Die ökonomische Analyse der Ernährung und der Nahrungswahl


Hausarbeit, 1997

13 Seiten, Note: Gut (2,0)


Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Allgemeine Darstellung der kulturmaterialistischen Theorie bzgl. der Ernährung bzw. Nahrungswahl

2 Das globale Verlangen nach Fleisch5-
2.1 Die Kosten/Nutzen-Analyse der Milch6-
2.2 Die Bedeutung der Nutzbarmachung von Nahrung bei der menschlichen Ernährung am Beispiel von Insekten

3 Kritik

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle und theoretische Ansätze um die Ernährung und Nahrungswahl der Menschen, beziehungsweise die im Laufe der Geschichte variierenden Ernährungsgewohnheiten, wissenschaftlich zu hinterfragen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einer Analyse der Ernährung und Nahrungswahl aus ökonomischer respektive Kosten/Nutzen-theoretischer Sicht, wobei hierbei hauptsächlich auf die kulturmaterialistische Theorie eingegangen wird, während andere theoretische Ansätze nicht oder nur am Rande erwähnt werden.

Es mußdarauf hingewiesen werden, dass eine allgemeingültige Erklärung der Nahrungswahl wahrscheinlich nur durch ein Zusammenwirken der von den einzelnen Wissenschaften wie Anthropologie und Ethnologie aufgestellten Theorien zu diesem Thema möglich ist. Mit anderen Worten: Für ein universalgültiges Verständnis der Nahrungspräferenzen im geschichtlichen Kontext reicht die Interpretation einer Wissenschaft allein nicht aus, sondern die jeweiligen Hauptmotive für die einzelnen Analysen der verschiedenen Wissenschaften, wie beispielsweise biologische, ökologische, ökonomische und soziale Motive, müssen möglichst im Zusammenhang betrachtet werden.1

Das Ziel dieser Arbeit ist, wie bereits erwähnt, eine ökonomische Analyse der Nahrungswahl mit Hilfe des kulturmaterialistischen Ansatzes, obwohl jener die für einige Wissenschaften relevanten Faktoren bei der Erklärung von Nahrungsgewohnheiten in seiner Theorie teilweise miteinschließt.

Die nachfolgenden Kapitel der Arbeit stellen die Theorie des Kulturmaterialismus bezüglich der Ernährungsgewohnheiten allgemein dar, bevor dann anhand dreier Beispiele von Nahrungsgewohnheiten gegenüber bestimmten Produkten die kulturmaterialistischen Thesen verdeutlicht werden bzw. gezeigt wird, dass das Nahrungsverhalten der Menschen weitgehend von ökonomischen Kosten/Nutzen-Rechnungen abhängig ist. Abschließend folgt eine Kritik und die Zusammenfassung.

