hat sich - unbeschadet des unaufhörlichen An-wesens von Sein in ihm und der permanent geforderten Entscheidung zwischen Sein und Dasein - je schon für die Seinsferne, für die Uneigentlichkeit, für das Verirrtsein entschieden; andernfalls hätte es aufgehört, Dasein zu sein. [Weil Rotpeter bei einem Fluchtversuch sicher ums leben gekommen wäre, hätte] ... die Entscheidung für das Sein ... nur vollzogen werden können im Untergang der Existenz 7.

Der Verzicht auf das Sein ist der erste Schritt bei Rotpeters Sozialisationsprozeß. Er gibt zu, als Anhänger jener Freiheit hätte er ‚gewiß das Weltmeer dem Ausweg vorgezogen‘ (S. 206), aber statt dessen läßt er sein freies Sein durch ein unfreies Dasein ersetzen. Als Einstiegspunkt in die Menschenwelt ist dies kein positiver Anfang. Außerdem bleiben Aspekte seiner Vergangenheit noch da, die für seinen Sozialisationsprozeß weiterhin einflußreich sind.

2.2 Das Vorleben

Das eigentliche Thema des Berichts, Rotpeters ‚äffisches Vorleben‘ wird nie behandelt und bleibt weiterhin eine ‚Leerstelle‘. In seiner Abwesenheit ist dieses rätselhafte Vorleben sogar auffälliger als wäre es da zu betrachten - zwar spricht Rotpeter von seiner ehemaligen äffischen Freiheit, aber dieses Freiheitsbild und andere Bemerkungen über seine Vergangenheit werden immer durch Modaladverbien wie ‚vielleicht‘ relativiert; seine alten Erinnerungen sind nicht mehr zugänglich8. Rotpeters Prozeß der Sozialisation ist selbst wichtiger, weil wir nichts Konkretes von seinem Anfang wissen können. Jedoch gibt es zwei Beweisstücke des Anfangs dieses Prozeß, die nicht in Vergangenheit zu geraten sind: Rotpeters Wunden. Rotpeter wurde als ein ‚self- made man‘ beschrieben, der seine Freiheit gegen Sicherheit und materiellen Erfolg eingetaucht hat, aber seine Wunden werden ihn immer an diesen Verzicht auf seine ehemalige Freiheit erinnern.9

3. Rotpeters Wunden und Harmlosigkeit

Zwei Schüsse von der Jagdexpedition trafen Rotpeter: Der erste in die Wange, der eine große ausrasierte rote Narbe hinterließ, aufgrund dessen Rotpeter seinen Name bekam. Der zweite Schuß traf ihn unterhalb der Hüfte, infolgedessen er immer noch hinkt. Die Narben bzw. die Folgen dieser Schüsse sind nicht, wie normale, gut geheilte Wunden blaß und glatt, sondern rot und ausrasiert. Wegen seines Hinkens ist sogar seine Mobilität, also Freiheit wie sie von Menschen wahrgenommen wird, beschädigt - im starken Gegensatz zu seiner Vergangenheit als freier Affe. Diese Folgen müssen ständig gezeigt werden. Die rote Narbe, die ihm seinen Name ‚Rotpeter‘ gegeben hat, ist nicht nur ein Teil seines Aussehens, sondern wie der Name ein Teil der Identität wird, wird die Narbe selbst ein Teil seiner Identität in der Menschenwelt. Wegen des unverheilten, roten Aussehens ist ein Konflikt in dieser Identität zu vermuten.

Diese häßliche Narbe markiert Rotpeter für die Ewigkeit als Außenseiter; vielleicht wie das Zeichen von Kain könnte diese Narbe auch als ein Beweis für Rotpeters Verzicht auf Rache betrachtet werden: Nachdem er seinen Bruder umgebracht hatte, bekam Kain ein Zeichen auf der Stirn, das ihn sowohl vor Rache schützte als ihn auch als Mörder bezeichnete: ‚... der Herr machte ein Zeichen an Kain, daß ihn niemand erschlüge, wer ihn fände‘.10 Die Narbe könnte sowohl als ein brandmarkendes Zeichen seiner Unvollkommenheit, so offensichtlich, daß er seinen unbeliebten Namen davon bekam, als auch als eine Ermahnung an Rotpeter, keinen Rache zu begehen interpretiert werden.

