Die Haltung der Reichsregierung gegenüber dem britischen economic appeasement und der Politik A. Neville Chamberlains


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

24 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Economic Appeasement

3.1 Der deutsch-britische Außenhandel vor und nach dem 1. Weltkrieg
3.2 Weltwirtschaftskrise und Schutzzollpolitik 1929/32
3.3 1933-36 Die ersten drei Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft und das Verhältnis zu Großbritannien
3.4 Von der Wahl N. Chamberlain bis zur Invasion Polens

4. Woran scheiterte die Appeasement-Politik?

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die als Appeasement bekannte britische Außenpolitik gegenüber dem nationalsozialistischem Deutschland, mit dem Ziel Spannungen auf dem Verhandlungsweg abzubauen und militärische Konflikte zu verhindern, hat seit geraumer Zeit seinen Beigeschmack einer Politik der Schwäche und der grenzenlosen Beschwichtigung verloren. Das der ökonomische Aspekt, das sogenannte „Economic Appeasement“, dabei eine herausragende Rolle gespielt hat ist unumstritten, wenn auch der Grad des Einfluss von Wirtschaft und Finanzen verschieden beurteilt wird. Bernd Jürgen Wendt schreibt ihm meines Erachtens nach in seiner Monographie „Economic Appeasement. Handel und Finanz in der britischen Deutschland- Politik 1933-1939“1 jedoch eine etwas zu exponierte Stellung zu. Dennoch basiert diese Arbeit zum Teil auf seiner sehr detaillierten Studie. Andere freilich neigen dazu den Fokus zu sehr auf die rein politische Ebene zu lenken. Einleitend werde ich eine kurze Definition der Begriffe Appeasement und Economic Appeasement geben, ohne den Anspruch alle Facetten hinreichend zu erleuchten. Das der Begriff Appeasement sich in mehr als diese zwei Bereiche, politisch und ökonomisch, aufteilen lässt die sich gegenseitig bedingen, erwähnt sei hier nur das Colonial Appeasement, ist allgemein bekannt.

Ohne einen Rückblick auf den zwischenstaatlichen Güterverkehr vor Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft, hier beginnend mit dem letzten Vorkriegsjahr 1913, und seiner Entwicklung unter den Bedingungen der Nachkriegszeit, der Weltwirtschaftskrise und der britischen Wendung zum Protektionismus, lässt sich die Bedeutung der britischen Bemühungen um Frieden und einen gesicherten Außenhandel nicht schlüssig erläutern. Die Bemühungen der britischen Regierungen unter Baldwin und Chamberlain sind eng mit dem Selbstverständnis Großbritanniens als einer Handels- und Finanznation verknüpft. Die Chronologie der Ereignisse wird soweit möglich gewahrt, um eine Trennung von wirtschaftlichen und politischen Sphären, sofern sie nicht tatsächlich vorhanden waren, zu vermeiden.

Die im Titel der Arbeit herausgestellt Position der „Haltung der Reichsregierung“ muss indes bisweilen vernachlässigt werden, da die Rolle der selbigen in der Regel eine passive, also eher die einer „umworbenen“ Partnerin war. Hinzu kommt, dass die meisten Veröffentlichung englischen Ursprungs sind; einmal abgesehen von Wendt, der sich allerdings auch deren Sichtweise annimmt. Die in der unmittelbaren zeitlichen Umgebung der Münchener Konferenz angesiedelten Ereignisse werden knapp zusammengefasst und nur im Hinblick auf ihre Auswirkungen und Wurzeln auf und in der politischen Konzeption Chamberlains untersucht.

Im Anschluss wird versucht werden die Frage nach den Gründen für das Scheitern der Appeasement-Politik zu beantworten. Hauptgründe werden dabei ebenso herausgestellt, wie mögliche Alternativen und Bedingungen die eine solche wenn nicht zwingend notwendig, doch zumindest favorisierbar machten.

Das Resümee soll sowohl eine kurze Zusammenfassung, den Stand der Forschung, als auch eine Definition der Bedeutung des Economic Appeasement für die britische Außenpolitik geben.

2. Economic Appeasement

Bezeichnet man „Economic Appeasement“ als einen Teilbereich der Appeasement-Politik, so ist man dennoch nicht davon befreit eine genauere Definition des als Appeasement bezeichneten politischen Konzepts zu geben. Geprägt wurde der Begriff schließlich durch den britischen Premierminister Neville Chamberlain, auch wenn es schon in den frühen 1930ern Ansätze in diese Richtung gegeben hat. Rückblickend und ohne moralische Scheuklappen, muss ihm die Bedeutung zugemessen werden, die Appeasement bis zur Münchener Konferenz hatte. Als eine Politik deren Ziel es war die Differenzen zwischen Staaten auf dem Wege der Verhandlung zu beseitigen, mit dem Zweck einen friedlichen Wandel zu erreichen.2 Die negative Bewertung der Appeasement-Politik ist, bedenkt man die positiven Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Ergebnisse der Münchener Konferenz 1938, hauptsächlich auf ihr scheitern zurückzuführen. In der britischen Gesellschaft herrschte, zumindest in Teilen, Verständnis für die deutschen Revisionsbestrebungen bezüglich des Versailler Vertrags. Die Schwierigkeiten in die Deutschland ökonomisch hineingeraten war, sah man als eine der Ursachen für den Aufstieg der Nationalsozialisten an. Ein wirtschaftliches Entgegenkommen erfüllte folglich nicht nur den Zweck der finanziellen Stärkung des wichtigsten britischen Handelspartners auf dem europäischen Festland. Die Vorstellung, dass Appeasement lediglich eine Politik der Beschwichtigung, der Schwäche und des Friedenerhalts um jeden Preis war, greift viel zu kurz. Nur wenn man sich darüber im klaren ist, wie unabdingbar eine befriedete Welt für die in der Krise steckende britische Finanzwelt und das vom Handel stark abhängige Königreich war, kann man die Bemühungen Whitehalls zumindest nachvollziehen. Die Vorstellung einer Zweiteilung der deutschen Machtsphären in „moderates“, zu welchen man Schacht, Göring und bestimmte Kreise aus der Finanz- und Wirtschaftswelt zählte, und „extremist“, hier zu wurden vor allem Göbels und Ribbentrop gezählt, während man Hitler zeitweise zwischen beiden Gruppen ansiedelte, haben die britischen Bemühungen, die einen zu stärken und die anderen zu schwächen, beeinflusst.3

Über die Bedeutung des ökonomischen Aspekts der Appeasement-Politik herrscht in der Forschung Uneinigkeit. Dem „Economic Appeasement“ wird zwar eine zentrale Rolle zugestanden, allerdings in verschiedener Gewichtung. Bernd Jürgen Wendt, der mit viele Veröffentlichungen zur Diskussion dieses Themas beigetragen hat, ist fast geneigt ihm die größte Gewichtung bei zu messen, während andere Historiker darin eine Übertreibung und Fehleinschätzung sehen. Zu trennen sind die politischen und wirtschaftlichen Bereiche des Appeasement sicherlich nicht. Es entsprach der Vorstellung der britischen Regierung Entspannung im politischen Bereich durch Entgegenkommen in Wirtschaftsfragen zu „belohnen“. Über die genauen Konzeption der einzelnen Akteure, die sich sehr wohl erheblich unterschieden, wird im späteren noch eingegangen werden.

Neben der Erläuterung der Bedeutung des Begriffs „Economic Appeasement“ ist eine zeitliche Einordnung ebenfalls unerlässlich. Wie bereits erwähnt herrscht Uneinigkeit darüber wann konkret eine Politik betrieben wurde, die als Appeasement bezeichnet werden kann. Selbiges gilt auch für deren Ende. Es liegt nahe zu vermuten, dass nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die sogenannte „Resttschechei“, der Garantieerklärung Großbritanniens für Polen, und der darauffolgenden Ernüchterung sowohl in der Öffentlichkeit als auch in britischen Regierungskreisen, jede Art von Verhandlungen stark eingeschränkt und spätestens nach Kriegsbeginn völlig eingestellt wurde. Newton Scott vertritt die Meinung, dass es bis 1940 noch Verhandlungsversuche britischerseits gegeben habe, die durchaus noch unter dem Stern des Appeasements gestanden hätten, während Wendt jegliche Bemühung seitens Whitehall ab dem 1. November 1939 als beendet ansieht.

