Transkriptionssysteme: Entstehung und Verwendung


Seminararbeit, 2003

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1 Enstehung und Gegenstand der Sprachtranskription
1.2 Lautliche Phänomene gesprochener Sprache

2. Transkriptionssysteme zur Übertragung von Laut und Gespräch in Schrift – Entstehung und Verwendung
2.1 Transkriptionssysteme für lautliche Authentizität
2.1.1 Literarische Transkription (LT)
2.1.2 Phonetische Transkription (IPA)
2.1.3 Speech Assessment Methods Phonetic Alphabet (SAMPA)
2.1.4 Die Heidelberger Umschrift oder Pidgin-Deutsch-Lautschrift (PDL)
2.2 Transkriptionssysteme für pragmatische Authentizität
2.2.1 Formale Konversationsanalyse (KA)
2.2.2 Halbinterpretative Arbeitstranskriptionen (HIAT)
2.2.3 Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem (GAT)

3. Abschließende Betrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einführung

1.1 Enstehung und Gegenstand der Sprachtranskription

„Eine wirkliche Zerlegung des Wortes in seine Elemente ist nicht bloß sehr schwierig, sie ist geradezu unmöglich. Das Wort ist nicht eine Aneinanderreihung einer bestimmten Anzahl selbständiger Laute, von denen jeder durch ein Zeichen des Alphabets ausgedrückt werden könnte, sondern es ist im Grunde immer eine kontinuierliche Reihe von unendlich vielen Lauten, und durch die Buchstaben werden immer nur einzelne charakteristische Punkte dieser Reihe in unvollkommener Weise angedeutet.“

(Hermann Paul: Prinzipien der Sprachgeschichte 1880)

Der Terminus „Transkription“ (lat. transcribere – (hin)überschreiben, umschreiben, schriftlich übertragen)1 bezieht sich auf die Wiedergabe eines gesprochenen Diskurses in einem situativen Kontext mit Hilfe alphabetischer Schriftsätze und anderer, auf kommunikatives Verhalten verweisender Symbole.2 „Aufgrund der altbekannten Tatsache verba volant, scripta manent besteht die bleibende Verdauerung der flüchtigen Rede in ihrer schriftlichen Repräsentation.“3

Man kann den Übergang von der Oralität zur Literalität als einen entscheidendern Entwicklungsschritt in der Kulturgeschichte des Menschen betrachten, insofern als Erfahrungen, Wissen, Traditionen und auch Dichtungen nun raum- und zeitunabhängig konserviert und zur ständigen Verfügung gehalten werden konnten.4 Für die mit Sprache befasste Gesellschaftswissenschaft ist eine Theorie sozialen Handelns unter Einschluss sämtlicher hierfür nutzbarer Zeichensysteme der kommunikativen Kompetenz ein zentrales theoretisches und empirisches Anliegen.5 Transkriptionen sind die Voraussetzung jeglicher wissenschaftlicher Untersuchung mündlicher Kommunikationsprozesse. Sie stellen die auf dem Medium Papier fixierte bzw. heutzutage auch binär im PC dauerhaft gespeicherte Dokumentation gesprochener Sprache in ihren vielfachen Existenzformen dar. Unsere Alphabetschrift entspricht nicht – und noch weniger Bilder-, Wort- oder Silbenschriften – einer direkten Verschriftung der Kommunikation6 und Konversation. Vielmehr sind Verschriftungssysteme wie die Alphabetschriften – so auch das deutsche System – zwar in der Lage, mit einem kleinen Inventar graphischer Zeichen sämtliche Wörter der Sprache darzustellen, dennoch sind sie keine phonetischen Umschriften der Sprache, sondern phonemisch orientiert. Die gleichen Grapheme repräsentieren nicht immer den gleichen phonetischen Wert, es herrscht keine eindeutige Relation. Je nach Interesse am authentisch Geäußerten genügt diese Form der Transkription, z. B. bei starkem Interesse an der Inhaltsseite des Gesprochenen, etwa für Speicherung von Wissen oder als materielle Grundlage des Erinnerns. Auch für das Protokoll als Erinnerungsform des öffentlichen Rechts genügt die uneindeutige Repräsentation des Phonems durch das Graphem.

Will jedoch beispielsweise die naturimitierende Literatur evozierte Personen lebendig darstellen, kann eine starre und konventionalisierte Verschriftung die Lebendigkeit und den Farbklang der Stimmen nicht ausreichend wiedergeben. Jedoch ist die Stimme ist die Erkennungsmarke für den sozialen Status, die athmosphärische Stimmungslage und so für die unverwechselbare Identität einer Person.7 Autoren versuchten daher, durch graphische Abweichungen von der Standardorthographie das Geschriebene dem Gesprochenen anzunähern.

