Die Versuchung Jesu in Dostojewskijs Der Großinquisitor


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

25 Seiten, Note: 1,7


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Inhaltsverzeichnis

1. Über dasThemaunddie Methode dieserArbeit

2. Teufel und Versuchungim biblischen Verständnis
2.1. Der Teufel im Alten und Neuen Testament
2.2. Der Begriff der Versuchung
2.3. Die Versuchung Jesu durch den Teufel

3. DerGroßinquisitor und dieVersuchungenJesu
3.1. Die Erzählung vom Großinquisitor
3.2. Die Bewertung der einzelnen Versuchungen Jesu durch den Großinquisitor
3.3. Merkmale und Schwächen der Argumentationskette

4. DieCharakterisierungunddieRollenderProtagonisten
4.1. Die Charakterisierung des Großinquisitors und Jesu
4.2. Die Rolle des Großinquisitors
4.3. Die Authentizität der Protagonisten

5. Zusammenfassung derErgebnisse

6. Literaturverzeichnis

1. Über das Thema und die Methode dieser Arbeit

Im literaturwissenschaftlichen Hauptseminar „Christlicher Glaube und Literatur“ im Wintersemester 2000/2001 wurde die Frage untersucht, in welchem Ausmaß sich der christliche Glaube in der abendländischen Literatur der vergangenen Jahrhunderte widerspiegelt und welche Veränderungen diese Darstellung im Lauf der Zeit gegebenenfalls erfahren hat, aber auch, welche Konstanten in diesem Zusammenhang festzustellen sind. Im Zuge dieser Untersuchung wurden literarische Texte aus verschiedenen Epochen ausgewählt, wobei nicht nur der deutsche, sondern der europäische Literaturbetrieb in Auszügen unter die Lupe genommen wurde. Einer der betrachteten Texte war die Erzählung Der Großinquisitor aus dem Roman Die Brüder Karamasov des russischen Dichters Fjodor Dostojewskij. Wegen der im Seminar angebotenen Textfülle war es dort nicht möglich, über eine inhaltliche Erarbeitung der Hauptaussagen dieses Textes herauszugehen. Diese Lücke soll mit Hilfe dieser Hausarbeit geschlossen werden.

Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf der Frage, wie dieser Text seine biblische Grundlage verarbeitet und in welchem Maße er ihr entspricht oder sie verfälscht. Dementsprechend wird hier nicht die Frage aufgeworfen, in wie weit die Schilderung der Versuchung Jesu im Matthäus-Evangelium authentisch oder glaubhaft ist; statt dessen wird dieser Text als literarische Vorlage Dostojewskijs ernstgenommen und nicht weiter hinterfragt. Ebenso werden die biblischen Aussagen über Jesus und seine dort tradierten Aussprüche als zuverlässigst mögliche Quelle zu Rate gezogen, wenn es darum geht, die Authentizität des Jesus-Bildes in der Legende vom Großinquisitor zu bewerten. Im ersten Teil dieser Hausarbeit werden zwei grundlegende Begriffe, die für das Verständnis der Geschichte vom Großinquisitor wichtig sind, nämlich „Versuchung“ und „Teufel“, vor dem Hintergrund der theologischen Definitionen erklärt, um Begriffsverwirrungen im Folgenden zu vermeiden. Des weiteren wird die biblische Schilderung der Versuchung Jesu mit der durch den Großinquisitor verglichen, wobei es vor allem um die Wertung der Versuchungen geht. Im letzten Schritt werden Überlegungen angestellt, worin eventuelle Abweichungen zu finden und begründet sind.

2. Teufel und Versuchung im biblischen Verständnis

2.1 Der Teufel im Alten und Neuen Testament

Vor Beginn der Erörterungen zur Umsetzung der biblischen Versuchungsgeschichte aus dem Evangelium nach Matthäus in Dostojewskijs Großinquisitor sollen die zentralen Begriffe „Teufel“ und „Versuchung“ vor dem Hintergrund des biblischen Zeugnisses und lexikalischer Definitionen geklärt werden, um eine Einheitlichkeit der Begriffe im Folgenden sicherzustellen. Das deutsche Wort „Teufel“ ist die neuhochdeutsche Form des ursprünglich griechischen Lehnworts „diabolos“, das im Neuen Testament in der Hauptsache den Teufel beschreibt und übersetzt „Verleumder“ bedeutet. Im Alten Testament dominiert bei der Beschreibung des Teufels das hebräische Wort „Satan“, das „Widersacher“ und „Versucher“ bedeutet; des weiteren bezeichnet der hebräische Terminus den Ankläger vor Gericht. Vereinzelt begegnen auch Umschreibungen wie „Feind“[1], „Engel des Lichts“[2] und „Vater der Lüge“[3].

Die Position des Teufels ergibt sich am schlüssigsten aus der Offenbarung des Johannes, in der seine Vision vom Ende der Zeiten wiedergegeben ist.

„Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt“[4]. Durch die Bezeichnung des Teufels als „die alte Schlange“ wird ein Bogen geschlagen zur Versuchung Adams und Evas im Paradies durch die Schlange, die sie veranlasst, trotz des ausdrücklichen Verbots Gottes die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Zuerst versucht die Schlange, dieses Gebot zu verdrehen und gleichzeitig in Zweifel zu ziehen: „Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“[5]. Da Eva darauf nicht eingeht, verspricht sie, dass Gottes Strafe – der Tod – nicht eintreten und sie durch die Frucht Weisheit erlangen wird[6].

Im weiteren Verlauf des Alten Testaments tritt der Teufel als Ankläger des Menschen auf, deutlich vor allem im Buch Hiob, wo sich die einleitende Szene vor dem Thron Gottes bewusst an Gerichtsverhandlungen an den Höfen antiker Herrscher anlehnt. Nachdem Gott Hiob lobend erwähnt hat[1], wirft Satan die Frage auf, ob Hiob Gott auch dann lobt und ihm treu ist, wenn er nicht gesegnet, sondern all seiner Güter beraubt ist[2]. Daraufhin erhält der Teufel von Gott die Vollmacht, Hiobs Glauben durch verschiedene Angriffe (Verlust von Hab und Gut und Familie, Krankheit) zu prüfen: „Der Herr sprach zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht“[3]. Auffällig ist hier, dass Gott Satan anhört und ihm – wenn auch eingeschränkte – Rechte einräumt.

Im Gegensatz zum Alten Testament, wo der Teufel nur eine untergeordnete Rolle spielt, wird der Teufel im Neuen Testament als ernst zu nehmender, wenn auch nicht gleichberechtigter Gegenspieler Gottes, hier vor allem Jesu, charakterisiert. Zwar taucht Satan auch im Neuen Testament nur einmal selbst auf, doch wird ihm diese Gegenposition an mehreren Stellen im Neuen Testament zugeschrieben. Dort wird er als Hauptverursacher der Sünde charakterisiert. Ein deutlicheres Eingreifen des Teufels lässt sich auf das beim Propheten Jesaja angekündigte Kommen des Messias beziehen, denn seine Aufgabe war es, die Trennung des Menschen von Gott durch die Sünde des Menschen aufzuheben: „Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten“[4].

Ein indirektes Eingreifen Satans in die Geschichte Jesu wird an zwei Stellen innerhalb der Evangelien erwähnt. Jesus selbst weist Petrus nach dessen Ablehnung der Leiden Jesu mit den Worten zurecht: „Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist“[5]. Die zweite Intervention des Teufels wird im Lukas- Evangelium geschildert: „Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskariot, der zur Zahl der Zwölf gehörte“[6]. Interessant ist hier, dass Gott sich im letztgenannten Fall Satans bedient, um seinen Heilsplan mit Jesus, die Kreuzigung zur Vergebung der Sünden der ganzen Welt, umzusetzen. Von den Pharisäern wurde Jesus bezichtigt, mit dem Teufel im Bunde zu sein: „Er treibt die bösen Geister nicht anders aus als durch Beelzebub, ihren Obersten“[1]. Hier wird außerdem deutlich, dass dem Teufel im Gegensatz zum Alten Testament die Rolle des Obersten der Dämonen zugeschrieben wird. Explizit und in persona tritt der Teufel in den Evangelien nur bei der Versuchung Jesu in der Wüste auf. Allein diese Tatsache weist darauf hin, dass diese Begebenheit eine zentrale Auseinandersetzung im Heilsgeschehen darstellt, auch ungeachtet der Frage, ob es sich um eine physische Begegnung oder eine Vision Jesu handelt.

2.2 Der Begriff der Versuchung

Im theologischen Kontext werden drei Arten von Versuchungen unterschieden, wobei die Aufteilung nach Urheber und Objekt der Versuchung vorgenommen wird. Die erste Art der Versuchung ist die Versuchung Gottes durch den Menschen. Ein prominentes Beispiel für diese Versuchung ist di]e Geschichte vom Haderwasser, wie sie im 2. Buch Mose, Kapitel 17 geschildert wird: das Volk Israel murrt gegen Moses und gegen Gott, weil es in der Wüste kein Wasser hat, und wünscht sich, in Ägypten geblieben zu sein[2]. Die Versuchung zeigt sich hier vor allem im Kontext, denn im Kapitel davor wird davon berichtet, wie Gott das Volk Israel mit Manna und Wachteln versorgte[3], was einen Beweis der Treue Gottes gegenüber seinem Volk darstellt. Das Volk konnte also davon ausgehen, dass Gott auch in dieser Situation helfen wird. Die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten ist reich an Beispielen der Unzufriedenheit und des fehlenden Vertrauens des Volkes gegenüber den Verheißungen Gottes.

Die zweite Art der Versuchung ist die Versuchung des Menschen durch Gott. Hier ist der Terminus der „Versuchung“ am besten als Prüfung des Glaubens zu charakterisieren. Ein typisches Beispiel ist hier der Auftrag Gottes an Abraham, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Es fällt auf, dass Abraham diesen Auftrag Gott gegenüber nicht in Frage stellt. Er bereitet seinen Sohn als Opfer vor, bevor Gott eingreift und das geforderte Opfer in ein Tieropfer umwandelt. Gottes Interesse war also nicht ein Menschenopfer, das im übrigen auch in der ganzen Bibel nie von ihm verlangt, sondern im Gegenteil explizit verurteilt wird („Wer unter den Israeliten oder den Fremdlingen in Israel eins seiner Kinder dem Moloch gibt, der soll des Todes sterben“[1] ), sondern eine Prüfung des Glaubens und des Gehorsams Abrahams. Die Belohnung Gottes für Abrahams Gehorsam fällt umfassend aus: „Weil du solches getan hast [...], will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel“[2].

Bei der letzten Versuchung handelt es sich um die Versuchung des Menschen durch den Teufel, wie ich sie bereits weiter oben im Zusammenhang mit der Charakterisierung des Teufels am Beispiel Hiobs beschrieben habe. Während der Teufel in dieser Episode mit Billigung, ja beinahe im Auftrag Gottes handelt, sind die Versuchungen des Teufels im Neuen Testament anderen Ursprungs, da er dort aus eigenem Antrieb und bewusst gegen den Willen Gottes handelt. Eine besondere Stellung nimmt in diesem Zusammenhang die Versuchung Jesu ein.

[...]


[1] Lk 10,19.

[2] 2. Kor 11,14.

[3] Joh 8,44.

[4] Offb 12,9.

[5] 1. Mos 3,1.

[6] 1. Mos 3,4f.

[1] Hiob 1,8.

[2] Hiob 1,9f.

[3] Hiob 1,12.

[4] Jes 53,5.

[5] Mt 16,23.

[6] Lk 22,3.

[1] Mt 12,24.

[2] 2. Mos 17,3.

[3] 2. Mos 16.

25 von 25 Seiten

Details

Titel
Die Versuchung Jesu in Dostojewskijs Der Großinquisitor
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Hauptseminar Christlicher Glaube in der Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V107411
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nach einer kurzen Klärung der Begriffe Versuchung und Teufel wird die Versuchung Jesu in Matthäus 4 eingehend behandelt, bevor die Bewertung des Großinquisitors daran gemessen wird.
Schlagworte
Versuchung, Jesu, Dostojewskijs, Großinquisitor, Hauptseminar, Christlicher, Glaube, Literatur
Arbeit zitieren
Jochen Kathöfer (Autor), 2001, Die Versuchung Jesu in Dostojewskijs Der Großinquisitor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107411

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