Ein Hauch von Nichts - Eine Annäherung an das Nichts unter besonderer Berücksichtigung von Martin Heideggers Abhandlung - Was ist Metaphysik? -


Seminararbeit, 2001
12 Seiten

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Inhalt

Einleitung

1. Das Nichts nichtet: Metaphysik als Lyrik, die der Logik trotzt
1.1. Ansatz
1.2. Vom Seienden über das Nichts zur Erkenntnis des Daseins - Das Nichts in Heideggers "Was ist Metaphysik"
1.2.1. Der Weg zum Nichts
1.2.2. Das Nichts: Wesen und Tätigkeit
1.2.3. Wider die Logik
1.3. Schlussfolgerung

2. Panorama: Kritik und Ausblick
2.1. Heimholung des Nichts: Sartre

Siglen

Bibliografie

You ´ ve come from nothing, and you ´ re going to nothing. So what have you lost? Nothing! (Monty Python ´ s "Life of Brian")

Einleitung

Als ich einer Freundin erzählte, dass ich nun an einem Seminar über Ontologie, die "Lehre vom Seienden, insofern dieses ist" teilnähme, bildete sich eine senkrechte Falte zwischen ihren Augenbrauen. "Und was bringt uns das zur Beseitigung von Krieg und Welthunger?" Konkret, also in erster Konsequenz, musste ich zugeben, nicht so richtig viel, oder genauer betrachtet eigentlich gar nichts. NICHTS. Damit lag die endgültige Frage im Raum: Über das Sein wissen wir - seit jenem Seminar - alles1. Wie aber steht es um das Nichts?

Was ist das Nichts? Ist es ‘ganz einfach’ das Gegenteil von Sein oder im Gegenteil gar der Ursprung des Seins? Ist es überhaupt sinnvoll möglich, über Nichts nachzudenken und sich darüber auszutauschen? Dass Nichtiges Alltagsgesprächen und wissenschaftlichen Abhandlungen zu beträchtlichem Volumen verhelfen kann, sei unbestritten. Doch wie steht es um den Erkenntnisgewinn solcher reflexiven oder kommunikativen Akte?

Gilt Parmenides´ Urteil wer nichts denkt, denkt nicht 2 - und dementspre- chend ´wer über Nichts redet, redet gedankenlos daher´? Er trüge somit nichts zur Lösung der Probleme der Gegenwart bei, sondern übte sich im ´virtual groo- ming´3: warme Luft erschüttern zur Pflege sozialer Beziehungen.

Wenn es das Nichts gibt, wo ist es dann? Nirgendwo, weil es keinen Raum einnimmt? Ist es um alles andere herum, gleichsam die Suppe, in der Sein und Seiendes schwimmen, ist es vom Sein hervorgebracht oder einfach zusammen mit diesem auf die Welt gekommen? Wir wollen diese Möglichkeiten exemplarisch betrachten an Hand von Martin Heideggers Werk "Was ist Metaphysik?" Es wird uns allerdings nicht erspart bleiben, anschliessend einige andere Stimmen zum Nichts zu bedenken und endlich in einem ergebnisoffenen Gedankenspiel die Fra- ge aufzuwerfen, ob es nicht einfach überhaupt nichts ist mit dem Nichts.

1. Das Nichts nichtet Metaphysik als Lyrik, die der Logik trotzt

1.1. Ansatz

Welchen Sinn hat das Sein? Keine geringere als diese Fundamentalfrage der Philosophieüberhaupt 4 stellt Martin Heidegger zu Beginn seiner Karriere in den Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Arbeitens. Sie wird ihn innerhalb weniger Jahre zum NICHTS führen.

Die gesamte Philosophie der vergangenen zweieinhalb Jahrtausende, davon ist er überzeugt, hat konsequent am Thema vorbeigearbeitet und das Sein nur vom Seienden her, nicht aber an ihm selbst untersucht5 . Dieser Seinsvergessenheit will er ein Ende machen. Er nimmt sich nichts weniger vor, als die Ontologie ab den Vorsokratikern neu zu schreiben: Im destruierenden Rückgang durch die Seins- thesen der abendländischen Metaphysik seit Platon ...'verwindet' er diese im 'Schritt zurück' vor die Metaphysik.6 Die in seinem Hauptwerk "Sein und Zeit" geplante Destruktion der Ontologie 7 wird allerdings nicht mehr zur Durchführung gelangen, weil Heidegger zwischenzeitlich seinen Ansatz ändert.

