Der Disput um Christa Wolfs Störfall in der Zeitschrift Spectrum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
27 Seiten

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Gliederungsübersicht

1 Einführung in Thematik

2 Politische Hintergründe
2.1 Meinungsäußerung im Sozialismus
2.2 Zu Christa Wolf
2.3 Zur Zeitschrift Spectrum

3 Die Diskussion in der Zeitschrift Spectrum
3.1 Geplänkel im Vorfeld
3.2 Der Disput - Störfall wird zum Thema
3.2.1 Der kuriose Einstieg
3.2.2 Die Beiträge der Wissenschaftler und Experten
3.2.2.1 Vorbemerkung
3.2.2.2 Die Wirkung des Buches
3.2.2.3 Die friedliche Nutzung der Kernenergie
3.2.2.4 Der Aspekt der Sicherheit
3.2.2.5 Die Verantwortung des Wissenschaftlers
3.2.3 Stellungnahme der Autorin
3.3 Briefwechsel zur Spectrum-Kontroverse
3.4 Fazit

4 Der literarische Mehrwert des Störfalls
4.1 Eingangsüberlegung
4.2 Das Tagebuchartige der Erzählung
4.3 Die persönliche Chronik der Katastrophen
4.4 Die literarische Zitierebene
4.5 Die Umdeutung semantischer Bedeutungen

5 Literaturverzeichnis

1 Einführung in die Thematik

Anhand von Christa Wolfs Erzählung Störfall1 soll in dieser Arbeit die Interaktion von Literatur und Naturwissenschaften untersucht werden, mit dem Ziel, die Wirkung der Geisteswissenschaft - hier der Literatur - auf die Naturwissenschaft, primär auf die Kernphysik, heraus zu filtern und sich dem offensichtlichen literarischen Mehrwert einer von einem Geisteswissenschaftler aufgearbeiteten Technikkatastrophe zu nähern. Weiterhin werden am Rande die Anstöße berücksichtigt, welche seitens des Schriftstellers dem rein rational denkenden Wissenschaftler gegeben werden können. Abgerundet wird die Arbeit durch Hintergrundinformationen zu den beiden „Disputanten“, nämlich Christa Wolf und die Zeitschrift Spectrum2 der Akademie der Wissenschaften der DDR.

2 Politische Hintergründe

2.1 Meinungsäußerung im Sozialismus

Ein Disput der Art, wie er hier vorliegt, lässt sich nicht wertfrei und losgelöst von den Rahmenbedingungen analysieren, innerhalb welcher er ausgetragen wurde. Spectrum ist keine unabhängige Zeitschrift. Einerseits ist sie, trotz ihrer spezifisch wissenschaftlichen Ausrichtung, politisch koloriert, andererseits konnte Christa Wolf ihre Meinung - hätte sie dies gewollt, was allerdings nicht angezweifelt werden soll - nicht frei und bar jeder Angst vor Repressalien äußern.

Es ist davon auszugehen, dass die Zensur ihren eigenen Teil zur Diskussion beigetragen hat, ob nun durch radikales Streichen, durch Verändern einer Artikelaussage oder durch das bloße Wissen um ihre Existenz seitens der Disputanten. Das soll hier jedoch nicht untersucht werden, zu Grunde gelegt werden die Artikel in ihrer endgültigen Form, so wie sie von Spectrum abgedruckt wurden.

2.2 Zu Christa Wolf

Der Störfall, ja das gesamte literarische Schaffen der Christa Wolf ist unabhängig von seinem künstlerischen (und bleibenden) Wert immer auch unter dem Aspekt zu betrachten, dass sie den größten Teil ihrer Werke in der DDR geschrieben und veröffentlicht hat. Sie wird bis zur Wiedervereinigung als „Deutsche Dichterin der DDR“3 in Literaturlexika zu finden sein. So entstand Störfall in den Sommermonaten 1986, unmittelbar nach der in den Ostblockstaaten mit Verspätung verkündeten Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (damals UdSSR). Alle Rechte und Lizenzen liegen beim Aufbau-Verlag Berlin und Weimar.

Die Vita Christa Wolfs weist zwei Punkte auf, die einerseits beachtet, andererseits aber - wie ich weiter unten darstellen werde - auch nicht überbewertet werden dürfen. Eintritt 1949 in die SED, 1989 Austritt aus derselben. Dazwischen liegen 40 Jahre Parteimitgliedschaft. 20jährig aus Überzeugung eingetreten, wandelt sich ihr Verhältnis zur SED, welche die Zügel der politischen Geschicke der DDR fest in ihren Funktionärshänden hält, bis zur Wiedervereinigung des geteilten Deutschland so weit, dass sie von einer informellen Mitarbeiterin (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit selbst zur Bespitzelten degradiert wird.

Spätestens ab 1967 ist ihr Verhältnis zur SED zwiespältig, wenn nicht gar schlecht. Dies geht einher mit einer kritischen Rede im Zentralkomitee, welche sie prompt die Mitgliedschaft in diesem Gremium kostet. Zwei Jahre später setzt die Bespitzelung seitens des MfS ein.

Der trotzige Verbleib in der Partei ist in der DDR bekannter Weise ein probates Mittel, um nicht aus dem öffentlichen Leben verbannt zu werden. Unter dem schützenden Mantel der Partei konnte Christa Wolf ihrer schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen und wagte sich mehr und mehr, kritische Töne an zu schlagen.

2.3 Zur Zeitschrift Spectrum

Unter der Ägide der Akademie der Wissenschaften herausgegeben, versteht sich die Zeitschrift als führendes Printmedium der DDR auf der wissenschaftlichen Ebene, vor allem jener der Naturwissenschaften. Von der Themenauswahl vergleichbar mit der hier besser bekannten Spektrum der Wissenschaft, unterscheidet sie sich in einem Punkt gravierend von dieser: Alle Artikel, gleichgültig aus welcher Sparte der Wissenschaft, werden von sogenannten Mitgliedern der Akademie verfasst, wobei diese noch unterschieden werden in Ordentliche und Korrespondierende Mitglieder. Das Wissensmonopol liegt bei der Akademie. Sie umfasst alle Fachbereiche der Naturwissenschaften, bündelt jedoch zusätzlich die Geisteswissenschaften - so auch Literatur- und Sprachwissenschaft - unter ihrem Dach. Alle Neuerungen und Entdeckungen, Forschungen und Experimente werden, unter Vorbehalt der Staatsräson, über die Zeitschrift publik.

Gut ein Fünftel einer jeden Monatsausgabe ist für latente Propaganda reserviert, angefangen bei Erfolgsmeldungen aus den einzelnen Klassen (Zusammenschluss aller Wissenschaftler eines Faches), über Personalia bis hin zu Leserbriefen und deren Beantwortung seitens eines Akademiemitglieds. Nichtsdestotrotz ist Spectrum kein übliches Propagandamittel oder gar Parteiorgan, sondern der Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen verpflichtet. Dabei neigt die Zeitschrift in den letzten Jahren vor der Wende verstärkt zu Themen des Computerwesens, der Kybernetik und der Automatisierung, allgemein zu Naturwissenschaften.

3 Die Diskussion in der Zeitschrift Spectrum

3.1 Geplänkel im Vorfeld

Es ist davon auszugehen, dass sich die Redaktion seit dem Reaktorunglück im April 1986 in einem Dilemma befindet. Einerseits ist der GAU eines Kernkraftwerks ein höchst brisantes Thema - und die Redaktion einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift ihrem Selbstverständnis nach dazu verpflichtet, darüber zu berichten, andererseits entspricht er ganz und gar nicht der propagierten Meinung der Staatsführung, die friedliche Nutzung des Atoms sei eine lupenreine Angelegenheit ohne Makel. Spectrum zieht sich dadurch aus der Affäre (oder manövriert sich erstrecht da hinein?), dass Tschernobyl über ein Jahr lang absolut nicht thematisiert und das Tabu nicht angefasst wird. Ganz im Gegenteil, noch im Sommer 1987 erscheint ein Bericht über eine Tagung in Paris, an welcher Mitglieder des Zentralinstituts für Kernforschung teilgenommen haben. Dr. Flach, der Direktor besagten Instituts, betont im Rahmen seines Vortrags, DDR-Wissenschaftler „widmen sich seit 30 Jahren ausschließlich der friedlichen Nutzung der Kräfte des Atoms. Die DDR lasse sich davon leiten, dass die Kernforschung dem Menschen Nutzen bringen soll. Für sie ist und bleibt die Kernenergie unverzichtbar bei der Elektroenergieversorgung, ihr Anteil werde von heute 12 auf 35 Prozent bis zum Jahre 2000 steigen. [...] Weiter kam zur Sprache, dass in der DDR Kerntechniken auch in der Industrie, so zur gezielten Veränderung von Festkörper-Oberflächen sowie in der Nuklearmedizin zur Diagnostik und Therapie, genutzt werden.“4 Kein Wort über Gefahr und Schadenspotential der Kernenergie. Man gewinnt den Eindruck, dass hier wie zum Trotz nur die glanzvolle Vorderseite der Medaille betrachtet wird, nicht aber die arg verkratzte Rückseite.

Im Herbst desselben Jahres hält Karl Lanius, Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, auf dem jährlich stattfindenden Leibniz- Tag einen Festvortrag, in welchem der gefährliche Aspekt der Kernenergienutzung, nämlich die Atombombe zur Sprache kommt. „Die Geschichte der Menschheit kennt keine naturwissenschaftliche Entdeckung, die eine so tiefgreifende Wirkung auf das Schicksal der Menschheit hat, wie die Erkenntnisse der Kernphysik und die aus ihrer gezielten Nutzung resultierende Kerntechnik. Seit mehr als vier Jahrzehnten leben wir im Schatten nuklearer Waffensysteme. Es ist an der Zeit, uns von ihnen zu befreien.“5

Verknüpft man diese Aussage mit jener von Dr. Flach, welche er 3 Monate vorher geäußert hat, wird schnell klar, welches Fazit dem Leser nahe gelegt wird: Kernenergie ist gut, ist für die DDR wichtig und ausbauwürdig, so lange wie sie für friedliche Zwecke genutzt wird. Die Nutzung für kriegerische Zwecke hingegen wird abgelehnt, nicht zuletzt weil sie Gefahren beinhaltet, welche - so wird impliziert - von der friedlichen Kernenergie nicht ausgehen. Soweit Spectrum ein Jahr nach Tschernobyl.

3.2 Der Disput - Störfall wird zum Thema

3.2.1 Der kuriose Einstieg

Es mutet wie ein makaber zelebriertes Jubiläum an, wenn im April 1988, zwei Jahre nach Tschernobyl, Spectrum im Rahmen seiner sporadischen Reihe Kontroverse das Reaktorunglück aufgreift. Nicht, um darüber zu berichten - was selbst mit diesem zeitlichen Abstand noch einigermaßen vertretbar und angemessen gewesen wäre - sondern unter dem vorerst vagen Aspekt der Verantwortung des Wissenschaftlers. „zu Recht rückt die Verantwortung des Wissenschaftlers stärker in den Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Dazu hat auch Christa Wolfs Buch „Störfall“ beigetragen.“6

Eingeleitet mit einem Zitat Albert Einsteins, welchem zufolge „‚die Entdeckung der atomistischen Kettenreaktion [...] den Menschen so wenig Vernichtung zu bringen [braucht] wie die Erfindung der Zündhölzer. Wir müssen nur all das tun, was den Missbrauch der Mittel beseitigt.’“7

Dem sei an dieser Stelle ein Auszug aus einer Geschichtschronik gegenüber gestellt, welche sich zum selben Sachverhalt ebenfalls eines Zitats des großen Wissenschaftlers befleißigt. „In jedem Fall hat Tschernobyl als Synonym für menschliche Unzulänglichkeit Einstein bestätigt: ‚Die entfesselte Kraft des Atoms hat alles verändert außer unsere Art zu denken. Wir benötigen eine grundsätzlich neue Art zu denken, wenn die Menschheit überleben soll.’“8 Die Wahl des Zitats seitens der Spectrum-Redaktion gibt die Stossrichtung vor, in welche sie die Diskussion zu leiten gewillt ist: Die friedliche Nutzung der Atomkraft ist und bleibt gut, was es zu erörtern gibt, ist einzig und allein der Umgang mit diesem Energieträger. Simultan dazu soll über die Verantwortung des Wissenschaftlers der Menschheit aber auch sich selber gegenüber nachgedacht werden.

Über ein Jahr nach Erscheinen des Störfalls bat „Spectrum [...] Wissenschaftler um ihre Meinung.“9 Das erweckt den Anschein, als ginge die Zeitschrift aus eigenem Antrieb und auf eigene Initiative auf das Thema ein, offensiv, aufklärerisch und gewillt, die tiefere Wahrheit hinter dem Störfall ans Licht zu bringen. Es ist allerdings zu vermuten, dass dieser Schritt aus einem hausinternen Zwang heraus geschah, als einzig verbliebene Möglichkeit, das Image der Zeitschrift zu retten. Zu lange hatte man zu Tschernobyl geschwiegen, das Wort selbst, welches im Russischen „Wermut“ bedeutet, gar nicht erwähnt. In der Tat ein Wermutstropfen für die gebildete Leserschicht.

3.2.2 Die Beiträge der Wissenschaftler und Experten

3.2.2.1 Vorbemerkung

In loser Folge10 beginnt Spectrum, Wissenschaftler aus den verschiedensten Bereichen nach ihrer Meinung zu der Verantwortung des Forschers im Allgemeinen aufgrund des Buches von Christa Wolf zu befragen. Im Laufe von anderthalb Jahren erscheinen dreizehn Wortmeldungen.

Den Anfang bilden leserbriefartige Artikel eines Kernphysikers, eines Toxikologen und eines Neurochirurgen. Nimmt man diese als Maßstab für die Ebene (das Niveau?), auf welcher die Diskussion ausgetragen werden soll, fällt auf, dass keiner der drei, aber auch keiner der später sich Anschließenden, sich an die spezifisch literarischen Merkmale des Buches heranwagt. Im Gegenteil, es wird sogar betont, vermutlich auf Anraten beziehungsweise Weisung der Redaktion hin, dass es sich nicht um Literaturkritik handelt. So sagt Lohs, Direktor der Forschungsstelle für chemische Toxikologie, in seinem Beitrag Eine unliterarische Anmerkung (!) „es ist dies keine Literaturkritik, denn schließlich bin ich Naturwissenschaftler und nicht Germanist.“11

Christa Wolf wird als Literaturschaffende anerkannt und die aufrüttelnde, zum Nachdenken anregende Wirkung ihres Buches durch die Bank gewürdigt; mal hochachtungsvoll, mal eher kritisch, manchmal gar demagogisch. Es erscheint mir wichtig, diese Tatsache heraus zu stellen, da sie sich wie ein roter Faden durch alle in Spectrum abgedruckten Artikel zieht, unabhängig davon, aus welcher Sparte der Wissenschaft der Autor stammt.

Im Folgenden sollen nun die wichtigsten Aspekte der Diskussion beleuchtet werden, um einen Einblick in die Bandbreite dieser zu erhalten.

3.2.2.2 Die Wirkung des Buches

Dieser Aspekt erscheint mir als zentraler Punkt der Diskussion, wenn man so will, das Substrat des Disputs. Er wird von jedem Verfasser eines Beitrags betont und erklärt sich wohl dadurch, dass er durch die aufgeworfenen - gestellten und ungestellten - Fragen der Anlass dieser naturwissenschaftlich-literarischen Interaktion ist.

Blumentritt, Mitarbeiter eines Zentralinstituts für Kernforschung, bemerkt als ein Fazit seines Beitrags: „Die Art der Darstellung ist jedoch beispielhaft dafür, wie man ein Anliegen wirksam vorbringt.“12 Vogel, Direktor für medizinische Betreuung an der Charité und Neurochirurg, findet, dass Christa Wolfs „Worte [...] nicht nur von einem Störfall [künden], sondern stören die Gleichgültigen und die Verantwortungslosen; sie bestärken die Wissenden, die sich Mühenden und diejenigen, die das Leben achten.“13 Lohs hingegen empfindet das Buch als anmaßend, wenngleich „sehr einfach, sehr wirkungsvoll, sprachlich gut verpackt, sehr unkritisch hinsichtlich der tatsächlichen Fakten.“14 Er erkennt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen die literarischen Qualitäten des Buches - welche es so wirkungsvoll machen - indem er den Schriftsteller als Seismographen öffentlicher Meinung bezeichnet. „[...] jedoch er signalisiert sie [die öffentliche Meinung] nicht nur (das erwarten wir von den Journalisten), er reflektiert sie, er bewertet sie, er multipliziert sie mit den ihm eigenen gestalterischen Mitteln.“15

Böhme vom Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung, stellt unisono zu seinen Vorgängern im Diskussionsforum fest: „Christa Wolfs Buch wirft Fragen auf - macht sie öffentlich - die heute weltweit Menschen bewegen. Fragen nach dem ‚Quo vadis?’. Diese Fragen richtet die Autorin an sich selbst, an uns alle, denn sie betreffen unser aller Wohl und Wehe.“16 Im selben Heft fühlt sich der Molekularbiologe Abel mit vollendeten Tatsachen konfrontiert, denen es nun offen ins Auge zu schauen gilt. „Die Wortmeldung von Christa Wolf liegt vor, gedruckt. Sie enthält Fragen und die Forderung nach Möglichkeiten zum Mitdenken.“17 Ebenfalls innerhalb der Wirkungsgeschichte des Störfalls bewegt sich, Monate später, Dietmar Albert vom Zentralinstitut für Kernforschung mit seiner Aussage zum Austausch zwischen Wissenschaftlern und Künstlern. „Ich bin bei meiner Kommunikation mit Christa Wolf nicht sehr weit gekommen. Offensichtlich ist aber gerade die Kommunikation, die das Vertrauen schaffen soll, zwischen Wissenschaftlern und Künstlern schwierig.“18 Interessant wäre an dieser Stelle eine Untersuchung der semantischen Konnotation des Wortes „Künstler“. Geht man davon aus, dass Kunst im real existierenden Sozialismus, wenn überhaupt geduldet, belächelt wurde, so ist Alberts Aussage mit Sicherheit kein Schmeicheln an die Adresse Christa Wolfs. Es drängt sich die Frage auf, ob ein Wissenschaftler eines Kalibers Albert (immerhin 30 Jahre auf dem Gebiet der Reaktorphysik tätig) gewillt oder aber überhaupt in der Lage ist, die Einmischung eines Laien in sein Metier ernst zu nehmen, Wirkungsgeschichte des Buches hin oder her.

War bis dato das Buch Störfall sowohl in eigentlicher als auch in übertragener Bedeutung der Stein des Anstoßes, so entwickelt sich der Disput mehr und mehr zum Selbstläufer. Die Märzausgabe 1989 von Spectrum sieht sich gezwungen, den begonnenen Diskurs erneut aufzugreifen, da „die eindeutigen Positionen zur Nutzung der Kernenergie des Reaktorphysikers Dr. Dietmar Albert [...] Widerspruch [erregten]. Die Ansatzpunkte dafür gaben besonders einige seiner Urteile zu Textpassagen im Buch ‚Störfall’ von Christa Wolf sowie die Bewertung der Vor- und Nachteile der Kerntechnik.“19

Um jedoch vorerst bei der in den Beiträgen zur Sprache gekommenen Wirkung des Buches auf die öffentliche Meinung zu bleiben, sollen diese konsequent auf dahingehende Aussagen untersucht werden. Schmidt, Diplom-Physiker, greift gleich zweimal den Aspekt der Wirkung des Buches. Eingangs schildert er seine persönliche Ergriffenheit, im weiteren Verlauf seiner Ausführungen kommt er dann auf die Wirkung des Buches auf die Öffentlichkeit zu sprechen: „[...] richtete, als ich das Buch las, in meinem Kopf einige Verwirrung an: Ärger und Unzufriedenheit auf den Autor, Wirklichkeit und mich, nach einiger Zeit auch Ver- und Bewunderung ob der starken Wirkung dieses doch eigentlich recht empiristisch erscheinenden Büchleins. [...] Hier setzt m. E. die Wirkung des ‚Störfalls’ an, die Wirkung von Wissenschaftskritik im positiven wie negativen Sinne aus künstlerischer Sicht überhaupt. Der Künstler hat, seinem Denkgegenstand zufolge, sein Ohr und Auge stärker an der eigenen und damit der sozialen Sensibilität, an den nichtrationalen, beglückenden oder frustrierenden Reaktionen des Ich oder Wir.“20 Zu verstehen als Bekräftigung der Mittlerfunktion, die dem Schriftsteller innewohnt, um Technik und Phantasie, aber auch persönliche und Gemeinschaftsverantwortung in einen gemeinsamen Dialog zu bringen. Es verwundert nicht, dass im letzten innerhalb der Störfall-Diskussion veröffentlichten Beitrag Karl Rambuschs auch wieder die Wirkungsgeschichte des Buches herangezogen wird. Schließlich reichte allein der in Spectrum geführte Disput aus, um Störfall eine starke Meinungsbildung zu bescheinigen. „Da die Schriftsteller in der DDR eine hohe Achtung und Aufmerksamkeit genießen, ihre Meinungen und Ansichten zu so aktuellen Fragen wie der Nutzung der Kernenergie beachtet werden, und sie auch oftmals meinungsbildend wirken“21

Mit der Maiausgabe 1989 beendet Spectrum offiziell die Kontroverse um das Buch, aber nicht ohne nebenbei seine Liberalität und Offenheit zu betonen: Für ein solches Thema sei „immer [...] Platz in einer solchen Zeitschrift wie Spectrum.“22

Wichtiger erscheint mir jedoch, im abschließenden redaktionellen Kommentar eines Dr. Keusch, der erneute und diesmal seitens Spectrum explizit ausgesprochene Verweis auf die mediale Wirkung des Störfalls. „Wie kaum andere Literatur unseres Landes vermochte dieses Buch, sehr drängend und emotional zeitgemäße Fragen aufzuwerfen, die besonders den Wissenschaftler in unterschiedlichster Weise berühren.“23

3.2.2.3 Die friedliche Nutzung der Kernenergie

Große Einigkeit unter fast allen Fachleuten herrscht dann, wenn es um die Notwendigkeit der Nutzung der Atomreaktoren zur Herstellung von Energie geht. Die Diskussion dreht sich bei diesem Aspekt hauptsächlich um die Frage, ob Kernenergie verzichtbar ist, und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen oder Einschränkungen des Lebensstandards. In dem Maße, wie die Nutzung zu Kriegszwecken mehr und mehr abgelehnt wurde, wuchs die Befürwortung der friedlichen Nutzung dieser erneuerbaren Quelle.

Vorab sei jedoch auf die Stimmen verwiesen, welche zu bedenken geben, dass das psychologische Problem der friedlichen Atomenergie darin besteht, dass sie belastende Assoziationen zur Atombombe weckt. Schon im Einstiegsartikel von Blumentritt heißt es beispielsweise: „Es sollte daran gedacht werden, dass viele auch bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie an die schrecklichen Folgen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erinnert werden.“24

Wie gesagt, man ist sich jedoch einig. Angriffspunkt ist der in einem zynischen Kontext eingebaute Satz Christa Wolfs, wo glaubwürdig gekleidete Herren in einer Fernsehrunde den Zuschauern „nochmals alle Gründe genannt [haben], welche die sogenannte friedliche Nutzung des Atoms als unverzichtbar - dies war ihr Wort - erscheinen ließen“25 Dem Kernphysiker Albert wird auf breitem Raum Gelegenheit gegeben, die Vorzüge der Atomenergie zu preisen und zu belegen. Anhand von vier Argumenten (Mangel an fossilen Brennstoffen; hohe Wirtschaftlichkeit; Umweltfreundlichkeit; geschlossener Kreislauf ohne Nebenprodukte) arbeitet er sich zu der abschließenden Formulierung hin, welche durchaus als paradigmatisch für die Befürworter der Kernenergie steht: „Wir brauchen in der DDR schon in den neunziger Jahren wesentlich mehr Elektroenergie aus sicheren Kernkraftwerken, um den Strukturwandel und die Intensivierung der Volkswirtschaft zu bewältigen.“26 Manfred von Ardenne aus Dresden bekräftigt diese Einschätzung mit dem klaren Bekenntnis, er „stehe auf dem Standpunkt, dass man aus der Kernenergie auf keinen Fall aussteigen darf. [...] wüsste auch für die DDR keine alternativen Energieformen, welche für die vorauszusehende Mangelphase nach Erschöpfung unserer Braunkohlenvorräte bereitstehen würden.“27

Die Liste der Befürworter kann ohne Mühe weitergeführt werden. Für Schmidt, Physiker, eine Selbstverständlichkeit („Selbstverständlich gibt es keine Alternative zur Kernenergie, zur wissenschaftlich-technischen Revolution überhaupt, denn hier wirken notwendige Entwicklungsgesetze technisierter sozialer Systeme.“28 ), für Hübner, ebenfalls Physiker, sogar eine Frage von Sein oder nicht Sein. Er zitiert nämlich, um Authentizität bemüht, zwei russische Journalisten, die ein halbes Jahr vor Ort in Tschernobyl recherchiert haben, mit den Worten „‚Die zukünftige Zivilisation ist ohne die friedliche Nutzung der Kernenergie nicht denkbar.’“29 Karl Rambusch stellt dazu Berechnungen an, wonach die Braunkohle mit 83% als einziger fossiler Energieträger in der DDR angesehen werden kann. „Es ist vorstellbar und nach meiner Meinung auch machbar, dass die Kohlekraftwerke kontinuierlich ab 2000 stillgelegt und durch Kernkraftwerke ersetzt werden, so dass 2040 nur noch Kernkraftwerke für die Stromproduktion arbeiten; [...] Alle Überlegungen und Rechnungen fallen zu Gunsten der Kernenergie aus.30

Wie zufällig sind skeptische Meinungen weit seltener. Seyfarth von der PH Erfurt erwähnt das sog. „Savage-Prinzip“ aus der Entscheidungstheorie, „nach dem man jene Variante nicht wählt, die zwar hohen Nutzen, im unglücklichen Fall jedoch auch extrem hohe Verluste bringt“31. Helmut Eikermann aus Berlin bezweifelt, ebenso wie Seyfarth in einem von Spectrum nicht angeforderten, jedoch abgedruckten Beitrag den geschlossenen Kreislauf des Kernbrennstoffzyklus’, wenn er fast rhetorisch fragt: „Wann und wo wird das sein, und wo bleiben beispielsweise die gasförmigen Strahlungsrückstände dieses angeblich geschlossenen Kreislaufs, die heute schon unsere Atmosphäre zu belasten beginnen?“32 Die Gegenstimmen zur vorherrschenden Meinung werden zusätzlich zu den oben zitierten Argumenten zur Energiewirtschaft mit Hinweisen auf medizinischen Nutzen der Atomstrahlung neutralisiert. Sie beziehen sich auf die willkommene und realitätsnahe Stelle in Christa Wolfs Störfall, wo von den Strahlen, die Kopf des Bruders durchdringen, die Rede ist. „Mühelos durchdringen sie die dichte Abwehr deiner Bewusstlosigkeit, auf der Suche nach dem glühenden, pulsierenden Kern. Auf eine Weise, die sich der Sprache entzieht, stehen sie jetzt deiner schwächer werdenden Kraft bei.“33

3.2.2.4 Der Aspekt der Sicherheit

Oft sind die Angriffspunkte der Wissenschaftler die harten Fakten zur Kernenergie und deren Sicherheit, wenn sie die technische Versiertheit der Buchautorin anzweifeln. Einzig Helmut Abel gesteht Christa Wolf in seinem Beitrag zu, dass sie keinen Anspruch auf fundiertes Fachwissen erhebt. „erhebt keinen Anspruch auf Sachverstand. Was tatsächlich ist, weiß sie nicht. Woher auch?“34

Alle anderen betonen hingegen, vor allem wenn es um Sicherheitsbedenken geht, die in Störfall vorkommenden Anspielungen auf mangelnde Sicherheit der Atommeiler seien sachlich falsch und irreführend. Derselbe Abel ergeht sich in strahlentechnischen Details als Antwort auf den imaginären Brief, den die Erzählerin beim abendlichen fernsehen ungeschrieben vor Augen sieht. „Mir ist ein Brieftext durch den Kopf gegangen, in dem ich - beschwörend, wie denn sonst - irgendjemandem mitteilen sollte, dass das Risiko der Atomtechnik mit fast keinem anderen Risiko vergleichbar sei und dass man bei einem auch nur minimalen Unsicherheitsfaktor auf diese Technik unbedingt verzichten müsse.“35 Dieser nicht verfasste Brief erregt die Gemüter der Fachmänner besonders. Die eine ernsthafte kritische Stimme, die Platz in der Zeitschrift findet, geht fast unter. Ein Dr. Rüdiger aus Potsdam wird mit einem kurzen Beitrag aufgenommen, in dem es heißt: „Reaktorunfälle sind keine Erdbeben, ihre Folgen sind unkalkulierbar, grenzüberschreitend bis hinein in den genetischen Bereich. Dass dies menschliche Phantasie erkannt hat, sollte als Verpflichtung zu ernsthafter Analyse begriffen und nicht zum Angriff auf einen Berufsstand werden.“36

Ganz anders der Tenor in den längeren, ausführlicheren Beiträgen. Gleich eingangs der Störfall-Diskussion räumt Blumentritt zwar ein, dass die Nutzung der Kernenergie eine schwierige Aufgabe sei und die Beurteilung des Restrisikos einer ständigen Überwachung unterzogen werden müsse, nur um dann im gleichen Atemzuge zu betonen, „dass das Risiko der Kerntechnik um Größenordnungen geringer ist als andere technische Risiken.“37 In dieselbe Kerbe schlägt Lohs mit der Aussage, dass „unter der Vielzahl der Gefahren [...] die der Kernenergiegewinnung doch erwiesenermaßen - trotz Tschernobyl - die mit am besten erforschte und daher am sichersten zu handhabende Gefahr“38 ist. Er ist sich weiterhin einig mit Blumentritt, wenn er behauptet, der Unfall sei keineswegs zwingende Folge der mangelnden Sicherheit im Kernenergiebereich, sondern das Resultat menschlichen Versagens.

Der Molekularbiologe Abel ergeht sich in ganzen Passagen seines Beitrags zum Sicherheitsaspekt: „Dem Normalbetrieb einer Kernenergieanlage steht daher kein nicht akzeptierbares Strahlenrisiko entgegen. [...] Die Entwicklung der technischen Sicherheit konzentriert sich darauf, die Eintrittswahrscheinlichkeit für Störfälle zu reduzieren. [...] In Tschernobyl hat jedoch kein einziges technisches Aggregat versagt.“39

Albert, welcher sich mit der Erörterung der Vorzüge der Atomenergie hervorgetan hat, betont die Notwendigkeit, das radioaktive Inventar des Kernspaltungsreaktors effektiv einzuschließen. Er sieht in dem neuen Typ des Druckwasserreaktors die Sicherheit optimal gewährleistet, lässt sie gar gegen 100% tendieren. Das übrig bleibende Restrisiko, welches, wie er zugibt, nie völlig eliminiert werden kann, ist nicht so groß, als dass Tschernobyl damit zu tun haben könnte. In seiner Analyse des Unfalls kommt er zu dem Schluss, wie übrigens Rambusch ein halbes Jahr später ebenfalls, menschliches Versagen sei ausschlaggebend gewesen.

3.2.2.5 Die Verantwortung des Wissenschaftlers

Die Äußerungen zur Verantwortung des Wissenschaftlers gehen von der schlichten Mahnung zur Vorsicht im Umgang mit den Sicherheitsbestimmungen für Reaktoren - „[...] dass von allen, die komplizierte technische Anlagen zu bedienen haben, eine verantwortungsbewusstere Einstellung zur Sicherheit und zur Sorgfaltspflicht gefordert werde muss“40 - bis hin zu grundsätzlichen Überlegungen der Art, ob die Technik in dem vorhandenen Maße der Menschheit gegenüber noch zu verantwortes Beitrages sehr wohl die Vorzüge der Technik lobt. Er zitiert H. Jonas, welcher den Kantsen, gar zu rechtfertigen ist. Diese Meinung findet sich bei Albert, obwohl die Grundaussage seinchen Imperativ so abwandelt, „dass die Auswirkungen unseres Tuns nicht gegen das Überleben der Menschen auf der Erde gerichtet sein dürfen. Hieraus leitet sich die soziale Verantwortung des Wissenschaftlers ab“41

Sehr ausführlich äußert sich der Genetiker Böhme zu dem Aspekt der Verantwortung. Er verweist auf die Macht, die durch das Wissen um und den Umgang mit Hochtechnologien in gewissen Kreisen der Wissenschaft akkumuliert wird. Der Umgang mit dieser erworbenen Macht stellt Ansprüche an die Integrität der Akteure. „Mit dem damit verbundenen gestiegenen und immer mehr steigenden Risiko erhöhen sich individuelle und kollektive Verantwortung.“42 Sein Fazit, dass die Entscheidungsinstanz über die Anwendung wissenschaftlicher Kenntnisse in der Praxis die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, ist eine hohle Hülse ohne Aussagewert und trägt nicht zur Aufklärung des Sachverhaltes bei, zumal er abstrahierend sagt, die Frage der Verantwortung stelle sich ja nicht nur für Kernphysiker, sondern ebenso für alle anderen Wissenschaftler in ihrer täglichen Arbeit.

Einen eigenartiger Aspekt fügt Lohs der Diskussion hinzu, wenn er die Legitimität eines Schriftstellers hinterfragt, welcher sich eines solch fundamental technischen Problems annimmt. „Eigene Beunruhigung literarisch zu überhöhen, wirft für mich die Frage nach der Verantwortung auf. Kann man es verantworten, etwas zu bewerten, was man selbst nur wenig durchschaut?“43 Zugegeben, eine nicht zu Unrecht gestellte Frage, wenn auch der Blickwinkel etwas schräg erscheint.

3.2.3 Stellungnahme der Autorin

Dass Christa Wolf das letzte Wort zur Störfall-Kontroverse in Spectrum bekommt, ist ein erstaunlich fairer Schachzug. Er überrascht. „Auf Bitte der Redaktion meldet sich nun die Autorin zu Wort.“44

Noch mehr erstaunt jedoch die Tatsache, dass die Schriftstellerin es wagt, in einer genuin wissenschaftlichen, stark technisch dominierten Zeitschrift ebendiese Technik in der Form zu kritisieren und zu hinterfragen, in der sie es tut. Angefangen bei der Ausweglosigkeit der Technik, die nur zwei Alternativen kennt, nämlich den Treibhauseffekt durch die weitere Nutzung fossiler Brennstoffe oder das enorme Risiko der Atommeiler, bis hin zu Kritik an der Bevorzugung der Atomforschung. „Ich weiß es nicht, welche Ergebnisse eine Forschung hervorgebracht hätte, die, mit den gleichen Mitteln ausgestattet wie die Kernenergieforschung, sich ernsthaft um die Erschließung alternativer Energien bemüht hätte, [...]“45 Der Schock des sich darüber Bewusstwerdens löste bei der Autorin des Störfalls Ängste aus - keine lähmenden, sondern aktive, in Handlung umsetzbare. In diesem Abschnitt ihrer Stellungnahme erklärt sie gleichzeitig den gewählten Titel ihres Artikels („Mangel an Angst ist lebensgefährlich“), wenn sie ausführt, dass „angesichts der Situation, in der sich die Gattung Mensch heute befindet, [Mangel an Angst] ein schwerer, vielleicht lebensgefährlicher Mangel“46 sei. Eine Angst, die bei Christa Wolf vorhanden ist, und als deren persönliches Produkt das Buch Störfall entstand.

Ganz deutlich macht sie weiterhin, dass ihr der Dialog zwischen den Welten der Schriftsteller und der Wissenschaftler wichtig, wenn nicht gar unverzichtbar ist. Gleich zweimal geht sie darauf ein, nicht ohne in dem Fall beim Leser einen bitteren Nachgeschmack zu hinterlassen. Durch die Semantik ihrer Stellungnahme als Ganzes, aber auch in Einzelaussagen wertet sie nämlich - man gewinnt den Eindruck, dass Gut und Böse hier die Protagonisten sind und eine klare Grenze zwischen beiden gezogen werden kann. „Als Außenstehende scheint es mir, dass sich einem Naturwissenschaftler, der den Januskopf der Wissenschaft wirklich wahrgenommen hat, schwere Gewissensfragen stellen müssen. Die Gewissenfragen von Künstlern sind häufig artikuliert worden.“47 Diese Passage verweigert dem Wissenschaftler auf sublime Art und Weise das Zugeständnis ethischer Grundsätze und wertet den Künstler im Gegenzug moralisch auf. Die gegen Ende hin resignierende Feststellung ihrerseits, dass das Buch als Angebot an die Wissenschaftler zur gemeinsamen Erörterung der Gewissenskonflikte gedacht, jedoch nicht angenommen worden sei, bestätigt die These, dass die Assoziation „Wissenschaftler = böse“ richtig ist.

Christa Wolf muss Achtung gezollt werden, wenn sie über die Versuche seitens Wissenschaft und der Politiker nachdenkt, die Wachsamkeit der Bevölkerung einzuschläfern. Diese Aussage ist im wahrsten Sinne des Wortes gefährlich, erweitert sie doch die Diskussion um den Aspekt Informationspolitik. Die Passivität und Nachlässigkeit, mehr noch, die bewusste Verschleierung des Reaktorunfalls seitens der politischen Ebene anzusprechen, entbehrt nicht eines gewissen Mutes.

Christa Wolf, die sich eingangs ihres Artikels über die Reduzierung ihres Buches (in der geführten Diskussion) auf die Fragestellung „Kernkraft - ja oder nein?“48 mokiert, bricht selber nicht aus dieser eingeschränkten Sichtweise aus. Sie geht ausschließlich auf die Technikdiskussion ein, ohne den literarischen Wert, und sei es nur die gekonnte Verflechtung zweier persönlicher Störfälle eines Tages, zu erwähnen. Kein Wort darüber, dass der Störfall mehr ist als nur die persönliche Aufarbeitung eines Super-GAUs oder Kritik an der technikdominierten Welt. Das Literarische am Buch reduziert sie gar so weit, dass Literatur als willfähriges Mittel zum Zweck erscheint: „Wir haben uns daran gewöhnt, dass bei uns die Literatur in Ermangelung anderer Gelegenheiten häufig als Vehikel für öffentliche Auseinandersetzungen benutzt werden muss.“49

3.3 Briefwechsel zur Spectrum-Kontroverse

Mit der Stellungnahme von Christa Wolf endete die offizielle Kontroverse in Spectrum, nicht aber der Disput um ihr Buch. In Form von privaten Briefen erfährt sie weiterhin sowohl Kritik als auch Ermunterung und Zustimmung. Drei dieser repräsentativ ausgewählten Briefe nimmt Sonja Hilzinger 2001 sogar als Anhang zum Störfall in der Reihe Christa Wolf, Werke auf.50

Darauf Bezug nehmend, sollen die Grundaussagen der Briefe, alle November und Dezember des Jahres 1989 geschrieben, herausgestellt werden, um die öffentliche Diskussion bis zum Ende zu verfolgen und das Bild abzurunden.

Zum ersten Mal überhaupt meldet sich eine Frau zu Wort. Im Juni 1989 verfasst, erreicht der Brief Christa Wolf erst Anfang Dezember. Sehr aufmerksam und sehr detailliert nimmt Heidemarie Dießner aus Markkleeberg (heute Leipzig) dabei die veröffentlichten Beiträge unter die Lupe und kommentiert diese.51 Unter anderem äußert sie sich zur Verantwortung der Wissenschaftler in einer bemerkenswerten Weise. Sie plädiert für eine Subjektivierung der Forschung und meint damit, dass Erkenntnisse nicht mehr nur um ihres objektiven Wertes herbeigeführt werden sollen, sondern in humanistisch ganzheitlicher Sichtweise. „Vielen Wissenschaftlern wurde [...] deutlich, dass ein Zurückziehen in den elfenbeinernen Turm der reinen Forschung nicht mehr möglich ist. Ein Selbstverständnis von Wissenschaft, welches auf der reinen unbefleckten Erkenntnis beharrt, gleicht einem Sleepwalking, welches sich heute mörderisch auswirkt.“52

Die Verfasser der beiden ersten Briefe reihen sich nahtlos in die Reihe der Atomenergiebefürworter aus Spectrum ein. Sie sind sich beide einig, dass zum Wohle der DDR auf die friedliche Nutzung der Atomenergie nicht verzichtet werden kann, da die fossilen und alternativen Ressourcen dies nicht erlaubten. „Die Bemühungen, alternative Energien zu finden, verlaufen seit langem sehr ernsthaft, jedoch sind die physikalischen Möglichkeiten endlich“53 schreibt Hans-Jürgen Lust an Christa Wolf. Im Verlauf seiner Ausführungen streift er die politische Komponente, die im Störfall explizit angesprochen wird54 und in der Stellungnahme der Autorin in Spectrum aufgegriffen werden mit dem Satz „Wie sehen eigentlich die Strukturen innerhalb der Institution ‚Wissenschaft’ aus, die sie, die Wissenschaft, abhängig gemacht haben von Institutionen, die mächtiger sind als sie [...]?“55 Das Risiko, dass wissenschaftlich-technische Forschungsergebnisse zu militärischen Zwecken genutzt würden, sei eben so lange gegeben, wie es keine weltpolitische Lösung gäbe, so Hans-Jürgen Lust. Und letztendlich könnten „Großprojekte - für die Menschen von lebenswichtiger oder lebensbedrohender Bedeutung - [...] nur organisiert geführt werden. Wesentlich bleibt dabei, welche Ziele die Organisation verfolgt.“56 Werner Lange versteigt sich in philosophisch anmutende Ausführungen zur Zwangssituation, in welche die Welt geraten ist und macht Vorschläge, wie die Sicherheit trotz Energiegewinnung durch Atomkraft verbessert werden kann. Manches davon mutet nicht nur abenteuerlich, sondern weltfremd an. Man könne Atomreaktoren an wenig dicht besiedelten Standorten in der gesamten Welt bauen, um die Gefährdung bei Unfällen zu minimieren.57 Das wirkt fast schon belustigend, stellt man dem Christa Wolf gegenüber: „Ein, zwei, drei radioaktive Wolken aus ein, zwei, drei Reaktoren in verschiedenen Teilen der Welt, und die Regierungen würden aus Selbsterhaltungstrieb dazu übergehen müssen, ihre Geheimnisse der anderen Seite geradezu aufzudrängen.“58

3.4 Fazit

Trotz der autoritären Art und Weise, das Buch und seine implizierten Aussagen zur Nutzung der Kernenergie zur Diskussion zu stellen, ist es Spectrum anzurechnen, nicht den Mantel des Schweigens über Christa Wolfs Störfall gebreitet zu haben. Es ist nicht zu weit gegriffen, wenn man behauptet, dass Spectrum mit seiner Reihe Kontroverse zum Störfall einen Präzedenzfall geschaffen hat (oder muss man, angesichts der politischen Entwicklungen in der DDR in den Folgemonaten, „geschaffen hätte“ sagen), welcher die offene Meinungsäußerung in einem repressiven System stark zum Positiven hin beeinflusst hat.

Der aufrüttelnde Appell des Buches ist nicht verhallt, sondern mündete in einer Diskussion, welche diese metaphorisch gestellte Frage eindeutig beantwortet: „Königssohn, was machst du, schläfst du oder wachst du …“59

4 Der literarische Mehrwert des Störfalls

4.1 Eingangsüberlegung

Wie kommt es eigentlich dazu, dass die Naturwissenschaft bei einem literarischen Werk aufmerkt und schließlich eine solche Diskussion entstehen kann? Was qualifiziert den Störfall als Vertreter der Belletristik, von den Naturwissenschaften ernst genommen zu werden? So ernst, dass man darüber öffentlich spricht.

Christa Wolf muss wohl eine Saite angeschlagen haben, welche die vermeintlichen Geraden ohne Berührungspunkt - Literatur und harte Wissenschaften - miteinander verknüpft. Dem soll in Ansätzen nachgegangen werden, unter Berücksichtigung einiger dieser Anknüpfungs- und Berührungspunkte.

4.2 Das Tagebuchartige der Erzählung

Störfall hat keinen Handlungsstrang im herkömmlichen Sinne, weist keinen für die epische Form oft typischen Spannungsbogen auf, sondern stellt sich als ein Konglomerat von Assoziationen, Reflexionen und intertextuellen Bezügen dar, geschrieben in einem essayistischen Stil. Der von Saalmann verwendete englische Terminus nuclear fiction trifft nicht den Punkt, weil er nicht alle Dimensionen des Buches erfasst.60

Die in ihrer Tageschronologie belassenen Nachrichten eines Tages sind, Thema und Untertitel der Erzählung, die nach und nach durchsickernden Nachrichten aus Tschernobyl. Der Text reiht sich ein in einen Zyklus, „der sich als spezifische tagebuchartige Schreibform kategorisieren lässt.“61 Als literarische Vorgänger des Störfalls können dabei die ebenfalls von Wolf geschriebenen Texte Juninachmittag (1967), Dienstag, der 27. September 1960 (1967) und Was bleibt (1979) eingereiht werden. Die Art und Weise der monologartig reflektierten Schilderung eines Tagesablaufs regt vermehrt die Phantasie des Lesers an, seine eigene Tagesroutine und seine eigenen Erlebnisse einzubinden, ja sie sogar wie ein Vexierbild gegenzuhalten und auf Übereinstimmungen hin zu überprüfen. Die Literatur scheint durch dieses Genre stärker das Unterbewusstsein zu durchdringen als in anderen Formen. „Diese besondere Gattung der frei assoziierten Tageswiedergabe vermittelt, ausgehend von eher unspektakulären Alltagserfahrungen, fragmentarisch Beobachtungen und Überlegungen zu Zeitfragen und birgt über ihren skizzenhaften Entwurfcharakter eine kommunikative Rezeptionsstruktur in sich.“62

4.3 Die persönliche Chronik der Katastrophe

Kommunikation kristallisiert sich als tragender Pfeiler der Erzählung heraus. Die Erzählerin, gefangen in ihrer Betroffenheit und ihrer Angst, interagiert auf diversen Ebenen: persönlich mit Nachbarn und Bekannten, telefonisch mit der Tochter, in einem inneren Dialog mit dem Bruder, in einem konstanten inneren Monolog mit sich selbst und - in einer über das Maß des episch Üblichen hinausgehenden - Form mit dem Leser, wie noch auszuführen sei.

Wie ein bedrohlicher Hauch zieht sich die Stimme des Nachrichtensprechers des Radiosenders durch die Erzählung. Er verkündet die neuesten Entwicklungen und Erkenntnisse aus der Katastrophenregion und dringt bis in die Wohnzimmer der Menschen. „DIE NACHRICHT [wird] jede Stunde umgemünzt und zerkleinert“63, eine Implikation der Tatsache, dass das Radio, obwohl mit einem kleinen Handgriff abzuschalten, den ganzen Tag läuft. „Ob ich übrigens auch an mir beobachte, dass irgendetwas in mir geil sei auf diese bösen Nachrichten jede Stunde?“64

Die Wahl des Mittels ist geschickt und psychologisch wirkungsvoll. Radio ist unmittelbar und wirkt prompt, ist persönlicher als ein gedrucktes Medium und doch nicht so bedrohlich wie möglicherweise erschreckende Bilder des Fernsehens. Die Reduktion auf einen einzigen Sinn, das Hören, lässt auf verstärkte Konzentration schließen.

Die ersten Nachrichten empfängt die Ich-Erzählerin morgens unter der Dusche. „Leichtfertig und unbesorgt habe ich das Wasser an mir herunterrinnen lassen.“65 Die Routine dieses alltäglichen Vorgangs wird regelrecht weggeschwemmt durch die Wortwahl zu Beginn des Satzes. Fangen so nicht Grusel- und Horrorgeschichten an? Der Leser, welcher den Autor den ganzen Nachrichten-Tag lang begleiten wird, soll an dieser Stelle schon zum Umdenken erzogen werden. Nichts ist mehr, wie es immer war. Auch nicht das Wasser, welches für die kurze Zeit einer Nachrichtensendung im Radio den Körper säubert.

Später dann, am Abend, kommt das Fernsehen dazu - erste Bilder, um den Ängsten und Unsicherheiten des Tages Form und Kontur zu geben. Die Wolke, welche als Bedrohung allen Lebens erkannt ist, muss sich „irgendwann geteilt haben, oder sie ist auf der einen Bahn hin-, auf der anderen zurückgezogen“66 So geteilt, wie die Meinungen der geladenen Studiogäste.

Das Zusammenspiel Bedrohung und Indifferenz, von Wissen um die Gefahr und Ignorieren derselben verunsichert sowohl Leser als auch Ich- Erzählerin. Der nette Experte im Radio bringt sein Wissen um verstrahlte Lebensmittel an den Hörer, Herr Gutjahr, der Postamtmann, hingegen relativiert kurze Zeit später mit der rhetorischen Frage, ob da „nicht immer auch viel übertrieben werde?“67. Ist es Trotz, Ohnmacht - ohnmächtiger Trotz allemal, wenn die Protagonistin wiederholte Male wider besseren Wissens das Haus verlässt. Sie radelt zur Post, sie arbeitet im Garten, sie radelt am Nachmittag gar bis ins Nachbardorf. Das alles darf als Teil des Verarbeitungsprozesses verstanden werden, welcher sich raumgreifend ausbreitet. Vielleicht weiß der Nachbar, die Tochter, der Postamtmann mehr. Vielleicht Wichtiges. Der Tag mit seinen Ereignissen, aber auch mit allen Gedanken und Reflexionen ist Teil der persönlichen Chronologie eines Unglücks, welches tausende Kilometer weiter seinen unaufhaltsamen Lauf genommen hat.

Die Einengung der Lebensgrundlagen, ja der gesamten Lebenswelt geht einher mit den stündlichen Nachrichten aus den Medien. Nach und nach sickern die belastenden Details durch. Was man nicht mehr tun sollte, was man nicht mehr essen, trinken sollte. Die Verknüpfung jenes fernen Unglücks mit dem persönlichen Alltag ist ein effektives Mittel, den Leser zur Reflexion zu drängen und sich mit dem Erzählten auseinander zu setzen.

Die zwei Störfälle, die den Tag der Erzählerin prägen, sind, so klar sie thematisch von einander getrennt sind, schreibtechnisch aufs Äußerste miteinander verwoben. In mal mehr, mal weniger nachvollziehbaren Gedankensprüngen wechselt der Fokus von einem zum anderen, mal ist der Ich-Erzähler bei dem nun zerstörten Atomreaktor in der Nähe von Kiew (assoziiert über eine Liebesgeschichte68 ), dann fast übergangslos beim „Bruder, dem die sichere Hand deines Chirurgen das Augenlicht erhalten möge“69, um nur eines der zahllosen Beispiele zu nennen. Diese auffällige Schizophrenie in Bezug auf die Atomstrahlung (sie heilt den Bruder und vergiftet, verstrahlt, ja vernichtet den Lebensraum) im Gedanken- und Reflexionskonstrukt der Erzählerin beeinflusst den Leser ungemein. Sie ist es auch, welche der Diskussion um die Atomkraft die nötige Brisanz liefert.70

4.4 Die literarische Zitierebene

Das Geflecht aus Gedanken und das wiederholte Heranziehen literarischer Werke (Gedichte, Märchen, Dramen, Romane) kann einerseits als Resignation verstanden werden, in Anbetracht der Tatsache, dass eigene Worte nicht mehr ausreichen, um das zu beschreiben, was passiert. „[…] dagegen weiß ich kein Mittel außer Schweigen, was das Übel von außen nach innen verlegt […]“71 Sie betont gleichzeitig den Aspekt, dass die Sprache von einst nicht mehr adäquat ist, da altbekannte Worte urplötzlich eine andere Bedeutung gewinnen Wie assoziative Belege greift sie auf Gedichtzeilen aus Goethe, Schubert, aber auch auf einfache Volksieder zurück.72 Andererseits aber ist die Intertextualität des Störfalls als dialogisches Verhalten zu verstehen, welches der Ich-Erzählerin hilft, die eigene Situation zu verstehen.

Weiterhin gibt Christa Wolf mit der Ebene der Zitate mögliche Überlegungsansätze und verlagert den Schwerpunkt des Buches weg vom rein Rationalen der beiden Störfälle Operation des Bruders und Reaktorunglück.

Das Grimmsche Märchen von Brüderchen und Schwesterchen wird unter anderem als Parallele zur Alternativlosigkeit der lebensnotwendigen Energieerzeugung im Zeitalter der Hochtechnologie zitiert.73 Dem Brüderchen im Märchen wurde zum Verhängnis, „dass man entweder verdursten oder sich in ein wildes Tier verwandeln sollte“74.

Bezug nehmend auf den polnischen Schriftsteller Joseph Conrad und sein Werk Heart of Darkness, assoziiert Christa Wolf das Herz der Finsternis - aber auch den blinden Fleck - primär mit der forschenden Wissenschaft. Durch das Agieren lassen destruktiver Kräfte jedoch lädt jeder Einzelne Schuld auf sich und offenbart seinen blinden Fleck - im Zeitalter des Imperialismus genauso wie in der hochtechnisierten Welt. Auf die Frage, ob man versuchen solle, in den eigenen blinden Fleck einzudringen, antwortet die Erzählerin, die von Beruf Schriftstellerin ist, mittels der Tochter: „In deinem Beruf? […] Unbedingt.“75

Sie bezieht aus der Lektüre von Conrad Kraft und Mut, weil sie fühlt, dass sie in ihrer Ausweglosigkeit und Resignation nicht allein ist. „Conrad, it seems, is another ‚Brother Heart’ within Wolf’s narrative, seen with a critical eye, but with whom an illuminating dialogue is possible in dark times.”76

4.5 Die Umdeutung semantischer Bedeutungen

Nicht zu verwechseln mit der stark bildhaften Sprache, welche in Störfall von Christa Wolf favorisiert wird, ist die plötzliche Unberechenbarkeit der Semantik. Sie spricht vom „Doppelgesicht der Sprache“77.

Die Schönheit einer weißen Wolke, zur wärmsten Mittagszeit am Himmel entdeckt, die der Erzählerin auch gleich ein Gedicht von Bertolt Brecht in den Sinn kommen lässt78, ist für immer verschwunden. Die Wolke trägt ein Gift in sich, welches mit dem unschuldigen, reinen Weiß nicht vereinbar ist. „Nun aber durfte man gespannt sein, […] welcher Dichter es als erster wieder wagen würde, eine weiße Wolke zu besingen.“79

In einem Bächlein helle von Schubert singt sich nur noch mühsam, denkt man an die Kontaminierung des Wassers und der darin lebenden Fische80, genauso wie das Goethesche Mailied auf einmal fremd und ungewohnt klingt. „Wie herrlich leuchtet mir die Natur.“81 Sofort nämlich wird leuchtet mit strahlt gleichgesetzt - aber strahlt ist durch die radioaktive Strahlung semantisch negativ konnotiert.

Genauso wie der „strahlende Azur“82 eines Brecht bedrohlich, aber nicht mehr himmlisch wirkt.

Was mit der beliebig fortsetzbaren Liste der literarischen Zitate aus mehr oder weniger bekannten Werken anhand der gezielt ausgesuchten Beispiele klar werden sollte, ist die enorme Wirkung der Nachrichten eines Tages, die die Grundfeste der Sprache erschüttern. Das zutiefst Eigene, die Worte und Sätze, die man wählt, bedeuten nicht mehr das Übliche, sie haben eine neue Dimension. Diese erschreckende Tatsache ist vielleicht, mit mehr Abstand betrachtet, als das kurz nach der Katastrophe möglich ist, der größte Unfall, der geschehen konnte. Manfred Durzak deutet das folgendermaßen: „[…] sie erfährt auch an sich selbst, dass liebgewordene sprachliche Erinnerungen der poetischen Tradition angesichts des Ereignisses der Kernschmelze irreal geworden sind.“83

„Vielleicht ist es nicht die dringlichste Frage, was wir mit den Bibliotheken voller Naturgedichte machen.“84 Man liest das nur noch mit einem bitteren, zynischen Lächeln.

5 Literaturverzeichnis

Wolf, Christa: Störfall. Nachrichten eines Tages. Darmstadt und Neuwied: Sammlung Luchterhand 1987

Spectrum. Monatszeitschrift. Berlin: Akademie der Wissenschaften der DDR 1969 - 1991

Durzak, Manfred: Apokalyptische Szenarien in der Deutschen Gegenwartsliteratur. Am Beispiel von Günter Grass’ Die Rättin und Christa Wolfs Störfall. In: Literarisches Krisenbewusstsein. Ein Perzeptions- und Produktionsmuster im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von K. Bullivant und B. Spies. München: Iudicium 2001. S. 184-194

Friedrichs, Hanns Joachim (Hrsg.): Weltgeschichte - Eine Chronik. Köln: Naturalis 1994

Hausmann, Reinhild: Die Literaturrezeption in Christa Wolfs Erzählung „Störfall“. In: Zeitschrift für Germanistik. 2, 1992. S. 284-299

Hilzinger, Sonja (Hrsg.): Christa Wolf, Werke. Bd. 9: Störfall. Nachrichten eines Tages. - Verblendung. Disput über einen Störfall. Kommentiert und mit einem Nachwort versehen. München: Luchterhand 2001

Krywalski, Diether (Hrsg.): Knaurs Lexikon der Weltliteratur. Autoren Werke Sachbegriffe (1979). München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. 1986

Saalmann, Dieter: Christa Wolf’s Störfall and Joseph Conrad’s Heart of Darkness: The Curse of the Blind Spot. In: Neophilologus 76, 1992. S. 19-28

West, Russell: Christa Wolf Reads Joseph Conrad: Störfall and Heart of Darkness. In: German Life and Letters 50, 1997. S. 254-265

[...]


1 Wolf, Christa: Störfall, im folgenden zitiert als Störfall

2 Spectrum, Jahrgänge 1987 bis 1989

3 Krywalski: Weltliteratur, S. 824

4 Spectrum 6, 1987, S. 17

5 Spectrum 9, 1987, S. 6

6 Spectrum 4, 1988, S. 7

7 Ebd.

8 Friedrichs: Weltgeschichte, S. 462

9 Spectrum 4, 1988, S. 7

10 von Ausgabe 4, 1988 bis Ausgabe 10, 1989

11 Spectrum 4, 1988, S. 8

12 Ebd.

13 Spectrum 4, 1988, S. 9

14 Spectrum 4, 1988, S. 8

15 Ebd.

16 Spectrum 5, 1988, S. 26

17 Spectrum 5, 1988, S. 27

18 Spectrum 10, 1988, S. 11

19 Spectrum 3, 1989, S. 28

20 Ebd.

21 Spectrum 5, 1989, S. 32

22 Spectrum 5, 1989, S. 31

23 Spectrum 5, 1989, S. 31

24 Spectrum 4, 1988, S. 7

25 Störfall, S. 111

26 Spectrum 10, 1988, S. 11

27 Spectrum 3, 1989, S. 29

28 Spectrum 3, 1989, S. 29

29 Spectrum 5, 1989, S. 30

30 Spectrum 5, 1989, S. 32

31 Spectrum 3, 1989, S. 29

32 Ebd.

33 Störfall, S. 10

34 Spectrum 5, 1989, S. 27

35 Störfall, S. 113

36 Spectrum 5, 1989, S. 30

37 Spectrum 4, 1988, S. 7

38 Spectrum 4, 1988, S. 8

39 Spectrum 5, 1988, S. 27

40 Spectrum 4, 1988, S. 7

41 Spectrum 10, 1988, S. 11

42 Spectrum 5, 1988, S. 26

43 Spectrum 4, 1988, S. 8

44 Spectrum 10, 1989, S. 21

45 Ebd.

46 Spectrum 10, 1989, S 21

47 Ebd.

48 Ebd.

49 Spectrum 10, 1989, S. 21

50 Cf. Hilzinger: Christa Wolf, S. 166 - 189

51 Cf. Hilzinger: Christa Wolf, S. 177ff.

52 Hilzinger: Christa Wolf, S. 184

53 Hilzinger: Christa Wolf, S. 168

54 Cf. Störfall, S. 114

55 Spectrum 10, 1989, S. 21

56 Hilzinger: Christa Wolf, S. 169

57 Cf. Hilzinger: Christa Wolf, S. 173-174

58 Störfall, S. 114

59 Störfall, S. 118

60 Cf. Saalmann: Blind Spot, S. 19

61 Hausmann: Literaturrezeption, S. 284

62 Hausmann: Literaturrezeption, S. 284

63 Störfall, S. 11

64 Störfall, S. 62

65 Störfall, S. 11

66 Störfall, S. 111

67 Störfall, S. 19

68 Cf. Störfall, S. 33

69 Störfall, S. 34

70 Cf. Gliederungspunkt 3.2.2.3

71 Störfall, S. 109

72 Cf. Gliederungspunkt 4.5

73 Cf. Gliederungspunkt 3.2.3

74 Störfall, S. 81

75 Störfall, S. 103

76 West: Joseph Conrad, S. 265

77 Störfall, S. 91

78 Cf. Störfall, S. 61

79 Störfall, S. 62

80 Cf. Störfall, S. 11

81 Störfall, S. 44

82 Störfall, S. 15

83 Durzak: Gegenwartsliteratur, S. 193

84 Störfall, S. 44

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Der Disput um Christa Wolfs Störfall in der Zeitschrift Spectrum
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Hauptseminar
Autor
Jahr
2002
Seiten
27
Katalognummer
V107412
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Disput, Christa, Wolfs, Störfall, Zeitschrift, Spectrum, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Roland Zillmann (Autor), 2002, Der Disput um Christa Wolfs Störfall in der Zeitschrift Spectrum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107412

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