Das Grabtuch von Turin


Ausarbeitung, 2002
27 Seiten

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Das Grabtuch von Turin

Von Richard Beiderbeck

Was ist das Grabtuch von Turin ?

Es ist ein 4,36 m langes und 1,10 m breites Leinentuch, vergilbt, von grauweißer Farbe, das ein deutliches, sepiafarbenes Ganzkörperabbild von Vorder- und Rückseite eines nackten, etwa 30 jährigen Mannes von etwa 1,80 m Körpergröße zeigt. Die Hände sind über die Genitalien gelegt. Der ganze Körper zeigt all die Spuren und Wunden, die Jesus Christus vor oder während der Kreuzigung zugefügt wurden. Im einzelnen sind dies:

1. Die Spuren, die Peitschenhiebe auf Brust und Rücken hinterlassen haben. Die Geißelhiebe stammen von einem „flagrum taxilatum“, einer dreischwänzigen römischen Peitsche, an deren Schnurenden hantelförmige Bleikörper angebracht waren.
2. Den Einstich einer Lanze vom Typ „lancea“ im vorderen, seitlichen Brustbereich zwischen der fünften und sechsten Rippe.
3. Blutspuren (Blutgruppe AB) an den Handgelenken und an den Füßen aus Wunden, die durch das Annageln an des Kreuz entstanden.
4. Der Abdruck des Querbalkens des Kreuzes an den Schulterblättern.
5. Einstiche von Stacheln an Stirn, und Kopf, welche von der Dornenkrone, die eigentlich eine Dornenhaube war, stammen.

Der erste Mensch, der jemals eine Fotographie vom Gesicht des Mannes im Grabtuch machte, war der Turiner Ratsherr und Rechtsanwalt Secondo Pia. Er war ein leidenschaftlicher und geschickter Amateurfotograph. Als er im Fotolabor das Ergebnis seiner Arbeit betrachtete, eine belichtete und entwickelte Fotoplatte von 50 mal 60 cm Größe, fiel im vor Freude, Staunen und Erregung die Platte fast aus der Hand. Die Platte war ein Photonegativ, aber es zeigte das Bild auf dem Grabtuch zum ersten Mal in seiner Geschichte als Positiv, also in seinem wirklichen Aussehen. Die Ursache dafür ist, dass das Bild auf dem Grabtuch eine Art Negativ ist, das dann auf dem fotographischen Negativ als positives Bild mit den Hell- und Dunkelflächen erscheint, wie wir sie gewohnt sind. Secundo Pia war - vorausgesetzt das Grabtuch ist echt, der erste Mensch, der nach etwa 1870 Jahren wieder in das Antlitz Jesu blickte. Ein realistisches Abbild der berühmtesten und bedeutendsten Person der Menschheitsgeschichte hatte sich auf wunderbare Weise erhalten. Fast war es so, als wäre Christus in jener Nacht erneut aus dem Grab wiederauferstanden und zu einer neuen, ungeahnten Präsenz wiedererwacht. Man kann sich nur schwer der Faszination dieses Bildes entziehen. Maria Grazia Siliato schreibt: „Als wäre mit dem Tod eine wundersame Beruhigung eingetreten, wirkt das Antlitz wehrlos und zugleich verwundbar.“ Mir erscheint es wie das Gesicht eines Mannes, der in den Abgrund des Todes geblickt hat. Es drückt Schmerz, Ruhe und Festigkeit aus.

Seit 1578 befindet sich das Tuch in der Königlichen Kapelle des JohannesDomes in Turin. Dreimal wäre das Grabtuch beinahe durch einen Brand zerstört worden; zuletzt am 19. April 1997. Das Feuer nahm seinen Ausgang in der von Guarino Guarini im 17. Jahrhundert erbauten Kapelle. Als der Feuerwehrmann Mario Trematore an den Brandort kam, brannte die Kuppel des Domes lichterloh. Er sagte zu seinen Kameraden: „Wir müssen das Grabtuch retten !“. Während seine Kameraden das Feuer von ihm fernhielten, schlug er immer wieder auf das Panzerglas ein, unter dem sich das Tuch befand. Schließlich gelang es ihm durch eine gewaltige Kraftanstrengung, das Glas mit einem Hammer zu zertrümmern und das Tuch zu retten.

Am 4. Dezember 1532 gab es in der Sainte Chapelle in Chambéry, wo das Grabtuch damals aufbewahrt wurde, ein Feuer im Chorgestühl. Damals wurde das Grabtuch in einem silbernen Kasten aufbewahrt. Der Chorraum, in welchem sich das Grabtuch befand, wurde durch ein Eisengitter abgetrennt. Der Schlüssel für das Gittertor konnte in der Eile nicht aufgetrieben werden, und so bog der Schmied Guillaume Poussod mit bloßen Handen, die bis auf die Knochen verbrannten, die rotglühenden Eisenstäbe auseinander und schuf so einen Durchschlupf. So gelangte zu dem Silberkasten, der an einer Ecke bereits geschmolzen war. Man schüttete eine große Menger Wasser auf den Kasten, das durch das geschmolzene Eck in den Kasten eindrang. Das Grabtuch zeigt deshalb heute Brandspuren und Wasserflecken. Das Bild war aber weitgehend unversehrt.

Auch vor 1532 muß das Tuch schon einmal vom Feuer bedroht worden sein, was man an einer L-förmigen Brandspur erkennt.

Der naturwissenschaftliche Befund

Die Radiocarbon-Datierung

Am 21. April 1988 wurde von Wissenschaftlern vom rechten unteren Rand es Tuches ein etwa 7 cm langes und 1 cm breites Stück abgeschnitten, in drei Teile zerteilt und an drei verschiedene Labors in Zürich, Oxford und Tucson gegeben, die das Alter der Stücke mit Hilfe der Radiocarbon-Methode bestimmten. Dabei ergab sich, dass das Grabtuch etwa aus der Zeit zwischen 1260 und 1390 n. Chr. stammen müsse.

Aber schon bald nach der Veröffentlichung dieses Ergebnisses wurden Zweifel angemeldet. Ein wichtiges Argument war, dass der Rand des Tuches kunstgestopft sei, also Fäden enthalte, die jünger seien. Ein anderer Kritikpunkt (von Werner Bulst in „Betrug am Turiner Grabtuch, Der manipulierte Carbontest“, erschienen im Knecht-Verlag, Frankfurt 1990) war auch, dass die Stelle, an der die Probe entnommen wurde, sichtbar gründlich verunreinigt war. Es ist eine der Ecken, an der das Tuch früher und durch Jahrhunderte bei Ausstellungen wohl (ahnungslos) mit bloßen Händen gehalten wurde. Hitze, Schweiß, Ruß von Fackeln und Kerzen haben durch die Jahrhunderte besonders an diesen Stellen auf das Tuch eingewirkt.

Andere bezichtigten die wenigen Personen, die bei der Entnahme der Probe für den Radio-Carbontest dabei waren, im Rahmen eines Komplottes den Streifen vom Grabtuch durch einen anderen Streifen aus dem Mittelalter vertauscht zu haben. Hintergrund war der Argwohn gegen die katholische Kirche, dass sie das Tuch als Fälschung sehen wolle, da es nach der Kampagne von Kurt Naber und dem populären Buch von Holger Kersten „Jesus lebte in Indien“ Zweifel am Kreuzestod Jesu gab.

Für naturwissenschaftlich Interessierte sei vermerkt, nach welchem Prinzip die Radiocarbondatierung funktioniert: Das „normale“ Kohlenstoffatom enthält 13 Kernteilchen. Aber unter der Einwirkung von kosmischer Strahlung, die auf Kohlendioxid in den höheren Luftschichten trifft, entsteht ein radioaktives Kohlenstoffatom mit 14 Kernteilchen. Die Neubildung und der Zerfall von Kohlenstoff-14 sind innerhalb der Atmosphäre im Gleichgewicht und das Verhältnis Kohlenstoff-14 zu Kohlenstoff-13 ist konstant. Wird ein Kohlenstoffatom aber in eine Pflanze eingebaut und die Pflanze stirbt (und ihre Fasern werden z. B. zu einem Leinentuch verarbeitet), dann kann kein neuer Kohlenstoff-14 in das Leinen eingebaut werden, und der Bestand an vorhandenem Kohlenstoff-14 wird durch den radioaktiven Zerfall immer kleiner. Je weniger Kohlenstoff-14 in einem Gegenstand ist, umso älter ist er.

Die Gewebeuntersuchung:

Die Webart ist ein Drei-zu-eins-Köper. Das Tuch zeigt ein seltenes Fischgrätenmuster, dessen Streifen 10 bis 12 cm breit sind. Das Material der Fäden ist aus Flachs gewonnenes Leinen, enthält aber geringe Spuren von Baumwolle der Gattung Gossypum herbaceum. Diese Baumwollart ist typisch für den Orient seit dem 7. Jahrhundert vor Christus. Vermutlich wurde auf dem Webstuhl vorher ein Baumwolltuch gewebt.

An das Tuch ist ein etwa handbreiter Längsstreifen angenäht. Er ist an beiden Enden etwas kürzer als das Originaltuch. Er ist von der gleichen Webart, aber nicht mit Baumwolle verunreinigt, und auf einem anderen Webstuhl genäht. Das Durchschnittsgewicht des Grabtuches liegt zwischen 20 und 23 mg pro Quadratzentimeter.

Die Pollenanalyse:

Im Rahmen einer naturwissenschaftlichen Untersuchung des Tuches nahm in der Nacht des 23. November 1973 der Züricher Naturwissenschaftler, Kriminologe, Kriminalist und Mikrospurenforscher Dr. Max Frei-Sulzer von der Oberfläche des Tuches Staub-Proben. Er klebte unter sterilen Bedingungen hergestellte Tesafilmstreifen auf des Tuch und untersuchte die daran haften gebliebenen Staubteilchen. Meist handelte es sich dabei um verkrusteten Blütenstaub, also Pollen. Diese Pollen sind kleiner als ein hunderstel Millimeter, haben oft ein bizarres Aussehen, sehen sich aber auch oft recht ähnlich und sind nicht leicht zu unterscheiden. Sie können von einem Experten, der über das richtige Vergleichsmaterial verfügt, unter dem Mikroskop den einzelnen Pflanzenarten zugeordnet werden. Man kann daraus erkennen, in welcher Weltgegend das Tuch gelagert worden war.

Um sich die Vergleichsproben zu besorgen, unternahm Dr. Frei weite Reisen durch die Länder des östlichen Mittelmeer. Sei besonderes Augenmerk richtete er auf Istanbul, die verfallene türkische Stadt Urfa (das alte Edessa) und natürlich Jerusalem.

Insgesamt wurden bis zu 59 Pollenarten identifiziert. 20 Arten kommen auf der Hochebene von Edessa reichlich vor, in Westeuropa aber überhaupt nicht. Man fand besonders viele Pollen der Atraphaxis spinosa, einer dornigen Pflanze, die auf den steinigen Boden der Felswüsten in der Osttürkei und Persiens wächst. Frei konnte fünf Pollenarten von Pflanzen identifizieren, die es nur am Bosporus gab, darunter eine, die bevorzugt in Eichenwäldern wuchs. Im ersten Jahrhundert gab es in der Umgebung von Byzanz noch Eichenwälder. Die Pollenfunde von Pflanzen, die aus Palästina stammen, entsprechen dem Pollenspiegel, wie er in den 2000 Jahren alten Sedimenten des Sees Genezareth anzutreffen ist. Natürlich fanden sich auch Pflanzenpollen aus Frankreich und Savoyen, wo das Tuch jahrhundertelang aufbewahrt (und ab und zu der Öffentlichkeit gezeigt) wurde. An Hand der Pollenanalyse konnte man folgenden Weg des Grabtuches rekonstruieren: Jerusalem - Aleppo - Hierapolis - Edessa - Samosata - Konstantinopel - Akko - Zypern - Paris (?) - Champagne (Lirey) - Chambéry - Turin.

