Der Strukturwandel der Jugend


Hausarbeit, 2002

15 Seiten, Note: 2,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Strukturwandel der Jugendphase
2.1. Die Familie
2.2. Bildung und Beruf
2.3. Freizeit und Medien
2.4. Jugend ist Gleichaltrigenjugend
2.5. Jugend ist Gegenwartsjugend
2.6. Der Ambivalenzcharakter der Individualisierung

3. Ergebnis

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während gerade in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik die Jugendforschung die Jugend als eher homogenes Gebilde zu porträtieren versuchte, hat sich diese Ansicht in den letzten zwanzig Jahren verändert. Die Formel „Jugendlicher ist gleich Jugendlicher“ spiegelt nicht die Realität wieder.

Gerade die heutige Zeit ist gekennzeichnet durch eine ungeheure Pluralisierung der Lebensstile. Dies bringt sowohl Chancen als auch Risiken für die Individuen mit sich. Die gesellschaftliche Entwicklung macht natürlich auch nicht vor den Jugendlichen halt und betrifft sie sogar in besonderem Maße. Die Jugendzeit ist die Zeit, in der es gilt, die Weichen für das spätere Leben zu stellen. Um dies mit Erfolg zu meistern, bedarf es zweier grundlegender Erfordernisse. Erstens muss der Jugendliche in dieser Zeit eine personale Identität ausbilden, um somit zweitens seinen Platz in der Gesellschaft finden zu können. „Der Prozeßder Jugend ist demnach ein Prozeßder doppelten Verselbständigung und zwar in psychischer und sozialer Hinsicht.“1 Alte Zuordnungen, die Jugend und Gesellschaft in den frühen Jahrzehnten der Bundesrepublik kennzeichneten, verschwinden. Jugendliche leben in einer pluralisierten Welt, in einer Vielzahl von Alltagswelten. Sie finden sich somit gleichzeitig beispielsweise in der Familie, im Beruf, der Schule, im Verein, in ihrem Freundeskreis wieder. Sie werden wie noch nie beeinflußt durch die Medien- und Konsumwelt. Doch sind all diese Einflussebenen nicht, wie es früher vielleicht einmal der Fall gewesen sein mag, hierarchisierbar. Neue soziale Komponenten beeinflussen heute das Leben des Jugendlichen. Er muss sich neuen Aufgaben stellen und diese bewältigen. „Im Zuge des sozialen Wandels werden die Grundlagen und die Zukunftsversprechen, die mit dem Konzept von Jugend verknüpft worden waren, ambivalenter, brüchiger, ungewisser.“2 Ich werde nun im nachfolgenden versuchen einige Strukturveränderungen der modernen Jugendphase näher zu erläutern. Im einzelnen gehe ich ein auf die Veränderungen in den Familien, der Schule und im Beruf. Weitere wichtige Punkte sind das Freizeitverhalten und damit einhergehend der Medienkonsum. Gleichaltrige spielen in der Sozialisation eine große Rolle.

Ihren Einfluss auf den Jugendlichen gilt es genauer darzustellen. Abschließen wird diesen Teil eine Darstellung der Problematiken, die sich durch wachsende Individualisierungstendenzen ergeben.

2. Strukturwandel der Jugendphase

2.1. Die Familie

Ein erster Punkt, an dem sich gesellschaftliche Strukturveränderungen recht deutlich erkennen lassen, ist die Familie, sowohl in ihrer äußeren Erscheinungsform als auch daraus folgend in ihrem sozialen Erscheinungsbild. Gerade die Familie ist es, die oftmals die entscheidende Sozialisationsinstanz des Jugendlichen darstellt. Sie ist es, die normative Orientierungen, Motivationsstrukturen und Kompetenzen weitergibt. Was den äußeren Rahmen der Familien betrifft, kann man klar von einer Pluralisierung familiärer Formen des Zusammenlebens sprechen. In starkem Maße finden sich heute Entwicklungen weg von dem traditionellen Bild der Familie. Ehescheidungen nehmen zu3, Eheschließungen ab. Die Anzahl „nichtehelicher Lebensgemeinschaften“ steigt, die Tendenz hin zu Ein- Eltern- Familien stellt einen oft erwähnten Trend dar.

Familiengründung auch ohne Trauschein ist heute nicht mehr gesellschaftlich verbrämt. Es hat sich aber auch die innere Sozialisationswirkung von Familie verändert. Gerade die Frauen stellen neue Ansprüche an Partnerschaft und Familie. Alte familiäre Verhaltensmuster sind antiquiert. Frauen partizipieren entschieden mehr als in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt und wollen ihr Leben, ebenso wie die Männer, individuell gestalten. Damit steigen auch die Anforderungen, die sie an eine Beziehung richten und somit auch die Möglichkeiten des Scheiterns. Dies hat entscheidende Auswirkungen auf die Kinder, die schon früh die Erfahrung von Verlust machen. „Sie werden zunehmend in Prozesse der neuerlichen Partnerfindung ihrer leiblichen Väter und Mütter involviert und müssen die relativ ‚reife’ soziale Kompetenz aufbringen, sich aus Intimbindungen zu lösen, neue einzugehen und mit ‚erweiterten Verwandtschaftssystemen’ zurechtzukommen“4

Eine weitere Veränderung in der äußeren Gestalt stellt die Verkleinerung der Familie dar. Über ein Drittel der Kinder wächst heute ohne Geschwister auf, knapp 50% nur mit einem Bruder oder einer Schwester5. Kinder haben für ihre Familien die ökonomische Funktion verloren. Durch die Verkleinerung der Familie entsteht jedoch ein Problempotential. Wo sollen Kinder soziales Verhalten und Solidarität im Miteinander lernen? Hierfür waren die Geschwister eine entscheidende Instanz. „Wenn es aber schwieriger wird, Solidarität zu erlernen, sind die Konsequenzen für die politische Sozialisation offensichtlich.“6 Mit Geschwistern lernt man eher, sowohl eigene Interessen vertreten zu können, als auch Kompromisse zu schließen und Verzicht zu üben, „Lernerfahrungen, die für das ‚soziale Klima’ der Gesellschaft auf der Ebene mitmenschlicher Beziehungen unverzichtbar sind.“7 Einzelkinder sind in vermehrtem Maße auf Kontakte zu Gleichaltrigen außerhalb der Familie angewiesen.

Mit der Verkleinerung der Familie emotionalisierte sich auch das Eltern- Kind Verhältnis. Oftmals stellen Kinder heute den Mittelpunkt der Familie dar. Es findet ein Transfer emotionaler Bedürfnisse weg von der Partnerbeziehung hin zur Beziehung Eltern- Kind statt8. Kinder werden heute schon sehr früh als eigenständige Individuen wahrgenommen, mit autonomen Bedürfnissen und Interessen. Das ist auch ein Ziel von Erziehung, macht sie damit aber auch zeitintensiver und schwieriger. Das Problem, das sich ergeben könnte, liegt in der späteren Ablösung beider Seiten voneinander. Belastungen und Konflikte der Beziehung können sich ergeben durch die auf der einen Seite früh ausgebildeten Verselbständigungsmöglichkeiten der Jugendlichen und gleichzeitiger längerer ökonomischer und psychosozialer (das Kind als Mittelpunkt der Familie) Abhängigkeit. Es gilt einen schwierigen Balanceakt im Loslassen der Kinder durch die Eltern zu bestehen.

2.2. Bildung und Beruf

Die moderne Bundesrepublik ist gekennzeichnet durch eine Ausweitung der Verschulung der Jugend. Gerade Schule und schulisches Lernen werden zu einer dominanten Sozialisationserfahrung Jugendlicher. Während 1955 noch 68% Prozent der Jugendlichen mit 15 Jahren die Schule verließen, waren dies im Jahr 1985 nur noch 5%. Ähnliches zeigt sich beim Berufseintritt. 1955 waren bereits 30% der 16jährigen berufstätig, während 1985 erst 8% in Lohnarbeit standen9.

Heute verlassen Jugendliche im Durchschnitt mit 18 Jahren die Schule. Ebenfalls fand eine Verlagerung der Präferenz verschiedener Schultypen statt und damit auch eine Verschiebung in der Verteilung der Schüler auf diese Schultypen.

Während in den 50er und 60er Jahren der Hauptschulabschlußnoch den vorherrschenden Abschlußdarstellte, hat sich dies drastisch zugunsten höherer Abschlüsse verschoben. Heute erwerben etwa zwei Drittel aller Jugendlichen einen mittleren oder höheren Bildungsabschluss. Die Hauptschule erfuhr einen Ansehensverlust. Profitiert von dieser Bildungsexpansion haben vor allem die Mädchen. Arbeiterkinder sind nun zwar vermehrt auch an höheren Schulen vertreten, aber im Hinblick auf den prozentualen Anteil an der Bevölkerung noch unterrepräsentiert10.

Der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen, einhergehend mit längeren Bildungszeiten, ergibt sich aus einer zwingenden Notwendigkeit. Denn nur so läßt sich gewährleisten, den gewünschten Beruf überhaupt erst ergreifen zu können.

Der Eintritt in das Beschäftigungssystem hat sich somit oftmals in das dritte Lebensjahrzehnt verschoben. Damit ändert sich auch das Sozialisationsmilieu. Schule ist geprägt durch Gleichaltrigengruppen (Homogenisierung). Hier entwickeln sich Freundschaften, werden Probleme erörtert und gemeinsame Lösungskompetenzen erarbeitet. Jugendliche erleben in erhöhtem Maße „kompetente Teilnahme- und Selbstverwirklichungschancen“11. Die Integration in altersheterogene Gruppen wird nach hinten verlagert. Jugendliche werden erst später mit den Normen der Arbeitswelt, wie der Unterordnung, konfrontiert. Sie verselbständigen sich zwar eher, bleiben aber länger ökonomisch abhängig von den Eltern.

Allerdings entsteht hieraus auch eine große Problematik. Mit der Expansion der Bildung kam es gleichzeitig zu einer Abwertung der Bildungsabschlüsse. Für Ausbildungsplätze, bei denen früher ein Hauptschulabschluss gefordert wurde, wird heute oftmals schon der Real- oder sogar der Gymnasialabschlußvorausgesetzt. Höherqualifizierte drängen Schlechterqualifizierte aus bestimmten Arbeitsbereichen (Verdrängungswettbewerb). Dieser Druck wird dem Jugendlichen oft schon sehr früh bewußt und auch immer wieder durch die Eltern, die Lehrer oder die Gesellschaft vermittelt. Gerade hier zeigt sich ein großes Risiko, schon früh im Leben das existentielle Gefühl des Scheiterns zu erleben.

Auch Besserqualifizierte haben nicht automatisch eine Garantie, den gewünschten Job zu erreichen, da die Konkurrenz größer ist als früher. Damit wird aber die Zukunft für Jugendliche immer undeutlicher und unkalkulierbarer und somit wesentlich risikoreicher. Gerade die Massenarbeitslosigkeit, die auch die Generation der Jugendlichen trifft, beunruhigt diese insbesondere. „Mit ‚gemischten Gefühlen’ die persönliche Zukunft zu betrachten scheint die Reaktion auf die Ambivalenz der Zukunftserwartungen in dieser Gesellschaft zu sein.“12 Ohne entsprechende Bildungszertifikate ist die Lage ebenso verheerend wie mit entsprechenden Zertifikaten jedoch ohne Erwerbsplätze. „Das Bereitstellen und Vorenthalten von Lehrstellen wird so zur Frage des Einstiegs oder Ausstiegs in die oder aus der Gesellschaft.“13

2.3. Freizeit und Medien

Der Freizeitsektor ist der Bereich an dem Jugendliche schon früh und umfassend teilhaben und versuchen ihre Individualität herauszubilden. Freizeit ermöglicht schon allein von der zeitlichen Komponente her gesehen enorme Entfaltungsmöglichkeiten. An Werktagen stehen den Jugendlichen im Schnitt 5½ Stunden zur freien Verfügung, am Wochenende über 8 Stunden14. Nicht zuletzt auch die gestiegene Konsumkraft fordert den Jugendlichen zu einer größeren Teilhabe an der „großen Konsumwelt“, die die Erfüllung aller Wünsche suggeriert.

Freizeit stellt für viele Jugendliche eine Art Mittelpunkt ihres Lebens dar, da sie in diesem Bereich Freiheiten und freie Entscheidungsmöglichkeiten besitzen, die ihnen in anderen Lebensbereichen nicht zur Verfügung stehen. Charakteristisch für jugendliches Freizeitverhalten ist15, dass sie einen großen Teil dieser Zeit außer Haus verbringen. Gerade das Zusammensein mit Gleichaltrigen spielt eine große Rolle. Neben den Medien, auf die ich später noch kurz eingehen werde, spielen vor allem physische Aktivitäten wie zum Beispiel Sport eine wichtige Rolle, wobei in den letzten Jahren der Trend zu Extremsportarten geht, wie Bungeejumping, die den „Kick“ zu einer intensiveren Körperwahrnehmung geben sollen. Aber auch die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen und dessen zur Schau stellen ist ein Teil der Selbstfindung und Selbstdarstellung. Ein weiterer Wandel fand in der Bewegungsmobilität statt. Fuchs spricht in diesem Zusammenhang von einer „Ausweitung der alltäglichen Raumerfahrung“16. Viele Jugendliche verfügen über einen eigenen fahrbaren Untersatz und können somit frei entscheiden, wohin sie sich bewegen wollen. Gerade in der Freizeit lassen sich somit Freiheits- und Individualitätserfahrungen sammeln.

