Weltbeherrschung als Zwangskonzeption: Weber und Habermas


Seminararbeit, 2002

29 Seiten, Note: gut


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Webers Handlungsbegriffe
2.1 Webers Handlungsbegriffe
2.2 Rationalisierung als von Ideen erzeugtes kollektives Interesse an Weltbeherrschung

3. Max Webers Protestantismusstudie: der asketische Protestantismus
3.1. Der Mensch als Werkzeug

4. Die Irreversibilität der Rationalisierung: Die Schraube des Kapitalis- mus
4.1. Vom religiösen Wert zur Sublimierung der einzelnen Lebenssphären
4.2. Die moderne Berufskultur und die Macht der Güterüber den Menschen: die Para- doxie der Rationalisierung

5. Die Versachlichung der Beziehungen bei Habermas
5.1 Der Dualismus System - Lebenswelt
5.1.1. Zum Begriff der Lebenswelt
5.1.2. Der Konflikt System - Lebenswelt
5.2. Symbolische und materielle Gratifikationen
5.3. Kommunikation und Zwecktätigkeit
5.4. System- und kommunikative Vernunft

6. Fremdbestimmung als Konzeption des Eingriffes in soziale Beziehun- gen
6.1. Fremdbestimmung bei Habermas
6.1.1. Zur Herleitung der Pathologien der Moderne
6.2. Fremdbestimmung bei Weber

7. Individualisierung als Verwahrlosung und Vereinsamung
7.1 Habermas: Individualisierung durch soziale Entfremdung
7.2 Individualisierung als Leidensweg bei Weber

8. Diskussion der zentralen Argumente und aktueller Bezug bei Habermas
8.1 Ausdrucksformen systemischer Zwänge und „ Befreiungsstrategien “
8.2 Kritik an Habermas: Neue Lebens- und Verständigungsformen unter Anwendung neuer (komplexer) Kommunikationsstrategien

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Rationalismus und Rationalisierung sind - im Alltag wie in der Wissenschaft - zwei vielfältig verwendete Begriffe. Sie unterliegen keiner einheitlichen und strukturierenden Begriffsbe- stimmung, und ihre Bezüge zur Realität sind hier wie dort von individuellen Werturteilen be- stimmt und bestimmbar. Mit dem Teilaspekt der religiösen Rationalisierung, wie er in der Pro- testantismusstudie von Max Weber behandelt wurde, möchte ich mich hier zunächst diskursiv auseinandersetzen. Dabei möchte ich aufzeigen, wie Weber trotz seiner mehrdeutigen und dif- ferenzierten Verwendung des Rationalitätsbegriffes, den Kern der Sache in seiner Protestan- tismusstudie entwickelt: die Beherrschung der Welt als das Leben bestimmende Suche nach Sinn liegt in diesem historisch gesehen umfassendsten Rationalisierungsprozess überhaupt, welcher den bürgerlichen Betriebskapitalismus im Okzident zur Folge hatte, begründet (vgl. Schluchter 2000, S. 113). Webers Rationalisierungsthese nimmt mithin in seiner Studie über die protestantische Ethik und dem „Geist“ des Kapitalismus Gestalt. Die Rationalisierung der Lebensführung wäre ohne diesen mentalen Teilaspekt der Entwicklung zur modernen bürger- lich-kapitalistischen Gesellschaft, nämlich des religiös geschaffenen psychologischen Antrie- bes, undenkbar gewesen. So bezeichnet die Ausrichtung der Lebensführung als Ganzes an ei- ner dem kapitalistischen „Geist“ entsprungenen Handlungsstruktur den Endzustand, welchen dieser Prozess der Rationalisierung hervorgerufen hat.

Dass der Aspekt der Weltbeherrschung sich in anderen Religionen und Kulturen nicht zu ei- nem solchen Zwang und einem solchen methodischen Lebensprinzip gedeihen konnte, liegt nicht allein also in den materiellen Voraussetzungen begründet- des Menschen Denkweise schlechthin, also die mentalen Antriebe zu einer rationalen Beherrschung der Wirklichkeit, haben sich eminent verändert und verstärkt. Ich möchte darstellen, wie die Rationalisierung der Lebensführung als einmaliges geschichtliches Phänomen auf ideeller Basis ihren Impetus schöpfte, und weshalb religiöse Ideen solche Wirkung entfalten konnten, welche auch nach dem Absterben der religiösen Werte weiterwirken konnten (Kap. 2 bis 4). Welche subjektiven Motivationen bewirken, dass sich die Schraube des Kapitalismus im Sinne Max Webers Gene- ration für Generation weiter dreht? Woher kommen die Triebkräfte, die nach stetigem Wandel der Gesellschaft auch in der Moderne noch das Verhältnis zur Arbeit und unser Handeln per se zu bestimmen vermochten?

Wenn sozialer Wandel hin zu einer neuen methodischen Rationalisierung des Lebens und sei- ner subjektiven Folgen diskutiert wird, interessieren schliesslich aber auch die inneren Bedin- gungen der Gesellschaftsmitglieder von heute: Kommt im geschichtlichen Überblick die men- tale Vermittlung dieses Zwanges zur Weltbeherrschung im weberschen Sinne1 sozial immer stärker zum Ausdruck? Eine Gegenüberstellung mit Jürgen Habermas‘ Theorie des kommuni- kativen Handelns offeriert hier weitere - auf der Dichotomie System - Lebenswelt beruhende - Anstösse für die Diskussion über die kommunikationshemmenden Zwänge des Kapitalismus (Kap. 5 bis 8). Als Diskussionspunkt soll in diesem Zusammenhang also die Ursache für die von Habermas angedeuteten neuen sozialen Pathologien der Moderne als Paradoxie der gesell- schaftlichen Rationalisierung behandelt werden (Kap. 6). Unter diese Thematik ordnet sich auch die von ihm problematisierte Akzeptanz von rechtlichen und bürokratischen Regelungen in Bereichen, wo einst zwischenmenschliche Konfliktlösungen durch Kommunikation die ge- meinschaftsorientierten interpersonalen Bedürfnisse des Individuums, also den Lebenswelt- Aspekt, integrierten.

2. Webers Handlungsbegriffe

Die begriffliche Soziologie Webers ist oft als zu uneinheitlich in seinen empirischen Werken eingebettet kritisiert worden - der Begriffsherleitung ist vor allem in den frühen Studien keine spezifische Aufmerksamkeit geschenkt worden (vgl. Bogner 1989, S. 102). Sie lassen sich von den empirischen Studien nicht als separate Werke lesen. Für das Verständnis möchte ich nun deshalb versuchen, zentrale und für Max Weber universell gültige begriffliche Unterscheidun- gen im Vornherein zu machen.

Wenn ein Handeln ein Motiv hat, so ist es bei Weber „sinnhaft“ (Kippele 1998, S. 109) - es ist bewusst ausgeführt. Ein sinnvolles Handeln ist so ein bewusst rational gestaltetes Tun mit einem bestimmten Ziel. Das Interesse daran, dieses Ziel zu erreichen, ist eben das Motiv. Motive nennt Weber die sogenannten „Wertinteressen“. Wenn wir aus Wertinteressen heraus handeln, versuchen wir, die bis dahin ausserwirklichen Werte zu verwirklichen, aber nur jene, zu denen wir sinnhaft in Beziehung stehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Solches sinnvolles Handeln ist also bewusst rational. Dabei gibt es nun aber verschiedene Rationalitätsstufen: sie reichen vom traditionalen über das affektuelle und das wertrationale bis hin zum zweckrationalen Handeln. Eines ist all den Handlungsarten gemeinsam: es ist stets Sinn mit ihnen verknüpft - sonst wäre es kein Handeln, sondern lediglich Verhalten, welches ohne Bewusstsein des Akteurs ausgeführt würde.

Die vier Handlungsarten unterscheiden sich nun in ihrer Rationalität, indem der Akteur bei ihrem Vollzug jeweils die Bedingungen reflektieren und die Konsequenzen abschätzen kann. Je bewusster ein Akteur eine Handlung ausführt, desto rationaler die Handlung. Rational han- deln heisst somit in diesem Falle: handeln, so dass es sich im Verhältnis zu den Motiven als vernunftmässig erweist, und wenn die Mittel zur Erreichung des Zweckes adäquat sind und deshalb auch besonders evident (vgl. Kippele 1998, S. 109).

2.1 Webers vier Handlungstypen

Weber verwendet wie gesagt die vier Handlungstypen des zweckrationalen, wertrationalen, affektuellen und traditionalen Handelns. Dabei kann man eine Hierarchisierung hinsichtlich der Rationalität insofern wagen, indem sein Kriterium der Rationalität der subjektiv verknüpfte Sinn, oder das Bewusstsein um den Sinn der Handlung ist. Als reinen Typen der Rationalität sieht er unter diesen Prämissen somit das zweckrationale Handeln:

- Zweckrationales Handeln: Unter Berücksichtigung sowohl des Zwecks und des Wertes einer Handlung, aber auch der Mittel, wird eine Handlung vollzogen. Sie ist rein utilitaristi- schen Charakters. Die Nebenfolgen werden dabei auch berücksichtigt. Somit wird bei rein zweckrationalem Handeln diejenige Handlung vollzogen mit dem unmittelbar höchsten Re- sultat, also der höchsten voraussehbaren Belohnung für das Individuum, und den vorteil- haftesten Nebenfolgen.

- Wertrationales Handeln: Diese Form der Handlung ist nicht aus unmittelbaren Zwecken heraus motiviert. Der Wert an sich, den das Individuum als Interesse in die Handlungssitua- tion bringt, gilt als Motiv. Es muss dabei kein unmittelbares Produkt für das Wohl des In- dividuums selbst aus der Handlung resultieren.

Der Wert ist dabei als eine Art von Wert zu betrachten, wie ihn eine religiöse Gesinnung repräsentiert, also eine Art Konstante, auf die Bezug genommen wird. Erst in einem zwei- ten Schritt werden dann - im Gegensatz zum zweckrationalen Handeln - Zweck und Mittel abgeleitet. Die Nebenfolgen, oder Konsequenzen (Produkte), sind dabei unwichtig. Erst bei der Kombination von wertrationaler Handlungsorientierung (Ursache) mit zweckrationalen Gesichtspunkten ist eine rein zweckrationale Handlung die eigentlich angestrebte Wirkung des Handelnden (dieser Aspekt ist genau mit dem Wertaspekt der religiösen Gesinnung be- zeichnet, wie sie die protestantische Ethik dogmatisch fordert). Eine Aufzählung der Hand- lungstypen wären aber nicht komplett, würde man nicht auch die beiden am wenigsten dem Rationalitätmotiv entsprungenen Handlungsformen berücksichtigen.

- Affektuelles / Traditionales Handeln: Das Individuum handelt bei ersterem aus Gefühls- überladung heraus, bei letzterem greift der Akteur unbewusst auf einen übermittelten Wert zurück. Ein Ziel, oder ein Zweck, ist nicht unmittelbar erkennbar für den Akteur. In den gemeinschaftlichen Beziehungen - im Gegensatz zu den gesellschaftlichen - kommen das affektuelle wie das traditionale Handeln stark zum Tragen. In der Entwicklung zur Rationalisierung sind diese beiden letzten Handlungstypen von kleinem Stellenwert, weil sie verinnerlichten und überlieferten Handlungsstimuli entspringen.

