Religiöse Reformer des 19. Jahrhunderts. Leben und Wirken von Rifa'a Badawi Rafi' at-Tahtawi und Jamal ad-Din al-Afghani


Seminararbeit, 2001

14 Seiten, Note: 2,0


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Inhaltsverzeichnis:

1 Hinführung

2 Rifa’a Badawi Rafi’ at-Tahtawi
2.1. at-Tahtawi’s Biografie
2.2. Tahtawi’s Wirken
2.2.1. Bildungspolitik
2.2.2. Tahtawi’s ägyptischer Patriotismus
2.3. Die Studienmission
2.4. Tahtawi’s Argumentation zur Vereinbarkeit Seite zwischen Islam und Modernisierung

3 Jamal ad-Din al-Afghani
3.1. Biografie
3.2. Das Werk Jamal ad-Din al-Afghani’s
3.3. Afghani’s Argumentation zur Vereinbarkeit zwischen Islam und Wissenschaft

4 Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Literaturverzeichnis

1. Hinführung

Im 19. Jahrhundert begannen einige islamische Denker, Modelle zu entwickeln, um eine gesellschaftliche Modernisierung in der islamischen Welt durchzusetzen. Sie waren konfrontiert mit festgefahrenen religiösen Ansichten, die gesellschaftliche Veränderung als grundsätzlich nicht wünschenswert ansahen, und mit einer konservativen Weltsicht Modernisierung ablehnten.

So war der einzige Weg für eine Modernisierung, diese mit der Religion in Einklang zu bringen. Denker wie Rifa al-Tahtawi und Jamal ad-Din al-Afghani waren bemüht, hier Ansätze zu schaffen. Während al-Tahtawi ein patriotischer Ägypter war, der Reformen in seinem Heimatland umzusetzen, war al-Afghani ein weitgereister Mann, der in vielen muslimischen Ländern wirkte, und letzlich als vertreter des Panislamismus bekannt wurde. Beide mussten jedoch ähnliche Argumentationen benutzen, um ihre Vorschläge auch für religiöse Konservative akzeptabel zu machen. Diese Arbeit untersucht, wie diese beiden Autoren es verstanden beziehungsweise versucht haben, die notwendige gesellschaftliche Modernisierung mit der Bewahrung des religiösen Erbes in Einklang zu bringen. Dazu wird Bezug auf die Biographie und auf das Wirken der Beiden genommen, es werden Auszüge aus ihren Werken vorgestellt und abschließend werden beide Ansätze auf Parallelen überprüft.

2. Rifa’a Badawi Rafi’ at-Tahtawi

2.1 at-Tahtawi´s Biografie

Rifa’a at-Tahtawi wurde am 15. Oktober 1801 in Tahta, Oberägypten, geboren. Er entstammte einer alten Adelsfamilie, und erlebte so in seiner frühen Kindheit die Privilegien der Aristokratie. Mit der Machtübernahme Mohammad Ali`s wurden diese Privilegien abgeschafft, und Tahtawi´s Familie zog mit seiner Famile zunächst nach Gerga, später nach Qena und Farshoot. (ESIS 2001)

Er studierte an der Al-Azhar-Universität von 1817 an in Kairo Arabisch nachdem er zuvor bereits den Koran auswendig gelernt hatte. Großen Einfluss hatte während dieser Zeit Skeikh Hassan Mohammad Al-Attar. Dieser setzte sich dafür ein, dass das Wissen der westlichen Welt in den Islam einfließen zu lassen, und westliche Erziehungs- und Ausbildungsstandards einzuführen.

