Peter Schneider - Lenz: Die Diskrepanz zwischen linker Theorie und der Sehnsucht nach mehr Sinnlichkeit und Authentizität - oder Italien als Therapie für verdrossene Linke?"


Seminararbeit, 2002

17 Seiten, Note: 1.5


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Inhaltsverzeichnis

1 Peter Schneider und seine Erzählung Lenz
1.1 Biographisches und Zeitgeist

2 Hauptteil
2.1 Lenz - eine kurze Zusammenfassung
2.2 Lenzens Krise und Genesung in Bezugnahme stilistischer Mittel und Aufbau der Erzählung
2.2.1 Das Leben in Deutschland
2.2.2 Lenz’ Sehnsucht und Aufbegehren - erste Fragmente des Glücks
2.2.3 Motive des Südens schon in Deutschland
2.2.4 Aufbruch und Leben in Italien / Aufenthalt in Rom und Trento

3 Schlußbetrachtungen oder Italien für alle?

1 Peter Schneider und seine Erzählung Lenz

1.1 Biographisches und Zeitgeist

Peter Schneider wird am 21. April 1940 in Lübeck geboren, wächst in Ober­bayern auf und lebt seit Anfang der 60-er Jahre in Berlin. Er studierte Philosphie, Germanistik und Geschichte. Wie viele seiner Generation ist er politisch engagiert und veröffentlicht immer wieder Ansprachen und Reden zu gesellschaftspolitischen Themen. Somit ist er, wie auch Hans Magnus Enzensberger und Peter Handke Teil der (literarischen) Protestbewegung der 60-er Jahre — marxistisch orientiert und die Vision einer besseren Ge­sellschaft im Kopf.

1973 erscheint seine Erzählung Lenz und wird zu einem unerwarteten Erfolg, was sicher auch daran liegt, daß sich hier eine Verarbeitung der jüngsten Vergangenheit, also der Studentenbewegung und das Ende der Protestbewegung, findet. ,,Im linken Lenz meldet sich vielmehr wieder das Individuum mit seinen Bedürfnissen und Sorgen zu Wort, gegen den gei­stigen Führungsanspruch dogmatischer Revolutionäre, formuliert von ei­nem der jungen Wilden des Jahres 1968, für die Literatur nur noch Propa­gandafunktion im Klassenkampf besitzen sollte”[1]. Mit Lenz und anderen Erzählungen zeichnet sich Anfang der 70-er eine Tendenzwende ab - weg von der politischen Agitation und Punktionalisierung der Literatur - wieder hin zum Fiktionalen und Subjektiven. Nicht nur die Theorie interessiert, vielmehr besteht zunehmendes Interesse an den einzelnen Menschen und deren Lebenswelten innerhalb des Systems.

„Das Gebären, das Kindsein, das Lieben, die Krankheit und der Tod, exi­stentielle Themen dringen gegenüber den politisch - sozialen vor, in den unterschiedlichsten literarischen Formen und Schichten: [... ]”[2].

Diese Strömung gilt als Neue Subjektivität bzw. Neue Sensibilität.

2 Hauptteil

2.1 Lenz - eine kurze Zusammenfassung

Peter Schneider scheint den Nerv der Zeit zu treffen. „Dogmatische Theorie ohne sinnliche Erfahrung wird für Schneider unbrauchbar für die politische Arbeit”[3].

In seiner Erzählung Lenz thematisiert er die Krise eines linksintellektuel­len Studenten, der sich zerissen fühlt zwischen gesellschaftspoltischen An­sprüchen und den persönlichen Bedürfnissen. Schon der Titel zeigt die An­lehnung an Georg Büchners gleichnamige Novelle, wie weitere eingebaute Zitate und abgewandelte Motive innerhalb der Erzählung. Während jedoch Büchners Lenz an seiner psychischen Krankheit zerbricht, ist Schneiders Lenz nur in einer zeitlich begrenzten Krise gefangen, deren Auslöser sei­ne zerbrochene Beziehung zu L. ist. Eine Heilung erfährt er schließlich in Italien und durch seine Begegnung mit linken Studenten und Arbeitern, in deren Gemeinschaft er die Aufhebung all seiner Gegensätze und Wider­spruche erfährt. Aus dieser Erfahrung heraus wagt er einen Neuanfang in Deutschland.

2.2 Lenzens Krise und Genesung in Bezugnahme sti­listischer Mittel und Aufbau der Erzählung

2.2.1 Das Leben in Deutschland

Die Erzählung läßt sich in drei Teile aufteilen.