3.1 Die Harmlosigkeit als Integrationsbedarf und das Paradox der Unschuld

Die psychosexuellen Aspekten von Rotpeters Verwundung werden seit lange diskutiert. Der Schuß, der ihn ‚unterhalb der Hüfte‘ traf, hat ihn entmaskuliert. Seine Hosen darf er vor Besuchern ausziehen, meint er, weil es dort nichts zu sehen außer ‚wohlgepflegten Pelz und die Narbe nach einem ... frevelhaften Schuß‘ (S. 202) gebe. Hellmuth Kaiser hat bereits 1931 Rotpeters ‚Kastrationserlebnis‘ als Ausgangspunkt für eine psychoanalytische Interpretation des Berichts und seines Autors benutzt11. Was in diesem Aufsatz am meisten interessant sind, sind die praktischen Folgen dieser Wunde, nämlich, Rotpeter kann keine Affen-Jungen mehr zeugen. Die Fähigkeit, sich zu vermehren, ist ein gründlicher Aspekt jeder Tierart, Affe sowie Mensch. Der Verzicht darauf, wozu Rotpeter durch diesen ‚frevelhaften‘ Schuß gezwungen wurde, ist noch ein Symbol für seinen vollkommenen Verzicht auf seine Affenheit. Es zeigt ihn auch als impotent bzw. harmlos - das wilde Tier, das jedes Recht auf Rache hätte, ist sowieso impotent und machtlos. Diese Tatsache erzählt er der Akademie; er widerspricht den Windhunden, seine Affennatur sei noch nicht ganz unterdrückt - er behauptet ,Beweis dessen sei, daßich, wenn Besucher kommen, mit Vorliebe die Hosen ausziehe, um die Einlaufstelle jenes Schusses zu zeigen... Ich, ich darf meine Hosen ausziehen, vor wem es mir beliebt; man wird dort nichts finden... ‘ (S. 202).

Dieses Handeln scheint, einen absichtlichen Schritt, seine Impotenz bzw. Harmlosigkeit zu beweisen; Rotpeter ist offensichtlich beleidigt von dem Vorschlag, seine Affennatur sei nicht ganz unterdrückt. Seine Bereitschaft, die Hosen auszuziehen ist aber auch ein Zeichen seines abwesendes Schamgefühls und ein Hinweis auf seiner Affenvergangenheit: Rotpeter tragt Hosen, um sich den Gewohnheiten der Menschen anzupassen, obwohl er meint, er habe keinen Grund, sich zu schämen. Im Garten Eden haben Adam und Eva sich erst angezogen, nachdem sie das verbotene Obst gegessen hatten und die Unschuld verloren12 - vielleicht ist Rotpeters Offenheit ein Zeichen seiner noch erhaltenen tierischen Unschuld. Mit dieser Unschuld gebunden ist der Handschlag: Rotpeter berichtet, daß das erste, was er als Mensch gelernt hatte, war der Handschlag. Er gibt selber zu, daß der Handschlag ‚Offenheit‘ bedeutet (S. 201) und mit einer freundlichen Geste zeigt er Harmlosigkeit. Rotpeters Widerwillen, den Schuß als ‚frevelhaft‘ zu beschreiben und seine Angst, daß diese Beschreibung mißverstanden werden könnte zeigen noch mal, daß er als harmlos und ohne Rachegefühle betrachtet werden will. Sogar sein Gebiß ist nicht mehr gefährlich: er berichtet, daß er mit seinen Zähnen, die einmal es schafften, im Laufe der Zeit das Türschloß durchzubeißen, bei gewöhnlichen Nüsseknacken vorsichtig sein muß. Diese Harmlosigkeit ist selbst ein wichtiger Aspekt Rotpeters Sozialisationsprozeß.

Es entsteht hier ein Paradox: Als sprechendes Tier bzw. Mensch verliert Rotpeter in den Augen des Volks die Unschuld, die traditionell der Natur zugeschrieben wird. Die sprechende Schlange, die ‚listiger denn alle Tiere auf dem Felde‘ war, hat Eva in Versuchung gebracht und wurde deswegen von Gott ‚verflucht ... vor allem Tieren‘13. Sprechende Tiere sind verdächtig - besonders die, die Anspruch auf Rache haben könnten. Rotpeter lehnt doch Rache früh ab - er berichtet, daß er ‚mit dem Führer [der Jagdexpedition, die ihn angeschossen hat] ... seither schon manche gute Flasche Rotwein geleert‘ hat (S. 201). Er bezeichnet sich gleichzeitig sowohl als zivilisierten als auch als vergebenden Menschen. Seine Wildheit, die ihm einmal ein Sturm war, ‚der [ihm] aus [s]einer Vergangenheit nachblies,‘ ist heute nur noch ein Luftzug, ‚der mir die Fersen kühlt.‘

Schon am Anfang seiner Haft hat Rotpeter ‚außergewöhnlich wenig Lärm‘ gemacht. Man ginge davon aus, sagte er, daß ihm entweder nicht wohl war, oder daß er ‚sehr dressurfähig‘ sein werde. Ruhe war auch ein Teil Rotpeters Überlebensstrategie:

Heute sehe ich klar: ohne gr öß te Ruhe hätte ich nie entkommen können. Und tatsächlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden bin, der Ruhe, die mich nach den ersten Tagen dort im Schiffüberkam. Der Ruhe wiederum aber verdankte ich wohl den Leuten vom Schiff. (S. 204)

Rotpeter relativiert die Gewalt: sogar an seine Gefangenschaft im Schiff unter fast unerträglichen Zuständen hat er noch gute Erinnerungen; Rotpeters Lehrer, der die brennende Pfeife ans Fell hielt, war ‚nicht böse‘.