Die mikroskopische Untersuchung:

Auf dem Tuch sind keine Pinselstriche erkennbar (wie sie für ein Gemälde typisch wären). Es konnten auch keine Farbpigmente von Malerfarben entdeckt werden. Das Bild hat keine Umrisslinien (wie ein Gemälde).

In der unmittelbaren Nähe der Brandflecken ist die blasse Farbe des Bildes unverändert. Das Bild ist also gegen Hitze stabil.

Die Verfärbung der Fasern des Tuches, die in ihrer Gesamtheit das Punktraster des Bildes ergeben, ist nur leicht und an der Oberfläche der Fasern. An keiner Stelle ist die Verfärbung in die Vertiefungen des Gewebes eingedrungen. Sobald sich der Faden entsprechend des Webmusters abwärts neigt, verschwindet die Verfärbung. Die Färbung des Tuches betrifft nur die Oberseiten der obersten Fasern. Wenn man die Fasern mit einem dicken Haarzopf vergleicht, sind nur die zehn äußersten Haare gefärbt. Sogar an Stellen, die mit dem bloßen Auge dunkler erschienen - Augenbrauen, Nase usw. - drang die Färbung nicht tiefer ein. Die größere Dunkelfärbung entsteht nicht dadurch, dass die einzelnen Fasern dunkeler sind, sonder dass die Dichte der gefärbten Fasern höher ist. Alle gefärbten Fasern haben die gleiche blasse Sepiafarbe. (Sepia ist der schwarzbraune Farbstoff, der aus dem Tintenbeutel des Gemeinen Tintenfisches = Sepia hergestellt wird und zum Schattieren von Zeichnungen verwendet wird). An keiner Stelle trat die Verfärbung von einer gefärbten auf eine nicht gefärbte Nachbarfaser über. Es fand keine Ausbreitung der Farbe durch die Kapillarität der Poren statt. Es finden sich keine Partikel von färbenden Substanzen (Farbpigmente) auf dem Tuch.

Die Fäserchen, die den Abdruck trugen, waren an der Oberfläche erodiert und angegriffen. Sie waren früher vergilbt als die Fäserchen neben ihnen, die keinen Abdruck trugen. Sie waren also schneller gealtert. Dieses Pixelmuster von angegriffenen Fäden und noch besser intakten Fäden ergibt das Bild. Dort, wo das Blut die Leinenfasern bedeckte, konnte nach Entfernen des Blutes keine Färbung der Leinenfasern entdeckt werden. Dort, wo Blutflecken sind, gibt es unter den Blutflecken also kein Bild. Das Blut hat die Fasern versiegelt.

Das Blut hat das Gewebe durchdrungen. Es muß sehr dickflüssig gewesen sein, was darauf hindeutet, dass der Mann im Tuch sehr viel Körperflüssigkeit durch Schwitzen verloren hat. Es sind auch Flecken von Blutserum (Blut ohne Blutkörperchen) vorhanden.

Die chemische Untersuchung:

Die Mikroproben von den Blutflecken im Tuch ergaben die Azobilirubin- Reaktion; dadurch wurde nachgewiesen, dass die Flecken Bilirubin enthalten, den Farbstoff des Blutes. Die Röntgenfluoreszenzanalyse ergab Eisen, das Bestandteil des Blutfarbstoffes ist. Es handelt sich um menschliches Blut der Blutgruppe AB. Die Farbreaktion mit Bromkresolgrün ergab eine positive Reaktion auf Serumalbumine. Die Blutflecken stammen von menschlichem Blut mit allen seinen Bestandteilen.

Außer den Farbpigmenten des Blutes wurden keine weiteren Farbpigmente, wie sie für ein Gemälde typisch wären, gefunden. Es wurden auch keine organischen Farbstoffe gefunden. Die Färbung der Tuchfasern kann durch kein Lösungsmittel extrahiert werden, was für organische Farbstoffe typisch wäre.

Herstellen eines dreidimensionalen Bildes:

Mit Hilfe eines Mikrodensitometers wurden die Fotographien des Grabtuches eingescannt und durch ein Computerprogramm ein dreidimensionales Bild des Mannes im Grabtuch gemacht (Jackson, Jumper und Mottern in Albuquerque). Das legt nahe, dass das Bild auf dem Grabtuch von einem dreidimensionalen Körper verursacht wurde und z. B. kein Abdruck von einem erhitzten Flachrelief ist.

Der Münzabdruck - wohl ein Computerfehler: Im Juni 1980 glaubte Prof.

Francis Filas aus Chicago auf einer starken und kontrastreichen Vergrößerung eines Photos von Enrie, 1931, das Abbild zweier Münzen auf den Augen des auf dem Mannes im Grabtuch zu erkennen. 1981 machte man in Kansas eine Analyse mit einem Bildanalysator-Programm. Man glaubte zwei Münzen aus der Zeit von Pontius Pilatus erkennen zu können. Eine davon sei eindeutig aus dem Jahr 29 n. Chr. - dies wäre ein schlagender Beweis für die Echtheit des Tuches. Aber warum erwähnt Maria Grazia Siliato, immerhin Archäologin und Historikern, in ihrem Buch „Und das Grabruch ist doch echt“ dies Münzabdrücke nicht ? Wahrscheinlich handelt es sich um Artefakte, die überinterpretiert wurden. An der Münzgeschichte ist wohl nichts dran, wie Josef Dirnbeck feststellt (in „Jesus und das Tuch“, Klosterneuburg-Wien, 1998).

Versuche, auf einem Stück Leinen ein ähnliches Bild herzustellen:

Wenn es gelingen würde, durch einen physikalischen oder chemischen Prozess auf einem Leinentuch einen Abdruck oder eine Art fotographisches Bild zu erzeugen, könnte dies Hinweise auf die Art der Entstehung des Bildes geben. Verschiedene Autoren unternahmen solche Versuche.

Der Pionier der Grabtuchforschung, der Biologe Paul Vignon, Assistent von Prof. Yves Delage an der Sorbonne in Paris, machte im Jahr 1900 folgenden Versuch: Er klebte sich einen falschen Bart an, ließ sich sein Gesicht mit rötlichem Kalkpulver bepudern, während er auf einem Operationstisch lag. Den legte man ein mit Eiweiß bestrichenes Leinentuch über sein Gesicht und drückte es vorsichtig an. Es ergab sich ein gut erkennbarer Abdruck. Aber das Gesicht auf dem Abdruck war doppelt so breit wie bei dem normalen Anblick, weil die Wangen und Schläfen nicht perspektivisch verkürzt, sondern in ihrer ganzen Breite dargestellt werden. Der Mann auf dem Abdruck hatte ein Gesicht wie ein Kürbis. Ähnlich hätte ein solcher Kontakt-Abdruck des ganzen Körpers ein viel zu breites Bild ergeben. Es gelang Vignon nicht, einen direkten Abdruck herzustellen, der eine brauchbare Ähnlichkeit mit dem Turiner Grabtuch hatte. 1939 modifizierte Ruggero Romanes, damals Direktor des Instituts für Gerichts- und Versicherungswesen an der Universität Turin, die Versuche von Vignon. Im standen Leichen für seine Experimente zur Verfügung. Er bepuderte entweder das Tuch oder das Gesicht mit einer Mischung aus Pulvern von Aloe und Myrrhe. Er arbeitete auch mit Gips- oder Wachsabdrücken von Gesichtern. Giovanni Judica Cordiglia, Privatdozent für Gerichtsmedizin in Mailand, machte in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ebenfalls ähnliche Versuche. Er verwendete zusätzlich Terpentinöl.

Der syrakusische Arzt Sebastiano Rodante machte im Jahr 1975 in den Katakomben von Syrakus eine Reihe von Experimenten, die vor allem die Bedingungen schaffen sollten, die denen in der Grabkammer Jesu ähnlich sein sollten. Zusätzlich zu Myrrhe und Aloe verwendete er bluthaltigen Schweiß. Er war der Ansicht, daß die Todesangst, die Jesus ausstand, zu dem seltenen Phänomän geführt hätte, daß sich im Schweiß Blut befand, daß er also „Blut und Wasser schwitzte“. Für seine Versuche benutzte Rodante eine Mischung aus 8 - 10 Teilen Schweiß und einem Teil Blut. Da ihm keine Leichen zu Verfügung standen, benutzte er Gipsabdrucke, die dem Grabtuchantlitz nachgebildet waren. Das Gesicht wurde mit Blutschweiß besprengt und mit Pulver von Aloe und Myrrhe (zu gleichen Teilen) bestreut. Auf bestimmten Stellen der Stirn und des Haaransatzes wurden Blutgerinnsel gelegt. Es ergaben sich ganz gute, aber deformierte Abdrücke. Vom Blut gab es aber keine Abdrücke, da es sich mit der Aloe und Myrrhe vermengte. Anders als auf dem Grabtuch war die Vertiefung zwischen Nase und Wange nicht zu sehen. Dem half er ab, indem er seinem Modell einen Kinnhalter verpasste.

Gaetani Intrigillo gelang es mit Aloe und Myrrhe dem Grabtuch recht ähnliche Abdrücke zu produzieren, indem der eine Gesichtsplastik mit Ton, auf der er menschliches Haar, Bart und Schnurbart befestigte, mit Blutschweiß besprühte, mit Blut bespritzte. Danach ließ er das Blutantrocknen und ein Tuch darauf legte, das zuvor in einer wässrigen Lösung von Aloe und Myrrhe gelegen hatte. Das Tuch wurde 6 bis 36 Stunden auf dem Tonmodell liegen lassen, welches mit einer Kinnbinde versehen war, über die einige Haarsträhnen gelegt waren. So verhinderte er, daß der Abdruck unnatürlich breit war. Auch auf dem Grabtuch kann man wohl eine solche Kinnbinde erkennen. Sie dient dazu, zu verhindern, daß die Kinnlade nach unten hängt (was dem toten ein würdeloses Ausehen verleiht) und das Kinn in der richtigen Position zu fixieren, bevor die Totenstarre eintritt.

Der Anthropolge V. Pesce Delfino äußerte 1978 die Meinung, das Abbild auf dem Grabtuch sei gemacht worden, indem man ein Tuch auf eine mit Schwefelsäure besprengtes Holzmodell gelegt habe. Diese Hypothese widerlegte Baima Bollone, Ordinarius für Gerichtsmedizin an der Universität Turin 1978 auf dem Zweiten Internationalen Sindonologie-Kongress (=GrabtuchkundeKongress). Er stellte fest, daß nur unscharfe Bilder entstanden und daß die Schwefelsäure das Tuch zerstörte (wer hätte das gedacht !).

