Die Adaption der weiblichen Gesangsstimme als Mittel zur Dominanz musikalischer Produktion in E. T. A. Hoffmanns Rat Krespel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

21 Seiten, Note: 2,0


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Entstehungsgeschichte
1.2 E. T. A. Hoffmanns Leben als Künstler
1.3 Abgrenzung der Arbeit

2 Musik als Machtinstrument des Rat Krespel
2.1 Dominanzobjekte des Rat Krespel
2.2 Einsatz von Musik als Machtinstrument im Lebenslauf des Rat Krespel
2.2.1 Der Rat Krespel als Mann auf Brautschau
2.2.2 Rat Krespel als Vater.
2.2.3 Rat Krespel als autonomer Musiker
2.3 Rat Krespels Befreiung vom Dominanzstreben

3 Konklusion

4 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Einordnung des „Rat Krespel“ in die Rahmenerzählung der Serapionsbrüder

Abbildung 2: Substitutionskette der Dominanzobjekte im „Rat Krespel"

Abbildung 3: Zusammenfassung Inhalt, Raum- und Zeitstruktur in „Rat Krespel“

1 Einleitung

1.1 Entstehungsgeschichte

E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Rat Krespel“1 erschien erstmals im „Frauentaschenbuch für das Jahr 1818“.2 Dieser Erstdruck war mit einer Briefumrahmung (Ein Brief von Hoffmann an Herrn Baron de la Motte Fouqué) ausgestaltet, in der der Autor den Herausgeber zunächst um Entschuldigung bittet, dass er den versprochenen Beitrag für das Frauentaschenbuch nicht leisten kann.3 Kaum ist die Absage jedoch formuliert, wird der Autor von einer Schaffenskraft erfasst, die es ihm schließlich erlaubt, das Werk fertigzustellen. Daher formuliert der Autor ein Postskriptum, in dem er den Prozess seiner Kunstproduktion darlegt und das entstandene Werk sogleich zur Durchsicht anhängt.

Die Bedeutung, dieser auf den ersten Blick als unnötiges Beiwerk zur Erzählung wirkenden Briefumrahmung, darf keinesfalls unterschätzt werden.4 Der Brief verleiht Einblick in den Schaffensprozess von E. T. A. Hoffmann, der direkt zur Frage nach den Bedingungen der Kunstproduktion führt, die auch das Kernthema der Erzählung „Rat Krespel“ darstellt.

Aus diesem Gesichtspunkt kann die Erzählung nur inklusive der Briefumrahmung in vollem Umfang gewürdigt werden. Da bei der Umarbeitung der Erzählung Ende 1818 zur Aufnahme in den Sammelband „Die Serapionsbrüder“ diese Briefumrahmung weggefallen ist, muss sie zu einer vollständigen Deutung auch im Erzählkontext der Serapionsbrüder mit berücksichtigt werden. „[...] wo sie [die Briefumrahmung, cms] fehlt, muß diese Erzählung ganz anders wirken. Das zeigt sich auch an der Reaktion der Serapionsbrüder auf Theodors Erzählung vom Rat Krespel, in der der Briefrahmen, begreiflicherweise, weggelassen wurde.“5

1.2 E. T. A. Hoffmanns Leben als Künstler

Weiterhin ist diese Briefumrahmung interessant, da sie, wie schon oben angedeutet, Hinweise auf die Kunstproduktion Hoffmanns gibt. Zur Zeit der Entstehung war Hoffmann wieder fest als Kammergerichtsrat in Berlin im Staatsdienst angestellt.6 Damit war für Hoffmann einerseits „[...] die lange Zeit der Unsicherheit und des Umherziehens [...] zu Ende.“7. Andererseits bedeutete die Rückkehr in den sicheren Broterwerb des Staatsdienstes jedoch eine Abkehr von der Sehnsucht, Künstler zu sein, die Hoffmann sein ganzen Leben lang antrieb.8 Insbesondere im Versuch, sich als Musiker zu etablieren, war Hoffmann insgesamt gescheitert.

Einerseits musste Hoffmann diesen Schritt zurück in den Staatsdienst – die Abkehr vom Lebenstraum – daher als persönliches Versagen empfunden haben. Andererseits konnte er aus der sicheren Obhut des Staatsdienstes heraus die Kunst ohne Notwendigkeit zum wirtschaftlichen Erfolg betreiben. Insofern bedeutete der scheinbare Rückschritt in die bürgerliche Erwerbswelt für Hoffmann einen großen Fortschritt in Bezug auf seinen Wunsch, sich künstlerisch erfolgreich zu betätigen.

