Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle


Seminararbeit, 1999
14 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie

3. Über die magischen Kanäle
3.1. Das Medium ist die Botschaft
3.2 The Extension of Man
3.3 Heiße und kalte Medien
3.4. Implusion und Explosion

4. Grundlegende Methodische Aspekte
4.1. Die Gedankengalaxis von Marshall McLuhan
4.2. Die Methode des ,,Schwebenden Urteils

5. Kritik an McLuhans Theorien und Analysen

6. Schlußbemerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der kanadische Anglist Herbert Marshall McLuhan ist unter den Pionieren der Medientheorie der Prominenteste. Während zahlreiche Kollegen nur in Fachkreisen diskutiert wurden, fanden seine Thesen weltweite Resonanz. Die Hauptwerke ,,The Gutenberg Galaxy" und ,,Understanding Media: The Extension of Man",1 die Anfang der sechziger Jahre erschienen, erregten vor allem in Kanada und den USA großes Aufsehen. Die These vom Ende der Gutenberg-Ära und dem Beginn eines neuen elektronischen Zeitalters fiel dort auf den fruchtbaren Boden einer Aufbruchsstimmung, ausgelöst einerseits durch das Aufkommen der Pop-Art und andererseits durch die Entstehung einer Protest-Jugendkultur (Juge nd und Undergroundbewegungen, Rockmusik, Hippies und Drogenkultur).(Vgl. Kloock 1997, S.39)

McLuhans provokante Ideen polarisierten die öffentliche und akademische Diskussion. Während ihn die eine Seite als Wirrkopf und populistischen Schwätzer brandmarkte, stilisierte ihn die anderen zum schillernden Pop-Philosophen und »Propheten« des aufkommenden Medienzeitalters. (Vgl. Kloock 1997, S. 39) Im Gegensatz zur breiten Rezeption im englischsprachigen Raum fanden seine Texte in der BRD keine vergleichbare Kenntnisnahme. Zwar lagen seine wichtigsten Texte auch hier bereits Ende der 60er Jahre in deutscher Übersetzung vor, hinterließen jedoch außer einem feuilletonistischen Strohfeuer und einigen immer wiederkehrenden Schlagworten ( »das globale Dorf«, »das Medium ist die Botschaft«) zunächst kaum bedeutende Spuren. Der Grund lag in der Ablehnung durch große Teile der Linken, die in ihm einen politischen Gegner sahen. »McLuhan war ein zu schrilles Phänomen, um es politisch einfach einzuordnen oder methodisch umzusetzen. McLuhan übersprang die Mauern politischen Ost-West-Blockdenkens, ignorierte die Denkverbotsschilder ideologischer Links-Rechts-Lagermentalitäten und nutzte die Spannungen der Generationskonflikte für seine Untersuchungen.« (Baltes 1997, S. 9)

Die me dialen Entwicklungen seit den 80er Jahren, angefangen von der Verkabelung aller Haushalte und der Durchsetzung einer Programmlandschaft mit einem breiten Angebot rund um die Uhr sendender Privatkanäle, dem Einzug von Personalcomputern in beinahe jeden Haushalt Anfang der 90er, bis hin zur heutigen globalen informatorischen Vernetzung fachen immer wieder die Diskussionen über die Chancen und Gefahren in Bezug auf die sozialen und kulturellen Entwicklungen der Menschheit an. Um so erstaunlicher ist es, wie präzise und profund viele von McLuhans Thesen, denen man einst eine so knappe Haltbarkeit attestieren wollte, unsere derzeitige Situation beschreiben. (Vgl. Baltes, 1997, S. 13) Zwar hat sich an der Umstrittenheit vieler Aussagen nichts geändert, aber es findet sich kaum eine heutige Medientheorie, die sich nicht wenigstens indirekt auf McLuhan stützt. Aufgrund der noch heute gegebenen Brisanz seiner Thesen soll es das Ziel dieser Hausarbeit sein, dem Leser einen Teil der Gedanken- und Ideenwelt McLuhans näher zu bringen und Hilfestellung bei der Lektüre seiner nicht immer leicht verständlichen Schriften zu geben.

2. Biographie

Herbert Marshall McLuhan

Herbert Marshall McLuhan wird am 21. Juli 1911 in Edmonton, Alberta, Kanada geboren. 1928 beginnt er das Literaturstudium an der University of Manitoba Winnipeg. Zwischen 1934 - 1936 schließt er sein Studium in Cambridge ab. Hier lernt er auch die Literaturtheorie des ,,New Criticism" kennen, welche sein intellektuelles Leben im hohen Maße beeinflussen wird. 1937 wird er Dozent an der Universität Wisconsin - Madison und konvertiert am 30. März zum katholischen Glauben.

Im Zeitraum von 1937 - 1944 lehrt er als Dozent für Englisch an der St. Luise Universität, Missouri. Am 4. August 1939 heiratet er Corinne Keller Lewis und wird im Verlauf der Ehe Vater von 6 Kindern. 1943 lernt er den Kritiker und Maler Wyndham Lewis kennen und bleibt mit ihm bis zum Tode Lewis' befreundet. McLuhan wird 1944 - 1946 außerordentlicher Professor für Englisch an der Assumption Universität in Windsor, Ontario.

1946 zieht er nach Toronto, Ontario und lehrt dort als außerordentlicher Professor am St. Michael's College der Universität von Toronto. Zu dieser Zeit ist er als der einzige Experte Ontarios auf dem Gebiet der modernen Poesie und Kritik bekannt. Ezra Pound lernt er 1948 kennen. Ein Jahr später wird er mit dem Ökonomen Harold Innis bekannt2.

1951 veröffentlicht er sein erstes Buch: ,,Die mechanische Braut. Volkskultur des industriellen Menschen". Das Buch erhält gute Kritiken, wird von der Fachwelt jedoch weitgehend ignoriert. Von 1952 bis 1980 lehrt er dann als ordentlicher Professor an der Universität von Toronto.