In ihrem Buch „Der zweite Messias“, das 1997 in London erschien, beschreiben Christopher Knight und Robert Lomas ihren Versuch, einen Ganzköperabdruck herzustellen. Sie schreiben: „Zuerst legten wir ein weißes Leinenlaken auf den Fußboden. Danach strichen wir einen nackten Menschen komplett mit schwarzer Wasserfarbe an, legten ihn darauf und deckten ihn vom Kopf bis zu den Füßen zu. Damit erreichten wir ein sehr grobes Bild, das aber sofort interessante Unterschiede zu dem echten Grabtuch aufwies: Auf unserer rekonstruierten Rückenansicht war zwischen Gesäß und Unterschenkeln kein Abdruck zu sehen...Die Lenden produzierten keinen Abdruck...es gab keinen Abdruck der Fußsohlen außer an den Fersen...Vor allem der Rückenabdruck war für uns interessant, denn hier berührt der Körper nur an fünf Hauptpunkten den Stoff: Kopf, Schultern, Gesäß, Unterschenkel und Fersen. Zwischen den Punkten gab es keinen Abdruck, obwohl unser Modell von Farbe triefte...Trotz der Bemühungen unserer Versuchperson, völlig flach und ruhig zu liegen, wurde kein komplettes Abbild es Rückens erreicht.“

Knight und Lomas schließen daraus, dass der Mann im Grabtuch auf einer weichen Unterlage gelegen haben muß, die sich den Körperkonturen anpasste. Eine solche weiche Unterlage hätte ein Bett sein können.

Vom Gesicht versuchten die beiden Autoren Knight und Lomas wie folgt erhalten: Das Gesicht der Versuchperson wurde mit grauer Farbe bestrichen, wobei die vorspringenden Teile des Gesichts mit einer Extraschicht dunkelgrauer Farbe versehen wurde. Als die Farbe trocken war, wurde ein Stück Leinen naß gemacht, ausgewrungen und mit leichtem Druck auf das Gesicht gelegt. Die Farbe bildete auf dem Tuch einen feuchten Abdruck. Das Bild fiel sehr grob aus, aber als sie es in den Computer einscannten und in ein Negativ umwandelten, wirkte es wie ein Foto. Trotzdem hatte es nicht die Qualität des auf dem Grabtuch abgebildeten Gesichtes. Die Schwere des Stoffes hatte Falten verursacht, sodaß ganze Bereiche unbedruckt geblieben waren, und das Gesicht war in die Breite verzerrt.

Holger Kersten und Elmar Gruber sind der Ansicht, dass die Verfärbungen des Tuches, die das Bild erzeugten, durch eine Oxidation der Leinenfasern zustande gekommen sei, die durch die Dämpfe von Aloe, Myrrhe und Schweiß zustande gekommen seien. Im neuen Testament wird berichtet, dass Nikodemus 40 Pfund einer Mischung aus Myrrhe und Aloe in die Grabkammer gebracht habe (um den Leichnam Jesu einzubalsamieren). Schon Paul Vignon hatte die Theorie aufgestellt, dass vom Körper Jesu aufsteigende Dämpfe von Aloe das Tuch verfärbt hätten. Um diese Aloe-Schweiß-These zu verifizieren machten Kersten und Gruber folgenden Versuch, wobei Kersten das Versuchskaninchen spielen musste: Sie besorgten sich in der Apotheke Aloe und Myrrhe und zerstampften sie im Mörser, gaben einen schweren Weißwein zu und ließen das ganze über Nacht stehen. Es entstand eine bräunliche Emulsion. Um das Wundfieber Jesu zu simulieren (Kersten und Gruber gehen davon aus, dass Jesus noch lebte), musste Kersten in die Sauna und tüchtig schwitzen. Dann wurde sein Körper mit dem Kräuterextrakt bestrichen und ein reines, unbehandeltes Leinentuch darübergelegt. Darauf legten sie noch einige Handtücher. 35 Minuten hielt es Kersten unter der Sauna-Schwitzpackung aus. Das Ergebnis war ein deutlicher Abdruck des Rumpfes mit überkreuzten Händen in einem zarten Beigeton. Aber das Abbild war zu breit und zu unscharf.

Die Kreuzigung aus medizinischer Sicht

Warum die Nägel durch die Handgelenke geschlagen wurden: Schon in den 30er Jahren war dem Militärchirurgen Pierre Barbet aufgefallen, dass bei allen künstlerischen Darstellungen des gekreuzigten Christus die Nägel durch die Handflächen geschlagen waren. Auf dem Grabtuch war aber zu erkennen, dass die Nägel durch die Handgelenke geschlagen waren. Um den Sachverhalt zu klären, bohrte Barbet einen Nagel durch die Hand einer Leiche und hängte ein Gewicht daran; das Gewebe riß. Deshalb war der Mann im Grabtuch an den Handgelenken angenagelt worden. Dies wurde auch durch einen Knochenfund aus einem jüdischen Grab in Giv’at Ha-mivtar in der Nähe von Jerusalem aus dem Jahr 70 n. Chr. bestätigt, wo man das Skelett eines Gekreuzigten mit Namen Jehochanan gefunden hat. Auch hier war der Nagel durch das Handgelenk geschlagen worden.

Der Gekreuzigte kämpft mit dem Ersticken: Der zu Kreuzigende wurde zunächst an das liegende Kreuz genagelt (wobei beide Füße mit einem einzigen Nagel durchbohrt wurden), dann wurde das Kreuz in die Senkrecht gebracht. Dabei wurden die Arme wahrscheinlich aus den Oberarmgelenken ausgekugelt, weil das Gewicht des Körpers nach unten zog. Allerdings konnte sich der Gekreuzigte mit Hilfe seiner angewinkelten Beine nach oben drücken, wobei er sich auf den Nagel stützen konnte, der sich durch die Füße bohrte. Manchmal war auch eine Fußstütze an das Kreuz genagelt. Durch das Hängen an den Armen war die Atmung erschwert und der Gekreuzigte geriet an den Rand des Erstickens. Um wieder Luft zu bekommen, musste er sich mit den Füßen nach oben drücken (unter Missachtung der Schmerzen, die das in den angenagelten Füßen verursachte).

Das Hängen am Kreuz verursachte eine starke Belastung des Kreislaufes. Der Blutdruck sank ab, während die Pulsfrequenz sich erhöhte.

Die Kreuzigung: Eine entsetzliche Folter, die sich tagelang hinziehen kann: Der Zweck der Kreuzigung war nicht eine schnelle Hinrichtung, sondern ein langsames, qualvolles Sterben, das sich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielte und möglichst abschreckend wirken sollte. Wenn man dem Gekreuzigten ein Stützholz für die Füße (wie es an den Kreuzen der Orthodoxen zu sehen ist) oder gar ein Querholz, auf dem er sitzen konnte, anbot, konnte man den Todeskampf mehrere Tage lang dauern lassen. Im Fall von Jesus war man aber daran interessiert, dass er vor dem Sabbat starb, der schon mit der Einbruch der Nacht begann. Der Stich mit der Lanze: Wenn das Sterben des Gekreuzigten beschleunigt werden sollte, brach man ihm die Schienbeine im unteren Drittel durch harte Schläge mit einem geeigneten Gegenstand. Im Johannesevangelium heißt es aber ausdrücklich: „Als sie aber an Jesus kamen, zerschlugen sie ihm die Schenkel nicht, da sie schon sahen, dass er gestorben war, sondern einer der Soldaten stach ihm mit einer Lanze in die Seite, und alsdann kam Blut und Wasser heraus.“ (Joh. 19, 33). Die Ursache für den Austritt von Wasser könne meiner Meinung nach ein Lungenödem sein, eine Wasseransammlung in der Lunge, die bei Herzschwäche eintreten kann. Ein Lungenödem kann zum Ersticken führen. Wenn also durch den Lanzenstich das Wasser aus der Lunge abgelassen wurde, könne dies die Rettung vor dem Ersticken bedeutet haben (falls Jesus doch noch lebte - die „Ferndiagnose“ des Soldaten und der Lanzenstich sind kein absolut sicherer Beweis, dass er schon tot war). Aber es konnte auch Luft in die Lunge eindringen, was zum Zusammenfallen des Lungenflügels führt, da im Brustkorb ein Unterdruck herrscht. Der von Johannes erwähnte Einstich mit der Lanze ist auf dem Grabtuch zu erkennen; „...es ist eine viereinhalb Zentimeter lange Wunde, klar begrenzt, mit nach außen gekehrten Rändern und ohne Elastizität, eine Leichenwunde also.

Man kann sie auf der rechten Hälfte des Brustkobes sehen, zwischen der fünften und sechsten Rippe. An dieser Wunde kann man eindeutig erkennen, dass sie von einer Klinge in Form einer Lanze verursacht wurde“, schreibt Maria Grazia Siliato in „Und das Grabtuch ist doch echt“. (Heyne-Verlag, München 1999). Ob die Lanze aber bis zum Herz vordrang bzw. das Herz auch wirklich traf, ist umstritten. Hans Naber („Christus wurde lebendig begraben“), Holger Kersten und Elmar Gruber vertreten die Ansicht, dass die Lanze das Herz nicht traf.

Naber meint zu erkennen, dass die Lanze aus dem oberen Teil des Brustkorbes wieder ausgetreten ist und glaubt daraus den Weg der Lanze rekonstruieren zu können, der seiner Meinung nach am Herzen vorbeiführt. Aber auf seiner Zeichnung ist als Lanze ein „pilum“ oder eine „hasta“ abgebildet, eine Lanze mit einer sehr langen und schmalen Spitze. Die große Einstichöffnung zeigt aber schon, dass dies nicht stimmen kann. Meiner Meinung nach kann eine Lanze mit einer so breiten Spitze nicht allzu weit hinter die Rippen vorgedrungen sein, wahrscheinlich nicht bis zum Herz.

Die Deutung der Blutspuren: Schon Hans Naber wies darauf hin, dass die Blutspuren auf dem Grabtuch darauf hindeuten, dass aus den Wunden auch dann noch Blut austrat, als Jesus vom Kreuz abgenommen worden und in das Grabtuch gehüllt war. „Leichen haben keinen Blutdruck“ sagte Naber und folgerte daraus, dass aus der Wunde eines Leichnams nur sehr wenig Blut austreten kann, weil die Pumpleistung des Herzens fehlt, welche das Blut aus der Wunde drücken könnte. In der Nähe des Handgelenks kann man die Wege des ausgetretenen Blutes am Unterarm nachverfolgen. Es ist in drei Richtungen geflossen. Zwei davon lassen sich zwanglos dadurch erklären, dass Jesus am Kreuz hing bzw. sich ab und zu nach oben schob, um dem Erstickungstod entgehen. Die dritte Blutspur verläuft aber in einem Winkel, der sich ergibt, wenn der Tote im Grabtuch liegt und die Hände übereinander gelegt hat (so, wie man das auf dem Grabtuch sieht. Auch die Wunden von der Dornenkronen haben nach der Entfernung derselben wieder zu bluten angefangen. Aus der Lanzenwunde im Brustkorb trat ebenfalls Blut aus, als Jesus flach lag und floß auf die Körperrückseite und sammelte sich in dem Hohlraum zwischen Rücken und Gesäß. Das Blut aus den Nagelwunden an den Füßen floß nach Entfernung der Nägel in alle Richtungen, und nicht nur nach unten. Hans Naber, Holger Kersten und Elmar Gruber, Karl Herbst sowie Christopher Knight und Robert Lomas vertreten in ihren Büchern die Ansicht, dass der Mann im Grabtuch die Kreuzigung überlebt hat. Knight und Lomas meinen aber, im Grabtuch habe nicht Jesus, sondern Jacques de Molay, der letzte Großmeister des Templerordens gelegen. Dies würde auch mit der Radiocarbondatierung zusammenpassen.