Einen großen Teil ihrer Freizeit verbringen Jugendliche mit der Nutzung der Medien. Man kann in diesem Zusammenhang von der Multi- Media Generation sprechen. Neben eher traditionellen Medien wie den Printmedien und den Programmedien (Radio, Fernseher) treten die neuen Medien immer stärker in den Vordergrund. Videospiele oder Computer finden sich in fast allen Haushalten, das Internet trat in den letzten 10 Jahren einen fast revolutionären Weg durch die Zimmer der vernetzten Welt an. Mit ihrer Nutzung und hier vor allem des Fernsehens, rückt für das Kind oder den Jugendlichen jedoch die Erwachsenenwelt näher in das eigene Bewußtsein und beeinflusst ihn damit auch. „Werden also die Jugendlichen im Zuge der Ausbreitung von Medien schon sehr früh an außerfamiliale Kommunikationsnetze angeschlossen, dann lösen sich... die Trennwände und Tabuzonen zwischen der Welt der Erwachsenen und der Welt der Kinder und Jugendlichen schneller auf“17. Ferchhoff kritisiert an der modernen Medienwelt, sie sei zu fragmentiert und berge durch ihre ungeheure Vielzahl an Bildern und Zeichen die Gefahr, Deutungsspielräume einzuengen und damit sich vornehmlich an der Oberfläche zu bewegen. Sie stelle das Gegenprogramm zur gelassenen Lebensplanung dar18. „So gesehen scheint sich nichts mehr oder nichts Wesentliches mehr ‚hinter‘ dem Gezeigten zu verbergen, das ehemals noch tiefenstrukturell im historischen Wissen und in der Überlieferung von Traditionen verankert war.“19 Weniger negativ betrachtet Vogelgesang die viel diskutierte Problematik des Einflusses der Medien auf den Jugendlichen. Er ist viel mehr der Meinung, dass Jugendliche sich sehr bewußt Medien aneignen, sie anhand eigener Bedürfnisse und Wünsche auswählen und konsumieren20. Die Auffassung, dass Medien Jugendliche derart beeinflussen können, dass aus diesen abgestumpfte Wesen einer Medienrealität werden, gilt es kritisch zu hinterfragen. Gerade im Bereich der Multimedia, dem Bereich der Kommunikationsmedien, haben Jugendliche gegenüber der Elterngeneration enorme Vorteile. Die Jugend ist es, die sich mit Computern auskennt und sich diesen Vorsprung zu nutze macht. Selbstverständlich und kreativ gilt es heute, die modernen Medien für sich nutzbar zu machen. Nicht zuletzt in vielen Arbeitsbereichen spielt dies für die Jugendlichen spätere eine wichtige Rolle. Ein weiterer Kritikpunkt an den Medien und vor allem am Computer ist oftmals der, dass es zur Isolation und damit zur Vereinsamung der Jugendlichen vor dem heimischen Bildschirm komme. Doch gerade das Internet ermöglicht es in Kommunikation mit anderen Individuen zu treten, zum Beispiel über Chatrooms. Man mag vielleicht bemängeln, dieser Art der Kommunikation mangele es an einem face to face, an einer wahren Auseinandersetzung mit anderen Individuen, die man nicht einfach wegklicken kann, wenn sie nicht meiner Meinung sind. Doch gerade das Internet vermag es Milieu- oder Klassengrenzen zu überspringen, den Blick für andere Lebenswelten über den eigenen Tellerrand hinaus zu schärfen.

Wissen und Meinungen sind fast weltweit abruf- und diskutierbar.

2.4. Jugend ist Gleichaltrigenjugend

Gleichaltrigengruppen treten immer stärker in den Vordergrund. Durch die zunehmende Verschulung und damit einhergehend mit der Zusammensetzung der Klassen zu altershomogenen Gruppen, nehmen Gleichaltrigengruppen gesamtgesellschaftlich eine wichtige Position ein. Viel Zeit außerhalb der Familien und außerhalb der altersheterogen zusammengesetzten Berufswelt verbringen Jugendliche mit anderen Jugendlichen. Hier finden sie eine Entlastung von den alltäglichen Kompetenzanforderungen. Jugend ist „zu ihrer eigenen Bezugsgruppe geworden“21. Jungsein vollzieht sich in informellen Gruppen und Cliquen, sogenannten Peergroups. Hier steht vornehmlich die Kommunikation, lockeres Beisammensein und zusammenverbrachte Freizeit- und Konsumaktivitäten im Vordergrund. Diese Gruppen stellen eine wichtige Sozialisationsinstanz dar.

Jugendliche erhalten hier Chancen, sich selbst zu verwirklichen, verschiedene Lebensstile auszuprobieren, die ihnen im Rahmen der Familie, der Schule oder der Arbeit nicht gegeben sind. Probleme und Sorgen können in Peers diskutiert werden, wobei ein Gefühl von Wärme und Zusammengehörigkeit entsteht. Nicht zu unterschätzen bleibt jedoch der Druck, den die Gruppe auf das Individuum ausüben kann, wie zum Beispiel den Ausschluss bei nicht gruppenangepasstem Verhalten. Ab und zu findet sich auch eine abweisende Haltung gegenüber anderen Gruppen. „Indem Jugendliche sich jugend(sub)kulturell via Selbstetikettierungen und Stilformen szenenspezifisch von anderen absetzen, um nach innen verbindliche Zugehörigkeit und nach außen Grenzlinien, also Abgrenzung zu markieren, neigen sie nicht selten zu einer - Regeln wechselseitiger Achtung verletzenden - quasi vormodernen ego- bzw. ethnozentrischen Gruppenhaltung, die die jeweils anderen kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten zuweilen sogar aggressiv ausschließt.“22 Gerade Jugendkulturen und Jugendstile erleben einen regelrechten Boom. Hier zu nennen sind beispielsweise Punks, Skinheads, Computerfreaks, Techno- Anhänger und viele andere mehr.

Man sieht also, dass es eine einheitliche Jugendkultur nicht gibt. Vielmehr zeigt sich auch hier wiederum die in Gang geratene Pluralisierung der Gesellschaft mit all ihren Chancen aber auch Risiken für den Jugendlichen.

2.5. Jugend ist Gegenwartsjugend

Versteht man Jugend als Statuspassage zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, so kann man der Jugendzeit klare Entwicklungsaufgaben zuweisen. Es gilt durch berufliche Qualifizierung sich auf die Erwachsenenexistenz vorzubereiten. Eine zweite wichtige Aufgabe ist der Erwerb soziokultureller Mündigkeit. Beendet wird die Jugendphase nach dieser Auffassung durch die Etablierung im Beruf und die Ablösung aus der Familie, was oftmals mit der Gründung einer eigenen Familie einhergeht. Die Lebensphase „Jugend“ hat sich jedoch zu einem relativ offenen Lebensbereich gewandelt. Infolge der Bildungsexpansion und der Probleme auf dem Arbeitsmarkt hat sich die Jugendphase verlängert. Die heutige Generation besucht die Schule zwei bis drei Jahre länger. Im Durchschnitt wird die Berufsausbildung drei Jahre später abgeschlossen. Früher durchlief der Jugendliche einzelne Lebensabschnitte in einer wohlgeordneten Reihenfolge. Erste sexuelle Erfahrungen wurden häufig erst nach dem Abschlußder Schule gesammelt. Einige Jahre nach der Berufsausbildung zog man in der Regel von zu Hause aus, worauf dann kurz danach geheiratet wurde23. Heutzutage wird diese Reihenfolge durchbrochen. Erste sexuelle Erfahrungen sind in die Schulzeit vorverlagert. Jugendliche ziehen auch früher von zu Hause aus, als dies noch in den Jahrzehnten zuvor der Fall war. Allerdings ist der Auszug und damit die Ablösung aus dem Elternhaus nur selten verbunden mit der Gründung einer eigenen Familie. Vielmehr folgt eine neue, höchst individuelle, biographische Zwischenetappe in Form des Alleine- Wohnens. Gerade die Zahl der Singlehaushalte hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Diese Lebensart ermöglicht eine individuelle Lebensgestaltung, mit der Möglichkeit noch bewußter seinen Platz in der Gesellschaft suchen und finden zu können. Einen ähnlichen Trend kann man am Heiratsverhalten ablesen. Das Heiratsalter hat seit den siebziger Jahren sowohl bei Männern (heute etwa 28 Jahre) als auch bei Frauen (zwischen 25 und 26 Jahren) zugenommen.

