Menschliche Kommunikation als Phänomen der Freiheit


Seminararbeit, 2001

12 Seiten, Note: 2


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Einleitung:

Im ersten Semesters meines Studiums mußte ich mich, im Laufe eines Tutoriums, mit einem Text von Vilém Flusser auseinandersetzen. Und um ehrlich zu sein: ich verstand gar nichts und schwor mir mich nie wieder mit seinen Thesen auseinanderzusetzen. Nachdem ich diese Arbeit geschrieben habe, bin ich froh wider meinem Versprechen gehandelt zu haben. Auch dieses Mal war es für mich nicht immer leicht zu verstehen, was Flusser in seinen Werken zu vermitteln versucht und ich möchte nicht behaupte, daß ich alles verstanden habe. Dennoch: ich habe sehr viele, für mich neue und vor allem interessante, Aspekte der Kommunikation entdeckt und kennengelernt, die mich zum Denken angeregt haben.

Die Werke „Kommunikologie“ und „Gesten“ haben mich besonders fasziniert. Besonders interessant war es, über den Menschen und seine Versuche gegen die Vergänglichkeit anzukämpfen, zu lesen. Im Laufe der Arbeit habe ich versucht zu hinterfragen, was der eigentliche Nutzen der Kommunikation für den Menschen ist. Ich habe mich dabei vor allem auf Flussers Werke konzentriert und versucht die Theorien anderen Autoren zu diesem Thema einfließen zu lassen.

Menschliche Kommunikation als Phänomen der Freiheit?

„Der Zweck der menschlichen Kommunikation ist, uns den bedeutungslosen Kontext vergessen zu lassen, in dem wir vollständig einsam und incommunicando sind, nämlich jene Welt, in der wir in Einzelhaft und zum Tode verurteilt sitzen: Die Welt der „Natur“1

Vilém Flusser bezeichnet die menschliche Kommunikation als einen künstlichen Vorgang, der auf Kunstgriffen, Werkzeugen und Instrumenten beruht. Ihr einziges Ziel ist es, Informationen zu erfassen und zu speichern. Dies ist wider dem Gesetz der Natur und somit auch wider dem Gesetz des Todes. Der Mensch, seiner selbst bewußt, weiß um seine Vergänglichkeit. Dennoch bzw. gerade deshalb versucht er seine Vergänglichkeit zu leugnen und sich ihr zu widersetzten. Er schafft Kommunikation, nicht weil er ein geselliges Tier ist, sondern ein Tier, das Einsamkeit als quälend empfindet. Aber nicht nur das einsame Leben ist für ihn unerträglich, auch das Wissen um seinen Tod und derer, die er liebt. Kommunikation und Kultur sind „Erfindung“, deren Ziel es ist diese für ihn unerträgliche Tatsache zu verdrängen bzw. sie vergessen zu lassen.

Die Zellen eines Organismus kommunizieren. Funktioniert dieser Prozeß nicht, bedeutet das das Ende desselben: den Tod. Gehlen behauptet, daß der Mensch anderer Menschen braucht, weil er ein Überlebenswesen ist. Buber schreibt: der Mensch ist Mensch und wird zur Person mit dem Menschen. Damit er imstande ist, sein „Ich“ zu entwickeln, muß Kommunikation und Interaktion mit anderen als vorausgesetzt geschehen. Das „Ich“ resultiert aus Kommunikation, es ist nicht dessen Voraussetzung. Beziehungen brauchen Kommunikation, um zu überleben.

Visuelle, akustische Symptome, sowie das Tast- und Riechempfindungen sind beispielsweise Zeichen, die etwas aussagen und die gedeutet werden müssen. Primäre Codes sind Informationsprozesse, welche die Basis für die Entstehung von Zeichenprozessen darstellen. Sekundäre Codes sind strukturierte Zeichensysteme, die auch als Sprache bezeichnet werden können. Diese sind dem Menschen nicht alleine eigen. Alle soziale Lebewesen, wie zum Beispiel Hornissen, verwenden diese Codes. Es sind Sprachen innerhalb einer individuellen Beziehung, die demnach nicht nur verbal sein müssen. Die Gesamtheit der sozialen Bindungen, von Codes reguliert, bilden die erste Wirklichkeit. Die erste Wirklichkeit ist gegeben, sie wirkt auf uns und in uns.