3.1 Der deutsch-britische Außenhandel vor und nach dem 1. Weltkrieg 1913-1932

Vor dem ersten Weltkrieg war das Deutsche Reich zum wichtigsten Handelspartner Großbritanniens avanciert. Es war nach den USA zweit größter Importeur britischer Waren und auf dem Exportsektor belegte es, nach Indien, ebenfalls den zweiten Platz .4 Ein Fünftel der nach Deutschland importierten Waren stammte aus dem britischen Weltreich. Während Großbritannien überwiegend Kohle, Stahl, Baumwolle, frische und gesalzene Heringe, sowie Güter aus dem Schiffsbau exportierten, hatte sich die deutsche Industrie auf Fertigwaren, Erzeugnisse der Chemie- und Elektroindustrie, optische Instrumente, Spiel- und Schneidwaren spezialisiert. Die Gründe hierfür lagen in der unterschiedlichen industriellen Genese der bei beiden Staaten. England, das Mutterland der Industriellen Revolution, hatte sein wirtschaftliches Potenzial bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts komplett auf die, bereits vor dem ersten Weltkrieg in ihrer Bedeutung nachlassenden, „old industries“ eingestellt. Somit war die Möglichkeit Kapital und Arbeitskräfte für die „new industries“, wie die Chemie-, Elektro- und Autoindustrie, bereit zu stellen erheblich eingeschränkt.5 Neben diesem Aspekt werden weiterhin die fehlende Dynamik und das mangelnde Interesse der englischen Unternehmer an Innovationen, die noch ausreichende Rentabilität dieser alteingessenen Industriezweige, als auch die „unzureichende Ausbildung der Wissenschaftler“ für die britischen Schwierigkeiten mit dem Transformationsprozess verantwortlich gemacht.6 Zwischen 1899 und 1913 nahmen die deutschen Exporte nach Großbritannien um 80% zu, während die britischen Exporte nach Deutschland lediglich um 30%anstiegen.7 Die deutschen Hersteller profitierten einerseits von den günstigeren Lohnkosten, die nur etwa 2/3 der britischen betrugen, andererseits von der effektiveren Forschung.8 Mit dem Beginn des ersten Weltkriegs wurde der zwischenstaatliche Warenverkehr, nach in Kraft treten des Handelsverbots am 5 August 1914, jäh unterbrochen. Er sollte in der Zwischenkriegszeit nicht mehr das Niveau von 1913 erreichen.

Die Umstellung der Wirtschaft auf die Produktion von Kriegsgütern, hatte für Großbritannien das Problem der Umstrukturierung seiner Industrien weiter verschärft. Man begann, wie andere Länder auch, die heimischen Betriebe vor billigen Importen zu schützen. Des weiteren ging es darum den eigenen Unternehmern die Möglichkeit zu geben in neue Warenproduktionen zu investieren.

Während nach dem Krieg die Einfuhr von deutschen Farbstoffen vorerst generell verboten wurde, war nach der Verabschiedung des „Dyesstuffs (Import Regulations) Act“ von 1920 selbige zwar wieder erlaubt, aber an eine Genehmigung gebunden. Ziel war es, die neu aufgebauten Farbstoffindustrie vor deutscher Konkurrenz zu schützen, die 1913 noch 90% der importierten Farbstoffe geliefert hatte. Der „Safeguarding of Industries Act“ aus dem darauffolgenden Jahr war aus dem selben Grund erlassen worden; allerdings sollten diesmal vornehmlich optische und wissenschaftliche Präzisionsinstrumente und Chemieartikel mit einem 33⅓ Zoll belastet werden. 1926 wurde das Gesetz verlängert und auf Schneidwaren ausgedehnt.9 Zwar richteten sich die Maßnahmen nicht gezielt gegen deutsche Waren, dennoch waren es gerade deutsche Produzenten die von der Maßnahme betroffen wurden. Weiterhin kam es auf dem Weltmarkt für Erzeugnisse der Eisen- und Stahlindustrie vermehrt zu Überkapazitäten die es Großbritannien zunehmend erschwerte ihre Produkte zu verkaufen. Mit Indien und Japan waren zusätzliche Konkurrenten emporgewachsen. Die Regierung in Whitehall musste Versuchen die Binnenwirtschaft zu schützen, ohne gleichzeitig den Außenhandel und die Finanz, beides seit je wichtige Standbeine des britischen Empire, zu vernachlässigen. Eine Schließung der Kohle- und Stahlstandorte in Nordengland kam indes nicht in Frage, da ein gros der britischen Arbeitnehmer dort beschäftigt war.

Der am 2. Dezember 1924 unterzeichnete deutsch-britische Handels- und Schifffahrtsvertrag erlaubte es deutschen Staatsbürgern wieder Niederlassungen in England zu errichten. Ferner sollten alle Einfuhrbeschränkungen fallen und der freie Schifffahrtsverkehr gewährleistet werden. Er steht im Kontext mit der zurückgewonnen Zollhoheit über die ehemals besetzten deutschen Gebiete und der Wiedererlangung der „handelspolitischen Souveränität“ am 10. Januar 1925, die in Art. 264ff des Versailler Vertrags eingeschränkt und gewissen Auflagen unterworfen worden war.10 Als Zeichen wirtschaftlicher Zusammenarbeit sind auch die Treffen der Federation of British Industrie und des Reichsverbandes der Deutschen Industrie zu sehen, die erstmals im Winter 1926 stattfanden und regelmäßig bis Kriegsausbruch abgehalten wurden. Die Broadland Konferenz, ein Zusammentreffen der wichtigsten Vertreter aus der Finanz- und Wirtschaftswelt, sowohl Deutschlands als auch Großbritanniens, im Oktober 1926 fand ohne jegliche Mitarbeit des Außenministerien statt, und wurde bald unter dem Titel „Economic Locarno“ bekannt.11

3.2 Weltwirtschaftskrise und Schutzzollpolitik 1929/32

Noch verheerender als die Einfuhrzölle wirkte sich die Weltwirtschaftskrise auf den deutsch- britischen Handel aus. Auf den Börsencrash reagierten die betroffenen Länder mit der Abschottung der eigenen Märkte. Besonders schwer getroffen wurde Großbritannien mit seinen weltweiten finanziellen Verflechtungen. Die Parlamentswahlen im Oktober 1931 stellten den Wähler vor die Entscheidung der zu treffenden Maßnahmen: Protektionismus oder Freihandel. Mit den Konservativen gelangten gleichzeitig zwei Befürworter einer rigiden Finanz- und Handelspolitik an die Macht. Der Schatzkanzler und spätere Premier Neville Chamberlain und Handelsminister Walter Runciman.12 Die Wiedergesundung der britischen Wirtschaft wurde an „drei Maßnahmen“ gebunden: „Schutz des britischen Binnenmarktes; Ausbalancierung des Budgets und der Außenbilanz; Schaffung eines geschlossenen und nach außen durch Präferenzen abgesicherten imperialen Wirtschaftsraumes.“13 Der Abnormal Importations Act vom 17. November 1931 bildete den Anfang einer weitreichenden Schutzzollgesetzgebung. Halb- und Fertigwaren wurden mit einem 50-100% Zoll belastet. Der Empirehandel blieb von diesen Einfuhrrestriktionen jedoch ausgeschlossen.14 Neben der noch unter der Labourregierung Macdonalds beschlossenen Pfundabwertung, die den Import bereits unrentabeler machte, und der Tatsache, dass die zusätzlichen Zölle 20% der deutschen Waren betrafen, bleibt hervorzuheben, dass gerade die Halb- und Fertigwaren für den deutschen Export eine besondere Stellung innehatten. „Bei den neu belasteten Exportartikeln nahm England als Kunde oft eine führende Position ein [...].“15 Die deutsche Regierung reagierte eher zaghaft. Die “4. Notverordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen und zum Schutz der inneren Sicherheit“ ist eher als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise, denn als eine Kampfansage gegen Großbritannien zu sehen. Wie meisten anderen Nationen versuchte auch Deutschland durch Einschränkung der Importe zu einer aktiven Handelsbilanz zu gelangen.

