Irgendwie Anders - Analyse eines problemorientierten Bilderbuches zum Thema Außenseiter und Toleranz -


Hausarbeit, 2002
18 Seiten, Note: 1

Gratis online lesen

Gliederung

1. Einleitung

2. Das problemorientierte Textbilderbuch

3. Außenseiter als Thema moderner Kinderliteratur

4. Analyse des Bilderbuches „Irgendwie Anders“ von Kathryn Cave und Chris Riddell
4.1 Bibliographie
4.2 Informationen über die Autorin und den Illustrator
4.3 Inhalt
4.4 Aufbau
4.5 Sprache und Erzählhaltung
4.6 Bildbetrachtung
4.7 Figurengestaltung
4.8 Gestaltung der Außenseiterproblematik und des Themas Toleranz

5. Abschließende Bemerkungen

Literaturangaben

1. Einleitung

Bei der vorliegenden Hausarbeit handelt es sich um die Analyse des Textbilderbuches „Irgendwie Anders“ von Kathryn Cave und Chris Riddell, ein problemorientiertes Bilderbuch, welches sich mit dem Thema „Außenseiter“ und „Toleranz“ befasst.

Ich habe dieses Buch bewusst gewählt, da es in dem dieser Arbeit zugrunde liegenden Seminar „Moderne Erzählformen im Bilderbuch - Re- zeption und Didaktik“ aus dem Wintersemester 2001/2002 nicht behandelt wurde. Meiner Meinung nach lohnt es sich aber, dieses Buch genauer zu betrachten.

Bevor ich das Bilderbuch untersuche, werde ich zunächst den Begriff „problemorientiertes Textbilderbuch“ erläutern und darstellen, welche Bedeutung die literarische Auseinandersetzung mit der Außenseiterproblematik für den kindlichen Rezipienten besitzt.

Anschließend werde ich das Bilderbuch unter den Gesichtspunkten Inhalt, Aufbau, Sprache und Erzählhaltung, ästhetische Darstellung und Figurengestaltung analysieren.

Ein weiteres Kapitel wird sich der Darbietung der Außenseiterproblematik in speziell diesem Bilderbuch widmen. Mit welchen sprachlichen und bild- lichen Mitteln wird das Thema konturiert und ein Zugang zu dem Rezipien- ten geschaffen?

Mit einer persönlichen, wertenden Stellungnahme möchte ich diese Arbeit abschließen.

2. Das problemorientierte Textbilderbuch

Textbilderbücher sind eine Form der Bilderbücher, bei der die Illustratio- nen von Texten unterschiedlichen Umfangs ergänzt werden. Neben Bil- derbüchern mit kleinen Textbeigaben, die meistens auch ohne Text ver- ständlich sind, gibt es Bilderbücher, bei denen Text und Illustration gleich- wertig nebeneinander stehen. Bild- und Textteile gestalten hierbei mit ih- ren je eigenen Mitteln den Inhalt aus, ergänzen sich gegenseitig und wachsen zu einer verbundenen Einheit zusammen.1

Das Angebot von Textbilderbüchern auf dem Bilderbuchmarkt ist sehr großund greift die verschiedensten Themengebiete auf.

Jens Thiele unterscheidet erzählende Bilderbücher je nach Realitätsbezug in phantastische oder realistische Erzählungen.2 Zu den letzteren zählt er vor allem das „Problembilderbuch“, das sich mit sozialen Konflikten oder tabuisierten Themen wie Tod, Armut, Gewalt und Sexualität auseinander- setzt.3

Eine scharfe Trennung zwischen phantastischer und realistischer Erzäh- lung ist allerdings problematisch und umstritten. Wie Thiele anmerkt „ver- mischen sich im erzählenden Bilderbuch realitätsbezogene und phantasti- sche Ebenen auffallend häufig“.4 Dies wird auch an dem Bilderbuch „Ir- gendwie Anders“ deutlich, welches das problembelastete Thema „Außen- seiter“ mit irrealen Elementen darstellt. Hier sind die Handlungsträger skurrile Wesen und Tiere, die mit menschliche Eigenschaften und Verhal- tensweisen ausgestattet sind und deren Konflikte sich ohne weiteres auf die erfahrbare gesellschaftliche und soziale Wirklichkeit übertragen las- sen.

3. Außenseiter als Thema moderner Kinderliteratur

Seit den 70er Jahren beschäftigt sich Kinderliteratur verstärkt mit der Schilderung von Problemen und Konflikten, mit denen Kinder in ihrem Alltag konfrontiert werden. Den jungen Lesern wird damit die Möglichkeit geboten, sich auf literarische Weise mit bestimmten Problemen auseinanderzusetzen und diese zu bewältigen.