Zunächst aber entwirft er unter der Maxime zu den Sachen selbst seine phä- nomenologische Ontologie8 die, wie angekündigt, zur Seinserkenntnis ohne den Umweg über die Betrachtung des Seienden vorstoßen will. Um zu "den Sachen selbst" vorzudringen, bedient er sich eines Kunstgriffs seines Lehrers Husserl, der Phänomenologischen Reduktion: Da die Frage, ob der Erkenntnisgegenstand auch unabhängig vom fragenden Bewusstsein ("wirklich") 9 s e i, zu schwer zu beant- worten ist, sieht man schlicht davon ab, sie zu stellen, und tut im weiteren so als ob.

Dann kann Heidegger den Erkenntnisgegenstand isolieren. Zur Trennung von Sein und Seiendem formuliert er die ontologische Differenz10 die, wie er selbst sagt , das Nicht zwischen Seiendem und Sein11 beschreibt.

Da nun ein 'Nicht' essentieller Steigbügel geworden ist, um zum Sein vorzu- stoßen, das 'Nicht' sich aber seiner Überzeugung nach aus dem 'Nichts' herleitet, müssen Nicht und Nichts noch einmal eingehend betrachtet werden. Die Vorle- sung "Was ist Metaphysik?" von 1929 liefert uns hierzu die aufschlussreichsten Einsichten.

Eine manifeste Erschwernis bei Studium und Bewertung von Heideggers Thesen ist, dass er sie nicht mehr in einer begründenden Rede [entwickelt], sondern in einer archaisierend dichterischen Sprache, in der das Sein sich ... 'entbergen' soll12 , oder, wie uns der Brockhaus berichtet, in denkerischer Zwiesprache mit der Dichtung F. Hölderlins13.

1.2. Vom Seienden über das Nichts zur Erkenntnis des Daseins - Das Nichts in Heideggers "Was ist Metaphysik"

1.2.1. Der Weg zum Nichts

Der Mensch als Seiender verhält sich14 zum Seienden - so viel bleibt als selbstverständlich vorausgeschickt. Erst wenn er aber Wissenschaft betreibt, bohrt er sich Kraft der Sachlichkeit seines wissenschaftlichen Tuns in das Seiende hin- ein und bricht so in das Ganze des Seienden ein. Durch diesen Einbruch verhilft er dem Seienden allererst zu ihm selbst15 - wo auch immer es vorher war. Der Mensch verweilt dort aber nicht, sondern macht sich, kaum angekommen, so- gleich daran, das Ganze des Seienden zu transzendieren. So stößt er auf das Nichts.

Aber es ist nicht forschendes Drängen, das Seiendes und Nichts offenbart.

Stimmungen, zum Beispiel Langeweile oder Freude, offenbaren uns das Seiende im Ganzen16 , während die Grundstimmung der Angst das Seiende wegrücken, entgleiten lässt: Die Angst offenbart das Nichts17 , das uns bisher durch unsere Fixierung auf das Seiende verstellt geblieben ist.18

1.2.2. Das Nichts: Wesen und Tätigkeit

Nach dem Nichts fragen wir, als ob es ein Seiendes wäre.19 Dabei ist es ge- nau das Gegenteil, die Verneinung der Allheit des Seienden, das schlechthin Nicht-Seiende.20 Wenn auch noch nicht klar wird, ob es dem Seienden vor- oder nachgeordnet ist, so ist es jedenfalls ursprünglicher als das Nicht und die Vernei- nung. Damit hängt sogar der Verstand selbst in irgendeiner Weise vom Nichts ab21 .

Sein Wesen ist die Nichtung, die abweisende Verweisung auf das entglei- tende Seiende im Ganzen: es zeigt, dass das Seiende endlich ist bzw. auch einfach nicht sein könnte. Seine Tätigkeit ist das Nichten: Das Nichts selbst nichtet, und offenbart damit das Seiende in seiner vollen, bislang verborgenen Befremdlichkeit als das schlechthin Andere - gegenüber dem Nichts22 . Poetisch zugespitzt gewinnt diese These - ausnahmsweise - an Klarheit: In der hellen Nacht des Nichts der Angst ersteht erst die ursprüngliche Offenheit des Seienden als eines solchen: daßes Seiendes ist - und nicht Nichts23 . Das Seiende ist also, und es wäre auch ohne das Nichts, wüsste es aber nicht.