Die erste Hälfte spielt in Deutschland. Lenz lebt in Berlin. Gleich zu Be­ginn des Buches wird das Bild eines Linksintellektuellen vermittelt, der unzufrieden ist.

Es beginnt mit einem Alptraum des Protagonisten, während beiläufig er­wähnt wird, daß dies nicht gerade eine Ausnahme darstellt:

„Morgens wachte Lenz aus einem seiner üblichen Träume auf”[4].

Über seinem Bett hängt ein Bild von Marx, welches er verkehrt herum aufgehängt hat, um „den Verstand abtropfen zu lassen”[5]. Quasi eine Ein­leitung auf seinen momentanen Seelenzustand stellen die Prägen dar, die er Marx stellt: „Was waren deine Träume, alter Besserwisser, nachts meine ich? Warst du eigentlich glücklich?”[6]

Marx als Autorität, die ihm wichtig ist, die ihm als Leitbild dient in theo­retischen und politischen Prägen und Positionen entbehrt hier jeglichen Bezugs. Er schwebt fast gottgleich über ihm, ohne ihm persönlichen Halt zu geben.

„Den Verstand abtropfen lassen”[7] ist wohl ein Grundbedürfnis des jungen Intellektuellen. Schon in dieser Fragestellung zeigt sich Lenzens Grundpro­blematik. Er scheint gefangen in seinen intellektuellen Konstrukten und allein diese befriedigen ihn längst nicht mehr.

Die Welt betrachtet er quasi von außen, ohne wirklich mit ihr verbunden zu sein. Das Gefühl des Hausgerissenseins aus dem Alltag der Anderen wird auch durch die Erzählweise unterstrichen. Montageartig und ohne spezifi­sche Zeitangaben werden seine Erlebnisse an den weiteren Tagen lose anein­andergehängt („an einem anderen Tag”, „an einem Wochenende”, usw.).

Auslöser seiner persönlichen Krise ist seine gescheiterte Beziehung zu L. Durch diesen Verlust verstärkt sich sein Gefühl der Entfremdung zu seiner Lebenswelt zunehmend. Als linker Intellektueller während der Studenten­bewegung wird diese immer wieder durch zeitbezogenene Passagen vedeut- licht, wie z.B. durch Songtexte, die ihm durch den Kopf gehen: „People are strange, when your a stranger, faces look ugly, when your alone”[8].

Die Beziehung zu L. scheint symptomatisch für seine Zerissenheit zwischen Anspruch bzw. Ideologie und seiner Unfähigkeit seine Gefühle zu äußern und Intimität zuzulassen. Auch in dieser Beziehung zeigen sich wieder all die Widersprüche, die er unfähig ist zu überwinden: er, der junge Intellek­tuelle und sie, „ein schönes Mädchen aus dem Volk”[9], er als Vertreter des Bürgertums und sie als Vertreterin des Proletariats. Beide sind mit ihrer Unterschiedlichkeit überfordert, suchten jedoch das jeweils andere bei ih- rem Partner. In dieser Beziehung versuchte er die Klassenunterschiede zu überwinden.

Gegen diese soziale Differenz lehnt er sich auch auf, indem er einen Job in einer Fabrik annimmt. Schon vorher fehlt ihm der Bezug zu dieser Schicht: „Sie gehen zur Arbeit, dachte Lenz. Er verband mit diesem Satz keine Vorstellung”[10]. Hier wird wieder der Hiß zwischen politischer Theorie und praktischem Leben, zwischen toten Begriffen und wirklicher Vorstellung verdeutlicht.

Lenz ist von seinem linken Alltag gelangweilt. Die Betriebsgruppe, die Dis­kussionen und Demonstrationen werden ihm zunehmend fremd und er­scheinen ihm immer sinnloser. Selbst was er sagt, kennt er schon und kann es nicht mehr hören: „Bei irgendeinem Satz über das Verhältnis von poli­tischer Arbeit und persönlichen Schwierigkeiten fiel Lenz ein, daß er genau denselben Satz schon vor ein paar Tagen gesagt hatte, ohne daß er damit je auf Widerspruch gestoßen war. Er unterbrach sich, er rede lauter Blabla, lauter braves vergekautes Zeug”[11].

Deshalb nimmt er den Job in der Fabrik an - um den Begriff Arbeit und Arbeiter sinnlich zu erfassen. Beim Vorstellungsgespräch lernt er einen Türken kennen, der kurz vor der Abschiebung steht. „Er hatte den hef­tigen Wunsch, die Welt durch seine Augen zu sehen. Für einen Augenblick war es ihm, als müßte er ihm um den Hals fallen, ihn sich zum Freund ma­chen” [12]. Dieser Wunsch scheint zunächst etwas verwunderlich - wer möchte schon in die Haut eines von der Abschiebung bedrohten Türken stecken?

