Schizophrenie - alternative Umgehensweisen


Referat / Aufsatz (Schule), 2002
16 Seiten
Anonym

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Schizophrenie - alternative Umgehensweisen

Sonne !

geh nicht am Schatten vorbei, als wenn es nicht Deiner wär.

Sinn !

geh nicht am Wahnsinn vorbei, als wenn es nicht Deiner wär.

Erst wenn die Flamme der hellen und der dunklen Sonne gemeinsam erglühn, berührt der Himmel die Erde.

Manuel Pan1

I. Einführung

Als ich anfing mich mit dem Thema „Schizophrenie“ zu beschäftigen, stellte ich innerhalb meiner Recherche fest, daß viele Autoren immer noch eine reine medikamentöse Behandlung vorschlagen. Doch mein Bedürfnis ist es, auch später als Sozialpädagogin, den Betroffenen alternative Wege aufzeigen zu können.

So konzentrierte ich meine Recherche auf andere Umgehensweisen mit den Symptomen der Schizophrenie.

Mit dieser Arbeit möchte ich einige „Lichtpunkte“ aufgreifen und kurz darstellen. Dies mag erklären, daß Zusammenhänge zwischen einzelnen Kapiteln nicht immer bestehen.

II. wissenschaftliche Forschung

1. Vulnerabilitäts-Streß-Modell

Zuallererst will ich ein Modell zur Entstehung schizophrener Krisen kurz darstellen. Ich habe mir das Vulnerabilitäts-Streß-Modell ausgesucht, weil auf dieses Modell viele psychologisch orientierten Therapieformen aufbauen.

Entwickelt wurde es anfänglich durch Joseph Zubin. Aber auch das „ integrative psychisch-biologische Schizophreniemodell“ von Luc Ciompi baut auf diesem Modell auf.

Das besondere an diesem Modell ist, daß es familiäre, psychosoziale und biologische Faktoren berücksichtigt.

So entstehen nach dem VS-Modell

„ die schizophrenen Symptome aus einer Interaktion von Einflüssen auf den Ebenen der Biologie, der Umwelt und des Verhaltens.“2

1.1. Vulnerabilität/ erhöhte Verletzbarkeit

Das VS-Modell nimmt als zentrale Störung bei schizophren Betroffenen eine überdauernde, erhöhte psychische Verletzbarkeit an. So bezeichnen sich viele Betroffenen selbst als besonders „dünnhäutige“ Menschen.

Luc Ciompi beschreibt dieses Phänomen, daß solche Menschen

„ emotionale und kognitive Belastungen aller Art unterdurchschnittlich schlecht verkraften, unter ihrem Druck leicht in Spannungen geraten und dazu neigen von einem kritischen Punkt an mit psychosozialen Störungen zu reagieren. “3

1.2. Vulnerabilitätsindikatoren

Nach Hahlweg und Dose werden die Betroffenen durch sog. Vulnerabilitätsindikatoren gekennzeichnet. Diese sind vor, während und nach einer psychotischen Krise zu beobachten. Dabei handelt es sich um folgende Indikatoren:

(a) eine Informationsverarbeitung ist den Betroffenen nur mäßig möglich
(b) es findet eine Dysfunktion des autonomen Nervensystems statt. Das heißt, daß z.B. den Betroffenen eine Einordnung von neuen Reizen nicht gelingt
(c) Die ersten beiden Indikationen interagieren zusammen, so daß soziale Kompetenzen geschwächt werden

„ Eine schizophrene Episode wird demnach ausgelöst, wenn die genannten Vulnerabilitätsfaktoren mit ungünstigen Umweltbedingungen in Interaktion treten.“4

Bei einer empirischen Untersuchung kamen meistens folgende Umweltfaktoren zum Vorschein:

- ein emotional belastendes Familienklima; z.B.: ein high-expressed- Status
- eine äußerst stimulierende soziale Umgebung und belastende Lebensereignisse

1.3. Der Verlauf einer akuten Krankheitsphase

Dieser kann mit einem Kreislauf beschrieben werden. So erzeugen die oben angeführten Umweltfaktoren Streß. Fehlende Bewältigungs- strategien lösen eine Dysfunktionen des autonomen Nervensystems aus, die wiederum kognitive Defizite verstärken. Dies zeigt sich dem Betroffenen erneut als Streß. Doch der Verlauf hängt auch von den Bewältigungkompetenzen, der Medikation, von den Problemlöse- kompetenzen innerhalb der Familie und der Unterstützung ab. Hier kann meiner Meinung nach Soziale Arbeit oder andere Formen von Hilfen anknüpfen. Diese Faktoren oder Ressourcen zu finden und zu fördern, kann eine große Chance für den Krankheitsverlauf darstellen.

1.4. Gegenpol: endogenes Modell

Damit bildet das Modell ein Gegenpol zum endogenen Krankheitsmodell, das heute oftmals in psychiatrischen Einrichtungen noch vertreten wird. Das endogene Modell geht von einem reinen biologischen Defekt aus, der medikamentös behandelt werden muß. Dies wird durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

- Betroffene werden als Laien gesehen und die Professionellen stellen alleine die Experten dar.
- Betroffene werden als passiv und hilflos abgestempelt, so daß sie nicht entscheiden können, welche Therapie für sie die richtige ist. Oft wird ihnen auch der größte Teil ihrer Selbstbestimmung abgesprochen.

2. Konzept der „Expressed -Emotion“

Nach diesem Konzept haben Angehörige der von der Schizophrenie Betroffene entscheidenden Einfluß auf den Krankheitsverlauf. In einem Testverfahren kann ermittelt werden, ob die Angehörigen einem hoch-expresses-emotion oder niedrig-EE-Status angehören. Hoch-EE bedeutet dabei, daß die Familienangehörigen gegenüber dem schizophren Betroffen oft Kritik äußeren, Feindseligkeiten zeigen oder von einem emotionalen Überengagement gekennzeichnet sind.

Bei einer Reihe von Untersuchungen bat man die Betroffenen ihre Familiendiskussionen auf Video aufzuzeichnen. Es ließ sich aufzeigen, daß sich die negativen Einstellungen der Angehörigen auch in dem Verhalten der Betroffenen widerspiegelten.

„ In direkter Interaktion mit high-EE kritischen Angehörigen erwiesen sie sich als nonverbal negativer, sie äußerten mehr Rechtfertigungen und lehnten die Verantwortung für das zur Diskussion stehende Problem öfter ab, als wenn sie mit NEE oder emotional überengagierten Angehörigen sprachen.“5

Luc Ciompi geht noch einen Schritt weiter. Er spricht den Angehörigen bei der Entstehung einer Krise eine ganz gewichtige Rolle zu:

„ Von Bedeutung ist des weiteren, daß nicht selten auch das familiäre und soziale Umfeld des Patienten zu emotionalen Überreaktionen neigt und durch jahrelange, offene oder versteckte Probleme und Konflikte gespannt und verwirrt ist. Zwischen der Konfusion im Patienten selber und derjenigen um ihn herum bestehen zweifellos Wechselwirkungen; immer wieder scheint es zwischen ihnen zu Eskalationen unter Umständen bis hin zu jenem Punkt zu kommen, der mit dem Ausbruch von psychotischen Störungen einhergeht.“6

Kritisch ist an der Bestimmung des EEStatus anzusehen, daß er sehr zeitaufwendig ist und zuverlässig nur von wenigen Betreuern gemacht werden kann. Außerdem sollte ein Therapeut/ Begleiter etc. einem expressed-emotion-Status meiner Meinung nach wenig Bedeutung beimessen. Denn Angehörige sollten doch auf jeden Fall die Möglichkeit bekommen, wenn es der Betroffene wünscht, in eine therapeutische Maßnahme miteinbezogen zu werden.

Auch darf man dabei nicht vergessen, daß man damit in Gefahr läuft den Angehörigen eine Schuld an einem erneuten Schub zu geben.

III. Einstellung zur Krankheit/Krise

Für den Verlauf einer Krankheit ist es von enormer Bedeutung welche Einstellung der Kranke selbst dazu hat und wie das soziale Umfeld auf die Krankheit reagiert.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle ein paar allgemeine Gedanken zum Thema Krankheit/ Krise einfügen.

In der heutigen Gesellschaft wird jemand sehr schnell zum Problemfall, der dann durch ein ärztliches Attest zum „psychisch Kranken“ wird. Dies stellt für den Betroffenen oft ein Ausschluß aus dem sozialen Umfeld dar.

So gilt doch Gesundheit als ein unbedingt zu erfüllende Größe. Der „psychisch Kranke hat gesund“ zu werden. Für viele PsychiaterInnen bezeugen die meisten Äußerungen der Betroffenen nur ihr seelisches Leid, welches es zu heilen gilt. Eine Behandlung abzulehnen ist für viele Professionelle ein weiterer Beweis der vorherrschenden Krankheit. Ein positiver Bezug zur Krankheit ist oft innerhalb einer Behandlung oder Therapie nicht denkbar. So könnte ein psychotischer Schub doch sicherlich auch als Abwehr- oder Bewältigungsstrategie verstanden werden. Dies zeigt z.B. folgende Schilderung einer Betroffenen:

„ Ich habe mich geführt gefühlt; und das war eigentlich angenehm, weil es dem Tun mehr Sinn gab als im Alltag. Überhaupt schien alles mehr Sinn zu machen. Abgesehen von dieser Angst, das Falsche zu tun, habe ich meine Psychosen auch nicht angstbesetzt erlebt. Ich würde im Gegenteil sagen, daß ich in den Psychosen mehr Mut hatte.“7

Mir persönlich war es wichtig diese Gedanken während der nun folgenden Bearbeitung der Behandlungsmöglichkeiten im Hinterkopf zu behalten.

IV. Therapiemöglichkeiten

1. allgemeine Grundlagen

Während meiner Recherche stellte ich fest, daß es wohl für die Behandlung von der Schizophrenie Betroffenen kein einheitliches Therapie- oder Behandlungsschema gibt. Die einzig wahre Therapie- form scheint es nicht zu geben. Dies wird der Grundannahme gerecht, daß jeder Mensch spezielle Bedürfnissen und Fähigkeiten besitzt. Als generelle Aussage zu Therapieformen scheint aber zuzutreffen, daß der Umgang mit Betroffenen oftmals ein Balanceakt zwischen Aktivierung, Beruhigung der Symptomatik und psychotherapeutische Hilfe zur Verarbeitung des Krankheitserlebens darstellt.

2. psychologische Therapieansätze

In den folgenden Abschnitten möchte ich mich mit psychologischen Ansatzformen näher beschäftigen. Dabei habe ich die medikamentöse Behandlung außer acht gelassen, weil ich zum einen nach anderen Therapieformen gezielt suchen wollte. Zum anderen wurde diese Thematik im Rahmen diese Seminars innerhalb einer anderen Hausarbeit bearbeitet.

2.1. Gruppenprogramme für spezifische Funktionsbeeinträchtigungen

Im Rahmen dieses Programmes sollen hauptsächlich kognitive Defizite aufgebaut und soziale Fähigkeiten trainiert werden.

(a) kognitive Defizite

Für den Aufbau kognitiver Defizite wurde das „integrierte psychologische Therapieprogramm“ entwickelt.

Es wird meistens in stationärer Umgebung durchgeführt und dauert etwa drei Monate.

Das Training besteht aus fünf Elementen. Die Schweregrade der einzelnen Aufgaben steigen dabei laufend an.

So beinhaltet das Training folgende Übungen:

- Training der kognitiven Differenzierung. Hier werden die Betroffenen unterstützt ihre Abstraktionsmöglichkeiten und Merkfähigkeit auszubauen.
- Ausweitung der eigenen- und Fremdwahrnehmung; Dabei wird das Erkennen und die Interpretation von neuen Reizen geübt
- Schulung der Kommunikationsfähigkeit. Dies stellt sich für viele Betroffene als eine sehr schwierige Aufgabe dar, weil viele Psychatrieerfahrene darin gehindert worden sind ihre Gefühle offen auszusprechen.
- sozialen Verhaltenstraining; Dieser Punkt beinhaltet auch Methoden des Selbstsicherheitstrainings
- Üben des Problemlösens; Hierbei sollen die Betroffenen eine Bewältigung von potentiellen Stressoren (wieder)erlernen

(b) Training sozialer Fertigkeiten

„ Bei diesem verhaltenstherapeutischen Ansatz geht es um die Verbesserung der sozialen Kompetenz, d.h. der Fähigkeit, mit anderen Menschen umzugehen und zwischenmenschliche Probleme zu lösen.“8

Diese Therapie wird ebenfalls in Gruppen durchgeführt. Sie beinhaltet hauptsächlich Rollenspiele. Diese sollen die soziale Wahrnehmung verbessern und so Auswirkungen auf das soziale Verhalten haben.

Überblickend läßt sich erkennen, daß die verschiedenen Trainings- einheiten doch viele Bereiche der sozialen Kompetenzen ansprechen. Doch erkenne ich bisher noch keine Einheiten, die auf die schon vorhandenen Strategien oder Ressourcen aufbauen. Auch bleibt es für mich fraglich inwieweit die in einem geschützten Raum erlernten Methoden auf den Alltag übertragen werden können.

2.2. psychoedukative Familienprogramme

Es sind viele psychoedukative Therapieprogramme für Familien entwickelt worden, die alle vom Vulnerabilität-Streß-Modell ausgehen Deshalb versucht das Programm übermäßiges Üben von Kritik und emotionales Überengagement abzubauen. So orientieren sich die Therapeuten an Familienproblemen und versuchen zusammen mit den Angehörigen konkrete Lösungen zu finden.

Die psychoeduktiven Familienprogramme werden meist auch in stationärer Umgebung durchgeführt. Das Programm geht auch von der Annahme aus, daß der Betroffene neuroleptisch behandelt wird. Zunächst werden die Angehörigen über die Krankheit und deren Symptome informiert. Wichtig ist nicht nur eine Aufklärung über die medikamentöse sondern auch über sonstige Behandlungmethoden. Weitere Komponenten der psychoedukativen Familienbetreuung können ein Kommunikationstraining, Problemlösetraining oder Einzeltherapie sein.

„ Diese Programme unterscheiden sich in formalen Aspekten, vor allem in dem Ausmaß direkter Beteiligung des Patienten an den Familiensitzungen und in der Durchführung, d.h. ob mit einzelnen Familien unter Einschluß des Patienten oder mit Angehörigengruppen gearbeitet wird.“9

V. ein Beispiel für Selbsthilfe

1. schützende Faktoren

Bei dem Konzept von Knuf und Gartelmann wird nicht nur die Krankheit, die Krise im Auge behalten, sondern vorallem die Gesundheit. Man versucht ein Blick mehr auf die gesunderhaltenen Faktoren zu werfen. Dabei steht ein Wohlbefinden des ganzen Menschen im Mittelpunkt.

Denn fühlt sich ein Mensch „rundum wohl“, so ist er eher vor Krisen und Krankheiten geschützt. Dies trifft wohl auch gerade für Menschen zu, die anfällig für psychische Krisen sind.

„ Jede einseitige Betrachtung [...] wird der Realität nicht gerecht. Genausowenig gibt es den gesunderhaltenden Faktor. Die Psychopharmaka sind keine Zaubermittel, und ebensowenig sind es Einflußmöglichkeiten, bestimmte Ernährungsformen oder alternative Therapiemöglichkeiten. Vielmehr greifen viele Einflüsse ineinander und bilden als Ganzes eine Art Schutzweste, die vor Streß, auslösenden Ereignissen und vielleicht auch vor biologischen Veränderungen schützen können.“10

Die Autoren empfehlen hierbei den Betroffenen sich Gedanken über folgende Bereiche zu machen :

(a) körperliche Wesen. „Fragen, die sich hier stellen, sind etwa: Wieviel Bewegung, welche und wieviel Geräusche oder Berührungen tun mir gut? “11
(b) das soziale Wesen. Hier stehen soziale Kontakte im Vordergrund
(c) denkend-fühlende Wesen
(d) sinnsuchende Wesen
(e) spirituelle Wesen

„ vor allem der Begründer der Logotherapie, der Wiener Psychotherapeut Viktor E. Frankl, betont, wie wichtig es für uns Menschen ist, das Gefühl von Sinn für unser Leben und unseren Handlungen zu haben. Dann sind wir zu besonderen Anstrengungen fähig und vielfach auch vor Krisen geschützt.“12

2. Vorsorge mit einem Vorsorgebogen

Aus diesem Standpunkt geht die Einstellung hervor, daß Betroffene selbst Einfluß auf manche Bereiche nehmen können. Diese Bereiche sind das Enstehen einer Krise, der Verlauf und die Folgen. So können sich Betroffene ein Konzept erarbeiten, in dem sie festlegen, welche Bedürfnisse sie in welchen Phasen haben und wie darauf von Freunden, Professionellen etc. reagiert werden sollte. Diese Vorstellungen können in einem sog. Vorsorgebogen schriftlich festgelegt werden. Dieser berücksichtigt auch wie die Betroffenen mit Belastungen am besten umgehen können.

Nach dem Vulnerabiltäts-Streß- Modell können Betroffene Einfluß auf den Verlauf ihrer Krankheit nehmen, wenn sie lernen auf bestimmte Belastungen auf eine Art zu reagieren, die sie entlastet. So können möglicherweise die Betroffenen „streßreiche Situationen ganz vermeiden, vielleicht reicht es auch aus, mit ihnen anders umzugehen, um nicht psychotisch reagieren zu müssen.“13

Hierbei wird auf die „expressed-emotion“ Untersuchung verwiesen. Innerhalb des Vorsorgebogens werden auch sogenannte Frühwarnzeichen erarbeitet. So können sich dann die Betroffenen Verhaltensweisen überlegen , wie sie auf die Frühwarnzeichen reagieren können, um eine Krise zu verhindern.

Diese Frühwarnzeichen sind meist ganz individuell und werden von dem sozialen Umfeld meist nicht wahrgenommen.

Eine Betroffene schildert ihre eigenen Frühwarnzeichen und Reaktionsmöglichkeiten folgendermaßen:

„ Ein ziemlich sicheres Zeichen, daß ich auf dem Weg in die Psychose bin, ist, wenn ich mit einem eigentlich belanglosen Problem beschäftigt bin und mich die Wirklichkeit draußen vor der Tür nicht mehr interessiert. [...] Wenn ich mich in Psychosenähe fühle, merke ich endlich, wie es mir geht. Dann reagiere ich mit Rückzug. Ich drehe mich um und gehe nach Hause. Sofort und ohne Erklärung. Ich lege mich hin, bin nicht zu sprechen, für niemanden, auch nicht am Telefon. Ich bemühe mich, tief und gleichmäßig zu atmen.“14

VI. alternatives Modell: Das Berliner Weglaufhaus

Das Berliner Weglaufhaus, das 1996 eröffnet wurde, war das erste Haus in Deutschland dieser Art. Es bietet den Psychiatrieerfahrenen einen öffentlich finanzierten Zufluchtsort. Hier können sie Schutz und Unterstützung finden. Zentral dabei ist, daß den Betroffenen nicht gleich ein therapeutisches Konzept verpaßt wird. Aus diesem Grund möchte ich das Projekt hier näher schildern, weil es für mich eine gelungene Alternative zur normalen Psychiatrie darstellt. Menschen, die aus einer Psychiatrie weggelaufen sind, können Zuflucht finden. Oder Menschen, die einer drohenden psychiatrischen Maßnahme aus dem Weg gehen wollen.

In dem Haus kann man „verrückt“ sein, und solange man nicht gewalttätig wird, gibt es keine Zwangsregelungen.

Rund um die Uhr sind Mitarbeiter anwesend, welche die Bewohner mit ihren Wünschen und Bedürfnissen ernst nehmen. Allerdings wird Wert darauf gelegt, daß die Betroffenen Psychopharmaka mit Hilfe der Mitarbeiter und einer vom Weglaufhaus vermittelten ärztlichen Begleitung absetzen wollen.

Oftmals kommen Psychiatrieerfahrene in das Weglaufhaus, die schreckliche Erlebnisse während des Psychatrieaufenthaltes erfahren haben. Im Weglaufhaus werden die Betroffenen darin ermuntert, diese Erfahrungen auszudrücken. Dies kann einen ersten Schritt zur Verarbeitung darstellen.

Dabei legt das Weglaufhaus Wert darauf, daß viele Mitarbeiter selbst Psychiatrieerfahrungen haben, um so einen ehrlichen Austausch zu ermöglichen.

Weiterhin erhalten die Bewohner Beistand bei der Wohnungssuche, bei juristischen, finanziellen und sozialen Problemen.

Das Konzept des Weglaufhauses baut darauf, daß die Bewohner nicht nur auf die Mitarbeiter fixiert sind, sondern sich untereinander austauschen und zur Seite stehen. Den Alltag im Haus sollen die Bewohner selbst gestalten. Damit setzt das Konzept einen relativ hohen Grad an Selbständigkeit der Bewohner voraus. Somit wird der Unmündigkeit, die in psychiatrischen Einrichtungen oftmals vorherrscht, mit der Aufnahme in das Weglaufhaus die Anforderung entgegengesetzt, für sein eigenes Leben selbst Verantwortung zu übernehmen. Dies bedeutet für manche Betroffenen eine schwierige Aufgabe.

Doch sind hier die Betroffen selbst die Experten.

VII. Resümeè

Als ich anfing mich mit dem Thema „Schizophrenie- andere Behandlungsformen“ zu beschäftigen, hatte ich die Befürchtung, daß zu viele Therapieformen auf eine medikamentöse Behandlungsform verweisen würden. Doch dies wurde nicht bestätigt. Gerade das Konzept des Weglaufhauses und der Soteria in Bern, worauf ich aufgrund des Umfanges nicht mehr eingehen konnte, haben mir alternative Wege aufgezeigt. Gerade, daß diese Konzepte die Fähigkeiten und Bedürfnisse in den Mittelpunkt ihres Handelns stellt, möchte ich als Fazit aus meiner Arbeit mitnehmen.

Der Standpunkt, daß die Betroffenen immer selbst Experten ihrer Erkrankung sind, sollte auch in Zeiten finanzieller Kürzungen von Professionellen/ Begleitern und Angehörigen berücksichtigt werden!! Im nachhinein ist für mich die Frage aber noch nicht ganz geklärt inwieweit gerade von der Schizophrenie Betroffene ganz auf eine medikamentöse Behandlung verzichten können.

„ Es besteht offensichtlich die etwas peinliche Tatsache, daß die Initiative des Patienten (ob effizient oder nicht ) durchgehend außer acht gelassen wird.

J.S. Strauß, Professor für Psychiatrie

Es war für mich ein befreiendes Gefühl festzustellen, daß ich aktiv eingreifen kann und meiner Erkrankung nicht hilflos ausgeliefert bin.

W. Voelzke, Psychoseerfahrener “15

IIX Literaturverzeichnis

€- Ciompi, Luc / Dauwalder, Hans- Peter : Zeit und Psychiatrie

Bern; 1990

€- Cancro, Robert / Fox, Norma / Shaprio, Lester E. :

Behandlungstechniken bei Schizophrenie neuere Methoden im Überblick München, Basel; 1978

-€ Hahlweg, Kurt / Dose, Matthias Schizophrenie

Göttingen, Bern, Toronto, Seattle; 1998

-€ Kempker, Kerstin (Hg.) :

Flucht in die Wirklichkeit - das Berliner Weglaufhaus Berlin; 1998

€- Knuf, Andreas / Gartelmann, Anke :

Bevor die Stimmen wiederkommen Vorsorge und Selbsthilfe bei psychotischen Krisen Bonn; 1997

€- Thurm - Mussgay, Irmgard :

Krankheitsverarbeitung Schizophrener Die Anwendung des Coping-Konzepts auf die Schizophrenie Konstanz; 1990

Anlage:

Streß-Vulnerabilitäts-Kreislaufmodell und ein Beispiel für einen Ausweg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 In: Knuf / Gartelmann, 1997, S. 21

2 Hahlweg / Dose, 1998, S. 27

3 Ciompi, 1990, S. 112

4 Hahlweg; Dose, 1998, S. 29

5 ebd., S. 34

6 Ciompi/ Dauwalder, 1990, S.112

7 Heidrun G. in: Knuf/Gartelmann, 1997, S. 29

8 Hahlweg/ Dose, 1998, S.80

9 ebd., S. 81

10 Knuf/Gartelmann, 1997, S. 71

11 ebd.

12 ebd., S.77

13 ebd., S.80

14 Regina Bellion; in: ebd., S. 52

15 In: Knuf/ Gartelmann, 1997, S.61

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Schizophrenie - alternative Umgehensweisen
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V107060
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schizophrenie, Umgehensweisen
Arbeit zitieren
Anonym, 2002, Schizophrenie - alternative Umgehensweisen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107060

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