Tahtawi schloss seine Studien 1983 ab. Er wurde Lehrer an der Al-Azhar, ehe er dank seiner Beziehungen zu Al-Attar zu einem Militär-Imam ernannt wurde (ESIS 2001). 1826 wurde er Imam einer Studienmission nach Paris, über die in der Folge noch genauer berichtet wird. Er hielt sich bis 1831 in Paris auf. Als er nach Ägypten zurückkehrte, hatte er einen herausragenden Abschluss als Übersetzter und konnte exzellentes Französisch. Aufgrund dieser Voraussetzungen wurde er gleich nach seiner Rückkehr zum Übersetzungslehrer an der Ägyptischen Medizinischen Schule ernannt. Er war der erste Ägypter in diesem Amt. (EI2)

Er machte sich in der Folge einen Namen als Übersetzer und Begründer des ägyptischen Journalismus. Er wurde zum Direktor der Al-Ansun-Schule ernannt, und gründete die erste ägyptische Zeitung in arabischer Sprache, Al-Waqa’i Al-Misrea. Neben seiner Arbeit als Übersetzer verfasste Tahtawi auch stets eigene Werke. Sein zentrales Werk ist hierbei wohl der Bericht über die Studienmission, der in deutscher Übersetzung von Karl Stowasser vorliegt. In der Einleitung äußert sich dieser dann auch: „Bestünde Tahtawi’s literarischer Nachlaß nur in seinem Bericht über Paris, er würde ihm allein schon einen geachteten Platz in der Geschichte der modernen arabischen Literatur sichern“ (Stowasser 1966: 22). Darüber hinaus schrieb er aber noch wichtige Werke vor allem über Ausbildung, Erziehung und Grammatik. Weiter übersetzte er unter anderem die französische Verfassung, werke über die griechische Mythologie und verschiedene wissenschaftliche Werke (ESIS 2001). Sein literarisches Schaffen ist umfangreich und bedeutend.

2.2. Tahtawi’s Wirken

2.2.1. Bildungspolitik

Tahtawi setzte sich besonders für eine bessere Ausbildung der Jugend in den Wissenschaften ein. Die Erneuerung des Erziehungswesens war nach seinen Erfahrungen in Paris sein Hauptanliegen. Auf diese Weise, war er überzeugt, könne man dem Islam die Stärke und Glorie früherer Jahre zurückgeben. Er sah den menschlichen Verstand als das, was uns von den Tieren unterscheidet, und aus diesem Grund forderte er, diesen besonders zu fördern, um es den Menschen zu erleichtern, sich in der Welt beweisen und durchsetzen zu können (ESIS 2000).

Er ging dabei soweit, die Ausbildung von Mädchen und Frauen zu fordern, was für damalige Verhältnisse sehr progressiv erscheint. Daher wird er auch heute von einigen Autoren als Vorreiter der Emanzipation der Frauen im Islam und besonders in Ägypten gewürdigt.

Seine Hauptanliegen bei der besseren Ausbildung von Frauen waren zusammengefasst, das Familienleben glücklicher zu machen, eine bessere Kindererziehung zu ermöglichen und die Chancen auf einen Arbeitsplatz für Frauen zu erhöhen. Außerdem betrachtete er die Bildung von Frauen, auch aufgrund von Erfahrungen in Europe, schlichtweg als nicht schädlich (ESIS 2000). Große Bedeutung maß er auch der allgemeinen politischen Bildung der Bevölkerung bei. Für ihn bedeutete politische Bildung die zentrale Säule moderner Staaten, da auch die Bürger eine dieser Säulen seien. Somit hätten sie auch ein Recht, über ihre Rechte und Pflichten Bescheid zu wissen (ESIS 2000).

Tahtawi verfasste auch eine Arbeit über die ägyptische Gesellschaft. Diese war gedacht als Lektüre für die Schüler der neuen ägyptischen Schulen. Dabei bleibt er der Vorstellung treu, dass der Staatschef absolute Macht besitzt. Gleichzeitig ließ er aber auch moderne, westlich-französische Einflüsse in seine Gedanken einwirken (Hourani 1983: 73) Generell sah er Erziehung und Bildung als den Grundstein für jeglichen Fortschritt (ESIS 2001).