Ich möchte aufzeigen anhand der Handlungsbegriffe, wie sich nun religiöse Ideen in allgemein anerkannte und praktisch umgesetzte Interessen verwandeln können, weshalb also eine religiöse Ethik der Lebensführung einst noch nicht in diesem Masse zweckrationalen Handlungsorientierungen auslösen konnte. Vom religiös distanzierten Zustand der modernen Menschen ausgehend, fragt sich weiter, wie sich die rationalen Handlungsorientierungen letztlich nach der religiös unterstützten „Weltbeherrschung“ des asketischen Protestantismus aus Webers Sicht „verselbständigen“ und verstärken konnten.

2.2 Rationalisierung als von Ideen erzeugtes kollektives Interesse an Weltbeherrschung

Weber versuchte, die zweckrationale Berufs- und Lebensgestaltung in der Moderne geschichtlich zurückzuverfolgen auf seine ideellen Ursachen hin. Das Ziel der Studie war also, den Zusammenhang zwischen sittlicher Lebensführung, Kapitalismus, und den geistigen Vorgaben der reformatorischen Kirche aufzuzeigen.

Wesentliches Kriterium bei der Schaffung verschiedener Messlatten für Rationalität in den Lebenssphären ist, dass sie aus Ideen zustande kommen, welche sich innerhalb einer sich aus- weitenden Gruppe von Menschen verbreiten. Falls die Ideen genügend für zeitgenössische Begriffe „irrationale“ Interessen auszubilden vermögen, werden soziale Bewegungen von die- sen vorher noch nicht institutionalisierten (und daher auch nicht als rational erachteten) Interes- sen letztlich getragen. Diese Ideen steuerten bei dem hier behandelten geschichtlichen Phäno- men die in die bestehenden religiösen Dogmen eingreifenden „Virtuosen“ bei. Ein Virtuose ist ein Mensch, welcher seine Kunst mit vollendeter Meisterschaft beherrscht. In diesem Sinne versuchten Intellektuelle durch die Intellektualisierung der Religion, durch die Schaffung neuer religiöser Motive, ein neues Weltverhältnis der auf rational-kalkulierendem Denken basieren- den Weltbeherrschung zu erzeugen. Diese Perspektive - welche auch Schluchter (Schluchter 1979; 2000) vertritt - versteht die religiöse Ethik als immer mehr sich den Eigengesetzlichkei- ten der Welt anpassend. Für Weber ist in dieser Interpretation klar, dass es nur genau diese reformatorische Kombination von dogmatischen Glaubensinhalten in der Gesellschaft ermög- lichte, das Weltbild auf Weltbeherrschung hin ausrichten zu können. Die Ethik des Protestan- tismus basierte also zunächst auf Ideen. Damit aber musste diese Ethik noch grossflächig Inte- ressen erzeugen, die den sozialen Wandel dann letztlich tragen konnten, oder in anderen Wor- ten: die die Merkmalskombinationen der protestantischen Gesinnung auf das tägliche Leben übertragen konnten.

Für Weber sind die religiösen Enthusiasten als Träger der Kulturentwicklung des Entzaube- rungs- und Rationalisierungsprozesses zentral. Diese Virtuosität griff jedoch auf die Massen über, und schaffte letztlich die Bedingungen für die ungewollten Folgen, d.h. für die Säkulari- sierung und den Durchbruch zur Moderne (vgl. Seyfarth 1981, S. 190). Die Weltsicht der Weltbeherrschung in der Religion und deren Ethik der rational gestalteten systematischen Le- bensführung griff in einer hochreligiösen Zeit, zwischen dem 16. und dem 17. Jahrhundert, in protestantischen Ländern auf alle Lebensbereiche über. Diese Ethik als Antrieb zur Systemati- sierung entwickelte sich als moderner Kapitalismus schliesslich zur umfassendsten Rationali sierung überhaupt in allen Bereichen des Lebens.

Nach Weber flossen zwar damals v erschiedene Faktoren so zusammen, dass sie hohe Prämien (Werte) auf methodische rationale Lebensführung setzten. Der vermeintlich wichtigste Faktor war aber in dieser sehr religiösen Zeit die in Ideen fundierte religiöse Bewegung der protestan- tischen Denominationen und Sekten, die durch die Verbreitung der Gnadenwahllehre ein Inte- resse an der Güterakkumulation und - in geradezu irrationaler Weise - der Beherrschung der Wirklichkeit entstehen liessen.

3. Max Webers Protestantismusstudie: der asketische Protestantismus

Innerhalb der Texte der übermittelten Glaubensinhalte durch die Religion entdeckt Weber vor allem einen grossen Wandel in der religiös fundierten Berufsethik, welche vor den protestantischen Bewegungen so noch nicht existiert hatte: Schon Luther hatte im Gegensatz zum Katholizismus die weltliche Berufsarbeit als gottgefällig interpretiert. Jedoch legte er kein besonderes Gewicht auf die jeweilige Art des Berufes, obwohl er als göttlich bestimmte Fügung galt. Wichtig war, dass man erwerbstätig war.

Erst mit dem Protestantismus wurde die Lehre verbreitet, dass die berufliche Leistung als Gott gerichtetes irdisches Handeln gelte, und dass der möglichst effektive Dienst an der rationalen Gestaltung der Welt - in anderen Worten: deren Instrumentalisierung und Unterordnung durch rationale Berechnung und Arbeitswillen - Gottes Ruhm mehren werde. Die Arbeit war gottgewollt und förderte Gottes Ruhm (Weber 1988, S. 100f.).

Dieser Calvinismus war einer der Träger des sogenannten asketischen Protestantismus. Weitere asketisch gerichteten religiösen Bewegungen waren der Pietismus, der Methodismus (beide angelsächsischer Raum), und die täuferischen Bewegungen und Sekten (Weber 1988, S. 84). Ich werde mich im folgenden, bei der Behandlung der religiösen Grundlagen der innerweltli- chen Askese, und der psychologischen Antriebe welche zur Rationalisierung der Gesellschaft führten, auf den Calvinismus und auf seine Lehre konzentrieren. Dessen sittlich strenge Le- bensführung ist in dogmatischer Hinsicht charakteristisch für alle protestantischen asketischen Richtungen. Es sind zwei Merkmale, die die verschiedenen Strömungen des asketischen Pro- testantismus bei aller Unterschiedlichkeit ihrer dogmatischen Auffassungen und ihres organisa- torischen Aufbaus miteinander verbinden: ihr Heilspartikularismus einerseits, und ihre Entwer- tung aller äusserlich-sakramentalen Heilsgüter (also der Sakramentsgnade) andererseits.

Die wohl am stärksten von Luther und dem Katholizismus abweichenden dogmatischen As- pekte des Calvinismus selber sind a) die Gnadenwahllehre, b) die Verwerfung aller mystischen und spirituellen Gnadenmittel (Sakramentsgnade), als auch c) dessen sittlich strenge Berufs- ethik.

In Bezug auf die letzten beiden Punkte kann bei Schluchter (1979, S. 246) der starke Virtuo- sencharakter dieser neuen Lebensführung gesehen werden. Er beschreibt in einer Gegenüberstellung mit dem Fehlen eines Zwangscharakters in der institutionalisierten stellung mit dem Fehlen eines Zwangscharakters in der institutionalisierten christlich- katholischen Idee der Sündenvergebung, verleiht durch „amtscharismatische“ Personen, der Priester, jenen katholischen Lebenswandel als vergleichsweise erträgliches religiöses Leben ein Leben, welches nach Weber in einem „echt menschlichen Auf und Ab zwischen Sünde, Reue, Busse, Entlastung“ und neuer Sünde bestand (Weber zitiert in: Schluchter 1979, S. 246):

„Die mittelalterliche katholische Kirche mediatisiert also in Webers Augen das [...] Verhältnis zwi- schen dem überweltlichen Schöpfergott und den Menschen mit Hilfe des von Priestern verwalteten Sakramentswunders. Es dient als Ausgleichsmittel, das gerade dem religiös Nichtqualifizierten zur Verfügung steht. Es schafft ihm, sofern er nur seine Sünden bereut, Busse tut, zeitliche Strafen auf sich nimmt und einzelne gute Werke vollbringt, Entlastung, Entlastung vor allem von der Sorge um sein Seelenheil und um seinen Gnadenstand. Zwar will auch er, wie der religiöse Virtuose, seiner Beziehung zum Ewigen gewiss werden, zwar bangt auch er, wie dieser, um den Gnadenstand. Doch vermag ihm die Kirche immer wieder die Gewissheit der Vergebung zu spenden.“ (Schluchter 1979, S. 246; eigene Hervorhebung).

Im asketischen Protestantismus war der Mensch selber das Mittel, welches Gott einen Dienst erweisen konnte, er ersuchte also nicht durch spirituelle oder mystische Busssakramente den Gott um Vergebung. Der Protestant - im obigen Zitat als religiöser Virtuose bezeichnet - konn- te den harten Schöpfergott des Protestantismus nicht besänftigen, sondern musste sich als im Beruf zu bestätigendes Mittel, um sich seiner Gnade gewiss zu werden, verstehen. Er hatte also dem Gotte in stetigem beruflichen Wandel und in Erwerb zu dienen. Der asketische Protestant musste sich so der ehrlichen Berufsarbeit widmen, wie dies in keinem religiösen Dogma je zuvor der Fall gewesen war. In diesem intellektuellen Sinne gedeutet, entspricht nach Weber die Stufe der Rationalisierung der Religion dem Grad der Abstreifung der Magie oder mysti- schen Gnadenmittel (Schluchter 2000, S. 110ff.).

3.1 Der Mensch als Werkzeug

Die Gnadenwahllehre oder Prädestionationslehre bei Calvin sah vor, dass die Frage nach der eigenen Seligkeit nicht gelöst werden könne. Gott hatte den asketischen Calvinisten schon „prädestiniert“, also schon auserlesen, und er konnte seine Gnade nicht wie beim Katholizismus quasi „erkaufen“ durch einzelne Gute Werke oder Beichte.

Der Mensch konnte aber durch rastlose Berufsarbeit seine Aufgabe als Werkzeug Gottes mehr oder weniger gut erfüllen - sein Leben also methodisch „rationalisieren“. So meinte man, dass der Glaube an Gott in der Art des einzelnen Lebensführung erkennbar wurde. Um Selbstge- wissheit zu erlangen, wurde also die rastlose Berufsarbeit eingeschärft. Wer es mied, Gottes Ruhm durch rationale Berufsarbeit zu mehren, an dem meinte man unzulängliche Gnade von Gott zu erkennen.

„Sie [die protestantische Askese] vertiefte nicht nur diesen Gesichtspunkt aufs mächtigste, sondern sie erschuf jener Norm das, worauf es ja schliesslich doch für deren Wirkung allein ankam: den psy- chologischen Antrieb durch die Auffassung dieser Arbeit als Beruf, als vorzüglichsten, ja letztlich oft als einzigen Mittels, des Gnadenstandes sicher zu werden“ (Weber 1988, S. 200).

Obwohl also das Leben auf ein transzendentales Ziel hin ausgerichtet war, war es in seinem diesseitigen Verlauf durchweg rationalisiert und beherrscht von dem Gesichtspunkt, Gottes Ruhm auf Erden zu mehren. Somit war das Leben des Calvinisten rationalisiert hinsichtlich dem innerweltlichen Schaffen. Das asketische Mittel des Calvinismus, und der anderen aske- tisch-protestantischen Denominationen, war die Berufsarbeit und der berufliche Wandel.

4. Die Irreversibilität der Rationalisierung: Die Schraube des Kapitalismus

Rationalisierung ist nun für Weber nach dem Ableben der sinnstiftenden Religion das Los des modernen Menschen, und die erreichte Stufe stellte für Weber etwas dar, was nicht einfach wieder rückgängig gemacht werden kann (vgl. Bogner 1989, S. 93).