Der Mensch, ein zoon politikon, versucht durch Kommunikation, die als stupide empfundene Einsamkeit und die Verurteilung zum sicheren Tod zu dementieren. Er leugnet nicht nur die Natur dort draußen, sondern auch die Natur in ihm. Auch Bystrina stellt fest, daß Beides, die Natur innerhalb und die Natur außerhalb des Menschen der Entropie, also dem Prozeß der Auflösung, unterworfen ist, und den Menschen zum Tode verurteilt.

Die Reaktion des Menschen darauf ist die Erschaffung einer zweiten Wirklichkeit, für die Gesetze gelten, die er selbst erfunden hat. Sie besteht aus Träumen, Phantasien und Imagination, denen er die Macht gegeben hat, über ihn Macht ausüben zu können. Flusser spricht in seinen Werken von einer „zweiten Natur“, Bystrina von der Erschaffung einer „zweiten Wirklichkeit“. Ihr Vorhandensein bedeutet zugleich auch das Vorhandensein der Imagination, die es dem Menschen ermöglicht, seine Erlebniswelt zu gestalten und zu verändern. Dazu braucht er symbolische Zeichenhandlungen und Texte.

Überall dort, wo der Mensch in die - von ihm bedrohlich empfundene - asymmetrische polaren Strukturen der Wirklichkeit nicht tätig eingreifen kann, um sie zu verändern (...), fühlt er sich gezwungen, sie durch magische Ersatzhandlungen zu „überlisten“ oder in einer imaginären, „zweiten“ Wirklichkeit zu operieren (...) Alle diese Operationen sind nur als symbolische Zeichenoperationen denkbar.2

Flusser schreibt von einer zweiten Natur, die der Menschen, aufgrund seiner Fähigkeit zu kommunizieren und zu informieren, entstehen hat lassen.

Jene zweite Natur zeichnet sich vor allem durch die Erfassung und Speicherung von Informationen aus. Um sich von der als grausam empfundenen Natur zu schützen, umgibt sich er Mensch in eine Hülle, welche aus Codes gewoben ist. Diese kodifizierte Welt in der wir leben, läßt uns die Welt der ersten Natur vergessen. „Die Codes werden zu einer Art zweiter Natur, und die kodifizierte Welt, in der wir leben (...) läßt uns die Welt „ersten Natur“ vergessen.“3

Die, von Flusser als „Kultur“ bezeichnete Hülle, vermittelt zwischen dem Menschen und der Welt.

Flusser behauptet, daß die Übertragung von erworbenen Informationen von Generation zu Generation ein essentieller Aspekt der menschlichen Kommunikation ist und ein Charakteristikum des Menschen überhaupt darstellt. Er sieht den Menschen als ein Tier, welches Tricks erfunden hat, um erworbene Information anhäufen zu können.4 Bystrina schreibt, daß der Mensch, insbesondere, um sich vom Tierreich abzuheben, die Fähigkeit zu hochkomplexen Informationsprozessen und das Verfügen über vielseitige Zeichensysteme, sowie Techniken zur möglichst dauerhaften Speicherung braucht, das für das Mensch-Bewußtsein und die Arterhaltung offensichtlich unabdingbar ist, Der Mensch schafft Kommunikation, Kunst und Kultur, die für ihn die Welt und Freiheit bedeuten, ihn aber zugleich von sich abschirmen. Sie sind Brücke und Mauer in einem. Regelmäßig aus Symbolen aufgebaute Codes, wie Steinkreise, geschriebene Texte, sind Brücken zwischen dem in die Existenz gesprungenen Menschen und der Welt, aus der er entsprungen ist: sie „bedeuten“ die Welt. Sie sind aber auch Brücken zwischen den einzelnen Menschen: sie sollen die Welt für den anderen bedeuten, und daß heißt, die bedeuten die Welt laut Übereinkunft.

Das Besondere am Wesen Mensch ist eben, daß er sich die Fähigkeit angeeignet hat, erworbene Informationen zu speichern und sie weiterzugeben. Dabei widerspricht der Mensch der Natur doppelt: Der Zweite Grundsatz der Thermodynamik sagt, daß in der Natur alle Informationen dazu neigen, vergessen zu werden. Lebewesen widersprechen diesem Grundsatz, da sie genetische Informationen speichern und weitergeben. Mendels Gesetz sagt, daß erworbene Informationen nicht von Organismus auf Organismus übertragen werden können. Unsere Spezies widerspricht diesem Gesetz, denn sie speichert erworbene Informationen. Dadurch ist ihr die Möglichkeit gegeben ein kulturelles Gedächtnis aufzubauen, auf das folgende Generationen Zutritt haben. Diese Fähigkeit unterscheidet uns von den Tieren, denn sie ermöglicht uns Menschenwürde zu besitzen. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen haben wir zusätzlich zum genetischen Gedächtnis, das genetische Informationen speichert, ein kulturelles Gedächtnis aufgebaut, das erworbene Informationen weitergibt.

Diese doppelte Naturverneinung ist allerdings nur scheinbar: schließlich werden notwendigerweise alle gespeicherten Informationen in den allgemeinen Strom Richtung Entropie zurückkehren müssen.

Diese Gedächtnisse, die in Flussers Werken als Informationsspeicher zu bezeichnen sind, sind nichts anderes als Gedächtnisinseln, die sich aus vielen Bestandteilen des Chaos zu einer Information zusammengeschlossen haben. So verstanden, sind sie überall in der Natur aufzufinden. Sie schweben wie Inseln im allgemeinen Strom zur Entropie hin, sie sind zufällig daraus emporgetaucht, und werden notwendigerweise darin wieder untertauchen. Ein eindrucksvolles Beispiel für einen derartigen negativ- entropischen Epizyklus, der auf der geradlinigen Tendenz zur Entropie aufsitzt, bietet die Biomasse. Sie ist vor einigen Tausenden von Millionen Jahren zufällig auf der Erdoberfläche aus der Entropie aufgetaucht, sie besteht aus kleinen Tropfen, in deren komplexen Molekülen genetische Informationen verschlüsselt sind, und wir selbst sind Auswüchse dieser Biomasse. Aber auch diese hat die Tendenz zur Entropie zurückzukehren.

Die Weitergabe von Informationen ermöglicht die Arterhaltung, die für den Menschen, bei Flusser, als auch bei Bystrina, unabdingbar ist. Es stellt sich allerdings immer wieder das Problem, daß beim Prozeß des Kopierens der Informationen Fehler unterlaufen. Die meisten dieser Fehler werden aus dem Gedächtnis der Biomasse ausgeschieden, sind sozusagen "lebensunfähige Mutationen". Einige wenige hingegen verbleiben im Gedächtnis und bilden die "Evolution des Lebens", indem zwischen fehlerhaften und wichtigen Informationen selektiert wird. Das heißt: die Biomasse prozessiert die in ihr gelagerten Informationen dank fehlerhaftem Kopieren, und dadurch entstehen neue Informationen. Nachteil unseres Gedächtnisses ist die Tatsache, daß wir erworbene Informationen schnell vergessen. Um dem entgegenzuhandeln hat der Mensch Gedächtnisstützen entwickelt, die ihm die Möglichkeit bieten, jene Informationen länger zu bewahren.

Einer dieser Stützen ist die Luft. Sie hat die Vorteile, daß sie leicht verfügbar ist und daß unsere Organe dafür geschaffen sind, Informationen in diesem Medium weiterzugeben. Doch auch diese Stütze hat Nachteile. So stören beispielsweise Geräusche die Weitergabe der Informationen, die schnell aufgenommen bzw. gespeichert werden müssen. Dies hat nicht selten eine fehlerhaft Weitergabe zur Folge.

Auch harte Gegenstände nutzt der Mensch zur Speicherung. Dadurch können Informationen länger gespeichert werden. Zum Beispiel, daß das Messer schneidet.

Wenn aber, wie in diesem Fall, der Gegenstand gleichzeitig auch als Werkzeug fungiert, hat dies den Nachteil, daß die Information abgenützt wird.

Die Gesamtheit der harten Gegenstände nennt Flusser die materielle Kultur. Diese nützt sich im Laufe der Zeit ab, weswegen wir auch reine Gedächtnisstützen geschaffen haben. Solche wären zum Beispiel Monumente, Höhlenmalerei. Sie dienen nur einem Zweck: der Informationsübermittlung. Für Harry Pross ist die Höhlenmalerei der Steinzeit oder die von Indianern auf Büffelhäute gemalten Chroniken mehr als bloße Gedächtnishilfen. Durch sie gewinnen Vorgänge Dauer. Die Wechselseitigkeit von Konventionen und Tradition wird dadurch zu einer eigenen Größe. Durch die Übereinkunft werden die Abbilder zu sanktionierten Symbolen, die sich wiederholen.

Ein wichtiger Schritt zur Speicherung von Informationen war die Erfindung des Alphabets, denn damit wurde es für den Menschen möglich materielle und orale Kultur zu verbinden, und somit das kulturellen Gedächtnis zu verbessern. Das Alphabet ist ein Code, welcher aus zwanzig bis dreißig einfachen geometrischen Zeichnungen besteht: den Buchstaben. Es entstanden Texte, die einerseits ein Speichern, andererseits ein Abrufen von Informationen erlaubten. Erst dadurch wurde Geschichte im eigentlichen Sinne möglich, da es dem Menschen befähigte Informationen präziser weiterzugeben.

Eine Folge der Erschaffung des Alphabets und der damit verbundenen Entstehung von Texten, war die Erschaffung eines neuen kulturellen Gedächtnisses, nämlich die der Bibliothek. Es folgte die Sakralisation der Bibliothek, charakteristisch für das abendländische Denken. So wurde die Bibliothek zu einer Art Transzendenz, die einerseits die Menschen vor der Entropie bewahrt, da er Informationen in ihr „ablagern“ kann, die ihn überdauern werden, und andererseits ist der Mensch derjenige ist, der die Bibliothek vor der Entropie rettet, da wir sie erschaffen haben und die Informationen, die in ihr enthalten sind, Gedächtnisinseln gegen die Entropie sind. Die platonische Variante besagt, daß wir, obwohl wir jene erschaffen haben, Bibliotheken höher als uns selbst stellen. Wir definieren uns durch sie. Durch Speicherung und Übertragung von Informationen arbeitet der Mensch gegen die Entropie, gegen die Natur und ihre unumkehrbare Tendenz zur Zerstreuung der Energie.

Einerseits sind wir Phänomene dieser Welt: Lebewesen, die einen Körper besitzen und existieren. Andererseits sind wir Subjekte, Protuberanzen der Bibliothek, weil wir die Fähigkeit besitzen die Bibliothek bzw. Informationen zu erkennen und zu erfassen. Daraus folgt, daß wir uns selbst als Subjekte definieren, die eine Seele und Intelligenz besitzen.

Es wurde festgestellt, daß der Mensch in seiner erschaffenen, imaginären zweiten Wirklichkeit ein „Werkzeug“ braucht: Kommunikation. Menschliche Kommunikation hat die Absicht dem Leben Bedeutung zu verleihen. Die kommunikative Kompetenz, die sich in der Sprache manifestiert, ist die dem Menschen einmalige und existentielle Begabung. Es wurde beschrieben, wie er Kommunikation nutzt, um Informationen an folgende Generationen weiterzugeben: um seine Art zu erhalten und Freiheit zu erlangen.

Es stellt sich nun die Frage, ob er auch durch Kommunikation, im Jetzt, also durch direkte Kommunikation, Freiheit erlangt und sich dadurch von der ersten Natur abheben kann.

Der Mensch kommuniziert ständig, er kann nicht nicht kommunizieren:

„...(..) there is no such thing as nonbehaviour, to put it even more simply: One cannot NOT behave. Now, if it is accepted that all behaviour in an interactional situation has message value, i.e. is communication, it follows that no matter how one may try, one cannot NOT communicate..”5

Der Mensch bedient sich der Gesten als einen elementaren Teil der Kommunikation, besonders in dem vom Soziologen Alfred Schütz kreierten Terminus der „GesichtsfeldBeziehung“. Die „Gesichtsfeld-Beziehung“ setzt voraus, daß die Teilnehmer der Kommunikation so lange, wie diese andauert, Raum und Zeit gemeinsam teilen. „Die Geste ist eine Bewegung des Körpers oder eines mit ihm verbundenen Werkzeugs, für die es keine zufriedenstellende kausale Erklärung gibt.“6

Wie vorhin beschrieben wurde, nutze der Mensch Zeichnungen, die Schrift usw. als sogenannte harte Gegenstände um, Informationen zu erfassen und sie an folgende Generationen weiterzugeben. Doch zuvor mußten Zeichen entwickelt werden, um Kommunikation überhaupt zu ermöglichen.

Ernst Cassirer bezeichnet den Menschen als „animal symbolicum“, das Lebewesen, das sich mit seinen Bedingungen über Zeichen auseinandersetzt. Es führt kein Weg von Mensch zu Mensch, von ihm zu anderen Lebewesen und zur Natur über Zeichen. Der Mensch nutzt Zeichen und deren Konstellationen, um andere damit zu besetzten und so über sie Macht zu erlangen. Um materiell oder ideell wirken zu können muß sich der Mensch ein gewisses Repertoire an Zeichen aneignen.

Auch Watzlawick findet in jeder Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt und weist darauf hin, daß nicht nur das „Material“ jeglicher Kommunikation nur Worte sind, sondern auch paralinguistische Phänomene, wie zum Beispiel: Lachen, Weinen, Seufzen oder die Schnelligkeit bzw. Langsamkeit der Sprache.

„Das Gesicht bewirkt, daß der Mensch schon aus seinem Anblick, nicht erst aus seinem Handeln verstanden werden kann.“7

Dies ist auch wiederum eine Bestätigung Watzlawicks Theorie, daß der Mensch nicht kommunizieren kann. Denn alles hat Mitteilungscharakter. Das Gespräch ist nur die entwickelte ausgebildete Form aller sprachlichen Kommunikationshandlungen.

Harry Pross schreibt über primären Medien, in der alle Kommunikation ihren Anfang findet und auch alle Kommunikation zurückkehrt. Darunter versteht er den Ausdruck des Körpers und der Gliedmaßen, die menschliche Fähigkeit zu differenzierter Bewegung in Mitteilung für andere. Sie sind der Ausdruck des seelischen Wesens des Menschen. Im engeren Sinn nennt er die Variationen, den Mund zu verschließen, die Winkel nach unten zu ziehen, sich auf die Lippen beißen usw die Mimik. All diese Merkmale von Gestik und Mimik, wirken auf andere, da sie gleichermaßen Zustände abbilden und diese von anderen aufgenommen werden können. Sie werden verstanden oder mißdeutet. Eine wichtige Voraussetzung für mögliche Kommunikation ist, daß die Symbole für die miteinander kommunizierenden Personen das gleiche bedeutet. Kommunikation ist nur möglich, wenn sie auf einem gleichen Code stattfindet und Frage und Antwort denselben verwenden. Kommunikation unterliegt bestimmten Regeln, den Codes, damit die erfolgreich ist. Richtet sich der Mensch nicht nach ihnen, wird er nicht verstanden.

Der jüdische Denker Martin Buber sieht die Verwirklichung des Menschseins im Dialog miteinander. Er hat den Dialog als die Grundsituation des eigentlichen menschlichen Lebens erkannt.„ Der Mensch hat ein großes Verlangen, zu den Dingen in persönliche Beziehung zu kommen und seine Beziehung zu ihnen aufzuprägen...(..) “ Doch weder Gebrauch, noch Beziehung sind dem Menschen genug. Er möchte die sozusagen „besitzen“, indem er ihnen im Bildzeichen seine Beziehung zu ihnen eingibt.

Flusser unterscheidet zwischen Gesten und konditionierten Bewegungen. Wenn ein Tier oder ein Mensch in einem bestimmten emotionalen Zustand sichtbare Zeichen seiner Emotion an den Tag legt, wie etwa Schwitzen oder Zittern, die von anderen beobachtet werden, dann sind es sichtbare Zeichen, mit denen aber nicht unbedingt beabsichtigt wird etwas zu vermitteln. Für Mitteilungen im engeren Sinn gibt es zielgerichtete Signale, während Zeichen nur verhaltensmäßige oder physiologische Reaktionen sind. Bei einem Kommunikationsvorgang ist man sich dessen bewußt, daß die anderen den verwendeten Code verstehen, oder auch nicht.8

Die Veränderung der Regeln, die dem Menschen von der Natur auferlegt werden, ist dem Menschen möglich, im Gegensatz zu Tieren. Er sieht darin die Freiheit des Menschen. Manche Signale dienen dem Zweck, etwas mitzuteilen: diese werden Kommunikation genannt. Signale sind sehr deutlich abzugrenzende Verhaltensformen, denn sie haben Bedeutungen: sie können für andere Gegenstände oder Ereignisse stehen oder Erwartungen auf ein daraus folgendes Verhalten schaffen. Gestik, Mimik und Körpersprache sind nonverbale Zeicheninventare, die dem Gesagten eine Interpretationsmöglichkeit anbietet.

Um die Gesten verstehen zu können sind Erklärungen notwendig, aber sie reichen nicht aus, um die Gesten zu verstehen. Wir müssen sie auch richtig interpretieren und ihre Bedeutung aufdecken können. Wir besitzen jedoch keine Theorie der Interpretation von Gesten. Es gibt keine kausale Erklärung für Gesten, die Erklärung der Gesten ist also nicht natürlich vorgegeben und nicht logisch zu deuten. Dennoch lesen wir die Gesten zum Beispiel von den kleinsten Gesichtsmuskeln des Gesichts. Interpretationen von Gesten sind intuitiv und empirisch.

„Je mehr Information eine Geste enthält, desto schwieriger ist es offenbar für einen Empfänger, sie zu lesen. Je mehr Information, desto weniger Kommunikation. Folglich: je weniger die Geste informiert (je besser sie kommuniziert), desto leerer ist sie und desto angenehmer und „hübscher“, denn sie erfordert wenig Anstrengung, um gelesen zu werden.“9

Macht die Gestik bzw die Mimik den Menschen frei? Kommunikation macht die Spezies Mensch frei eine zweite Natur zu schaffen, die ihm erst als Mensch auszeichnet und ihm zugleich das Menschsein ertragen läßt. Sie macht ihn frei, weil sie ihm erlaubt sich in seiner erschaffenen zweiten Wirklichkeit zu bewegen und auszudrücken. Gesten ermöglichen dem Menschen sich mit anderen zu verständigen. Dennoch wird er durch sie auch beengt: er muß sich an, die von ihm vereinbarten Codes, richten, damit er verstanden wird. Veränderungen stehen ihm frei, können aber zur Mißdeutung dessen, was er vermitteln möchte führen. Das Regelwerk einer Gesellschaft, das die Codes der Kommunikation mit Bedeutung belegt, ist Grundlage einer freien Interpretation der ersten Wirklichkeit. Nicht seine kausale Bedingtheit macht dieses Regelwerk zum Gesetz der Kommunikation, sondern die Unmöglichkeit eines Individuums Mensch innerhalb dieser Gesellschaft und unter Zuhilfenahme einer anderen Zuordnung zw. Symbole und Codes zu kommunizieren.

Einerseits bemächtigt er sich dieser Zeichen, andererseits wird er aber von ihnen auch eingenommen. Indem er sich bildet und bemächtigt, wird er von seiner Umwelt gebildet. Er befindet sich sozusagen in einem Netz: in den selbstgesponnenen Fäden der von ihm ausgehenden Signalen und in denen, die ihn von außen umspinnen.

Bibliographie:

Argyle, Michael: Körpersprache und Kommunikation, Paderborn, 1996 Bystrina, Ivan: Semiotik der Kultur. Tübingen: Stauffenburg, 1989

Flusser, Vilem: Gesten, Versuch einer Phänomenologie, Frankfurt: Fischer Verlag, 1997

Flusser, Vilem: Nachgeschichte, Eine korrigierte Geschichtsschreibung, Bollmann Flusser, Vilem: Dinge und Undinge, Phänomenologische Skizzen, Wien, München. Carl Hanser 1993

Flusser, Vilém: Kommunikologie. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1997

Duschlbauber, Thomas W.: Medien und Kultur im Zeitalter der X-Kommunikation, Braumüller Klenk, Dominik: „Gegenwartsverlust“ in der Kommunikationsgesellschaft: Anstöße zu einer dialogischen Ethik der (Massen)Kommunikation mit Martin Buber und zwei Gespräche mit Harry Pross. Münster, 1998

Ort, N., Jahraus O.: Bewußtsein, Kommunikation, Zeichen, Niemeyer Pross, Harry: Medienforschung. Darmstadt: Karl Habel, 1972

[...]


1 Flusser, V.: „Kommunikologie“, S 10, Frankfurt: Fischer Taschenbuch 1998.

2 Bystrina, Ivan: Semiotik der Kultur, S 90

3 Flusser, Vilém: Kommunikologie, S19

4 vgl. Flusser, V.: „Kommunikologie“, S 12 Frankfurt: Fischer Taschenbuch 1998

5 Watzlawick, P. /Janet H. Beavin / Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation, S. 48, Bern 1947

6 Flusser, Vilém: Gesten, S 8

7 Klenk, D.: Gegenwartsverlust in der Kommunikationsgeschichte, S. 24

8 vgl. Argyle, Michael: „Körpersprache und Kommunikation“, S. 15

9 Flusser, Vilém: Gesten, S 20

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Menschliche Kommunikation als Phänomen der Freiheit
Hochschule
Universität Wien
Veranstaltung
Kultursemiotik
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
12
Katalognummer
V107193
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschliche, Kommunikation, Phänomen, Freiheit, Kultursemiotik
Arbeit zitieren
Kaiser, Laurence (Autor), 2001, Menschliche Kommunikation als Phänomen der Freiheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107193

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