Deutsche Besatzungsherrschaft und wirtschaftliche Ausbeutung am Beispiel Polens


Seminararbeit, 2002
14 Seiten, Note: 1,8

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Inhalt

1. Einleitung

2. Vorstellung und zeitliche Einordnung der Quelle

3. Annektierte Gebiete
3.1. Ökonomische Vorbedingungen und NS-Planungen
3.2. Nationalsozialistische Wirtschaftspolitik in Ostoberschlesien
3.3. Ländliche Gebiete

4. Das Generalgouvernement Polen
4.1. Ökonomische Vorbedingungen und NS-Pläne
4.2. NS-Okkupation und Volkswirtschaft
4.3 Rohstoffe, Immobilien, Betriebe
4.4. Industrie
4.5. Landwirtschaft
4.6. Schwarzmarkt

5. Fazit

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll, ausgehend von einem Schreiben Hermann Görings an den designierten Generalgouverneur Frank, die Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches in Polen auf ihre Planung, Durchführung ihre Folgen auf die Lebensbedingungen der örtlichen Bevölkerung und bei ihrer Durchführung auftretende Hindernisse untersucht werden.

Die Arbeit ist wie folgt gegliedert: Nach einer Zusammenfassung und zeitlichen Einordnung der Quelle werden zunächst die zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls aktuellen ökonomischen Bedingungen Polens und auf diese bezogene Planungen während der deutschen Kriegsvorbereitung dargestellt. Kapitel drei fasst die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik in den annektierten Gebieten zusammen, wobei beispielhaft für den industriellen Sektor das Ostoberschlesische Industriebegebiet betrachtet wird. Die Ausbeutung des Generalgouvernements Polen wird in Kapitel vier dargestellt. Dessen Unterkapitel behandeln die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen, finanzpolitische Maßnahmen, die Rohstoffausbeutung und die Industrie. Anhand des Schwarzmarktes werden beispielhaft die verheerenden Konsequenzen der NS-Wirtschaftspolitik für die Bevölkerung des Generalgouvernements Polen dargestellt. Lediglich gestreift wird der Komplex der außerhalb von Konzentrationslagern verrichteten Zwangsarbeit. Diejenige innerhalb der Lager bleibt komplett ausgeklammert. Ebenfalls nicht eingegangen wird auf die politischen Entscheidungsprozesse, die den dargestellten wirtschaftlichen Maßnahmen auf unterschiedlichsten Verwaltungsebenen vorausgingen.

2. Vorstellung und zeitliche Einordnung der Quelle

Als Quelle für die Planungen zur Ausbeutung Polens stütze ich mich maßgeblich auf ein Schreiben Hermann Görings an Reichsminister Hans Frank vom 19. Oktober 1939, das konkrete Vorgaben zum zukünftigen Status der besetzten polnischen Gebiete und zur Wirtschaftspolitik enthält1. Das Schreiben ist offensichtlich dienstlicher Art und nicht für die Veröffentlichung bestimmt. Als das Dokument verfasst wurde, hatten die letzten Truppenteile der polnischen Armee bereits kapituliert. Die Reichsmark war in Ostoberschlesien bereits als offizielles Zahlungsmittel eingeführt, während die vollständige Annexion der westpolnischen Gebiete noch ausstand.

Göring beginnt das Schreiben mit der Feststellung, die Wirtschaftspolitik der Verwaltungsbezirke werde sich im Generalgouvernement deutlich von derjenigen in den Gebieten unterscheiden, die dem “Deutschen Reich politisch angegliedert” 2 würden. Göring stellt die Annexion bereits als feststehende Planung dar, während das Generalgouverment lediglich “voraussichtlich nicht” eingegliedert werden soll. Er sieht für die zu annektierenden Gebiete die “möglichst rasche (...) Eingliederung in die gesamtdeutsche Wirtschaft” vor, wobei er auch die Tätigung von Investitionen ins Auge fasst. Dagegen weist er für das Generalgouvernement die Überführung sämtlicher Produktionsstätten nach Deutschland und den Abtransport aller “für die deutsche Kriegswirtschaft brauchbaren Rohstoffe, Altstoffe, Maschinen usw.” an. Im Land verbleiben solle nur, was “für die notdürftige Aufrechterhaltung des nackten Lebens” der örtlichen Bevölkerung notwenig sei.