Das Thema „Außenseiter“ betrifft Kinder jeglichen Alters und sozialen Sta- tus. Kinder sind bereits früh Täter, Opfer oder Zeugen von gesellschaftli- cher Ausgrenzung oder Unterdrückung. Kinderliteratur zu diesem Thema möchte nicht nur Betroffenen helfen, sondern auch zur Reflexion anregen, Normen der Gesellschaft hinterfragen und dazu beitragen, eine Verhaltens- und Einstellungsänderung gegenüber Außenseitern zu ent- wickeln. „Die Geschehnisse in der Literatur sollen von den Lesern in ihre eigene Wirklichkeit transferiert werden und zu einer Auseinandersetzung mit der Umwelt führen. Den Kindern soll bewusst werden, dass es in der Realität Außenseiter gibt, die jedoch nicht schlechter, sondern ebenso wichtig und wertvoll sind wie die anderen Menschen.“5

Menschen gehören unterschiedlichen sozialen Gruppen an, zum Beispiel der Familie, verschiedenen Berufsgruppen, konfessionellen Gruppen, der Klassengemeinschaft in der Schule, Freundeskreisen, Sport- oder Frei- zeitvereinen.

Allerdings gibt es in Gemeinschaften immer wieder Personen, die nicht in die Gruppe integriert oder lediglich am Rande des Kollektivs geduldet werden. Die Gründe sind vielfältig. Außenseiter sind „Personen, die aufgrund ihres Verhaltens, ihrer äußeren, körperlichen Erscheinung, ihrer Herkunft, ihres sozialen Status, ihrer Gewohnheiten oder sonstiger Merkmale nicht den Maßstäben der Gesellschaft entsprechen und aus diesem Grunde aus der Gemeinschaft ausgegliedert sind“.6

Hierbei haben die von der Gesellschaft aufgestellten Normen, an denen jedes Mitglied gemessen und beurteilt wird, sowie Vorurteile gegenüber dem Fremdartigen eine große Bedeutung. Wer den Kriterien der Gemeinschaft nicht entspricht, wird oftmals gemieden, beschimpft, verspottet oder Opfer von Feindseligkeit und Gewalt.

Literatur, die sich mit Phänomenen der Ausgrenzung beschäftigt, setzt sich damit auseinander, wie der Betroffene unter seiner Situation leidet, wie er mit dem Problem umgeht und ob er Wege zu sich selbst und seiner Identität findet.7

Kinderliteratur zu diesem Thema befasst sich dabei mit unterschiedlichen Außenseiterfiguren. Sie stellt zum Beispiel „positive“ Außenseiter (Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf) dar, die zu selbstbestimmtem Verhalten und Überdenken von Verhaltensmustern in der Gesellschaft ermuntern. 8 Oder sie handelt von Personen, die neu in eine bereits gefestigte Gemein- schaft gelangen und denen aufgrund ihrer Fremdartigkeit, ihres anderen kulturellen oder religiösen Hintergrunds, mit Mißtrauen, Vorurteilen und Distanz begegnet wird (Paul Maar / Verena Ballhaus: Neben mir ist noch Platz).

Außenseitergestalten wie in „Irgendwie Anders“ sind hingegen schon von Geburt an anders. Sie werden von der Gesellschaft ausgegrenzt, da sie in ihrem Äußeren und ihrer körperlichen Gestalt nicht den Normvorstellungen entsprechen.

Für Kinder und Jugendliche stößt Außenseiterliteratur auch deshalb auf ein besonderes Interesse, weil sie sich in einem Alter befinden, in dem sie einem Normzwang ausgesetzt und auf der Suche nach dem eigenen Ich sind.9 Die Darstellung von Außenseitern wird genutzt, um Normen der Gesellschaft und eigene Verhaltensmuster zu hinterfragen.

Bilderbücher zu dem Thema Außenseiter und - damit verbunden - Toleranz sind neben „Irgendwie Anders“ beispielsweise „Neben mir ist noch Platz“ von Paul Maar und Verena Ballhaus, „Soham - eine Geschichte vom Fremdsein“ von Elisabeth Reuter, „Susi lacht“ von Jeanne Willis und Tony Ross und „Rollstiefelchen“ von Gregoire Solotareff.

4. Analyse des Bilderbuches „Irgendwie Anders“ von Kathryn Cave und Chris Riddell

4.1 Bibliographie

Das Textbilderbuch „Irgendwie Anders“ erschien unter dem Originaltitel „Something else“ erstmals im Verlag Penguin Books Ltd./Viking in London. Anschließend wurde es von Salah Naoura aus dem Englischen übersetzt und 1994 als deutsche Erstauflage im Verlag Friedrich Oetinger publiziert. 1997 wurde es mit dem „UNESCO Prize for Children‘s and Young People’s Literature in the Service of Tolerance ausgezeichnet.