1. Allgemeine Darstellung der kulturmaterialistischen Theorie bezüglich der Ernährung bzw. Nahrungswahl

Viele Bevölkerungsgruppen unterscheiden sich in ihrem Ernährungsverhalten, denn sie bevorzugen Nahrung, die in anderen Gesellschaften abgelehnt oder gar verabscheut wird. Der Kulturmaterialismus sieht vor allem in biologischen Faktoren, der Technik, politisch- ökonomischen Faktoren und ökologisch bedingten Chancen und Zwängen, welche in der Welt regional variieren, die wesentlichen Gründe für diverse Nahrungsgewohnheiten. Marvin Harris, ein führender Vertreter der kulturmaterialistischen Theorie, wendet sich gegen die Annahme, Ernährungsweisen seien historische Zufallserscheinungen mit deren Hilfe Botschaften ausgedrückt und übermittelt werden, bzw. beruhten weitgehend auf unerklärlichen religiösen Vorstellungen oder willkürlichen Vorlieben.2 Aus kulturmaterialistischer Sicht haben die Menschen für ihr Handeln zureichende praktische Gründe, wovon die Eßgewohnheiten nicht ausgenommen sind. Somit ist der praktische respektive ökonomische Nutzen bei der Nahrungswahl und Ernährung entscheidend. Bevorzugte Lebensmittel haben laut Kulturmaterialismus ein günstigeres Kosten/Nutzen- Verhältnis im Vergleich mit solchen Nahrungsmitteln, die gemieden werden. Hierbei können zwei wichtige Faktoren unterschieden werden: 1.) Die Bedeutung des Nährwerts eines bestimmten Nahrungsmittels: Bevorzugte Nahrungsmittel enthalten mehr Energien, Proteine, Vitamine und Mineralien pro Portion, als gemiedene Nahrungsmittel. 2.) Der nötige Aufwand zur Beschaffung eines Nahrungsmittels: Manche Lebensmittel sind sehr nahrhaft, werden aber gemieden, weil ihre Beschaffung oder Produktion zuviel Zeit und Mühe kostet, oder weil sie selber zu ungünstige Auswirkungen auf Umweltaspekte haben. Wesentlich ist, dass die vorhin erwähnten biologischen, politisch-ökonomischen und ökologischen Faktoren den praktischen Nutzen bzw. die Kosten/Nutzen-Rechnung eines Nahrungsmittels beeinflussen. So bewirken beispielsweise die unterschiedlichen Umweltbedingungen in den einzelnen Regionen, dass ein Nahrungsmittel häufig oder weniger häufig vorkommt, respektive leicht oder weniger leicht zu beschaffen ist. Dementsprechend sieht das Kosten/Nutzen-Verhältnis dieses Nahrungsmittels in den einzelnen Regionen oder Gesellschaften entweder positiv oder negativ aus. Dieser Aspekt ist für die kulturmaterialistische Theorie entscheidend und erklärt zugleich, warum ein Nahrungsmittel in der einen Gesellschaft bevorzugt und in der anderen Gesellschaft abgelehnt wird. Eine positive Kosten/Nutzen-Rechnung bezüglich der Nahrungswahl bedeutet jedoch nicht, dass die jeweilige Rechnung für alle Mitglieder einer Gesellschaft dieselbe sein muß. Es gab in der Menschheitsgeschichte immer auch gesellschaftspolitische Zwänge, welche einseitige Kosten/Nutzen-Rechnungen entstehen ließen. In Klassengesellschaften beispielsweise unterdrückten die Privilegierten die Nichtprivilegierten und behaupteten so ihr hohes Ernährungsniveau. Anders gesagt: Der praktische Vorteil einer Gruppe wurde zum praktischen Nachteil einer anderen.

Der Kulturmaterialismus sieht die Evolution oder Geschichte des Menschen als einen dynamischen Prozeß, in dem es immer biologische, ökologische, ökonomische und soziale Zwänge gab und gibt, denen die Menschen ihre Lebensweisen, Kulturen sowie Nahrungsgewohnheiten nach praktischem Nützlichkeitsdenken anpassen mußten, um ein Überleben zu gewährleisten.

Die kulturmaterialistische Theorie bestreitet nicht, dass Nahrung der Übertragung von Botschaften dienen und symbolische Bedeutung haben kann, jedoch waren die Vorlieben und Abneigungen für bestimmte Lebensmittel bereits vor den Botschaften und Bedeutungen vorhanden, genauer, die Nahrungsgewohnheiten haben die Glaubensvorstellungen beeinflusst und nicht umgekehrt.

2. Das globale Verlangen nach Fleisch

In den meisten Gesellschaften genießt Fleisch eine höhere Bedeutung als andere Nahrungsmittel. Weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung verzichtet freiwillig auf den Fleischkonsum.