Den Großteil des Schreibens widmet Göring der Beschreibung von Struktur und Zuständigkeiten der Haupttreuhandstelle Ost (HTO). Er schreibt, er habe diese Stelle eingerichtet, um das “aus polnischer Hand für das Reich zu übernehmende Eigentum” einheitlich zu betreuen und zu verwalten, sieht diese Stelle also ausdrücklich als einzige Institution ihrer Art in Polen vor, die zudem allein ihm unterstellt sein solle. Zu ihren Aufgaben rechnet Göring neben der Beschlagnahmung und Verwaltung von Vermögenswerten auch. die “Regelung des Geld- und Kreditwesens” und die Auseinandersetzung mit “fremdstaatlichen Gläubigern”. Er stellt klar, dass er der HTO auch rückwirkend die alleinige Befugnis zur Beschlagnahmung von Vermögenswerten zuweist und nicht autorisierte Beschlagnahmungen anderer Stellen straf- und kriegsrechtlich verfolgen lassen wird.

3. Annektierte Gebiete

3.1. Ökonomische Vorbedingungen und NS-Planungen

Görings wirtschaftspolitische Differenzierung zwischen den ost- bzw. westpolnischen Gebieten kam keineswegs zufällig zustande, sondern war an den ökonomischen Gegebenheiten der verschiedenen Landesteile orientiert: Vier Fünftel der polnischen Industrie waren 1939 im Westen angesiedelt, der dem Osten auch in landwirtschaftlicher Hinsicht weit überlegen war3. In Ostoberschlesien lagen bedeutende Steinkohlevorkommen, die das Herzstück der dort konzentrierten Schwerindustrie bildeten. Die Fabriken waren, obwohl in der Vorkriegszeit größtenteils nicht modernisiert, von großer rüstungswirtschaftlicher Bedeutung, was die IG Farben ab 1934 und der Stahlwerksverband ab 1937 zum Anlass nahmen, die polnische Wirtschaftslage systematisch zu erfassen. Auch im Reichskriegsministerium wurde die polnische Wirtschaft interessiert beobachtet4.

3. 2. Nationalsozialistische Wirtschaftspolitik in Ostoberschlesien

Das ostoberschlesische Industrierevier um Kattowitz, bedeutsam in der Kohleförderung, Stahl- Roheisen- und Zinkerzproduktion, wurde, wie einige andere Zipfel des polnischen Westens, keinem der neu gegründeten Reichsgaue, sondern Schlesien zugeschlagen.5 Da Militär und Wirtschaft schnellstmöglich mit der Rüstungsproduktion beginnen wollten, hatte die Luftwaffe in der Kriegsphase genaue Anweisungen darüber erhalten, welche industriell bedeutenden Ziele sie nicht zu bombardieren habe .6 Die Anlagen konnten so schnell in die Kriegswirtschaft eingebunden werden. Hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse stellte die Region einen Sonderfall dar, da sie teilweise vor 1918 zu Deutschland gehört hatte und noch am Vorabend des Zweiten Weltkrieges 55,3% der Schwerindustrie in deutschem Besitz waren .7 Die ebenfalls große Anzahl stimmberechtigter ausländischer Teilhaber wirkte sich jedoch als modernisierungshemmender Faktor aus, da deutsche Unternehmer die Auseinandersetzung mit diesen Anteilseignern scheuten und, solange dies möglich war, lieber auf modernere deutsche und französische Fabriken zurückgriffen.8 Erst mit Einsetzen der alliierten Bombardierungen in Deutschland wurden die oberschlesischen Fabriken über Nacht wieder interessant. Es bestand jedoch erheblicher Kapitalmangel, der dringend notwendige Modernisierungen verhinderte. Zudem war man auf qualifiziertes Personal angewiesen, das nur in unzureichendem Maße zur Verfügung stand. Um den beträchtlichen Fachkräftemangel abzumildern, wurde die NS- Nationalitäten- und Rasseideologie in den kriegswichtigen Betrieben relativ lax ausgelegt.9

Im Gegensatz zur Industrie wurde in die Rohstoffföderung massiv investiert: Insbesondere auf die maximale Ausbeutung eines der bedeutendsten Kohlereviere Europas war die deutsche Wirtschaft so dringend angewiesen, dass der Anteil Oberschlesiens an der Gesamtförderung im Reich bis gegen Ende des Krieges auf 65% gesteigert wurde.10