Bei der dieser Hausarbeit zugrunde liegenden Ausgabe handelt es sich um einen Druck aus dem Jahr 2001.10

4.2 Informationen über die Autorin und den Illustrator

Die Autorin Kathryn Cave wurde 1948 in Aldershot / England geboren und hat als Herausgeberin für verschiedene Verlage gearbeitet, bevor sie selbst anfing zu schreiben.

Im Oetinger Verlag ist von ihr neben dem Bilderbuch „Irgendwie Anders“ noch das Kinderbuch „William und die Wölfe“ erschienen.11

Der Illustrator Chris Riddel wurde 1962 in Kapstadt / Südafrika geboren und wuchs in England auf. Er studierte Design und lebt heute als Illustra- tor in Brighton. „Irgendwie Anders“ ist sein erstes Bilderbuch im Oetinger Verlag.12

4.3 Inhalt

Das Textbilderbuch „Irgendwie Anders“ handelt von dem kleinen Phanta- siewesen Irgendwie Anders, das alleine und ohne Freunde auf einem ho- hen Berg wohnt. Der Grund seiner Einsamkeit liegt darin, dass er sich in seinem Aussehen und seinen Verhaltensweisen völlig von den anderen Tieren in seiner Umgebung unterscheidet und daher von diesen ausge- grenzt wird. Wann immer er sich zu ihnen gesellen möchte, stößt er auf Ablehnung: „Tut uns Leid, du bist nicht wie wir. Du bist irgendwie anders. Du gehörst nicht dazu.“13

Alle Bemühungen von Irgendwie Anders, die Tätigkeiten und das Verhalten der anderen Tiere nachzuahmen und sich ihnen anzupassen, bleiben erfolglos: „Aber es half alles nichts. Er sah nicht so aus wie die anderen und er sprach nicht wie sie. Er malte nicht so wie sie. Und er spielte nicht so wie sie. Und was er für komische Sachen aß!“14

Schließlich wird er von den Tieren fortgeschickt. Irgendwie Anders zieht sich traurig in sein Haus zurück. Doch es dauert nicht lange und jemand klopft an seine Tür. Als er öffnet, steht ein orangefarbenes Wesen namens Etwas vor ihm. Es begrüßt Irgendwie Anders freundlich und spaziert ohne dessen Einwilligung ins Zimmer. Irgendwie Anders reagiert irritiert. Unver- ständlich ist ihm auch die Behauptung von dem Etwas, dass dieser ge- nauso sei wie er. Irgendwie Anders betrachtet das ihm fremde Wesen von allen Seiten, kann aber keine Gemeinsamkeiten feststellen: „Du bist doch nicht wie ich! Du bist überhaupt nicht wie irgendwas, das ich kenne.“15 Verärgert fordert er den nächtlichen Eindringling auf zu gehen, so dass dieser traurig und enttäuscht das Haus verlässt. Die ganze Situation erin- nert Irgendwie Anders an etwas, doch ist ihm zunächst nicht bewusst, woran. Erst als er sich selbst im Spiegel betrachtet, begreift er und rennt dem Wesen hinterher. „Du bist nicht wie ich, aber das ist mir egal. Wenn du Lust hast, kannst du bei mir bleiben“16, spricht Irgendwie Anders und hält das Etwas an dessen Pfote fest.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine feste Freundschaft. Sie malen, spielen und essen zusammen und vertragen sich trotz ihrer Verschieden- artigkeit. Auch gegenüber anderen „merkwürdigen“ Wesen verhalten sie sich offen und freundlich: „Und wenn einmal jemand an die Tür klopfte, der wirklich sehr merkwürdig aussah, dann sagten sie nicht ‚Du bist nicht wie wir‘ oder ‚Du gehörst nicht dazu‘. Sie rückten einfach ein bisschen zu- sammen.“17

4.4 Aufbau

Die kurze Geschichte von „Irgendwie anders“ verläuft einsträngig und be- dient sich dem traditionellen Schema „Einleitung - ansteigende Spannung - Höhepunkt - Schluss“, wobei aber der Spannungsbogen zwischendurch schwankt.