Das Verständnis von Webers Zweckrationalitätsbegriff führt uns zur Kernproblematik der We- berschen Rationalisierungstheorie. Aber die Ausdeutung der Zweckrationalität allein reicht nicht aus, um die volle Breite dessen zu verstehen, was Weber meint, wenn er von „Rationali- sierung“ spricht (Bogner 1989, S. 100). Ich möchte mich im folgenden vor allem darauf kon- zentrieren, unter integrativer Verwendung seiner Handlungs- und Rationalitätsbegriffe, Webers kritische Analyse der Rationalisierung als unaufhaltsames Schicksal des modernen Menschen zu umreissen. Weshalb sind die Strukturen, in die wir hineingeboren werden, praktisch unent- rinnbar und unzerbrechlich, oder in anderen Worten: in welchem Sinne empfindet Weber die Resultate des Rationalisierungsprozesses, welcher sich als Handlungsrahmen materialisieren konnte, als Zwang? Die oben umrissenen Handlungstypen können bei dieser Fragestellung in Webers Terminologie zum Verständnis seiner Werke hilfreiche Begriffskomplexe dienen.

Die Rationalisierung als Produkt der religiös-enthusiastischen Zeit hat natürlich keine klare, eindeutig neue Handlungsform an sich hervorgebracht. Vielmehr war ihr Verdienst, eine Handlungsorientierung als klar dominante für die Gesellschaftsmitglieder zur Norm werden zu lassen: das zweckrationale Handeln.

Um aber den ganzen Bedeutungsumfang der Rationalisierung kurz zu erläutern, sind unten in Anlehnung an Hartmann Tyrell die von Bogner erwähnten fünf wichtigsten weberschen Bedeutungskategorien und von „Rationalisierung“ aufgezeigt (Bogner 1989, S. 100-101):

1. Rationalität des Handelns (welches dominant zweckrational ist): im Sinne von dessen for- cierter intellektualisierter Bewusstheit.
2. Rationalität der sozialen Beziehungen: im Sinne von Vergesellschaftung. In Abgrenzung zum Vergemeinschaftungs- Aspekt von sozialen Beziehungen bezieht sich der Vergesell- schaftungs- Aspekt auf rational motivierten (wert- oder zweckrationalen) Interessenaus- gleich oder auf ebenso motivierte Interessenverbindung. Eine rein zweckrationale Verge- sellschaftung herrscht dann vor, wenn Gesellschaftsmitglieder sich zum Zwecke des frei vereinbarten Tauschs zusammenfinden, oder beim Zweckverein (Aktiengesellschaft bspw.). Eine rein wertrationale Interessenverbindung oder Vergesellschaftung wäre der Gesin- nungsverein (bspw. eine rationale Sekte) (vgl. Kippele 1998, S. 114f.). Soziale Beziehungen beinhalten aber in der Realität immer einen vergesellschafteten und einen vergemeinschafteten Teil. Vergemeinschaftung liegt dann vor, wenn die gegenseitige Einstellung auf subjektiv gefühlter Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht. Bei Weber wäre dann die vergemeinschaftete Beziehung unter die Aspekte des affektuellen oder tradi- tionalen sozialen Handelns zu ordnen.
3. Rationalisierung als „Entzauberung der Welt“ im Sinne der „Verwissenschaftlichung des Weltbildes“ und der technischen Weltbeherrschung.
4. Rationalisierung als „Entzauberung der Welt“ im Sinne der „Entstereotypisierung“, d.h. der „Emanzipation von einem magisch garantierten Traditionalismus“.
5. Rationalität im Sinne der strikten, nutzenmaximierenden „Konsequenz“ und Rationalisie- rung als „Systematisierung“ institutioneller Einrichtungen, aber auch der Handlungsorientie- rungen.

Diese Übersicht über die verschiedenen Verstehens- und Verwendungsweisen von Rationalität resp. Rationalisierung gibt meines Erachtens einen Einblick in den Kerngehalt des Rationali- tätsbegriffes bei Weber. Rationalität definiert sich dadurch, das etwas einen Zweck hat. Wel- ches galt also unter Betrachtung der obigen fünf Punkte nach dem Einzug der Rationalisierung als zweckmässig? Versucht man, die oben aufgeführten Bedeutungen durch eine implizierte Gemeinsamkeit zu beschreiben, so haben alle oben umrissenen Dimensionen der weberschen Rationalisierungsproblematik die Beherrschung der Wirklichkeit sowohl materiell als auch subjektiv motiviert als Endziel oder laufen unzweideutig, wenn auch subjektiv nicht vom Indi- viduum unmittelbar verfolgt, darauf hinaus.

Die kapitalistische Modernisierung ist vor diesem Hintergrund also als Vorgang vereinseitigter Rationalisierung, nämlich Rationalisierung im Sinne der Unterordnung unter die Aspekte der Beherrschung und der Konkurrenzsteigerung, zu verstehen. Die Religion wurde in diesem Prozess ihrer magischen Kraft entkleidet und verwandelte sich in eine Ethik der Lebensführung. Und da die protestantische Ethik ja schon das Mönchsdasein in seinem asketischen Spar- und Arbeitszwang wie keine andere Religion oder Ethik verkörperte, ist der individuell angestrebte Grad der auf legalem Erwerb basierenden Weltbeherrschung im asketischen Protestantismus nur schon an seiner Ethik gemessen, einmalig.

Die eine grundlegende Gemeinsamkeit, welche also in Webers verschiedenen Begriffsvarianten für Rationalität hindurchschimmert, ist die Bedingung der Entwicklung von kognitiven Prozessen, die auf eine bewusste Beherrschung der Wirklichkeit abzielen. Das gemeinsame Ziel, das in all Webers Rationalitätsbegriffen also zentral ist, ist die Beherrschung der Wirklichkeit (Bogner 1989, S. 102).

4.1 Vom religiösen Wert zur Sublimierung der einzelnen Lebenssphären

Weber versucht, darzustellen, wie der asketische Protestantismus eine durch Virtuosen ge- schaffene Ethik propagiert, wobei diese letztlich die totale Unterordnung der wichtigsten Le- bensordnungen unter die religiöse fordert. Was zählte, war allein der göttliche Auftrag. Dem hatte sich die Welt - in anderen Worten: die Wirklichkeit, die es nun zu beherrschen galt - zu fügen. Sie wurde also entzaubert und entmystifiziert: sie war gleichsam Mittel zum religiösen Zweck. Als Entzauberung ist dann der Sachverhalt zu verstehen, dass die Welt angesichts des göttlichen Gebotes jeden Eigenwert verliert und damit dann schlicht zum Material des vom religiösen Virtuosen exekutierten göttlichen Willens wird (Schluchter 1979, S. 250).

Weber greift diesen Aspekt der Weltbeherrschung, der dem modernen Menschen in die Wiege gelegt wird, exemplarisch wieder auf in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“, in dem er auf die Tatsache hinweist, dass Spezialisierung in der Wissenschaft wie auch in anderen Sphä- ren der Gesellschaft für den Berufsmenschen subjektiv unumgänglich wie auch normativ stark geladen ist. Er fragt jedoch daraufhin provokativ danach, ob der „Fortschritt“, dem die Wissen- schaft wie keine andere Sphäre sich unterzuordnen scheine, als solcher einen erkennbaren, über das Technische hinausreichenden Sinn habe, „so dass der Dienst an ihm ein sinnvoller Beruf würde?“ (Weber 1992, S. 88). Aber die Frage des Sinnes sei nicht eine Frage, die sich nur für die eigene Berufssphäre stelle, sondern: „Welches ist der Beruf der Wissenschaft innerhalb des Gesamtlebens der Menschheit? Und welches ihr Wert?“ (ebd.). Und genau da setzt seine Rati- onalitätstheorie an, welche das Gegenwirken gegen den Sinnverlust durch Beherrschung der Gesetze innerhalb einer jeden Sphäre, und Optimierung der Handlungen mittels dieser Gesetze, als Folge des Verlustes der religiösen Gesinnung deutet. Die durch omnipräsenten Zwang ge- prägte Leidenschaft, welche früher ein religiöser Fanatiker für seine Gottestaten empfand, wird heute in spezialisierter Form innerhalb der einzelnen Sphären erlebt und exekutiert: So ist der Betrieb der Wissenschaft in ein Stadium der Spezialisierung getreten, indem Menschen ihr Dasein dieser ganzheitlich unterordnen. Mit der wertsteigernden Rationalisierung, hier im Kontext der Sphäre der Wissenschaft gedeutet, ist die zentrale Variable im Leben des moder- nen Menschen überhaupt beschrieben, vor allem des Unternehmertyps in der Moderne. Die von Generation zu Generation weiter vermittelte und in der Sozialisation erlebte Anforderung der wertsteigernden Rationalisierung, das heisst der Beherrschung von spezialisierten Handlungen durch das Subjekt, welche den Umständen entsprechend den Zweck der eigenen Handlungs- sphäre optimal auszuführen versteht, verleiht der Existenz letztlich den Sinn- dieser Sinn wird in der Wissenschaft mit Erkenntnisgewinn gleichgesetzt, in anderen Sphären wiederum hat er andere Qualität. Beispielsweise finden wir in der Sphäre der Kunst Sinn in Form von Ästhetik. Aber stets wird Sinn bei Weber mit einem „vererbten“ Bewusstsein für Fortschritt, für Steige- rung, für Verbesserung - kurz: für Beherrschung der Wirklichkeit nach säkularen Wertmasstä- ben, begrifflich gleichgesetzt (ausser natürlich in der Sphäre der Religion selber). Durch eben- diese Metapher der Weltbeherrschung gelingt Weber auch der wissenschaftliche Quanten- sprung, den subjektiven Zwang der Zweckrationalität als historisch einmalige Funktion der Rationalisierung des Abendlandes nach dem Zerfall des religiösen Weltbildes zu beschreiben.

Durch die Säkularisierung und den Zerfall des religiösen Weltbildes ist der moderne Mensch der Gewissheit ausgesetzt, dass weder religiöse noch magische Mittel mehr Sinn zu stiften vermögen. Wir sind mit dem Wissen belastet, „dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, [...], dass man vielmehr alle Dinge - im Prinzip - durch Berechnung beherrschen könne“ (Weber zitiert in: Bogner 1989, S. 103). Wieso nun aber ist diese Ökonomisierung der Lebensführung zum Zwang geworden?

4.2 Die moderne Berufskultur und die Macht der Güterüber den Menschen: die Paradoxie der Rationalisierung

Mit Ökonomisierung ist die Entwicklung angesprochen, welche sich dadurch beschreiben lässt, dass es eben zwischen dem 16. Und 18. Jahrhundert in Europa erstmals zu einer solch struktur- bildenden „Institutionalisierung zweckrationalen Handelns“ gekommen ist: diese setzte sich durch in kapitalistischer Wirtschaft und Staat: Unternehmer, Arbeiter und Angestellte sind seither innerhalb dieser Strukturen zu zweckrationalem Handeln nunmehr verpflichtet (vgl. Habermas 1981 Bd.1, S. 299ff.). Indem die religiöse Gesinnungsethik des asketischen Protes- tantismus als motivierende Kraft gewirkt hat, sind die modernen Bewusstseinsstrukturen ent- standen, die Weber als kapitalistischen „Geist“ bezeichnet. Davon ist dann die moderne Be- rufskultur Abkömmling: nachdem Gläubige versucht hatten, die Alltagspraxis ihrer Systemlo- sigkeit zu entheben, ist durch die „methodische“ Lebensführung nach Weber die berufliche Sphäre versachlicht worden. Das Verhängnisvolle an der Askese, derer wir heute in der Mo- derne Opfer seien, ist nach Weber: dass äussere Güter die Macht über die Menschen gewonnen haben. Weber bringt diesen Sachverhalt wertend auf den Punkt: für die letzten Menschen die- ser Kulturentwicklung könnte das Wort noch zur Wahrheit werden, „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz“ zu sein. „Dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher er- reichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben" (Weber 1988, S. 204). Er sieht in der rati- onalen Gestaltung des Daseins unter der Wirkung der ökonomischen Interessen in Wirklichkeit also nicht einen Gewinn an eigenem Handlungsraum, sondern ehr eine Zunahme an vermittel- tem Zwang, auf (zweck-)rationalen Entscheidungen basierend handeln zu müssen und nicht anders. Es geht ihm somit darum, in dieser Zwangskonzeption der Berufs- und letztlich Le- bensethik den Aspekt des Freiheits- und Sinnverlustes transparent zu machen, indem er das Paradox des sinnverleihenden „Nichts“ formuliert.

Nicht aber bloss die Versachlichung der Einstellung zum Beruf findet in Webers Werk gründ- liche Thematisierung, sondern es wird auch die Versachlichung interpersonaler Beziehungen problematisiert. Er sieht den Menschen isoliert um Erfolg ringen im modernen Kapitalismus. Der Individualismus des kapitalistischen Menschen wird als Tortur, und sein Leben als in sich widersprüchliches Unterfangen dargestellt. Der vom Menschen geschaffene Besitz wird nun in der Moderne zum Gefängnis für ihn. Diese Konzeption deutet darauf hin, dass zu den Irrationa- litäten des Lebens die Vereinsamung des Individuums durch dessen rein zweckrational orien- tierte Verbindung zu Menschen ist. In der Ethik des asketischen Protestantismus war die Be- ziehung des Einzelnen zu Gott über die Beziehung zu den Menschen gestellt. Weber argumentiert dabei gegenaufklärerisch, indem er sagte dass der Mensch seine Rationali- tät (die ihm innewohnt) nicht unmittelbar an der Wirklichkeit betätigt und gewinnt. Er ordnete in der Zeit des Protestantismus seine prinzipiell vernünftigen Interessen (auch Weber ging in seiner Soziologie vom Homo oeconomicus aus) weniger der Äusserlich-praktischen Bewälti- gung der Tatsachen unter, als vielmehr der religiösen Rationalisierung und ihrer Eigenlogik. Religiöse Ideen bedingen also den „kapitalistischen Geist“, und die moderne Berufsethik, durch deren Ethik der Weltbeherrschung. Dabei wird deutlich, dass es Webers Anliegen war, aufzuzeigen, dass der Kapitalismus als Wirtschaftsform eben einen adäquaten ethischen Le- bensstil nicht bloss von sich heraus zu erzeugen vermochte, sondern dass eben innere Bedin- gungen ihre eigene (immaterielle) Geschichte haben (Schluchter 1979, S. 211). Der Reformati- onszeit gelang es letztlich, durch Umbildung der Berufsauffassung im Sinne einer rationalen ökonomischen Lebensmethodik für die ethische Entwicklung der okzidentalen Moderne kon- stitutive Bedeutung zu gewinnen. Es ist das Fehlen jener Wirtschaftsmentalität, jener besonde- ren Persönlichkeitsstruktur, des „kapitalistischen Geistes“, die den historischen Ausgangspunkt bilden, und für den dannzumal gemächlichen Gang der Verhältnisse verantwortlich gemacht werden.

„Die Frage nach den Triebkräften der Expansion des modernen Kapitalismus ist nicht in erster Linie eine Frage nach der Herkunft der kapitalistisch verwertbaren Geldvorräte, sondern vor allem nach der Entwicklung des kapitalistischen Geistes. Wo er auflebt und sich auszuwirken vermag, v e r s c h a f f t er sich die Geldvorräte als Mittel seines Wirkens, nicht aber umgekehrt“ (Weber 1988, S. 53).

Denn:

„Die Idylle brach unter dem beginnenden erbitterten Konkurrenzkampf zusammen, ansehnliche Vermögen wurden gewonnen und nicht auf Zinsen gelegt, sondern immer wieder im Geschäft inves- tiert, die alte behäbige und behagliche Lebenshaltung wich harter Nüchternheit, bei denen, die mit- machten und hochkamen, weil sie nicht verbrauchen,sondern erwerben w o l l t e n, bei denen, die bei der alten (traditionalistischen) Art blieben, weil sie sich einschränken m u s s t e n“ (Weber 1988, S. 52).

So hat in Webers Augen die protestantische Ethik den nachfolgenden Epochen ein pharisäisch gutes Gewissen beim legalen Gelderwerb verliehen (Schluchter 1979, S. 210; Weber 1988, S. 198). Der „Geist“ stand am Anfang dieser Entwicklung, aber seine Studie hat bekannterweise erst Tatsache und Art seiner Einwirkung in spiritualistischer Hinsicht auf seine Motive zurück- zuführen versucht (Weber 1988, S. 205). Für Weber haben daneben aber auch Kultur bedin- gungen, insbesondere jene der ökonomischen, ihren Teil dazu beigetragen, die Entfaltung des „Geistes“ in diesem Ausmasse zu unterstützen. Ideen entstehen schliesslich nicht unabhängig von den sie schon bedingenden, vorhandenen Interessen. Ohne religiöse Hilfe wäre jedoch kei- ne zweckrationale Erwerbs- und Konsumorientierung in einer solchen, religiös bestimmten Epoche entstanden. Schluchter drückt diese Bedingtheit in Webers soziologischen Grundbeg- riffen aus: „Die Zweckrationalität rational-kapitalistischen Handelns gründete ursprünglich in religiöser Wertrationalität“ (Schluchter 2000, S. 116).

5. Die Versachlichung der Beziehungen bei Habermas

5.1 Der Dualismus System - Lebenswelt

Jürgen Habermas hat diese Versachlichung der Beziehungen und den methodischen Charakter der Lebensführungen unter dem Dualismus Sozialintegration - Systemintegration in seiner Theorie des kommunikativen Handelns betrachtet (Habermas 1981). Soziale Handlungen bei Habermas lassen sich unterscheiden nach erfolgs- und verständigungsorientierter Einstellung der Beteiligten (vgl. Kap. 5.4). Er legt als Basis seines gesellschaftskritisch angelegten Dualismus zunächst eine Analyse der Entwicklung der Lebenswelt, um deren Erhaltung es ihm letztlich in normativer Hinsicht auch geht.

5.1.1 Zum Begriff der Lebenswelt

Die Lebenswelt strebt danach, Wissen nach einer vernünftigen Gestaltung der Lebensverhält- nisse zu nützen. Sie versteht sich als kultureller Erfahrungsschatz, als individuell gemachte Erfahrung mit Menschen und der daraus resultierenden symbolischen Bedeutungswelt. Sie baut sich aus diffusen, unproblematischen Überzeugungen auf, die den Kommunikationsteilneh- mern als gemeinsamer Hintergrund ihrer sprachlichen Verständigung dient. Auf diese Über- zeugungen, oder auch Kenntnisse, müssen die Kommunikationsteilnehmer sich beziehen, weil sie für eine gelungene Kommunikation immer den Rahmen bilden. Somit kann die Lebenswelt als „Gesamtheit soziokultureller Tatsachen“ bzw. als „symbolisch vorstrukturierte Wirklich- keit“ gesehen werden (Dietz 1993, S. 123).

Strukturierend wirkende Komponenten des Lebenswelt-Hintergrundwissens sind die drei As- pekte Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit (Dietz 1993, S. 90 / 125). Dabei trachtet die Le- benswelt danach, rational zu kommunizierend. Auf dem gemeinsamen Konsens über die inhalt- liche a) Wahrhaftigkeit, b) Wahrheit, und c) moral. Richtigkeit baut sich dann der rationale Diskurs, das kommunikative Handeln, letztlich auf. Um kommunikativ erreichtes, normativ gefordertes Einverständnis zu erlangen, erheben (idealiter) die Kommunizierenden jeweils An- spruch auf Gültigkeit des Gesagten (Geltungsanspruch), und die Ansprüche weichen ab, weil durch unterschiedliche Erfahrungen und Deutungsmuster verschiedene Grundeinstellungen vorhanden sind. Die Lebenswelt hilft dann aber sozusagen als „Interpretationsressource“, auf die zurückgegriffen wird, um den stets neuen Verständigungsbedarf durch das Transparent- werden-lassen des subjektiv vorinterpretierten Hintergrundwissens zu befriedigen. Nach der Erfüllung der Anforderungen der Wahrhaftigkeit, der Wahrheit, und der (normativen) Richtig- keit in der Kommunikation, treibt die dem Menschen innewohnende kommunikative Vernunft ihn dazu, die in der Kommunikation geleistete Umdefinition und Interpretation in seiner Le- benswelt zu speichern (vgl. Dietz 1993, S. 90). Grundsätzlich gilt die Lebenswelt also als Kommunikationshintergrund, auf dem das Thema basiert, über welches rational argumentiert wird.

Habermas spricht dann, neben der ahistorischen These der sozialintegrativ wirkenden Differen- zierung der Lebenswelt, in einer chronisch angelegten Herleitung von den evolutionären Pha- sen der gesellschaftlichen Rationalisierung (Systembildung, Entkopplung System - Lebens- welt), und schliesslich der Kolonialisierung der Lebenswelt durch das System („kulturelle Ra- tionalisierung“).

5.1.2 Der Konflikt System-Lebenswelt

In einer entwicklungsgeschichtlichen Analyse stellt Habermas in Abgrenzung zum ahistori- schen, menschentypischen Lebenswelt-Aspekt verschiedene Stufen systemintegrativer Mecha- nismen vor, die jeweils verschiedenen Komplexitätsniveaus zugeordnet werden. Der gemein- schaftliche (oder sozialintegrative) Aspekt der Lebenswelt nimmt dabei entwicklungsgeschicht- lich gesehen, stetig ab. Auf der Stufe von Stammesgesellschaften bildete sich zunächst die In- stitution der Verwandtschaft (diese wird als die stärkste sozialintegrative Institution betrachtet) und spezieller Heiratsregeln. „Diesseits dieser Grenze unterliegt das Verhalten der Verpflich- tung zu Aufrichtigkeit, Loyalität, gegenseitieger Unterstützung, kurz: zu verständigungsorien- tiertem Handeln. [...] Das schliesst Rivalität, Auseinandersetzungen, latente Feindseligkeiten nicht aus, wohl aber manifest strategisches Handeln“ (Habermas 1981 Bd.2, S. 235).

Erste vertikale Schichtungen werden dann zur Organisation spezialisierter Leistungen für kultische und kriegerische, nicht aber für politische oder ökonomische Zwecke genutzt. Die Tausch- und Machtbeziehungen (heiratsverbunden oder prestigebedingt) bleiben auf den Rahmen der sozialintegrativen Institutionen Verwandtschaft und Religion begrenzt. Erst in traditionalen Gesellschaften wirkte die Macht dann erstmals strukturbildend.

Die auf Machtbeziehungen aufgebaute vorgängige Sozialstruktur einer politischen Gesamtordnung (traditionale Gesellschaft) wird in der modernen Gesellschaft dann teilweise durch die Institutionalisierung des formalen Rechts und symbolischer Steuerungsmedien von spezialisierten Subsystemen abgelöst. Die Tausch- und Machtbeziehungen werden immer mehr durch generalisierte Interaktionsmedien koordiniert, die der effektiven Erfüllung ökonomischer und administrativer Aufgaben dienen und komplexitätssteigernde Effekte unabhängig von lebensweltlichen Strukturen entfalten können. Habermas spricht auch von der Trennung des kommunikativen (verständigungsorientierten) Handelns vom erfolgsorientierten Handeln, indem eine von der Religion losgelöste „Motiv- und Wertgeneralisierung“ hin zu einem normativ nunmehr geforderten „abstrakten Rechtsgehorsam“ geschieht: „Mit dieser Entkoppelung geht die Bürde sozialer Integration immer stärker von einem religiös verankerten Konsens auf die sprachlichen Konsensbildungsprozesse über“ (Habermas 1981 Bd.2, S. 268).

Nach der Entwicklung zur Moderne sind dann spezialisierte Subsysteme nur noch über die Institution des Rechts an den sozialintegrativen Mechanismus der Konsensbildung (die ja von der Lebenswelt angestrebt wird) geknüpft. Sozialintegrative und systemintegrative Mechanismen bilden jeweils eigene Handlungsstrukturen aus.

Durch die systemische Integration geschieht nun mehr und mehr eine „Entsprachlichung“ und Komplizierung der erfolgsorientierten Handlungszusammenhänge, der eine urwüchsige Verständigungsorientierung nicht mehr gerecht wird.

„Für die Befriedigung dieses wachsenden Koordinationsbedarfs stehen entweder sprachliche Verständigung oder aber Entlastungsmechanismen zur Verfügung, die Kommunikationsaufwand und Dissensrisiken verringern. Im Zuge der Differenzierung zwischen verständigungs- und erfolgsorientiertem Handeln bilden sich zwei Sorten von Entlasgungsmechanismen, und zwar in Form von Kommunikationsmedien, die die sprachliche Verständigung entweder kondensieren oder ersetzen “ (Habermas 1981 Bd. 2, S. 269f.; Hervorhebungen im Original).

Handeln beschränkt sich so mehr und mehr auf das Wählen von Alternativen, und als motivati- onale Basis dafür gilt die kognitiv-instrumentelle, also erfolgsorientierte Handlungsorientie- rung. Die Lebenswelt wird zunehmend in einer Weise rationalisiert, welche die Entstehung und das Wachstum der Subsysteme fördert (ebd., S. 277). Daraus leitet Habermas nun eine struktu- relle Gewalt ab, die sich subjektiv unscheinbar in die Lebenswelt „einschleicht“: Die Repro- duktion der Handlungszusammenhänge des Systems verstecken sich „in den Poren des kom- munikativen Handelns“ (ebd., S. 278). Intersubjektiv ist dann diese Gewalt in der systemati- schen Einschränkung von Kommunikation erkennbar. Der gegenseitige Bezug zu der sozialen, objektiven und subjektiven Welt der Kommunikationsteilnehmer geht durch die Unkenntnis über Zusammenhänge und durch die Annahme der Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit ohne argumentative und kommunikative Verständigungsleistung mehr und mehr verloren.

Diese Argumentationslinie vertritt auch Weber in seiner Protestantismusstudie: bedingt durch den asketischen Protestantismus geben die Individuen ihre traditionalen Handlungsorientierun- gen auf zugunsten der systematischen Lebensführung. Habermas spricht zwar nicht von me- thodischer Lebensführung, sondern vielmehr von Rationalisierung durch systemische Integra- tion der Lebenswelten. Verhaltensnormen werden nicht mehr konkret überliefert, von Lebens- welt zu Lebenswelt weitergegeben. Vielmehr sind sie nunmehr „abstrakte verinnerlichte Mo- ralprinzipien“ (Dietz 1993, S. 128), welche die kollektiven Geltungsansprüche der Gesell- schaftsmitglieder ausdifferenzieren und als sprachlich erzeugte und rational anerkannte (also institutionalisierte) Konsensbeziehungen in Form des Rechts auf Dauer stellen.

5.2 Symbolische und materielle Reproduktion

Habermas verbindet auf einer anderen Ebene die Unterscheidung zwischen kommunikativ er- reichter sozialer Integration und Systemintegration mit derjenigen zwischen symbolischer und materieller Reproduktion: die bestandserhaltende Funktion systemintegrativer Prozesse bezieht sich auf den Aspekt der materiellen Reproduktion, die Reproduktion der symbolischen Le- bensweltstrukturen bleibt auf den sozialintegrativen Mechanismus der Verständigung angewie- sen (Dietz 1993, S. 128). „Während für die symbolische Reproduktion der Lebenswelt am so- zialen Handeln vor allem der Aspekt der Verständigung relevant ist, ist der Aspekt der Zwecktätigkeit wichtig für die materielle Reproduktion. Diese vollzieht sich durch das Medium von zielgerichteten Eingriffen in die objektive Welt“ (Habermas 1981 Bd.2, S. 348).

5.3 Kommunikation und Zwecktätigkeit

Im Übergang zur Moderne ist nach Weber eine Ausdifferenzierung von Geltungsaspekten und Wertsphären Folge der religiösen Entzauberung der Welt durch die rationale Durchdringung jeglicher Handlungen. Habermas stellt diesem Auseinandertreten und diesem Prozess der Ausdifferenzierung diejenige der Eigenrationalität von Kommunikation und Zwecktätigkeit gegenüber in seiner Entkopplungs- These (Habermas 1981 Bd. 2, S. 269).

Tabelle 1: Habermas‘ Dualismus System - Lebenswelt lässt eine Differenzierung zu zwischen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch die kulturelle Rationalisierung (sprich: Verdrängen der menschentypischen lebensweltlichen Erfahrungen durch mediengesteuerte Subsysteme) nimmt also der Wert an traditionsgebundenem Wissen mehr und mehr ab (Habermas 1981 Bd.2, S. 481ff.). Der Aspekt der Le benswelt, welcher auf traditionellen Inhalten aufbaut, und deren sozialintegrative Funktion des verständigungsorientierten Handelns, wird also entwertet2. Es geschieht letztlich eine Kolonia lisierung der Lebenswelt durch das System. Habermas behauptet, dass in der Moderne „krisenerzeugende Konsequenzen der entkoppelten Integrationsmechanismen [...] nur in eine Richtung, als Eingriffe des Systems in Bereiche der Lebenswelt“ entstehen.

Um wieder einen Quervergleich zu wagen, lässt sich festhalten, dass vor allem die lebenswelt- liche Dimension der „Privatsphäre“ (Familien, Nachbarschaften und freie Assoziationen) und deren Kolonialisierung mit Webers These der Vereinsamung im Zuge der Rationalisierung der Lebensführung kongruent ist. „Die These der Kolonialisierung besagt, dass die Subsysteme Wirtschaft und Staat infolge des kapitalistischen Wachstums immer komplexer werden und immer tiefer in die symbolische Reproduktion der Lebenswelt eindringen“ (Habermas 1981 Bd.2, S.539).

Gesellschaftskritisch deutet Habermas also auf eine Verarmung kultureller Bestände hin, in- dem nutzenmaximierende Gesellschaftsmitglieder institutionelle oder systembedingte Hand- lungsrahmen auszuschöpfen suchen, wobei sie aber die schleichende Kolonialisierung ihrer Lebenswelten durch die Systemimperative - wie bspw. Geld oder Machtballung - zulassen. Sie reproduzieren durch ihre Interaktionen, welche von strategischer oder instrumenteller Hand- lungsorientierung motiviert sind, die gesellschaftlichen Systeme, begnügen sich aber auf spezi- alisierte, zweckrationalem oder systemreproduzierendem Handeln gewidmete Lernprozesse. Individuen sind demnach bei Habermas als systemintegrierte, spezialisierte und mit Verhand- lungsmacht ausgestattete, das System unkritisch (bis auf weiteres) reproduzierende Gesell- schaftsmitglieder zu betrachten. Der Aspekt der traditionellen Wissensbestände, welcher auf affektiver und traditionaler Handlungsorientierung angewiesen ist und darauf aufbaut, wird somit zunehmend entwertet- die Lebenswelt ist, salopp formuliert, aus Systemperspektive nicht mehr gefordert.

5.4 System- und kommunikative Vernunft

Habermas hat in seinem Werk zwei grundlegenden Arten von Rationalität unterschieden (Habermas 1981 Bd.1, S. 32f.):

a) Kognitiv-instrumentelle erfolgsorientierte Rationalität / Systemrationalität ist dann der Fall, wenn die/der Handelnde die Manipulation physischer oder sozialer Objekte erreicht. Die- se Rationalität wird am eigenen Erfolg zielgerichteter Interventionen gemessen. So beinhaltet sie also lediglich das Wählen von Alternativen und das Kontrollieren von Umweltbedingungen, die Mittel zur Erreichung dafür sind möglichst gering gehalten. Die beiden Handlungstypen der kognitiv-rationalen oder erfolgsorientierten Handlungsorientierung ist nach Habermas das in- strumentelle (nicht-soziale Handlungssituation) und das strategische Handeln (soziale Hand- lungssituation) (Habermas 1981 Bd.1, S. 383f.). Es lässt sich mit Webers zweckrationalem Handeln vergleichen.

b) Rationalität der kommunikativen Praxis: Hier ist die Idee der verständigungsorientier- ten, weniger der erfolgsorientierten, Kommunikationsgemeinschaft zentral. Handlungen wer- den durch rationale, also logisch strukturierte, zwanglose Kommunikationen koordiniert. Ha- bermas betont durch sein Konzept des kommunikativen Handelns das menschliche Potential, konsensorientiert und argumentativ logisch handeln zu können und das Bedürfnis, dies auch anzustreben. Verständigung wohnt seiner Meinung nach als Telos der menschlichen Natur in- ne. (Habermas 1981 Bd.1, S. 32f.). Für Habermas ist Einigung und Einverständnis bei seinem Verständigungsbegriff darüberhinaus sehr wichtig- Verständigung zielt auf ein rational moti- viertes Einverständnis, und schliesst somit die von den Aktoren durch Gewalt oder durch äussere Einwirkung (wie von Systemen) erzwungene Einigung aus (vgl. Kneer 1990, S. 43).

6. Fremdbestimmung als Konzeption des Eingriffes in soziale Beziehungen

Sowohl bei Habermas als auch bei Weber haben sich durch die neuen Anforderungen an die Individuen der unter Rationalisierungsdruck stehenden Gesellschaft Zwänge hervorgetan, wel- che nun absorbiert werden müssen und unter den Begriff „Fremdbestimmung“ gefasst werden können.

6.1 Fremdbestimmung bei Habermas

Somit lassen sich Parallelen zwischen diesen beiden soziologisch sehr unterschiedlich argu- mentierenden Chronisten des Rationalismus erkennen: Bei Habermas erfährt die kommunikati- ve Rationalität einen zunehmenden Bedeutungsverlust, weil die Handlungskoordination in der Moderne verstärkt durch die Systeme und durch die somit geschaffene unpersönliche, strate- gisch-instrumentelle Handlungsart geprägt ist. Die Zwecke für Handlungen sind nicht mehr am kommunikativen Einverständnis orientiert, sondern sind bestimmt von gesellschaftlichen Sys- temen und deren die Kommunikation ersetzenden Medien (Geld / Macht / Einfluss). Das for- male gesatzte Recht hat dabei eine wichtige Funktion in der Entwicklungsgeschichte der sys- temischen Integration gespielt, indem es funktional ausdifferenzierte „Subsysteme zweckratio- nalen Handelns“ schaffte und schafft. Durch diese werden dann einzelne Handlungen nicht mehr über Verständigungsorientierung, sondern über „entsprachlichte“ Steuerungsmedien ko- ordiniert.

Ein Beispiel mag den Zustand verdeutlichen: Habermas hat den Einfluss der Massenmedien und der Massenkultur - in der Tradition von Adorno und Horkheimer - skeptisch behandelt, zumal er die massenmedial gesteuerten, verrechtlichten Kommunikationsflüsse inhaltlich und strukturell an die Stelle von interpersonalen Verständigungsprozessen treten sah. Zumal sah er keine Möglichkeiten interpersonal- rückgekoppelter Kommunikation. Er statuiert: „Die [...] elektronischen Medien [...] stellen sich als Apparat dar, der die kommunikative Alltagssprache völlig durchdringt und beherrscht“ (Habermas 1981 Bd.2, S. 572).

Als grosse Frage bei Habermas drängt sich auf; ob die beiden Konzepte System und Lebenswelt in der modernen Gesellschaft gleichzeitig nebeneinander existieren können, ohne dass die Zweckmässigkeit der Handlung für die Erhaltung des urwüchsigen Bedürfnisses nach intersubjektiver Vermittlung von Lebenswelten (Verständigungsorientierung) störend wirkte. Das heisst es ist normatives Ziel der Lebenswelt, zu verhindern, dass die kognitiven Bedingungen für die Verständigung zerstört werden.

6.1.1 Zur Herleitung der Pathologien der Moderne

Habermas betrachtet es als höchst problematische Entwicklung in der Moderne, dass durch die Verrechtlichung von vormals kommunikativem Handeln unterliegenden Handlunsbereichen die Rollen der Gesellschaftsmitglieder sich verkomplizieren. Er geht dabei im Speziellen auf die exemplarische Situation der Ambivalenzen des Schul- und Familienrechts ein (Habermas 1981 Bd.2, S. 540ff.). So moniert er, dass die Erweiterung des Rechtsschutzes und die Durch- setzung der Grundrechte in Familie und Schule mehr und mehr „formal organisierte Handluns- bereiche“, also auf gesatztem Recht basierenden Verhaltensvorgaben und rechtsmässig legiti- mierte Handlungskoordinierungen schaffen helfen. Diese Verrechtlichung steht in Widerspruch zu den Normen und Handlungskontexten, die funktional notwendig gerade auf Verständigung als Mechanismus der Handlungskoordinierung angelegt sind. Durch dieses Eindringen rechtli- cher Normen, also der systemischen Integration, in kommunikativ orientierte Handlungszu- sammenhänge, werden die Beziehungen durch formelle Regelungen objektiviert - oder mit Webers Begriff ausgedrückt: versachlicht. Die Funktion hier des Rechts als Medium ersetzt also gewissermassen die Konsensfindung durch argumentative verständigungsorientierte Kommunikation, weil die Besinnung auf „Grundrechte“ der Einzelnen nunmehr nicht eine Fra- ge der eigenen sozialen Interaktionen ist, sondern „entpersönlicht“ wird: „Die Formalisierung der Beziehungen in Familie und Schule bedeutet für die Beteiligten eine Objektivierung und Entweltlichung des formell geregelten familiären und schulischen Zusammenlebens. Als Rechtssubjekte treten sie einander in objektivierender, erfolgsorientierter Einstellung gegen- über“ (Habermas 1981 Bd.2, S. 542f.).

Versuche der Konfliktlösung können in der Moderne also nur noch nach der „Dialektik“ der Verrechtlichung der Beziehungen in einer Distanzierung von der alten, und um den Preis einer neuen Bindung geschehen (ebd., S.542). Die Abhängigkeiten sind zweierlei:

- Um sich als Person in der verrechtlichten und formalisierten Sozialsphäre verwirklichen zu können, hat das Individuum Anspruch auf Mitwirkung des Staates in der Konfliktlösung; dieser funktioniert tendenziell dann als Instrument der Auflösung innerfamiliärer Herr- schaftsverhältnisse.
- Bei dem allfälligen Verzicht auf „Justizialisierung“ der Beziehung wird eine andere Form des „Expertentums“ herangezogen, nämlich jene des Sozialarbeiters oder Therapeuten. Hier ist die zugrundeliegende Institution ausschlaggebend dafür, dass anstelle des Verfahrens der innerfamiliären Verständigung das Medium des Rechts den privaten, sprachlich geregelten Bereich der Familie konfliktlösend ergänzt.

Aus solchen Zuständen der Versachlichung und Mediatisierung oder Verrechtlichung von einst rein kommunikativ erschlossenen Bereichen heraus sieht Habermas „soziale Pathologien“ ent- stehen, welche die normativ und funktional von der Lebenswelt geforderten kommunikativen Handlungsorientierungen durch Täuschungen und Selbsttäuschungen kompensieren. Diese schleichen sich als intuitive, problematische, beziehungsstörende Elemente in die Alltagspra- xis, und ordnen sich der objektiven Gewalt der Systeme unter (Habermas 1981 Bd.2, S.554).

6.2 Fremdbestimmung bei Weber

Aus verstehenssoziologischer Sicht hat auch Weber m.E. eine Form der „Entsprachlichung“ und der systemischen Integration als Entfremdungsmechanismus bezeichnet, wie dies bei Ha- bermas gesehen wurde. Mit der calvinistischen Übernahme des harten, überweltlichen Schöp- fergottes aus dem Alten Testament ging die Forderung Hand in Hand, alle menschlichen Be- ziehungen zur Ehre Gottes mittelbar zu versachlichen, weil nur die asketische und methodisch- rationale, die durch legalen Erwerb bedingte Mehrung von Gottes Ruhm im Diesseits zählte. Mit diesen harten Forderungen an das diesseitige Schaffen und Leben ging - v.a. durch die Gottesgefälligkeit herbeigerufen - ein unvergleichlicher Individualismus einher.

Gegenüber dem Traditionalismus hat der Kapitalismus nach der erfolgreichen Verbreitung eines ü berhöhten Arbeitsethos und asketischen Lebenswandels neue Formen des Zwanges ent- wickelt, welcher in Gegensatz steht zum Naturzustand, in dem die Arbeits- und Lebenshaltung des Menschen als eher bequem verstanden wird. Der Kapitalismus störte die traditionalistische „Behaglichkeit“, indem er bspw. die Abhängigkeiten der Lieferanten verschärfte - die Konsu- menten sahen neu die Freiheiten eines offenen Marktes, und der Absatz war in der Hand des Unternehmers. Die Qualität der Produkte wurde darüber hinaus zunehmend den Bedürfnissen und Wünschen der Kunden angepasst, um den Absatz zu steigern. Unter einem so erzeugten erbitterten Konkurrenzkampf und vor allem Konkurrenzdenken brach dann schliesslich die „alte Idylle“ der traditionalistischen Kapitalmärkte zusammen (Weber 1988, S. 51f.).

Weber beschreibt die Irrationalität, das Paradoxe, an der Entwicklung des kapitalistischen Geistes, nachdem dessen ökonomische Interessen sich vom Einfluss der Gnadenwahllehre und der Gottesgefälligkeit verselbständigt haben, folgendermassen:

„Solche vom ‚kapitalistischen Geist‘ erfüllte Naturen pflegen heute, wenn nicht gerade kirchenfeind- lich, so doch indifferent zu sein. [...] Würde man sie selbst nach dem ‚Sinn‘ ihres rastlosen Jagens fra- gen, welches des eigenen Besitzes niemals froh wird, und deshalb gerade bei rein diesseitiger Orien- tierung des Lebens so sinnlos erscheinen muss, so würden sie, falls sie überhaupt eine Antwort wis- sen, zuweilen antworten: ‚die Sorge der Kinder und Enkel‘, häufiger aber und - da jenes Motiv ja of- fenbar kein ihnen eigentümliches ist, sondern bei den ‚traditionalistischen‘ Menschen ganz ebenso wirkte - richtiger ganz einfach: dass ihnen das Geschäft seiner steten Arbeit ‚zum Leben unentbehr- lich‘ geworden sei. Das ist in der Tat die einzig zutreffende Motivierung und sie bringt zugleich das, vom persönlichen Glücksstandpunkt aus angesehen, so Irrationale dieser Lebensführung, bei welcher der Mensch für sein Geschäft da ist, nicht umgekehrt, zum Ausdruck.“ (Weber 1988, S. 54)

In der Wirkung des Erwerbsstrebens und der rationalen Spezialisierung und Weltbeherrschung aber kommt die Ursache, die protestantische Ethik, nurmehr äusserlich zum Ausdruck. Die Irrationalität liegt also zu einem Teil sicher an den ungewollten Folgen der Arbeit der Refor- matoren (vgl. dazu Schluchter 1979, S.211). Es ist aber hier die Motivierung der religiös dis- tanzierten Kapitalisten (vor allem: des kapitalistischen Unternehmers), es als notwendig zu erachten, das Geschäft mit steter Arbeit in einer zum Leben unentbehrlichen Aufgabe zu be- wahren, welche Weber als irrational und unmenschlich bezeichnet. Mithin ist nicht der Genuss, sondern die Verpflichtung zur Mehrung zentral - und das Streben nach Geld ist als Wert nicht mehr an die religiöse Wertsphäre anzuknüpfen, sondern es hat sich als Motiv oder als Wertinteresse verselbständigt. Der Mensch ist für sein Geschäft da, für die Konkurrenz, für den Erfolg. Und in der Tatsache dass diesem Irrationalismus in rationalistischer Handlungsweise nachgelebt wird, ja zur Befriedigung der Erfolgs- und materiellen Bedürfnisse nachgelebt werden muss, glaubt Weber den impliziten Zwang der Moderne zur Wertsteigerung und Bestätigung des eigenen Daseins, in welchem Zusammenhang auch immer, zu sehen.

Nun ist zwar bei Weber explizit von ökonomischen Interessen die Rede. Er hat aber den Ein- fluss des bürgerlichen Betriebskapitalismus wie gesagt nicht bloss auf die Sphäre der Wirt- schaft reduziert - trotz dieser zum Teil sehr einseitigen Konzeptionalisierung der Funktions- weise von Unternehmen und vor allem: des Unternehmergeistes. Man darf Webers Protestan- tismusstudie nicht als Versuch lesen, alles Handeln als der ökomischen Sphäre subjektiv ge- widmet zu verstehen. Das wäre reduktiv, denn Weber hat neben der ökonomischen vor allem sechs weitere allgegenwärtige, und stark des Menschen Handlungsorientierung bestimmende Sphären oder Lebensordnungen nach der Institutionalisierung des protestantischen Weltbildes, als gleichwertig existierende verstanden. Diese sind die Verwandtschaft, die Religion (als nicht mehr übergreifend sinnkonstituierende), die Politik, die Kunst (Ästhetik), die Sexualität und Erotik, und die Wissenschaft als Reich des denkenden Erkennens (vgl. Weber 1988, S. 540ff.; Schluchter 1979, S. 41). Diese Sphären des Lebens stehen nach der Entzauberung in Spannung mit einer Brüderlichkeitsethik, welche vor Eintreten der rationalen asketischen Protestantismus in den Weltreligionen noch weit verbreitet gewesen sei, wobei sie durch den im Gefühl mit- schwingenden Grundsatz charakterisierbar ist: was heute dir mangelt, kann morgen mir man- geln (Weber 1988, S. 543).

7. Individualisierung als Verwahrlosung und Vereinsamung

Zusammenfassend wird also in einem Quervergleich deutlich, dass für Weber wie für Haber- mas die individualisierte Lebensführung in der Moderne negativ zu verstehen ist. Das Konzept der Vereinsamung durch die Häufung von systemintegrativen Handlungsmotivationen, welche die ökonomische Sphäre und das gesatzte Recht hervorrufen und multiplizieren, schimmert bei Habermas wie auch bei Weber in einer genaueren Untersuchung implizit hervor. Es kommt zu einer einseitigen Kanalisierung und Zerstörung der Ausdrucks- und Kommunikationsmöglich- keiten.

7.1 Habermas: Individualisierung durch soziale Entfremdung

Für Habermas stellt sich die Frage, wann die gesellschaftlichen Rationalisierungsprozesse so weit fortgeschritten sein werden, dass die kommunikative Infrastruktur sich „zur Wehr“ setzen wird. Er beruft sich auf einige Bewegungen (vor allem die Jugendbewegung in den sechziger Jahren) und neue Formen politischer Protestaktionen, welche dabei als Indiz für die allgemeine Skepsis gegenüber systemischer Integration und Handlungskomplizierung gelten. Er bezieht sich aber auch auf die Deformationen der Lebenswelt und der neu entstehenden sozialen Patho- logien, die er als geschichtlich einmaliges Phänomen interpretiert. Die Handlungsverlagerung und -verdichtung führt letztlich in eine Unübersichtlichkeit, welche folgenschwere Implikatio- nen haben: „Die Deformationen der Lebenswelt nehmen [...] in kapitalistischen Gesellschaften die Gestalt einer Verdinglichung kommunikativer Beziehungen an, also dort, wo die Krisen über das Einfallstor der privaten Haushalte in die Lebenswelt verlagert werden. Dabei handelt es sich [...] um die Monetarisierung und Bürokratisierung der Handlungsbereiche von Beschäf- tigten und Konsumenten, von Staatsbürgern und von Klienten staatlicher Bürokratien“ (Ha- bermas 1981 Bd.2, S.566f.).

7.2 Individualisierung als Leidensweg bei Weber

Nun deutet Weber diesen Individualismus zunächst in der calvinistischen Gesellschaft als un- aufhaltbare und zwangsläufig völlige Vernachlässigung des gemeinschaftlichen Aspektes von Beziehungen - daraus folgt für ihn ein absolutes Vereinsamen des Individuums, welches eine Konsequenz dieser Gesinnungsethik mit unbrüderlichen Konsequenzen ist. Die Beziehung zu Gott wird über die zwischenmenschliche Beziehung gestellt. So kam es in der Herausbildung der Moderne, im Zuge der Entzauberung, zunächst zu einer Versachlichung der religiösen zwi- schenmenschlichen Beziehungen. Diese Versachlichung überdauerte aber wie gesagt die Phase der reformierten, entzauberten Welt: sie wurde später in der Moderne zu einer permanenten, auf Dauer gestellten Form der Versachlichung ausserreligiöser zwischenmenschlicher Bezie- hungen, welche sich an wirtschaftlichen (zweckrational gerichteten) Motiven orientiert. In sei- ner „Zwischenbetrachtung“ über die Theorie der Stufen und Richtungen religiöser Weltbilder formuliert Weber entsprechend, bezogen hier auf die beiden Sphären der Wirtschaft und der Politik: „Wie das ökonomische und das politische rationale Handeln seinen Eigengesetzlichkei- ten folgt, so bleibt jedes andere rationale Handeln innerhalb der Welt unentrinnbar an die brü- derlichkeitsfremden Bedingungen der Welt, die seine Mittel oder Zwecke sein müssen, gebun- den.“ (Weber 1988, S. 552; eigene Hervorhebungen).

Weber bringt die Tendenz zur Vereinsamung durch das harte Schicksal, das er dem modernen Menschen in seinem religiös begründeten Zwang zur Individualisierung zurechnet, zum Aus- druck. Durch die verhängnisvolle Askese gewannen äussere Güter zunehmend und unentrinn- bar die Macht über den Menschen (Weber 1988, S. 203f.). Die „individualistischen Antriebe des rationalen legalen Erwerbs kraft eigener Tüchtigkeit und Initiative“ (ebd., S. 201) wirkten schlussendlich als Motor sozialen Wandels, indem sie die Handlungsmotive für die Gesell- schaftsmitglieder, und auch die sozialen Beziehungen, weitgehend verändern konnten. So be- zeichnet der „Geist“ des Kapitalismus die psychologische Haltung, sich der Arbeit und dem Erwerb allgemein gegenüber „verpflichtet“ zu fühlen, und nüchterne Selbstbeherrschung und Mässigkeit als auch Sparzwang zu nähren. In der Individualisierung und der Vereinsamung sieht Weber die Ersetzung eines „höchst bequemen“ Traditionalismus durch eine im denkbar weitgehendsten Masse in alle Sphären des Lebens eindringende, „unendlich lästige und ernst- gemeinte Reglementierung der ganzen Lebensführung“ (Weber 1988, S. 20). Weber deutet also auf eine latente Übersteigerung der natürlichen Verhältnisse an, die mit der These der system- bedingten Entfremdung vormals lebensweltlich zugänglicher, von kommunikativem Handeln bestimmter Bereiche kongruent ist. Er impliziert eine Qual in der erhöhten Erwerbs- und Kon- kurrenzorientierung, welche von dem innerweltlichen Leiden des gläubigen Calvinisten übernommen wurde.

8. Diskussion der zentralen Argumente und aktueller Bezug bei Habermas

Die zwei Theorien beschreiben „Rationalisierung“ auf zwei unterschiedliche Weisen, jedoch ist im Prinzip vom gleichen Endzustand die Rede: dem gesellschaftlichen Wandel hin zur Herausbildung einer das gesamte Leben erfassenden Familie wie Arbeit betreffenden rationalen Handlungsorientierung. Ich möchte im folgenden versuchen, die praktische Umsetzung, also den Wirklichkeitsbezug von Habermas ‘ (fast) zeitgenössicher theoretischer Arbeit herzustellen. Durch die verkürzte Sicht auf einen hervortretenden Dualismus von Selbst- und Fremdbestimmung sind m.E. vorschnelle Schlüsse gezogen worden (vgl. Kap. 8.2).

8.1 Ausdrucksformen systemischer Zwänge und„Befreiungsstrategien“

Weber vertritt die These, dass die Rationalisierung des Abendlandes, einmal ausgelöst, eine unaufhaltsame Eigendynamik entwickelt hat. Er beschränkt sich dabei auf die subjektiven Be- dingungen der Motivierung nach Erwerbssteigerung. Wenig hat er jedoch zu sagen über die mögliche Normalisierung des Zustandes im Sinne realisierbarer Kompensationsstrategien oder Erfüllung von Freiheitsszenarien durch das Individuum, welches sich letztlich zu befreien sucht aus dem allgegenwärtigen Zwang. Diesen Zwang hat Weber ja aufs heftigste kritisiert: er be- schreibt die Entwicklung zur Säkularisierung der Weltbilder und Formalisierung des Rechts mit Endzustand religionsfreiem Kapitalismus als „Sinnentleerung“ und „Freiheitsverlust“ und statuiert einen Zustand eines jeden als Gefangensein im stahlharten kapitalistischen Gehäuse. Das Ende der Intensivierung dieser Entwicklungen der Bürokratisierung und Versachlichung der Beziehungen, der Rationalisierung des Lebens schlechthin, ist dabei nicht absehbar.

Habermas hingegen sieht diesen Zustand alles andere als unvermeidlich. Freilich sind immer mehr Beispiele für die Probleme mit der Überkomplexität festzustellen, so z.B. die „systema- tisch verzerrte Kommunikation“ in den Familien (Habermas 1981 Bd.2, S. 569) und die er- schwerten Sozialisationsbedingungen unter Einfluss der instabilen kommunikativen Verhal- tensweisen der Eltern. Wenn die äußere, kommunikative Stabilität der gemeinschaftlichen Gruppe der Familie schwindet, verschwimmen auch die Konturen der inneren Bilder.

Unter anderem treten als Folgen der Überkomplexität und Orientierungslosigkeit also Ängste zutage, welche das Gefühl der Überforderung erzeugen helfen können. So leiden gerade Ju- gendliche unter den Überlastungen der individualisierten und komplexen gesellschaftlichen Infrastruktur, welche den Anspruch nach traditionellem Wissen und auf Verständigung basier- ter Kommunikation immer mehr in den Hintergrund treten lässt. Es sind somit Entzugserschei- nungen und entsprechend eben: die Ermöglichung neuer sozialer Pathologien die Folge, weil die Alltagspraxis dermassen einseitig systembezogen und eben individalistisch rationalisiert ist, dass letztlich eine kulturelle Verarmung zutage tritt. Habermas betrachtet nun aber die normativ zu erreichende Rationalität des Menschen in der Kommunikation als immer schon dagewesenes Bedürfnis, als sine qua non einer jeden Gesellschaft. Nur ist der Eintritt der öko- nomischen Funktionsweise der Systeme als Handlungstyp in der Moderne von zentraler Be- deutung, und der Mensch verliert seinen Bezug zu seiner ihn prägenden und definierenden Le- benswelt.

Er sieht Hoffnung für die weitere Erhaltung lebensweltlicher Bereiche, gerade weil sein Men- schenbild dieses lebensweltliche Bedürfnis nach rationaler Kommunikation beinhaltet. Wir streben oder werden unweigerlich wieder in die Richtung der Entkolonialisierung streben, um den Prozess der Komplexitätssteigerung und Vereinsamung rückgängig zu machen. Der Zwang wird also seiner Meinung nach aufgebrochen, und postindustrielle, postmaterialistische Werte werden sich in den nunmehr wieder lebensfähigen Lebenswelten erheben (Habermas 1981 Bd.2, S. 575ff.). Er deutet dies in den neuartigen Konfliktlinien und Protestpotentialen an: Durch Protestaktionen verschafften und verschaffen sich bspw. gerade Jugendliche Freiraum, welches als Aufbäumen gegen die Entfremdung und Überfremdung der Lebenswelt gedeutet wird3. Neu sind seiner Auffassung nach auch die politisch einst unwichtigen Probleme der Le- bensqualität, der Gleichberechtigung, der individuellen Selbstverwirklichung, der Partizipation und der Menschenrechte (ebd., S. 577). Der Themenwandel und die Verschiebung von „alten“ zu neuen Konflikten deutet also auf ein „Aufbäumen“ der Lebenswelt hin.

Eine These, die Habermas‘ Argument der „Kolonialisierung“ widerspiegelt, ist der Tatbestand dass sich in Familien dieser Zwang in der problematischen Sozialisation, welche heute den Familien als kaum zu lösende Aufgabe erscheint, widerspiegelt: durch die Rollen- und Werte- vielfalt, und die intuitive Inanspruchnahme des Rechts werden keine konsistenten Perspektiven mehr vermittelt. Die Schwierigkeiten, neue Rollen zu adaptieren und innerhalb dieser zur Kommunikation zurückzufinden, zeigen sich, indem die zuvor schon kalkulierend-strategisch handelnden Rollenträger ihre Rollen zugunsten stetig neuer Dimensionen der formalrechtlichen Komplexität revidieren müssen.

Diese Schwierigkeit mit der Rollenadaption und -akzeptanz lässt sich exemplarisch auch an der Komplexitätszunahme der Konsumentenrolle belegen, in welcher der Konsument seinen er- worbenen individuellen Freiraum auf Kosten neuer Zahlungswege preis gibt. Die Abhängigkeit von der Systemrationalität wird durch die Intensivierung der Handlungskomplexität, aber auch der Steigerung der Funktionalität der komplexen Handlung, deutlich. Mir schwebt da die An- gebotsvielfalt der Konsumenten-Rabattkarten auf dem Markt vor. Man fühlt sich bedrängt, indem die Konsumentenrolle neu definiert wird und sich weiter enttraditionalisiert. Weber würde wohl von einer neuerlichen Zunahme von Verpflichtung zum zweckrationalen Handeln sprechen, weil die Konkurrenz sich weiter verschärft und spezialisiert auf diesem Markt der Rabattsysteme. Der Belohnungsdrang und Profitzwang werden weiter gefördert, und es bildet sich eine neuerliche Handlungsverdichtung zugunsten einer „Rabatt-Orientierung“ aus. Die Bindung an das ökonomische System wird dadurch verstärkt, da die Komplexität zunimmt und eine erhöhte Konkurrenzsituation durch den Sparzwang beisteuert. Ohne es zu wissen, wird man also sozusagen in eine Rolle gedrängt, in der die althergebrachten Handlungskoordinie- rungen und Rollenverortungen dem Bedürfnis nach „Sammelprofit“ weichen müssen (vgl. FACTS 5/1999, S. 64-73).

