Unio mystica als Erotik? Eine Darstellung am Beispiel Mechthilds von Magdeburg


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

40 Seiten, Note: 1


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I Inhaltsverzeichnis

II Mystik und die unio mystica – eine Annäherung
1. Begriffsklärung
2. Entstehung und Wirkungsgeschichte
3. Exkurs: Reliöse Frauenbewegungen, Frauenorden und das Beginentum

III Mechthild von Magdeburg und ihre Zeit
1. Biographische Skizze
2. Das Hochmittelalter und die Rolle der Frau

IV Mechthild von Magdeburg und das „Vliessende lieht der gotheit“
1. Allgemeine Bemerkungen
2. Elemente der Schau
3. Die Sprache – eine Sprache der Erotik?
4. Minne als theologische Konzeption

V Resümee und Ausblick

VI Anhang
1. Übersetzung von FL I 2
2. Bericht Bruder Leos über die Stigmatisierung von Franz von Assisi
3. Verzeichnis der verwendeten Abbreviaturen
4. Abbildungsverzeichnis
5. Selbstständigkeitserklärung
6. Bibliographisches Verzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eya Herr, minne mich gewaltig und minne mich oft

und minne mich lang!

II M YSTIK UND DIE UNIO MYSTICA – EINE A NNÄHERUNG

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Mystikerin MECHTHILD VON MAGDEBURG, deren Visionen, Meditationen und Gebete von der sogenannten „unio mystica“ bestimmt sind. Um jedoch sowohl MECHTHILD VON MAGDEBURG als auch ihr Werk richtig verstehen zu können, sei zunächst eine Klärung zu den Begriffen „Mystik“ und „unio mystica“ vorangestellt.

1. Begriffsklärung

Der Begriff „Mystik“ bezeichnet im allgemeinen eine „Sonderform religiöser Anschauung und religiösen Verhaltens, die einen bestimmten Frömmigkeitstypus hervorbrachte.“1 Zurückgehend auf THOMAS VON AQUIN und BONAVENTURA wird Mystik im klassisch-katholischen Sinn als „cognitio Dei experimentalis“ definiert.2 Wesentliches Ziel der Mystik ist die „erfahrbare Verbindung mit der Gottheit“3, die sich bis zu einer als Vereinigung erlebten Nähe, der unio mystica, steigern kann. Als Weg dazu dienen bewußtseinserweiternde Praktiken, vor allem Meditation und Askese.4 Neben der Schau und der Vereinigung zählen zu den mystischen Charismata auch die eingegossene Erkenntnis und Erscheinungen, aber auch Visionen, Auditionen, Stigmatisierungen und ähnliches.5

Die höchste Stufe, die innerhalb der Mystik erlangt werden kann, ist die unio mystica, die mystische Vereinigung.6 Die purificatio, die aktive und passive Reinigung, und die Erleuchtung, sc. ein „radikal objektloses Werteerleben in der reinen Innerlichkeit (Illuminatio)“7, sind dabei wichtige Voraussetzungen auf dem Weg zur unio mystica.8 Nachdem der Mystiker diese Stufen der Reinigung durchschritten hat, gelangt er zu einem derart bewußtem Innewerden Gottes, welches er erleidet und mit Worten nicht mehr adäquat umschreiben kann. Dabei wird die freie Erkenntnis Gottes dem Mystiker aus freier Gnade Gottes zuteil.9 Hierin und darin, daß die unabdingbaren Voraussetzungen für das Erleben einer mystischen Vereinigung die Vorbereitung, die Askese und die Reinigung sind, stimmen alle Mystiker überein, die zur unio mystica gelangt sind.