Die Gründe für die hohe Wertschätzung des Fleisches beruhen nicht auf historischen Zufallserscheinungen, sondern auf rationalen Kosten/Nutzen-Aspekten, welche mit der ernährungsphysiologischen Bedeutung von Fleisch zusammenhängen.3

Da es das Zellgewebewachstum fördert und reguliert, ist der menschliche Körper auf Eiweißangewiesen. Fleisch liefert lebensnotwendige Eiweißbausteine (Aminosäuren), welche alternativ nur durch große Mengen bzw. bestimmte Kombinationen pflanzlicher Nahrung bezogen werden können. Somit stellt Fleisch sowohl in qualitativer wie auch in quantitativer Hinsicht eine bessere Proteinquelle dar als die meisten Lebensmittel pflanzlicher Herkunft, wobei Fleisch zusätzlich lebenswichtige Vitamine und Mineralien enthält. Unser Darm ist auf hochwertige und räumlich konzentrierte Nahrungsmittel eingerichtet, was ebenfalls für den Verzehr von Fleisch oder tierischer Nahrung spricht. Die gegenwärtig steigende Lebenserwartung kann man auf den hohen Pro-Kopf-Konsum von Fleisch zurückführen. Weiterhin ist erwähnenswert, dass pflanzliche Nahrung vielmehr Getreide erst durch die Ausbildung landwirtschaftlicher Produktionsweisen vor gerade 10000 Jahren zu einem Grundnahrungsmittel der Menschheit wurde. Die gesamte Menschheitsgeschichte war von einem Verlangen nach Fleisch geprägt. Abschließend sei bemerkt, dass keine große Weltreligion ihren Anhängern jemals den Genußvon Fleisch untersagt hat. Zum Beispiel dürfen die Buddhisten, solange sie die Tiertötung nicht verantworten, Fleisch essen. Die Religionen sind in ihren Grundsätzen recht flexibel und haben sich den Ernährungsgewohnheiten der Menschen, präziser, den biologischen und ökologischen Zwängen angepaßt. Die Israeliten dürfen z.B. nur Schweinefleisch nicht essen, da die ökologischen Bedingungen im Lebensraum der Israeliten für die Schweinehaltung ungeeignet sind. Unter anderem ist die Schweinehaltung in Trockengebieten sehr aufwendig, denn die Tiere sind hier auf Abkühlung von außen angewiesen.4

Die dargelegten Informationen zeigen, dass keine historischen Zufallserscheinungen die Vorliebe für Fleisch bestimmt haben, sondern der praktische Nutzen respektive die positive Kosten/Nutzen-Bilanz des Fleisches, aufgrund seiner ernährungsphysiologischen Bedeutung für die Biologie des Menschen.

2.1 Die Kosten/Nutzen-Analyse der Milch

Die These des Kosten/Nutzen-Prinzips bei der Nahrungswahl läßt sich anhand des Beispiels Milch, bzw. der unterschiedlichen Milchgewohnheiten von einzelnen Gesellschaften deutlich machen. In der westlichen Welt, vor allem in Europa und Amerika gilt Milch als ideales Nahrungsmittel, während sie von Völkern in Ost- und Südostasien (Chinesen, u.a.) zutiefst verabscheut wird. Wie die weiteren Ausführungen zeigen werden, sind die unterschiedlichen Kosten/Nutzen-Rechnungen der einzelnen Völker betreffend Milch von ökologischen aber auch biologischen Faktoren abhängig.

Der menschliche Körper benötigt zur Aufnahme von Milch ein Enzym namens Laktase, welches den in der Milch enthaltenen Zucker (Laktose) verarbeitet oder absorbiert. Wenn der Körper keine Laktase besitzt, führt die Milchaufnahme zu Übelkeit und anderen Krankheitssymptomen. Laktase spielt bekanntlich im Säuglingsalter, vielmehr während der Stillzeit, eine entscheidende Rolle, jedoch wird die Laktasesynthese nach Beendigung des Kleinkindalters nicht mehr begünstigt. Hierfür ist ein biologischer Faktor, genauer die natürliche Selektion, verantwortlich. Sobald die Stillzeit vorüber ist, mußsich der Mensch seine Nahrung selbst beschaffen. Nach dem Prinzip der natürlichen Selektion werden alle Eigenschaften, welche für den menschlichen Organismus nicht (mehr) von Bedeutung sind, abgeschafft. Im vorliegenden Fall ist dies die Fähigkeit Laktase zu bilden. Der Laktasemangel im Erwachsenenalter kann somit als Normalzustand betrachtet werden, zumindest unter weiten Teilen der Weltbevölkerung.