Vergegenwärtigt man sich jedoch die psychische Verfassung des Protago­nisten, seine Losgelöstheit aus der Welt, sein Kampf gegen Begriffe und Ideologien, seine Depression, so scheint es logisch, daß er sich eine greifba­re, sinnliche, existentielle, wenn auch bedrohliche Situation wünscht, um sich und das Leben zu spüren. Daß er in dem Moment auch dessen Freund sein möchte, zeigt nur das heftige Bedürfnis nach Erleben, sich auch über diese Verbindung mit dem Türken dies Gefühl einzuverleiben. Doch nachts enden solche Wünsche dann eher in Verzweiflung und Anfällen von Autoag­gression, und selbst währenddessen bricht seine ständige Selbstbetrachtung und -bewertung nicht ab. Die Diskrepanz zwischen Verstand und Gefühl scheint unüberwindbar.

Er meinte L.’s Geruch im Zimmer zu spüren. Sein Glied stand groß und lästig unter der Bettdecke. Er begann es zu streicheln, ließ aber davon ab, als er merkte, daß sich alle sei­ne Phantasien auf weit zurückliegende Erlebnisse bezogen. Er fühlte eine unangenehme Kraft in sich hochsteigen, die seinen Körper starr machte. Er schlug mit dem Kopf und den Fäusten gegen die Wand. Gleichzeitig erschien es ihm blödsinnig, wie er sich benahm. Er wollte sich mit Gewalt von den Bilder be­freien. Er begann zu brüllen, merkte dann, daß er es sich nur vorstellte[13].

Sein Zustand spitzt sich in gewissen Momenten immer wieder zu und er rennt immer wieder ziellos durch die Großstadt, bis er erschöpft ist und sei­ne diffuse Angst nicht mehr spürt. Wiederkehrende Alpträume und Schlaf­losigkeit, sowie Beklemmungen, Schwindel- und Angstzustände erweitern den Katalog seiner psychosomatischen Beschwerden.

2.2.2 Lenz’ Sehnsucht und Aufbegehren - erste Fragmente des Glücks

Lenz ahnt durchaus, was er sucht und auch in Deutschland gibt es für ihn immer wieder Erlebnismomente, in denen er sich öffnet, sich selbst und anderen, doch zunächst sind es nur Momente, die kein Ganzes ergeben, sondern nur Ausdruck einer ziellosen unkonkreten Suche sind.

So erreicht er auch anfangs in der Fabrik einen Zustand der Zufriedenheit:

„Als er anfing, den Arbeitsvorgang zu beherrschen, genoß er es eine Zeitlang jeden Augenblick zu spüren, der verstrich”[14]. „Nach acht Stunden ging er müde und zufrieden nach Hause”[15]. Hier zeigt sich, daß Lenz der linken Theorie überdrüssig ist. Er grenzt sich durch diese Vorgehensweise massiv von seinen linken Freunden ab. Er versucht die sozialen Unterschiede durch Arbeit in der Fabrik und Kontakt zu den Arbeitern zu überwinden. Es ist der vorsichtige Anfang, sich gegenüber der eigenen Ideologie und Szene zu emanzipieren.

Er beginnt aufzubegehren — auch in seiner Diskussionsgruppe. Die Dis­krepanz zwischen politischer Beziehung und persönlicher Beziehung stört ihn massiv. Er sehnt sich nach mehr Nähe und Intimität, aber auch nach mehr Bezug der Theorie zum wirklichen Leben:

„Es kam Lenz im Moment so komisch vor, daß alle diese Genossen [... ] nichts weiter voneinander wissen wollten als diese sauberen Sätze von Mao Tse-tung, das kann doch nicht wahr sein, dachte Lenz”[16]. Sieht man Lenz als Symbolfigur für die 68-er Generation, so war dies wohl ein Merkmal, sich an Theorien zu klammern, deren Inhalten man selbst oft nicht gerecht wurde (siehe Verhältnis Mann und Frau), was dennoch verständlich scheint angesichts der Zustände im konservativen Nachkriegsdeutschland. Dies be­schreibt auch Stephan Reinhardt in seinem Text Nach Innen führt der geheimnisvolle Weg, aber er führt auch wieder heraus: „Als sich aber nach dem Muster der klassischen Theorie die Lohnabhängigen[... ] von den Studenten nicht politisieren ließen, wurde verbissen über die Notwendigkeit einer schlagkräftigen Kadergruppe und Parteiorganisation diskutiert. Wie scholastische Stubengelehrte warf man sich gegenseitig Klassikerzitate an den Kopf, [...]”[17].

In seiner Betriebsgruppe öffnet sich Lenz zum erstenmal und versucht über seine Gefühle zu sprechen. Seine flüchtigen Bekanntschaften zeigen, daß er durchaus jemand ist, dem Zuneigung entgegengebracht wird, doch Lenz schwankt immer wieder zwischen Verstand und Gefühl, zwischen seiner Verklemmtheit und seiner Spontaneität und Radikalität. Darüber hinaus scheitert der Versuch, L. aus seinen Gedanken zu verbannen. Auch eine Affäre kann ihn nicht wirklich von ihr ablenken.

2.2.3 Motive des Südens schon in Deutschland

Die Bedeutung des Südens tritt zum ersten Mal auf, als Lenz mit seiner Affäre Marina einen Ausflug aufs Land macht. Wie auch L. steht diese spontane Aktion Marinas für Gefühl und Lebendigkeit. Lenz reagiert auf die Natur zunächst negativ und empfindet sie als Fremdkörper: „[...] alles kam Lenz so übertrieben, so aufdringlich vor.” „Wie sie auf der Erde lagen, faßte es Lenz wie ein Schwindel, [... ] der Geruch der Erde war ihm fremd und widerlich, [.. .]”[18]. Wie auch später in Italien reagiert er zwischenzeitlich mit Überforderung. Erst als Marina in sexuell anspricht, beginnt er sich zu öffnen und loszulassen. Wieder einmal erlebt er einen Moment, in dem er ankommen kann und in dem auch seine Sehnsucht nach einem anderem Leben verstärkt wird: „Sie erzählte ihm von Griechenland, [...] von dem Licht dort, sie beschrieb ihm den Weg, der von ihrem Haus zum Meer führte [...]. Lenz konnte zuhören, alte vergessen Wünsche wurden in ihm wach”[19].

Seine Sehnsucht drängt sich ihm schließlich so sehr auf, daß er auf der Rückfahrt die Stadt fremd empfindet: „Als sie in die Stadt zurückfuhren, hätte er den Asphalt aufreißen mögen. Er sprach davon, Karate zu ler­nen” [20].

Das Motiv des Südens steht somit als klares Gegenstück zu seiner momen­tanen Lebenssituation. Deutschland und seine linken Theorien stehen für die Stagnation und Leere, in der er sich befindet, während der Süden für Veränderung und Aufbruch steht.

Er hat zwar seine politische Richtung nicht überworfen, jedoch befindet sich Lenz an einem Wendepunkt, an dem ihm seine frühere Umsetzung der Ziele nichts mehr gibt, was Schneider immer wieder anhand von Gesprächen und Szenen verdeutlicht.

So auch als er durch Zufall bei einer Demonstration beteiligt ist, die schließ­lich in Krawallen endet: „[...] es war ein kurzer Festakt des Landfriedens­bruchs.” „Lenz erinnerte sich daran, daß es ihm ganz ähnlich ging, als er seinen ersten Stein geworfen hatte. Er versuchte dann, ihm zu erklären, daß die Zeit für diese Art Demonstrationen vorbei sei, [... ]”[21].

Wie auch im Politischen so sucht er auch im Privaten neue Ausdrucks­möglichkeiten, doch seine Unfähigkeit, sich Mitzuteilen holt ihn auch bei seinem Treffen mit L. ein. Bei diesem Treffen wird erstmals das Italienmotiv eingeführt. Er erinnert sich an das erste Mal, als er L. begegnete.

„Als er sie ansah, traute er zuerst seinen Augen nicht, und dann hatte es ihn wie ein Blitz durchfahren. Als er später mit einem Freund darüber sprach, hatten sie sich darüber lustig gemacht, weil es keine vernünftige Erklärung für dieses Gefühl des Wiedererkennens gab.[...] Aber dann hatte er in einem Buch gelesen, daß die Leute in Sizilien ein solches Ereignis genau mit diesem Namen bezeichneten, sie nannten es den Blitzschlag, und wenn es passierte richteten sich alle danach”[22].

Dadurch wird verdeutlicht, „Italien ist damit schon vor der Reise als sinn­licher Kontrapunkt zu Deutschland, als ein Land, in dem den Gefühlen die gleiche Berechtigung wie dem Verstand zuerkannt wird, im Bewußtsein von Lenz festgeschrieben: [... |”[23]

Doch das Treffen verläuft nüchtern und kopflastig - keine seiner Emotionen kann er zum Ausdruck bringen. Alles verläuft nach alten Gesprächsmustern, in der er und L. gefangen sind und endet in einer trockenen Analyse der Beziehung durch L. Am Ende ihrer Analyse stehen unüberwindbare ge­gensätzliche Positionen, die keine Hoffnung lassen.

Auch mit seinem Freund und Mentor B. überwirft er sich, da dieser seine Probleme nicht begreift, obwohl Lenz durchaus versucht sie zu verdeutli­chen: „Lenz erklärte, er sei in einem schrecklichen Zustand, alles würde ihm entgleiten, er habe das Gefühl aus der Welt herausgefallen zu sein”[24]. Und im weitern Gesprächsverlauf tauchen wieder die Gegensatzpaare Norden und Süden auf, als Lenz von einem Erlebnis in einem spanischen Restau­rant erzählt: „Der Deutsche dagegen habe sich mit seinen Augen an den Händen des Spaniers regelrecht festgesaugt, in seinem Gesicht habe sich ein unbeschreibliches Glück und eine Sehnsucht ausgedrückt, so groß und alt, daß es Lenz einen Stich gegeben habe”[25].

Doch die Harmonie, die er in vereinzelten Momenten in Berlin erreicht, entgleitet ihm immer wieder, ohne daß er wirklich begreift woran es liegt. Nur in Ansätzen wird ihm klar, daß er seiner selektiven Wahrnehmung unterliegt, die seine eigene Unzufriedenheit auf die Außenwelt projeziert: ,,[...] ich habe den bösen Blick, ich sehe schon alles wie durch ein Ver­größerungsglas, das mir nur noch Widerwärtigkeiten zeigt. Immer hin- und hergerissen zwischen den Neurotikern und den Theoretikern, bei den einen die Leidenschaften, bei den anderen die Rettung suchend”[26].

2.2.4 Aufbruch und Leben in Italien / Aufenthalt in Rom und Trento

Als Lenz schließlich eine einfache Fahrkarte nach Rom löst, folgt er einer inneren Eingebung, die sich vorab schon in den verschiedensten südlichen Motiven ankündigte und die seine Suche nach Emotionalität und Sponta­neität bekräftigt. Schneider arbeitet auch hier weiter mit der Er-Erzählung, während jedoch Lenz’ Gedankengänge und die indirekt wiedergegebenen Gespräche eher einem inneren Monolog gleichen.

Schon auf der Zugfahrt nach Italien zeichnet sich ab, daß Lenz nicht einfach dem Glück entgegenfährt, sondern daß zunächst Bilder der Vergangenheit und ungelöste Konflikte in ihm hochkommen. Hier erfährt der Leser das erste Mal etwas über dessen Vergangenheit bzw. Kindheit: „Ihm fiel ein, wie er als Kind am Abend nach einer Bergbesteigung mit seinen Eltern auf die schwarzen Gipfel zurückschaute und sich vorstellte, er müßte jetzt zur Strafe noch einmal allein hinaufsteigen”[27].

Weshalb er überhaupt eine solche Befürchtung hatte und für was diese Strafe hätte sein sollen wird nicht erläutert. Durch die Darstellung der inneren Assoziationen von Lenz, knüpft Schneider an die Tradition des Bildungsromans an.

Die Fremde wirkt auf Lenz zunächst belebend, er ist beeindruckt von den neuen Eindrücken. Vom Zug aus wirkt Italien auf ihn zunächst wie ein Film, der in vielen bunten neuen Farben an ihm vorbeizieht. Die Wäsche, „von Haus zu Haus gespannt”, „Kindersprüche und politische Parolen”[28], die an die Wände gemalt wurden.

Auch die Menschen im Zug bieten ihm neue Szenen, die immense Leben­digkeit austrahlen, Menschen, die ein halbes Picknick im Zug veranstalten und ihre Rotweinflasche herumreichen, während sie angeregte Gespräche führen. Wie schon einmal muß sich Lenz zurückziehen, um diese Leben­digkeit in der Öffentlichkeit und im Alltag zu verarbeiten, auch wenn er höchst begeistert ist. Das, was er in Deutschland so vermißt, wird ihm hier quasi vorgeführt.

Verantwortlich für Lenz’ veränderte Wahrnehmung ist jedoch mit Sicher­heit auch die fremde Sprache - in Italien verfällt er nicht so leicht dem Zwang in vorgefertigten standardisierten Sätzen zu sprechen. Allein diese Tatsache macht es ihm einfacher sich nach und nach von seiner deutschen Identität zu lösen: „Er behielt nur die Melodie des Ausrufs im Ohr, sie gefiel ihm irgendwie”[29]. Die Unfähigkeit sich detailliert mitzuteilen war in Deutschland ein Fluch und wird hier zu einem Weg sich und die Umwelt sensibler Wahrzunehmen und auf eine andere Art zu kommunizieren (und sei es nur durch ,,Blick-Gespräch(e)”[30] ).

Seine erste Zeit in Rom ist noch von einigen Rückfällen geprägt. Nach seiner Ankunft in Rom flüchtet er zunächst vor dem Getöse der Großstadt in eine Pension in die Albaner Berge. Dort beklemmt ihn widerum die Stille und Enge seines Zimmers und er stürzt sich wieder nach draußen.

Wie ein verwunderter Zuschauer bemerkt Lenz, wie Gegensätze, die für ihn unüberwindbar scheinen, in Italien einfach nebeneinander oder sogar miteinander bestehen. So ist z.B. seine Wirtin, die mit einem Polizisten verheiratet ist, auch eine Kommunistin. Durch eine alte Bekannte namens Pierra gerät er in die linke Bourgeousie und ist sehr erstaunt, über die unterschiedliche Umgehensweise mit ein und denselben Themen.

Die Reduktion der Revolution zum Modeartikel, zum schö­nen Schein, geht mit einem für Lenz ungewohnten Interesse am Privatleben einher. Hatten in Berlin seine Bekannten „je­den Konflikt, auch noch den privatesten, auf den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit” zurückgeführt, so versteift sich in Rom die Revolution spielende Bourgeousie darauf, „jeden Konflikt, auch noch den gesellschaftlichsten, aus der Familien­situation abzuleiten”[31].

Während die einen politisieren, psychologisieren die anderen, beides in sei­nen Extremen spricht Lenz nicht an. Das Angebot Pierras, zu ihren Ana­lytiker zu gehen, lehnt er ab. Eine Synthese von Politik und Psychologie bzw. von Verstand un Gefühl erlebt er erst in Trento.

Obwohl er von der linken Bourgeousie enttäuscht ist, weiß er Italien in an­deren Situationen zu genießen - etwa am Meer. Schneider setzt hier bewußt auf die befreiende und reinigende Vorstellung des Meeres, setzt jedoch in seiner Beschreibung des Strandes völlig wertfrei den Schmutz gegenüber, der jedoch genauso zu Italien zu gehören scheint, wie die Angst der Touri­sten vor Trickdieben. Doch selbst dem Diebstahl von Lenz’ Mantel inklusive Geld gewinnt Schneider noch etwas positives ab: „Als Lenz ohne Geld und Mantel dastand, wurde er plötzlich fröhlich”[32].

Bis auf die Kleider hat Lenz nun nichts mehr, was einen Menschen der heutigen Gesellschaft ausmacht und vielleicht ist gerade das die Befreiung die er braucht. Er, als Antikapitalist, beginnt diesen hier nicht nur zu pro­pagieren, sondern ihn zu leben. Des weiteren wird deutlich, daß er immer mehr zum Zuhörer wird.

Was sich in Rom an kleinen Veränderungen vollzog, verfestigt sich mehr und mehr, als er sich entschließt mit seinem Freund B. nach Trento zu fahren.

Obwohl Trento nun keineswegs mehr den typischen Italienvorstellungen entspricht, findet er hier die Aufhebung seiner Gegensätze. In der in den Bergen gelegenen norditalienischen Stadt findet er eine Gemeinschaft von linken Studenten und Arbeitern, die ihn integriert.

„Die Genesung der Titelfigur in Italien schlägt sich in der Erzählweise nie­der. Die indirekte Rede wird immer häufiger durch direkte Rede ersetzt”[33]. Schon auf der Hinfahrt wird Lenz sich seiner veränderten Gemütslage be­wußt: „Es kommt mir jetzt manchmal so vor”, erwiderte Lenz, „als hätte ich das richtige Tempo für meine Wahrnehmungen, für die Verknüpfung meiner Wahrnehmungen mit meinen Erkenntnissen gefunden”[34].

In diesem anderen Kultur-und Sprachraum lernt Lenz die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen. Das, was ihm in Deutschland neben der großen Politik so nebensächlich und profan vorkam, bekommt hier eine gleichwertige Stel­lung: seine Gefühle, seine Vergangenheit und vieles mehr. Er entdeckt sich und das Leben neu und findet eine innere Ruhe, die er lange vermißt hat: „Er spürte, wie sich die Richtung seiner Aufmerksamkeit änderte, wie seine Augen aufhörten, nach innen zu schauen.” „Die theoretischen Kenntnisse, die er sich früher angeeignet hatte, erschienen Lenz plötzlich unentbehrlich, er wunderte sich, warum sie ihm früher so oft wie hohles Gerede vorgekom­men waren”[35].

Auch das Essen empfindet Lenz nicht mehr nur als reine Nahrungsaufnah­me, er wird sich auch des Rituals Essen bewußt. Er lernt genießen und liest auch wieder Romane, nachdem er vorher nur noch Fach- und Sachlitera- tur seine Aufmerksamkeit schenkte. Auch wenn ihm immer wieder Bilder seiner Kindheit einholen und er weiterhin von L. träumt, so stürzt ihn dies nicht mehr in eine Depression, sondern er beginnt zu begreifen, wel­che Beziehung zwischen seiner Vergangenheit und seiner Krise bestanden. Somit arbeitet Schneider hier einerseits mit der idealtypischen Vorstellung von Italien als Seelenretterin, verlagert diese Idealisierung jedoch auf die Menschen, auf die Lenz trifft. So zeigt sich hier eine „Stilisierung der Italie­nerinnen zu besseren Menschen”[36]. Nicht mehr die Natur und Kulturgüter, sondern „vorbildliche Menschen verköpern die heilende Kraft”[37].

In der Geborgenheit der Gruppe ist er fähig, auch Verdrängtes zu ver­arbeiten, so z.B. seinen Schuldkomplex seiner Mutter gegenüber. Italien steht hier somit für die Überwindung von Gegensätzen. So verschaffen ihm die Italiener eine Aussöhnung mit seiner Vergangenheit. In Trento findet er mehr Lebendigkeit durch seine geklärte Vergangenheit: „Da er mit den mei­sten ohne weiteres über L., über einen Traum, über seine Angst sprechen konnte, erschien es ihm nicht mehr wichtig, darüber zu sprechen”[38].

Diese deutsch-italienische Gesellschaft junger Menschen in Trento zeigt ei­ne neue Verbindung zwischen den beiden Ländern. Diese ist nicht aus einer literarischen Tradition heraus entsprungen, sondern aufgrund der Ausein­andersetzung mit der Vätergeneration, woraus sich hier eine gemeinsame Gesinnung ergeben hat: Antikapitalismus und Antifaschismus.

Daß Lenz Italien nicht als seine neue Heimat ansieht, deutet Schneider schon kurz vor Lenz’ Abschiebung nach Deutschland an. So vergißt Lenz immer öfter einfache italienische Wörter, was eine beginnende Distanz zu dieser Sprache ausdrückt, und schließlich fühlt er sich auch nicht mehr in den geliehen Kleidern wohl: „Plötzlich war ihm, als säße er neben sich [...]. Die braunen Cordhosen gehörten dem Stotterer Massimo, den Mantel hatte er von einem Marxisten-Leninisten, mit dem er immer häufiger Streit be­kam, den Pullover hatte eines Abends sein Arbeiterfreund aus dem Schrank geholt”[39].

Wieder in Deutschland macht es ihm zunächst nervös, daß sich nichts wirklich verändert hat. Bis er schließlich die kleinen, ganz privaten Ver­änderungen einzelner Leute erfährt, und sie nicht mehr als unbedeutend abtut. Schneiders Erzählung endet mit der Antwort Lenz’ auf die Frage von seinem Freund B., was er denn nun tun wolle. Als Antwort bekommt er ein „Dableiben” [... ][40]

Trento war somit für ihn ein Ort der Heilung. Nun, da er zu sich gefunden hat und alte Verkrustungen und Verhaltensmuster durchbrochen hat, ist er fähig, in Deutschland einen Neuanfang zu wagen. Italien war ein Weg für ihn, der in Deutschland weitergeht, weswegen ihn die Abschiebung auch nicht sonderlich erschütterte.

3 Schlußbetrachtungen oder Italien für alle?

Mit diesem trockenen Schluß, verzichtet Schneider bewußt auf eine Ab­solutheitsstellung Italiens, „worauf vor allem Trento als nicht-literarisch fixierter Ort hinweist”[41]. Zwar spielt Trento für Lenz eine zentrale Hol­le, diese wird jedoch nicht verallgemeinert. Lenz preist seinem Freund B. Italien nicht als Heilsweg an, als dieser bemerkt, er wolle nach Lateiname­rika. Somit stellt Italien einen ganz individuellen Weg dar, der allerdings nicht unbedingt übertragbar ist. „Lenz’ Heilung ist auch anderswo als in Italien denkbar, nämlich überall, wo sich ein lebendiges und solidarisches Proletariat findet”[42].

Dies stellt eine Absage an jeglichen Dogmatismus dar, nicht nur in Bezug auf Italiens Heilsstellung, sondern auch in Bezug auf Politik. „Schneider gibt dem Stillstand der linken Bewegung eine positive Deutung, indem er auf diese Periode des Sicheinrichtens in den damals eroberten Freiräumen” hinweist. Nicht .Umkehr’, sondern .Korrektur’ ist sein Fazit”[43].