Diese zufriedene Grundhaltung der neuen Situation gegenüber kann beispielsweise aus der Briefumrahmung zum „Rat Krespel“ gelesen werden. „Der dem Kerker entschlüpfte Vogel kehrt zurück, um Atzung zu finden, die er verwöhnt und hülflos geworden draußen nicht zu finden wußte“9

1.3 Abgrenzung der Arbeit

Ein Zugang zu E. T. A. Hoffmanns rätselhafter10 Novelle ist über die Musik. „Das Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt, hängt [...] mit der Musik zusammen“11. Im Rahmen dieser Arbeit soll daher untersucht werden, welche Besonderheiten in der Erzählung „Rat Krespel“ in Bezug auf die Musik auszumachen sind. Hierbei werde ich insbesondere auf das Streben des Rat Krespel eingehen, musikalische Produktion zu dominieren. Ein wesentliches Mittel dazu ist die Dominanz der weiblichen Gesangsstimme. Auf diese Zusammenhänge werde ich im Einzelnen eingehen.

Bereits die Einordnung der Erzählung in den Rahmen der Serapionsbrüder ist durch eine auffällige Betonung der Musik gekennzeichnet. Theodor, der im Rahmen der versammelten Serapionsbrüder die Geschichte vom Rat Krespel erzählen will, nimmt in einer prokataleptischen Weise die zu erwartende Kritik der Serapionsbrüder bereits vorweg. „Befürchten muß ich nur, zumal da von Musik viel die Rede sein dürfte, daß ihr mir denselben Vorwurf machen werdet, den ich unserem Cyprianus entgegenwarf, nämlich, daß ich meinen Gegenstand phantastisch ausschmücke und viel von dem Meinigen hinzufüge, was denn doch nicht der Fall sein wird.“12

Die bereits vorweggenommene Kritik fällt dann nach Beendigung der Erzählung auch mindestens so heftig aus, wie von Theodor erwartet. Der Serapionsbruder Lothar rügt die Erzählung auf das Schärfste. „[...] das ist abscheulich – abscheulich sage ich und kann das harte Wort nicht zurücknehmen.“13 Der Grund für die verfehlte Erzählung liegt nach Lothars Meinung hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass die Musik einen Kernaspekt darstellt, die Theodor an einer objektiven Erzählung hindert. „[...] denn ich weiß es ja, sobald nur die Musik im Spiele ist, gerätst du in einen somnambulen Zustand und hast die seltsamsten Erscheinungen.“14

Es gelingt Theodor mit der Erzählung von Rat Krespel daher nicht, die Stimmung der Serapionsrunde vom Wahnsinn, der in der Erzählung des heiligen Serapion geschildert wurde, über den Spleen des Rat Krespel in die gesunde Vernunft zu überführen. „Du wolltest einen sanften Übergang vom Wahnsinn durch den Spleen zur gesunden Vernunft bewirken und stellst Bilder auf, über die man, faßt man sie recht scharf ins Auge, alle gesunde Vernunft verlieren mag.“15

So wie bereits der Rahmen der Erzählung durch Musik stark beeinflusst ist, können noch weitere textexterne Stellen zur Deutung der Erzählung mit herangezogen werden (vgl. Abbildung 1). Da ich mich jedoch hauptsächlich auf eine textinterne Erfassung der Erzählung konzentrieren möchte, werde ich diese textexternen Stellen nur am Rande mitberücksichtigen, um die Motivation des Rat Krespel zur Dominanz musikalischer Produktion näher zu erläutern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ablehnung der Geschichte insbesondere durch Lothar, der sie „abscheulich“ (S. 66) nennt.

Quelle: Eigene Darstellung

Abbildung 1: Einordnung des „Rat Krespel“ in die Rahmenerzählung der Serapionsbrüder

Im Rahmen dieser Arbeit werde ich darauf eingehen, wie der Rat Krespel die Musik dazu benutzt, um Herr seines Schicksals zu werden und zu bleiben. Dabei werde ich die Rolle analysieren, die die Produktivität im Leben des Rat Krespel spielt. Darauf aufbauend werde ich untersuchen, wie der Rat Krespel mit seiner Musik und der Musik anderer umgeht, um sein direktes Umfeld zu dominieren und so seinem Streben nach Produktivität, insbesondere musikalischer, gerecht wird. Dabei werde ich zeigen, dass der Rat Krespel nur seine Musik duldet und dass sein Musikinteresse primär dadurch motiviert ist, die Musikausübung anderer zu kontrollieren, um sich ins Zentrum musikalischer Produktivität zu stellen.