3.3. Ländliche Gebiete

In den ländlichen Gegenden der annektierten Gebiete betrieben die Okkupanten zunächst eine Politik der Förderung und Intensivierung der Produktion bei gleichzeitiger Entrechtung der Bevölkerung. Die polnischen Bauern wurden enteignet, ihr Land der eigens gegründeten Ostdeutschen Landbewirtschaftungs GmbH (Ostland) unterstellt. Zunächst plante man, die Bauern ins GG umzusiedeln und ihre Höfe “einzudeutschen”, gab diese Idee jedoch, als der Überfall auf die UdSSR ins Blickfeld rückte, auf, weil das GG seinen Status als strategisch bedeutungsloses Hinterland verlor und keine Züge mehr für Umsiedlungen zur Verfügung gestellt wurden. Statt dessen wurden die Bauern in Landarbeiterlagern untergebracht und auf ihren eigenen Höfen zur Arbeit gezwungen. Parallel dazu wurden Bodenverbesserungs-, Straßenbau- und Renovierungsvorhaben vorangetrieben, Maschinen gekauft und die Düngung intensiviert.11 Görings Weisung, wonach in den annektierten Gebieten die “Erhaltung ihrer Vorräte und die möglichst rasche und vollständige Eingliederung in die gesamtdeutsche Wirtschaft zu betreiben”12 sei, wurde konsequent befolgt.

4.0 Das Generalgouvernement (GG)

4.1. Ökonomische Vorbedingungen und NS-Pläne

Das Gebiet des späteren Generalgouvernements war in der Vorkriegszeit industriell nur schwach entwickelt und auch im primären Sektor Zuschussgebiet der westlichen Landesteile. Diese geringe ökonomische Bedeutung erlaubte der Besatzungsmacht die Planung einer sogenannten “Trümmerhaufenpolitik”, die vorsah, aus dem GG einen vollständig entindustrialisierten “Konzentrationsraum für ein Helotenvolk von unfreien Wanderarbeitern”13 zu machen, das sich maßgeblich aus der vertriebenen Bevölkerung der annektierten Gebiete zusammensetzen sollte.14 Diese auch Kehrichthaufenpolitik genannte Linie war jedoch mit der Planung eines Überfalls auf die UdSSR ab etwa August 1940, die das GG plötzlich von der Peripherie ins Zentrum des militärischen Interesses rückte, Makulatur.

4.2. NS-Okkupation und Volkswirtschaft

Wie schon aus der verwendeten Quelle hervorgeht, plante das NS-Regime nicht, das GG zu annektieren. Völkerrechtlich war Ostpolen während der deutschen Besatzungszeit nicht existent; der Status dieses Gebietes kam am ehesten dem einer Kolonie gleich, wich jedoch, wo es den Besatzern nützlich war, von diesem ab. So wurde der Zloty als Zahlungsmittel beibehalten, eine Zollgrenze zwischen GG und annektierten Gebieten eingeführt und eine polnische Emissionsbank gegründet, die Aufgaben einer (Marionetten-)Nationalbank wahrnahm. Diese Maßnahmen ermöglichten den deutschen Besatzern die Anwendung einer ganzen Palette finanzpolitischer Manipulationstechniken, die allesamt den Effekt hatten, die polnische Wirtschaft zugunsten der deutschen zu ruinieren. So zwang man die Emissionsbank, die in den annektierten Gebieten ungültig gewordenen Zloty- scheine gegen deutsche Schuldverschreibungen in Zahlung zu nehmen und verlangte kurz darauf einen “Wehrbeitrag” Polens über 290 Milliarden RM. Ein parallel befohlener Lohn- und Preisstopp hatte eine “Preis- und Währungskrise unvorstellbaren Ausmaßes” zur Folge. Der durch die Stilllegung der Industrie verursachte Warenmangel verschärfte sich durch Hamsterkäufe und Plünderungen und bewirkte einen inflationären Preisanstieg.15