Zum Schutz vor Knochenerkrankungen ist der Mensch auf Kalzium angewiesen. Als die beiden wichtigsten Kalziumlieferanten gelten Milch und dunkelgrünes Blattgemüse, wobei zu ergänzen ist, dass die in der Milch enthaltene Laktose den Kalziumtransport durch den Darm günstig beeinflusst. Milch gilt außerdem als Kalorien- und hochwertiger Proteinlieferant. Da indes ein großer Teil der Weltbevölkerung zur Befriedigung seiner Nahrungsbedürfnisse nicht auf Milch angewiesen ist, erscheint jene nicht lebensnotwendig, zumal auch andere Nahrungsmittel Kalzium liefern.5

Man hat nun herausgefunden, dass Nordeuropäer und andere skandinavische Völker Laktose am besten absorbieren können respektive eine hohe Milchverträglichkeit im Erwachsenenalter zeigen, während die Chinesen und andere ostasiatische Völker im Alter einen erheblichen Laktasemangel aufweisen. Daher mußdetailliert untersucht werden, welche geschichtlichen Umstände die Europäer zwangen Milchtrinker zu werden, gleichsam warum bei ihnen eine Laktoseverträglichkeit im Alter bestehen blieb und sie zur Befriedigung ihres Kalziumbedarfs auf Milch angewiesen waren oder sind.6

Hinzugefügt werden muß, dass erst nach der Zähmung der Wiederkäuer vor ungefähr 10000 Jahren bei bestimmten Völkern oder Gruppen, welche über melkbare Tiere verfügten, die Laktasebildung im Erwachsenenalter genetisch begünstigt wurde. Jede Gesellschaft die heute über einen hohen Anteil laktoseverträglicher Erwachsener verfügt, hat eine lange Geschichte des Melkens einer oder mehrerer Wiederkäuerarten sowie des Verzehrs ihrer Milch hinter sich. Aber nun zu den geschichtlichen Umständen:

Als sich die europäischen Vorfahren, vor allem Bauern und Viehzüchter, nach Norden ausbreiteten, bauten sie Getreide in kleinen Gärten an und ließen ihre Tiere auf Grasflächen weiden. Bei dieser Lebensweise und den vorhandenen Umweltbedingungen in Nordeuropa war für die Anpflanzung von kalziumreichem, aber kalorienarmem dunkelgrünem Blattgemüse wenig Platz. Da melkbare Tiere und wenig andere Kalziumquellen zu Verfügung standen, war es folglich kostengünstiger sowie effektiver, den Milchverbrauch zu erhöhen um sich vor Knochenerkrankungen zu schützen. Anders gesagt: Die biologische Nützlichkeit ergab sich aus der genetischen Begünstigung der Laktoseverträglichkeit. Somit wird das positive Kosten/Nutzen-Verhältnis plausibel, welches Milch in Europa genießt.

Beiläufig bleibt zu erwähnen, dass der biologische Faktor, besser, die natürliche Auslese, bei den Nordeuropäern nicht nur Laktasesynthese im Alter, sondern auch die Hellhäutigkeit begünstigt. Die helle Haut besitzt ebenfalls die Fähigkeit, Kalzium aufzunehmen. Dies geschieht mit Hilfe des Sonnenlichtes, wobei helle Haut hier besonders effektiv ist, da sie die Kalziumaufnahme bei geringstem Sonnenlicht bewirkt. Jener Punkt ist vorteilhaft, gerade wenn man die langen Winter und die geringe Sonnenintensität in Nordeuropa betrachtet.

Abschließend mußergänzt werden, warum die biologische Selektion bei südostasiatischen Völkern nie eine Laktoseverträglichkeit im Erwachsenenalter begünstigt hat, bzw. warum sich die Menschen im Fernen Osten niemals Kalzium oder irgendeinen anderen Nährstoff aus der Milch besorgen mußten. Aufgrund ihrer Umweltbedingungen waren beispielsweise die Chinesen zu keiner Zeit darauf angewiesen Zugtiere zu züchten, weshalb ihnen jeder Anreiz fehlte, Milch als Abfallprodukt des Gebrauchs dieser Tiere zu verwerten. Chinesen halten sich Schweine anstatt Wiederkäuer als wichtigste tierische Nahrungsquelle und betreiben wegen des Klimas eine Landwirtschaft auf Bewässerungsbasis. Sie ernähren sich von dunkelgrünem Blattgemüse und Sojabohnen, welche reich an Kalzium sind.