4. Rotpeters Menschwerden

Weder Rache noch der Wunsch, ipso facto Mensch zu werden waren Teile von Rotpeters Ausweg. Er ahmte die Menschen nach, weil er den Ausweg wollte, und sowohl im Gitterkäfig als auch bei seiner späteren Ausbildung hat er eigensinnig diesen Zweck verfolgt. Er ‚verbrauchte‘ seine Lehrer, einige gleichzeitig, um sein Ziel zu erreichen. Er sagt, eindeutig:

‚ es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen; ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund. (S. 208).

Im Käfig am Schiff stand Rotpeter mit seinem Gesicht zur Wand: er wollte niemanden sehen und im Dunkeln bleiben. Nach seinem Entschluß, Mensch zu werden, lernte er Spucken, Pfeife rauchen und Schnaps trinken. Mit seinen Lehrern lernte er ‚rücksichtslos‘, um ins Varieté kommen zu können und den Ausweg zu finden. ‚Rücksichtsloses‘ Lernen ist eine außergewöhnliche Beschreibung; demnächst fragt man sich, worauf Rotpeter beim Lernen Rücksicht haben sollte. Vielleicht hätte er über den Verlust seiner Affenheit, der eine Folge seines Wissensuchts war. Trotzdem gebraucht er seine Lehrer affenmässig: in fünf aufeinanderfolgenden Zimmern wurde es gleichzeitig unterrichtet, während Rotpeter ununterbrochen aus einem Zimmer ins andere sprang.

Rotpeter hat seinen Ausweg gefunden. Als Mensch ist er aus dem Käfig gekommen und wegen seiner Bildungslust hat er, ‚durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der Erde nicht wiederholt hat‘, die Durchschnittsbildung eines Europäers erreicht. Das sei nicht so viel, meint er, außer daß es ihm aus dem Käfig half. Ebenso ist Rotpeter trotz seiner hervorragenden Leistung nicht zufrieden. Er beschreibt seine jetzigen Zustände als eine Routine ohne Emotion: ‚kommt Besuch, empfange ich ihn... am Abend ist fast immer Vorstellung‘ (S. 210). Rotpeter will nicht klagen, doch sei er nicht zufrieden. Sogar die ‚kleine, halbdressierte Schimpansin', die auf ihn abends wartet, befriedige ihn nicht. ‚Bei Tag will ich sie nicht sehen‘, sagt Rotpeter. Der Bericht endet mit der Erklärung ‚ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet‘ (S. 210). Solche Worte, völlig ohne Emotion, weisen darauf hin, daß Rotpeters Emotionen, wie seine Vergangenheit, eine Leerstelle sind. Er hat seinen Menschenausweg nur genommen, weil die Freiheit nicht zu wählen war: Seine Tage im Käfig am Schiff sind vorbei, aber die Welt der Menschen ist für ihn nur ein beschränkter Ausweg.

5. Schluß

Die Geschichte von Rotpeter ist eine von Zwang, Gefangenschaft und Widerspruch. Die Freiheit des Walds verliert er für immer nach dem ersten Schuß der Jagdexpedition, der ihn traf. Als Alternative zur Gefangenschaft im Käfig hat er sich entschieden, auf seine Affenheit zu verzichten. Trotz seines großen Strebens danach, kann er nicht als Mensch akzeptiert werden: die Narbe auf seiner Wange bzw. sein Hinken führen dazu, daß er immer die Geschichte seiner Gefangenschaft tragen muß, obwohl er sich nicht mehr an seine persönliche Geschichte erinnern kann. Auf einer Seite verliert er seine tierische Unschuld als er sprechen lernt und Mensch wird, aber auf der anderen Seite mangelt es ihm an Schamgefühl - ein Zustand, der selbst ihn als tierisch bezeichnet.

Rotpeters Ausweg, den er als Alternative zur Gefangenschaft gewählt hat, ist doch ebenso eine Art Gefangenschaft. Als Künstler wird er als sprechendes Tier und nicht als ein Geschöpf mit der Durchschnittsausbildung eines Europäers geschätzt. Er findet Zufriedenheit weder zu Hause mit seiner Lebensgefährtin, eine Artgenössin, mit der er nur einen Teil seiner Existenz teilen kann, noch in seiner großen Beliebtheit in dem öffentlichen Leben.

6. Literaturverweise

- Binder, Hartmut Kafka: Kommentar zu sämtlichen Erzählungen München: Winkler Verlag
- Binder, Hartmut (Hrsg) Kafka-Handbuch 2Bde, Bd 2: ‚Das Werk und seine Wirkung‘, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1979
- Goethe, Johann Wolfgang von Gedichte 1756-1799 (Bd. 1) hrsg. Von Karl Eibl, Frankfurt am M. 1987 (Frankfurter Ausgabe)
- Herwig, Henriette: ‚“...so gerne ich auch Bilder wähle für diese Dinge“. Das Bild in Text und Film in Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“‘ in Zweig, Adam (Hrsg): Symbolforschung mit politischen, religiösen undästhetischen Ausdrucksformen Bern: Peter Lang 1988 SS. 101 - 116
- Ide, Heinz ‚Existenzerhellung im Werke Kafkas‘ in Heintz, Günter (Hrsg) Zu Franz Kafka, LGW Interpretationen, Stuttgart: Klett 1983
- Kafka, Franz ‚Ein Bericht für eine Akademie‘ in dsb Erzählungen Hrsg von Müller, Michael, Stuttgart: Reclam; SS 200 - 210
- Koch, Hans-Gerd ,Ein Bericht für eine Akademie‘ in Müller, Michael (Hrsg) Franz Kafka: Romane und Erzahlungen Stuttgart: Reclam 1994 SS 173 - 196
- Schulz-Behrend, George: ‚Kafkas >Ein Bericht für eine Akademie< An Interpretation‘, in Monatshefte 55 (1963) SS. 1-6

[...]


1 Kafka, Franz ‚Ein Bericht für eine Akademie‘ in dsb Erzählungen Hrsg von Müller, Michael, Stuttgart: Reclam; SS 200 - 210. Alle Seitenangaben in diesem Aufsatz sind zu diesem Ausgabe.

2 Vgl. auch dazu Binder, Hartmut Kafka: Kommentar zu sämtlichen Erzählungen München: Winkler Verlag 1975 S. 226

3 ibid, S. 226. Siehe Hoffmanns Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza und Nachricht von einem gebildeten jungen Mann in Hoffman, ETA. Fantasie- und Nachtstücke München: 1962.

4 Neumann, Gerhard ‚Die Arbeit in Alchimistengäßchen (1916-17)‘ in Binder, Hartmut (Hrsg) Kafka-Handbuch 2Bde, Bd 2: ‚Das Werk und seine Wirkung‘, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1979 SS. 332-333

5 Goethe, Johann Wolfgang von Gedichte 1756-1799 (Bd. 1) hrsg. Von Karl Eibl, Frankfurt am M. 1987 (Frankfurter Ausgabe), Vers 13-14

6 Ide, Heinz ‚Existenzerhellung im Werke Kafkas‘ in Heintz, Günter (Hrsg) Zu Franz Kafka, LGW Interpretationen, Stuttgart: Klett 1983, SS. 29-63; S. 33

7 ibid, SS. 33-34

8 Herwig, Henriette: ‚“...so gerne ich auch Bilder wähle für diese Dinge“. Das Bild in Text und Film in Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“‘ in Zweig, Adam (Hrsg): Symbolforschung mit politischen, religiösen undästhetischen Ausdrucksformen Bern: Peter Lang 1988 SS. 101-116, hier SS. 104-105

9 Schulz-Behrend, George: ‚Kafkas >Ein Bericht für eine Akademie< An Interpretation‘, in Monatshefte 55 (1963) SS. 1-6

10 1 Mose 4; Verse 15 Luther Bibel 1545

11 Siehe Kaiser, Hellmuth: ‚Franz Kafkas Inferno. Ein psychologische Deutung seiner Strafphantasie‘ in Imago 17 (1931) SS. 41-103. Zitiert in Koch (op cit) S. 184

12 1 Mose 3; Verse 7

13 1 Mose 3; Verse 1 u. 14 Luther Bibel 1545

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas - Ein Bericht für eine Akademie: Über Rotpeters Sozialisationsprozeß
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
PS: Novellistisches Erzählen
Note
2,0 (gut)
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V106956
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Kafkas, Bericht, Akademie, Rotpeters, Sozialisationsprozeß, Novellistisches, Erzählen
Arbeit zitieren
Stuart Gregory (Autor), 2001, Franz Kafkas - Ein Bericht für eine Akademie: Über Rotpeters Sozialisationsprozeß, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106956

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