Mit dem „Import Duties Act“ vom 25. Februar 1932 ist für die Briten der Übergang zum Protektionismus abgeschlossen. Circa 95% der deutschen Exporte wurden durch das Gesetz erfasst.16 Die neue Verordnung war gestaffelt und sah eine Zollobergrenze von 33ѿ% vor. Halbfertig- und Fertigwaren mussten mit 15-20%, Luxuswaren mit 25-30%, Stahl- und Halbstahlerzeugnisse mit 33ѿ% verzollt werden. Die britischen Unternehmer hatten jetzt, geschützt vor ausländischer Konkurrenz, die Möglichkeit ihre Produktionsmethoden zu verbessern, während die Regierung sich der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit widmen konnte, dennoch war es weiterhin wichtig neue Absatzmärkte zu erschließen, da die betroffenen Importländer ihrerseits mit Einfuhrbeschränkungen reagieren würden. Die von Juli bis August tagende Ottawa Konferenz sollte den britischen Importeuren eben diese Chance verschaffen. Da der Empirehandel von der Schutzzollgesetzgebung weitgehend ausgeschlossen blieb, konnten bilaterale Verträge mit Australien, Kanada, Neuseeland, Indien, Südafrika, Neufundland und Südrhodesien abgeschlossen werden, die eine bevorzugte Behandlung britischer Güter beinhalteten.17

Die Folgen der neuen Gesetze sowohl auf den britischen Handel allgemein, als auch auf den Güteraustausch mit Deutschland, lassen sich anhand der Veränderung in den Export- und Importvolumina deutlich erkennen. Während die Gesamteinfuhren Englands und 18,5% abnehmen, verringern sich die Importe aus Deutschland um 52%. Der Rückgang der deutschen Ausfuhren macht mit 20% beinahe schon das Dreifache des britischen Exportrückgangs aus. So ist es auch nicht erstaunlich, dass Deutschland seine führende Position im englischen Europahandel bei den Einfuhren an Dänemark und bei den Ausfuhren an Frankreich und die Niederlande verliert.18 Im weltweiten britischen Handel lag Deutschland als Importeur nur noch auf dem fünften, als Exporteur nur noch auf dem neunten Platz.

Deutsche Exporte nach Großbritannien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus : Wendt, Bernd Jürgen : Economic Appeasement. Handel und Finanzen in der britischen DeutschlandPolitik 1933-1939.

Besonders der deutsche Exportrückgang spricht eine deutliche Sprache. Bei den oben angeführten, wichtigsten Gütern betrug er im Durchschnitt ca. 63%! Es wird im folgenden noch aufzuzeigen sein, welche Folgen die Importrestriktionen für Deutschland, besonders in Bezug auf die Suche nach neuen Absatzmärkten in Mitteleuropa und auf dem Balkan hatten.

3.3 1933-1936 Die ersten drei Jahre nationalsozialistischer Herrschaft und das Verhältnis zu Großbritannien

Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten die Regierungsgewalt Gewalt übernahmen, war die Skepsis britischerseits groß. Zwar gab es Verständnis für den Wunsch einer Revision des Versailler Friedensvertrages, die Aggressivität der neuen Regierung jedoch, die angestrebte Autarkie, konnten in Großbritannien keinen Zuspruch finden. Außerdem standen Themen auf der Tagesordnung, die für die Briten von äußerster Wichtigkeit waren: die Fortführung der im Dezember 1932 abgebrochenen Gespräche über den deutschen Kohlenimport und die Verlängerung des Stillhalteabkommens.19 Aller Unsicherheit zum trotz glaubte man in Whitehall in wichtigen Posten der deutschen Politik eine gewisse Kontinuität feststellen zu können. Hjalmar Schacht, als Reichsbankpräsident, genoss ebenso wie Finanzminister Schwerin von Krosigk, das Vertrauen der britischen Finanzwelt; Neurath, der durch Reichspräsident Hindenburg Außenminister geworden war, galt als zuverlässig; auch Blomberg, zuständig für die Reichswehr, wurde als akzeptable wahrgenommen. Diese Tatsachen, dazu noch die Vorstellung einer in „moderates“ und „extremists“ geteilt Regierungsmannschaft und Hitlers Bemühungen alle Zweifel auszuräumen, führten in London zu der folgeschweren Fehleinschätzung man könne sich mit dem neuen Regime anrangieren.20 Hugenberg jedoch, der aus dem Lager des Koalitionspartners stammende Reichs- und Wirtschaftsminister, sorgte durch seine Äußerungen bezüglich der aus Young- und Dawesplan resultierenden finanziellen Verpflichtungen für Verstimmung im Ausland, die jedoch von Schacht zerstreut werden konnte.21

Während Hitler also bemüht war sich als ernstzunehmender und an Stabilität und Kontinuität interessierter Staatslenker darzustellen, wurde am 17. Februar eine Verlängerung des Stillhalteabkommens zwischen den ausländischen Gläubigern und Vertretern der deutschen Finanz- und Wirtschaftswelt realisiert.22 Damit waren aufs erste die Befürchtungen eines Moratoriums ausgeräumt und der Reichskanzler konnte zumindest einen ersten außenpolitischen Erfolg für sich verbuchen. Ein weiterer sollte folgen. Der Abschluss des deutsch-britischen Kohleabkommens.

Wie bereits erwähnt, waren gerade in alten Industrien im Norden und Nordosten Englands viele Arbeiter im Bereich der Kohleproduktion beschäftigt. Einst ein Motor der britischen Wirtschaftsaufschwungs, nahm die Bedeutung der Kohle für die Industrie, besonders für die neuen Industrien ab. Die Umstellung auf Öl und Gas als fossile Rohstoffe, hing mit den günstigeren Preisen zusammen. Ferner gelang es durch die Erzeugung von Strom die neuen Industrien von ihrer Standortgebundenheit zu befreien. Auf dem Weltmarkt war der Preis der Kohle zusätzlich durch das Auftreten neuer Lieferanten stark unter Druck geraten. Wollte Großbritannien folglich seinen Exportquoten hochhalten, um Unruhen und Massenarbeitslosigkeit zu verhindern, so musste es Verträge aushandeln die ein gewisses Kontingent garantierten. Hierzu zählt das am 13. April unterzeichnete deutsch-britische Kohleabkommen. Deutschland garantierte nach zähen Verhandlungen die Abnahme von 180.000 Tonnen britischer Kohle und bekam im Gegenzug Erleichterung für den Export deutscher Waren zugesprochen. Die Reaktionen in den einzelnen britischen Interessengruppen waren geteilt. Der Kohleindustrie waren die zugesagten Quoten zu niedrig und die Wirtschaft, die den Großteil der Zugeständnisse im Bereich der Zollsenkung zu tragen hatte, äußerte den Eindruck man opfere sie zu Gunsten der Arbeiter in Nordengland.23

Selbst mit sehr viel gutem Willen ist es kaum möglich im Abschluss des Kohleabkommens einen Beginn der Appeasement-Politik zu sehen. Dafür war einerseits das Deutschlandbild Englands, trotz z.B. beginnender Übergriffe gegen jüdische Mitbürger, zu positiv. Der britischen Regierung ging es sicherlich auch darum Deutschland als Handelspartner zu erhalten. Im Vordergrund werden allerdings vorwiegend die Expotinteressen der britischen Schwerindustrie gestanden haben.

Besonders wichtig war für Großbritannien neben der Belebung der Weltwirtschaft, die nach wie vor am Boden lag eine Einigung in der Frage der deutschen Schulden. Während man in den USA ein Koppelung von Schuldentilgung und wirtschaftlicher Kooperation ablehnte und ein Ausscheren einzelner Gläubigerländer aus den internationalen Verträgen befürchtete und scharf verurteilte, war man in Großbritannien bereit Deutschland gegenüber Zugeständnisse zu machen, die auf eine wirtschaftliche Wiedergesundung des ehemals wichtigsten Handelspartners zielte. Die Frage ob ein wirtschaftlich starkes Deutschland Englands Außenhandel eher gefährde oder fördere, sollte erst später aufgeworfen werden.

