Bundesaußenminister und Vizekanzler Joschka Fischer steht zur Zeit der Abfassung
dieser Arbeit aufgrund seiner systemoppositionellen Vergangenheit in den
70er Jahren unter massivem innenpolitischen Druck: Nahezu täglich kommen neue
Vermutungen über Fischers Beteiligung an gewaltsamen Aktionen auf, die Rede
ist von einem Untersuchungsausschuß, und sogar ein Ermittlungsverfahren wegen
Falschaussage ist eingeleitet worden. Dies ist Thema in überregionalen Print- und
Rundfunkmedien.
Weniger Berücksichtigung in der Öffentlichkeit finden hingegen die jüngst publik
gewordenen Erkenntnisse über Fischers Rolle beim Krieg der NATO gegen Jugoslawien,
den beispielsweise der CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer einen
„ordinären Angriffskrieg“1 nennt und der mit „offenkundigen Unwahrheiten“2 und
Lügen „in unvorstellbarem Ausmaß“3 legitimiert worden zu sein scheint. Dieser
Sachverhalt steht in krassem Widerspruch zu den Gründen, die auch von Fischer
für den Krieg vorgebracht worden sind.
Interessant erscheint daher, sich mit Fischers Verhältnis zu zwei Phänomenen auseinanderzusetzen,
zu denen er in seinem Leben schon zwei sehr unterschiedliche
Auffassungen vertreten hat: (Staats-)Macht und Gewalt. Was bewog Fischer in
den 70er Jahren, die Staatsmacht zu bekämpfen und gegen den Staat gerichtete
Gewalt zumindest nicht prinzipiell zu verdammen, wie kam der Umschwung zustande,
der darin endete, daß Fischer als Außenminister staatliche Macht und Gewalt
gegen einen anderen Staat ausgeübt hat?
Der Begriff „Gewalt“ wird hier verstanden als Zufügung körperlicher Schmerzen.
Ausübender von Gewalt kann daher theoretisch jeder Mensch sein, verantwortlich
für die Ausübung von Gewalt aber auch jemand, der ohne negative Konsequenzen
für sich selbst anderen die Ausübung von Gewalt gegen andere Menschen befehlen
kann.
Der Begriff „Macht“ wird hier verstanden als Möglichkeit, Gewalt gegen andere
Menschen auszuüben oder zu befehlen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.
1 Zit. nach: „Von Konkret“ (Editorial), in: Konkret Nr. 3/2001, S. 4.
2 Hamburger Abendblatt, zit. nach: ebd.
3 Die Presse, zit. nach: ebd.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Fischers Vergangenheit und die öffentliche Auseinandersetzung damit
3. Fischers Rolle im Krieg der NATO gegen Jugoslawien
4. Bilanz: Ein männerbündischer Erfolgsmensch
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung des Politikers Joschka Fischer in Bezug auf sein Verhältnis zu Macht und Gewalt, ausgehend von seiner systemoppositionellen Vergangenheit in den 1970er Jahren bis hin zu seiner Rolle als Außenminister während des Kosovo-Krieges.
- Analyse der politischen Sozialisation in der Frankfurter Sponti-Szene.
- Untersuchung der Wandlung von militanter Opposition hin zur staatlichen Machtausübung.
- Kritische Beleuchtung der Legitimationsgrundlagen für die Beteiligung am NATO-Einsatz im Kosovo.
- Vergleich der persönlichen Haltung zu Gewalt und Macht in unterschiedlichen Lebensphasen.
Auszug aus dem Buch
Fischers Vergangenheit und die öffentliche Auseinandersetzung damit
Joseph Fischer wird 1948 als Sohn eines Metzgers im südhessischen Langenburg geboren. Die Schule bricht er nach der zehnten Klasse ab, und auch zwei Fotografenlehren beendet er nicht. Er verläßt seine Eltern als Minderjähriger und landet nach Jahren des Umherstreunens (einmal gelangt er gar bis nach Kuwait) 1968 in Frankfurt, der damaligen „Hauptstadt der Revolution“ – nicht zufällig, denn Fischer hat bereits in Stuttgart an einer Trauerdemonstration anläßlich des Todes von Benno Ohnesorg teilgenommen und gibt später zu Protokoll, die Schüsse in Berlin hätten ihn „aufgeweckt“.