Die unio mystica läßt sich in drei Haupttypen einordnen: „dem absoluten Vergottungserlebnis, der Verschmelzung mit einem personalen Gegenüber [...] oder dem Entrücktwerden in vergottende Reisen (,Himmelsreisen‘).“1 Sie ist dabei unter anderem dadurch gekennzeichnet, daß die mystische Vereinigung mit einer negativen Erkenntnis Gottes verbunden ist.2 Der Grund hierfür liegt darin, daß Gott für die menschliche Vernunft unbegreiflich ist. Charakteristisch für die unio mystica ist des weiteren, daß die Seele während der Einigung weitestgehend passiv ist. Ein Mitwirken besteht nur insofern, „als die Seele ihre Zustimmung zu diesem Gott-Erleiden gibt, [wobei] das Gott-Erleiden [...] zugleich Quelle höchster Beglückung [ist].“3 Gott teilt sich dabei der Seele zwar unmittelbar mit, dennoch aber wird Gott vom Mystiker nicht so geschaut, wie Gott „in sich selbst ist, [...] sondern er wird gleichsam im Spiegel des lebendigen Glaubens des Mystikers geschaut.“4

Da die christliche unio mystica aus freier Gnade Gottes heraus entsteht, darf sie nicht pantheistisch verstanden werden.5 Denn die mystische Vereinigung von Gott und Mensch bedeutet nicht natürliche Identität zwischen beiden; sie kommt auch nicht einer Auflösung des Menschen in Gott hinein gleich, sondern der Mensch bleibt trotz allem ein Mensch.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der unio mystica ist die Liebe.6 Oftmals verspüren Mystiker während der unio mystica das Bedürfnis, „so zu lieben, wie sie von Gott geliebt sind.“7 Dies klingt auch schon im hohepriesterlichen Gebet Jesu an: „[...] ›”va y’ a’¢a’vy y“v y’¢a’vyoa’ç µc c’v au’ro›ˆç“8. Gleichwohl kann sich dieser Liebesaustausch im immanenten Leben in

vollkommener Weise nicht verwirklichen.9 Trotzdem vermag diese Liebe die Seele umzugestalten, jedoch nur dann, wenn es zuvor zu einer „zweiten Bekehrung“ der Seele gekommen ist, in der sie ihrer selbst entsagt und sich Gott völlig ausliefert.10

An diese Begriffsklärung soll sich im nächsten Abschnitt eine kurze Darstellung über die Entstehung und die Wirkungsgeschichte der Mystik anschließen.

2. Entstehung und Wirkungsgeschichte

Die Blütezeit der christlichen Mystik lag vor allem im 13.-15. Jahrhundert1, doch andeutungsweise begegnet sie – wie bereits gesagt – im hohepriesterlichen Gebet Jesu Christi (Joh 17).2 Charakteristisch wurde die Mystik bzw. eine mystische Theologie für die monastische Spiritualität, welche mit einer Methodik für asketisches Leben verbunden worden ist.3 In ausgeprägter Form erscheint die mystische Theologie zum ersten Mal bei GREGOR VON NYSSA und EUARGRIUS PONTICUS im 4. Jahrhundert. Zwar wirkten beide im Osten, ihre Gedanken hatten jedoch auch Einfluß auf westliche Traditionen. Nach GREGOR VON NYSSA kommt der Mensch „im ständigen Fortschreiten der Gotteserkenntnis und ethischen Entweltlichung [...] im Übersteigen der vorfindlichen Welt zur Verähnlichung mit Gott, zur Teilhabe an dessen Wirkungen, zur Schau Gottes.“4 EUARGRIUS PONTICUS zeigt das noch ausgeprägter: Ausschlaggebend ist hier die Ruhe, die sich in einem durch Meditation charakterisierten Verbleiben der Mönche in der Zelle ausdrückt.5 Dieses In-der-Zelle-Verbleiben ist eine Art Reinigungsprozeß, durch welchen den Mönchen die Abkehr von den sündigen Gedanken ermöglicht wird. Sodann „arbeitet sich der gereinigte Geist durch verschiedene Tugenden zum gnostischen Leben empor, zur intuitiven Erkenntnis bzw. zum reinen Gebet.“6 Somit erkennt der zum Gnostiker gewordene Mönch alle Dinge und lebt in der Schau Gottes.7

Im 6. Jahrhundert entwickelte PSEUDO-DIONYSIUS AREOPAGITA eine andere Art der Mystik.8 Sie ist ontologisch bzw. christologisch begründet und betont die ekstatische Hingabe an Gott. Die Erkenntnis Gottes wird dabei durch die Vergöttlichung bzw. die Vereinigung mit Gott übertroffen, welche Gott selber durch seine Offenbarungen ermöglicht. Diese Form der Mystik griff im 7. Jahrhundert MAXIMUS CONFESSOR auf.9 Seitdem wurde die Unterscheidung zwischen dem unerkennbaren Wesen Gottes und seinen offenbarten Wirkungen ein grundlegendes Element der Mystik. Nach seiner Lehre erstreckt sich die menschliche Erkenntnis auf Gottes Attribute, sc. Ewigkeit, Unendlichkeit, Unsichtbarkeit etc. Dem gegenüber erfolgt die Vergottung als Abschluß des Strebens nach Vervollkommnung in der Hingabe an Gott.

Dem Frühmittelalter mangelt es an Zeugnissen der Mystik; erst im Hochmittelalter (etwa 10.- 12. Jahrhundert) wird die Mystik wieder greifbarer.1 In dieser Zeit ist sie vor allem Christus- oder Passionsmystik, sc. „die unmittelbare Einheit mit Christus als dem göttlichen Logos oder dem Menschen Jesus.“2 Richtungsweisend für fast das gesamte Mittelalter wurden die mystischen Schriften BERNHARDS VON CLAIRVAUX.3 Durch die „Sermones super Canticum“, in denen er die Braut mit der Seele des einzelnen Gläubigen identifizierte und die Liebe zwischen Gott und der Seele beschreibt, kam die religiöse Erotik in die Mystik.4 Vor allem das 12. Jahrhundert rezipiert die Brautmystik in unzähligen, teilweise anonymen Werken, deren bekannteste vielleicht das „Trudperter Hohe Lied“ und der zisterziensische Hymnus „Jesu dulcis memoria“ sind. In diesem Jahrhundert liegen auch die Anfänge der Frauenmystik, die vor allem innerhalb der Beginenbewegung einsetzte.5 Sie rezipierten ebenfalls die Brautmystik. Das Besondere an dieser Form der Mystik, die bei einigen Nonnen und Beginen begegnet, ist die Dominanz des Gefühls.6 Neu ist hier außerdem, daß diese Art der Mystik mit Privatoffenbarungen (sc. Vision, Audition, Ekstase) verbunden ist und zum ersten Mal in volkssprachlichen Texten aufgezeichnet wurden. In diesem Zusammenhang ist HILDEGARD VON BINGEN zu erwähnen, die als erste eine genaue Beschreibung ihrer Visionen gab.7 Ebenso sei hier ELISABETH VON SCHÖNAU genannt, bei der sich erstmals der Typ der ekstatischen Offenbarungsvision finden läßt.

Die eigentliche Mystik begegnet jedoch erst im 13. nachchristlichen Jahrhundert.8 Mit FRANZISKUS VON ASSISI vollzog sich der nächste entscheidende Schritt in der Entwicklung der Mystik.9 Durch seine Stigmatisierung, dem großen erlebnismystischen Ereignis seines Lebens, ist die imitatio Dei in die conformitas Christi übergegangen. Die franziskanische Mystik knüpfte dabei an die Person FRANZISKUS’ VON ASSISI an, indem sie sein Leben ausdeutete. In ihr sind Einigungs- und Passionsmystik miteinander verschmolzen. Innerhalb der fanziskanischen Bewegung sind besonders zwei Menschen hervorzuheben: zum einen die Mystikerin ANGELA VON FOLIGNO, die die compassio und die unio passionalis betonte. Zum anderen ist unter den

franziskanischen Mystikern der Theoretiker BONAVENTURA hervorzuheben. In seinem Werk „Itinerarium mentis in Deum“ schildert er, wie „die pilgernde Seele den Spuren Gottes zunächst mit vernuftsgemäßem Nachdenken über die sichtbare Schöpfung [folgt], dann mit der Reflexion über das Bild Gottes [...], schließlich mit irrationaler Erkenntnis. Am Ende der geistlichen Pilgerschaft kommt die Verstandestätigkeit zur Ruhe, und in mystischer Entraffung geht das Gemüt ganz in Gott auf.“1

Es gilt des ferneren festzuhalten, daß die praktische Mystik in dieser Zeit weitestgehend Frauenmystik war.2 In Deutschland bildete das Kloster Helfta, welches zisterziensisch geprägt war, ein Zentrum der Frauenmystik.3 Neben MECHTHILD VON HACKEBORN und GETRUD VON HELFTA wirkte hier auch die frühere Begine MECHTHILD VON MAGDEBURG, die ihre Offenbarungsvisionen und mystischen Geisterlebnisse in ihrem Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ aufzeichnen ließ. MECHTHILDS Sprache wirkt tief emotional, da sie ihre religiösen Erfahrungen vor allem im Bereich des Fühlens erlebte.4 Die Liebesbeziehung zum Seelenbräutigam ist von ihr dabei durchaus erotisch geschildert, wie wir noch sehen werden.

Lag im 13. Jahrhundert auf der franziskanischen Bewegung im Hinblick auf die Mystik eine große Bedeutung, so gewinnen im 14. Jahrhundert die Dominikaner diesbezüglich an Wichtigkeit.5 Sie nahmen neben THOMAS VON AQUIN vor allem auch PSEUDO-DIONYSIUS AREOPAGITA und BERNHARD VON CLAIRVAUX auf. Mit ihren Werken versuchten sie, auf ekstatische Braut- und Passionsmystiken mäßigend einzuwirken. Für den deutschen Raum gilt MEISTER ECKHART als paradigmatischer Autor der deutschen Mystik.6 Charakteristisch für ihn ist, daß seine Lehre nicht den Weg zur Christusvereinigung in Liebe oder in Leiden weist, sondern sie ist Seins- und Wissensmystik. Denn die Vereinigung mit Gott erfolgt bei ihm ausschließlich durch einen existenziellen, kognitiven Akt und nicht durch Liebe und Gnade. Darin unterscheidet sich MEISTER ECKHART von den bisherigen Mystikern, denn gerade in der unio mystica geschieht die Erkenntnis Gottes aus freier Gnade.7 Doch auch wenn MEISTER ECKHART einen anderen Weg begeht, so löst er dennoch nicht die Erlebnismystik ab. Die ausführlichsten Bezeugungen dieses Mystiktyps stellen im 14. Jahrhundert die Schriften über das Leben und die Schauungen der DOROTHEA VON MONTAU dar.8 Auffällig für die

Erlebnismystik jener Zeit ist der Aspekt des Grausamen, der hierbei eine herausragende Rolle zu spielen scheint: Entweder ist es die grausame Askese als Voraussetzung für das Erleben mystischer Erfahrungen; oder es sind die Erlebnisse selbst, in denen Christus und Maria grausam mit dem Leib und der Seele spielen.1 So schildern es beispielsweise die Schriften über jene eben erwähnte DOROTHEA VON MONTAU.

Mit KATHARINA VON SIENA erreichte die Erlebnismystik ihren Höhepunkt.2 Stationen ihres Lebens sind neben Ekstasen und Visionen die Vermählung mit dem Seelenbräutigam, der Austausch ihres Herzens mit dem Christi und die unsichtbare Stigmatisierung. Ihr Leben endete schließlich in der Selbstaufopferung für die Sünden der Welt.

Nach diesem kurzen Überblick über die historische Entwicklung der Mystik soll nun im folgenden Abschnitt ein kleiner Exkurs über die religiöse Frauenbewegung folgen, da meines Erachtens gerade die Frauen einen großen Anteil an der Pflege der Mystik hatten.

3. Exkurs: Religiöse Frauenbewegungen, Frauenorden und das Beginentum

Im frühen Mittelalter erschienen Asketinnen trotz der besonderen Rolle, die sie spielten, als Anhängsel des von Männern geprägten Mönchtums.3 Erst die sozialen und kulturellen Veränderungen des 12. Jahrhunderts ermöglichten es, daß auch Frauen zu einem bestimmenden Element des religiösen Lebens (sc. der asketischen Spiritualität und Lebensweise) wurden. Dies zeigte sich auch am Aufschwung der Mystik, an dem die religiösen Frauen einen erheblichen Anteil hatten.