Gleichzeitig sinken die Heiratszahlen, während die Zahl nichtehelicher Lebensgemeinschaften zunimmt. Junge Menschen bevorzugen eine „Form des Miteinanderlebens, die hoch individualisiert (Hervorh. im Original) ist.“24 Die Jugendphase hat ihre deutliche Abgrenzung zwischen Kindheit und Erwachsensein verloren. Jugend als eine Zeit des Verzichts und dem Versprechen auf eine gute Zukunft bei entsprechendem Fleißin jungen Jahren wird heute so nicht mehr akzeptiert. Individuelle Lebensführung steht im Mittelpunkt. Gleichzeitig bedrücken Zukunftsängste die als Schonraum gedachte Phase und führen zu einer Gegenwartsorientierung. „Die Aktualität des Augenblicks gewinnt Prominenz und Übergewicht gegenüber der ungewissen Zukunft.“25

2.6. Der Ambivalenzcharakter der Individualisierung

Wie schon mehrfach angeklungen, zeichnet sich die heutige Gesellschaft durch eine enorme Pluralisierung und Individualisierung der Lebensstile aus. Die Jugendlichen bewegen sich in einer Vielzahl von Umwelten. Biographiemuster sind nicht mehr vorgegeben, „von der Normalbiographie zur ‚Bastelbiographie’... - das ist das Kennzeichen der Moderne.“26 Die Entscheidungsmöglichkeiten, in welche Richtung sich ihr Leben bewegen soll, haben die Jugendlichen in der eigenen Hand. Schon früh wählen sie ihre Freunde, ihre sozialen Bezugsgruppen.

Sie sind relativ frei in der Wahl ihrer Freizeitgestaltung, ihrer Hobbies und letztlich auch ihres Lebensstils. Fuchs spricht in diesem Zusammenhang von den „Möglichkeiten eines Lebens aus eigener Verantwortung und eigenem Recht“27 und damit verbunden ist die Chance zur Selbstverwirklichung. Jugendliche müssen eigenständig eine Identität ausbilden, wobei traditionelle Orientierungsmuster in den Hintergrund treten. So waren Jugendliche früher stark in ihre Familien und sozialen Schichten eingebunden, während sie heute weitgehend losgelöst in verschiedenen Lebenswelten leben. „In der individualisierten Gesellschaft mußder einzelne... lernen, sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen.“28 Der einzelne hat jedoch nicht nur das Recht frei zu entscheiden, sondern hinter dieser Freiheit verbirgt sich oftmals auch die Notwendigkeit, um nicht zu sagen eine Art Zwang, Entscheidungen zu treffen. Die fast unüberschaubar gewordene Fülle von Optionen beinhaltet auch Risiken. Denn in vielen Fällen fehlt es gerade Jugendlichen an Kriterien, wie sie Entscheidungen treffen sollen. Die Folgen ihrer Entschlüsse sind oft unklar. So birgt diese Wahlfreiheit die Gefahr tiefgreifender Brüche in den Biographien. Das Problem der Jugendarbeitslosigkeit und deren Folgen für das Individuum wurde bereits angesprochen. Es ist nicht mehr selbstverständlich nach Beendigung der Schule direkt eine Lehrstelle zu finden oder dauerhaft in einem Betrieb arbeiten zu können. Weitere Verunsicherungen können durch unterschiedliche Verhaltenserwartungen in verschiedenen Lebenswelten entstehen. Auf der einen Seite ist die Arbeitswelt mit ihren klaren Hierarchien, auf der anderen Seite die Freizeitsphäre, in der Freizügigkeit und Spaßim Vordergrund stehen29. „Ein selbstbewußter... Umgang mit der eigenen Biographie, der erst so etwas wie eine selbstverantwortete, unverwechselbare Lebensgeschichte entstehen läßt, ist unter diesen Bedingungen jedenfalls immer weniger im einfachen Rückgriff auf kollektive Handlungspraktiken und kollektiv vorgelebte, milieuspezifische Orientierungsmuster... hervorzubringen.“30 Individualisierung bietet also zum einen die Chance, eigenverantwortlich sein Leben zu gestalten, zum anderen erhöht sie aber auch den Druck und das Risiko an der großen Fülle von Optionen zu scheitern.

3. Ergebnis

Abschließend lässt sich sagen, dass einschneidende Veränderungen in den Lebensbedingungen junger Menschen stattgefunden haben. Wenn von einem Strukturwandel die Rede ist, so bedeutet dies, dass sich nicht nur einzelne Verhaltensweisen und Orientierungsmuster verändert haben, sondern, dass sich der Bereich „Jugend“ in seiner inneren Qualität und seinen Aufgaben gewandelt hat. Der Jugendliche von heute lebt in der Regel in einer Vielzahl von Alltagswelten.

Die Familie als Hort der Sozialisation des Kindes hat sich verändert. Durch die individuelle Lebensgestaltung der Eltern und damit verbundenen Problemen in der Beziehung, machen Kinder schon früh Verlusterfahrungen, zum Beispiel in Form von Scheidungen. Gleichzeitig steigt durch die Verkleinerung der Familien der emotionale Wert, den Kinder für die Eltern haben. Damit wird die Ablösung vom Elternhaus problematischer, die längere ökonomische Abhängigkeit tut ihr übriges dazu.

Jugend ist heute durch eine starke Verschulung geprägt. Dies hat zur Folge, dass Jugendliche in verstärktem Maße ihre Zeit mit Gleichaltrigen verbringen. Der Eintritt ins Berufsleben wird zeitlich nach hinten verschoben. Mit der Bildungsexpansion ergibt sich aber ein großes Problem. Der Druck auf Jugendliche steigt. Denn nur durch gute Abschlüsse kann man später in aller Regel seine beruflichen Ziele erreichen. Ein Verdrängungswettbewerb kommt somit in Gang. Hier zeigt sich ein enormes Risiko zu scheitern, indem eigene und auch die von außen (z.B. Eltern) herangetragenen Erwartungen durch individuelle Entscheidungen enttäuscht werden.

Auch im Bereich der Freizeitgestaltung und der Medien zeigen sich Veränderungen. Freizeit wird individuell gestaltet, wozu nicht zuletzt die verstärkte Mobilität beiträgt. Die Medien spielen innerhalb der Freizeit eine wichtige Rolle. Doch gerade durch sie verschwimmen oft die Trennwände zwischen der Welt der Erwachsenen und der der jungen Menschen.

Die Jugendlichen umgeben sich mit Gleichaltrigen. Die Peergroups sind zu wichtigen Sozialisationsinstanzen geworden. Innerhalb dieser Gruppen besteht die Möglichkeit, Lebenssituationen anzusprechen und Problemlösungskompetenzen zu entwickeln.

Jugend stellt sich nicht mehr als eine Statuspassage dar. Nicht mehr nur Familie, Schule und Beruf bilden den Mittelpunkt jugendlicher Lebensgestaltung. Diese ganz unterschiedlichen Alltagswelten sind nur schwer hierarchisierbar. Die einheitliche Statuspassage „Jugend“ zerfällt in plurale Verlaufsformen. „Die Jugend“ gibt es nicht. Vielmehr zeigen sich viele individuelle Lebensentwürfe, die stark voneinander variieren können.

Die Optionen haben sich für die Jugendlichen enorm erweitert. Nie zuvor zeigten sich in so vielen gesellschaftlichen Bereichen so viele Möglichkeiten. Doch damit steigen auch die Risiken. Wie die Möglichkeiten steigen, steigen auch die Ansprüche. Doch fehlt in vielen Fällen die Kompetenz, eigene Entscheidungen vor dem Hintergrund ihren Auswirkungen zu bedenken. Verbitterung und Stabilitätsverlust können bei falschen Entscheidungen die Folge sein. Weiterhin ergibt sich das Problem, dass das Zukunftsversprechen, gelingende Jugend gleich gelingende Zukunft, brüchig und ungewiss geworden ist.

Es bleibt festzuhalten, dass die jugendliche Lebenssituation an Komplexität zugenommen hat. Somit lassen sich Orientierungsschwierigkeiten bei der Identitätsentwicklung nicht vollständig umgehen. Jugend wird in diesem Zusammenhang immer mehr zu einer Suchphase31, in der es gilt verschiedene Alternativen auszuprobieren, um schließlich den für sich richtigen Lebensweg einschlagen zu können. Die Lebenschancen und die Verantwortung für den eigenen Lebensweg sind stärker denn je von jedem einzelnen abhängig.

4. Literaturverzeichnis

Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verl. 1986

Beck- Gernsheim, Elisabeth: Stabilität der Familie oder Stabilität des Wandels? Zur Dynamik der Familienentwicklung. In: Beck, Ulrich; Sopp, Peter (Hrsg.): Individualisierung und Integration. Neue Konfliktlinien und neuer Integrationsmodus? Opladen: Leske + Budrich 1997, S.65-80

Ferchhoff, Wilfried: Jugend in den 90er Jahren. Freizeitverhalten, Lebensformen, Lebensstile. In: Hartmann, Hans A.; Heydenreich, Konrad (Hrsg.): Verdammt viel Vergnügen! Beiträge zum Freizeitverhalten Jugendlicher. Frankfurt am Main: Verl. Moritz Diesterweg 1995, S.14-26

Ferchhoff, Wilfried; Neubauer, Georg: Jugendkulturelle Stile und Moden zwischen Selbstinszenierung, Stilzwang und (Konsum-) Vereinnahmung. In: Mansel, Jürgen; Klocke, Andreas (Hrsg.): Die Jugend von heute. Selbstanspruch, Stigma und Wirklichkeit. Weinheim, München: Juventa Verl. 1996, S.32-52

Ferchhoff, Wilfried; Olk, Thomas: Strukturwandel der Jugend in internationaler Perspektive. In: Ferchhoff, Wilfried; Olk, Thomas (Hrsg.): Jugend im internationalen Vergleich. Sozialhistorische und sozialkulturelle Perspektiven. Weinheim, München: Juventa Verl. 1988, S.9-30

Fuchs, Werner: Jugendliche Statuspassage oder individualisierte Jugendbiographie? In: Soziale Welt 34/1983, S.341-371

Heitmeyer, Wilhelm; Olk, Thomas: Das Individualisierungs- Theorem - Bedeutung für die Vergesellschaftung von Jugendlichen. In: Heitmeyer, Wilhelm; Olk, Thomas: Individualisierung von Jugend. Gesellschaftliche Prozesse, subjektive Verarbeitungsformen, jugendpolitische Konsequenzen. Weinheim, München: Juventa Verl. 1990, S.11-34

Hornstein, Walter: Strukturwandel der Jugendphase in der Bundesrepublik Deutschland. Kritik eines Konzepts und weiterführende Perspektiven. In: Ferchhoff, Wilfried; Olk, Thomas (Hrsg.): Jugend im internationalen Vergleich. Sozialhistorische und sozialkulturelle Perspektiven. Weinheim, München: Juventa Verl. 1988, S.70-92

Melzer, Wolfgang; Hurrelmann, Klaus: Individualisierungspotentiale und Widersprüche in der schulischen Sozialisation von Jugendlichen. In: Heitmeyer, Wilhelm; Olk, Thomas: Individualisierung von Jugend. Gesellschaftliche Prozesse, subjektive Verarbeitungsformen, jugendpolische Konsequenzen. Weinheim, München: Juventa Verl. 1990, S.35-59

Münchmeier, Richard: „Entstrukturierung“ der Jugendphase. Zum Strukturwandel des Aufwachsens und zu den Konsequenzen für Jugendforschung und Jugendtheorie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 31/1998, S.3-13

Vogelgesang, Waldemar: Lebenswelten Jugendlicher im Wandel

[...]


1 Vogelgesang, S.3

2 Münchmeier, S.4

3 vgl. Beck- Gernsheim, S66ff.

4 Münchmeier, S.7

5 vgl. Ferchhoff/ Olk, S.16

6 Heitmeyer/ Olk, S.31

7 Münchmeier, S.6

8 vgl.Ferchhoff/ Olk S.18

9 vgl. Melzer/ Hurrelmann, S.41

10 vgl. Vogelgesang, S.7f.

11 Ferchhoff, S.19

12 Münchmeier, S.5

13 Beck, S.214

14 vgl. Vogelgesang, S.11

15 vgl. Vogelgesang, S.12

16 Fuchs, S.347

17 Ferchhoff/ Olk, S.21f.

18 vgl. Ferchhoff, S.20f.

19 Ferchhoff, S.21

20 vgl. Vogelgesang, S.13

21 Ferchhoff, S.19

22 Ferchhoff, S.21

23 vgl. Vogelgesang, S.9f

24 Fuchs, S.357

25 Ferchhoff, S.16

26 Beck- Gernsheim, S.78

27 Fuchs, S.341

28 Beck, S.217

29 vgl. Vogelgesang, S.10f.

30 Heitmeyer/ Olk, S.27

31 vgl. Vogelgesang, S.26

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Der Strukturwandel der Jugend
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Jugendsoziologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
15
Katalognummer
V107301
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit bewegt sich an der Oberfläche. Es ist schwierig, ein solch komplexes Thema auf 10 Seiten darzustellen.
Schlagworte
Strukturwandel, Jugend, Jugendsoziologie
Arbeit zitieren
Jörn Didas (Autor), 2002, Der Strukturwandel der Jugend, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107301

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