Das Nasenbein ist geschwollen oder gebrochen; auch das rechte Jochbein ist geschwollen. Vermutlich in Folge einer Misshandlung oder eines Sturzes sind Nasenbein und Jochbein angeschwollen. In der Bibel wird Jesus von Maria Magdalena zunächst nicht erkann. Ähnlich geht es später seinen Jüngern. Der Grund dafür könnte der Bruch des Nasenbeins and das Anschwellen der Augenpartie gewesen sein. Ein anderer Grund für das Nicht-Erkennen könnte aber auch sein, dass sich ein anderer für Jesus ausgegeben hat, z. B sein Bruder Jakobus.

Theorien über die Entstehung des Abbildes

Fast alle Autoren sind sich darüber einig, dass das Abbild kein Gemälde ist. Schon in der Antike wurde das Grabtuch „Acheiropoieton“ genannt, das „Nicht von Hand gemachte“.

Die Gemälde-Theorie

Lediglich Lynn Picknet und Clive Prince sind in ihrem Buch „Die Jesus Fälschung: Leonardo da Vinci und das Turiner Grabtuch“, Bergisch Gladbach 1995, der Ansicht, dass das Abbild auf dem Grabtuch von Leonardo da Vinci gemahlt wurde. Leonardo lebte von 1452 bis 1519. Die Geschichte des Grabtuches ist aber seit 1357 lückenlos dokumentiert, als es in der Stiftskirche der Stadt Lirey in der Champagne ausgestellt wurde.

Die Hitze-Abdruck-Theorie

Wesentlich ernster zu nehmen ist die Vermutung, dass das Abbild hergestellt wurde, indem man ein Leintuch auf eine erhitzte Metallstatue gelegt und dadurch das Linnen leicht angesengt habe, und so ein Abbild erhalten habe. Versuche zeigten aber, dass ein direkter Abdruck ein stark verbreitertes und verzerrtes Bild ergibt. Es müsste sich als bei der Abdruckform nicht um einen plastischen Körper, sondern um ein Flachrelief gehandelt haben. 1966 erwärmte der britische Philosoph Geoffrey Ashe ein Medallion aus Bronze, das in der Mitte ein Bild trug, legte es auf ein Tuch und erhielt eine etwas verschwommene, sepiafarbige Abbildung. Die Autoren Antonio Milanesio, Simona Siracus und Stefano Zaca (in der Broschüre „ein ‚unerklärbares’ Abbild“) lehnen die „Wärmetheorie“ jedoch ab, weil der Forscher „nicht erkläre konnte, wie ein - lebendiger oder toter - Körper unter normalen Umständen so viel Wärme ausstrahlen konnte, daß ein Leinentuch davon versengt werden sollte“.

Kontrollexperimente mit durch erwärmte Reliefs erzeugten Bildern zeigten, daß die Abbiuldungen nicht nur oberflächlich auf den Fasern waren (wie beim Grabtuch), sondern auch auf der Rückseite des Tuches zu sehen waren. Außerdem verschwinden die Abdrücke nach einiger Zeit, wenn das Tuch dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt wird.

Die Vaporographie-Theorie

Schon Paul Vignon plädierte deshalb für die Theorie der „Vaporographie“. Das Bild sei nicht durch einen Abdruck, sonder durch Einwirkung von Dämpfen, die von dem in das Grabtuch gewickelten Mann in aufstiegen, angegriffen und verfärbt worden. „Ammoniakhaltige feuchte Dämpfe von der Harnstoffgärung, die im Qual- und Fiberschweiß reichlich vorhanden seinen, hätten mit der Mischung von Aloe und Myrrhe einen Oxidationsprozess in der Cellulose der Flachsfasern hervorgerufen, welche die Oberfläche des Stoffes verfärbt.“(Kersten und Gruber 1992 in „Das Jesus-Komplott“). Diese Dämpfe seien in laminarer Strömung (ohne Verwirbelungen) über dem erhitzen Körper (des noch lebenden und Wundfieber habenden Jesus) aufgestiegen und hätten das Abbild seines Körpers quasi auf das Tuch projiziert.

Die „Elektrostatische-Felder-Theorie“

Der Amerikaner A. D. Whanger produzierte 1984 die Abbildung einer kleinen Münze auf einem Tuch durch die Einwirkung elektrostatischer Felder. 1984 kam auch G.B. Judica Cordiglia zu er Auffassung, das Bild sei durch die Wirkung elektrostatischer Felder entstanden. Die begründete er damit, daß ein Gegenstand, der einem elektrostatischen Feld ausgesetzt ist, auf fotoempfindlichen Platten eine Abbildung hinterlässt, die ähnliche Eigenschaften wie das Grabtuch besitzt. Er behandelte Leinentücher mit Aloe und Myrrhe erzeugte darauf mit Hilfe eines elektrischen Potentials einen zarten Abdruck, der erstaunlich perfekt war.

In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1988 berichtet Mario Moroni von Experimenten mit ionisierender elektrischer Energie. An einem feuchten Tuch war die Abbildung angesengt und bis zur Rückseite des Stoffes durchgedrungen, bei einem trockenen Tuch entstanden ähnliche Abbildungen wie auf dem Grabtuch.

Diese Bilder könnten dadurch entstanden sein, daß zwischen dem Tuch und dem Körper, den das Tuch bedeckte, elektrische Funken-Entladungen stattfanden, wie wir sei beobachten können, wenn wir in einen Nylonpullover schlüpfen. Die Fasern des Grabtuches könnten oberflächlich punktuell angesengt worden sei.

Die „Kirlian-Effekt“-Theorie

Nach dieser Theorie stand der Körper, der das Abbild auf dem Grabtuch erzeugte, unter einer hohen elektrischen Spannung. Im Unterschied zu der Theorie der elektrostatischen Felder war diese Spannung aber eine Wechselspannung, die innerhalb einer Sekunde vielleicht 100 000 mal ihre Polung änderte. Ähnliches macht man bei der Kirlian-Fotographie: der Mensch wird an einen Hochspannungsgenerator angeschlossen und einer hochfrequenten Wechselspannung ausgesetzt. Wenn der Mensch sich z. B. mit seiner Hand einer Eisenplatte nähert, wird die Luft zwischen der Hand und der Platte ionisiert und es kommt zu winzigen Funkenüberschlägen.

Wenn also der Körper im Grabtuch einer hochfrequenten und hohen Wechselspannung ausgesetzt gewesen wäre, also vielleicht 25 Kilovolt mit einer Frequenz von 100 000 Schwingungen pro Sekunde, dann hätte es zwischen dem Körper und dem Leinentuch zum Überspringen von zahlreichen winzigen Funkenentladungen kommen können, die die Leinenfasern punktuell angesengt hätten. Die Funkenübergänge wäre dort besonders häufig gewesen, wo das Tuch direkt auf dem Körper aufgelegen hat. Genaugenommen müßte aber zwischen dem Körper und dem Tuch eine nichtleitende Schicht gewesen sein (z. B. eine Salbenschicht, die als Dielektrikum wirkte.

Woher sollte aber zur Zeit Christi eine hochfrequente Wechselspannung von vielen Tausend Volt gekommen sein ? Auf natürliche Weise ist das schwer zu erklären. Die Entstehung des Abbildes auf dem Grabtuch müsste also übernatürliche Ursachen gehabt haben, und damit hätten wären alle diejenigen, die an übernatürliche Phänomene und Wunder glauben, genau dort, wo sie hinwollen: Das Grabtuch beweist die übernatürliche Auferstehung Jesu Christi. Und alle diejenigen (zu denen ich mich auch zähle), deren oberstes Dogma es ist, daß es keine Wunder und übernatürlichen Ereignisse gibt, sondern daß alles eine natürliche, und meist sogar banale Erklärung hat, wären des Irrtums überführt.

Die Wundergläubigen werden jetzt vielleicht postulieren, daß Jesus sich in einem höheren Schwingszustand befunden habe, und daß sich sein Auferstehungsleib in diesem erhöhten Schwingungszustand befunden habe.

In der Broschüre „Ein ‚unerklärbares’ Bild“ von Milanesio, Siracus und Zaca heißt es unter „Der ‚Kirlian-Effekt“:

„Der Forscher G.B. Alfano richtete seine Aufmerksamkeit 1934 auf die Bedeutung, die das bekannte und normale Phänomen des Restlebens von Zellen im Gewebe von Leichnamen gehabt haben konnte.

Die Hypothese von Alfano konzentriert sich auf die Tatsache, daß der lebende Organismus in der Lage sind, elektromagnetische Energie zu absorbieren und freizusetzen. Vor seinem Tod war der Körper des Mannes von Turin sicherlich ein paar Stunden unbekleidet am Kreuz gehangen und deshalb dem Sonnenlicht ausgesetzt gewesen. Seine Zellen hätten auf diese Weise Strahlungen absorbiert, die dann nach dem Tod seines Organismus freigesetzt worden wären. Diese Theorie war in der Tat keine Fantasterei: Die moderne Wissenschaft hat nämlich bestätigt, daß lebende Organismen in der Lage sind, elektromagnetische Energie zu absorbieren und freizusetzen. Diese Eigenschaft, als „Kirlian-Effekt“ bekannt, belegt die Emission von Strahlungen von der lebenden Substanz in die Umwelt.

Nicht wissenschaftlich erwiesen und im Übrigen extrem unwahrscheinlich ist jedoch der Umstand, daß absterbende Zellelemente während ihres Residuallebens die Fähigkeit haben sollen, eine so hohe Menge an Energie abzugeben, daß dadurch eine Abdruck auf dem Leinentuch entstehen kann. Diese Theorie wurde später von den Forschern D. Willis (1969) und J.L. Carreno Etxeandia (1976) mit ausdrücklichem Bezug auf Atomenergie vertreten. Nach diesen beiden Wissenschaftlern wäre das Bild Folge einer Energieemission entstanden, die auf Kernreaktion zurückzuführen ist, die die Materie verwandelt.“

Ich möchte das nicht allzu sehr kommentieren, da der Text zu kurz und zu ungenau ist, um diese Phänomene soweit zu erklären, daß ich sie gründlich verstehen könnte, zumal da anscheinend verschiedenen Dinge in einen Topf geworfen werden. Der Kirlian-Effenkt jedenfalls wurde erst 1939 von dem Elektriker Semjon Davidowitsch Kirlian in einem sowjetischen Forschungszentrum entdeckt. Deshalb kann Alfano nicht schon 1934 auf den Kirlian-Effekt hingewiesen haben. Auch hat der Kirlian-Effekt nichts mit atomaren Vorgängen zu tun.

Daß ein Körper elektromagnetische Energie absobiert, also z. B. Licht, ist ganz selbstverständlich. Wenn ein Körper von der Sonne angestrahlt wird, wird er warm und gibt Wärmestrahlung ab. Aber wohl noch niemand hat gesehen, daß ein Mensch, der in der Sonne lag, danach im Dunkeln Licht ausstrahlt. Die Lichtblitze, die der Mensch bei der Kirlian-Photographie abgibt, sind Funken einer Hochspannungsentladung. Sie kommen nicht vom Menschen selbst, sondern von dem Hochspannungsfeld, an das er angeschlossen ist.

Wenn ich die Befürworter der These, daß das Abbild auf dem Grabtuch übernatürliche Ursachen hat, richtig verstehe, war Jesus bei seiner Auferstehung von einer Art „Ganzkörper-Heiligenschein“ aus elektrischen Entladungen oder einer Strahlung umgeben, die durch Vorgänge in den Atomkernen seines Körpers entstand, und diese Strahlung hat das Bild auf das Tuch gebrannt.

Die Energieblitz-Theorie

Nach der Energieblitz-Hypothese hat sich die physikalische oder geometrische Struktur des Mannes im Tuch verändert. Er „in einen anderen Raum versetzt“ (was wohl heißen soll, in einen vier- oder höherdimensionalen Raum) und sein Körper wurde zu einem „höherdimensionalen Körper“ - das wäre der „Astralleib“ der Theosophen. Seine Atome wurden dabei ebenfalls umgewandelt und sendeten dabei einen Energieblitz aus, also eine Strahlung, bei der es sich um „Neutronenstrahlung“, „β−Strahlung“ oder „UV-Strahlung“ handelt. Während der Körper Jesu also diese Welt verließ bzw. in eine höhere Dimension einging, sandte er also einen Energieblitz aus. Da die Stelle, an der sich gerade der Körper Jesu befand, jetzt leer war, fiel das Grabtuch nach dieser Theorie durch diesen leeren Raum hindurch und gleichzeitig wurde in diesem Moment das Abbild erzeugt. Dies soll erklären, dass das Abbild unverzerrt und dreidimensional ist.

Am Rande sei hier noch an die Ideen von Mirra al Fassa (Sri Aurobindos Gefährtin „Mother“) erinnert, die ihren Körper auf magisch-meditative Weise auf der atomaren Ebene in einen unsterblichen Leib umwandeln wollte.

Meiner Meinung nach sind die Autoren, die so etwas behaupten, in physikalischen Fragen nicht besonders kompetent. Neutronenstrahlung und β- Strahlung (besteht aus Elektronen) entstehen bei einem radioaktiven Zerfall von Atomen. Dabei lösen sich die Atome aber keineswegs in Nichts auf, sondern es entstehen radioaktive Isotope. Das Grabtuch weist außer der natürlichen Radioaktivität keinerlei erhöhte Radioaktivität auf. Diese Strahlen können auch keine Färbung von Leinenfasern hervorrufen, weil sie wegen ihrer Durchdringungsfähigkeit durch die Materie hindurchgehen, ohne viel mit ihr in Wechselwirkung zu treten. Diese Strahlen gehen durch ein Leinentuch durch, als wäre es überhaupt nicht vorhanden. Deswegen können sie auch keine Brennflecken hinterlassen wie das bei Wärmestrahlung der Fall ist. Dort, wo Neutronen oder β-Strahlung (=Elektronen) auf einen Atomkern treffen, werden sie natürlich gestoppt und treten in Wechselwirkung, was bei der Neutronenstrahlung dazu führen kann, dass das Neutron in den Kern eingebaut wird und eine anderes, meist instabiles Isotop entsteht).

Schwer zu erklären nach der Energieblitz-Theorie ist auch, dass die Fasern des Tuches nur ganz an der Oberfläche verfärbt sind. Die hochenergetische AtomStrahlung hätte die gesamte Faser verfärben müssen. Eher könnte man schon an eine elektrische Entladung denken, die an den Spitzen der Faser-Oberfläche des Tuches stattfand, also eine Art Sankt-Elms-Feuer.

Doch schauen wir uns einmal an, was die Befürworter der Energieblitz-Theorie schreiben:

Der englische Historiker und Grabtuchforscher Ian Wilson schreibt in seinem 1978 in New York erschienen Buch „The Shroud of Turin“ (1980 im Herder Verlag Freiburg unter dem Titel „Eine Spur von Jesus, Herkunft und Echtheit des Turiner Grabtuches“), er sei zu folgenden Schlüssen gekommen:

1. Die Entstehung des Abbildes im Grabtuch sei auf natürliche Weise nicht erklärbar.
2. Das Bild von Jesus (einschließlich das seines ganzen Körpers) wurde durch einen Strahlenblitz unauslöschlich in das Grabtuch eingebrannt und so eine Momentaufnahme seiner Auferstehung hinterlassen.

Professsor Wolfgang Waldstein von der Universität Salzburg schreibt in seinem kleinen Buch „Neue Erkenntnisse über das Turiner Grabtuch“ (erschienen im Christina-Verlag, Stein am Rhein, 2. Auflage im Jahr 2000):

„Viele Forscher in den USA und Europa, auch der russische Forscher und Lenin-Preisträger Dimitrij Kusnetzow, haben die Frage (wie aus einem toten Körper ein „Strahlenblitz“ kommen konnte) untersucht. Sie sind übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Vorgang stattgefunden haben muß, bei dem sich die Struktur der Atome verändert hat. Der amerikanische Regisseur Joachim Andrew Sacco hat für „Vision 2000“ (Nr. 4/1995) ein Interview über einen neuen Film über das Grabtuch gegeben, an dem er arbeitet. Er fasst dort die Ergebnisse zusammen: ‚Die Wissenschaftler konnten in Tests durch Computersimulation nachweisen, dass der Körper im Grabtuch einen Vorgang durchgemacht hat, der ihn in einen neuen Raum versetzt hat. Die Struktur seiner Atome hat sich neu geordnet. Dieser Körper trat in eine „Super-Ordnung“ über. Dabei wurde viel Energie abgestrahlt, die das Bild auf dem Tuch erzeugt hat. Wir werden all das in dem Film „The Shroud“ darstellen’.“

Waldstein bezweifelte von Anfang an die Zuverlässigkeit der Radicarbon- Datierung und befragte Max Thürkauf, Prof. für physikalische Chemie in Basel, ob der Kohlenstoff-14-Gehalt des Grabtuches durch den Brand in Chambéry so verändert worden sein könnte, dass die Kohlenstoff-Datierung verfälscht wurde. Thürkauf antwortete: es „ist erwiesen, dass Leinenfasern in der Hitze mit Wasser und CO2 aus der Luft zu reagieren vermögen. Dabei hat sich der Kohlenstoff-14 in der Faser dem Gehalt des Kohlenstoff-14 in der Atmosphäre des Brandjahres 1532 angeglichen, so dass die Altersbestimmung verfälscht wird“.

Waldstein schreibt: „Dies wurde danach auch experimentell an einem Stoff aus dem Jahre 200 überprüft. Es trat eine Veränderung der Datierung um 1400 Jahre ein, die zur Datierung um 1400 Jahre ein, die zur Datierung des Grabtuches auf 1260-1390 geführt hat. Inzwischen weiß man aber durch die Untersuchungen von Lindner und anderen, dass die Veränderung der Struktur der Atome des Leichnams zu einer Strahlung geführt hat, die ihrerseits die Kohlenstoff-14 Zusammensetzung im Leintuch verändert hat“. Prof. Eberhard Lindner („Evolution, Weltende, Freiheit“, Karlsruhe 1988) hat laut Prof. Waldstein erklärt, dass die Veränderung der Atome im Körper Jesu zu einer „Neutronenstrahlung“ geführt. Diese habe den Kohlenstoff-14-Gehalt im Tuch erhöht. An einer andern Stelle zitiert Waldstein die Ausführungen von Lindner: „Dadurch konnten...(wegen der negativen Ladung) gerichtete, aus den Atomhüllen herrührende Elektronenstrahlen entstehen, durch die das...Körperbild hervorgerufen wurde ... und außerdem eine elektrische Funkenbildung möglich wurde, durch welche die Spuren von den auf den Augenlidern liegenden Münzen aus der Zeit des Kaisers Tiberius entstanden sind.“

Der Regisseur Sacco kommentiert dies so: „Das Grabtuch trägt Merkmale, die auf einen Zustand von jenseits von Raum und Zeit schließen lassen. Das liegt kodiert im Grabtuch vor. Es ist fast so, als stünden wir an den Toren des Himmels. Den Wissenschaftlern, mit denen ich zu tun habe (rund 40 Forscher)... ist es wie mir ergangen: Sie gelangen zu der Überzeugung, dass die Auferstehung tatsächlich stattgefunden hat. Da sprechen die Tatsachen. Jenseits des Glaubens sieht man, was da vorgegangen ist.“

Oswald Scheuermann (in: „Das Tuch - Neueste Forschungsergebnisse zum Turiner Grabtuch“, Pustet-Verlag, Regensburg 1982) zitiert den NASA- Wissenschaftler Don Lynn, der behauptet, das Abbild sei keinesfalls von Menschenhand hergestellt, sondern durch kurze, aber intensive Strahlung entstanden - etwa durch elektromagnetische Wellen im Ultraviolettbereich: „Diese habe die innere Oberfläche des Stoffes ‚versengt’, ähnlich wie eine Kurzwellenstrahlung im Weltall dies auf Textilien verursache... Die starke Strahlung, welche das Tuch chemisch verändert bzw. gedunkelt hat, könne aber nur von dem Leichnam selbst ausgegangen, also nicht durchstrahlend von außen gekommen sein, denn Vorder- und Rückabbild zeigen sich nur auf der Innenseite des Grabtuches, sind klar voneinander getrennt und nicht etwa verwaschen ineinanderprojiziert...“

Der historische Befund

Die Geschichte des Grabtuches ist zweifelsfrei und lückenlos erst seit 1349 belegt. Über die Zeit vorher sind sich die Fachleute uneins.

Die Geschichte des Grabtuches von 1349 n. Chr. bis heute

Der hochverschuldete französische Adelige Geoffrey de Charnay schrieb 1349 an den Papst Clemens VI. einen Brief, in welchem er um die Erlaubnis bat, „die Gestalt bzw. ihr Abbild auf dem Schweißtuch unseres Herren Jesus Christus“ auszustellen. Diesem Antrag wurde stattgegeben, und das Grabtuch wurde erstmals 1357 in der kleinen Stiftskirche der Stadt Lirey in der Champagne der Öffentlichkeit präsentiert. Dadurch wurde Lirey zum Wallfahrtsort und hatte sich eine Einnahme-Quelle erschlossen, denn schon bald kamen zahlreiche Pilger nach Lirey, das in ganz Frankreich bekannt wurde. Geoffrey de Charnay verkaufte eine Gedenkplakette an die Pilger, von welcher ein Exemplar Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Pont du Change aus der Seine gefischt wurde. Die Plakette zeigt das Ganzkörper-Abbild Jesu, wie es auf dem Grabtuch zu sehen ist.

Der große Pilgerstrom weckte das Interesse des Bischoffs von Troyes, Henri de Poitiers. Er verlangte von Geoffrey genauere Auskunft über das Tuch, vor allem über seine Herkunft. Charnay antwortete, das Tuch sei ihm großzügig geschenkt worden; er sagte aber nicht, von wem. Der Bischof holte sich den Rat vieler Personen ein, welche allesamt erklärten, das Tuch könne nicht echt sein. Dem widersprach man in Lirey entschieden. Henri de Poitiers antwortete darauf, dass das Tuch künstlich bemalt worden sei (ohne es aber selbst gesehen zu haben). Er fand aber keine Unterstützung beim Papst, der Charnay sogar weitere Privilegien gewährte. 1356 fiel Geoffrey als königlicher Bannerträger in der Schlacht von Poitiers, als er mit seinem Körper eine Lanze abfing, die dem König zugedacht war. Seine Witwe Jeanne de Vergy ließ das Grabtuch aus der Kirche von Lirey holen und zog sich in die Festung Montfort en Auxois zurück. Bischof Henri de Poiters hatte den Befehl gegeben, das Tuch zu vernichten. Im Jahr 1389 richtete Geoffrey de Charnay II., der Sohn, ein Ersuchen an den Papst Clemens VII., das Tuch wieder in der Kirche von Lirey ausstellen zu dürfen, was dann noch im gleichen Jahr durch eine päpstliche Bulle gewährt wurde. Im Jahr 1390 kam eine zweite päpstliche Bulle, welche das Grabtuch als Reliquie anerkannte und die Gläubigen aufforderte, dieser Reliquie die gebührende Ehre zu erweisen. Dies alles geschah trotz des Widerspruches des amtierenden Bischofs von Troyes, Pierre d’Arcis. Ihm wurde in der 2. Bulle auferlegt, für alle Zeiten mit seinen Zweifeln zu schweigen. Als Geoffrey de Charnay II. im Jahr 1398 starb, ging das Grabtuch in den Besitz seiner Tochter Margaret und ihres Gatten Humbert über, des Grafen de la Roche, und das Tuch wurde ab 1418 wieder in der Festung Montfort en Auxois aufbewahrt, danach in Saint- Hippolyte-sur-Doubs.

Im Jahr 1453 tauschte die damals schon hochbetagte Margaret das Grabtuch gegen das Schloß Verambon bei Genf und die Einkünfte aus dem Gut Miribel bei Lyon ein. Ihr Tauschpartner war Herzog Louis von Savoyen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde das Grabtuch in die Kapelle der savoyischen Residenz Chambéry gebracht. In den folgenden Jahren wurde das Tuch oft ausgestellt. Am 4. Dezember 1532 zerstörte ein Brand die Schlosskapelle bis auf die Grundmauern. Das Grabtuch konnte in letzter Minute in Sicherheit gebracht werden. Aber die Hitze des Feuers brachte den silbernen Kasten, in dem es aufbewahrt war, an einer Ecke zum Schmelzen. Aber es entstanden nur wenige Brandlöcher, und zwar an Stellen, an denen das Bild nicht ist. Zwei Jahre später wurden die Stellen von Klarissinnen-Nonnen mit Flicken vernäht, und das Linnen erhielt ein Futter aus holländischem Tuch. 1537 brachte man das Tuch in die Eusebius-Kathedrale in Vercelli, 1561 kam es wieder nach Chambéry zurück. Am 17. September 1578 überführte man das Grabtuch nach Turin, wo es bis heute aufbewahrt wird. Im Jahr 1898 wurde es aus Anlaß der 50-Jahr-Feier des italienischen Königreiches acht Tage lang ausgestellt. In dieser Zeit konnte Secondo Pia das erste Foto machen, und er konnte als erster Mensch das Abbild im Positiv sehen. Vom 2. bis zum 23. Mai 1931 wurde es nochmals ausgestellt - anlässlich der Hochzeit des Prinzen Umberto von Piemont. Commendatore Guiseppe Enrie machte während dieser Zeit neue, bessere und präzisere Aufnahmen. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde das Tuch in die Abtei von Monte Vergine (Avellino) gebracht. Nach Kriegsende kehrte es nach Turin zurück.

Die erste Untersuchung durch eine wissenschaftliche Kommission fand am 16. Juni 1969 unter Aufsicht von Kardinal Pellegrino statt. Am 1. Oktober 1972 kletterte ein Unbekannter über das Dach des herzoglichen Palazzos, brach in die Kapelle ein und legte Feuer an den Altarschrein, in welchem das Tuch aufbewahrt wurde. Aber eine Asbestschicht auf der Innenseite des Schreins verhinderte die Vernichtung der Reliquie. Der Sachbuch-Autor und GrabtuchForscher (und Grabtuch-Aktivist) Hans Naber alias John Reban alias Kurt Berna hatte schon am 3. Jan. 1970 vor einer möglichen Zerstörung des Grabtuches gewarnt, die durch eine Gruppe im Vatikan befürwortet und vorangetrieben würde. Allerdings wurde der Täter niemals gefasst und ein Zusammenhang zwischen ihm und dem Vatikan wurde nicht erwiesen.

Am 24. November 1973 entnahmen Experten von zwei berühmten italienischen Universitäten am Tuch Proben, an Hand deren untersucht werden sollte, ob sich am Tuch echtes Menschenblut befindet. Die Untersuchungen kamen angeblich zu keinem Ergebnis. Am Abend vorher, also am 23. November 1973 hatte der Schweizer Kriminologe und Wissenschaftler, Dr. Max Frei-Sulzer das Tuch mit sterilen Tesafilmstreifen bekleben dürfen, an denen Pflanzenpollen haften blieben. Max Frei untersuchte in den folgenden Jahren diese Pollen akribisch und kam zu dem Ergebnis, dass das Tuch zur Zeit seiner Kreuzigung und danach in Jerusalem war, später im nahem Osten und in Byzanz.

Im Frühjahr 1977 gründete sich in Albuquerque eine Initiative von amerikanischen Wissenschaftlern, das „STURP = Shroud of Turin Research Project. 1978 durften die Wissenschaftler dieses interdisziplinären Forschungsprojektes, darunter einige der weltweit angesehensten Experten auf ihrem Gebiet, aufgeteilt in Arbeitsgruppen, das Grabtuch im Königspalast von Turin 120 Stunden lang nach allen Regeln der Kunst und nach den damals modernsten Methoden untersuchen. Es war eine typisch amerikanisches Unternehmen: Sorgfältig geplant, mit einem enormen Aufwand an Geld, Experten und Geräten, nach dem Motto: „Nicht kleckern sondern klotzen“. John Heller, Biochemiker, Forscher und Gründer des New England Institute konnte zweifelsfrei nachweisen, dass es sich bei den Blutflecken auf dem Grabtuch um Menschenblut handelte.

Die Geschichte des Grabtuches von 1204 bis 1349 n. Chr. Die Geschichte des Grabtuches vor seiner Ausstellung in der Stiftskirche von Lirey ist nicht gesichert. Elmar R. Gruber, ein Befürworter der Echtheit des Tuches gibt zu: „Es gibt nur wenige Berichte über das Grablinnen, nicht viel mehr als Vermutungen und Legenden. Die meisten sind Jahrzehnte, oft erst Jahrhunderte später bekannt geworden.“

Es gibt einen Bericht eines fränkischen Ritters, Robert de Clari, der am vierten Kreuzzug teilnahm. Dieser Kreuzzeug wurde durch den Dogen Dandolo nach Konstaniopel umdirigiert und die Kreuzfaher eroberten und plünderten die christliche Stadt. De Clari erzählt von einem Besuch in der Kirche „Unsere Frau, die Heilige Maria von Blachernai“ (Blachernai oder „die Blachnernen“ ist das um 1150 entstandene neue kaiserliche Stadtviertel in Byzanz mit Palästen, Gärten und Kirchen). Dort sei ein Grabtuch aufbewahrt worden, „in welches unser Herr eingehüllt war, das jeden Freitag aufgerichtet wurde, so dass die Figur unseres Herren deutlich gesehen werden konnte.“ Er berichtet weiter: „Keiner, weder Grieche noch Franzose wusste, was mit dem Grabtuch geschehen war, als die Stadt eingenommen wurde“. Am 1. August 1205 übergab Theodoros Angelos Komnenos, ein Verwalter des letzten rechtmäßigen byzantinischen Kaisers dem Papst Innozenz III. ein Gesuch über die Rückgabe der geplünderten Schätze Konstantinopels. Darin heißt es: „Beim Aufteilen der Beute erhielten die Venezianer die Gold- Silber- und Elfenbeinschätze, die Franken die Heiligenreliquien, deren allerheiligste das Tuch ist, in das unser Herr Jesus Christus nach seinem Tod und vor seiner Auferstehung gewickelt wurde...Wir wissen, dass diese heiligen Gegenstände in Venedig, in Gallien und an anderen Orten der Plünderer aufbewahrt werden, das heilige Tuch aber wird in Athen verwahrt...“. Dies wird bestätigt durch Nikolaus von Otranto, dem Abt des süditalienischen Klosters Casole. Zusammen mit dem päpstliche Legaten Benedikt von S. Susanna, Bischof von Porto, besuchte er Athen und sah dort insgeheim das Tuch. Es war im Besitz von Othon de la Roche, Herzog von Athen. Er übergab das Tuch vermutlich dem Orden der Tempelritter. Zwischen 1307 und 1314 fand der von Philip dem Schönen, König von Frankreich betriebene grausame Prozess gegen den Templerorden statt, der mit der Auflösung des Ordens und der öffentlichen Verbrennung des letzten Ordensmeisters, Jacques de Molay endete. Ein Vorfahre von Geoffrey de Charny, der ebenfalls Geoffrey de Charnay hieß, hatte gemeinsam mit de Molay den Scheiterhaufen bestiegen. Man kann also vermuten, dass das Grabtuch im Besitz der Tempelritter war und dass jener Geofrey de Charnay, der das Grabtuch 1357 in Lirey ausstellte, das Tuch von seinem Vorfahren, dem gleichnamigen Templerritter geerbt hatte. Oder seine Frau, Jeanne de Vergy hatte es von ihrem Vorfahren Othon de la Roche geerbt.

Die Geschichte des Grabtuches von 944 n. Chr. bis 1204 n. Chr. Um das Jahr 1050 n. Chr. dichtete der Mönch Christophoros von Mytilene über das Jesusbild: „Du hast deine Züge auf das Grabtuch gedrückt, du, der du als Toter in das Grabtuch als dein letztes Kleid gehüllt wurdest“. Das Tuch, schreibt der Mönch, sei aus Edessa gekommen.

Um das Jahr 950 n. Chr. verfasste der Mönch, Geschichtsschreiber und Theologe Symeon Metaphrastes, auch Symeon Logothetes genannt, den Prosatext „Synaxarion“ über das Grabtuch. Der Text war für das „Fest des Heiligen Grabtuches“, das in Byzanz immer am 16. August gefeiert wurde. Symeon berichtet, dass das Grabtuch im Jahr 944 n. Chr. per Schiff nach Konstantinopel gebracht wurde. Dort traf es am 15. August ein und wurde am 16. August in einem feierlichen Umzug in die Hagia Sophia gebracht.

Das Tuch war mit einem Goldrahmen im „persischen“ Stil eingefasst. Es war viermal gefaltet, und zwar so, dass obenauf das Antlitz Christi zu sehen war. Diese Knickspuren kann man heute noch feststellen. Der Körper Christi war nicht zu sehen. Man empfand das Abbild des nackten Körpers Christi als unpassend und unerwünscht.

Die Geschichte des Grabtuches von 544 n. Chr. bis 944 n. Chr.

Der um das Jahr 530 n. Chr. in Syrien geborene Historiker, Anwalt und kaiserliche Präfekt Euagrios Scholastikos schreibt: Im Jahr 544 n. Chr. belagerte der persische König Chosrau I. Anuschirwan die Stadt Edessa. Einem Traum des Bischofs Eulalios folgend, fanden die bedrängten Edesser auf dem höchsten Tor der Stadt in einem zugemauerten Hohlraum das Grabtuch. Es war einige Jahrhunderte zuvor von einem anderen Bischof eingemauert worden und der genaue Aufbewahrungsort war in Vergessenheit geraten. Aber die Erinnerung, dass die Stadt einst das Grabtuch besessen hatte, war immer noch lebendig. Bald darauf brach im Lager der Perser ein Brand aus; entmutigt gaben sie die Belagerung auf.

Im Jahr 545 n. Chr. schlossen die Byzantiner unter Justinian und die Perser einen Waffenstillstand. In Edessa wurde eine große Kirche eingeweiht, welche die Hagia Sophia in Byzanz zum Vorbild hatte. In einer Seitenkapelle rechts von der Apsis wurde das Grabtuch aufbewahrt. Man nannte es das „Acheiropoeton“, das „nicht von Hand gemachte“ oder auch das „theoteuktos eikon“, das „von Gott gemachte Bild“. Schon damals war das Tuch so zusammengefaltet, wie es später in Konstantinopel ankam und es befand sich schon damals in dem emailverzierten persischen Schmuckrahmen. Das Tuch wurde bei besonderen Gelegenheiten und einmal im Jahr an Ostern ausgestellt.

Seit dem Jahr 544 n. Chr. trat ein Wandel in der Art ein, wie Christus in der Kunst dargestellt wurde. In der Spätantike wurde Christus bartlos und wie ein junger Gott dargestellt. Nachdem man das Grabtuch in Edessa ausstellte, wurde Jesus auf Gemälden, Fresken, Mosaiken, Vasen und Münzen mit langen Haaren, Mittelscheitel und Bart dargestellt. Diese Art der Darstellung orientierte sich an dem Abbild auf dem Grabtuch.

Im Jahr 636 n. Chr. wurde der byzantinische Kaiser Herakleios, der sich den unaufhaltsam vordringenden Truppen der Moslems entgegenstellte, in den Schluchten der Jarmuk vernichtend geschlagen. 638 wurde Jersualem erobert, und im gleiche Jahr fiel auch Edessa in islamische Hand. Edessa kapitulierte und blieb von einer Plünderung verschont. Die Edesser durften weiterhin ihrem christlichen Glauben anhängen und relativ frei ihrem Handel nachgehen. Das Grabtuch war die ganze Zeit in der großen Kirche von Edessa geblieben und hatte den Krieg unbeschadet überstanden.

Im Jahr 678 n. Chr. wurde die große Kirche in Edessa durch ein Erdbeben beschädigt, aber das Grabtuch blieb unversehrt. Da aber der bilderfeindliche Islam die Ausstellung des Grabtuches nicht gestattete, gab es ab 638 keine Ausstellungen und Prozessionen mit dem Grabtuch. Das Christentum sank zu einer Subkultur herab. Christen und Juden mussten Erkennungsbänder und - abzeichen tragen.

In dieser islamischen Zeit erhielt das Grabtuch die Bezeichnung „Mandil“ (arabisch für „Tuch“). Ins Griechische übertragen wurde daraus „Mandylion“. Im Jahr 942 n. Chr. eroberte der byzantinische General Johannes Gurgen die Stadt Nisibis und rückte bis vor Edessa vor. Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos („der in Purpur Geborene“) trat mit den Arabern in Verhandlungen ein mit dem Ziel, dass ihm das Grabtuch ausgehändigt werde. Die Araber willigten unter folgenden Bedingungen ein: Rückzug der byzantinischen Truppen aus dem gesamten Gebiet, die Zusage, Edessa nicht mehr anzugreifen, die Freilassung von 300 jungen adeligen Gefangenen ohne Lösegeldzahlung sowie 1200 Silberdenare. Der byzantische Kaiser nahm den Handel an und erhielt dafür das Grabtuch, „auf dem das Gesicht Christi aufgedrückt war“, wie der Araber Al Masudi schrieb. Das Tuch traf dann im Jahr 944 n. Chr. in Konstantinopel ein.

Erst im Jahr 1098 wurde Edessa von den Kreuzfahrern erobert und im Jahr 1144 von den Arabern wieder zurückerobert und viele seiner Kirchen und wertvollen Bauten zerstört. Nach 1340 stürzte die Kuppel der großen Kirche , in welchem das Grabtuch bis 944 aufbewahrt worden war, ein.

Die Geschichte des Grabtuches von 131 n. Chr. bis 544 n. Chr.

Im Jahr 131. n. Chr. brach in Jersusalem der Aufstand des Bar Kochba aus, bekannt als der „zweite Jüdische Krieg“. Kaiser Hadrian eroberte Jerusalem und ließ die Stadt dem Erdboden gleichmachen. 135 war der Aufstand niedergeschlagen. Alle jüdischen und christlichen Spuren wurden in Jerusalem und ganz Judäa ausgetilgt.

Juden und Christen flohen nach Edessa, das sich 233 Jahre zuvor zu einem unabhängigen Königreich, das „Reich von Osrhoene“, erklärt hatte und es immer noch war. Seine Könige trugen meist den Namen „Abgar“. Das Grabtuch muß wohl mit diesen judenchristlichen Exilanten nach Edessa gelangt sein.

Zuvor, so vermutet Maria Grazia Siliato, war das Tuch in Qumran vergraben. Erst in Edessa habe man dann entdeckt, dass sich auf dem Tuch im Laufe der langen Lagerzeit ein Bild Christi entwickelt hatte. Dies ist durchaus plausibel, weil das Abbild durch eine Alterung der Leinenfasern zustande gekommen ist. Dort, wo die Leinenfasern mit dem Schweiß des Körpers in Berührung kamen, wurden sie angegriffen und alterten schneller, was die schwach gelblich- schattierte Färbung hervorrief.

Mit großem Erstaunen wird man in Edessa entdeckt haben, dass auf den Tuch wie durch ein Wunder ein Abbild Christi entstanden war.

Derjenige, der das Tuch nach Edessa brachte, soll Addai gewesen sein, Sohn des Apostel Thaddäus.

In Edessa wurde die erste christlichristentum als offizielle Religion an.

Im Jahr 212 bese Kirche erbaut, und das Königreich Osrhoene nahm um 170 n. Chr. das Chetzte der römische Kaiser Caracalla Edessa, stürzte die Dynastie der Abgariden und gründete eine römische Militärbasis, die „Colonia Edessorum“. Die Ausübung der christlichen Religion wurde verboten. In dieser Zeit nach 212 versteckte ein Bischof, dessen Namen nicht bekannt ist, das Grabtuch in einer Nische im oberen Teil der Stadtmauer von Edessa und ließ die Nische zumauern. Es gab nur wenige Zeugen, die an der Aktion teilnahmen, und so geriet die Lage des Versteckes in Vergessenheit, bis es im Jahre 544 wiederentdeckt wurde.

Die Geschichte des Grabtuches von 30 n. Chr. bis 131 n. Chr.

In dem apokryphen (nicht in die Bibel aufgenommenen) „Hebräer-Evangelium“ heißt es, Jesus selbst habe nach seiner Auferstehung das Grabtuch dem „Diener des Priesters“ übergeben. Wer das war, ist unbekannt. Das Tuch war mit Blut getränkt und damit nach dem jüdischen Gesetz unrein. Diese Unreinheit übertrug sich gemäß den jüdischen Vorstellungen auf jeden, der es berührte. Deshalb wurde es im Verborgenen aufbewahrt.

Die heilige Nino (gest. um 355) berichtet, das Tuch hätte sich eine Zeitlang im Besitz der Frau des Pontius Pilatus befunden. Danach hätte es der Heilige Lukas bekommen, der es an einem geheimen Ort aufbewahrte. Das „Schweißtuch“ dagegen hätte Petrus besessen.

Im Jahr 66 n. Chr. brach in Judäa ein Aufstand der Juden gegen die Römer aus. Ein Teil der Juden, die sich vor der Rache der Römer fürchteten, flohen noch Norden in das Gebiet der „Dekapolis“, des „Zehnstädtebundes“, das außerhalb der römischen Provinz Syrien lag. Hier war man außerhalb der Grenzen des römischen Reiches und fürs erste einmal sicher. Die Römer schlugen den Aufstand brutal nieder und zerstörten im Jahre 70 den Tempel in Jerusalem. Unter den Juden, die in die Dekapolis flohen, waren viele Christen. Ihre Situation hatte sich im Jahr 68 n. Chr. stark verschlechtert, weil sie sich nicht an dem Aufstand beteiligt hatten und nun von jüdischen Patrioten angeklagt wurden, nicht für die jüdische Sache Partei ergriffen zu haben.

Auf ihrer Flucht nach Pella, einer der Städte der Dekapolis, kamen die Judenchristen am Kloster Qumran vorbei. Haben sie dort das Grabtuch zurückgelassen und wurde es in einem der berühmten Tonkrüge in der Wüste versteckt ? Wir wissen es nicht. Als dann im Jahr 131 n. Chr. der zweite jüdische Krieg ausbrach, geriet auch Qumran in den Einflussbereich der Römer. Ob man das Grabtuch vorher aus Qumran nach Edessa brachte ?

In der Symeon Metaphrastes zugeschriebenen Festpredigt des Jahres 955 wird berichtet: Abgar V. von Edessa (15 n. Chr. bis 50 n. Chr.), genannt Ukkama, hätte, als er von den Wundern Jesu hörte, einen Boten nach Jerusalem gesandt, der Jesus einladen sollte, nach Edessa zu kommen, um ihn von seiner Krankheit zu heilen. Jesus hätte an Abgar einen handschriftlichen Brief geschickt (was wohl nur eine Legende ist), um ihm mitzuteilen, dass er selbst nicht kommen könne, er aber einen Jünger schicken werde, der Abgar heilen solle. Nach der Kreuzigung Jesu hätten dann die Jünger einen Boten zu Abgar geschickt. Dieser Bote hätte König Abgar das Grabtuch gebracht. Der Name des Boten sei Thaddäus gewesen, in syrischer Sprache „Addai“. Er vollbrachte in Edessa Wunderheilungen und missioniert für das Christentum. So habe er auch mit Hilfe des Grabtuches die gelähmten Beine Abgars geheilt und gleich seinen Aussatz dazu.

Holger Kersten und Elmar R. Gruber vermuten, dass ein Vertrauter von Thaddäus, der königliche Goldschmied Aggai, das Tuch vor der Übergabe an König Abgar so gefaltet habe, dass nur das Gesicht Christi sichtbar war. Aggai habe das Tuch in einen kunstvolles Behältnis eingefasst, das mit einem goldenen Netzgitter versehen war, durch das man das Antlitz Christi sehen konnte. So sei das „Mandylion“ von Edessa entstanden, das nach einer Vermutung des Historikers Ian Wilson mit dem Grabtuch identisch ist.

Abgar starb im Jahre 50 n. Chr. und im Jahre 57 n. Chr. kam Ma’nu an die Macht, ein Herrscher, der zum Heidentum zurückkehrte. Das Oberhaupt der Christen in Edessa, Aggai, habe das Grabtuch oberhalb eines Torbogens eingemauert.

Diese Version widerspricht natürlich der Theorie, dass das Grabtuch erst nach 131 nach Edessa gekommen sei.

Ist das Grabtuch echt oder nicht ?

Mit letzter Sicherheit kann heute niemand diese Frage beantworten. Hilfreich wäre es sicher, wenn der Radiocarbontest an einem eindeutig nicht kunstgestopften und nicht verunreinigten Stück Stoff des Grabtuches wiederholt würde. Allerdings kann man den Standpunkt verstehen, daß von der kostbaren Reliquie nicht immer mehr Stücke abgeschnipselt werden sollen. Wenn es möglich wäre, von dem Blut auf dem Tuch eine DNA-Analyse zu machen, könnte man diese DNA mit der DNA aus den Gebeinen aus dem angeblichen Jesus-Grab in Srinagar (Kaschmir) vergleichen. Nach Holger Kersten und anderen ist Jesus Christus mit dem dort begrabenen Yuz Asaf (Verballhornung von Boddhisattva) identisch.

Es muß ja nicht gleich aus der DNA ein neuer Jesus geklont werden (wie das ja von einer Sekte schon gefordert worden sein soll).

Je nach Ausgang der Tests gäbe es dann folgende Möglichkeiten:

1. Der Radicarbontest beweist, das Grabtuch ist eine Fälschung aus dem Mittelalter. Dann wüden sich die Bestseller von Holger Kersten und Elmar R. Gruber schlecht verkaufen, aber die katholische Kirche hätte an dieser Front Ruhe. Allerdings bliebe die Frage zu klären, wie das Bild entstanden ist. Aber das würde dann nur noch Wissenschaftler und Techniker interessieren.
2. Der Radiocarbontest beweist, daß das Tuch echt ist und die DNA-Analyse beweist, daß Jesus in Srinagar begraben wurde. Das würde das Chrisentum zwar schwer erschüttern, aber vielleicht zu einer Neuformierung und Regeneration zwingen (siehe weiter unten).
3. Der Radiocarbontest beweist, daß das Tuch echt ist und die DNA-Analyse beweist, daß in Srinagar ein anderer begraben ist. Da wäre aber immer noch unklar, wie das Bild entstanden ist. Es wäre möglicherweise bewiesen, daß Jesus die Kreuzigung überlebt hat. Aber er hat große Leiden ertragen müssen. Das Glaubensdogma, daß Jesus für die Sünden der Menschen gebüßt und sie dadurch erlöst hat, könnte immer noch aufrecht erhalten werden. Auch das Dogma, daß er in der Vorhölle war (daß Jesus dem Teufel einen Hausbesuch in der Hölle abstattet ist für die Dogmatiker zu problematisch), wäre nicht widerlegt. Jesus unternahm halt eine Seelenreise, während er im Koma lag. Auch das Dogma von der Auferstehung im Fleische wäre aufrecht zu erhalten. Man könnte sagen, daß der Leib Jesu in einen zwar immer noch körperlichen, aber mit hochfrequenter Hochspannung geladenen Körper („Mister 25000 Volt“) umgewandelt worden sei (und dabei einen Lichtblitz ausgesandt habe oder von eine Aura elektrischer Entladungen umgeben gewesen sei - so wäre das Bild ins Tuch gebrannt worden).

Woran man zu glauben bereit ist, hängt sicher auch von der persönlichen Interessenlage ab. Im Lager derjenigen, die für die Echtheit plädieren, finden sich Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Motiven. Ebenso ist es im Lager derjenigen, die das Grabtuch für eine Fälschung halten.

Das Grabtuch wird von gläubigen Christen für echt gehalten, weil sie darin einen Beweis dafür sehen, dass Jesus tatsächlich so gekreuzigt wurde, wie es in der Bibel steht. Auch die Auferstehung glauben sie aus dem Grabtuch herauslesen zu können (Lichtblitz-Theorie). Im gleichen Lager der Echtheitsbefürworter stehen aber auch Menschen, die aus dem Grabtuch herauslesen wollen, dass Jesus die Kreuzigung überlebt hat. Dies könnte ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit der Bibel und die Glaubwürdigkeit der Kirchen sein. Der pakistanische Sektengründer Ghulam Ahmad hoffte sogar, dass durch den Beweis, dass Jesus die Kreuzigung überlebte und nach Indien floh, „dem Christentum das Rückgrat gebrochen“ werden könne. Aus diesem Grunde gibt es auch gläubige Christen, denen es viel lieber ist, wenn das Grabtuch eine Fälschung ist.

Die katholische Kirche geriet durch das Grabtuchdiskussion in ein Dilemma: Entweder war ihre heiligste und wichtigste Reliquie, die so viel zu Stärkung des Glaubens beitrug, eine Fälschung, oder sie war echt und bewies womöglich, dass der Glaube an die übernatürliche Auferstehung Jesu falsch war. Damit gerieten dann einige Dogmen ins wanken. Heute ist die Linie wohl die: Man erklärt das Grabtuch für eine Fälschung, aber sieht im Grabtuch einen von Menschhand gemachten Gegenstand, der die Andacht und den Glauben fördert. Die Sixtinische Kapelle und der Petersdom sind ja ebenfalls von Menschen gemacht und fördern den Glauben. Peinlich wäre aber, wenn das Grabtuch unter Misshandlung eines Menschen hergestellt worden wäre.

Meiner Meinung nach würde auch der Beweis, dass die Bibel unwahre Dinge berichtet oder dass sich die christlichen Kirchen in einem großen Irrtum befinden, das Christentum zwar schwer erschüttern und in eine weitere Krise stürzen. Aber die meisten von denen, die heute fest an Christus glauben, würden an ihrem Glauben festhalten. Jesus war fest davon überzeugt, dass das Reich Gottes ganz nahe sei und schon in allernächster Zeit kommen werde. Jedermann weiß, dass sich Jesus darin geirrt hat. Trotzdem bestand das Christentum weiter und entfaltete sich immer mehr.

Allerdings würde der Beweis, daß Jesus nicht auferstanden ist, das Christentum zu einer Neuformierung zwingen. Der Glaube an die Göttlichkeit Christi wäre nicht mehr aufrecht zu erhalten, ebenso die Konstruktion von der Heiligen Dreifaltigkeit. Man würde einfach nur noch an Gott glauben. Vielleicht würde man jetzt auch statt Jesus Maria vergöttlichen. Das Landvolk hat sich ohnehin still, aber beharrlich eine Religion mit der Fruchtbarkeitsgöttin Maria geschaffen. Das Christentum ist genauso wandelbar und flexibel wie das menschliche Herz und der menschliche Geist.

Heute allerdings verliert das Christentum zunehmend an Bedeutung; aber nicht, weil es irgendwelcher Irrtümer überführt wurde, sondern weil es eine Vielzahl von konkurrierenden Religionen und Ideologien gibt. Der vielleicht gefährlichste Angriff auf das Christentum ist zur Zeit der durch den tibetanischen Buddhismus, der versucht, das Christentum in einer sanften Umarmung zu ersticken. Man sagt, Jesus sei eine Art buddhistischer Weisheitslehrer gewesen. Alle Religionen hätten doch einen gemeinsamen Urgrund; Buddhismus und Christentum seien im Grunde dasselbe. Und man suggeriert, der Dalai Lama sei ohnehin der bessere Papst.

Der Wunsch des Menschen, einem Aberglauben anzuhängen, ist unbezähmbar. Wenn das Christentum als Aberglauben abgetan wäre, würden an seiner Stelle tausend neue Formen des Aberglaubens entstehen. Das können wir heute bereits beobachten.

Für diesen Artikel verwendete Literatur über das Grabtuch:

Maria Grazia Siliato: „Und das Grabtuch ist doch echt“, Pattloch Verlag und Heyne Verlag, München 1998; Titel des Originals: „Sindone - Misterio dell’impronta di duemila anni fa“ („Das Grabtuch - Das Geheimnis eines vor zweitausend Jahren gemachten Abdruckes“), 1997 bei Edizioni Piemme Holger Kersten und Elmar R. Gruber: „Das Jesus-Komplott - die Wahrheit über die Auferstehung“, Langen-Müller-Verlag, München 1992 Holger Kersten und Elmar R. Gruber: „Jesus starb nicht am Kreuz - die Botschaft des Turiner Grabtuches“, Heyne-Verlag, München 1998 Holger Kersten: „Jesus lebte in Indien - Sein geheimes Leben vor und nach der Kreuzigung“, Ullstein Verlag, 5. Auflage München 2000

Josef Dirnbeck: „Jesus und das Tuch - Die ‚Echtheit’ einer Fälschung“, erschienen 1998 bei Edition Va bene, Wien-Klosterneuburg, ISBN 3-85167- 073-6

Josef Dirnbeck: „Falsches Zeugnis wider Jesus - Jesusfälscher auf dem Prüfstand“, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2002

Hans Naber alias John Reban alias Kurt Berna: „Christus wurde lebendig begraben“, Interfound-Publisher, Zürich 1976 und Hans Naber-Verlag, Stuttgart 1972

Oswald Scheuermann: „Das Tuch - Neueste Forschungsergebnisse zum Turiner Grabtuch“, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1982

Antonio Milanesio, Simona Siracosa und Stefano Zaca: “Ein ‘unerklärbares’ Bild - Vermutungen zur Entstehung des Turiner Grabtuches”, Verlag Schnell und Steiner, Leibnitzstr. 13, D-93055 Regensburg 2000, ISBN 3-7954-1333-8; Titel des italienischen Originals: „Un’immagine ‚inspiegabile“, Editrice Elle Di Ci - 10096 Leumann (Torino)

Wolfgang Waldstein: „Neueste Erkenntnis über das Turiner Grabtuch - auch Atomforschung beweist Echtheit“, Christiana-Verlag, Stein am Rhein, 2000) Christoph Knight und Robert Lomas: „Der zweite Messias - Das Grabtuch von Turin, die Templer und das Geheimnis der Freimaurer“, Scherz Verlag, Bern, München, Wien, 1999,

Titel des englischen Originals: „The Second Messiah“, by Centuri, London

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Das Grabtuch von Turin
Autor
Jahr
2002
Seiten
27
Katalognummer
V107087
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Grabtuch von Turin - ist es echt oder eine Fälschung? Dieser Frage wird objektiv nachgegangen
Schlagworte
Jesus Christus Kreuzigung
Arbeit zitieren
Richard Beiderbeck (Autor), 2002, Das Grabtuch von Turin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107087

Kommentare

  • Gast am 1.10.2002

    Prima!.

    Ich habe die Arbeit aus reiner Neugierde gelesen und bin begeistert, großes Lob für diese sehr gute Arbeit.
    Bis auf einige Rechtschreibfehler, die manchmal stutzen lassen, ist das Referat hoch informativ, ausführlich und interessant, auch wenn einige Passagen langatmig sind.
    Ich finde es sehr gut, das auch solche hochqualitativen Arbeiten noch kostenlos zur Verfügung gestellt werden.
    MFG

    ElimGarak

  • Rüdiger Kurth M.A. am 2.11.2006

    Das Grabtuch von Turin.

    Der Autor des Textes hat sich eingehend mit der Literatur zum Turiner Grabtuch befasst und sie verständlich dargelegt, allerdings auch Randbereiche wie etwa Esoterik oder gar die "Mutter" des von Sri Aurobindo gegründeten Asrams in Pondicherry in Indien herangezogen. Dabei handelt es sich um Bereiche, die rational nicht zu erklären sind. So verlässt seine Arbeit den wissenschaftlichen Raum. Dies gilt auch und ganz besonders für den letzten Teil, wo der Autor versucht, Schlussfolgerungen zu ziehen nach dem Prinzip: "Was wäre, wenn...?" Hier wird seine Darstellung rein spekulativ und verliert zudem durch eingestreute Bemerkungen wie "Mr. 25000 Volt" seinen wissenschaftlichen Charakter. Insgesamt gesehen wird die zunächst reflektorisch-kritische Betrachtung der Literatur dadurch in ihrer Bedeutung erheblich eingeschränkt und verliert an Seriosität, woraus sich die Frage ergibt, ob denn diese Betrachtung überhaupt korrekt erfolgte.

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