4.3. Rohstoffe, Immobilien, Betriebe

Görings Weisung, wonach rücksichtsloser Raubbau an den Ressourcen des GG zu betreiben sei, wurde in der ersten Phase nach Ende konkreter Kriegshandlungen mit bemerkenswerter Schnelligkeit und Brutalität befolgt. Der vom OKW eingesetzte “Beauftragte für die Rohstofferfasssung”, Generalmajor Robert Bührmann, leitete die etwa von September 1939 bis 1940 andauernde systematische Plünderung aller in irgendeiner Weise relevanten Rohstoffe und Industrieprodukte der Region. Die von Bührmanns Kolonnen geraubten Güter umfassten ein geschätztes Volumen von 25.000 Eisenbahnwaggons; die Besatzer nahmen von Asbest über Edelmetalle, Roheisen und Schrott bis Zellulose mit, was nicht niet- und nagelfest war.16

Die Beschlagnahmung und Verwertung unbeweglicher Güter übernahm im GG auf Weisung Franks die Treuhandverwertungs GmbH. Frank hatte, wohl “schon aus Ressortinteresse”17, gegenüber Göring durchgesetzt, dass sie im Gegensatz zu dessen Vorstellungen von der HTO unabhängig war. Abgesehen von dieser Abweichung entsprach die Aufgabenstellung der GmbH der in Görings Papier für die HTO dargelegten: Die Treuhandverwertungs GmbH konfiszierte bis 1942 1.959 Industriebetriebe, 1.036 Handwerksbetriebe und Handelseinrichtungen, 48.185 Immobilien und 2.600 Landgüter. Im Gegensatz zur HTO verkaufte oder verschenkte sie allerdings die wenigsten der beschlagnahmten Güter, sondern verwaltete sie selbst.18

4.4. Industrie

Mit dem mittelpolnischen Industriegebiet um Radom enthielt das Generalgouvernement einen wichtigen Standort der Munitionsfertigung. Sowohl das Wehrwirtschaftsamt des OKW als auch die Rüstungsinspektion Ost drangen seit Beginn der Besatzung auf eine Fortführung der dortigen Produktion im Wehrmachtsauftrag. Damit standen sie im deutlichen Widerspruch zur Strategie der totalen Entindustrialisierung des GG, wie sie Göring skizziert hatte. Im November 1939 gelang es den Militärs jedoch, Frank von der Unverzichtbarkeit dieser Munitionsquellen für die deutsche Kriegsführung zu überzeugen. Da Hitler jedoch vehement gegen eine solche Abweichung von der Linie war, ging die Umkehr nur langsam vonstatten; Plünderungen und Demontagen in den Betrieben dauerten noch bis zum Frühjahr 1940 an. Nach Aufnahme der Produktion wurde die Kapazität der Fabriken durch Rationalisierungen und Stillegungen kleinerer zugunsten größerer Betriebe schrittweise gesteigert. Sie erreichte erst im Frühsommer 1944 ihren höchsten Stand.19

4.5. Landwirtschaft

In der Landwirtschaft wirkte sich die Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus besonders verheerend auf die Lebensbedingungen der Bevölkerung aus. Reichsminister Frank bezeichnete die Ernährungssituation einmal als “absoluten Aushungerungsstatus”20. Die schon in Friedenszeiten schwierige Versorgungslage des Gebietes sollte nach Vorstellung der NS-Strategen ab 1941 nicht nur die Ernährung der örtlichen Bevölkerung, sondern zusätzlich diejenige der Wehrmachts-, SS- und Polizeiangehörigen und Lieferungen nach Deutschland hergeben. Dieses Ziel blieb trotz zunächst eingeleiteter Meliorations- und Modernisierungsmaßnahmen unerreichbar. Im Gegensatz zu den annektierten Gebieten wurden die Bauern nicht enteignet, man verpflichtete sie jedoch zu horrenden Lieferkontingenten an die Besatzer. Mit diesen Lieferungen stellten die Okkupanten die eigene Ernährung sicher, ohne dabei die geringste Rücksicht auf Umfang und Qualität der Ernten zu nehmen. Diese Politik hatte zur Folge, dass der Distrikt Krakau 1942/43 35% seiner Ernte abgeben musste, während Warschau 60% verlor.21 Diese für die Bevölkerung lebensbedrohlich hohen Quoten wurden mit brutaler Gewalt und unter Androhung empfindlicher Strafen, die bis zur Todesstrafe reichten, eingetrieben.22 Trotz aller Repressalien gingen die tatsächlich abgelieferten Lebensmittelmengen ab 43/44 zurück. Dies lag vorwiegend an fehlenden Maschinen und der kurzsichtigen Raubmentalität, die die Abpressungen der Vorjahre bestimmt und u.a. den Bestand an Muttertieren dramatisch dezimiert hatte.

4.6. Schwarzmarkt

Die im vorigen Kapitel dargestellte Ernährungspolitik der Besatzungsinstitutionen ließ einen Großteil der Bevölkerung ohne jede Versorgung mit Lebensmitteln zurück. Lediglich 20-30 % hatten Zugang zu Lebensmittelkarten, während der freie Handel mit Lebensmitteln unter Ausnahme von Obst und Gemüse untersagt war. Selbst diejenigen Polen, die Zugang zur rationierten Ernährungswirtschaft hatten, also vorwiegend Arbeiter in Rüstungsbetrieben, waren bei einer offiziellen Ration von nur 400-600 Kilokalorien am Tag vom Hungertod bedroht. Hinzu kam, dass rationierte Lebensmittel fast nie zu den offiziellen Preisen erhältlich waren. So entwickelte sich der Schwarzmarkt zur Lebensgrundlage weiter Teile der Bevölkerung. Wer es irgendwie einrichten konnte, beteiligte sich aktiv oder passiv an dieser Schattenwirtschaft. Dies galt auch für Rüstungsarbeiter, die im Durchschnitt vier Tage der Woche in der Fabrik arbeiteten und die verbleibenden drei mit Schwarzmarkthandel verbrachten. In Warschau hatte diese schiere Notwendigkeit zur Folge, dass “ständig ca. 30% der Belegschaften nicht am Arbeitsplatz”23 erschienen. Der Schwarzmarkt war somit die faktische Lebensgrundlage weiter Teile der Bevölkerung. Seine besondere Bedeutung unterstreicht auch der Umstand, dass in der Spätphasse der Besatzung sogar Okkupationsbehörden auf den illegalen Handel zurückgreifen mussten, um ihren Betrieb aufrechterhalten zu können.24

5. Fazit

Wie ich zu zeigen versucht habe, wurden die in Görings Brief an Frank skizzierten Vorhaben zur Wirtschaftspolitik in Polen sowohl im Generalgouvernement als auch in den annektierten Gebieten größtenteils umgesetzt.

Die Tatsache, dass viele Weisungen wörtlich Görings mit der späteren Umsetzung übereinstimmen, verwundert angesichts der recht allgemein gehaltenen Formulierungen und der zeitlichen Nähe zur Umsetzung nicht weiter. Dagegen fällt auf, dass, etwa im Falle der mittelpolnischen Munitionsfabriken, von der vorgegebenen Linie abgewichen wurde, wenn es die wirtschaftliche Situation gebot. Es bestand offensichtlich Entscheidungsspielraum in beide Richtungen. Während sich die Besatzungsverwaltungen im Falle der Lebensmittelverteilung im GG keineswegs um das von Göring erwähnte nackte Leben der örtlichen Bevölkerung kümmerten, war in Ostoberschlesien eine laxe Auslegung der Ideologie möglich, die den Facharbeitermangel einzudämmen half. Die von Frank durchgesetzte Treuhandverwertungs GmbH bietet einen Beleg für die Begrenztheit der Macht Görings, dessen Anweisungen zumindest in diesem Punkt anzweifelbar gewesen zu sein erscheinen.

Insgesamt hätten die Besatzungsverwaltungen, bei besserer Organisation und rationellerer Ausnutzung der Ressourcen, vermutlich noch mehr aus dem Land herausholen können. Bereits der Grad der erreichten Effizienz lag, aus der Perspektive der Besetzten, jedoch weit jenseits des erträglichen Maßes.25

Dass die Besatzer nicht das Höchstmaß möglicher Effizienz erreichten, hängt wohl nicht unwesentlich mit der rassistisch motivierten Zerstörungswut der Okkupanten zusammen, der auch dringend benötigte Arbeitskräfte zum Opfer fielen.26

Die herausragende Bedeutung der antislawischen und antisemitischen Ideologie der Besatzer für ihr Vorgehen in Polen sticht spätestens bei einem Vergleich mit der Besatzungspraxis in Westeuropa ins Auge. Schon die Duldung eines Satellitenstaates wie Vichy-Frankreich wäre den Nationalsozialisten in Polen gar nicht erst in den Sinn gekommen; war man doch im Osten generell nicht auf politische Kollaboration aus.27 Die Nationalsozialisten kamen ebenfalls nicht auf den Gedanken, die besetzten französischen Gebiete durch Zwangsumsiedlungen der französischen Bevölkerung “einzudeutschen” oder die gesamte Industrie zu demontieren. Auch die Lebensmittelrationen französischer Arbeiter waren deutlich höher als die ihrer polnischen Kollegen. Insgesamt komme ich zu dem Schluss, dass Ideologie und Ökonomie zwei nahezu gleichwertige Interessen der Besatzer bildeten, die kaum voneinander trennbar scheinen, ja in einer komplexen Wechselwirkung zu einander standen.

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

Schreiben H. Görings an H. Frank vom 19. Oktober 1939, in: Europa unterm Hakenkreuz, die faschistische Okkupationspolitik in Polen (1939-1945), W. Schumann, L. Nestler (Hg.), Berlin 1989, Dokument 24, S. 132 f.

Bekanntmachung über neun Todesurteile des Sondergerichts Lublin vom 17. und 21. November 1941 gegen polnische Landwirte, in: Europa unterm Hakenkreuz, Die faschistische Okkupationspolitik in Polen (1939-1945), W. Schumann, L.Nestler (Hg.), Berlin 1989, Faks. 6

Niederschrift vom 20. Oktober 1939 über die Instruktion Hitlers für W. Keitel am 17. Oktober zu den Okkupationszielen im Generalgouvernement, Europa unterm Hakenkreuz, Dok. 25, S. 133f.

Literatur:

Eichholtz, Dietrich: Ausbeutung im “Großwirtschaftsraum”. Institutionen und Praxis der deutschen Wirtschaftspolitik im besetzten Europa, in: Werner Röhr/ Brigitte Behrlekamp (Hg.), “Neuordnung Europas”, Berlin 1996, S. 59-86.

Kaczmarek, Ryszard: Die deutsche wirtschaftliche Penetration in Polen (Oberschlesien), in: Die Neuordnung Europas. NS- Wirtschaftspolitik in den besetzten Gebieten, Overy, R., Otto, G. Houwink ten Cate, J. (Hg.), Berlin 1997, S.257-272.

Kleßmann, Christoph: Deutsche Besatzungsherrschaft zwischen Hegemonialpolitik, Ausbeutung und Germanisierung, Das Beispiel Polen, in: Der nationalsozialistsische Krieg, Frei, Hermann Kling (Hg.), Frankfurt/M, New York 1990, S. 181-187.

Röhr, Werner: Zur Wirtschaftspolitik der deutschen Okkupanten in Polen 1939- 1945, in: Krieg und Wirtschaft, Studien zur deutschen Wirtschafts- geschichte 1939-1945, Dietrich Eichholtz (Hg.), Berlin 1999, S. 221-253

Röhr, Werner: Einleitung zu Europa unterm Hakenkreuz, die faschistische Okkupationspolitik in Polen (1939-1945), W. Schumann, L. Nestler (Hg.), Berlin 1989, S. 22-95.

Umbreit, Hans: Zur Organisation der Besatzungsherrschaft, in: Gerhard Otto u. Th. M. Houwink ten Cate (Hg.): Das organisierte Chaos. “Ämterdarwinismus” und “Gesinnungsethik”. Determinanten nationalsozialistischer Besatzungsherrschaft, Berlin 1999, S. 21-34.

[...]


1 Leicht gekürzt in: Europa unterm Hakenkreuz, die faschistische Okkupationspolitik in Polen, Berlin 1989, S. 132f. (i. F.: EuH)

2 Ebd., alle auf dieser Seite folgenden Zitate stammen ebenfalls von dort.

3 Vgl. W. Röhr, zur Wirtschaftspolitik der deutschen Okkupanten in Polen 1939-1945, in: Krieg und Wirtschaft, Berlin 1999.

4 Vgl. ebd, S. 231.

5 Vgl. ebd, S. 223.

6 Vgl. ebd, S. 232

7 Vgl. R. Kaczmarek, die deutsche wirtschaftliche Penetration in Polen (Oberschlesien), in: Die Neuordnung Europas, Berlin 1997, S. 260.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd., S. 266

10 Vgl. ebd., S. 265

11 Vgl. Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 242

12 EuH, S. 132

13 Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 225

14 Im Oktober ´39 plante Hitler, das GG dazu zu nutzen, “das Reichsgebiet von Juden und Polacken zu reinigen” (EuH, Dok. 25, S. 134) Aufgrund des sehr frühen Zeitpunktes dieser Äußerung vermute ich, dass sie tatsächlich zwangsweise Umsiedlungen meint- und noch nicht den späteren Genozid an den europäischen Juden.

15 Vgl. Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 245

16 Alle Zahlen dieses Absatzes zit. nach EuH, S. 41 f.

17 Röhr, Wirtschaftspolitik, S.246

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd, S. 245f.

20 zit. nach EuH, S. 69

21 Vgl. Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 249f.

22 Zur Verhängung der Todesstrafe s. EuH, Faks. 6.

23 EuH, S. 69.

24 Vgl. Kleßmann, Deutsche Besatzungsherrschaft zwischen Hegemonialpolitik, Ausbeutung und Germanisierung. Das Beispiel Polen. in: Der nationalsozialistische Krieg, Frankfurt/ New York 1990, S. 185

25 Vgl. Umbreit, Zur Organisation der Besatzungsherrschaft, in: Das organisierte Chaos, Berlin 1999, S. 35

26 Vgl. Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 250.

27 Vgl. Umbreit, Organisation, S. 48.

1 Leicht gekürzt in: Europa unterm Hakenkreuz, die faschistische Okkupationspolitik in Polen, Berlin 1989, S. 132f. (i. F.: EuH)

2 Ebd., alle auf dieser Seite folgenden Zitate stammen ebenfalls von dort.

3 Vgl. W. Röhr, zur Wirtschaftspolitik der deutschen Okkupanten in Polen 1939-1945, in: Krieg und Wirtschaft, Berlin 1999.

4 Vgl. ebd, S. 231.

5 Vgl. ebd, S. 223.

6 Vgl. ebd, S. 232

7 Vgl. R. Kaczmarek, die deutsche wirtschaftliche Penetration in Polen (Oberschlesien), in: Die Neuordnung Europas, Berlin 1997, S. 260.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd., S. 266

10 Vgl. ebd., S. 265

11 Vgl. Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 242

12 EuH, S. 132

13 Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 225

14 Im Oktober ´39 plante Hitler, das GG dazu zu nutzen, “das Reichsgebiet von Juden und Polacken zu reinigen” (EuH, Dok. 25, S. 134) Aufgrund des sehr frühen Zeitpunktes dieser Äußerung vermute ich, dass sie tatsächlich zwangsweise Umsiedlungen meint- und noch nicht den späteren Genozid an den europäischen Juden.

15 Vgl. Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 245

16 Alle Zahlen dieses Absatzes zit. nach EuH, S. 41 f.

17 Röhr, Wirtschaftspolitik, S.246

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd, S. 245f.

20 zit. nach EuH, S. 69

21 Vgl. Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 249f.

22 Zur Verhängung der Todesstrafe s. EuH, Faks. 6.

23 EuH, S. 69.

24 Vgl. Kleßmann, Deutsche Besatzungsherrschaft zwischen Hegemonialpolitik, Ausbeutung und Germanisierung. Das Beispiel Polen. in: Der nationalsozialistische Krieg, Frankfurt/ New York 1990, S. 185

25 Vgl. Umbreit, Zur Organisation der Besatzungsherrschaft, in: Das organisierte Chaos, Berlin 1999, S. 35

26 Vgl. Röhr, Wirtschaftspolitik, S. 250.

27 Vgl. Umbreit, Organisation, S. 48.

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Details

Titel
Deutsche Besatzungsherrschaft und wirtschaftliche Ausbeutung am Beispiel Polens
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,8
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V107414
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche, Besatzungsherrschaft, Ausbeutung, Beispiel, Polens, Proseminar
Arbeit zitieren
Ellinor Morack (Autor), 2002, Deutsche Besatzungsherrschaft und wirtschaftliche Ausbeutung am Beispiel Polens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107414

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