2.2.2. Tahtawi’s ägyptischer Patriotismus

Mit der Erziehung sollte Tahtawis Meinung nach auch eine Vermittlung eines Patriotismus gegenüber dem ägyptischen Heimatland einhergehen. So schrieb er Werke zur Nation und zum Patriotismus, so die „Einführung in den Ägyptischen Patriotismus“, die als erstes Werk zum Patriotismus in Ägypten angesehen wird. Er wollte durch diese Erziehung zum Patriotismus dafür sorgen, das die Bürger ihr Land lieben, und sich mit den politischen Vorgängen im Land beschäftigen. Tahtawi`s Patriotismus gründete auf einem tiefreichenden Stolz auf alles, was Ägypten jemals erreicht hatte. Sein „Patriotismus war ein warmes, persönliches Gefühl, nicht nur eine Schlussfolgerung aus den Prinzipien der politischen Philosophie“ (Hourani 1983: 80).

Es ist davon auszugehen, dass die Erlebnisse in Paris 1830 seinen Patriotismus stark beeinflusst haben. Als Zeuge der Juli-Revolution 1830 konnte er mitverfolgen, wie sich in Frankreich ein starker Patriotismus in großem politischem Engagement umsetzte, und so die Revolution herbeiführte, die Tahtawi stark beeindruckte (ESIS 2000).

2.3. Die Studienmission

Muhammad Ali entsandte im Juli 1826 eine Studienmission nach Paris, zu deren Imam er Rifa’ al-Tahtawi ernannte. Die Mission an sich wird von Stowasser als nicht allzu gut durchplant angesehen. Aufgrund des Drucks unter dem die Teilnehmer standen, der starken Disziplinerwartung und des hohen Arbeitspensum geht er davon aus, dass kaum Kontakte zur Bevölkerung entstanden sind. „Es ist kaum anzunehmen, daß es unter diesem System zu regen Kontakten der ägyptischen Studenten zur französischen Bevölkerung kam. Ob und wie weit die erste Mission ein Erfolg war, ist schwer zu sagen“ (Stowasser 1966: 16). Weiter zitiert er Heyworth-Dunne, mit der Meinung „die Studenten seien durchwegs zu alt gewesen und hätten nur eine unzulängliche Elementarausbildung sogar in ihrer Muttersprache mitgebracht (...)“ (Stowasser 1966: 17).

Das eigentlich bemerkenswerte an dieser Mission war somit auch Tahtawi’s Bericht, der detailliert auf die Erlebnisse während der Zeit in Frankreich eingeht. Er ist in sechs Abhandlungen unterteilt. Die ersten beiden beschäftigen sich mit der Reise zunächst von Kairo nach Marseille, und weiter von Marseille nach Paris. Im Anschluss beschreibt der Autor seine Eindrücke von Paris, als vierten Punkt die Arbeit der Studienmission. Da die Studenten Zeugen der Juli-Revolution 1830 wurden, erläutert die 5. Abhandlung die Ereignisse dieser Tage, ehe abschließend noch eine Abhandlung über Wissenschaften und Fertigkeiten folgt.

Die Voraussetzung für dieses Werk erarbeitete sich Tahtawi schnell. Er lernte in kürzester Zeit die französische Sprache, und beobachtete genau und viel. Er lobt in seinem Werk das französische Volk besonders aufgrund seiner wissenschaftlichen Fähigkeiten. „Man muss wissen, daß sich die Pariser vor vielen Christen durch Klugheit, scharfen Verstand und geistiges Eindringen in das Unbekannte und Schwerverständliche auszeichnen. (...) Sie sind auch keineswegs Gefangene des blinden Autoritätsglaubens, sondern möchten vielmehr stets den Dingen auf den Grund gehen (...)“ (Stowasser 1966: 123). Auch ihr Pflichtbewusstsein, ihren Wissensdurst und ihre Fremdenfreundlichkeit hebt er heraus. Gleichzeitig beklagt er die Launenhaftigkeit der Pariser.