Bereits im ersten Satz der Erzählung wird die Figur Irgendwie Anders ein- geführt und auf seine Einsamkeit hingewiesen. Die folgenden Seiten schildern das ablehnende Verhalten der anderen Tiere und die vergeb- lichen Bemühungen von Irgendwie Anders, sich anzupassen und zu integ- rieren. Durch diese Darstellung wird Spannung erzeugt, denn der Leser möchte wissen, ob es dem kleinen Wesen gelingen wird, Akzeptanz zu finden. Als Irgendwie Anders sich schließlich traurig in sein Haus zurück- ziehen muss, wächst diese Spannung beachtlich. Eine Lösung scheint sich anzubahnen, als das freundliche Etwas an die Haustür klopft. Doch die Spannung wird im Folgenden nicht aufgehoben, sondern steigt weiter an, da Irgendwie Anders wider Erwarten misstrauisch und ablehnend rea- giert. Mit dem Hinauswurf des Fremden erscheint der Höhepunkt zunächst erreicht, doch mit dem Satz „Es erinnerte Irgendwie Anders an irgendwas, aber er wusste einfach nicht, woran“18 wird erneut Spannung in Bezug auf eine mögliche Besinnung des kleinen Wesens geweckt. Der wirkliche Hö- hepunkt stellt sich schließlich ein, als Irgendwie Anders die Situation be- wusst wird, dem Etwas hinterherläuft und es auffordert zu bleiben. Mit der anschließenden Schilderung der Freundschaft fällt die Spannung wieder ab.

4.5 Sprache und Erzählhaltung

Kathryn Cave erzählt in einer einfachen, leicht verständlichen Sprache. Sie verwendet überwiegend kurze Hauptsätze, die das Geschehen kom- primieren und auf den Punkt bringen. Aber auch längere Sätze stellen aufgrund des einfachen Satzbaus keine Schwierigkeit für die jungen Rezi- pienten dar.

Der Sprachstil wirkt stellenweise fast schlicht, ist aber in der Verbindung mit den Illustrationen keineswegs langweilig. Überhaupt erschließt sich die volle Aussage und der Witz des Textes erst durch die Kombination mit den Bildern (vgl. Kap. 4.6 ).

Zu Beginn und am Ende der Geschichte ist der Text hauptsächlich be- schreibend. Auffällig hierbei ist die häufige Verwendung von Aufzählungen und Wiederholungen, um das Gesagte zu verdeutlichen. Beispielsweise werden die erfolglosen Anpassungsbemühungen von Irgendwie Anders durch eine Reihe kurzer, gleich aufgebauter Hauptsätze verdeutlicht: „... und er sprach nicht wie sie. Er malte nicht so wie sie. Und er spielte nicht so wie sie.“19 Auf die gleiche Weise wird an späterer Stelle die Freund- schaft zwischen Irgendwie Anders und dem Etwas dargestellt: „Sie lächelten und sagten ‚hallo‘. Sie malten zusammen Bilder. Sie spielten das Lieblingsspiel des anderen Sie aßen zusammen. Sie waren verschie- den, aber sie vertrugen sich.“20

Lebendigkeit erhält der Text durch die wörtlichen Rede, die verstärkt auf dem Höhepunkt der Erzählung - der Begegnung zwischen Irgendwie Anders und dem Etwas - eingesetzt wird. Sie dient dazu, die Empfindungen und Meinungen der beiden Figuren besser aufzuzeigen. Die direkten Äußerungen sind effektiver und einprägsamer, als Beschreibungen es zu leisten vermögen. Auf diese Weise kann sich der Leser besser in die Figuren einfühlen und ihr Verhalten nachempfinden.

Die Handlung wird aus der Perspektive eines Er-Erzählers wiedergege- ben, der aber Partei für die Figur Irgendwie Anders zu ergreifen scheint, auch wenn dies nicht explizit geäußert wird. An vielen Stellen erhält der Leser Einblick in das Innenleben der Hauptfigur und kann dadurch an dem Gefühlsleben des kleinen Wesens teilhaben.

4.6 Bildbetrachtung

Die Illustrationen des Bilderbuches sind sehr lebendig und abwechslungsreich gestaltet. Chris Riddell arbeitet mit aquarellierten Federzeichnungen und vielen Schraffuren. Die Farbgebung ist dezent. Durch die Schraffierungen werden die Figuren Irgendwie Anders und Etwas hervorgehoben und dunkle Farben betont.

Auffällig ist die Arbeit mit Hell und Dunkel, Licht und Schatten, um Stim- mungen einzufangen und die Hauptfiguren zu betonen. Beispielsweise wird auf der ersten Doppelseite des Buches Irgendwie Anders ‘ Haus auf dem Berg in einem dunklen, kalt wirkenden Blau dargestellt, was die Ein- samkeit des kleinen Wesens unterstreicht. Auch spielen sich fast alle Szenen in dem Haus der Hauptfigur auf einem eher düsteren Farbhinter- grund ab, wodurch die Gefühlslage von Irgendwie Anders widergespiegelt wird. Interessant hierbei ist es, wie der Illustrator „Licht-Spots“ einsetzt, um die jeweils agierende Figur anzustrahlen und hervorzuheben; sie gewis- sermaßen ins „Rampenlicht“ zu stellen. Als Lichtquelle dient dabei eine Kerze, die die Figur entweder selbst trägt, oder dessen Schein durch einen Spiegel reflektiert wird.