Der Protagonist verändert seine politische Einstellung nicht, er geht nur an­ders damit um, auch mit tatsächlichen und vermeintlichen Widersprüchen. Dazu muß er jedoch nicht in Italien bleiben - er nimmt es sozusagen mit nach Deutschland. Er braucht den Süden nicht mehr, um sich authentisch zu fühlen.

Frei nach dem Motto „Es gibt viele Wege, die zu sich selbst und zu einem authentischerem Leben führen und auch kleine Veränderungen können die Gesellschaft verbessern” - hierdurch ist Peter Schneiders Erzählung ein Plädoyer für mehr Individualität, Sensibilität, Offenheit und Toleranz, was man mit den entsprechenden Menschen in Italien finden kann, aber nicht muß, da diese auch woanders sein können, wenn man die Augen offen hält.

Literatur

[1] Helmut Kreutzer. Deutsche Gegenwartsliteratur, chapter Neue Sub­jektivität. Zur Literatur der siebziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland, pages S.77-101. Phillipp Heclam jun. Stuttgart, 1981.
[2] Italo Michele Battaferano und Hildegard Eilert. Deutsche Italienlite­ratur im 20. Jahrhundert - Von Linden und roter Sonne, chapter Sonnenaufgang: Wiedergeburt, pages S. 199-213. Lang, Bern, 2000.
[3] Markus Meik. Peter Scheiders Erzählung ,,Lenz” Zur Entstehung eines Kultbuches. Carl Böschen Verlag, 1997.
[4] Martin Luchsinger. Mythos Italien. Böhlau Verlag, 1996.
[5] Peter Beicken. Deutsche Literatur in der Bundesrepublik seit 1965, chapter „Neue Subjektivität”: Zur Prosa der siebziger Jahre, pages S. 164-179. Athenäum Verlag GmbH, Königstein/Ts., 1980.
[6] Peter Schneider. Lenz. Hot buch Verlag, 1998.
[7] Stephan Reinhardt. Nach dem Protest Literatur im Umbruch, chap­ter „Nach innen führt der Weg, aber er führt auch wieder heraus.”, pages S. 158-183. Suhrkamp Verlag, 1979.
[8] Timm Reiner Menke. Germanistische Texte und Studien Band 18 Lenz-Erzählung en in der deutschen Literatur. Georg Olms Verlag, 1984.

[...]


[1] [3], s. 13

[2] [1], S. 80

[3] [8], S. 107

[4] [6], S. 5

[5] [6], s. 6

[6] [6], S. 5

[7] [6], s. 5

[8] [6], S. 6

[9] [6], S. 44

[10] [6], s. 6

[11] [6], S. 9

[12] [6], S. 11

[13] [6], S. 12

[14] [6], S. 13

[15] [6], S. 14

[16] [6], s. 28

[17] [6], S. 163

[18] [6], S. 22

[19] [6], S. 23

[20] [6], S. 23

[21] [6], S. 24

[22] [6], S. 43

[23] [2], S. 201

[24] [6], S. 48

[25] [6], S. 49

[26] [6], S. 49

[27] [6], S. 52

[28] [6], S. 52

[29] [6], S. 52

[30] [6], S. 53

[31] [2], S. 205

[32] [6], S. 60

[33] [2], S. 210

[34] [6], S. 75

[35] [6], S. 81

[36] [6], S. 107

[37] [4], S. 107

[38] [6], S. 82

[39] [6], S. 89

[40] [6], S. 90

[41] [2], S. 211

[42] [4], S. 107

[43] [5], S. 165

2 von 17 Seiten

Details

Titel
Peter Schneider - Lenz: Die Diskrepanz zwischen linker Theorie und der Sehnsucht nach mehr Sinnlichkeit und Authentizität - oder Italien als Therapie für verdrossene Linke?"
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
PS Italienbilder in der deutschen Literatur der Nachkriegszeit
Note
1.5
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V107248
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter, Schneider, Lenz, Diskrepanz, Theorie, Sehnsucht, Sinnlichkeit, Authentizität, Italien, Therapie, Linke, Italienbilder, Literatur, Nachkriegszeit
Arbeit zitieren
Miriam Oberle (Autor), 2002, Peter Schneider - Lenz: Die Diskrepanz zwischen linker Theorie und der Sehnsucht nach mehr Sinnlichkeit und Authentizität - oder Italien als Therapie für verdrossene Linke?", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107248

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