Wie steht es nun um den Menschen? Dessen Dasein kann sich erst auf Grund dieser ursprünglichen Offenbarkeit des Nichts zum (sonstigen) Seienden verhalten. Da-sein heißt: Hineingehaltenheit in das Nichts24 , und geht damit je schonüber das Seiende im Ganzen hinaus: es transzendiert das Seiende. Erst da- durch kann es sich zu diesem - und zu sich selbst - verhalten: Ohne ursprüngliche Offenbarkeit des Nichts kein Selbstsein und keine Freiheit.25

Annehmend, das Sein schwimme im Nichts, kann der befreite Mensch nun die Leinen loswerfen, sein Transzendenzpaddel zur Hand nehmen und ein wenig hinausschippern, um die Küstenlinien und Konturen des Seienden von aussen zu betrachten. Er hat die Freiheit, zu schauen und zu fragen. Die Verwunderung über das sich offenbarende Nichts verleiht uns die Fähigkeit zu fragen und zu begrün- den, und dadurch ist unserer Existenz das Schicksal des Forschers in die Hand gegeben.26

1.2.3. Wider die Logik

Was will Martin Heidegger mit der langen, schwierigen Rede? Eine wörtli- che, nicht metaphysisch mitschwingende Lektüre erlaubt eine allzu profane Deu- tung: Selbstbeweihräucherung. Mit viel Geklingel erhebt er das eigene Metier, die Metapysik, über die Naturwissenschaften und die in ihnen regierende Logik.

Eröffnet wird die Partie mit der Behauptung: Mathematische Erkenntnis ist nicht strenger als die philologisch-historische.27 Das klingt hier noch etwas un- motiviert, wird aber bald unterfüttert. Wir holen etwas aus, um die Argumentati- onskette im Ganzen nachzuvollziehen. Im Anfang waren Sein UND Nichts: Das Nichts gibt nicht erst den Gegenbegriff zum Seienden her, sondern gehört ur- sprünglich zum Wesen [des Seins (5. Aufl.1949)] selbst. Im Sein des Seienden ge- schieht das Nichten des Nichts.28 Nicht etwa wäre das Nichts eine sekundäre Er- rungenschaft aus der Verneinung des Seienden. Es ist schon da, nur ist es uns, die wir uns an der Oberfläche des Seins drängen in seiner Ursprünglichkeit verstellt. Die offenbart sich aber, und zwar vor allem in der Verneinung. Diese gründet sich auf das Nicht, das dem Nichten des Nichts entspringt.29

Die durch logische Folgerungen gewonnene Erkenntnis dieser Umkehrung - dass die Verneinung aus dem Nichts entspringe, nicht dieses aus jener - ist das schwere Geschütz einer Palastrevolte:

Wenn so die Macht des Verstandes im Felde der Fragen nach dem Nichts und dem Sein gebrochen wird ... [löst sich] die Idee der Logik selbst auf im Wir- bel eines ursprünglicheren Fragens.30 Die Folgen sind schwerwiegend: Die Frage nach dem Nichts ... [zwingt uns] vor die Entscheidungüber die rechtm äß ige Herrschaft der Logik in der Metaphysik.31 Sie fällt negativ aus. Denn die Meta- physik ist das Grundgeschehen im Dasein, gar das Dasein selbst, und keine Stren- ge einer Wissenschaft [erreicht] den Ernst der Metaphysik.32 Dort geht es nämlich um jenes Denken, das in der Erfahrung der Wahrheit das Seins, nicht aber in der Betrachtung der Gegenständlichkeit des Seienden, seine Quelle findet.33 Ergo: Die Metaphysik ist wertvoller, und der sich mit ihr Beschäftigende wichtiger. q.e.d.

1.3. Schlussfolgerung

Heideggers 'Nichts' könnte genausogut 'All(es)' heissen, denn es gehört un- abdingbar zum Seienden und ist, mehr noch, um das Seiende herum, oder einfach 'Seins-Ebene B' wenn es sich darum handelt, das Seiende von einer höheren Warte aus zu untersuchen. Die Route über das 'Nichts' zu nehmen ist erklärtermaßen ein Gedankenexperiment (Wir verzichten darauf [über Metaphysik zu reden]. Statt dessen erörtern wir eine bestimmte metaphysische Frage 34 ) zum finalen Lobpreis der Metaphysik.

Wenn wir als intentionalen Kern der Abhandlung den Angriff auf die logischen Wissenschaften herausschälen dürfen, beweist Martin Heidegger in "Was ist Metaphysik?" vor allem, dass in den Händen des Wortakrobaten selbst Nichts eine verderbliche Waffe gegen die Logik ist.

2. Panorama: Kritik und Ausblick

Die Eingangsfrage war: Was ist Nichts, wo ist es und was tut es? Nach ein- gehender Heidegger-Lektüre fassen wir zusammen (nicht ohne ein böses Schmunzeln um den Mund, wenn wir uns an Heideggers Jubel über die gebroche- ne Macht des Verstandes und den Sieg über die Logik35 erinnern): Sein und Nichts gehören ab ovo zusammen (Nichts ... gehört ursprünglich zum Wesen [des Seins] selbst36 ), bleiben aber dennoch getrennt wie Eidotter und Eiklar. Transzen- diert man das Seiende - die räumliche Metapher trägt - gelangt man ins Nichts und ist damit selbst und frei. (s.o.)

Eine Verunklärung findet jedoch schon viel früher statt, nämlich schon im Ansatz der phänomenologischen Ontologie: Wie kann es möglich sein, zum Sein vorzustoßen, ohne vom Seienden her zu blicken, wenn die Phänomene doch gera- de im Bereich des Seienden zu finden sind? Wo wird erklärt, wie das Sein selbst sich äussert? Und welche dieser möglichen Äusserungen, wenn sie sich uns nicht gerade in Form eines Phänomens enthüllen, können wir überhaupt goutieren?

Die deutlichste Kritik erfährt Heideggers Begriff durch die sprachanalyti- sche Philosophie, der die Rede vom 'Nichten des Nichts' als Prototyp sinnlosen Redens gilt...37 Dem bleibt kaum noch etwas hinzuzufügen, allenfalls noch als Il- lustration folgende Heidegger-Passage: Jenes nichtende Nicht des Nichts und die- ses nichtende Nichts der Differenz sind zwar nicht einerlei, aber das Selbe im Sin- ne dessen, was im Wesenden des Seins des Seienden zusammengehört.38

Klar und verständlich erscheint dagegen eine Version, die uns Aristoteles hinterlassen hat: Der Schatten des Nichts lässt das Seiende in seiner Seiendheit ausdrücklich erscheinen39 - ein Bild, so scharf wie die Inschrift eines alten Grabsteins in der Abendsonne.

Faszinierend bleibt die Bedeutung des Nichts als Antriebskraft: So wie Hei- degger formuliert Nur auf dem Grunde der Verwunderung - d.h. der Offenbarkeit

des Nichts - ... können wir in bestimmter Weise nach Gründen fragen ... [und] ist unserer Existenz das Schicksal des Forschers in die Hand gegeben40 , so präzi- siert Klaus Riesenhuber: Die Sein-Nichts-Polarisierung des Horizonts der Welt ist also Bedingung der Möglichkeit und positiver Antrieb dafür, daßmenschliches Verstehen in kritischer Unterscheidung nach den letzten Gründen, die in ihrer Notwendigkeit keine realen Alternativen neben sich haben, zu forschen beginnt.41 Sein allein wäre zwar etwas, führte aber zu nichts; erst gepaart mit dem Nichts entsteht eine Art Materie-Antimaterie-Antrieb der Geistesgeschichte. Er spiegelt sich im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß - von den mythologischen Wurzeln der Zivilisation bis hin zur Bildersprache Holly- woods.