„Literarische Transkription“ oder „Literarische Umschrift“ nennt man diese graphische Wiedergabe mündlicher/umgangssprachlicher Stimmen. Frühe Beispiele solcher soziokultureller Vielstimmigkeit in der Literatur liefern etwa Gerhart Hauptmann oder auch Alfred Döblin. Auch in der wissenschaftlichen Praxis kommt es daher in der Anwendung meist zu Mischformen bei der Transkription: wissenschaftliche Transliteration, volkstümliche und mehr oder weniger wissenschaftliche phonetisch-orthographische Transkriptionen werden gemischt.

Sprechen als Ausdruck menschlicher Fähigkeit zum Gebrauch der Sprache ist Gegenstand wissenschaftlicher Forschung etwa auf den Gebieten der Psychologie, der Pädagogik, der Neurologie oder der Soziologie. Seit dem Beginn der modernen Gesprächsanalyse in den 60iger und 70iger Jahren ist die Transkription von Konversation in natürlichen Situationskontexten eine ihrer grundlegenden Voraussetzungen.8 Sowohl in der Linguistik selbst als auch in den anderen Disziplinen wurde bald deutlich, dass sprachliche Interaktion nicht hinreichend mit dem Standard-Schriftsystem erfasst werden kann, sondern ein eigenes Transkriptionssystem erfordern würde. Da es für die neuen Forschungsaufgaben keine bewährten Vorbilder und praktischen Richtlinien gab, wurden in den unterschiedlichen Forschungszusammenhängen jeweils eigene Transkriptionskonventionen entwickelt, die im Laufe der praktischen Arbeit verfeinert und immer besser auf die jeweiligen Forschungsziele zugeschnitten wurden. Vor diesem Hintergrund haben sich im deutschsprachigen Raum und anderswo eine ganze Reihe z. T. ähnlicher, aber im Detail doch unterschiedlicher Transkriptionsverfahren entwickelt.9

Für fundierte wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der gesprochenen Sprache benötigt man entsprechend normierte Aufzeichnungs- und Fixierungsverfahren. Empirische Untersuchungen von Konversation wurden durch die Entwicklung von Tonbandgeräten erst ermöglicht und ständig dadurch vereinfacht, dass die Geräte immer kleiner und portabel wurden. So können Gespräche reproduzierbar festgehalten werden, um sie so eingehend und so authentisch wie möglich zu analysieren. Im Bereich der Linguistik wird Sprache aus unterschiedlichen Intentionen transkribiert: zu phonologischen, phonetischen, dialektologischen oder diskursanalytischen Untersuchungen. Daher ist eine Transkription immer von den konkreten und sich gegebenenfalls verändernden Analyse- und Darstellungsinteressen abhängig.

In dieser Arbeit möchte ich mich neben den Systemen, bei denen die lautliche Authentizität im Vordergrund steht, im Schwerpunkt – auch mit Beispielen – jedoch mit den diskursanalytischen Verschriftungssystemen befassen. Dabei werde ich vorhandene Systeme skizzieren und versuchen, insbesondere die Entstehung und Anwendung des neuen und relativ frei gestaltbaren Systems der Gesprächsanalytischen Transkription (GAT) zu beleuchten.

1.2 Lautliche Phänomene gesprochener Sprache

Insbesondere bei Verschriftungen zum Zwecke der lautlichen Untersuchung gibt es Hindernisse in der allgemein menschlichen Aussprache, die eine Analyse von Sprachübertragungen erschweren. Mündliche Rede besteht aus Lautkombinationen, die sich als kontinuierliche Lautfolgen darstellen, nicht aus einzeln im Sprechapparat abgeschlossenen Lauten. Pausen im Sprechfluss sind nicht unbedingt an größeren Einheiten – etwa ganzen Wörtern – orientiert, sondern können auch mitten in ein Wort fallen. Dass beim Sprechen ein solches Lautkontinuum10 entsteht, zeigt sich auch darin, dass aufeinander folgende Laute nicht als diskrete Einheiten umgesetzt werden, sodass sie sich nicht physikalisch- akustisch – etwa beim Tonbandschnitt – exakt voneinander trennen lassen. Gerade diese Eigenschaften des Sprechens erschweren Versuche, Computern das Verstehen gesprochener Sprache „beizubringen“.11 Die konkrete phonetische Realisation eines Lauts wird aber nicht nur durch dessen Nachbarlaute mitbestimmt, sondern auch Unterschiede zwischen den Sprechorganen der unterschiedlichen Sprechenden. Alter, Geschlecht, Krankheit und Gemütszustand lassen die phonetische Umsetzung variieren, ebenso der lautgeographische Kontext, d. h. die durch regionale Sprachformen bedingte Ausprägung der artikulatorischen Realisierung.