Die Bildkomposition ist sehr abwechslungsreich gestaltet. Mal erstreckt sich die Illustration über eine oder zwei Din A4-Seiten, dann wieder sind vier kleine Bilder auf einer Doppelseite zusammengefasst, die eine Handlungsabfolge darstellen. Diese Bilder befinden sich entweder auf weißem oder auf farbigem Hintergrund. Manchmal werden auch kleinere Bilder in ein großes eingefügt. Es gibt Illustrationen, die die ganze Seite ausfüllen und solche, die von einem Rahmen begrenzt werden.

Der Text steht entweder direkt im Bild oder befindet sich eingerahmt auf hellem Hintergrund.

Durch diese Kompositionsvielfalt wirken die Illustrationen interessant und lebendig und fordern den Betrachter dazu auf, sich immer wieder aufs Neue auf eine Gestaltungsvariante einzulassen.

Lebendigkeit erhalten die Bilder zusätzlich durch die zahlreichen liebevollen Details. Mit größter Sorgfalt werden beispielsweise das kleine Stofftier von Irgendwie Anders, die bunten Flicken in seinem Sessel, das Bild an der Wand, das unaufgeräumte Spülbecken oder die Brillen, Knöpfe und Halstücher der anderen Tiere dargestellt.

Häufig können beim erstmaligen Lesen nicht alle Details erfasst werden. Auch ist es erst beim wiederholten Durchblättern des Buches möglich zu entdecken, auf welche Weise Einzelheiten an anderen Stellen wieder auf- genommen werden. So wird zum Beispiel auf Seite 5 im Hintergrund ein Sessel mit Sonnenschirm gezeigt, der drei Seiten weiter auf dem gemal- ten Bild eines der Tiere auftaucht. Federball und -schläger, mit denen sich Irgendwie Anders an dem Spiel der anderen beteiligen möchte, liegen später nutzlos unter seinem Bett. Die Stoffmuster der Hosen, Kleider und Halstücher der Tiere finden sich in Form von Flicken und Gardinen in Ir- gendwie Anders ‘ Haus wieder.

Das Buch bietet auf diese Weise die Möglichkeit, auch beim mehrmaligen Lesen auf Neues, Interessantes, bisher nicht Entdecktes zu stoßen.

Die Illustrationen in diesem Buch dienen daher nicht einer einfachen Wie- derholung des Textes mit bildlichen Mitteln. Sie besitzen eine eigene oder zusätzliche Aussage, die das Wort ergänzen und über das im Text Gesag- te hinausgehen.

Deutlich wird dies beispielsweise in der Szene, in der das Etwas traurig und geknickt das Haus von Irgendwie Anders verlässt, nachdem dieser ihn verärgert weggeschickt hat. „Es erinnerte Irgendwie Anders an irgendwas, aber er wusste einfach nicht, woran. Das Etwas war gerade gegangen, da fiel es ihm plötzlich ein.“21 Dass die Szene Irgendwie Anders an seine eigene Situation erinnert, wird erst durch die Illustration offenbart, auf der Irgendwie Anders sein Spiegelbild betrachtet.

Der Rezipient muss folglich zur Interpretation des Textes das dazugehöri- ge Bild heranziehen. Ohne die Illustrationen blieben die Sätze witzlos, langweilig und bisweilen sogar nichtssagend.

4.7 Figurengestaltung

Die Freude am Detail, wie sie sich in den Illustrationen zeigt, bezieht auch die Darstellung der Figuren mit ein. Chris Riddel zeichnet sie skurril, witzig und arbeitet Mimik und Gestik deutlich heraus. Auf diese Weise werden dem Rezipienten auch über die bildliche Ebene die Gefühle, Stimmungen und Gedanken der Figuren vermittelt. Beispielsweise lässt sich an dem Gesichtsausdruck und der Körperhaltung von Irgendwie Anders seine Ent- täuschung und Traurigkeit ablesen, als er von den anderen Tieren versto- ßen wird, ebenso seine Verblüffung und sein Ärger, als das Etwas in sein Haus spaziert. Dadurch gelingt es dem Illustrator, dass der kindliche Leser oder Betrachter sich mit den Figuren identifizieren und Anteilnahme, Ver- ständnis und Solidarität entwickeln kann.