Dem monastischen Aufbruch dieses Jahrhunderts schlossen sich auch viele Frauen an, doch sie stießen meist auf den Widerstand der neuen Orden.4 So wurden die Frauenklöster zunächst erst getrennt von den Männerklöstern organisiert. Erst im 13. Jahrhundert, verbunden mit dem Aufblühen der Städte, richteten die Franziskaner und die Dominikaner förmliche Ordenszweige für Nonnen und weibliche Terziaren ein. Dies erlaubte die Aufnahme von Angehörigen der sozialen Mittelschicht – und nicht mehr wie bisher nur von Frauen aus der politischen Führungs- und sozialen Oberschicht. Die Frauenklöster genossen erheblichen Zulauf. So verdreifachte sich allein in Deutschland ihre Zahl innerhalb des Zeitraumes von 1100 bis 1250.

Um ca. 1200 und in den darauffolgendenden 40 Jahren etablierte sich das Beginentum.5 Damit

enstand, zunächst in Städten des Bistums Lüttich, eine neue asketische Lebensform religiöser Frauen außerhalb der Klöster. Sie bildeten sich vor allem deshalb, weil die Kapazitäten der Frauenklöster nicht mehr ausreichten, aber es waren auch religiöse Motive ausschlaggebend.1 Sich auf Keuschheit, Armut und Buße verpflichtend, lebten sie in quasimonastischer Gemeinschaft. Hauptsächlich durch Handarbeit bestritten sie ihren Lebensunterhalt, selten durch Betteln. Anfänglich rekrutierten sich die Beginen aus dem Adel und begüterten Bürgertum, gegen deren Lebensstil sie protestierten; erst später – etwa im 14./15. Jahrhundert – traten auch Frauen der Mittel- und Unterschichten den Beginen bei. Meist widmeten sich die Beginenhäuser und -höfe der Krankenpflege und der Armenfürsorge.

Die Beginenbewegung war in ihrem Bestand nicht unangefochten. Da sich die Beginen teilweise bei Katharern, Humiliaten und Waldensern engagierten, gerieten auch ihre Aktivitäten unter Häresieverdacht.2 Hinzu kam, daß das Beginentum eine der kirchlichen Reglementierung entzogene Lebensform war, so daß es seit ca. 1250 zu Verfolgungen und 1311 schließlich zur offizielen Verurteilung der Beginen durch Papst CLEMENS V. und dem Konzil von Vienne kam.3 Somit zerfiel das Beginentum in zwei Teile: in die verfolgten Ketzerinnen und in offiziell anerkannte, regulierte Konvente.

III M ECHTHILD VON M AGDEBURG UND IHRE Z EIT

1. Biographische Skizze

Die Biographie MECHTHILDS VON MAGDEBURG erschließt sich nur aus ihrem Werk „Das fließende Licht der Gottheit“, das durch geschichtliche Informationen über Klöster und Personen ergänzt wird, als da sind: das Zisterzienserkloster Helfta, ihr Beichtvater HEINRICH VON HALLE OP, ihr leiblicher Bruder BALDUIN und der Subprior von Halle.4 Geboren wurde sie um 1207 in der Gegend um Magdeburg und wuchs wahrscheinlich in einem adligen Elternhaus auf.5 Demzufolge muß sie auch von der Bildung her vom Adel gewesen sein.6

Mit zwölf Jahren hatte MECHTHILD ihren ersten außerordentlichen Gnadenerweis, den sie als

„Gruß“ beschreibt.7 „Grüßen“ bedeutet hier: „sich jemanden zuwenden“, „und ,Gruß‘ bleibt

im ganzen Werk eine Grundform für die liebevolle Hinwendung des Göttlichen zur

,minnenden Seele‘.“1 Dieser Gruß scheint der Anlaß dafür gewesen zu sein, daß MECHTHILD um 1230 der Magdeburger Beginengemeinschaft beitrat, welches der geistlichen Obhut der Hallenser Dominikanern oblag2.

Um 1250 bewog sie ihr Beichtvater HEINRICH VON HALLE OP, ihre Gesichte und Auditionen niederzuschreiben.3 MECHTHILD wußte sich dennoch primär von Gott dazu aufgefordert: „[...] wan du hies mich es selber schriben“4. Wohl wegen der Kritik, die sie am Ordens- und Weltklerus übte,5 und den daraus resultierenden Anfeindungen zog sie sich um 1270 durch Vermittlung der Dominikaner in das Kloster Helfta zurück.6 Dieser Wechsel von den Beginen- in den Ordensstand ist für die mulieres religiosæ, wie MECHTHILD deren eine war, nichts Ungewöhnliches; für sie bedeutete dies sicherlich auch bessere leibliche Fürsorge und ein reicheres opus Dei.7 Mit ihrem Wirken im Kloster kamen jedoch auch ein neue Verpflichtungen hinzu: Auf ihre Frage „Herre, was solte ich hie in diseme closter tnn?“ erhielt sie zur Antwort: „Du solt si erlúhten und leren und solt mit inen bliben in grosser ere.“8

MECHTHILD starb, erblindet und lahm geworden, wahrscheinlich um 1282, spätestens jedoch 1294.9

Was ihr Nachleben anbelangt, so zeigt die geringe handschriftliche Überlieferung, daß MECHTHILD und ihr Werk weitestgehend unbekannt war – trotz der Tatsache, daß „Das fließende Licht der Gottheit“ in den Kreisen der Baseler Gottesfreunde10 gelesen und vom Biographen des HL. DOMINICUS, DIETRICH VON APOLDA, zitiert wurde.11 Sicherlich hat sie aber ihre Mitschwestern GERTRUD VON HACKEBORN und MECHTHILD VON HACKEBORN in ihren Offenbarungserlebnissen sowie in der Form ihrer Wiedergaben beeinflußt. Im Gegensatz zu ihnen bleib MECHTHILD VON MAGDEBURG jedoch die Verehrung als Heilige verwehrt.12

[...]


1 Meyers Großes Universallexikon, S. 584

2 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 982 (s. v. A. Christentum, I. westliches Mittelalter)

3 vgl. Meyers Großes Universallexikon, S. 584; im folgenden vgl. ebd.

4 vgl. ebd.; vgl. hierzu auch Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 982

5 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 982

6 vgl. Michael Figura: Unio mystica, S. 503

7 Wolfgang Philipp: Unio mystica, Sp. 1136; Herv. im Orig.

8 vgl. Michael Figura: a. a. O., S. 503; im folgenden vgl. ebd.

9 vgl. Michael Figura: a. a. O., S. 504; im folgenden vgl. ebd.Es sei angemerkt, daß Meister Eckhart nicht davon ausgeht, daß die Vereinigung mit Gott aufgrund der freien Gnade Gottes zustande kommt, sondern durch einen kognitiven Akt (s. u. II/2. Entstehung und ...).

1 Wolfgang Philipp: a. a. O., Sp. 1136; Ausl. dh. d. Verf.

2 vgl. Michael Figura: a. a. O., S. 504; im folgenden vgl. ebd.

3 Michael Figura: a. a. O., S. 504 f.; Bearb. dh. d. Verf.

4 vgl. Michael Figura: a. a. O., S. 505

5 vgl. ebd.; im folgenden vgl. ebd.

6 vgl. ebd.

7 ebd.; im folgenden vgl. ebd.

8 Joh 17:26 („[...] damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, unter ihnen sei“; Ausl. dh. d. Verf.)

9 vgl. Michael Figura: a. a. O., S. 505

10 vgl. Michael Figura: a. a. O., S. 505 f.

1 Es sei angemerkt, daß alle Jahreszahlen in dieser Arbeit post Christum natum sind.

2 vgl. Meyers Großes Universallexikon, S. 585; vgl. hierzu auch Michael Figura: a. a. O., S. 504

3 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, S. 280; im folgenden vgl. ebd.

4 Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 281; Ausl. dh. d. Verf.

5 vgl. ebd.; im folgenden vgl. ebd.

6 ebd. im folgenden vgl. ebd.

7 Zur Definition der Gnosis vgl. Karl-Wolfgang Tröger: Gnosis, Gnostizismus, S. 423 f.

8 vgl. ebd.; im folgenden vgl. ebd.

9 vgl. ebd.; im folgenden vgl. ebd.

1 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 983

2 Meyers Großes Universallexikon, S. 585

3 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 983; im folgenden vgl. ebd.

4 vgl. hierzu auch Meyers Großes Universallexikon, S. 585

5 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 983; im folgenden vgl. ebd.

6 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 316; im folgenden vgl. ebd.

7 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 317; im folgenden vgl. ebd. Es sei jedoch angemerkt, daß es zum Teil umstritten ist, Hildegard von Bingen der Mystik zuzurechen. (vgl. ebd.)

8 vgl. ebd.

9 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 983; im folgenden vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 983 f.

1 Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 984; Bearb. dh. d. Verf.

2 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 984

3 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 317; im folgenden vgl. ebd.

4 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 984 f.; im folgenden vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 985

5 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 985; im folgenden vgl. ebd.

6 vgl. ebd.; im folgenden vgl. ebd.

7 vgl. hierzu Michael Figura: a. a. O., S. 504

8 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 986; im folgenden vgl. ebd.

1 vgl. ebd.

2 vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 987; im folgenden vgl. ebd.

3 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 314; im folgenden vgl. ebd.

4 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 315; im folgenden vgl. ebd.

5 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 314; im folgenden vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 315

1 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 316; im folgenden vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 315 f.

2 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 314

3 vgl. Wolf-Dieter Hauschild: a. a. O., S. 316; im folgenden vgl. ebd.

4 vgl. Kurt Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik, S. 247 f.; vgl. zu allen folgenden Ausführungen zu- sätzlich Karl Dienst: Mechthild von Magdeburg, Sp. 1146 f. und Peter Dinzelbacher: Mechthild von Magde- burg, S. 308 f.

5 vgl. Karl Dienst: a. a. O., Sp. 1146

6 vgl. Kurt Ruh: a. a. O., S. 248

7 vgl. ebd.; vgl. auch Mechthild von Magdeburg: Das fließende Licht der Gottheit, IV 2,9 <S. 110>

1 vgl. Kurt Ruh: a. a. O., S. 248; im folgenden vgl. ebd.

2 vgl. Karl Dienst: a. a. O., Sp. 1146

3 vgl. Kurt Ruh: a. a. O., S. 248 „Anno domini MCCL fere per annos XV liber iste fuit teutonice cuidam begine [...] per gratim a domino in- spiratus.“(Mechthild von Magdeburg: a. a. O., Vorbericht,1-3 <S. 1>; Ausl. dh. d. Verf.)

4 Mechthild von Magedeburg: a. a. O., II 26,7 <S. 68> („ [...] denn du hießest mich, es selber zu schreiben.“; Ausl. dh. d. Verf.); vgl. auch Kurt Ruh: a. a. O., S. 248

5 vgl. hierzu Marianne Heimbach-Steins: Der ungelehrte Mund als Autorität, S. 147-159

6 vgl. Karl Dienst: a. a. O., Sp. 1146; vgl. auch Peter Dinzelbacher: Mechthild von Magdeburg, S. 308

7 vgl. Kurt Ruh: a. a. O., S. 250; im folgenden vgl. ebd.

8 Mechthild von Magdeburg: a. a. O., VII 8,22-24 <S. 264> („Herr, was soll ich hier in diesem Kloster tun? – Du sollst sie erleuchten und lehren und mit ihnen in großer Ehre bleiben.“); vgl. auch Kurt Ruh: a. a. O., S. 250

9 vgl. Peter Dinzelbacher: Mechthild von Magdeburg, S. 308

10 „Gottesfreunde“ werden Gruppen von Laien und Klerikern genannt, die zu mystischer Frömmigkeit neig- ten. (vgl. Peter Dinzelbacher: Mystik, Sp. 986)

11 vgl. Peter Dinzelbacher: Mechthild von Magdeburg, S. 309; im folgenden vgl. ebd.

12 anders hingegen Karl Dienst: a. a. O., Sp. 1146

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Details

Titel
Unio mystica als Erotik? Eine Darstellung am Beispiel Mechthilds von Magdeburg
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Frauengestalten des Hochmittelalters
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
40
Katalognummer
V107057
Dateigröße
1274 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unio, Erotik, Eine, Darstellung, Beispiel, Mechthilds, Magdeburg, Frauengestalten, Hochmittelalters
Arbeit zitieren
Dipl.-Theol. Andreas Barth (Autor), 1999, Unio mystica als Erotik? Eine Darstellung am Beispiel Mechthilds von Magdeburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107057

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