Auch die Staatsorganisation der Franzosen nimmt er unter die Lupe. Er hebt vor allem den Wert der Verfassung heraus. „Bei näherem Zusehen wird man feststellen, daß das meiste in dieser Verfassung gar wertvoll ist. Jedenfalls ist es gültiges Gesetz bei den Franzosen“ (Stowasser 1966: 143). Auf diese Weise analysiert er zahlreiche verschiedene Interessensgebiete. Er stellt Vorteile und Nachteile heraus, und analysiert verständlich. Eine umfassende Darstellung des Werkes über die Studienmission kann hier leider nicht angestellt werden, da der Rahmen dieser Arbeit dadurch gesprengt würde.

Auf jeden Fall stellt dieses Buch ein herausragendes literarisches Werk seiner Epoche dar, wie schon in der Biografie erwähnt.

2.4. Tahtawi’s Argumentation zur Vereinbarkeit zwischen Islam und

Modernisierung

Tahtawi verweist vor allem zurück auf die Geschichte des Islam, in der es bereits Zeiten gegeben habe, in denen das Wissen in muslimischen Ländern blühte. Gleichzeitig muss er aber auch feststellen, „wären die Muslime nicht von Gottes Allmacht unterstützt, sie wären ein Nichts im Verhältnis zur Macht, dem Besitz, dem Reichtum dem brillanten Können usw. der Europäer“ (al-Tahtawi 1826). Hierbei bezieht er sich auf die zu seiner Zeit aktuelle Situation. Er weist also explizit darauf hin, dass die muslimische Welt der westlichen an Wissen unterlegen ist, stellt aber auch klar, das dies nicht zwangsläufig so sein müsste.

Dazu unterteilt er die Menschheit in drei Kategorien. „Die erste (...) ist die der schweifenden Wilden, die zweite die der rauhen Barbaren, die dritte die der Gebildeten, (...) der Zivilisierten (...)“ (al-Tahtawi 1826). Zu letzterer rechnet er Europa, den Nahen Osten, den Maghreb und Amerika, weist jedoch darauf hin, dass man unter diesen noch differenzieren müsse. „Die Länder der Franken [,d.h. Europa,] (...) haben die höchste Stufe der Meisterschaft in den mathematischen, physischen und metaphysischen Disziplinen - in der Theorie wie in der Anwendung - erreicht“ (al-Tahtawi 1826).

Gleichzeitig stellt er jedoch klar, dass in der Zeit der Kalifen das arabische Land das vollkommenste aller Länder gewesen sei. Die Kalifen hätten die Wissenschaften gefördert, und auch selbst Interesse in die Wissenschaft demonstriert. Nur wenn die Herrscher die Untertanen förderten, könnten sich auch die Wissenschaften entfalten. „Heißt es doch in den Weisheitssprüchen: Die Menschen folgen dem Brauche ihrer Fürsten“ (al-Tahtawi 1826).

So versuchte er einerseits klar zu machen, dass die Herrscher in Bildung investieren müssen, und andererseits sollte das geschichtliche Argument wohl die Vereinbarkeit zwischen Islam und Wissenschaft begründen.

Er ging wohl auch aufgrund der geschichtlichen Situation davon aus, dass die Völker der Erde sich einander annähern würden. Die Pläne für den Panama-Kanal und den Suez-Kanal begeisterten ihn. In diesem Prozess wäre es aber wohl unverzichtbar gewesen, dass die arabischen Länder die westlichen Wissenschaften aufnehmen sollten. Er begründete, dass diese schließlich einst die arabischen Wissenschaften gewesen seien, die irgendwann von den Europäern übernommen und weiterentwickelt worden waren. Er forderte von daher, Ausländer nach Ägypten einzuladen, um den Ägyptern die Wissenschaften beizubringen. Zur Verdeutlichung dieses Arguments wies er auch auf den geschichtlichen Aspekt hin, dass dies bereits unter Pharao Psammtek I erfolgreich mit den Griechen durchgeführt worden sei. (Hourani 1983: 81)

3. Jamal ad-Din al-Afghani

3.1. Biografie

Jamal ad-Din al-Afghani’s Biografie ist von Ortswechseln und Unsicherheiten geprägt. Besonders über seine Herkunft gibt es Zweifel. Zeit seines Lebens versuchte Afghani seine politischen Reformziele durchzusetzen, reiste dafür durch die ganze muslimische Welt, besuchte Paris, und musste über kurz oder lang jedes der besuchten Länder wieder verlassen.

Schon die Frage der Geburt Afghani’s ist von Mythen umrankt, die er selbst in die Welt gesetzt hat. Afghani behauptete Zeit seines Lebens, er wäre in As’adabad in der Nähe von Kabul in Afghanistan geboren. Tatsächlich herrscht heute jedoch weitgehende Einigkeit darüber, dass er tatsächlich 1838 in Asadabad im Iran geboren wurde (Bashiri 2001). Weshalb er diese Lüge aufbaute erklärt man sich heute damit, dass er hauptsächlich in Sunnitischen Gegenden wirkte, als persischer Schiit jedoch wohl kaum Einfluß in diesen Ländern hätte entwickeln können. Als Afghane wäre er Sunnit gewesen (Kedourie 2001)..

Bis zum Jahr 1866 kann man nicht genauer nachvollziehen, wie sich sein Lebensweg weiterentwickelt hat. Dann tauchte er in Kandahar, Afghanistan auf. Dort war er Berater des Regenten A’zam bis zur Machtübernahme Shir’ Ali’s. Dieser verwies ihn 1868 des Landes (Kedourie 2001).

1869 tauchte er dann in Istanbul wieder auf, und wurde Mitglied im Rat für Erziehungsfragen. Auch hier hielt er sich jedoch nicht lange. Eine umstrittene Rede an der Universität Darülfunun gegen Ende des Jahres 1870 (Keddie1972: 449) brachte ihm Häretik-Vorwürfe ein, weshalb er schließlich Istanbul in Richtung Ägypten verlassen musste (Bashiri 2001).

In Kairo versammelte er junge Schriftsteller und Studenten um sich. Unter ihnen befand sich auch Muhammad ‘Abduh, der sich zu einem wichtigen Reformisten entwickeln sollte. 1879 bemühte er sich mit Reden politischen Einfluss zu erlangen, und beim Thronfolger Taufiq Eindruck zu machen. Dieser sah in ihm jedoch einen Verfechter des Republikanismus und verwies ihn des Landes. (Kedourie 2001) Daraufhin hielt sich Afghani einige Zeit in Südindien auf, wo er unter anderem die „Widerlegung der Materialisten“ schrieb. Schließlich reiste er weiter nach Paris, wo er mit seiner „Antwort auf Renan“ eines seiner bekanntesten Werke verfasste. Zusammen mit Muhammad ‘Abduh veröffentlichte er dort die arabische Zeitung al- ’Urwat al-Wuthqua, in der sie den Pan-Islamismus propagierten. Es verschlug ihn danach nach Russland von wo aus er versuchte seine Anti-Britische Agitation fortzusetzen. Von dort folgte er einer Einladung des Schahs von Persien und reiste in den Iran (Bashiri 2001). Er wurde zunächst wohl ein Berater des Schahs, der seine Einstellung ihm gegenüber jedoch bald veränderte, und ihm kritisch gegenüberstand. 1892 wurde er auch aus dem Iran verwiesen. Ihm wird nachgesagt aus Rache die Ermordung des Schahs 1896 veranlasst zu haben, was als sein einziger politischer Erfolg anzusehen ist.

Er ging nach London, von dort wieder nach Istanbul, wo er unter genauer Beobachtung stand, und schließlich bis zu seinem Lebensende blieb (Kedourie 2001). Er verstarb am 9.März 1897. Erst nach seinem Tod wurde Afghani’s Einfluss auf das Denken in der muslimischen Welt bedeutend. Er „beeinflusste merklich die Entwicklung des muslimischen Denkens im 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ (Kedourie 2001).

3.2. Das Werk Jamal ad-Din al-Afghani’s

Afghani ist der islamischen Reformbewegung zuzurechnen. Die Reformisten sehen den traditionell-konservativen Islam als nicht geeignet an, die Herausforderungen der modernen Welt zu meistern, und möchten ihn modernisieren. Gleichzeitig lehnen sie aber die Forderung nach Säkularismus ab.

Sie sind der Meinung, dass der Islam allerdings generell durchaus in der Lage sei, in der Moderne zu bestehen. Der Islam des 19. Jahrhunderts jedoch sei durch viele Ergänzungen quasi verunreinigt, und nur deshalb nicht mehr leistungsfähig. Würde man den Islam wieder in seine ursprüngliche Form zurückführen, wäre auch die islamische Gesellschaft den Anforderungen der modernen Welt gewachsen. Da die Rückentwicklung allerdings nicht möglich ist, sollte der Islam für neue Impulse geöffnet werden, und die Gelehrten müssten sich darauf konzentrieren die moderne Gesellschaft zu analysieren, und nicht Abhandlungen über alte Werke zu schreiben (Badawi 2001). Man solle also „mehr den Geist als den Buchstaben des Gesetzes (...) etablieren“ (Badawi 2001).

Afghani`s Werk „Widerlegung der Materialisten“, entstanden in Indien 1882, ist laut Badawi als eine bedeutende Veröffentlichung dieser Strömung anzusehen. Tatsächlich verteidigt die Schrift den Islam, sowie die Bedeutung der Religionen an sich. „Es wird klar, ... dass Religion (...) besser ist , als der Weg der Materialisten, der Naichiris. [Sie ist besser] auf dem Gebiet der Zivilisation, der sozialen Ordnung, und der Organisation von Beziehungen; tatsächlich in allen menschlichen Gesellschaften und allem Fortschritt der Menschheit in dieser Welt“ (Keddie 1972: 178). Hier kann man vielleicht auch eine Kritik am Säkularismus sehen, da die Religionen als bedeutend für die gesellschaftliche Ordnung angesehen wird.

Sein zweites bedeutendes Werk war die „Antwort auf Renan“, die am 18. Mai 1883 in Paris erschien. Er antwortete damit auf eine Lesung von Ernest Renan zum Thema „Islam und Wissenschaft“. Renan behauptete darin, dass die Menschen der islamischen Welt von Natur aus nicht fähig seien, die Wissenschaften voranzutreiben. Dem widerspricht Afghani, indem er darauf hinweist, dass alle Gesellschaften zunächst nicht fähig waren Wissenschaften anzunehmen. So traten Lehrmeister auf, die sie an diese Wissenschaften heranführten. Die muslimische Gesellschaft nun habe die Stufe hin zu einer selbstständig wissenschaftlichen Gesellschaft noch nicht überwunden, und sei noch in der Phase der Heranführung, zumal sie auch hinter der christlichen Kultur einige Jahrhunderte zurück ist. „In Wahrheit hat die Muslimische Religion versucht, die Wissenschaft zu unterdrücken und ihren Fortschritt zu stoppen“ (Keddie 1972: 191).

Hier kann man sehen, dass Afghani durchaus äußerst kritisch mit dem Islam umging. Dennoch machte er auch klar, dass die Europäer diese Phase erst durch die Reformation überwunden hätten. Der Islam nun hinkte selbstverständlich in seiner Entstehung hinter dem Christentum her, und somit müsse man dem Islam auch die Zeit geben, auf einen eigenen „Luther“ zu warten. Vielleicht hätte Afghani sich selbst gerne in dieser Rolle gesehen (Hourani 1983: 123).

3.3. Afghani’s Argumentation zur Vereinbarkeit zwischen Islam und Wissenschaft

Renan legte ihm auch die Argumentation zu Füßen, dass das Chrsitentum fortschrittsfeindlich sei. Aber der Islam ist seiner Meinung nach anders geartet, weder intolerant noch irrational. Also versuchte er zu zeigen, dass der islam auf den gleichen Prinzipien gründet, wie der moderne Rationalismus. Dies brachte ihm selbstverständlich Kritik der ‘ulama ein, weshalb er seine Argumentation nur sehr vorsichtig anwenden konnte. (Hourani 1983: 123).

Seine zentrale Argumentation zielte auf eine Rückorientierung auf den reinen Glauben. In seinem „Kommentar zum Kommentator“ äußert er sich wie folgt: „Versteht er denn nicht, dass, wenn die Muslime in ihrem gegenwärtigen Zustand der Schwäche und Verzweiflung, nicht an Wunder und Höllenfeuer glauben würden, sondern den Propheten als Leitfigur sehen würden, sie zweifellos schon bald ihr schwaches und besiegtes Lager aufgeben , und sich selbst zu kraftvollen Eroberern entwickeln würden?“ (al-Afghani 2001). Weiter schreibt er: „“Religiöser Glaube, ob richtig oder falsch, ist in keiner Weise inkompatibel mit Zivilisation und weltlichem Fortschritt außer er verbietet die Existenz von Wissenschaften (...). Ich glaube nicht, dass es eine Religion auf der Welt gibt, die diese Dinge verbietet (...). Vielmehr resultiert das Fehlen des Glaubens in Unordnung und Korruption im bürgerlichen Leben und in Unsicherheit“ (al-Afghani 2001).

Er äußert sich also meist dahingehend, dass Religion an sich nicht die Entstehung von Wissen und Innovation verhindert, und dass eine Rückorientierung auf die wahren Werte des Islam auch dieser Religion weiterhelfen würde, zumal er den Islam als beste aller Religionen ansieht. Auch die soziale Komponente der Religion als integratives Konzept stellt er stets als wichtig heraus.

Auch attestiert er dem Islam, auf der Vernunft, und stets auf Beweisen aufzubauen. „Die islamische Religion ist die einzige Religion, die Glauben ohne Beweise und das Folgen von Mutmaßungen ablehnt; blinde Unterwerfung zurückweist; versucht den beweis von Dingen für seine Anhänger zu führen; sich selbst stets an die Vernunft wendet; alles Glück als Resultat von Weisheit und klaren Einsichten betrachtet (...). Sie zeigt, wenn sie den Großteil ihrer Regeln erwähnt, deren Zweck und Nutzen auf“ (Keddie 1972: 179).

Er grenzt also den Islam zum Christentum ab, weist auf den Wert des Islam als beste aller Religionen hin, und kann sich so sicher sein, nicht zu sehr mit den Korangelehrten in Konflikt zu treten.

4. Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Beide Autoren argumentieren in gewisser Weise mit historischen Argumenten. Während Tahtawi einfach den Blick seiner Mitmenschen auf die glorreiche Vergangenheit der Kalifen lenkt, bezieht sich Afghani dagegen auf einen idealen Islam, dessen tatsächliche Existenz er als in der Vergangenheit existent anpreist, dies jedoch nicht nachweisen kann. Beide sind sich jedoch einig, dass der Islam durchaus mit Wissenschaft und Fortschritt vereinbar ist.

Afghani wollte den Islam reformieren, und musste mit seinen Argumentationen schlicht vorsichtig sein, um nicht zu sehr mit den Gelehrten in Konflikt zu geraten. Tatsächlich muss man feststellen, dass Afghani wohl wirklich an dem Glauben an die Vereinbarkeit zwischen Wissenschaft und dem Islam festhielt. Daher hat er sich eine Rolle als wichtiger islamischer Denker verdient, und seine Argumentation scheint eingängig und nachvollziehbar. Er geht dabei auch weit mehr in die Tiefe als dies Tahtawi tut. Dieser sah sich allerdings wohl auch hauptsächlich als Bildungspolitiker, und stieß mit seinen Vorschlägen leichter auf offene Ohren als Afghani.

So hatten beide unterschiedliche Ziele, auch wenn sie die Absicht, den Islam zu reformieren, vereinte. War Tahtawi jedoch ein ägyptischer Patriot, propagierte Afghani in seine späteren Werken den Pan-Islamismus.

Als wichtige Denker ihrer Zeit werden beide angesehen, und ihre Argumentationen sind noch heute verständlich und nachvollziehbar. Vielleicht muss man sie gerade auch heute noch als aktuell betrachten, die Diskussion um Säkularismus im Islam ist in einigen Ländern schließlich weiterhin aktuell. Auch Werner Ruf griff in einer Vorlesung über die Frage der Bedrohung der Sicherheit des Westens durch den Islam nach dem Kalten Krieg Afghani auf. Er vergleicht die Reformbewegung um ‘Abduh und Afghani mit den modernen Fundamentalisten. Die Ideen sind also noch heute aktuell.

Literaturverzeichnis:

Primärliteratur:

al-Afghani, Jamal ad-Din: Commentary on the Commentator; Quelle:

http://www2.chass.ncsu.edu/khater/personal/Jamal_al-Din.htm; Stand: 05.05.2001

al-Tahtawi, Rifa. Die Überlegenheit der Franken1826; In: Maria Haarmann (Hrsg.), Der Islam. Ein Lesebuch, München 1994, S.284f

Sekundärliteratur:

Encyclopaedia of Islam II (EI2)

Hourani, Albert: Arabic Thought in the Liberal Age 1798-1939; Cambridge 21983

Keddie, Nikki R.: Sayyid Jamal ad-Din „al-Afghani“; Berkeley, Los Angeles, London 1972

Kedourie, Elie: Afghani and ‘Abduh; London 1966 Stowasser, Karl: Al-Tahtawi in Paris; Münster 1966

Ergänzende Literatur:

Ägyptisches Ministerium für Information; Staatlicher Informationsdienst (ESIS) (Hrsg.): Refaa El-Tahtawi; Quelle:

http://www.arabworldbooks.com/authors/refaa_eltahtawi.html; Stand: 05.05.2001

Ägyptisches Ministerium für Information; Staatlicher Informationsdienst (ESIS)

(Hrsg.): Refa’ah Rafie’ al Tahtawi: Pioneer of Enlightenment in the Modern Age; In: Egypt Magazine, Issue 21, Autumn 2000

Quelle: http://www.sis.gov.eg/public/magazine/iss021e/html/mag08.htm

Dr. Badawi, Mohammed: Islam und die saekulare Gesellschaft; In: Moslemische Revue, Heft 3 1992, Seite 158

Bashiri, Iraj: Jamal al-Din al-Afghani; Quelle: http://www.angelfire.com/rnb/bashiri/Afghani/Afghani.html; Stand: 05.05.2001

Kedourie, Elie: Jamal ad-Din al-Afghani; Quelle: http://www.britannica.com/eb/print?eu=44263; Stand: 05.05.2001

Ruf, Werner: Der Islam: Eine neue Herausforderung für die Sicherheit des Westens?; Quelle: http://www.uni-kassel.de/fb10/frieden/science/islam-ruf.html; Stand: 05.05.2001

Textpassagen aus englischen Titeln wurden im Text durch den Autor ins Deutsche übersetzt.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Religiöse Reformer des 19. Jahrhunderts. Leben und Wirken von Rifa'a Badawi Rafi' at-Tahtawi und Jamal ad-Din al-Afghani
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
PS Einführung in das moderne politische Denken in der arabischen Welt
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
14
Katalognummer
V107368
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nicht so prickelnd, aber vielleicht hilft es jemandem.
Schlagworte
Zeigen, Reformern, Jahrhunderts, Modernisierung, Bewahrung, Erbes, Einführung, Denken, Welt
Arbeit zitieren
Rainer Bock (Autor), 2001, Religiöse Reformer des 19. Jahrhunderts. Leben und Wirken von Rifa'a Badawi Rafi' at-Tahtawi und Jamal ad-Din al-Afghani, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107368

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