Wer dem Nichts eine noch wichtigere Rolle zuschreiben will, muss es in den Mittelpunkt rücken: Nichts ist Voraussetzung und Ursprung von allem, ist der Raum des Seienden und gleichzeitig dessen versammelnde Mitte - wie das Loch der Nabe die Mitte des Rades und die leere Höhlung der Sinn des Gef äß es sind, schreibt Lao-Tse42. Nichts nicht nur als trostspendende Entlastung vom Übel des Daseins, im Nirwana, sondern geradezu als Herz des Seins - da kann die westliche Denke unserer Tage nicht mehr mit. Nichts ist in jedem Fall ausserhalb, im Zwei- fel bedrohlich und verschlingend: Am Ende ist nur das schwarze Nichtsübrig, die Unendlichkeit, und die Vernunft braucht nichts mehr zu erklären, weil sie selber nicht einmal mehr da wäre (Jean Paul über Fichte43 ). Ein derart furchtbares Nichts kann man sich wohl kaum anders denken denn als Frucht des Schreckens über den Moment, als die Aufklärung Gott platzen ließ. Dieser Schrecken wirkt fort bis in unsere materialistische Gegenwart. In "Apokalypse Now" erläutert ihn uns ein

Franzose auf seiner vietnamesischen Plantage, im Gespräch mit Captain Willard:

Warum sind wir hier? Um unsere Familien zusammenzuhalten. Weil wir um das kämpfen wollen, was uns gehört. Ihr Amerikaner kämpft lediglich um das gr öß te Nichts in der Geschichte der Menschheit.44

Familie, Besitz, das wird verstanden, das zählt. Sinn der Radnabe wäre die- sem Pflanzer die Achse, Sinn des Gefäßes der Wein, den es fasst. Verabscheuenswürdig der, der mit Befehl und Auftrag, aber ohne Sinn und Begierde erobert und zerstört. Wir könnten uns im Rattansessel zurücklehnen und, am LycheeWein nippend, dem Franzosen recht geben. Da dröhnt es uns in den Ohren wie eine Fanfare: Heute sind wir alle Amerikaner. Gesagt von SPD-Fraktionschef Peter Struck am 12.11.01 vor dem Bundestag.45 Der meint uns. Wir werden offenbar gerade zwangsrekrutiert als Kombattanten in der Entscheidungsschlacht um das Nichts. Ja haben wir denn NICHTS WICHTIGERES zu tun?

2.1. Heimholung des Nichts: Sartre

Die Aufgabe, dem Nichts einen Platz und eine Funktion im Hier und Jetzt (statt im metaphysischen Hyperraum) zu geben, erfüllt in der westlichen Philosophie an prominenter Stelle Jean-Paul Sartre. Er geht davon aus, dass das Nichts aus dem Sein in Form der Verneinung entsteht, zunächst nur als Bedingung, um überhaupt zwei Dinge unterscheiden zu können: le ceci n'est pas cela, respektive un encrier ... n'est pas un oiseau.46

Diese n é gation externe wird ergänzt um die n é gation interne, die es dem Menschen erlaubt, die Abwesenheit einer Qualität zu beschreiben: Je ne suis pas beau. Indem ich diese Eigenschaft verneine, verschwindet diese ins Nichts.47 Dorthin folgen ihr nicht nur andere nicht vorhandene Eigenschaften, sondern auch einst gehabte. Zurück bleibt "Freiheit": Sein, das ein Nichts aus sich hervorbringt, das es von anderem sondert, ist die menschliche Freiheit, in der das menschliche Sein seine eigene Vergangenheit (wie auch seine Zukunft) in der Gestalt von Nichtung ist.48

Und was genau ist dieses Nichts? Das Sein des Bewusstseins als Bewusstsein ist, im Abstand zu sich zu sein als Anwesenheit bei sich, und dieser NullAbstand, der das Sein in sein Sein hineinträgt, ist das Nichts.49

Das scheint mir die unübertroffene Definition des Nichts zu sein: Es kommt aus dem Sein, ist ein 'Null-Abstand', also gar nichts, und wirkt dennoch. Es be- wirkt, dass das Sein funktioniert und nicht zu einem konturlosen, in sich selbst gefangenen Brei zusammenfliesst.

Die auf den ersten Blick einleuchtende Definition, das Nichts sei eine feh- lende Ursache ohne jegliche Wirkung50 , greift also offensichtlich zu kurz. Nichts wirkt.

Siglen

HPG - Handbuch Philosophischer Grundbegriffe

HWP - Historisches Wörterbuch der Philosophie

PL - Philosophen-Lexikon

PW - Philosophisches Wörterbuch

WiM - Heidegger, Was ist Metapysik? in: Wegmarken, FfM 1976

Bibliografie

- Halder, Alois; Max Müller. Philosophisches Wörterbuch. Freiburg i.B., Herder 1993
- Handbuch Philosophischer Grundbegriffe. Krings u.a. (Hg.), München 1973
- Heidegger, Martin. Wegmarken. Gesamtausgabe Bd. 9. Frankfurt/M., Klostermann 1976
- Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 6.; WBG Darmstadt; Basel 1984
- Huch, Kurt Jürgen. Philosophiegeschichtliche Voraussetzungen der Heideggerschen Ontologie. Frankfurt/M., Europäische Verlagsanstalt 1967
- Töllner, Uwe. Sartres Ontologie und die Frage einer Ethik: Zur Vereinbarkeit einer normativen Ethik und/oder Metaethik mit der Ontologie von L’être et le néant. Frankfurt/M, Lang 1996
- Ziegenfuss, Werner. Philosophen-Lexikon: Handwörterbuch der Philosophie nach Personen. Berlin, de Gruyter 1949

[...]


1 Natürlich ist diese Aussage faktisch Nonsens, beschreibt aber recht gut unseren subjektiven Bewusstseinszustand nach erschöpfendem Flektieren, Reflektieren und Re-reflektieren des ον η ον, des Seins als solchem (Aristoteles).

2 Parmenides, Fragment 8, in: H. Diehls, die Fragmente der Vorsokratiker, Berlin 1922, zit. nach: HPG S.995

3 grooming: gegenseitige Fellpflege bei Primaten

4 PL S.487

5 PW S.219f

6 Brockhaus 1997

7 ebd.

8 PL S.487f

9 siehe PW S.463

10 Huch 1967, S.41

11 Heidegger, Martin. Vom Wesen des Grundes. Vorwort 31949, in: Wegmarken, S.123

12 Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1974

13 a.a.O.

14 Heidegger, Martin: Was ist Metaphysik? (1929) in: Wegmarken. Klostermann, Frankfurt/Main 1976

15 WiM in: Wegmarken S.105

16 WiM S.110f

17 WiM S.111f

18 WiM S.116

19 WiM S.107

20 WiM S.107f

21 WiM S.108

22 WiM S.114

23 ebd.

24 WiM S.115

25 ebd.

26 WiM S.121

27 WiM S.104

28 WiM S.115

29 WiM S.116f

30 WiM S.107

31 WiM S.120

32 WiM S.122

33 Nachwort zu WiM, in: Wegmarken S.308

34 WiM S.103

35 WiM S.117

36 WiM S.115

37 R. Carnap 1931, nach HWP Bd. 6, S.835

38 Heidegger, Martin. Vom Wesen des Grundes. Vorwort 31949, in: Wegmarken, S.123

39 HPG S.998

40 WiM S.121

41 HPG S.999

42 nach HPG S.1004

43 HWP S.830

44 Apokalypse Now Redux. zitiert nach: Düker, Ronald. Der Priestermord: "Apokalypse Now Redux" und der Kampf ums Nichts. in: Jungle World 44/2001, S. 27

45 zit. nach taz, 13.9.01, S.12

46 J.P. Sartre, L’ être et le néant S.129/140, zit. nach Töllner 1996, S.147

47 ebd. S.223 (Töllner S.148)

48 HWP S.835

49 Sartre, a.a.O. S.120, zit. nach HWP S.835

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Ein Hauch von Nichts - Eine Annäherung an das Nichts unter besonderer Berücksichtigung von Martin Heideggers Abhandlung - Was ist Metaphysik? -
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Seminar: Ontologie
Autor
Jahr
2001
Seiten
12
Katalognummer
V107287
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hauch, Nichts, Eine, Annäherung, Berücksichtigung, Martin, Heideggers, Abhandlung, Metaphysik, Seminar, Ontologie
Arbeit zitieren
Ralph Wildner (Autor), 2001, Ein Hauch von Nichts - Eine Annäherung an das Nichts unter besonderer Berücksichtigung von Martin Heideggers Abhandlung - Was ist Metaphysik? -, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107287

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