Hier gründet er 1963 das Center for Culture and Technology und leitet es bis 1980. 1967 erhält er den Carl - Einstein - Preis des Deutschen Kritikerverbandes und wird auf der Titelseite von Newsweek abgebildet. Um einen tennisballgroßen Hirntumor entfernen zu lassen, muß er sich im November 1967 einer Ge-hirnoperation unterziehen. Zwar kann er gesunden, verliert aber einen Teil seines Erinnerungsvermögens und wird extrem lärmempfindlich. 1967 - 1968 wird er Albert-Schweizer-Professor für Humanwissenschaften an der Fordham Universität in New York. 1977 hat er einen Gastauftritt in Woody Allens ,,Annie Hall" (,,Der Stadtneurotiker"). Marshall McLuhan stirbt am 31.12.1980 an den Folgen eines Schlaganfalls. (Vgl. Baltes 1997, S. 236f. und Benedetti 1997, S. 31)

3. Über die magischen Kanäle

Das Buch ,,Die magischen Kanäle" gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Büchern Marshall McLuhans. Aus diesem Werk gehen seine berühmten Schlagworte wie ,,Das Medium ist die Botschaft", ,,Das globale Dorf" und seine berühmte Unterscheidung von ,,Heißen und kalten Medien" hervor. Leider ist außer diesen kurzen Kommentaren wenig über seine, alles andere als einfachen, Bücher bekannt. Ziel dieses Kapitels wird es sein, einige seiner Kernthesen und Denkwege aus dem Buch ,,Die magischen Kanäle" vorzustellen und zu diskutieren. Auf eine komplette Zusammenfassung muß ich an dieser Stelle verzichten, da sie leicht den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde. Außerdem würde sich ein solches Vorhaben sehr schwierig gestalten, da er immer wieder experimentelle und fragmentarische Darstellungsformen wählte, die sich einem linearen, logischen Überblick leicht entziehen würden.3

3.1. Das Medium ist die Botschaft

Das erste Kapitel des Buches ,,Die magischen Kanäle" beginnt mit der berühmten Feststellung, das Medium sei die Botschaft. Dieser Satz ist in Hinblick auf die Wirkungen, die Medien auf die psychischen und sozialen Bedingungen der Menschen haben, zu verstehen. ,,Denn die »Botschaft« jedes Mediums oder jeder Technik ist die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt." (McLuhan 1995, S. 22)

Die Wirkung eines Mediums ist demnach viel wichtiger als dessen Inhalt. Um diese These zu untermauern, bezieht McLuhan das elektrische Licht als praktisch ,,inhaltsloses" Medium in seine Argumentation mit ein. Licht ist pure Information. Es ist ein Medium ohne Botschaft, es sei denn, es wird dazu verwendet ,,einen Werbetext Buchstabe um Buchstabe auszustrahlen". Welche Tätigkeiten oder Ereignisse beleuchtet werden, ob ein Krankenhaus oder ein Fußballstadion, ist für die Wirkung des Mediums im einzelnen unerheblich.

Die wahre message ist allein die Tatsache, daß das elektrische Licht die Formen des menschliche Zusammenlebens erheblich verwandelt hat. (Vgl. McLuhan 1995, S. 22). Die Wirkung eines Mediums ist letztlich völlig unabhängig von seinem Inhalt und gerade die Fixierung auf Inhalte kann die Wesensart von Medien nicht fassen. ,,Der Inhalt oder die Verwendungsmöglichkeiten solcher Medien sind so verschiedenartig, wie sie wirkungslos bei der Gestaltung menschlicher Gemeinschaftsformen sind. Ja, es ist nur zu bezeichnend, wie der »Inhalt« jedes Mediums der Wesensart des Mediums gegenüber blind macht." (Ebd.) Der Inhalt eines Mediums ist nach McLuhan immer ein anderes Medium.

Der Inhalt des Medium Schrift ist die Sprache, diese wiederum ist der Inhalt des Mediums Buch( -druck ). (Ebd.) Die Wirkung von Medien ist also unabhängig von ihrer tatsächlichen Nutzung. Sie lassen sich nicht über ihre Inhalte rechtfertigen oder beurteilen. Ihre Wirkung verändert unser Dasein, unabhängig davon, welche Informationen wir aus ihnen beziehen. (Vgl. Wiegerling 1998, S.136)

3.2. The Extension of Man

Ein wichtiges Leitmotiv McLuhans ist die These, daß alle Medien Erweiterungen des Körpers sind. Sie erweitern seine Wirksamkeit, seine Wahrnehmungsfähigkeit und nicht zuletzt seine Geschwindigkeit. Das Rad ist zum Beispiel eine Ausweitung des Fußes und die Kleidung eine Ausweitung der Haut und des Wärmekontrollmechanismuses4. Die Ursache dieser Ausweitungen sieht McLuhan in der Überlastung unseres Wahrnehmungsapparates.

Das Zentralnervensystem, als das die Wahrnehmung koordinierende Organ des Körpers, reagiert bei entsprechender Überlastung oder Überreizung eines Organs mit dessen ,,Amputation oder Absonderung" (Vgl. McLuhan 1995, S.75) Durch den Einsatz der Medien Schrift und Geld zum Beispiel kam es zu einem beschleunigten zwischenmenschlichen Austausch. Eine stärkere Belastung (bis hin zur Überlastung) des Fußes war die Folge und führte nach McLuhan zur Körperausweitung bzw. Amputation dieser Funktion von unserem Körper. Die ,,Erfindung" des Rades war die Konsequenz. Jede neue Technik ist für McLuhan demnach ein Ergebnis der Ausweitung des menschlichen Körpers. (Ebd.)

Körperausweitungen stellen nicht nur bloße Projektionen oder Entlastungen betroffener Organe dar, sondern sind das Resultat einer ,,Amputation". Diese brutale Terminologie begründet sich auf der Tatsache, daß die Ausgrenzung eines Organs einen schweren Eingriff in den Körper darstellt und einen unterbewußten Schock verursacht. Dieser Schock blockiert automatisch die Wahrnehmung und der so narkotisierte Mensch ist zu keiner Erkenntnis fähig.5 Der Mensch erkennt sich in seiner Technik nicht wieder, sondern sieht in ihr eine fremde Erscheinung. Damit bleibt auch unbewußt, daß die Ausweitungen des Körpers als dessen Bestandteile existieren und ihn ebenso bestimmen wie seine natürlichen Organe. Unfähig zur Selbsterkenntnis, ist der Mensch den Wirkungen der Medien ausgeliefert. (Vgl. Kloock 1997, S. 51)

McLuhan geht es hier vor allem darum, ein Modell der Wirkungsweisen von Medien zu entwerfen, das zeigt, wie uns Medien tatsächlich psychisch und sozial verändern. Aus der der Amputation folgenden Schockwirkung resultiert nicht nur eine Betäubung der Erkenntnisfähigkeit, sondern sie verlagert auch das Schwergewicht in unserer Sinnesorganisation und die Gesetzmäßigkeiten unserer Wahrnehmung ständig.

,,Jede Erfindung oder neue Technik ist eine Ausweitung oder Selbstamputation unseres natürlichen Körpers, und eine solche Ausweitung verlangt auch ein neues Verhältnis oder neues Gleichgewicht der anderen Organe und Ausweitungen der Körper untereinander" (McLuhan 1995, S. 78) Hierbei geht McLuhan davon aus, daß das Zusammenspiel der Sinne, die unsere Wahrnehmung ausmacht nicht konstant ist, sondern unterschiedlichen Mustern folgen kann.

Die Ganzheit unserer Sinnesempfindungen setzt sich hierbei aus verschiedenen Anteilen zusammen, die in ihrer Ausprägung quantitativ variieren können. Verstärkt etwa ein an das Ohr gerichtetes Medium den Schall, betrifft dies gleichzeitig auch Tast-, Geschmacks-, Gesichtssinn und verändert das Verhältnis derer untereinander zugunsten der auditiven Wahrnehmung. Auf die se Weise erzeugt jedes neue Medium ein anderes Wechselspiel der Sinne und somit ein neues Wahrnehmungsmuster. Medien bestimmen die Art und Weise, in welcher der Mensch die Welt wahrnimmt und erfährt. Wahrnehmung geschieht demnach nie unmittelbar, sondern immer schon technisch strukturiert und präformiert.

Seinem Konzept der Wahrnehmung liegt die Annahme zugrunde, daß es durch ein harmonisches Zusammenspiel der Sinne geprägt ist. Hierbei benutzt McLuhan eine eigenwillige Begrifflichkeit. Um das Zusammenspie l der Sinne zu umschreiben, benutzt er den Begriff ,,Taktilität". Taktilität steht für ,,Synästhesie", die Gesamtheit sinnlicher Empfindungen.6 Zwar bilden die verschiedenen Sinne eigene Bereiche mit eigenen Regeln, wie Optik und Akustik, aber erst die taktile Verbindung aller Teile macht Perzeption7 aus. Hierbei handelt es sich nicht um bloße Addition der einzelnen Komponenten, sondern vielmehr um einen komplexen Vorgang des Transfers von Eindrücken. Das Ineinandergreifen der Sinne, kombiniert und kontrastiert sinnliche Impressionen aller Art. ( Vgl. Kloock 1997, S. 54)

Die Vorstellung einer Harmonie der Sinne führt von der These der Körperausweitungen zu einem historischen Konzept der Technikentwicklung. Wie schon erwähnt, reagiert der Körper auf Überlastung mit der Amputation des betroffenen Körperteils. Als Folge kommt es zu einem Schock, da das gesamte eingestellte Gleichgewicht der Sinne verändert wurde. Paradoxer Weise bringt so jede Entlastung des Nervensystems neue Belastungen mit sich und das System der Körperausweitung wird zu einem Selbstläufer.

,,Physiologisch wird der Mensch bei normaler Verwendung seiner technischen Mittel (oder seines vielseitig erweiterten Körpers) dauernd durch sie verändert und findet seinerseits immer wieder neue Wege, um seine Technik zu verändern. Der Mensch wird sozusagen zum Geschlechtsteil der Maschinenwelt, wie es die Biene für die Pflanzenwelt ist, die es ihnen möglich macht, sich zu befruchten und immer neue Formen zu entfalten. (Vgl. McLuhan 1995, S. 81) Die Ausweitung des Menschen gleicht einem Teufelskreis, der immer neue Techniken produziert. Der Mensch selbst, betäubt und narkotisiert, macht sich zum ,,Servomechanismus" seiner Objekte. (Ebd.)

3.3. Heiße und kalte Medien

Die Unterscheidung der Medien in Heiße und Kalte Medien steht im engen Zusammenhang mit den Auswirkungen der Medien auf unser Wahrnehmungsvermögen. Medien, die eine hohe Datendichte aufweisen und detailreich8 sind, werden von McLuhan als heiße Medien bezeichnet. Dagegen sind detailarme Medien mit geringer Datenverdichtung kalte Medien. Die Besonderheit liegt nun in ihren Auswirkungen auf unsere Sinne. Heiße Medien erweitern durch ihre hohe Datendichte nur einen Sinn. Ihm wird eine Fülle an Daten und Einzelheiten geboten.

Kalte Medien dagegen verlangen eine starke Mitarbeit vom Rezipienten, da sie quantitativ und qualitativ weniger Informationen liefern, denn zum einen stellen sie weniger Daten zur Verfügung, und zum anderen sind diese eher unpräziser Art. (Vgl. McLuhan 1995, S. 44ff.) McLuhan liefert in seinem Buch zahlreiche Beispiele, um diese Differenz zu verdeutlichen: ,, Eine Fotografie ist optisch »detailreich«. Eine Karikatur ist »detailarm«, und zwar einfach, weil weniger optisches Informationsmaterial zur Verfügung steht. Das Telefon ist ein Kühles Medium oder ein detailarmes, weil das Ohr nur eine dürftige Summe von Informationen bekommt. Und die Sprache ist ein kühles, in geringem Maße definiertes Medium, weil so wenig geboten wird und so viel vom Zuhörer ergänzt werden muß.

Andererseits fordern heiße Medien vom Publikum eine geringe Beteiligung oder Vervollständigung. Heiße Medien verlangen daher nur ein geringes Maß persönlicher Beteiligung, aber kühle Medien in hohem Grade persönliche Beteiligung oder Vervollständigung durch das Puplikum. Daher hat natürlich ein heißes Medium wie das Radio ganz andere Auswirkungen auf den, der es verwendet, als ein kühles Medium wie das Telefon." (Ebd.) Es findet sich bei McLuhan aber keine explizite Bewertung, die Vor- oder Nachteile, positive oder negative Folgen gegeneinander abwägt.

Entscheidend ist hier für McLuhan, ein Modell der Wirkungsweisen von Medien zu entwerfen, das zeigt, wie uns Medien tatsächlich psychisch und sozial prägen. Detailreiche, heiße Medien führen zu Spezialisierung und Sektoralisierung des Lebens. Detailarme, kalte Medien dagegen führen zu gesellschaftlicher Einbindung. Medien können also sowohl verbindend als auch trennend wir ken, sie können zur Spezialisierung unserer sinnlichen Vermögen ebenso dienen wie zu ihrer relativen Abstumpfung. (Vgl. Wiegerling 1998, S. 135)

3.4. Implosion und Explosion

McLuhans Thesen richten sich auf langfristige Medienwirkungen. Er macht hierbei vergleichende Betrachtungen der Wirkung von ,,neuen" Kommunikations- und Wahrnehmungsmedien mit der Wirkung des damals neuen Kommunikationsmediums Buch auf den Menschen. In diesem Zusammenhang teilte er die Geschichte in vier Epochen ein: die orale Stammeskultur, die literale Manuskriptkultur, die Gutenberg-Galaxis und das elektronische Zeitalter.

Beschreibt McLuhan die erste Epoche noch als eine ,,Welt des Ohres", da sowohl die Kommunikation als auch die Überlieferung des Wissens sprachlich statt fand und eine intakte, nicht individuelle Stammesorganisation erzeugte, brachte in der nächsten Epoche das Medium der Schrift (gemeint ist hier das phonetische Alphabet und nicht Hieroglyphen und Ideogramme) eine steigende Dominanz optischer Reize zugunsten des Gesichtssinnes. Das Auge nimmt, anders als das Ohr, diskrete Erscheinungen in räumlicher Ordnung wahr. Optische Eindrücke bieten nach McLuhan eher als andere sinnliche Empfindungen eine Grundlage für das Erkennen von Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Begriffe in einen kausalen Zusammenhang zu stellen als auch mathematisches Denken, erhielt so einen unglaublichen Vorschub. (Vgl. Kloock 1997, S. 60)

Mit der Erfindung des Buchdrucks wurde die Epoche der Gutenberg-Galaxis eingeläutet. Anders als in der Manuskriptkultur war es nun möglich, Wissen in Form von Büchern massenhaft zu verbreiten. Dies führte zur Aufsprengung der oralen Stammesorganisation und einer totalen Dominanz des Auges (bzw. des Gesichtssinnes). Zwar gab es auch in der vorherigen Epoche schon Bücher, doch lagen diese nur in Form von einzelnen handgeschriebenen Exemplaren vor und ihr Wissen wurde mittels Vorlesen weitergegeben. Der Gehörsinn spielte also noch eine große Rolle.

Gutenbergs Erfindung schuf mittels des gedruckten Buches ein neues Medium, das grundsätzliche Veränderungen in Gang setzte, welche die Sphären des Wissens, des Staates, der Produktion und des Individuums gleichermaßen ergriff. Ein wichtiges Merkmal der Gutenberg-Galaxis war die aus dem Buchdruck hervorgehende Entdeckung, daß komplexe Vorgänge linear aufgespalten werden konnten. Der Buchdruck stellte die erste Mechanisierung einer ,,Handfertigkeit" dar.(Vgl. Kloock 1997, S. 62) Die einzelnen Wirkungen des Buchdrucks sollen hier nicht weiter beschrieben werden. Wichtig ist die Tatsache, daß die Erfindung des Buchdrucks in eine durch Mechanisierung gekennzeichnete Epoche einmündete.

Diese Periode ist für die westliche Welt mit einer ,,Explosion" verbunden. Mit dem schillernden Begriff ,,Explosion" ist nichts anderes gemeint, als die Ausweitung des Menschen in den Raum mit der zunehmenden Wichtigkeit des Raumes als Folge. Ergänzend ist das Zeitalter der Mechanisierung charakterisiert durch ein allgemein langsames Tempo, d.h. es kam zur Verzögerung der Reaktion auf Aktionen über verschieden lange Zeiträume. Der Begriff der Explosion beinhaltet weiter die Spezialisierung von Techniken durch Erfindung.

Als Pendant zum ,,Zeitalter der Explosion" erkennt McLuhan das ,,Zeitalter der Implosion" (elektronisches Zeitalter), dessen wichtigste Implikation die Erfindung der Elektrizität ist. Während es sich bei allen früheren Ausweitungen des Körpers um einzelne Segmente handelte, die in separate Apparaturen umgesetzt wurden, stellt die Elektrizität einen Zusammenhang her. Nach McLuhan bewirkte die Elektrizität eine Ausweitung des kompletten Zentralnervensystems nach außen und zeigt sich in einem weltumspannenden Netz. (Vgl. Kloock 1997, S. 67)

Gegenüber der ,,beschränkten" und ,,atomistischen" mechanischen Technik, die auf die Zerlegung von Bewegungsabläufen zurückging, ist die elektrische ,,total" und ,,umfassend" (Vgl. McLuhan 1995, S. 98) Sie schafft eine ,,organische Einheit von ineinandergreifenden Abläufen" (Vgl. McLuhan 1995, S. 523) Dabei wird die unbewußte, narkotische Wirkung der bisherigen Körperausweitungen aufgehoben und ermöglicht dem Menschen, erstmals das Wesen von Techniken und damit seine eigene Lage zu erkennen. Allerdings liegt die Chance in der Erkenntnis nicht in der Überwindung von der Medienwirkungen, sondern im bewußten Umgang mit ihnen.

In diesem Zusammenhang begründet McLuhan, daß aufgrund der wechselseitige Beziehungen zwischen Mensch und Technik herstellenden Elektrizität ein auf analytische Trennung und Abgrenzung beruhendes Denken nicht mehr ausreicht. Er kritisiert damit auch das noch heute bestehende Verständnis linearer analytischer Wissenschaftsschemata.

Durch den instantanen9 Charakter der Elektrizität kommt es zur Aufhebung von Raum und Zeit. Aktion und Reaktion erfolgen fast gleichzeitig. Der Mensch erlebt die Auswirkungen seiner Handlungen sehr schnell, so daß eine distanzierte Rolle gegenüber den eigenen und den Handlungen Anderer nicht mehr möglich ist. Durch die Elektrizität sind alle Menschen in unser Leben mit einbezogen, die Welt wird komprimiert (implodiert) und an die Stelle der spezialisierten automatisierten Zivilisation tritt das organische Ganze des ,,globalen Dorfs". (Vgl. McLuhan 1995, S. 146)

4. Grundlegende Methodische Aspekte

Dieser Abschnitt wird Bezug auf einige wichtige methodische und theoretische Aspekte der Schriften McLuhans nehmen. Ihre Diskussion an dieser Stelle ist für mich unumgänglich, um ein umfassendes Verständnis und den kritischen Einstieg in sein Werk zu gewährleisten.

4.1. Die Mosaikmethode von Marshall McLuhan

McLuhans Ziel war es, langfristige Medienentwicklungen zu untersuchen. Neben der Analyse der Wirkungen von Medien in verschiedenen Zeitepochen ging es ihm vor allem um die Wirkungen, die diese Medien auf die psychischen und sozialen Bedingungen der Menschen hatten. Dabei war es McLuhan nicht daran gelegen, eine konsistente Theorie im Sinne der herrschenden Wissenschaftsauffassung zu präsentieren. Sein einigermaßen unorthodoxes Verständnis zum methodischen Aufbau seiner Theorien basiert auf der Einsicht, daß die Beschreibungen der Wirklichkeit durch isolierte Kausalprozesse und das lineare Denken im Rahmen von einheitlichen Wissenschaftsschemata oder -systemen eine direkte Folge der Linearität, Kontinuität und Wiederholbarkeit der Buchdrucktechnik darstellen würde. Diese Form von Wissenschaftlichkeit sei in einer elektronischen Welt, in der das Leitmedium Elektrizität eine instantane Verbindung von Menschen, heterogenen Orten und gesellschaftlichen Prozessen ermöglicht, überholt. (Vgl. Kloock 1997, S.41 und Baltes 1997, S.24)

Zur dieser Auffassung folgenden Methodik McLuhans lassen sich in seinen Büchern nur verstreut und zumeist nur beiläufig gehaltene Äußerungen finden. Ihre Grundidee besteht darin, die Form der Linearität durch die Figur eines Mosaiks zu ersetzen. Das Verfahren analytischer Trennungen soll durch die Aufweisung von Konstellationen, Wechselwirkungen, und Beziehungen zwischen Phänomenen auf verschiedenen Ebenen abgelöst werden. Im Resultat ergibt sich ,,eine mosaikartige Konfiguration oder Galaxis" (Vgl.McLuhan 1995: Die Gutenberg Galaxis, S.269) Auf diese Weise lassen sich die Einflüsse von Medien nicht nur im Bezug auf die moderne Wissenschaft betrachten.

Diese Methode ermöglicht es ebenso, naheliegende historische Erscheinungen mit ihnen in Beziehung zu setzen. So argumentiert McLuhan zum Beispiel, daß durch die Erfindung der Buchdrucktechnik und der damit verbundenen vielfältigen Verbreitung von Büchern nicht nur unser heutiges Verständnis von Wissenschaft geprägt wurde, sondern auch die Entstehung von Nationalstaaten und das Aufkommen mechanischer Technik erklärbar würde. Das diese ausgefallene Art der Argumentation auf Befremden stieß, ist leicht nachvollziehbar. Seine Texte erscheinen als eine willkürlich, argumentativ kaum verknüpfte Rehung von Ideen, Postulaten und Zitaten, die ihrerseits oft in einem auf den ersten Blick unklaren Verhältnis zu den Kommentaren des Autors stehen (Vgl. Stearn 1969). Das dies eine wohlkalkulierte Methode zur Aufsprengung linearer wissenschaftlicher Denkwesen darstellt, bringt McLuhan in einem Interview so auf den Punkt: ,,[...]

Das Wort Galaxis bringt wirklich das simultane Zusammenspiel von Faktoren zum Ausdruck, die überhaupt keine direkte Verbindung zueinander haben. Die literarischen Zitate, die ich in der Galaxis verwende, sind nicht als Fußnoten oder als ein Teil meiner Argumentation gedacht, sie sind da als heuristische Sonden. Ich könnte jedes dieser Zitate durch zwanzig oder dreißig andere ersetzen. Das Mosaik ist eine Welt von Intervallen, in der maximale Energie über die Zwischenräume getragen wird [...]". (Baltes 1997, S.17) In einem Buch von Peter Ludes heißt es dazu: ,,Dieser Denkstil und diese Art, Argumente zu präsentieren, können als kubistisch - wie in der Malerei - multiperspektivisch oder einfach unklar erscheinen. Es handelt sich hier aber um den bewußten Versuch, gleichzeitig Probleme zu konfrontieren, die vor McLuhan kaum beachtet wurden." (Ludes 1998, S. 78)

Ein wichtiges Moment des Mosaiks ist der Analogieschluß, der Folgerung von der Ähnlichkeit zweier Dinge auf die Ähnlichkeit zweier anderer oder aller übrigen10. Ihre entsprechenden Vorzüge in der ,,Mosaikmethode" erläutert er mit dem Verweis auf die späteren Werke des kanadischen Ökonomen Harold Innis. Während philosophische Systeme seit Descartes ,,Verbraucherpackungen" darstellten, die durch ihre lineare Struktur vom Rezipienten passiv konsumiert werden können (Vgl. McLuhan 1995: Die Gutenberg-Galaxis , S. 305), liefere Innis nur einen ,,Do-it-yourself-Baukasten", der mit den Verfahren von symbolischen Dichtern und abstrakten Malern vergleichbar sei und so dem Leser aktive Beteiligung am Gedankenprozeß abverlangen würde.

Wichtig für dieses neue Denken ist es für McLuhan, den Ausdruck offen zu haten, um eine Vielfalt der Bedeutungen zu ermöglichen und mannigfaltige Anschlüsse offenzuhalten. ,,Wie bereits Nietzsche stellt er die Rhetorik als Erkenntnisform gegen die klassische Logik. Die Bestandteile der ,,Redekunst", wie Aphorismus, Maxime, Sprichwort, Wortspiel, Alliteration u.ä. bilden einen Denkstil, der durch den unvollständigen Charakter der Aussagen den Rezipienten einbezieht. Diese Ausdruckstypen enthalten Gedankenschichten, die freigelegt, Anspielungen, die aufgedeckt und Assoziationen, die in verschieden Richtungen verfolgt werden können. Für McLuhan ist Denken dieser Art nicht auf den Beweis hin angelegt, sondern auf Ideenreichtum, der mosaikartig entfaltet wird.

Das Wissen bewahrt so einen Teil der lebendigen Vielfalt, die in der sinnlichen Wahrnehmung gegeben ist. Dagegen grenzt die Linearität deduktiver oder induktiver Logik den Reichtum der Wahrnehmung aus und erschwert zudem durch ihre geschlossene Form das Mit- und Weiterdenken." (Kloock 1997, S.43)

4.2. Die Methode des schwebenden Urteils

Die ,,Methode des schwebenden Urteils" schließt einen ,,festen Standpunkt" der Wissenschaften und Denkmethoden aus und fordert statt dessen die Relativität der eigenen Perspektive. Nach McLuhan ergibt sich diese Notwendigkeit aus unserer heutigen medialen Situation. Diese sei gekennzeichnet durch die heutigen elektrischen Bedingungen simultaner Informationsbewegungen und totaler menschlicher Interdependenz und mache einen ,,festen Standpunkt" in diesem dynamischen Gefüge nicht mehr möglich. (Vgl. McLuhan 1995, S. 80 und McLuhan 1995: Die Gutenberg-Galaxis, S. 342)

Zur Verdeutlichung zeitgemäßer Theoriebildung verweist McLuhan auf Edgar Allan Poes Erzählung ,,A Descent into the Maelström" Einige Fischer geraten mit ihrem Boot in einen gewaltigen Meeresstrudel und werden in immer schnelleren Kreiselbewegungen zum Grund gezogen. Nur einer der Fischer kann sich retten, indem er seine Panik bekämpft und die Bewegungen des Wirbels studiert. Schließlich erkennt er seien Funktionsweise und kann dieses Wissen zum Überleben nutzen. (Vgl. McLuhan 1996, S. 7; 1995: Die Gutenberg- Galaxis, S.96)

Nach dieser Parabel gäbe es keinen archimedischen Punkt, von der eine Theorie heute ausgehen könnte. Ohne festen Boden unter den Füßen, als ein Bestandteil des Gedränges, muß sie ihre eigene Position finden, und so die Vorgänge in ihrer Umwelt nachvollziehen. Nach diesem Verständnis wird jedes Denken, das die eigene mediale Bedingtheit nicht wahrhaben will und auf seiner Überlegenheit gegenüber anderen Formen beharrt, praktisch ad absurdum geführt. (Vgl. McLuhan 1995: Die Gutenberg-Galaxis, S. 38) Als dem alten ausgrenzenden Denken überlegen erweist sich die Technik des schwebenden Urteils, ,,die uns erlaubt, die Grenzen unserer eigenen Voraussetzungen zu überschreiten, indem wir an ihnen Kritik üben. Nun sind wir imstande, nicht bloß amphibisch in getrennten und unterschiedlichen Welten zu leben, sondern pluralistisch in vielen Welten und Kulturen zugleich." (Ebd.)

4. Kritik an McLuhans Theorien und Analysen

An dieser Stelle sei noch einmal erwähnt, daß McLuhan langfristige Medienwirkungen untersuchen und dabei eine ,,Figurationswissenschaft" vorspielen und vordenken wollte, die sowohl akademische Disziplinen als auch die Künste mit einbezog. Dieser Ansatz war eng verbunden mit Methoden und Modellen der Literaturkritik und den kreativen Künsten und ließ eine, von allgemein üblichen wissenschaftlichen Arbeitsweisen, relativ ,,unorthodoxe" Vorgehensweise entstehen, die man seit den achtziger Jahren als postmodernistisch bezeichnen würde. Insoweit man diese Absichten berücksichtigen kann, gibt es doch einige Gründe, warum McLuhans Werk teilweise nur sehr schwer zu akzeptieren ist.

Sowohl in seinen Literaturkritiken, als auch in seinen Untersuchungen vermeidet es

McLuhan, konkrete Gründe anzugeben, die das Heranziehen bestimmter Geschichtsabschnitte rechtfertigen und auch die Wahl seiner Gattungen und Argumentationsstile fehlt es an Begründung.(Vgl. Ludes 1998, S. 87f.)

Es ist nicht verwunderlich, daß er immer wieder den Vorwurf erhielt, seine Thesen seien nicht wissenschaftlich und er von vielen als ,,populistischer Schwätzer" abgetan wurde, wenn es seinen Methoden und Konzepten an Systematik mangelte. Obwohl er immer wieder Hauptergebnisse verschiedener Disziplinen berücksichtigte, machte er selten klar, warum er sich in einem bestimmten Zusammenhang auf die eine Wissenschaft bezog, und in einem anderen Kontext auf eine andere. Für McLuhan vielleicht verständlich, verursacht der Mangel an Systematik bei vielen jedoch ein Mangel an Verständnis beim Folgen seiner Argumentation.

Kritikwürdig ist ebenfalls seine Verwendung wertender Slogans, die nicht dem Kriterium wissenschaftlicher Distanziertheit zum Untersuchungsobjekt genügen.

Unklar ist auch sein Medienbegriff bei seinem Konzept der Körperausweitung. McLuhan verwendet Medium und Technik häufig synonym. Darüber hinaus ist es fraglich, ob man, wie es McLuhan in ,,die magischen Kanäle tut, Straßen, Häuser, Geld und Mode als Medien behandeln sollte.(Vgl. Kloock 1997, S. 57f.) Eine solch undifferenzierte Terminologie birgt die Gefahr, daß sie schnell zu Pauschalurteilen führen kann, wie sie sich auch tatsächlich im Text finden lassen. So zum Beispiel die Unterscheidung zwischen England und Amerika einerseits und Europa andererseits: Die angelsächsische Kultur sei vollständig vom Alphabet geprägt, während Europas ,,erdhaftere" Völker noch starke Anteile oraler Kultur aufweisen. (Vgl. Kloock 1997, S.58)

Karl Marx` Klassentheorie wird mit der beiläufigen Bemerkung abgetan, daß sie die Bedeutung des Telegraphen als Beginn einer neuen Ära der Kommunikation nicht erkenne. (Vgl. McLuhan 1995, S.69). Auch dieser Einwurf McLuhans stimmt bedenklich: ,,Wäre das Fernsehen während Hitlers Regime schon weit verbreitet gewesen, würde er sich nicht lange gehalten haben. Wenn das Fernsehen schon vorher aufgekommen wäre, hätte es überhaupt keinen Hitler gegeben." (McLuhan 1995, S.452) Solche Urteile lassen sich durch McLuhans hypertrophe Medienauffassung erklären. Seine Betrachtungen ließen keinen Raum für soziale, politische, oder ökonomische Faktoren und erheben implizit einen universalistischen Anspruch für die Medientheorie. (Vgl. Kloock 1997, S 58) Es ist somit fragwürdig, ob mit seiner Theorie der Ausweitung des Menschen die Entwicklung ganz verschiedenartiger Medien und deren Verständnis über Jahrtausende hinweg, hinreichend diskutiert ist und läßt die Vermutung aufkommen, daß er seine komplexen Theorien doch etwas für die Massenmedien seiner Zeit (Zeitung, Illustrierte, Fernsehen) zurechtstutzte. Ist vielleicht sogar anzunehmen, daß sein Ansatz zwar historisch, viele seiner Konzepte aber eher statischer Natur sind?

Ein wichtiger Einwurf wird ebenfalls von Umberto Eco gegeben. Auch er kritisiert die unklare Terminologie und schreibt, daß viele Thesen McLuhans das Ergebnis der fehlenden Binnendifferenzierung seines Medienbegriffs sind. Die Unterscheidung zwischen Sende-, Empfangsgerät und Kanal, dem verwendeten Code und der Botschaft seien sehr wichtig, von McLuhan aber kaum beachtet. Das elektrische Licht (betrachtet man es als Medium) könnte demnach als Informationssignal, als Botschaft oder als Kanal vorkommen. Eben die Rolle eines Mediums im Kommunikationsprozess ist für Eco sehr wichtig und nur unter Beachtung seiner Stellung könnten mediale Phänomene betrachtet werden. Somit erweist sich auch die Formel, daß das Medium die Botschaft sei als vage und vieldeutig, denn sowohl der Code - die Struktur des Kommunikationssystems - als auch der Kanal - die Materialität der technischen Geräte können die Botschaft ausmachen. (Ebd.)

6. Schlußbemerkungen

Ich habe in dieser Hausarbeit versucht, einige wichtige Punkte in McLuhans Gedankengebäude näher zu erläutern und seine wenigen methodischen Einwürfe zusammengefaßt darzustellen. Mein Ziel ist hierbei nicht nur, Hilfestellung bei der Erschließung seiner Texte zu geben, sondern auch, kritische Ansatzpunkte besser ausmachen zu können, was ohne die Darstellung seiner Arbeitsweise kaum möglich wäre. Wichtig war es für mich, seine ,,kubistische" Argumentationen hier näher zu erläutern. Ihr Verständnis half mir selbst sehr bei der Erschließung seiner Bücher, die mir, wie ich zugeben muß, manchmal einige Probleme des Verständnisses bereitet haben. Manche seiner Beispiele schienen mir zu unkritisch behandelt. Seine häufigen Bezüge zur Kunst waren meiner Meinung oft unangebracht und mehr als merkwürdig. Sein Urteil zum Beispiel, der Künstler könnte mit der heutigen medialen Situation am besten umgehen und sei daher prädestiniert dazu, eine entscheidende Rolle im ,,Kontrollturm der Gesellschaft" zu spielen (Vgl. McLuhan 1995, S. 108f.), erscheint sehr naiv.

Die große Verbreitung seiner Schriften erkläre ich mir aus verschiedenen Gründen. Einerseits handelt es sich um interessante, ideenreiche Bücher, andererseits hat das Internet zu einer Neubelebung seiner These des ,,globalen Dorfes" beigetragen und dadurch seine ,,Fan- Gemeinde" sehr vergrößert. Bei der Suche nach Informationen zu Marshall McLuhan findet man über 45000 Eintragungen zu seiner Person und seinen Thesen. Ursprung dieses Interesses liegt meiner Meinung in der Annahme, McLuhan hätte schon damals mit seinem Konzept des globalen Dorfes das heutige Internet ,,prophezeit". Diese Annahme ist jedoch sehr weit hergeholt, denn McLuhan verband diese Idee hauptsächlich mit den Eigenschaften des Fernsehers und der Elektrizität. Seine Vorstellung der Möglichkeiten von Computern war damals noch sehr vage. Selbst wenn man seine Idee in Verbindung mit dem Internet sehen möchte, muß man die Realisierung seiner diesbezüglichen Thesen im selbigen verneinen. Zwar stellt das Internet ein weltumspannendes elektronisches Netz dar, basiert jedoch weiterhin zum großen Teil auf Schriftzeichen und die Zugangsmöglichkeiten sind noch immer begrenzt. Die Frage, ob das Internet zu einer Entwicklung einer weltumfassenden ,,Stammesorganisation" führt, kann erst in Zukunft beantwortet werden, muß aus heutiger Sicht aber verneint werden.

Daran ist erkennbar, wie unkritisch vielen Menschen mit den Ideen Marshall McLuhans umgehen. Ihn als einen genialen Vordenker unserer Zeit zu bezeichnen erscheint mir genau so fraglich, wie seine Einschätzung als ,,Wirrkopf" oder ,,populistischer Schwätzer", denn sein Verdienst, hin zu einem sensibleren Umgang mit Medien ist nicht von der Hand zu weisen.

Der Grund, warum viele seine Ideen ablehnen, liegt meines Erachtens in seiner unspezifischen Methodik. So innovativ viele seiner Ideen auch sind, verlieren sie aus diesem Grund an Relevanz. Ähnlich muß auch Umberto Eco gedacht haben, als er schrieb: ,,Ideen, auch wenn sie wild durcheinander daherkommen, gute mit schlechten vermischt, wecken andere Ideen, und sei`s auch nur, um sie zu widerlegen. Also lest McLuhan, aber dann geht hin und versucht, euren Freunden davon zu erzählen. So werdet ihr gezwungen sein, eine Reihenfolge zu wählen, und werdet die Halluzination überwinden." (Kloock 1997, S. 59)

Es stellt sich die Frage, ob die von ihm erzielten Ergebnisse nicht auch durch ,,üblichere" - von ihm als unzureichend bewertete - Wissenschaftsschemata möglich wären? Würde eine solche Vorgehensweise nicht nur die gleichen Ergebnisse liefern, sondern auch eine Vielzahl seiner Thesen überprüfbar und somit allgemein in der Fachwelt anerkannter machen?

Oder würde im Gegenteil gerade dies zu einer völligen Widerlegung seiner Theorien führen? Sicher ist, daß viele seiner Ideen in heutige Theorien eingeflossen sind, als eigenständige Theorien aber kaum diskutiert werden.

Literaturverzeichnis

Baltes, Martin; Böhler, Fritz; Reuß, Jürgen (Hrsg.) (1997): Der McLuhan-Reader. Medien Verstehen. Mannheim: Bollmann.

Benedetti, Paul (Hrsg.) (1997): Forward through the reaview mirror. Reflections on and by Marshall McLuhan. Cambridge, Mass.: MIT Press.

Kloock, Daniela; Spahr, Angela (1997): Medientheorien. Eine Einführung. München: Fink.

Ludes, Peter (1998): Eine Einführung in die Medienwissenschaft. Entwicklungen und Theorien. Berlin: Erich Schmidt.

McLuhan, Marshall (1995): Die magischen Kanäle. Understanding Media. Basel: Verlag der Kunst Dresden.

McLuhan, Marshall (1995): Die Gutenberg Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Bonn/Paris: Addison-Wesley.

Spengler, Oswald (1990): Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. München: C.H. Beck.

Stearn, Gerald Emanuell (Hrsg.) (1969): McLuhan für und wieder. Düsseldorf/Wien: Klinkhadt.

Wiegerling, Klaus (1998): Medienethik. Stuttgart/Weimar: Metzler.

[...]


1 In der deutschen Übersetzung wurde aus dem Titel des Buches ,,Die magischen Kanäle", was zwar zu einer Popularisierung der McLuhan'schen Theorie beitrug - aber auch zu ihrer Diskriminierung unter universitätswissenschaftlichen Perspektiven. (Vgl. Ludes 1998, S. 79)

2 Der Kontakt zu Innis gab Mc Luhan wichtige Anstöße. Nicht umsonst bezeichnete er ,,The Gutenberg Galaxy" als ,,Fußnote" zu Innis` Arbeiten, der - wie McLuhan - Medientheorie als Kulturtheorie sah. (Vgl. Kloock 1997, S. 48)

3 Näheres hierzu im Kapitel ,,Grundlegende methodische Aspekte"

4 Technik in bezug auf den Körper zu erklären, hat durchaus geisteswissenschaftliche Tradition. Ernst Kapp versteht den Körper als Basis jeder technischen Erfindung. Die Entwicklung von Artefakten beruht auf ,,Organprojektionen". Der Mensch projeziert dabei Organe, Glieder oder Funktionen seines Leibes in die Außenwelt und vergegenständlicht sich selbst in den Objekten. Sigmund Freunds Bild vom ,,Prothesengott" Mensch geht von Technik als Organverlängerung aus.

Auch Arnold Gehlen versteht in seiner Anthropologie Technik als körperbezogenes Problem. Für Gehlen ist Technik notwendige Folge der biologischen Ausstattung des Menschen, denn jene Ausstattung ist im Vergleich zum Tier mangelhaft. Als ,,Mängelwesen" fehlen ihm sichere Instinkte, Angriffs- oder Fluchtorgane. So stellt die Technik eine überlebenswichtige Kompensation dieser Mängel dar. (Vgl. Kloock 1997, S. 50f.)

5 McLuhan erläutert diesen mit Hilfe des Narziß - Mythos. Seiner Interpretation der Sage zufolge erkannte der Jüngling sein Spiegelbild nicht, denn sein Bild stellt eine Selbstamputation dar. Der darauf folgende Schock machte eine Selbsterkenntnis unmöglich und so faßte er sein eigenes Spiegelbild im Wasser als eine andere Person auf. (McLuhan 1995, S.73) Die Parallelen zur freudschen Psychoanalyse sind hier auffallend. Während Freud aus dem Mythos aber eine immer und überall passende Systematik ableitete, in der verschiede psychische Phänomene klassifiziert werden könnten, behandelt McLuhan die Sage als ein Gleichnis für das Verstehen von Medien.(McLuhan-Reader 1997, S. 20)

6 In diesem Zusammenhang ist noch auf den Bedeutungsinhalt des Wortes ,,Visualität" hinzuweisen. McLuhan gebraucht dieses Wort nicht im Sinne des Sehens von Bildern, sondern als eine Wahrnehmungsweise, die durch Technologien des phonetischen Alphabets, also der Schrift und des Buchdrucks verursacht wurde. Ähnlich verhält es sich mit der ,,auditiven" Wahrnehmung. Er beschreibt weniger den Vorgang des Höhrens, als eine durch Ergänzung gekennzeichnete, mehrere Sinne gleichzeitig einbeziehende Wahrnehmungsweise, deren Ursprung in der Sprache liegt.

7 Perzeption: sinnliches Wahrnehmen als erste Stufe der Erkenntnis

8 Detailreichtum ist der Zustand, viele Daten oder Einzelheiten aufzuweisen.

9 Instantan: unverzüglich einsetzend, augenblicklich

10 Schon Oswald Spengler setzte sich für eine Unterscheidung der Denkformen in Bezug auf historische Betrachtungsweisen ein. ,,Formel", ,,Gesetz" und ,,System" sind für Spengler mathematische Denkfiguren, die nur n bezug auf tote Formen Geltung haben. ,,Das Mittel, tote Formen zu erkennen, ist das mathematische Gesetz. Das Mittel, lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie" (Spengler 1993, S. 4f.)

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Einführung in medienwissenschaftliche Grundlagen: Film, Rundfunk und Fernsehen
Note
1,3
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V107374
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wert wurde bei dieser Arbeit vor allem auf nähere Erläuterungen seiner verwendeten Begriffe/Metaphern und seinem methodischen Vorgehen gelegt.
Schlagworte
Marshall, McLuhan, Kanäle, Einführung, Grundlagen, Film, Rundfunk, Fernsehen
Arbeit zitieren
Steffen Döll (Autor), 1999, Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107374

Kommentare

  • Gast am 15.6.2007

    Kritik.

    Bei dieser Arbeit handelt es sich fast ausschließlich um eine lückenhafte Zusammenfassung von Angela Spahrs recht gelungener Einführung in McLuhans Medientheorie.
    Ein Tipp für zukünftige akademische Arbeiten des Autors: So nah am Text einer Sekundärliteratur dürfen die eigenen Ausführungen nicht sein.
    Der Autor, welcher McLuhans Aphorismen teilweise als naiv bezeichnet, liefert selbst Schlussbemerkungen, die an Naivität nicht zu übertreffen sind.

  • Alex Getmann am 8.1.2011

    Manche Passagen wurden sogar wörtlich übernommen. Einfach nur schlecht!
    Meinem Vorredner muss ich Recht geben, was die Einführung von Spahr und Kloock angeht: Eine sehr gute Einführung in Medientheorien und sehr verständlich geschrieben.

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