Demnach konnte die Milch bei den Südostasiaten nie ein positives Kosten/Nutzen-Verhältnis erzeugen, das heißt, sie waren nie gezwungen, Milch nutzbar zu machen. Ihre Abscheu sowie Unverträglichkeit gegenüber diesem Produkt wird damit deutlich.7

Die unterschiedlichen Gewohnheiten gegenüber Milch untermauern des Kosten/Nutzen- Aspekt bei der Nahrungswahl und zeigen, dass die Kosten/Nutzen-Rechnung eines Nahrungsmittels in verschiedenen Gesellschaften aufgrund ökologischer sowie biologischer Faktoren unterschiedlich ausfallen kann.

2.2 Die Bedeutung der Nutzbarmachung von Nahrung bei der menschlichen Ernährung am Beispiel von Insekten

Menschen haben erwiesenermaßen keine naturgegebene Abneigung gegen das Essen von Insekten oder anderen wirbellosen Kleintieren, und es gibt Beweise für ihren Verzehr auf allen bewohnten Kontinenten. So essen z.B. die Eingeborenenvölker im Amazonasbecken Insekten, aber auch in hochentwickelten Zivilisationen wie China gehören sie zur alltäglichen Kost. Angesichts dieser Informationen und der Tatsache, dass Insektenfleisch ernährungswissenschaftlich recht nahrhaft ist respektive brauchbare Mengen an tierischem Eiweißund Fett liefert, mußgeprüft werden, warum manche Gesellschaften Insekten bevorzugen, und andere Gesellschaften wie z.B. Amerika oder Europa Insekten derart verabscheuen. Die Amerikaner sowie Europäer nennen mehrere Gründe für ihre Abneigung gegenüber Insekten, welche jedoch keine ausreichende Erklärung liefern, zugleich leicht widerlegbar sind. So wird beispielsweise erwähnt, dass Insekten gefährliche Krankheiten übertragen. Dieses Problem läßt sich dadurch lösen, in dem man Insektenfleisch gart und somit die Krankheitskeime abtötet. Gängige Fleischsorten wie z.B. Rindfleisch werden von den Menschen ebenso wenig roh gegessen.8

Um eine fundierte Erklärung für die Abscheu bzw. Vorliebe bestimmter Gesellschaften gegenüber Insektenfleisch zu bekommen, mußman die relativen Kosten und Vorteile ermitteln, welche der Verzehr von Insekten in der jeweiligen Gesellschaft mit sich bringt. Das bedeutet: Hinsichtlich der Thematik dieser Arbeit mußeine Kosten/Nutzen-Analyse des Insektenfleisches durchgeführt werden. Wie die weiteren Ausführungen zeigen, spielen bei dieser Kosten/Nutzen-Rechnung ökologische Faktoren eine entscheidende Rolle.

Einzufügen ist, dass ebenfalls gesellschaftspolitische Faktoren oder Zwänge bestimmten Gruppen einer Bevölkerung (Arme, Besitzlose, Frauen, usw.) den Zugang zu tierischen Produkten verweigern und dadurch Insekten für jene Gruppen die einzige tierische Nahrungsquelle darstellen. Dieser Punkt wird jedoch im weiteren Verlauf des Kapitels nicht näher berücksichtigt.

Allgemein gehören die Insekten zwar zu den am häufigsten vertretenen Tierarten auf der Erde und bilden eine reiche Quelle für Proteine und Fette, jedoch zählen sie als Lieferanten dieser Nährstoffe im ganzen Tierreich zur leistungsschwächsten und unzuverlässigsten Gruppe. Wenn man nämlich den Zeit- und Energieaufwand pro Erntezeit zugrundelegt, sind andere Tierarten den Insekten weit überlegen. Anders ausgedrückt: Viele Tierarten sind effektivere, rentablere mithin kostengünstigere Nährstofflieferanten für tierisches Eiweißund Fett als die Insekten. Hier kann Kapitel 1 der vorliegenden Arbeit berücksichtigt werden, in dem der Faktor „Nötiger Aufwand zur Beschaffung eines Nahrungsmittels“ erläutert wird.

Es ist speziell der Punkt der Nutzbarmachung von Insekten für die menschliche Ernährung, der deutlich macht, warum Insekten das eine Mal gemieden und das andere Mal gesucht werden und warum dort, wo Insekten gegessen werden, bestimmte Arten bevorzugt werden. Bedeutend ist in diesem Zusammenhang die Theorie der optimalen Futtersuche, die davon ausgeht, dass Menschen und Tiere nicht alles essbare zu sich nehmen, sondern unter dem gegebenen Nahrungsangebot jeweils die im Sinne einer Kosten/Nutzen-Rechnung günstigste Wahl treffen. Es wird also die Nahrung bevorzugt, die das optimalste Verhältnis zwischen der Kalorien- bzw. Energieausbeute und dem Zeitaufwand der Futtersuche garantiert. Nach der Theorie der optimalen Futtersuche nehmen nur die hochrangigen Nahrungsmittel, oder genauer solche, welche die Gesamtausbeute an Kalorien erhöhen oder zumindest nicht verringern, Einflußauf den täglichen Speiseplan. Wird ein hochrangiges Nahrungsmittel knapp, dies kann u.a. durch wechselnde Umweltbedingungen geschehen, dann werden die Lebensmittel, welche vorher zu unergiebig für den Speiseplan waren, in diesen aufgenommen Grund: Der höhere Zeitaufwand für das Finden des hochrangigen Nahrungsmittels sorgt dafür, dass die Durchschnittsrate der Gesamtenergieausbeute sinkt. Es ist somit keine Zeitverschwendung mehr, sich mit an Kalorienausbeute vergleichsweise geringer Nahrung aufzuhalten. Nicht die Häufigkeit oder Knappheit eines Nahrungsmittels entscheidet über dessen Vorhandensein im Speiseplan, sondern sein Beitrag zur Gesamteffektivität der Nahrungsmittelversorgung.

Wendet man das Prinzip der optimalen Futtersuche auf die Insekten an, dann wird klar, warum sie einerseits gemieden, andererseits gesucht werden.

Große Wirbeltiere haben als tierische Nahrungsquelle einen höheren Nutzwert als Insekten. Genauer gesagt: Dort wo die ökologischen Bedingungen einer Region große Wirbeltiere existieren lassen, stellen diese eine kostengünstigere und effektivere Nährstoffquelle als die Insekten dar, und deshalb werden Insekten unter diesen Bedingungen gemieden. Umgekehrt werden in wirbeltierarmen Regionen oder Gesellschaften Insekten bevorzugt, da diese hier die einzige tierische Nährstoffquelle darstellen und sich ihr Verzehr unter diesen Begebenheiten somit effektiv bzw. kostengünstig gestaltet, respektive das Kosten/Nutzen-Verhältnis des Insektenfleisches hier positiv ist. Nun wird verständlich warum beispielsweise Europäer sowie Amerikaner Insekten verabscheuen: Sie haben aufgrund ihrer Ökologie ausreichend andere tierische Nahrungsquellen zur Verfügung. Demzufolge haben Insekten hier keinerlei Nutzen und werden verabscheut.9

Es mußangefügt werden, dass die Insektenesserei praktizierende Gesellschaften Arten bevorzugen, welche einen relativ großen Körper besitzen und sich in dichten Schwärmen fangen lassen. Ein Beispiel sind die Heuschrecken, deren große, vorwiegend im Süden auftretenden Arten, tierische und pflanzliche Nahrungsquellen der Menschen zerstören. Dadurch verschwinden hochrangige Nahrungsmittel vom menschlichen Speiseplan, bzw. die Heuschrecken werden selber zu hochrangigen Nahrungsmitteln (vgl. Theorie der optimalen Futtersuche). Den betroffenen Menschen bleibt nämlich nichts anderes übrig als die Heuschrecken zu verzehren, um nicht den Hungertod zu sterben.

Interessanterweise wird die Heuschrecke im Dritten Buch Mose aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften (Größe, vernichtende Wirkungen auf andere Nahrungsquellen) vom Verbot des Insektenverzehrs ausgenommen. Dies ist ein Beweis dafür, dass Ernährungspraktiken bereits vor den religiösen Glaubensvorstellungen vorhanden waren, genauer, diese bestimmt haben und nicht umgekehrt.

Dort wo die Umweltbedingungen für dichte Insektenschwärme und eine geringe Zahl an großen Wirbeltieren sorgen, wie beispielsweise im Amazonasgebiet, wird die Ernährung stark von Insektenesserei bestimmt sein und dort, wo umgekehrte Bedingungen vorhanden sind, wird im Zweifelsfall auf Insekten verzichtet.

Schlussfolgernd liefert diese Analyse des menschlichen Nahrungsverhaltens gegenüber Insekten einen Beweis für die kulturmaterialistische These der Kosten/Nutzen-Rechnung bei der Nahrungswahl. Sie zeigt den Einflußder regional variierenden ökologischen Faktoren au die Ernährungsweisen.

3. Kritik

Die Theorie des Kosten/Nutzen-Prinzips bei der Nahrungswahl wurde in der vorliegenden Arbeit anhand dreier Beispiele erörtert. Es wurde gezeigt, dass die einzelnen Gesellschaften bei ihrer Nahrungswahl eine Kosten/Nutzen-Rechnung aufstellen, welche unter anderem von ökologischen Faktoren abhängig ist.

Nun soll eine Kritik an der Kosten/Nutzen-Theorie erfolgen, wobei dieses Kapitel die globale Anwendbarkeit der kulturmaterialistischen Thesen widerlegt. Als Beispiel soll hier die Gesellschaft der Maasai-Hirten dienen.10 Die Theorie des Kulturmaterialismus geht davon aus, dass Nahrungsmittel nicht primär Botschaften übermitteln oder symbolische Bedeutung haben, sondern das einzig ihr praktischer Nutzen oder konkret ihre Eignung für den Verzehr entscheidet, ob sie für eine Gesellschaft gut zu denken sind bzw. Botschaften übermitteln. Die Ernährungsgewohnheiten der Maasai zeigen jedoch, dass Nahrung eine Art Botschaft darstellt, vielmehr die Nahrungswahl nicht aufgrund eines praktischen Nutzens erfolgt, sondern Nahrung in erster Linie dem speziellen Denkschema oder Weltbild eines Volkes entsprechen muß. In dem Zusammenhang mußdie strukturalistische Methode von Claude Levi-Strauss genannt werden, welche primär von der Botschaftenübermittlung bei der Nahrung ausgeht. Bei den Maasai zeigt sich deutlich, dass diejenigen Nahrungsmittel gegessen werden, welche in das Weltbild der Maasai passen und ihre Selbstvorstellung stützen. Nach der Kosten/Nutzen-Theorie und der Ökologie in den Maasai-Regionen müssten die Maasai-Hirten beispielsweise ihren Speiseplan mit Wild anreichern. Tatsache ist jedoch, dass sie Wildfleisch meiden, da es nicht in die Struktur ihres Weltbildes passt.11

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit beabsichtigte, die Nahrungswahl oder Ernährung der Menschen aus ökonomischer bzw. Kosten/Nutzen-theoretischer Sicht zu analysieren. Dabei wurde die kulturmaterialistische Theorie allgemein vorgestellt, welche vom Kosten/Nutzen-Aspekt bei der Nahrungswahl ausgeht.

Schließlich untersuchte die Arbeit das Nahrungsverhalten der Menschen anhand dreier Produkte. Es zeigte sich, dass die Nahrungsgewohnheiten gegenüber Fleisch, Milch und sogar Insekten nicht von Zufallserscheinungen, sondern von Kosten/Nutzen-Prinzipien bestimmt werden.

Hierbei mußberücksichtigt werden, dass verschiedene Gesellschaften unterschiedliche Nützlichkeitsrechnungen bezüglich eines Nahrungsmittels aufstellen, d.h., ein Produkt beispielsweise in einer Gesellschaft gemieden, in der anderen Gesellschaft aber bevorzugt werden kann. Wie die Arbeit, speziell die Beispiele, zu verdeutlichen suchten, hängt dies unter anderem mit unterschiedlichen ökologischen und biologischen Faktoren zusammen, welche regional variieren, sich somit auf die Nahrungswahl in einzelnen Gesellschaften verschiedenartig auswirken.

Mit anderen Worten: Die Kosten/Nutzen-Rechnung einer Gesellschaft hinsichtlich eines Nahrungsmittels wird von ökologischen aber auch biologischen Faktoren beeinflusst. Abschließend noch die Bemerkung, dass die vorliegende Arbeit nur eine von vielen Theorien der Nahrungswahl vorstellte. Wie die kritische Betrachtung in Kapitel drei deutlich machte, läßt sich diese Theorie nicht auf alle, aber eine Mehrheit der Gesellschaften in der Welt anwenden.

Literaturverzeichnis

- Armelagos, George: „Biocultural Aspects of Food Choice”, in: Harris, M. und Ross, E.B (Eds.) (1987)
- Böhmer-Bauer, Kunigunde: „Nahrung, Weltbild und Gesellschaft: Ernährung und Nahrungsregeln der Maasais im Spiegel der gesellschaftlichen Ordnung“, Saarbrücken 1990
- Harris, Marvin: „Kannibalen und Könige. Aufstieg und Niedergang der Menschheitskulturen“, Frankfurt 1978
- Harris, Marvin: „Wohlgeschmack und Widerwillen. Die Rätsel der Nahrungstabus“, Stuttgart 1991
- Roosevelt, Anna: „The evolution of human subsistence”, in: Harris, M. und Ross, E.B. (1987)
- Ross, Eric B.: “An overview of trends in dietary variation from hunter-gatherer to modern capitalist societies”, in: Harris, M. und Ross, E.B. (Eds.) (1987)

[...]


1 Vgl. Armelagos, George: „Biocultural Aspects of Food Choice”, in: Harris, M. und Ross, E.B (Eds.) (1987)

2 Vgl. Harris, Marvin: „Wohlgeschmack und Widerwillen. Die Rätsel der Nahrungstabus“, Stuttgart 1991

3 Vgl. Harris, Marvin; Stuttgart 1991, S. 13ff

4 Vgl. Harris, Marvin: „Kannibalen und Könige. Aufstieg und Niedergang der Menschheitskulturen“, Frankfurt 1978, S. 166ff

5 Vgl. Harris, Marvin; 1990, S. 140ff

6 Vgl. Roosevelt, Anna: „The Evolution of Human Subsistence”, in: Harris, M. und Ross, E.B (Eds.) (1987), S. 565ff

7 Ebenda S. 145ff

8 Vgl. Harris, Marvin; 1990, S. 164ff

9 Ebenda S. 176ff

10 Vgl. Böhmer-Bauer, Kunigunde: „Nahrung, Weltbild und Gesellschaft: Ernährung und Nahrungsregeln der Maasais im Spiegel der gesellschaftlichen Ordnung“, Saarbrücken 1990, S. 12ff

11 Ebenda S. 22ff

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Die ökonomische Analyse der Ernährung und der Nahrungswahl
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Die Grundlagen der ökonomischen Erklärungen sozialen Verhaltens
Note
Gut (2,0)
Autor
Jahr
1997
Seiten
13
Katalognummer
V107330
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Ernährung, Nahrungswahl, Grundlagen, Erklärungen, Verhaltens
Arbeit zitieren
Timo Grund (Autor), 1997, Die ökonomische Analyse der Ernährung und der Nahrungswahl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107330

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die ökonomische Analyse der Ernährung und der Nahrungswahl



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden