Kohärenz: Wissen und Schlüsse


Seminararbeit, 2001

13 Seiten, Note: 1


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Gliederung

A) Einleitung

B) Kohärenz: Wissen und Schlüsse
I. Darstellung der Theorie von Wissen und Schlüssen nach Heinemann und Viehweger
1. Sprachliches Wissen
2. Enzyklopädisches Wissen
3. Interaktionswissen
a) Illokutionswissen
b) Illokutionsstrukturen
c) Wissen über allgemeine kommunikative Normen
d) Wissen über globale Textstrukturen
e) Metakommunikatives Wissen
II. Anwendung der Theorie an drei Textbeispielen
Beispieltext 1: Ausschnitt aus einem Zeitschriftenartikel
Beispieltext 2: Anleitung
Beispieltext 3: Werbeanzeige

C) Schluss

Literatur

Erklärung

A) Einleitung

Bei der Produktion wie bei der Rezeption von Texten aktiviert der Mensch verschiedenste Arten von Wissen. Meine Arbeit soll sich damit beschäftigen, welche Wissenssysteme dies sind, und welche Schlüsse Sprecher und Hörer bzw. Autor und Leser aus diesem Wissen ziehen. Dabei stelle ich in einem ersten Teil die Theorie von Heinemann und Viehweger vor, um im zweiten Teil eben diese auf drei Beispieltexte anzuwenden.

B) Kohärenz: Wissen und Schlüsse

I. Darstellung der Theorie von Wissen und Schlüssen nach Heinemann und Viehweger

1. Sprachliches Wissen

Die wichtigste Voraussetzung für die Produktion eines Textes ist sprachliches Wissen. Nur wenn man um die Realisation der verschiedenen Satzarten weiß, Pronomen richtig verwendet, Tempusstrukturen aufbauen und Sätze logisch verknüpfen kann, ist man in der Lage sich verständlich auszudrücken. Diese Beispiele sind durchwegs grammatischer Art. Doch Textproduzent und -rezipient benötigen neben dem grammatikalischen auch lexikalisches bzw. semantisches Wissen. Darunter verstehen wir das Wissen über die „Laut-Bedeutungs- Zuordnung“1, das „die Mitglieder einer (..) Gesellschaft besitzen und in (...) Lexikoneintragungen zur Verfügung haben“2. Auch was häufig als „Weltwissen“ bezeichnet wird, ist unter den Begriff des lexikalischen Wissens zu fassen, also das Bewusstsein über grundlegende Kausalzusammenhänge in der Wirklichkeit. Der Sprecher setzt dieses Wissen voraus, sodass er etwa bei der Mitteilung: „Das Auto blieb stehen und wir mussten zu FußBenzin holen gehen.“ nicht eigens darauf hinweist, dass der Motor eines Autos Benzin braucht.3

2. Enzyklopädisches Wissen

Als enzyklopädisches Wissen wird das Sach- bzw. Expertenwissen bezeichnet, das wir „auf Grund der gesellschaftlichen Arbeitsteilung“4 erwerben. Dieses Wissen steht somit nicht der gesamten Gesellschaft zur Verfügung, sondern nur Mitgliedern der jeweiligen Berufsgruppe. Probleme bei der Textproduktion ergeben sich häufig daraus, dass die Grenze zum lexikalischen Wissen sehr unscharf ist. Muss ein bestimmter Begriff erklärt werden oder zählt er zum Vokabular des Textrezipienten? Nicht selten legt ein Student ein Buch wieder zur Seite, weil er sich von der Flut als bekannt vorausgesetzter Fremdwörter überfordert fühlt - womöglich obwohl das Werk als leicht verständliche Einführung deklariert wird. Im umgekehrten Fall, wenn der Sprecher viele Ausdrücke eigens erklärt, die dem Hörer ohnehin geläufig sind, fühlt sich Letzterer gelangweilt oder sogar nicht ernstgenommen.

3. Interaktionswissen

Die beiden oben genannten Beispiele zeigen, dass Textproduktion nie Selbstzweck ist, sondern immer einer bestimmten Absicht dient (die auch verfehlt werden kann). Als die Intention einer sprachlichen Handlung bezeichnen wir den Bewusstseinszustand, den der Sprecher beim Hörer hervorrufen will. Auf Grund der Äußerung: „Gib mir mal den Zucker!“ erkennt der Hörer, dass er dem Sprecher den Zucker geben soll. Das klingt banal, zeigt aber, dass der Begriff der Intention hier sehr eng gefasst ist, sodass nicht etwa das Süßen des Kaffees als solche angegeben wird. Das sogenannte Interaktionswissen hilft dem Sprecher, seine Äußerungen seiner Intention entsprechend zu gestalten. Dem Adressaten dient es dazu, die Absicht des Sprechers zu rekonstruieren.5

a) Illokutionswissen

Man unterscheidet mehrere Typen elementarer sprachlicher Handlungen, denen für ihre Realisation jeweils „Klassen von Äußerungsformulierungen“6 zugeordnet sind. Aus diesen kann der Sprecher in der konkreten Situation die angemessene auswählen, d.h. er muss entscheiden, welche Formulierung sicherstellt, dass der Adressat die Absicht erkennt und entsprechend reagieren kann.

Zunächst soll der Begriff der elementaren Sprachhandlung geklärt werden. Sie wird als illokutive Handlung IH bezeichnet, die die folgenden kategorialen Merkmale aufweist:

IH = (ä, int, kond, kons)7

ä: die Äußerung eines bestimmten sprachlichen Ausdrucks

int: die Absicht des Sprechers, mit der Äußerung beim Hörer einen bestimmten Bewusstseinszustand zu erreichen

kond: die Bedingungen, die zur Wahl des jeweiligen sprachlichen Ausdrucks führen (soziale Beziehung Sprecher - Hörer, institutionaler Kontext, Motivation, Einstellung, Fähigkeiten des Hörers etc.)

kons: die Folgen, die sich gewöhnlich aus einer IH ergeben (nicht die Menge aller möglichen Folgen)

Die illokutiven Handlungen lassen sich auf Grund ihrer kategorialen Merkmale in drei Typen einteilen:8

1. Informationshandlungen mit dem Zieltyp GLAUBEN (hr, p), d. h. der Hörer hr soll glauben, dass der vom Sprecher dargestellte Sachverhalt p zutrifft.
2. Aufforderungshandlungen mit dem Zieltyp AUSFÜHREN (hr, p), d. h. der Hörer soll die Handlung p, zu der er aufgefordert wird, ausführen.
3. Fragehandlungen mit dem Zieltyp SAGEN (hr, p’), d. h. der Hörer soll dem Sprecher die Information p’ geben, über welche dieser nicht verfügt.

b) Illokutionsstrukturen

Selten reicht jedoch eine einzige illokutive Handlung aus, um beim Adressaten den gewünschten Bewusstseinszustand zu bewirken. Man muss mit verschiedenen elementaren Sprachhandlungen „Vorarbeit“ leisten. Die sich so ergebenden Äußerungsfolgen (Texte) stellen also die Verknüpfung mehrerer illokutiver Handlungen zu einem Handlungskomplex dar. Die Ziele der einzelnen illokutiven Handlungen bilden die Voraussetzungen für das Erreichen des fundamentalen Ziels des ganzen Komplexes und sind diesem somit untergeordnet.9 Schematisch lässt sich dieser Sachverhalt folgendermaßen darstellen:10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Sprecher hat Kenntnisse darüber, welche illokutiven Handlungen notwendig und in welcher Reihenfolge sie zu verknüpfen sind, um den Hörer des oben dargestellten Beispiels zu dem fundamentalen Ziel AUSFÜHREN zu bewegen. So gibt er ihm zunächst Informationen, ohne die der Hörer die Handlung nicht ausführen könnte; dabei muss er etwa bei der Einführung von Begriffen darauf achten, den Adressaten nicht zu über- oder unterfordern. Er rechtfertigt seine Aufforderungshandlung. Die Begriffe „Handlungsbereitschaft“ und „Motivation“ kann man so verstehen, dass die eine durch Anreize erhöht wird, die außerhalb der vom Hörer auszuführenden Handlung liegen, z. B. durch eine Belohnung, die andere hingegen durch etwas, das in der Sache selbst liegt. Um die Motivation des Adressaten zu erhöhen könnte der Sprecher den Hörer beispielsweise an einen moralischen Anspruch erinnern, den dieser an sich selbst stellt und durch die Ausführung der erbetenen Handlung erfüllen würde.

c) Wissen über allgemeine kommunikative Normen

Die erfolgreiche Übermittlung eines Textes an den Adressaten hängt weiter davon ab, ob der Sprecher allgemeine kommunikative Normen einhält. Er sollte wissen, wie viel Information nötig ist, damit der Hörer die Intention rekonstruieren kann, ob Informationen für den Hörer überhaupt relevant sind usw. (vgl. die Konversationsmaximen nach Grice). Zu Problemen kann hier wiederum die unklare Grenze zwischen lexikalischem und enzyklopädischem Wissen führen. Darüber hinaus besitzt der Textproduzent Kenntnisse über die Verwendung verschiedener Sprachvarianten je nach regionalem bzw. sozialem Kontext. Der bairische Dialekt wird unter Freunden und Verwandten gepflegt, jedoch beim Vortrag eines Referats durch die Hochsprache ersetzt. In Australien - und erfahrungsgemäßnicht nur dort - existiert eine sogenannte „Schwiegermuttersprache“11, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn entsprechende „Tabu-Verwandte“12 anwesend sind.13

d) Wissen über globale Textstrukturen

Ein Textproduzent entscheidet sich entsprechend seiner Intention für eine globale Struktur, die er seinem Text verleiht. So wird kein Kochbuchautor seine Anleitungen in die Form einer Reportage kleiden, sondern möglichst übersichtlich und klar erkennbar als Kochrezepte formulieren. Dabei spielt nicht selten die graphische Gestaltung eine ebenso große Rolle wie die sprachliche. Ein sachlicher Vortrag wird weder in Versform noch als Dialog gestaltet. Der Hörer erkennt die Textsorte und findet in der Form des Zeitungsberichts, Kommentars oder der Werbeanzeige erste Anhaltspunkte für seine Rekonstruktion der Sprecherintention.14

e) Metakommunikatives Wissen

Trotz unseres umfangreichen Sprachhandlungswissens - des Illokutionswissens, des Wissens über Illokutionsstrukturen, allgemeine kommunikative Normen und globale Textstrukturen - kommt es zu Missverständnissen, kann der Hörer die Intention des Sprechers mitunter nicht identifizieren. Dann setzt der Textproduzent seinen Joker ein, nämlich sein metakommunikatives Wissen. Er versucht drohende oder bereits entstandene Verständnislücken zu schließen, indem er „unmittelbar auf“ die laufende „Kommunikation Bezug nimmt“15. Mit Sprachhandlungen wie wiederholen, paraphrasieren, zusammenfassen vermeidet der Sprecher Kommunikations- störungen. Referenten wird stets empfohlen, der Hörerschaft die Gliederung des Vortrags anzukündigen bzw. vorzulegen - eine Strategie um die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörer nicht zu überfordern. Bereits entstandene Verständigungsfehler beseitigt der Sprecher, indem er präzisierend oder korrigierend in die Kommunikation eingreift.16

II. Anwendung der Theorie an drei Textbeispielen

Beispieltext 1: Ausschnitt aus einem Zeitschriftenartikel

Diesem Streit läßt sich erwidern, daßdie Entschlüsselung des Genoms zwar Daten in Hülle und Fülle, aber keine Verknüpfung zu einem sinnvollen Ganzen produziert hat und daßauch für die Zukunft keineswegs zu erwarten ist, daßsich aus der Kenntnis über die Abfolge von AGCT jemals Erkenntnisse in nennenswertem Umfang gewinnen lassen werden. Die Vorstellung, daßdas Leben ein Code sei, den man nur entschlüsseln müsse, um dann über ihn verfügen zu können, hat aus dieser skeptischen Perspektive mit Leben ungefähr soviel zu tun wie der Besitz der Enigma-Maschine mit den Möglichkeiten, den Verlauf des zweiten Weltkrieges en gros und en détail zu beeinflussen.

Dieser Textausschnitt ist sicherlich nicht ganz einfach zu verstehen, doch der Leser verfügt über ein gutes Rüstzeug um auch schwierigere Äußerungsfolgen zu entschlüsseln.