Auch lautliche Eigenschaften, die weder direkt einem einzelnen Laut zugeordnet werden können, noch als selbständige Einheiten aus einem Lautkontinuum isoliert werden können, wie etwa die Quantität eines Vokals oder Konsonanten (‚lang’ oder ‚kurz’), die Tonhöhe, der Akzent, die gesetzten Junkturen und die Satzintonation müssen bei einer Transkription beachtet werden, sodass spätestens an diesem Punkt eine standardschriftliche Übertragung des Gesprochenen überfordert wäre. Diese sogenannten „prosodischen Merkmale“ können auch für diskursanalytische Verfahren von Bedeutung sein, da sie unter Umständen auf eine Veränderung der Gesprächssituation hinweisen können, wie zum Beispiel ein schneller Wechsel der Tonhöhe bei Erregung.

2. Transkriptionssysteme

2.1 Transkriptionssysteme für lautliche Authentizität

Bei den folgenden Transkriptionssystemen liegt das angestrebte Forschungsziel, auf das die untersuchten Reden hinführen oder zu dem sie beitragen, in der sprachlichen Dimension selbst. Es geht hier um sprachliche, genauer lautliche Phänomene ohne den situativen Kontext. Man könnte hier von einer Zweidimensionalität sprechen, da es ausschließlich um die Beziehung Sprecher – Gesprochenes geht, kaum um den situativen Rahmen. Entscheidend ist für das Transkribieren das Ergebnis lautlicher Authentizität. Die Anfänge der Linguistik liegen im Bereich der phonetischen Transkriptionen; der situative Kontext, der für die Forschungsrichtungen Soziologie oder auch Psychologie bedeutend ist, wurde später interessant, in Deutschland bezeichnete man diesen Wandel in den 70ern des 20. Jahrhunderts als „Pragmatische Wende“. Mehrdimensionale Systeme zur Diskursanalyse entwickeln sich dennoch nicht weg von lautlich orientierter Transkription. Vielmehr greifen solche Systeme auf vorhandene Transkriptionsweisen zurück und integrieren die erprobte Forschung, wie etwa bei der Übernahme der literarischen Transkription gut zu beweisen ist. Ich werde nun folgend drei lautlich orientierte Methoden vorstellen.

2.1.1 Literarische Transkription (LT)

Diese Form der Transliteration wird auch häufig als literarische Umschrift (LU) bezeichnet. Die bereits in der Einführung kurz vorgestellte Transkriptionsart ist gekennzeichnet durch orthographische Verdeutlichungen von Aussprachebesonderheiten, die vom Standard abweichen. Außer in der auf kommunikative Authentizität angewiesenen Literatur wurde sie zu wissenschaftlichen Zwecken bewusst in den fünfziger Jahren in der deutschen Dialektologie verwendet. Verbale Verschleifungen, phonetische Variationen und Apokopierungen sind entsprechend literarisch transkribiert. Eine radikale Variante der Literarischen Transkription ist der sog. „Augendialekt“12, der den Lautklang direkt und unkonventionell auch über Wortgrenzen hinweg wiedergibt, wie etwa in „faschste::ste“ für „verstehst du“ oder „sarick“ für „sage ich“. Der Augendialekt steht in der Kritik „to trivialize participants utterances by conjuring up pejorative stereotypes“13, und sei dazu noch weniger gut lesbar als die gewöhnliche orthographische Umschrift und dabei weniger präzise als die phonetische, verbinde also Nachteile beider Formen, anstatt sie aufzuheben.14

Es herrschen jedoch kaum Konventionen für diese Art der Transkription, obwohl nahezu alle Verfahren der Diskursanalyse sie als – gegebenenfalls modifizierten – Bestandteil übernommen haben.

[...]


1 Pertsch 1991: S.1206

2 Dittmar 2002: S.52

3 Ehlich nach Dittmar 2002: S. 50

4 Hengartner/Niederhauser 1993: S.60

5 Dittmar 2002: S.51

6 In der Literatur finden sich zwei Termini, die scheinbar auf denselben Inhalt verweisen: „Verschriftung“ und „Verschriftlichung“; ich konnte keinen Bedeutungsunterschied ausmachen. Ich bevorzuge in dieser Arbeit den Ausdruck „Verschriftung“ und werde ihn durchgängig benutzen.

7 Dittmar 2002: S.26

8 Schlobinski 2002: gat/index.htm

9 Schlobinski 2002: gat/index.htm

10 Hengartner/Niederhauser 1993: S.88

11 Hengartner/Niederhauser 1993: S.90

12 Sacks/Schegloff/Jefferson 1973: S.731

13 O’Connel/Kowal 1995: S.648

14 Klein/Schütte

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Transkriptionssysteme: Entstehung und Verwendung
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Sprachwissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar: Analyse geprochener Sprache - Möglichkeiten und Grenzen
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V10709
ISBN (eBook)
9783638170642
ISBN (Buch)
9783640676187
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inkl. dreiseitigem Handout. 765 KB
Schlagworte
Sprachanalyse Transkription Umschrift Verschriftung HIAT GAT Lautschrift Konversationsanalyse
Arbeit zitieren
Magistra Artium Katharina Kirsch (Autor), 2003, Transkriptionssysteme: Entstehung und Verwendung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10709

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