Für die Möglichkeit der Entkolonialisierung der Lebenswelt, für die erfolgreiche Instrumenta- lisierung, und dem Balancieren des Nebeneinanders aus Hintergrundwissen, persönlichen Er- fahrungswerten, und System, spricht die These des Wertewandels hinsichtlich der Arbeit. So stellt Charles Graf (Graf 1998) fest, dass die Zentralität der Berufs- und Leistungsethik, trotz komplexeren ökonomischen Strukturen, im Abnehmen begriffen ist. Erwerbsarbeit und Beruf haben für einen Teil der Erwerbstätigen ihre einstmals lebensbeherrschende Stellung verloren. Im Durchschnitt aller Erwerbstätigen stufte so bspw. weniger als die Hälfte der Deutschen (West) die Arbeit als „sehr wichtig" für ihr Wohlbefinden ein. Die Erwerbsarbeit hat zwar im- mer noch einen hohen Stellenwert inne, jedoch ist eine Akzentverschiebung innerhalb der An- sprüche erkennbar, die an die berufliche Tätigkeit gestellt werden. Graf stellt fest, dass neben den Ansprüchen eines guten Einkommens und eines sicheren Arbeitsplatzes auch solche An- sprüche stärker hervortreten, die Mitbestimmung, Persönlichkeitsentfaltung, Kreativität sowie Freiräume bei der Arbeitsgestaltung fordern. Die Zunahme der Wichtigkeit des Berufes bei Menschen mit post-materialistischer Einstellung registriert Graf als Indiz für diese Haltung:

Der Befund, dass diese Bevölkerungsgruppe die Arbeit 1993 im Gegensatz zu 1988 als mar- kant wichtiger einschätzt, geht also eindeutig in die Richtung der positiven Selbstbestimmung. Die Studie lässt allerdings offen, ob die neuen Ansprüche eher als utopischer Befreiungsdrang zu deuten sind, währenddessen tatsächlich die formalen Qualifikationsanforderungen des Beru- fes und die Bestimmung des Menschen durch den Beruf objektiv immer stärker zum Ausdruck kommen. Phänomene wie die zunehmenden Leiden der Erwerbstätigen lassen nämlich bezwei- feln, dass diese selbsternannte Anspruchsverstärkung und -verlagerung im Beruf wirklich eine Verbesserung der kommunikativen Selbstentfaltung implizieren: beispielsweise haben seit 1984 vor allem die mentalen Leiden wie Nervosität und Reizbarkeit wie auch Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Migräne zugenommen (NZZ vom 27. Juni 2001).

Wenn Grafs Befunden aber Recht gegeben wird, so wird Erwerbsarbeit somit immer mehr auf das jeweilige individuelle Leben bezogen, auf den jeweiligen individuellen sozialen Kontext. Bei dieser Subjektivierung lässt sich vermuten, dass sich die Lebenswelt verstärkt primär für eine günstige kommunikative Situation an der Arbeit einzusetzen trachtet- ob sie dies auch ef- fektiv durchzusetzen vermag, lässt sich wohl erst anhand des sozialen Kontextes der Einzelnen bei der Arbeit feststellen. Diese Zunahme der angestrebten Selbstbestimmung wäre mit Weber wohl aber eher als Ausdruck des impliziten Zwanges eines überhöhten Arbeitsethos‘ zu deuten.

8.2 Kritik an Habermas: Neue Lebens- und Verständigungsformen unter Anwendung neuer (komplexer) Kommunikationsinfrastrukturen

Habermas‘ Prognose der „Lebenswelt“-Wiedergeburt ist vage geblieben: sein Ansatz der Ent- stehung moderner Pathologien, und sein Konzept, wie sich die Gesellschaft vermehrt gegen ein Eindringen in traditionalistische Leitbilder, Werte, und Deutungsmuster wehren soll, bleiben ohne genaue Ausführungen (Habermas 1981, Bd.2, S. 564ff.). Er lässt nirgends erkennen, wie sich eine solche soziale gegenüber der systemischen Integration überhaupt entgegensetzen soll, und sich durch Kommunikation bestätigen muss. M.E. hat er - dies liegt wohl auch daran, dass in den 80er Jahren die technischen Möglichkeiten als für die Lebenswelt ehr komplexitätsstei- gernd betrachtet wurden - vor allem die Kommunikationsmöglichkeiten in der Postmoderne zuwenig differenziert behandelt. Zwar hat er den Einfluss der Massenmedien und der Massen- kultur als für die Lebenswelt konträre und widersprüchliche, also verständigungshemmende Faktoren gedeutet. Diese von Adorno und Horkheimer vertretene Sichtweise ist aber verkürzt, wenn der Blick auf die Möglichkeiten der neuen Medien, und der neuen massenmedialen Kommunikationsformen fällt. Genau darin hätte er vielleicht neue Hoffnung für die kommuni- kative Struktur der Gesellschaft gesehen, und nicht nur „ideologisch wirksame Stereotype einer Massenkultur, die das Bestehende bloss verdoppelt“ (Habermas 1981, Bd.2, S.572). Zum Bei- spiel kann computergestützte Kommunikation als funktional ausdifferenzierte Kommunikati- onsform für einen verständigungsorientierten, kooperationsmotivierten Austausch verwendet werden. Verständigungsorientiertes Handeln, welches sich in ausdifferenzierten Formen der Argumentation im Gegensatz zu einer „entstellten“ (ebd., S. 525) kommunikativen Alltagspra- xis ausdrückt, lässt sich also von seiner Eigenschaft her, durch Gründe geltend gemachte Ein- verständnis zu erreichen, kommunikativ in vielfältiger Weise erzielen. Trotz der Individualisie- rung und der fehlenden Kooperationsbereitschaft in interpersonalem Kontakt ist also Verstän- digung - wenn auch nicht mehr nach traditionellem Kommunikationsschema - nun in ihren Formen vielfältiger geworden, und auf andere Lebenssituationen und Zeiten ausgewichen. Sie ist vor allem durch die Selbstverständlichkeit und der daraus resultierenden Optimierung tech- nischer Möglichkeiten schneller und globaler geworden.

Habermas sagt zwar, dass „das Eindringen von Formen ökonomischer und administrativer Ra- tionalität in Handlungsbereiche, die sich der Umstellung auf die Medien Geld und Macht wi- dersetzen, weil sie auf kulturelle Überlieferung, soziale Integration und Erziehung spezialisiert sind und auf Verständigung als Mechanismus der Handlungskoordination angewiesen bleiben“ zu einseitiger Rationalisierung oder Verdinglichung der kommunikativen Alltagspraxis führe (ebd., S. 488). Nun ist jedoch gerade die Technologie ein solches Subsystem, welches m.E. nicht unbedingt in Widerspruch zur sozialen Integration und zur Erziehung stehen muss. Ha- bermas selbst machte schon damals gewisse Zugeständnisse an die gewaltlose, fast „harmonische“ Integration eines Subsystems in die Lebenswelt, indem er die Einseitigkeit einer auf einem Reiz-Reaktionsmodell basierenden Kulturindustriethese bekennt. Gerade in der unberechenbaren Entwicklung der Massenmedien hat er m.E. eine wichtige Erscheinung angesprochen, als er sagte, dass „die technische Entwicklung der elektronischen Medien (welches er dem System der Massenmedien unterordnet, M.G.) nicht notwendig in Richtung einer Zentralisierung der Netzwerke verläuft“(ebd., S. 575).

9. Literaturverzeichnis

Bogner, Artur (1989): Zivilisation und Rationalisierung. Die Zivilisationstheorien M. We- bers, N. Elias’ und der Frankfurter Schule. Opladen, S. 89-186.

Dietz, Simone (1993): Lebenswelt und System. Widerstreitende Ansätze in der Gesell- schaftstheorie von Jürgen Habermas. Würzburg.

Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1 und 2. Frank- furt a. Main.

Homo Cumulus. In: FACTS Nr. 5/99, S. 64-73.

Kippele, Flavia (1998): Was heisst Individualisierung? Die Antworten soziologischer Klassiker. Opladen, S. 105-121.

Kneer, Wolfgang (1990): Die Pathologien der Moderne. Zur Zeitdiagnose in der ‚Theorie des kommunikativen Handelns’ von Jürgen Habermas. Opladen.

Die Leiden der Erwerbstätigen. In: NZZ vom 27.6.2001, S.77.

Münch, Richard (1981): Über Parsons zu Weber: Von der Theorie der Rationalisierung zur Theorie der Interpenetration. In: Sprondel, Walter / Seyfarth, Constant (Hg.): Max Weber und die Rationalisierung sozialen Handelns. Stuttgart, S. 119f.

Schluchter, Wolfgang (1979): Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Tübin- gen.

Schluchter, Wolfgang (2000): Individualismus, Verantwortungsethik und Vielfalt. Göttin- gen.

Seyfarth, Constans (1981): Gesellschaftliche Rationalisierung und die Entwicklung der In- tellektuellenschichten. Zur Weiterführung eines zentralen Themas Max Webers. In: Sprondel, Walter / Seyfarth, Constans (Hg.): Max Weber und die Rationalisierung sozialen Handelns. Stuttgart, S. 189-223.

Weber, Max (1988): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie Band 1. Tübingen.

Weber, Max (1992): Wissenschaft als Beruf. In: Mommsen, Wolfgang J. / Schluchter, Wolfgang (Hg.): Max Weber. Wissenschaft als Beruf (1917/1919). Tübingen, S. 70- 133.

[...]


1 Weber sah die Entwicklung des Menschen in der Gesellschaft und der Strukturen, welche sich in Form von Interessen materialisierten, als unaufhaltsamen Prozess, in den wir hineingeboren werden.

2 Habermas umschreibt in diesem Sinne die Spezialisierung auf kulturelle Bereiche durch Expertenkulturen als belastend für eine traditionelle Überlieferung der Lebenswelt-Strukturen: „Mit der kulturellen Rationalisierung droht [...] die in ihrer Traditionssubstanz entwertete Lebenswelt zu verarmen“ (Habermas 1981 Bd.2, S. 482). Er betrachtet die moderne Lebenswelt sogar als deformiert: „Die Lebenswelt wird an verrechtlichte, formal organi- sierte Handlungsbereiche assimiliert und gleichzeitig vom Zuflusse einer ungebrochenen kulturellen Überlieferung abgeschnitten“ (S. 483).

3 Vgl. zur Adoleszenzproblematik: Habermas 1981 Bd.2, S.569.

29 von 29 Seiten

Details

Titel
Weltbeherrschung als Zwangskonzeption: Weber und Habermas
Hochschule
Universität Zürich
Veranstaltung
Sozialer Wandel Seminar
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V107191
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vergleich der Rationalisierungstheorien von Jürgen Habermas (kommunikatives Handeln) und seines Vorgängers Max Weber (Protestantische Ethik)
Schlagworte
Weltbeherrschung, Zwangskonzeption, Weber, Habermas, Sozialer, Wandel, Seminar
Arbeit zitieren
Mark Gasser (Autor:in), 2002, Weltbeherrschung als Zwangskonzeption: Weber und Habermas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107191

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