Fischer tut mit seiner Teilnahme an einem alternativen Proseminar über Adorno und an einer Lenin-Vorlesung von Oskar Negt, seiner intensiven Marx- und Hegel-Lektüre und seiner Arbeit im größten linken Buchladen der Stadt nichts wirklich Außergewöhnliches. Aber durch Bücherklau, Schlagfertigkeit und rhetorische Fertigkeiten wird Fischer bald in ganz Frankfurt bekannt und ist Kontaktperson wichtiger Leute der Studentenbewegung wie Daniel Cohn-Bendit und Hans-Jürgen Krahl. Aus Ehrgeiz trainiert er sich Fachwissen in politischer Theorie an und übt immer wieder das Argumentieren in größeren Gruppen. Aber bei Diskussionen fällt er auch schon einmal dadurch auf, daß er neben dem Podium steht und Redner mit Zischenrufen verunsichert – z.B. „Red doch mal inhaltlich!“ oder „Nimm die Hand aus dem Maul!“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der systemoppositionellen Vergangenheit Joschka Fischers und seinen späteren Wandel hin zur Ausübung staatlicher Macht und Gewalt im Kontext des Kosovo-Krieges ein.
2. Fischers Vergangenheit und die öffentliche Auseinandersetzung damit: Das Kapitel beschreibt den Werdegang Fischers in der Frankfurter Sponti-Szene, seine Beteiligung an militanten Aktionen und die spätere Distanzierung von diesen Positionen.
3. Fischers Rolle im Krieg der NATO gegen Jugoslawien: Hier wird der politische Aufstieg Fischers bis zum Außenamt und sein maßgeblicher Einfluss auf die Entscheidung zur deutschen Beteiligung am Kosovo-Krieg sowie die kritische Aufarbeitung der dabei vorgebrachten Legitimationsgründe dargelegt.
4. Bilanz: Ein männerbündischer Erfolgsmensch: Das Schlusskapitel zieht eine Bilanz und charakterisiert Fischer als einen Machthaber, der für seinen gesellschaftlichen Aufstieg seine einstigen politischen Prinzipien zugunsten des Erhalts von Macht und Einfluss revidiert hat.
Schlüsselwörter
Joschka Fischer, Macht, Gewalt, Sponti-Szene, Kosovo-Krieg, NATO, Außenpolitik, Systemopposition, Militanz, politische Biografie, Legitimierung, Jugoslawien, Machtanspruch, Transformation, Grünen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die politische Entwicklung von Joschka Fischer, insbesondere den Widerspruch zwischen seiner militanten Vergangenheit in den 1970er Jahren und seinem späteren Handeln als Außenminister während des NATO-Einsatzes im Kosovo.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Rolle von Gewalt als politisches Mittel, der Wandel von der Systemopposition zur Regierungsbeteiligung, die Rolle von Machtstreben im politischen Lebenslauf sowie die öffentliche Kommunikation und Rechtfertigung von Kriegen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Motive und die Konsistenz von Fischers politischem Handeln zu hinterfragen und den Umschwung von der Ablehnung staatlicher Gewalt hin zur deren aktiven Ausübung zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer deskriptiven Analyse, die sich auf Literaturrecherchen, Berichte aus Printmedien, Interviews und Zeitzeugenaussagen stützt, um ein kritisches Bild von Fischers politischer Laufbahn zu zeichnen.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der frühen Frankfurter Zeit (Sponti-Szene), den Aufstieg innerhalb der Grünen und die detaillierte Darstellung seiner Rolle und Argumentation im Kontext des Kosovo-Krieges.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Analyse wird durch Begriffe wie Macht, Gewalt, politische Transformation, militanter Kampf, Legitimationskrise und Systemopposition geprägt.
Wie bewertet die Autorin die Bedeutung des Falls "Racak"?
Die Autorin stellt Racak als zentralen Wendepunkt in Fischers Argumentation für die Beteiligung am Kosovo-Krieg dar, hinterfragt jedoch die von Fischer vertretene Version des Massakers anhand forensischer Erkenntnisse und interner Berichte.
Warum wird im Fazit von einem "männerbündischen Erfolgsmenschen" gesprochen?
Der Begriff resultiert aus der Beobachtung, dass Fischer seine politischen Wege maßgeblich in von Männern dominierten Strukturen bestritt und sein Handeln primär auf die Erlangung und Sicherung von Macht ausgerichtet war.
- Citar trabajo
- Marie Kuster (Autor), 2001, Vom Frankfurter ,,Sponti" zum Außenminister: Das Verhältnis des Politikers Joschka Fischer zu Macht und Gewalt, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107013