Erste Gespräche zwischen Vertretern der Reichsbank und den Gläubigerbanken scheiterten Anfang Juni 1933. Reichsbankpräsident Schacht sah in der Bedienung der anfallenden Zinsen eine untragbare Belastung für die Reichsfinanzen, die einen Bankrott Deutschlands nach sich ziehen musste. Am 9. Juni trat das „Gesetz über Zahlungsverbindlichkeiten gegenüber dem Ausland“, welches ab dem 1. Juli des selben Jahres eine Einstellung der Zinszahlungen vorsah, in Kraft.24 Obwohl ein Moratorium bereits zu befürchten gewesen war, traf sein tatsächlichen zustande kommen, die Briten wie ein Schock. Ein Zwangsclearing, d.h. ein Abzug aller britischer Gelder aus Deutschland wurde zwar erwogen, von einer Umsetzung sah man aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Auswirkungen auf den zwischenstaatlichen unabsehbar waren, ab. Auf die seit dem 2. Juni in London tagende Weltwirtschaftskonferenz wirkte die deutsche Aktion ernüchternd. Zwar konnte Deutschland Anfang Juli wieder dazu bewogen werden seiner Zahlungspflicht nachzukommen, ein Imageschaden, gerade bei den weitestgehend deutschlandfreundlichen Gläubigern aus der englischen Mittelschicht, war jedoch nicht mehr zu verhindern.25 Auch das Verlassen der Abrüstungskonferenz und der Austritt aus dem Völkerbund am 14. Oktober zeigten deutlich genug in welche Richtung sich die Machthaber in Berlin bewegten.26

Zu diesem Zeitpunkt lassen sich bereits deutlich zwei Gruppen Im Foreign Office ausmachen, die eine unterschiedliche Außenpolitik gegenüber Deutschland vertraten. Während Permanent Under-Secretary of State Sir Robert Vansittart eine verstärkte Rüstung empfahl um der deutschen Aggressivität wirksam entgegenzutreten, hielt Außenminister Simon an einem Ausgleich mit Hitler trotz des Ausstiegs aus dem Völkerbund fest.27

Mit der Einsetzung Kurt Schmitts als Nachfolger Hugenbergs gelang es den Machthabern in Berlin wieder einmal Hoffnungen in London zu wecken. Hatte der frühere Wirtschaftsminister durch seine scharfen Äußerungen oft für erheblichen Unmut im Ausland gesorgt, so wurde sein Nachfolger, ebenso wie Schacht und Neuraht als Vertreter einer zuverlässigen Außenpolitik angesehen und sehr begrüßt.

Rückblickend bekommt man den Eindruck als wäre es für Hitler ein leichtes gewesen mit seiner Personalpolitik nach gut dünken Sympathien zurückzuerobern die er im Zuge seines offensiven Handelns verloren hatte. Diese Sichtweise vernachlässigt allerdings die Tatsache, dass es zu dieser Zeit kein wirkliches Konzept in der britischen Deutschlandpolitik gab. Auch bezeugen positive Äußerungen aus der englischen Finanz- und Bankenwelt keineswegs eine breite Zustimmung in der britischen Öffentlichkeit, ganz zu Schweigen von einer selbigen im britischen Parlament. Während die einen bereit waren jedes konservative Element an einem deutschen Schalthebel sofort mit Entgegenkommen zu belohnen, waren andere reservierter und nicht bereit sogleich ihre Skepsis ad acta zu legen. Diese beiden verschiedenen Sichtweisen würden mit dem Einsetzen einer eindeutig erkennbaren Appeasement-Politik noch deutlicher zu Tage treten.

Die Schuldenfrage indes sollte bereits während des Jahreswechsels 1933/34 für erneute Missstimmung zwischen Deutschland und den Gläubigerländern sorgen. „Am 18. Dezember schränkte die Reichsbank [...] den Bartransfer für alle im ersten Halbjahr 1934 auflaufenden Verbindlichkeiten weiter ein.“28 Zwar berief man sich auf die, im Zuge der protektionistischen Tendenzen der meisten Staaten, schwierige Wirtschaftslage, musste sich aber vorwerfen lassen, dass es vielmehr die Rüstung sei die die deutsche Binnenwirtschaft unnötig belaste. Wie zu erwarten folgte harsche Kritik aus London und Washington. Deutschland ging es hauptsächlich darum eine Verknüpfung von Schuldentilgung und wirtschaftlichem Entgegenkommen zu erreichen. Mit der Schweiz und den Niederlanden waren Verträge mit diesen Inhalten bereits zustande gekommen.29 Die gemeinsame Schuldnerfront, die zu erhalten sich die USA stets bemüht hatte, war im Begriff zu zerbrechen. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis sich andere Länder, auch Großbritannien, zu bilateralen Verträgen mit Deutschland bereit erklären würden, um die eigenen Anleiheninhaber zu schützen. Dass erneut über ein Zwangsclearing diskutiert wurde ist nicht weiter verwunderlich; zustande kam es freilich nicht. Januar 1934 gelang es den Vertretern der Gläubigerländer mit der Reichsbank zu einer einvernehmlichen Regelung zu kommen. Deutschland versicherte die Verträge mit den Niederlanden und der Schweiz auslaufen zu lassen, die Zinsen wie bisher zu bedienen. Im Februar wurde eine weitere Verlängerung des Stillhalteabkommens unterzeichnet.30 Im Sommer des selben Jahres kam es zu weiteren Spannung die durch ein Transferabkommen geregelt wurden und erneut die Forderung nach einem Clearing heraufbeschworen hatten. Es ist mühsam die genauen Umstände zu erläutern. Der am 24. September in Kraft tretende „Neue Plan“ sah eine staatliche Regelung der kompletten deutschen Im- und Exporte vor, was zu einer Verunsicherung britischerseits führte. Ob der „Neue Plan“, wie es Newton Scott ausdrückt, die Basis für eine deutsche Großraumwirtschaft bilden sollte31 ist nicht eindeutig zu sagen. Richtig ist sicherlich, dass er der nationalsozialistischen Vorstellung einer staatlich gelenkten Wirtschaft entsprach, deren Ziele, Autarkie und Ausdehnung in die Märkte Mittel- und Osteuropas, Hitler zum Teil bereits in „Mein Kampf“ propagiert hatte. Erstaunlich ist diese Entwicklung, betrachtet man die weltweiten protektionistischen Bestrebungen der frühen dreißiger Jahre, nicht. Dem am 1. November in Kraft tretendem deutsch-britischen Zahlungsabkommen, waren lange Verhandlungen vorrausgegangen. In ihm wurden einerseits die weiteren Zahlungen der Dawes- und Youngplanzinsen, aber auch der deutsche Export aus Großbritannien geregelt. Deutschland verpflichtete sich in Zukunft 55% des Exporterlöses in Großbritannien in den Import britischer Güter zu investieren und 10% zur Tilgung der angelaufenen Rückstände bereitzustellen.32 Man erhoffte sich daraus in Berlin einen bestimmten Umfang an Devisen zu erlangen und die unter Druck geratene Binnenkonjunktur zu beleben. Für die Briten ging es darum nicht vor geschlossenen deutschen Märkten zu stehen und die britischen Gläubiger, zum Großteil Unternehmer aus der Spinnerei- und Heringsindustrie im Norden, vor dem drohenden Bankrott zu bewahren. Erstaunlich ist, dass dieses Abkommen, abgesehen von leichten Veränderungen, bis Kriegsausbruch in Kraft blieb und folglich von beiden Seiten akzeptiert wurde.33 Der Erfolg des Abschlusses aus deutscher Sicht ist auch darin zu sehen, dass die, im Winter 1933/34 von USA und Großbritannien noch beschworene, einheitliche Front der Gläubiger Staaten zerbrochen war.