2 Musik als Machtinstrument des Rat Krespel

2.1 Dominanzobjekte des Rat Krespel

In der Erzählung „Rat Krespel” lässt sich ausmachen, dass Krespel die Tendenz dazu hat, andere zu dominieren. Dominanz und Kontrolle sind bis zum Tod Antoniens das zentrale Lebensziel von Krespel. „[...] weil ich mir vor einiger Zeit einen Schlafrock anfertigte, in dem ich aussehen wollte wie das Schicksal oder wie Gott!“16

Gelingt ihm die Dominanz nicht mehr, beispielsweise durch Verweigerung der

Unterordnung, substituiert er die Dominanzobjekte durch andere (vgl. Abbildung 2).17 Ebenso verfährt er, wenn ihm die Dominanz alleine nicht mehr ausreicht. In einem solchen Fall will er ein Dominanzobjekt nicht nur dominieren sondern zusätzlich seine Fähigkeiten adaptieren18 und alleine für sich beanspruchen.

Insgesamt spielt die Musik eine entscheidende Rolle, da sie das Dominanzstreben motiviert und ermöglicht. Die Kunst der Musikausübung versetzt Krespel in die Lage, sein Schicksal und das anderer, insbesondere das Antoniens, zu dominieren und sich im Zentrum der Produktivität zu positionieren.

Erst wenn diese Substitutionskette durchbrochen wird, d. h. die Tochter tot ist und die Instrumente zerstört wurden, endet der Drang, Gott und Schicksal sein zu wollen. Im Folgenden soll anhand des Lebenslaufs von Krespel erläutert werden, wie Krespel die Musik zur Durchsetzung seiner Schicksalsambitionen einsetzt und wie er durch die Substitution seiner Dominanzobjekte seinem Ziel näher kommt, die Produktion von Musik zu dominieren und zu kontrollieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Theilacker 1987, S. 277

Abbildung 2: Substitutionskette der Dominanzobjekte im „Rat Krespel"

2.2 Einsatz von Musik als Machtinstrument im Lebenslauf des Rat Krespel

In der Erzählung „Rat Krespel“ lässt sich ein musikmotivierter Lebenslauf des Rat Krespel ausmachen, der die drei Stufen analog zur Substitutionskette enthält (vgl. Abbildung 3):

- Mann: Bewährung in der Brautwerbung
- Vater: Flucht vor der Ehefrau und Dominanz der Tochter
- Autonomer Musiker: Dominanz der Musikwelt

Im Folgenden sollen diese Stufen des Lebenslaufes näher beschrieben werden. Dabei wird insbesondere auf die Schlüsselrolle der Musik eingegangen, die es dem Rat immer wieder aufs neue ermöglicht, die nachfolgenden Lebensphasen einzunehmen, die den Substitutionen der Dominanzobjekte entsprechen (vgl. Abbildung 2 und Abbildung 3).

Hochzeit mit Angela

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Abbildung 3: Zusammenfassung Inhalt, Raum- und Zeitstruktur in „Rat Krespel“

2.2.1 Der Rat Krespel als Mann auf Brautschau

Aus dem Text kann erschlossen werden, dass Krespel in einer Zeit vor der Erzählzeit eine erfolgreiche Ausbildung als Diplomat und Jurist absolviert hat. Sein Leben gründet sich bis in die erzählte Zeit hinein auf dieser erfolgreich abgeschlossenen und offensichtlich durch praktische Arbeit stetig entwickelten Ausbildung.

[...]


1 Zum Vorbild des literarischen Rat Krespel vgl. Haase 1985

2 vgl. Serapionsbrüder, S. 1268

3 vgl. im Folgenden Serapionsbrüder, S. 1274ff

4 vgl. Serapionsbrüder, S. 1275

5 Serapionsbrüder, S. 1275f [Hervorhebungen im Original, cms]

6 vgl. Steinecke 1997, S. 44

7 Steinecke 1997, S. 44

8 vgl. Göbel 1994, S. 78

9 Serapionsbrüder S. 1271

10 vgl. Serapionsbrüder S. 1277

11 Serapionsbrüder, S. 1277

12 Poetische Werke, S. 38

13 Poetische Werke, S. 66

14 Poetische Werke, S. 66

15 Poetische Werke, S. 65

16 Poetische Werke, S. 54

17 vgl. Theilacker 1987, S. 265ff

18 vgl. Theilacker 1987, S. 271

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Die Adaption der weiblichen Gesangsstimme als Mittel zur Dominanz musikalischer Produktion in E. T. A. Hoffmanns Rat Krespel
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Hauptseminar: 'E. T. A. Hoffmann: Komponist, Musikschriftsteller, Erzähler'
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V107280
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adaption, Gesangsstimme, Mittel, Dominanz, Produktion, Hoffmanns, Krespel, Hauptseminar, Hoffmann, Komponist, Musikschriftsteller, Erzähler“
Arbeit zitieren
Christof Stotko (Autor), 2002, Die Adaption der weiblichen Gesangsstimme als Mittel zur Dominanz musikalischer Produktion in E. T. A. Hoffmanns Rat Krespel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107280

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