Zunächst kann hier das vom Leser erwartete enzyklopädische Wissen zu Problemen beim Textverständnis führen, nämlich die Ausdrücke „Genoms“, „AGCT“ und „Enigma-Maschine“. Mit Hilfe seines grammatischen Wissens kann der Rezipient immerhin herausfinden, dass „die Entschlüsselung des Genoms“ mit „der Kenntnis über die Abfolge von AGCT“ gleichzusetzen ist, da die beiden Ausdrücke offensichtlich synonym verwendet werden. Er speichert also die Information Genom = AGCT. Weiter wird sowohl in Verbindung mit „Genoms“ als auch mit „Code“ von „Entschlüsselung“ bzw. „entschlüsseln“ gesprochen. Daraus kann der Leser schließen, dass das Genom einen Code darstellt ( Genom = Code ) - was ihm natürlich nur etwas nützt, wenn ihm der Ausdruck „Code“ geläufig ist, d. h. zu seinem lexikalischen Wissen zählt. Ist dies der Fall, so weißder Adressat auch, dass es sich bei einem Code meist um eine Zahlen- oder Buchstabenkombination handelt, und also mit „Code“ wiederum der Ausdruck „AGCT“ umschrieben wird: Code = AGCT. Von diesen drei „Gleichungen“ würden zwei genügen, um die dritte zu erschließen, der Text enthält jedoch alle drei. Der Leser muss also gar nicht alle sich bietenden Schlüsse ziehen um die genannten Zusammenhänge zu erfassen.

Sind dem Leser die Ausdrücke „Enigma-Maschine“ sowie „en gros und en détail“ unbekannt, so hilft ihm sein Illokutionswissen weiter: Äußerungen der Form „A hat mit B ungefähr soviel zu tun wie C mit D“ werden typischerweise verwendet um ironisch auszudrücken, dass A mit B nichts zu tun hat. Um die Kernaussage des Satzes zu begreifen ist es daher nicht notwendig, die Ausdrücke C und D zu kennen. Bezogen auf unser Beispiel bedeutet das: Auch wenn der Rezipient mit den oben zitierten Begriffen nichts anfangen kann, versteht er doch, dass nach Meinung des Autors „die Vorstellung, daßdas Leben ein Code sei, den man nur entschlüsseln müsse, um dann über ihn verfügen zu können, (..) aus dieser skeptischen Perspektive mit Leben“ nichts „zu tun“ hat.

Die Textillokution, eine Warnung vor überschwänglicher Freude über die Entschlüsselung des Genoms, ist also durch grammatisches und Illokutionswissen erschließbar. Da es sich bei unserem Textbeispiel um einen Ausschnitt aus einem längeren Zeitschriftenartikel handelt, ergibt sich seine Intention zum Teil auch aus dem Kontext. Weiter erscheinen in dieser Zeitschrift meist kompliziertere Artikel. Sie richten sich von vorne herein an Leser, die sich gerne mit anspruchsvollen, sprachlich kunstvollen Texten befassen. Das zum Verständnis dieses Textes notwendige Gentechnik-Vokabular konnte man sich außerdem in Artikeln zum selben Thema aneignen, die in den vorhergehenden Nummern der Zeitschrift veröffentlicht worden waren. Der Autor hat also nicht wild drauflos geschrieben ohne sich darum zu kümmern, ob ihn überhaupt jemand verstehen kann, sondern durchaus neben seinem sprachlichen Wissen (dessen Gebrauch sich von selbst versteht) sein enzyklopädisches und Interaktionswissen eingesetzt.

Beispieltext 2: Anleitung

So können Sie den ADI ausrechnen

Erster Schritt:

Der ADI-Wert für Natriumnitrit (konservierender Lebensmittel- Zusatzstoff beim Pökeln von Fleisch) beträgt 0,1 Milligramm. Das bedeutet, dass ein 70 Kilogramm schwerer Erwachsener täglich 7 Milligramm (70 x 0,1 mg) Natriumnitrit zu sich nehmen darf, ohne mit gesundheitlichen Schäden rechnen zu müssen. Ein 20 Kilogramm schweres Kind sollte hingegen täglich nicht mehr als 2 Milligramm (20 x 0,1 mg) Natriumnitrit zugeführt bekommen.

Zweiter Schritt:

Wieviel Fleischwaren, die mit Natriumnitrit gepökelt wurden, darf ich essen?

(...)

Unser zweites Textbeispiel ist einem Büchlein über Lebensmittelzusatzstoffe entnommen und vor allem durch die für jedermann leichte Verständlichkeit gekennzeichnet, auf die es dem Autor ankam.

Auffällig sind hier die metakommunikativen Elemente, die den Text strukturieren: Die Überschrift „So können Sie den ADI ausrechnen“ gibt unmissverständlich das Thema des folgenden Textes an; dann folgt die Ausführung in zwei Schritten, die auch wörtlich als „erster Schritt“ und „zweiter Schritt“ angekündigt werden. Dabei nimmt die Frage nach der erlaubten Menge der „Fleischwaren, die mit Natriumnitrit gepökelt wurden“ wiederum vorweg, worum es im zweiten Schritt gehen soll. Die graphische Gestaltung in Form von Absätzen unterstützt die gliedernde Wirkung dieser Formulierungen.

Den Begriff „Natriumnitrit“ zählt der Autor vorsichtshalber zum Expertenwissen und erklärt ihn, obwohl er vielen Menschen geläufig sein dürfte; die Einheiten „Milligramm“ und „Kilogramm“ schreibt er aus um Verwirrung durch zu viele Zahlen und Abkürzungen zu vermeiden. Was es mit dem „ADI“ auf sich hat, wird bereits im Vorfeld dieses Textausschnittes geklärt.

Der Text legt es darauf an, beim Leser auf keinen Fall vermeidbare Verständnislücken entstehen zu lassen, da dessen Konzentration durch das Nachvollziehen der Rechnungen genug gefordert ist. So jedenfalls schätzt der Autor jene Menschen ein, die er als Adressaten vor Augen hat. Noch dazu soll der Text in möglichst kurzer Zeit verstanden werden, damit er auch nach einem nur flüchtigen Einblick des Lesers in der Buchhandlung über den Verkaufstisch wandert.

Beispieltext 3: Werbeanzeige

Wollen Sie eine bärenstarke Zukunft?

Mit der Sparda-Vorsorge haben Sie alle finanziellen Freiheiten!

Kommen Sie zur Sparda-Bank!

Zunächst sein Wissen über globale Textstrukturen aktivierend, erkennt der Leser sofort, dass es sich bei diesem Beispiel um eine Werbeanzeige handelt. Dazu trägt wesentlich die - hier nicht wiedergegebene - graphische Gestaltung bei, nämlich die Verbindung des Textes mit einem Bild von einem Bären, die Verwendung verschiedener Schriftgrößen etc.

Der Werbetexter hat mit Hilfe seines Wissens über Illokutionsstrukturen einen Handlungskomplex mit dem fundamentalen Ziel AUSFÜHREN (hr, p) konstruiert, der aus drei elementaren Sprachhandlungen besteht. Am Anfang steht eine Scheinfrage, also eine Fragehandlung mit dem „Scheinziel“ SAGEN (hr, p), die beim Rezipienten eine Erwartungshaltung erzeugt. Er hofft nun darüber informiert zu werden, wie er „eine bärenstarke Zukunft“ erreichen kann. Diese Hoffnung erfüllt sich prompt im zweiten Satz, einer Informationshandlung mit dem Zieltyp GLAUBEN (hr, p). Ist diese zweite Sprachhandlung erfolgreich, glaubt also der Leser, dass er mit „der Sparda-Vorsorge (...) alle finanziellen Freiheiten“ hat, so wird er die Konsequenz ziehen und der Aufforderungshandlung mit dem Zieltyp AUSFÜHREN (hr, p) des letzten Satzes nachkommen, womit gleichzeitig das Ziel des Sprachhandlungskomplexes erreicht wäre: Die Sparda-Bank wird vielleicht mit einem neuen Kunden einen Vertrag abschließen können.

Im Gegensatz zu Beispieltext 2 enthält dieser einige Lücken, die der Rezipient selber schließen muss. Sein Wissen über die Gesellschaft, in der er lebt, sagt ihm, was der Terminus der „finanziellen Freiheiten“ bedeutet; zumindest ruft es ihm bestimmte Assoziationen ins Bewusstsein. Weiter hat der Leser eine Vorstellung davon, wie sich diese „finanziellen Freiheiten“ auf seine Zukunft auswirken könnten etc.

Das Wort „Freiheiten“ zeigt sehr deutlich, dass das lexikalische Wissen nicht nur dazu dient, überhaupt Äußerungen produzieren und verstehen zu können, sondern auch eine bewusste Wortwahl möglich macht. Die Formulierung „Mit der Sparda- Vorsorge können Sie sich alle Waren leisten!“ würde die rein materielle Ausrichtung dieser Glücksstrategie entlarven. Statt dessen soll die Werbung durch den Begriff „Freiheit“ einen philosophischen Zug erhalten, da unter „Frei sein“ im Allgemeinen weit mehr verstanden wird als nur finanzielle Absicherung.

C) Schluss

Die drei Systeme des sprachlichen, enzyklopädischen und Interaktionswissens werden vom Sprecher wie vom Hörer stets alle aktiviert und zu äußerst komplexen Strukturen verknüpft, die erst eine Kommunikation erlauben. Doch nicht nur das Produzieren und Verstehen von Texten ermöglicht dieses Wissen. Es kann darüber hinaus dem rhetorisch geschickten Sprecher dazu dienen, beim Hörer ganz bestimmte subjektive Effekte zu erzielen, oder aber dem Hörer das eigentliche Anliegen des Sprechers, das dieser vielleicht zu kaschieren versucht, vor Augen führen.

Literatur

Meine Ausführungen in Teil A) stützen sich auf

Heinemann, Wolfgang / Viehweger, Dieter. 1991. Textlinguistik. Eine Einführung. Tübingen (Niemeyer). Kap. 2.4, S. 93-111.

Beispieltext 1:

Tolmein, Oliver. Wessen Gen ist das Gen? In: Konkret, Heft 10/2000, S. 34 - 37. Beispieltext 2:

Elmadfa, Ibrahim / Fritzsche, Doris / Muskat, Erich. 1996. E-Nummern. Zusatzstoffe in unseren Lebensmitteln. München (Gräfe und Unzer). S.9.

Beispieltext 3:

Zeitschrift des Philologenverbandes, Heft April 2001, S. 36.

Erklärung

Die Unterzeichnete versichert, dass sie die vorliegende schriftliche Seminararbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die von ihr angegebenen Hilfsmittel benutzt hat.

Die Stellen der Arbeit, die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinne nach entnommen sind, wurden in jedem Fall unter Angabe der Quellen (einschließlich des World Wide Web und anderer elektronischer Text- und Datensammlungen) kenntlich gemacht. Dies gilt auch für beigegebene Zeichnungen, bildliche Darstellungen, Skizzen und dergleichen.

München, den 10.12.2001

[...]


1 Heinemann / Viehweger (1991), S. 94

2 Heinemann / Viehweger (1991), S. 95

3 Dieser Abschnitt stützt sich sinngemäßauf Heinemann /Viehweger (1991), S. 93 - 94.

4 Heinemann /Viehweger (1991), S. 95

5 Dieser Abschnitt stützt sich sinngemäßauf Heinemann / Viehweger (1991), S. 96.

6 Heinemann / Viehweger (1991), S. 98

7 Heinemann / Viehweger (1991), S. 100

8 Heinemann / Viehweger (1991), S. 103

9 Dieser Abschnitt stützt sich sinngemäßauf Heinemann / Viehweger (1991), S. 104 - 106.

10 Heinemann / Viehweger (1991), S. 106

11 Heinemann / Viehweger (1991), S. 108

12 Heinemann / Viehweger (1991), S. 108

13 Dieser Abschnitt stützt sich sinngemäßauf Heinemann / Viehweger (1991), S. 107 - 108.

14 Dieser Abschnitt stützt sich sinngemäßauf Heinemann / Viehweger (1991), S. 109 - 110

15 Heinemann / Viehweger (1991), S. 109

16 Dieser Abschnitt stützt sich sinngemäßauf Heinemann / Viehweger (1991), S. 108 - 109

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Kohärenz: Wissen und Schlüsse
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Proseminar
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V107326
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kohärenz, Wissen, Schlüsse, Proseminar
Arbeit zitieren
Simone Hofmann (Autor:in), 2001, Kohärenz: Wissen und Schlüsse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107326

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