Aber welchen Einfluss hatten die militärischen und politischen Aktionen Hitlers auf das inzwischen wiedergesundete wirtschaftliche Vertrauen Großbritanniens? Die Reaktionen auf die Wiedereinführung der Wehrpflicht am 16. März 1935, eindeutig ein Bruch des Locarnovertrags, waren verhalten. Man hatte auf der Insel unlängst den Gedanken aufgegeben, dass eine Großmacht wie Deutschland auf Dauer mit einem stark kontingentierten Heer, wie es in den Bestimmungen des Versailler Vertrags festgelegt war, auskommen konnte. Auch der Einmarsch deutscher Truppen in das entmilitarisierte Rheinland ein Jahr später wurde als notwendiger Schritt angesehen, den Deutschland auf dem Weg zur Gleichberechtigung zurücklegen müsse.34 Doch diese Sichtweise entspricht einmal mehr der gängigen Meinung der Finanz- und Handelswelt, als der der britischen Politik. Das mit den Fragen der Notwendigkeit von Verteidigung beauftragte Komitee35 hatte Deutschland bereits 1934 als Hauptfeind des Britischen Königreichs erkannt, da sein aggressives Potential das von Italien und Japan überschreite.36 Entscheidungen wurden von Whitehall zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht getroffen. Dennoch kann man die Tatsache, dass Großbritannien nicht nur in Europa durch Deutschland, sondern auch im Mittelmehr von Italien und in Südostasien von Japan, herausgefordert wurde, auch als Grund für den Appeasement Gedanken heranziehen. Ein Krieg an drei Fronten oder ein Zusammengehen zweier oder dreier Gegner stellte ein Gefahr dar, der man durch Entspannung aus dem Weg zu gehen gedachte. Die Frage, ob ein energischeres agieren seitens der Briten oder Franzosen, nicht den nationalsozialistischen Expansionsbestrebungen frühzeitig ein Ende hätte setzen können, ist nicht konkret zu beantworten. Hitler hat später behauptet, dass er das Rheinland auch bei nur geringen militärischer Gegenwehr hätte aufgeben müssen. Solche Vermutungen würden indes von den damaligen Akteuren seherische Kräfte verlangen, die ihnen nicht zugestanden werden können. Dennoch gab es in England ein Opposition die eine Aufrüstung, wie sie später anlaufen sollte, bereits forderte. Zur Zeit der Rheinland Besetzung hätte es Großbritannien zu dem an den nötigen Bodentruppen gemangelt. Die deutschlandfeindlichen Vertreter im Foreign Office, Vansittart und Eden, hatten unlängst ein schärferes Vorgehen gegen das nationalsozialistische Deutschland gefordert. Der amtierende Schatzkanzler Chamberlain, mitverantwortlich für die Gesundung der Wirtschaft, musste daran gelegen sein jede Art von Rüstung abzulehnen, da diese eine Aufblähung der Binnenwirtschaft mit gleichzeitiger Staatsverschuldung nach sich ziehen würde.

Hitler gelang es mit dem Abschluss des Flottenabkommens im Juni 1935, erneut sich Sympathien in der britischen Öffentlichkeit zu sichern. Für Großbritannien war die Dominanz seiner Flotte zur Sicherung der Handelswege unabdingbar. Das Wettrüsten in diesem Bereich hatte die Wirtschaft Großbritanniens während des ersten Weltkriegs schwer gebeutelt. Eine solche jetzt unter der Garantie der Drittelparität zu Gunsten Englands ausschließen zu können beruhigte nicht nur die Öffentlichkeit.

Der „Vierjahresplan“ sah vor alle anderen wirtschaftlichen Ziele dem der Aufrüstung unter zu ordnen. Hitler hatte sich als Ziel gesetzt sowohl die deutsche Armee, als auch Marine und Luftwaffe in vier Jahren soweit aufgerüstet zu haben, dass sie kriegsbereit sei. Schon zu Jahres Ende nahmen die Aufwendungen für die Rüstung mehr als 50% des Gesamtbudgets ein.37 Um einen Kollaps der heimischen Wirtschaft zu vermeiden mussten neue Absatzmärkte erschlossen werden. Unter dieser Prämisse sind auch Hjalmar Schacht Reisen nach Südosteuropa, Kleinasien und in den Vorderen Orient zu sehen. Dieser nationalsozialistischen Wirtschaftsoffensive, die später noch durch Exportsubventionen weiter voran getrieben werden sollte, wurde in Großbritannien zwar durchaus mit rege wahrgenommen, zu Entschlüssen bezüglich Gegenmaßnahmen kam es jedoch nicht. Im Gegenteil, die „laue und entschlusslose Reaktion der britischen und französischen Regierung auf die Rheinlandbesetzung und den einseitigen Bruch der Locarnoabmachungen war mehr als jedes andere Ereignis geeignet [...] die bedrohte Staatenwelt dort im Interesse ihrer eigenen Sicherheit“ wirtschaftliche Beziehungen mit Deutschland einzugehen.38 Seit der Wiedereinführung der Wehrpflicht und den immer offenkundiger werdenden Investitionen in die Wehrwirtschaft, begann sich auch Großbritannien mit dem Rüstungsgedanken auseinander zu setzen. Es ist nicht abzustreiten, dass auch die militärische Schwäche Englands ihren Teil zu einer mehr auf Verhandlungen und weniger auf Konflikte ausgerichteten Außenpolitik hatte. Es sollte jedoch nicht der Fehler gemacht werden in ihr einen wirklichen Beweggrund der Appeasement-Politik zu sehen.

Wie bereits erwähnt lag das Heer in seiner Bedeutung weit hinter der Royal Air Force (RAF) und der Marine zurück. Keine der drei Waffengattung war in den Nachkriegsjahre modernisiert worden. Es war eine gängige Meinung der Zeit, dass man mit einer starken Luftwaffe jederzeit den Gegner zum aufgeben zwingen könnte. So ist es nicht erstaunlich, dass die langsam anlaufende Rüstung sich zu Beginn besonders auf die RAF konzentrierte.39 Die Grenzen für die Ausrüstung der Armee waren jedoch sehr eng gesteckt, da man es nicht riskieren wollte die gerade wieder gesundende Wirtschaft zu belasten. Ein im Februar 1937 ausgearbeiteter Plan über die Ausgaben für die Rüstung in den nächsten fünf Jahren sah ein Wehretat von 1,5 Milliarden Pfund vor. Die Finanzierung sollte durch Steuererhöhungen und Ausgabe von Anleihen gesichert werden.40 Das die Ausgaben in den nächsten Jahren weit darüber hinaus stiegen ist in Anbetracht des deutschen Vorsprungs nicht erstaunlich.

3.4 1937-1939 Von der Wahl N. Chamberlains bis zur Invasion Polens

Am 28. Mai 1937 löste der bisherige Schatzkanzler Neville Chamberlain Baldwin als Premierminister ab. In seinem bisherigen Amt hatte er sich durch die Einführung der Schutzzölle und seine auf ein ausgeglichenes Budget gerichtete Finanzpolitik, sowohl bei den binnenwirtschaftlich orientierten Unternehmern als auch in den Kreisen der Londoner Bankenwelt Sympathien erworben. Er sollte der britische Politiker werden mit dem der Begriff Appeasement bis heute untrennbar verbunden ist. Sowohl seine Vorliebe für bilaterale Verhandlungen, als auch die Vorstellung, dass nur ein deutsch-englischer Ausgleich Frieden für den Kontinenten bringen könnte, prägten seine Außenpolitik.41 Seine Appeasement-Politik war im Foreign Office keineswegs unumstritten. Besonders Vansittart, der Hitler als einen Extremisten mit weitreichenden territorialen Zielen sah, mit dem man nicht verhandeln könne, opponierte zeitweilig ebenso gegen Chamberlain, wie Sir Anthony Eden in der Frage von Zugeständnissen gegenüber Italien.42

Der Wunsch nach andauerndem Frieden war für den neuen Premier eng gebunden mit den wirtschaftlichen Interessen seines Landes. Es mussten eine Belastung der Binnenwirtschaft durch übermäßige Rüstung vermieden und die Handelswege für den Export gesichert werden. Chamberlains außenpolitische Konzeption war durchaus bereit durch Deutschland initiierte territoriale Veränderungen in Europa hinzunehmen, solange diese mit friedlichen Mittel vollzogen wurden.43 Seine Vorstellung man könne die Spannungen mit den Diktaturstaaten durch Verhandlungen lösen, bildete bis zum Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei eine seiner Verhandlungsmaximen.

Die Einladung von Prinz Löwenstein an Lord Halifax zu einer Jagdausstellung im November 1937, wurde dazu benutzt erste persönliche Kontakte mit den leitenden Figuren des nationalsozialistischen Regimes zu knüpfen. Bei einem Treffen mit Hitler legte Halifax dar, dass es seitens der Briten keine Einwände gegen einen friedlichen Wandel in den Fragen Danzig, Österreich und Tschechoslowakei gäbe. Woraufhin Hitler versicherte, dass er weder Interesse an Abrüstung, noch an der Rückkehr Deutschlands in den Völkerbund habe, und dass er lediglich von England fordere, ihm bei der Lösung der Probleme in Osteuropa freie Hand zu lassen. Chamberlain zeigte sich mit dem Ergebnis der Gespräche insofern zufrieden, als er glaubte jetzt den Boden für weitere Gespräche geebnet zu haben.44 Die Reaktionen sowohl in der britischen Öffentlichkeit, als auch in anderen Länder, war weniger positiv. Aus Frankreich wurde der Verdacht eines Zusammengehens von Großbritannien und Deutschland gefürchtet, auch wenn der englische Premier nicht müde wurde zu betonen, dass die Gespräche weder einen offiziellen Charakter, noch Abmachungen irgendwelcher Art zum Inhalt hatten.45

Sowohl die Gespräche zwischen dem britischen Botschafter Henderson und Hitler, als auch selbige zwischen Chamberlain und dem deutschen Botschafter in London, Ribbentrop, in den Wintermonaten 1937/38 führten nicht zum vom Premierminister erwünschten Erfolg. Anfang des Jahres 1938 verließen zwei Diplomaten ihre Posten, die stets zurückhaltend auf Chamberlains Appeasement-Politik reagiert hatten. Außenminister Eden sah keine Möglichkeit eine Einigung mit den Diktaturen zu erreichen und auch seine Forderung nach verstärkter Rüstung wurden vom Regierungschef, der immer noch einen Frieden als erreichbares Ziel vor Augen hatte, strikt abgelehnt. Zusammen mit Eden verließ auch Vansittart seinen Posten. Die ehemalige Spaltung im Außenministerium in einen deutschen und einen französischen Flügel wurde damit faktisch aufgehoben. Lord Halifax übernahm das Amt des Außenministers. Die personellen Veränderungen im Foreign Office, die Chamberlains, auf Ausgleich zielende Deutschlandpolitik, vorerst zu gute kamen, fanden zu einer Zeit statt, da sich die Bedingungen für eine ebensolche in Berlin zusehends verschlechterten. Die Ernennung des, für sein Feindseligkeit gegenüber England bekannten, Ribbentrops zum Nachfolger Neuraths im Außenministerium, zeigt den Wandel den Hitlers Großbritannienbild unterlaufen hatte.46 Eine Aufteilung der Machtsphären, bei der Deutschland als Kontinental- und England als Seemacht fungieren sollte, stand für ihn nicht mehr zur Diskussion. Die noch unter Schacht aufgeworfene Frage einer Entschädigung für die Deutschland im Rahmen des Versailler Vertrags abhanden gekommenen Kolonien, wurde nicht weiter erörtert. Es hatte sich hierbei mehr um ein Steckenpferd des ehemaligen Reichswirtschaftsministers als um eine wirkliche Forderung Hitlers gehandelt, der eine Expansion auf dem europäischen Festland als primäres Ziel ansah.

Der am 11. März mit dem Einmarsch deutscher Truppen vollzogene Anschluss Österreichs wurde in England weniger unter dem Aspekt der Rechtmäßigkeit, als viel mehr in Bezug auf die Frage der Tilgung der österreichischen Schulden diskutiert. Nach einem angekündigten Moratorium seitens Deutschlands, dass mit der erneuten Drohung eines Zwangsclearings durch Großbritannien beantwortet wurde, einigte man sich darauf die Zinsraten zu reduzieren und den deutschen Importanteil an britischen Waren zu erhöhen.47 Die Tatsache, dass der Anschluss Österreichs vonstatten ging ohne dass ein einziger Schuss gefallen war, mag Chamberlain von Protesten abgehalten haben, wenn er auch seinen Verdruss nicht verbarg.48 Die ab Mitte 1938 immer häufiger an Whitehall herangetragene Forderung, durch Investitionen die Staaten Ost- und Südosteuropas zu stärken, wurde wenig beachtet. „Die Außenhandels- und Finanzkreise zeigten kaum Interesse an Südosteuropa und erklärten [...] das kommerzielle Risiko bei neuen Investitionen dort für untragbar“49 Die Bestrebung die Handelsbeziehungen zu diesen Staaten zu stärken wurden dennoch nie fallen gelassen. Der Gedanke, dass sich das nationalsozialistisch Deutschland seinen Rohstoffbedarf zunehmend aus diesen Ländern deckte, schürte gleichzeitig die Angst, dass eine Seeblockade durch die englische Flotte kaum Auswirkungen haben würde, und als Kriegsinstrument ungeeignet werden könnte.

Die Entstehung der multiethnische Tschechoslowakei war ein Ergebnis der Nachkriegs- friedensordnung. 3,5 Millionen der 10 Millionen Einwohner waren Sudetendeutsche, denen im tschechischen Staat nur geringe Autonomie zugestanden wurde. Die von Konrad Henlein 1935 gegründeten nationalistisch orientierten Sudetendeutschen Partei (SdP) errang bei den Gemeindewahlen im Juni 1938 90% aller deutschen Stimmen. Hitler erkannte das Potential der Bewegung und benutzt sie zur Destabilisierung der Tschechoslowakei. Henleins Karlsbader Forderungen vom 24. April waren bereits so konzipiert, dass sie von der Regierung kaum zu erfüllen waren. Zwar war man bereit mehr Selbstständigkeit und Minderheitenschutz zu gewähren, eine Unabhängigkeit, wie sie von der SdP gefordert wurde, wiedersprach allerdings dem tschechischen Sicherheitsbedürfnissen, da die betroffenen Gebiete einen Großteil der Verteidigungslinie nach Westen, d.h. gegen Deutschland, betrafen.50 Bedrohlich für den europäischen Kontinent wirkte sich aber vielmehr das tschechisch-französische Verteidigungsbündnis aus.

In Großbritannien trafen die Forderung der Sudetendeutschen hingegen auf Verständnis, da sie dem Selbstbestimmungsrecht der Völker entsprachen. Man hatte kein Interesse für den Interessenkonflikt einen Krieg einzugehen, hatte aber im Locarnovertrag die französischen Grenzen garantiert. England entsandte Lord Runciman, den ehemaligen Handelsminister, am 4. August nach Prag um den Konflikt zu schlichten, aber die SdP zeigte sich mit den weitreichenden Zugeständnissen der Regierung BenƟs nicht zufrieden.51 Die Situation drohte zu eskalieren und Chamberlain entschied sich für ein persönliches Gespräch mit Hitler um die Gefahr eines Krieges abzuwenden. Am 15. September traf er sich in Berchtesgaden zum Gespräch mit dem Führer des NS-Regimes. Auf die Frage des britischen Premierministers nach dessen Forderungen, antwortete Hitler, dass alle tschechischen Gebiete mit mehr als 50% deutschsprachiger Bevölkerung an das Reich angeschlossen werden sollten.52 Nach einem Gespräch mit Vertretener der französischen Regierung in London, erklärten sich beide Parteien bereit Hitlers Forderungen nachzugeben.

Allerdings stellte Daladier die Bedingung das Großbritannien in Zukunft ebenfalls die Grenzen der Tschechoslowakei garantiere.53

Das zweite Treffen zwischen Chamberlain und Hitler fand am 22. September in Godesberg statt, wurde aber angesichts neuer Forderungen seitens des Diktators abgebrochen. In den folgenden Kabinettsgesprächen wurde offenbar, dass Außenminister Halifax keinen Sinn mehr darin sah weitere Zugeständnisse zu machen. Er empfahl keinen weiteren Druck auf die tschechische Regierung auszuüben, und stattdessen, bei einem Einmarsch deutscher Truppen die französische Seite militärisch zu unterstützen. Chamberlain sah sich gezwungen an seiner Stelle Wilson zu weiteren Verhandlungen nach Deutschland zu entsenden.54 Obwohl Hitler ihm gegenüber nicht bereit war irgendwelche Zugeständnisse zu machen, verkündete er am 28. September, dass es in seinem Interesse sei die Streitigkeiten auf einer Konferenz in München friedlich beizulegen. Einen Tag später trafen Hitler, Chamberlain, Daladier und Mussolini in der bayerischen Metropole ein um die Krise friedlich zu beenden. Einen Tag später war der Vertrag unterschrieben der die Tschechoslowakei dazu zwang einen Großteil ihres Gebiets abzutreten, ohne dass sie die Möglichkeit gehabt hätte Gegenwehr zu leisten.55 Rückblickend entbehrt es nicht einer gewissen Tragik, dass just in dem Augenblick da Chamberlain einen seiner größten außenpolitischen Erfolge erzielt und in London von den Massen bejubelt wurde, Appeasement den schalen Beigeschmack einer Politik bekommt, die bereit ist kleinere Bündnispartner zu opfern, um eine offene Auseinandersetzung zu vermeiden.

Besorgnis erregte hingegen sowohl in Kreisen der Britischen Regierung, als auch der Londoner Finanzwelt, der Rücktritts Hjalmar Schacht vom Amt des Reichswirtschaftsministers. Schacht galt in britischen Bankenkreisen, der ständigen Spannungen bezüglich eines Moratoriums zum trotz, als zuverlässiger Verhandlungspartner. In der Politik wurde er der Gruppe der „moderates“ zugeordnet. Die befürchteten abrupten Veränderungen in der deutschen Wirtschaftspolitik, sah man aber nicht als begründet an, solange Schacht als Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett verblieb.56 Dies ändert sich als Hitler ihn, nach Auseinandersetzungen über die betriebene Ausgabenpolitik, am 20. Januar aus dem Amt des Reichsbankpräsidenten entfernte.

Weder die Nachricht von der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9. November, noch die Äußerungen des britischen Geheimdienstes, dass Hitler keineswegs bereit sei den Weg des Friedens durch Verhandlungen zu gehen, sich vielmehr über die von ihm als Schwäche interpretierte Politik des Premiers lustig mache, konnten Chamberlain davon abbringen seine positive Einstellung gegenüber dem Appeasement aufzugeben. Außenminister Halifax, der sich immer weiter von den Standpunkten seines Vorgesetzten entfernte, hatte bei seinen Forderungen, endlich eine starke Haltung gegenüber Nazi-Deutschland einzunehmen, sowohl die Mehrheit des Kabinetts als auch die des Militärs hinter sich.57

Die Besetzung Prags am 15. März 1939, schien allen Verhandlungs- und Beschwichtigungsversuchen der britischen Außenpolitik ein Ende zu setzen. Hitler hatte das Münchener Abkommen gebrochen und aller Welt offenbart, dass er nicht bereit war sich an international ausgehandelte Verträge zu halten. Unter dem Aspekt einer Revision von Versailles ließ sich die Annexion eines Gebietes in dem keine Deutschen wohnten selbst mit sehr viel good-will nicht sehen. So bitter es für ihn auch war, Chamberlain musste einsehen, dass er den „Führer“ falsch eingeschätzt hatte. Dennoch war er überzeugt, dass Appeasement die beste Möglichkeit war um internationale Konflikte zu lösen.58 Die britisch-französische Garantieerklärung an Polen, ausgelöst durch Meldungen über deutsche Truppenbewegung, markiert vielleicht den Wechsel englischen Deutschlandpolitik. Infolge wurde die Ausgabengrenze für den Militäretat aufgehoben.59 Dennoch gelang es Großbritannien nicht weder den deutsch-italienischen Stahlpakt, noch die deutsch-sowjetische Nichtangriffserklärung zu verhindern. Der Grund für Letzteres lag einerseits in Chamberlains Überzeugung, dass die Sowjetunion kein verlässlicher Partner war, von seiner antibolschewistischen Haltung ganz abgesehen, andererseits daran, dass Polen nicht bereit war der Roten Armee die Erlaubnis zum Durchzug durch sein Territorium zu geben. Überraschend kam zu diesem Zeitpunkt, da Großbritannien eine starre und kompromisslose Haltung gegenüber Deutschland eingenommen hatte, das Angebot Hitlers, der einen Einmarsch in Polen bereits für den 25. August des Jahres geplant hatte, bei einer Übergabe Danzigs und des polnischen Korridors an Deutschland, einen Nichtangriffspakt mit dem Empire und einen Abrüstungsvertrag zu unterzeichnen.60 Das britische Kabinett verabschiedete eine Einverständniserklärung, die allerdings voraussetzte, dass die polnische Regierung zustimmte. Diese lehnte jedoch ab. In den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 überschritten deutsche Truppen die polnische Grenze.

Dass die britische Kriegserklärung zwei Tage auf sich warten ließ hängt damit zusammen, dass Halifax und Chamberlain versuchten Frankreich, Italien und Deutschland zu einer Konferenz über die Revision von Versailles an einen Tisch zu bekommen. Erst als die französischen Bemühungen scheiterten über Mussolini Hitler zum Rückzug aus Polen zu bewegen, konnten sich Grand Nation und Britisches Empire über ihren Eintritt in den Krieg einigen.61

Über dass Ausmaß eines „Economic Appeasements“ und die Art seiner Durchführung gerade in der Zeit zwischen dem „Anschluss“ Österreichs und dem Einmarsch in Polen herrschte in den britischen Regierung Uneinigkeit. Sollte einer Entspannung im politischen Sektor Zugeständnisse im wirtschaftlichen Bereich folgen oder umgekehrt? Ashton-Gwatkin, Mitglied der wirtschaftlichen Abteilung des Foreign Office erhoffte sich durch eine Verringerung des auf Deutschland lastenden wirtschaftlichen Drucks, das nationalsozialistische Deutschland dazu zu bewegen seinen Weg in die Autarkie und eine übertrieben Rüstung aufzugeben.62 Die Vorstellung, dass die ökonomischen Schwierigkeiten Deutschlands zu Anfang der dreißiger Jahre den Aufstieg der Nationalsozialisten erst möglich gemacht hatten, war, wie bereits erwähnt, weit verbreitet. Daraus resultierte der Gedanke, dass durch wirtschaftliche Prosperität die „moderates“ in der Regierung gestärkt und eine Rückkehr Deutschlands in den internationalen Handel und die Abkehr von seiner aggressiven expansionistischen Politik wahrscheinlich werden würde.

Als interessant erweist sich auch ein Blick auf den finanz- und handelspolitischen Konflikt bezüglich der deutschen Expansion nach Südosteuropa. Zwar wurde, wie bereits erwähnt, der Wunsch an Whitehall herangetragen diese Märkte Deutschland nicht kampflos zu überlassen und durch eine Bindung der Länder dieser Region an Großbritannien ihre Unabhängigkeit zu sichern, dennoch schien es seitens der britischen Privatwirtschaft kein Interesse an den dort produzierten Waren zu geben. Südosteuropa produzierte am englischen Markt vorbei.63 In Großbritannien gestand man Deutschland eine Vormachtstellung auch zu, da man die Region in seinem genuinen handelspolitischem Interessensgebiet sah. Man stand vor dem Dilemma die Staaten Südosteuropas vor der aggressiven Wirtschaft schützen zu wollen, ohne die nötigen Waffen zu haben diese fester an das Empire zu binden.

Das mit der gemeinsamen Kriegserklärung zumindest das Economic Appeasement beendet wurde, gilt als allgemein anerkannt. Das letzte eindeutige Signal einer wirtschaftlichen Kooperation war vielleicht die Deutsch-britische Industriekonferenz in Düsseldorf im März 1939. Die als „Wohlthat-Mission“ bekannt gewordenen Gerüchte über ein britisches Darlehen zur Abwendung des nahenden Krieges im Juli sind umstritten. Ebenso die Frage, ob mit Kriegsbeginn alle Verhandlungsversuche zwischen Deutschland und England eingestellt wurden. Newton Scott sieht in dem Versuch des britischen Sicherheitsdienstes, Gespräche mit oppositionellen deutschen Generälen, dass zumindest der Versuch gemacht wurde Hitler zu beseitigen.64 Ein Zeichen für Verhandlungsbereitschaft seitens der britischen Regierung ist dies freilich ebenso wenig, wie die Versuche Göring gegen Hitler auszuspielen.65

4. Woran scheiterte die Appeasement-Politik?

Es ist nicht schwer Neville Chamberlain posthum eine schwere Fehleinschätzung, sowohl Hitlers Charakter im speziellen, als auch der Herausforderungen, die Diktaturen an die Demokratien der Welt stellten, im allgemeinen vorzuwerfen. Dennoch erscheinen mir diese Vorwürfe nur begrenzt als berechtigt. Chamberlain wollte den Frieden für Europa sichern, ohne sich im klaren darüber zu sein, dass sein Verhandlungspartner Krieg keineswegs ausschließen wollte, sondern viel mehr einen solchen durchaus als legitimes Mittel der Politik ansah. Der britische Botschafter Henderson in Berlin ist für die Fehleinschätzung sicherlich mitverantwortlich. Kurz vor dem Einmarsch deutscher in Österreich, Prag und Polen, versicherte er stets es gäbe kein Zeichen dafür, dass Hitler irgendetwas plane.

Trotz ihres Scheiterns ist, dem britischen Premiers gelungen, auch wenn dies nicht sein erklärtes Ziel war, eine kriegerische Auseinandersetzung zumindest zu verschieben, was in Anbetracht, des britischen Rüstungsniveaus durchaus empfehlenswert erschien. Sicherlich hätte es alternative politische Konzepte gegeben. Eine verstärkte Rüstung hätte Großbritanniens Rolle als Verhandlungspartner gegenüber Deutschland sicherlich gestärkt. Fraglich ist jedoch, ob das wirtschaftlich schwer angeschlagene Königreich sich eine solche hätte leisten können. Es ist bekannt, dass sich Chamberlain gerade mit seiner strengen Finanzpolitik als Schatzkanzler die Meriten verdiente, die in für den Posten des Premierministers empfahlen. Für den britischen Handel waren Frieden und Sicherheit unverzichtbar. Und mit einer Politik die diese Werte verteidigte verfolgte er, zumindest zu Beginn, die selben Interessen wie die meisten seiner Landsleute.

Auch wenn man Chamberlain vorhalten mag, dass er eine gewisse Vorliebe für außenpolitische Alleingänge hatte, so ist doch der Eindruck irreführend, er wäre nicht auf Anregungen aus dem Kabinett eingegangen. Denn nur so ist zu erklären, dass Hitlers Godesberger Forderungen abgelehnt, die Ausgabenbegrenzung für die Rüstung fallengelassen und das Verteidigungsbündnis mit Frankreich eingegangen wurden.

5. Resümee

Britische Außen- und Innenpolitik in der Zwischenkriegszeit waren stets eng verbunden mit den wirtschaftlichen Bedingungen des Landes. England litt stärker als die meisten kapitalistischen Staaten unter den neuen ökonomischen Begebenheiten. Die rechtzeitige Transformation seiner Industrien von den „old industries“ zu den „new industries“ war verpasst worden. Um die Umstellung zu erleichtern wurden im Rahmen der Gesetzgebung den Unternehmer Schutz vor preiswerten Importen gesichert. Der Spagat zwischen Protektionismus und Ausweitung des Exports war nur mit besonderen Verträgen zwischen Großbritannien und den Dominions möglich. Eine der Folgen war, dass dem ehemals wichtigste Handelspartner Deutschland, die Einfuhr seiner Produkte nur unter schwierigsten Bedingungen gewährt werden konnte. Mit den Nationalsozialisten betrat ein Deutschland die europäische Arena, dass aus seinem Ziel, eine autarken Großraumwirtschaft aufzubauen keinen Hehl machte und zudem eine handelspolitische Aggression an den Tag legt, die bis dahin unbekannt war. Dennoch fanden regelmäßige Konsultationen sowohl privatwirtschaftlicher Art, als auch auf Regierungsebene statt. Die neuen Herren in Berlin zeigten sich nur eingeschränkt gewillt die aus dem Versailler Friedensvertrag resultierenden Verpflichtungen zu erfüllen. 1937 wird mit Neville Chamberlain ein britischer Premier gewählt, der wenig Vertrauen in multilaterale Verträge zeigt, dafür um so mehr bereit ist Deutschland Zugeständnis zu machen, wenn diese eine politische Entspannung nach sich ziehen. Die Appeasement-Politik scheiterte schließlich an Hitlers Desinteresse und Unzuverlässigkeit. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen erschöpfte sich die englische Verhandlungsbereitschaft. Der viel umjubelte Vertrag von München war für den „Führer“ nicht mehr als ein Stück Papier.

Die Appeasement-Politik ist sicherlich einer der am meisten untersuchten Abschnitte der englische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Spätestens seit der Öffnung der Archive 1967 sind viele Publikationen zu diesem Thema erschienen. Sowohl die Presseerscheinungen jener Jahre als auch die öffentliche und private Korrespondenz geben einen Einblick in die Stimmungslage der Zeit und Akteure. Neville Chamberlains Politik erfährt eine nüchterne Betrachtung und wird in der Regel ausgewogen bewertet. Die Tatsache, dass die meisten Publikationen sich entweder einzelne Aspekte des Appeasement beschäftigen oder einen allgemeinen Überblick geben, zeigt wie komplex die Thematik ist.

Die divergierenden Meinung über die Rolle von Wirtschaft und Finanzen in der britischen Deutschlandpolitik lassen vermuten, wie schwer es ist sich für eine Trennung von beiden Bereichen zu entscheiden, als auch eine solche plausibel zu vertreten. Das es eine genuine Politik gab die man als Economic Appeasement bezeichnen kann, ist hingegen schwer zu bestreiten.

Literaturverzeichnis:

- Jasper, Robert: Die regionalen Strukturwandlungen des deutschen Außenhandels von 1880 bis 1938. Kassel 1996.

- Höpfner, Bernd: Der deutsche Außenhandel 1900-1945: Änderungen in der Waren- und Regionalstruktur. Frankfurt am Main 1993.

- Mc Donough, Frank: Neville Chamberlain, Appeasement and the British Road to War. Manchester 1998.

- Mommsen, Wolfgang J./Kettenacker, Lothar (Hg.): The Fascist Challenge and the Policy of Appeasement. London 1983

- Newton, Scott: Profits of Peace. The Political Economy of Anglo-German Appeasement. Oxford 1996.

- Wendt, Bernd Jürgen: Economic Appeasement. Handel und Finanzen in der britischen Deutschland- Politik 1933-1939. Düsseldorf 1971.

- Wendt, Bernd Jürgen: Beinträge zur englischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Hg. V. Frank Müller, Frank Otto und Thilo Schulz. Rheinfelden und Berlin 1994

[...]


1 Wendt, Bernd Jürgen: Economic Appeasement. Handel und Finanzen in der britischen Deutschlandpolitik 1933-1939. Düsseldorf 1971. künftig zitiert: Wendt

2 Wendt, Bernd Jürgen: „Appeasement“ - Eine Friedenspolitik ohne Echo. In: Die ungleichen Partner. Deutsch- britische Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Hg. V. Wolfgang J. Mommsen. Stuttgart 1999. S. 155

3 ibid. S. 164

4 Wendt S. 33

5 ebidem S. 23

6 Jasper, Robert: Die regionalen Strukturwandlungen des deutschen Außenhandels 1880-1938. Kassel 1996. S. 179 künftig zitiert: Jasper

7 ebidem S. 185

8 ebidem S. 181

9 Wendt S. 35

10 Wendt S. 35

11 McDonough, Frank: Neville Chamberlain, Appeasement and the British Road to War. Manchester 1998. S. 136 künftig zitiert: McDonough

12 ebidem S.44

13 ebidem S.45

14 Höpfner, Bernd: Der deutsche Außenhandel 1900-1945: Änderungen in der Waren- und Regionalstruktur. Frankfurt am Main 1993. S.311 künftig zitiert: Höpfner

15 Wendt S. 45

16 Höpfner S. 311

17 Wendt S. 48

18 Wendt S. 49f

19 Wendt S. 73

20 ibidem S. 74f.

21 ibidem S. 75

22 ibidem S.90

23 ibidem S.100

24 ibidem S.130

25 ibidem S.136

26 ibidem S. 136

27 ibidem 143

28 Wendt S. 156

29 ibidem S.166

30 ibidem S. 170

31 Scott, Newton: Profits of Peace. The Political Economy of Anglo-German Appeasement. Oxford 1966. S. 55 künftig zitiert: Newton

32 Wendt S. 275

33 ibidem S. 277

34 ibidem S.309

35 Defence Requirement Committee (DRC)

36 Scott S. 67

37 Scott S. 57

38 Wendt S. 404

39 McDonough S. 36

40 McDonough S.39

41 Wendt S. 419

42 McDonough S.48

43 McDonough S. 48

44 McDonough S. 51

45 Wendt S. 438

46 Wendt S. 456

47 ibidem S. 475

48 McDonough S. 58

49 Wendt S. 487

50 McDonough S. 58

51 ibidem S. 62

52 McDonough S. 64

53 ibidem S. 65

54 ibidem S. 68

55 ibidem S. 69

56 Wendt S. 455

57 McDonough S. 77

58 ibidem S. 78

59 ibidem S. 81

60 McDonough S. 86

61 ibidem S. 88

62 ibidem S. 141f.

63 Wendt, Bernd Jürgen: „Appeasement“ - Eine Friedenspolitik ohne Echo. In: Die ungleichen Partner. Deutschbritische Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Hg. V. Wolfgang J. Mommsen. Stuttgart. S. 252

64 Scott S. 145

65 ibidem S. 144

23 von 24 Seiten

Details

Titel
Die Haltung der Reichsregierung gegenüber dem britischen economic appeasement und der Politik A. Neville Chamberlains
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V107051
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Haltung, Reichsregierung, Politik, Neville, Chamberlains
Arbeit zitieren
Mirko Jahns (Autor), 2001, Die Haltung der Reichsregierung gegenüber dem britischen economic appeasement und der Politik A. Neville Chamberlains, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107051

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