Die Hauptfigur Irgendwie Anders ist ein kleines, blauhaariges Wesen mit rundem Kopf, einer Knubbelnase und großen, runden Augen.

Er und das Etwas werden durch ihre skurrile, fremdartig wirkende äußerli- che Erscheinung hervorgehoben. Durch ihre etwa gleiche Größe und ihren rundlich-pummeligen Körperbau weisen sie eine gewisse Ähnlichkeit auf. Gleichzeitig wird durch die andere Farbe, die unterschiedlichen Augen, Nasen und Pfoten deutlich, dass sie nicht auf die gleiche Weise anders sind. So ist das Etwas orangefarben, hat zottelige Haare, einen Rüssel und Pausbacken.

Die Verschiedenheit der beiden kommt aber nicht nur in deren physischen Gestalt, sondern auch in der Darstellung ihrer gemeinsamen Aktivitäten zum Ausdruck, zum Beispiel in der Art, wie sie malen oder Federball spie- len.

Dem gegenüber bleiben die anderen Tierfiguren anonym, treten aus- schließlich als Gruppe auf und werden als „die anderen“ bezeichnet. Damit fehlt ihnen jegliche Individualität und Persönlichkeit.

Die Gemeinschaft besteht aus vier verschiedenen Gruppen von Tieren. Die Mitglieder der einzelnen Gruppen werden zwar unterschiedlich dargestellt, weisen aber untereinander wiederum so große Gemeinsamkeiten auf, dass keine dieser Figuren hervorgehoben wird.

Durch ihr übereinstimmend ablehnendes Verhalten stellen sie sich als geschlossene Gruppe gegen Irgendwie Anders, der in keinem äußerlichen Merkmal eines der anderen Tiere entspricht.

Auch hier spricht die Mimik und Gestik eine deutliche Sprache. An den skeptischen Blicken, den zusammengezogenen Augenbrauen oder den verschränkten Armen lässt sich die feindliche Einstellung gegenüber dem andersartigen Wesen ablesen.

4.8 Gestaltung der Außenseiterproblematik und des Themas Tole- ranz

Immer wieder werden Menschen, die in ihrer äußerlichen Erscheinung und ihrem Verhalten nicht den Normvorstellungen entsprechen, von der Gesellschaft ausgestoßen.

Das Bilderbuch „Irgendwie Anders“ greift diese Problematik auf und schil- dert sie anhand des Phantasiewesens Irgendwie Anders, das sich in sei- nem Aussehen völlig von den anderen Tierfiguren seiner Umwelt unter- scheidet. Dieses Anderssein wird auf verschiedenen Ebenen ausgedrückt: in der Namensgebung „Irgendwie Anders“, in der bildlichen Darstellung der Figur, aber auch in der Schilderung seiner Fähigkeiten und seines Verhaltens in Text und Bild.

Aufgrund seiner sonderbaren Gestalt und seiner abweichenden Verhal- tensweisen wird Irgendwie Anders von den anderen Tieren ausgegrenzt. Sie begegnen ihm mit Ablehnung und Geringschätzung und lassen ihn nicht an ihrem gemeinschaftlichen Leben teilnehmen. Dies alles sind Re- aktionen, die tagtäglich in unserer Gesellschaft vorkommen: „Betroffene werden oftmals von der Allgemeinheit gemieden, von Aktivitäten, Kommu- nikation und (Inter)aktion ausgeschlossen, ihre Meinung wird ignoriert und ihre Stellung untergraben.“22

Das ablehnende Verhalten der Tiere kommt auf den Seiten des Bilderbu- ches explizit zum Ausdruck. „Tut uns leid, du bist nicht wie wir. Du bist ir- gendwie anders. Du gehörst nicht dazu“,23 sind die Worte der Tiere. Die Illustrationen sprechen die gleiche Sprache, indem sie die abweisende Körperhaltung und die feindlichen und skeptischen Blicke der Tiere dar- stellen.

Besonders deutlich wird die Situation der Außenseiterfigur auf einem Bild, welches die Tiergemeinschaft im Schatten eines Baumes, Irgendwie An ders aber einige Meter weiter allein sitzend in der Sonne zeigt.24 Die Schattengrenze des Baumes zieht gleichsam die Grenze zwischen Ir gendwie Anders und den anderen.

Irgendwie Anders leidet unter dieser Einsamkeit und Missbilligung seiner Person.

Jutta Kurpjuhn nennt drei prinzipielle Alternativen, auf welche Weise ein Außenstehender mit einer solchen Situation umgehen kann:25

a) Die Segregation, bei der sich die Betroffenen zu einer Subkultur bzw. Alternativgruppe zusammenschließen, in der sie versuchen, ihre Eigenarten zu bewahren und als „normal“ zu erleben.
b) Die Assimilation, bei der der Außenseiter versucht, sich den gesetzten Normen und Werten anzupassen und ein neues, der Gesellschaft ent- sprechendes Ich zu entwickeln.
c) Die partielle Assimilation, ein Mittelweg zwischen Segregation und As- similation, bei der sich der Betroffene nur soweit der Mehrheit anpasst, wie es für einen erleichterten Umgang mit der Gesellschaft nötig ist. Auf diese Weise findet zwar keine Integration in die Gemeinschaft, aber auch keine völlige Selbstaufgabe statt.

Irgendwie Anders versucht es zunächst auf dem Weg der Assimilation. Indem er sich bemüht, die Verhaltensweisen und Interessen der anderen Tiere zu übernehmen, erhofft er sich ihre Anerkennung und Freundschaft. Er ist bereit, für die Aufnahme in die Gemeinschaft seine Individualität zu leugnen und seine Identität aufzugeben: „Irgendwie Anders tat alles, um wie die anderen zu sein. Er lächelte wie sie und sagte ‚hallo‘. Er malte Bilder. Er spielte, was sie spielten (wenn er durfte).“26

Als seine Anstrengungen dennoch fehlschlagen und er unwiderruflich von der Tiergemeinschaft ausgestoßen wird, bleibt ihm nur noch die Möglich- keit des Rückzugs. Die zu dieser Szene gehörende Illustration zeigt, wie Irgendwie Anders mit hängendem Kopf zu seiner Hütte aufbricht. Die Dar- stellung der Hütte, blass und in weiter Ferne auf einem Hügel, bringt die völlige Isolation zum Ausdruck, der sich das kleine Wesen fügen muss.

Eine positive Veränderung der Situation scheint sich anzubahnen, als das Etwas in das Haus von Irgendwie Anders tritt. Wider Erwarten reagiert der Ausgestoßene aber nicht erfreut, sondern irritiert und ablehnend. Das Bil- derbuch verzichtet hier auf die übliche Handlungsstruktur von Täter und Opfer und lässt Irgendwie Anders selbst zum Täter werden, der das Etwas aufgrund seiner Andersartigkeit zurückweist: „‘Du bist überhaupt nicht wie irgendwas, das ich kenne.‘ ... Und er ging zur Tür und öffnete sie. ‚Gute Nacht!‘ “27

Dadurch wird ein Verhalten deutlich gemacht, dass mit den Eigenheiten des menschlichen Verhaltens identisch ist. Es ist nicht ungewöhnlich, sondern entspricht der Realität, auf Fremdes mit Verunsicherung und Ablehnung zu reagieren.

Doch Irgendwie Anders verharrt nicht in dieser Position. Ihm wird bewusst, dass sein Verhalten in dieser Situation genau dem der anderen Tiere ent- spricht und er das Etwas behandelt hat, wie er selbst behandelt wurde.

Aufgrund dieser Einsicht läuft er dem Etwas hinterher und bietet ihm an zu bleiben. So entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft, in der sich bei- de zu ihrer Andersartigkeit bekennen und den anderen respektieren.

Das Ende der Erzählung verdeutlich, was die beiden Wesen aus ihrer Si- tuation gelernt haben und wie sich dies auf ihr zukünftiges Verhalten aus- wirkt: „Und wenn einmal jemand an die Tür klopfte, der wirklich sehr merkwürdig aussah, dann sagten sie nicht ‚Du bist nicht wie wir‘ oder ‚Du gehörst nicht dazu‘. Sie rückten einfach ein bisschen zusammen.“28

Gerade diese letzten Szenen regen den kindlichen Leser und Betrachter zum Überdenken des eigenen Verhaltens an und ermutigen zu Toleranz gegenüber dem Andersartigen. Vermittelt wird die Botschaft, andere zu akzeptieren und aufzunehmen, auch wenn diese völlig andersartig sind. Trotz Verschiedenheit ist Freundschaft möglich.

Kritisch anzumerken sei hier möglicherweise der Umstand, dass Irgendwie Anders nur Akzeptanz bei einem ebenso andersartigen Wesen findet. Beiden gelingt es nicht, sich in die Gemeinschaft zu integrieren, weil sie nicht als „normal“ angesehen werden.

Diese Kritik kann aber durch die Illustration auf der letzten Seite des Buches entschärft, wenn nicht gar aufgehoben werden. Hier zeigt sich, dass derjenige, der an die Tür klopfte und „wirklich sehr merkwürdig aussah“, ein Menschenkind ist. Dadurch wird erkennbar, dass Andersartigkeit eine Sache der Definition ist und dass jemand, der heute und in unserer Gemeinschaft als normal betrachtet wird, anderswo als abweichend und fremdartig wahrgenommen werden kann.

5. Abschließende Bemerkungen

Das Bilderbuch „Irgendwie Anders“ erscheint mir sowohl in seiner ästhetischen Gestaltung wie auch in der Art und Weise der Darbietung der Außenseiterproblematik als sehr gelungen.

Die lebendigen und detailreichen Illustrationen wirken zusammen mit dem Text humorvoll und unterhaltend. Es dürfte dem jungen Rezipienten - das Bilderbuch ist nach Angabe des Verlages für Kinder ab 4 Jahren geeignet - nicht schwer fallen, sich mir der liebenswert gezeichneten Figur Irgend wie Anders zu identifizieren und mit ihr zu fühlen. Mit Hilfe dieses Sympathieträgers wird ihm ein Zugang zur der Problematik „Anders sein“ eröffnet. Der kindliche Leser und Betrachter kann sich auf literarische Weise mit dem Thema „Außenseiter“ beschäftigen - ein Thema, das Kindern jeglichen Alters bekannt und für sie nachvollziehbar ist.

Das Bilderbuch regt dazu an, Vorurteile abzubauen und Andersartigen offener und toleranter entgegenzutreten, indem es aufzeigt, dass Freundschaft trotz Verschiedenheit möglich ist.

Es dürfte den Lesern keine Probleme bereiten, einen Bezug zur Realität herzustellen. Gerade das letzte Bild, welches das Menschenkind zwischen Irgendwie Anders und dem Etwas zeigt, gibt eine Hilfestellung, die fiktionale Situation auf die eigene Lebenswirklichkeit zu übertragen.

Literaturangaben

Primärliteratur

Cave, Kathryn / Riddel, Chris: Irgendwie Anders. Oetinger 2001

Sekundärliteratur

Kurpjuhn, Jutta: Außenseiter in der Kinderliteratur. Darstellungsvarianten und Wirkungsaspekte moderner Prosa für die junge Generation. Frankfurt am Main 2000

Thiele, Jens: Das Bilderbuch. In: Lange, Günter (Hrsg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1, Baltmannsweiler 2000, S. 228-246

Thiele, Jens: Das Bilderbuch. Ästhetik, Theorie, Analyse, Didaktik, Rezeption. Oldenburg 2000

Schulz, Gudrun: Außenseiter als Thema der Kinder- und Jugendliteratur. In: Lange, Günter (Hrsg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 2, Baltmannsweiler 2000, S. 746-765

[...]


1 Vgl. Kurpjuhn 2000, S. 16

2 Vgl. Thiele 2000, S. 237

3 Ebd.

4 Thiele 2000, S. 237

5 Kurpjuhn 2000, S. 41

6 Kurpjuhn 2000, S. 26

7 Vgl. Schulz 2000, S. 748

8 Ebd., S. 747

9 Ebd., S. 748

10 Alle Seitenzahlen im Text beziehen sich auf diese Ausgabe

11 Vgl. Cave, Kathryn / Riddell, Chris: Irgendwie Anders. 2001

12 Ebd.

13 Cave / Riddell 2001, S. 5

14 Cave / Riddell 2001, S. 8-9

15 Cave / Riddell 2001, S. 18

16 Cave / Riddell 2001, S. 21

17 Cave / Riddell 2001, S. 24-25

18 Cave / Riddell 2001, S. 18

19 Cave / Riddell 2001, S. 8-9

20 Cave / Riddell 2001, S. 22-23

21 Cave / Riddell 2001, S. 19-20

22 Kurpjuhn 2000, S. 26

23 Cave / Riddell 2001, S. 5

24 Vgl. Cave / Riddell 2001, S. 9

25 Vgl. Kurpjuhn 2000, S. 33-34

26 Cave/Riddell 2001, S. 6-7

27 Cave/Riddell 2001, S. 18

28 Cave/Riddell 2001, S. 24-25

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Irgendwie Anders - Analyse eines problemorientierten Bilderbuches zum Thema Außenseiter und Toleranz -
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V107321
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Irgendwie, Anders, Analyse, Bilderbuches, Thema, Außenseiter, Toleranz
Arbeit zitieren
Martina Vogel (Autor), 2002, Irgendwie Anders - Analyse eines problemorientierten Bilderbuches zum Thema Außenseiter und Toleranz -, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107321

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Irgendwie Anders - Analyse eines problemorientierten Bilderbuches zum Thema Außenseiter und Toleranz -


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden