Warum entstand in den USA keine starke sozialistische Partei? - Die Arbeiterbewegungen Deutschlands und der USA im Vergleich.


Seminararbeit, 2002
18 Seiten, Note: 2

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Inhaltsverzeichnis

Einführung in die Fragestellung

1. Die deutsche Arbeiterbewegung von den Anfängen bis
a) Von den ersten Arbeitervereinen bis zur Gründung der SAPD
b) Staatliche Repression
c) Die SPD zwischen Revolution und gewerkschaftlichem Reformismus

2. Die Arbeiterbewegung in den USA vor dem Ersten Weltkrieg
a) Die reformistischen Gewerkschaften
b) Sozialistische Parteien als Randerscheinung

3. „Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?“ Die Arbeiterbewegungen Deutschlands und der USA im Vergleich

4. Schluss : Ausblick auf spätere Entwicklungen

Literaturverzeichnis

Einführung in die Fragestellung

Die USA waren gerade höchstentwickeltste Industrienation der Welt geworden, da beschäftigte den deutschen Volkswirtschaftler und Soziologen Werner Sombart (1863 bis 1941) bereits die Frage: „Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?“1 In Westeuropa hatte der Prozess der Industrialisierung während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zur Herausbildung zweier prägender gesellschaftlicher Grundkonflikte (cleavages) geführt: Einerseits kam es zu Spannungen zwischen Industriellen und Agrariern, andererseits zum Gegensatz Kapital vs. Lohnarbeit. Entlang wenigstens einer dieser beiden Konfliktlinien entstanden darauf in jedem der industrialisierten Länder des westlichen Europas Parteien, welche die jeweiligen Gruppeninteressen im politischen System vertraten.2

In der vorliegenden Arbeit soll jedoch ausschließlich der eingangs erwähnten Fragestellung Werner Sombarts nachgegangen werden, also warum der Konflikt zwischen Lohnarbeitern und Unternehmern in allen Staaten Westeuropas - wenn auch mit erheblichen zeitlichen Abweichungen untereinander - zur Gründung von starken sozialistischen Arbeiterparteien führte, während eine solche Entwicklung trotz eines vergleichbaren Industrialisierungsgrades in den USA ausblieb. Selbstverständlich erweist sich eine solche Untersuchung nur dann als fruchtbar, wenn man dazu auf vergleichende geschichtliche Grundkenntnisse zurückgreifen kann. Deshalb ist der erste Teil dieser Arbeit zunächst der Geschichte der Arbeiterbewegung Deutschlands als der bedeutendsten Europas gewidmet. Erst im zweiten Kapitel werden wir uns dann der historischen Entwicklung ihres vergleichsweise schwachen Pendants in den USA zuwenden. Dabei ist eine Beschränkung auf die Jahrzehnte von den Anfängen bis 1914 gleich doppelt sinnvoll: Zum einen für Deutschland wegen der besonderen innenpolitischen Verhältnisse während des Ersten Weltkrieges (Burgfrieden und Kriegswirtschaft) sowie des veränderten politischen Systems nach 1918 und zum anderen auf Grund der Tatsache, dass sich sowohl die deutsche als auch die Arbeiterbewegung der USA innerhalb dieses Zeitraumes bereits vollständig herausbildeten und um 1912 einen vorläufigen, wenn auch graduell sehr unterschiedlichen Höhepunkt an Zuspruch erreichten. Im zentralen dritten Kapitel soll schließlich der Vergleich ihrer extrem differierenden Entwicklungen die Ursachen für das Fehlen einer starken sozialistischen Partei in den Vereinigten Staaten auf der Grundlage zeitgenössischer - und freilich ergänzungsbedürftiger - Erklärungsmodelle von Friedrich Engels (1888) und Werner Sombart (1905) besonders deutlich hervortreten lassen.

Zunächst macht der Titel dieser Arbeit jedoch die Klärung zweier grundlegender Begriffe erforderlich: Unter Sozialismus verstehen wir im folgenden jene wichtige politische Strömung des 19. und 20. Jahrhunderts, deren Ziel die „Neugestaltung der Wirtschaftsordnung durch Überwindung kapitalistischer Eigentums-, Ausbeutungs- und Klassenverhältnisse zugunsten einer gesellschaftlich rational gesteuerten und egalitär geordneten Ökonomie als Grundlage einer umfassend gedachten gesellschaftlichen und politischen Emanzipation“3 ist. Arbeiterbewegung bezeichnet dagegen im engeren Sinne alle „auf dem Prinzip des kollektiven Zusammenschlusses beruhenden Bemühungen der handarbeitenden Schichten, ihre soziale Lage zu verbessern und sich politische Rechte zu erkämpfen“ (Mommsen 1966)4. Sie setzt die Existenz einer Arbeiterschaft, Arbeiterschicht oder Arbeiterklasse mit eigenem Selbstverständnis voraus, welche auf der gleichartigen sozialen und wirtschaftlichen Lebenslage ihrer Mitglieder gründet. Deren Zusammengehörigkeitsgefühl erwächst ein Solidaritätsbewusstsein, das sich in vier voneinander zu unterscheidenden Formen organisiert: erstens in Gewerkschaften, zweitens als politische Partei, drittes in Genossenschaften oder Wirtschaftsunternehmen, viertens in Freizeit- und Bildungsvereinigungen.5 Unserer Fragestellung entsprechend soll sich jedoch die Darstellung der Arbeiterbewegungen Deutschlands und der USA in den folgenden ersten beiden Kapiteln auf die Geschichte von Arbeiterparteien und Gewerkschaften beschränken.

1. Die deutsche Arbeiterbewegung von den Anfängen bis 1914

1.a) Von den ersten Arbeitervereinen bis zur Gründung der SAPD

Vor dem Hintergrund des Pauperismus als allgemein-zeittypischer Erscheinung und ihren damit verbundenen Abstiegsängsten organisierten sich die damals noch stark an handwerklichen Traditionen orientierten Arbeiter erstmals während der Revolution von 1848/49 in eigenen Arbeitervereinen, welche gemeinsam mit bürgerlichen Radikaldemokraten die soziale und politische Partizipation der sich langsam herausbildenden Arbeiterschaft innerhalb eines parlamentarisch-demokratischen deutschen Nationalstaates auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechtes forderten. Dabei stand ihre oftmalige Argumentation mit „alten Rechten“ noch ganz für die Suche nach einem Äquivalent für die absterbenden korporativ-zünftlerischen Lebens- und Arbeitsweisen und war damit trotz rebellischen Auftretens eindeutig rückwärtsgewandt. Noch bis in die 1860er Jahre hinein beherrschten diese traditionellen Bindungen das Selbstverständnis der deutschen Arbeiterbewegung.6 Mit dem Scheitern der Revolution im Jahr 1849 wurden auch die politischen Vereine der Arbeiter verboten. Erst der innenpolitische Kurswechsel des neuen preußischen Königs Wilhelm I. zu Beginn der 1860er Jahre („Neue Ära“) ermöglichte wieder die Gründung zahlreicher (bürgerlicher) Arbeiter(bildungs)vereine, deren Ziel - ganz den wirtschaftspolitischen Grundüberzeugungen der Liberalen entsprechend - darin bestand, die Lohnarbeiter zu einer eigenständigen Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage zu befähigen. Diese Absicht widersprach allerdings zu stark den tatsächlichen Erfahrungen der Arbeiterschaft, sodass schon bald innerhalb dieser liberalen Arbeiterbildungsvereine eine Opposition entstand, die sich der politischen Aufklärung des „Arbeiterstandes“ verschrieb.7

Die Ausprägung eines gegenkapitalistischen Klassenbewusstseins der Arbeiter erwuchs jedoch nicht aus diesen Vereinen, sondern aus gemeinsamen Streikerfahrungen, die schließlich zur Gründung von Gewerkschaften führten. Bereits in den Jahren zwischen 1853 und 1857 war es vermehrt zu Streiks gekommen, doch die Streikwelle ab Mitte der 1860er Jahre stellte alles bisherige in den Schatten. Verstärkt wurde sie noch durch die Aufhebung des Koalitionsverbotes8 in Preußen 1869 (in Sachsen bereits 1861) und die wirtschaftliche Hochkonjunktur der Reichsgründerzeit. Die Streikenden forderten unter anderem Lohnerhöhungen, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Einführung eines Normalarbeitstages von zehn Stunden. Darüber hinaus verlangten sie aber bereits offensiv freie gewerkschaftliche und politische Betätigung innerhalb des Betriebes. Die in Massenstreiks gemeinsam erworbenen Erfahrungen im Arbeitskampf verwandelten die immer noch bestehenden Vorurteile zwischen Handwerksgesellen und Fabrikarbeitern nun zunehmend in ein beidseitiges Solidaritäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl, sodass der wachsende Wille zur dauerhaften Organisation einer kollektiven Interessenartikulation gegenüber den Arbeitgebern seit Mitte der 1860er Jahre in erste Gewerkschaftsgründungen mündete. Freilich blieb der Organisationsgrad der Arbeiterschaft vorläufig gering: Er erreichte um 1870/71 gerade einmal zwei bis drei Prozent. Zudem organisierten sich nur qualifizierte Arbeiter; die Ungelernten waren dazu wegen ihrer gefährdeteren sozialen Lage noch nicht bereit. Ebenso gilt es zu beachten, dass zum oben genannten Zeitpunkt etwa nur 40 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder die Freien (sozialdemokratisch / sozialistischen) Gewerkschaften unterstützten. Der Rest trat den liberalen „Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaftsvereinen“ (ebenfalls 40%) oder konfessionellen Arbeiterassoziationen (übrige 20%) bei.9

Während der 1860er Jahre wurden auch die ersten politischen Parteien der Arbeiterbewegung gegründet. Wie bereits dargelegt, war innerhalb der liberalen Arbeiterbildungsvereine eine Opposition entstanden. Diese spaltete sich nun ab und gründete im Jahr 1863 in Leipzig den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ (ADAV) als erste eigenständige Arbeiterpartei auf dem linken Flügel der bürgerlich-liberalen Bewegung. Ihr führender Kopf Ferdinand Lassalle formulierte das Parteiprogramm, welches im wesentlichen an die Forderungen der 1848er Arbeitervereine nach gesellschaftlicher und politischer Partizipation auf der Grundlage des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes anknüpfte. Neu war, dass es die Einrichtung sogenannter Arbeiter-Produktionsgenossenschaften mit Staatskrediten verlangte. Die Mehrheit in den Arbeiterbildungsvereinen hielt die Ablösung der Arbeiterbewegung vom Liberalismus zum damaligen Zeitpunkt jedoch für verfrüht; sie wollte erst den freiheitlichen Nationalstaat erkämpfen - gemeinsam mit den Liberalen. Allerdings setzte sich auch innerhalb der Arbeiterbildungsvereine recht bald die Erkenntnis durch, dass der Bereitschaft des liberalen Bürgertums, in den Arbeitern gleichberechtigte politische Verbündete zu sehen, sehr enge Grenzen gesetzt waren. Zudem konnte die bürgerliche Sozialpolitik kaum den Vorstellungen der Arbeiterschaft entsprechen. Als dann noch ab 1866 der größte Teil der Liberalen den innenpolitischen Kurs wechselte und fortan die alles andere als freiheitliche Einigungspolitik Bismarcks unterstützte, entschlossen sich August Bebel und Wilhelm Liebknecht, den Leipziger Arbeiterbildungsverein zu verlassen und gründeten im August 1869 in Eisenach die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“, welche jedoch weiterhin bürgerlichen Demokraten offen stehen sollte und sich deshalb ein gemäßigtes Programm gab. Nunmehr existierten also zwei sozialdemokratische Arbeiterparteien, die sich programmatisch kaum voneinander unterschieden und bei den ersten Reichstagswahlen von 1871 und 1874 zusammen bereits beachtliche regionale Wahlergebnisse10 erzielten. Die Fortführung des Krieges gegen die Französische Republik nach dem Sturz Napoleons III. und die Annexion Elsaß-Lothringens machten beide zu entschiedenen Gegnern des neuentstehenden Bismarck-Staates. Als dann noch im Jahr 1874 der ADAV in Preußen verboten wurde, verstärkten sich die Bemühungen um einen Zusammenschluss, die schließlich im Mai 1875 in die Gründung der „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ (SAPD) mündeten.11

1.b) Staatliche Repression

Die Vereinigung der beiden Arbeiterparteien zur SAPD in Gotha 1875, ihre zunehmenden Wahlerfolge, die Streikaktivitäten der eben entstandenen Gewerkschaften, aber auch das Schreckgespenst der Pariser Commune und die Furcht vor einer daran orientierten „Roten Republik“ empfanden Adel und Großbürgertum gleichermaßen als bedrohlich, was die zwischen beiden immer noch bestehenden politischen Differenzen in den Hintergrund treten ließ. Der alte repressive Machtapparat Preußens, den die Liberalen einst so vehement bekämpft hatten, ermöglichte es nun dem Industriebürgertum, die Expansion seiner kapitalistischen Produktionsweise gegen die organisierte Arbeiterklasse durchzusetzen. Besonders die zunehmenden Streiks waren den Unternehmern ein Dorn im Auge. Deren Forderung nach Bekämpfung solch „widernatürliche[r] Eingriffe in den Wirtschaftskreislauf“ entsprach die Regierung bereits ab 1872, als sie die gerade drei Jahre zuvor gewährte Koalitionsfreiheit schrittweise wieder einzuschränken begann. Schon im Frühjahr 1874 erhielten die Behörden dann die Möglichkeit, „jede kampfbetonte Aufforderung zum Streik unter Strafe zu stellen“.12 Ihren Höhepunkt erreichte die staatliche Repression jedoch erst mit der Verabschiedung des Sozialistengesetzes im Jahr 1878, das die Landespolizeibehörden ermächtigte, sozialdemokratische Vereine, Versammlungen, Schriften und Zeitungen zu verbieten. Die politisch-organisatorische Arbeit der SAPD erlebte dadurch einen ebenso tiefen Einbruch wie das Wirken fast aller Freien Gewerkschaften, sofern sie sich nicht in reine Unterstützungsvereine umwandelten, also ihren Charakter als Arbeitskampfverband ablegten. Lediglich das aktive und passive Wahlrecht blieb den Sozialdemokraten erhalten, die daher auch unter dem Sozialistengesetz Abgeordnete im Reichstag stellten.

Staatliche Repression bildete jedoch nicht das einzige Instrument des Reichskanzlers Bismarck, die Sozialdemokratie zu bekämpfen. Parallel dazu sollte die Sozialgesetzgebung der 1880er Jahre (Krankenversicherung 1883, Unfallversicherung 1884, Alters- und Invalidenversicherung 1889) die Arbeiter mit dem Staat versöhnen und sie so den Sozialdemokraten entfremden.13 Doch diese Doppelstrategie erwies sich als erfolglos, denn genau das Gegenteil des Beabsichtigten trat ein: Die Erfahrung ihrer politischen und gesellschaftlichen Benachteiligung sowie die Stigmatisierung ihrer führenden Köpfe zu Reichsfeinden verbanden die Arbeiter noch stärker mit der Sozialdemokratie.14 Dabei bildete sich eine ganz eigene „Arbeiterkultur“ heraus, welche nun zunehmend auf marxistische Deutungsformeln zurückgriff. Einerseits setzte sich in der Arbeiterbewegung die Erkenntnis durch, dass die Klassengegensätze im Deutschen Reich nicht mehr zu leugnen und permanente Klassenkämpfe daher unausweichlich seien. Andererseits gewann man die „wissenschaftlich abgesicherte Überzeugung, dass die Transformation der bestehenden kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft historisch unabwendbar war“. Die Arbeiterklasse, die nun über keine Verbündeten mehr verfüge, müsse sich somit als alleiniger Träger dieses revolutionären Prozesses selbst befreien. Damit wurde die SAPD von einer Partei des gesamten Volkes zur Klassenpartei der Industriearbeiter. Ihre informell-illegale Organisation hielt sie unter den Bedingungen des Sozialistengesetzes nach innen durch Vertrauensmänner aufrecht. Nach außen gab sie sich betont „unpolitisch“ in Form von Geselligkeits- und Sportvereinen, Hilfs- und Sterbekassen sowie Bildungseinrichtungen. Gleichzeitig radikalisierte sich - auf Grund ihrer gesellschaftlichen Isolierung - die Sprache der sozialistischen Arbeiterbewegung, welche im illegal verteilten Parteiblatt „Der Sozialdemokrat“ ihre Verbreitung und Verstärkung fand.15

1.c) Die SPD zwischen Revolution und gewerkschaftlichem Reformismus

Die erheblichen Stimmengewinne für die Sozialdemokraten vor allem bei den Reichstagswahlen und die offensichtliche Brüchigkeit des Herrschaftssystems Bismarcks veranlassten die Mehrheit der Reichstagsabgeordneten, einer Verlängerung des erfolglosen Sozialistengesetzes über das Jahr 1890 hinaus nicht mehr zuzustimmen. Auf ihrem ersten legalen Parteitag seit 1878 benannten die Delegierten im Oktober 1890 die SAPD in „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) um. In den folgenden Jahren nahm die Partei zusammen mit den Freien Gewerkschaften zunehmend die Gestalt einer Massenbewegung an. Bis 1914 konnte allein die SPD ihre Mitgliederzahl auf 1085905 erhöhen. Ein engmaschiges Netz, aufgespannt zwischen Parteiorganisation, Genossenschaften und Vereinen schuf eine weitgehend homogene Lebensgemeinschaft, welche die sozialdemokratischen Arbeiter gegenüber der bürgerlichen Außenwelt abschloss und ihrem vonseiten des Kaiserreiches unerfüllten Wunsch nach Integration entsprach. Für den organisatorischen Zusammenhalt sorgte dabei in erster Linie das Parteiblatt „Vorwärts“ mit seiner täglich erscheinenden Unterhaltungsbeilage.16

Über den politischen Kurs der SPD entschieden jährlich abgehaltene Parteitage, welche die aus den Zeiten des Sozialistengesetzes herrührende faktische Unabhängigkeit der Reichstagsfraktion jedoch nicht brechen konnten. Das 1891 beschlossene „Erfurter Programm“ folgte ganz der Maxime der Parteiführung: „Das Revolutionäre liegt nicht in den Mitteln, sondern in dem Ziel.“17 Fernziel blieb die sozialistische Gesellschaft, die ja ohnehin entsprechend der Geschichtstheorie Marx’ die kapitalistische ablösen würde, freilich nicht ohne den Widerstand der herrschenden Klassen. Durch Aufklärung, Agitation und Demonstration sollten die SPD- Anhänger auf die in Aussicht gestellte politische Machtübernahme vorbereitet werden. Exakte Vorstellungen über den Verlauf des Transformationsprozesses vom Kapitalismus zum Sozialismus fehlten jedoch ebenso wie ein konkreter Plan zur Gestaltung der angestrebten sozialistischen Gesellschaft. Das „Erfurter Programm“ stellte diesem revolutionären allerdings einen auf Reform der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft ausgerichteten Teil zur Seite, der genau jene von Liebknecht erwähnten „Mittel“ umriss, welche die damalige politische und soziale Situation der Arbeiter verbessern sollten. In ihm forderten die Sozialdemokraten unter anderem das allgemeine und gleiche Wahlrecht (also die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechtes in Preußen und des Zensuswahlrechtes in den anderen Bundesstaaten sowie auf kommunaler Ebene), die Gleichstellung der Frau, die Entkonfessionalisierung der Schulen, eine umfassende Arbeitsschutzgesetzgebung sowie die Erhaltung des Koalitionsrechtes. Eine solche Verbindung von revolutionärer Theorie und reformistischer Praxis sorgte nicht zuletzt auch für die Integration der verschiedenen SPD-Flügel.18

Der Reformismus fand innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung vor allem bei den der Partei an Mitgliederzahl, Finanzstärke und sozialpolitischer Aktivität weit überlegenen Gewerkschaften Rückhalt. Deren Führer lehnten beispielsweise politische Massenstreiks zur Bekämpfung des die Arbeiterschaft benachteiligenden Wahlrechtes in den Bundesstaaten ab, weil sie andernfalls den Bestand ihrer Organisationen und bisherigen sozialpolitischen Erfolge gefährdet sahen. Die Massenstreikdebatte führte schließlich zu einer Diskussion über die grundsätzliche Regelung des Verhältnisses zwischen SPD und den durch das Sozialistengesetz stark in Abhängigkeit der Partei geratenen Freien Gewerkschaften. Im Mannheimer Abkommen von 1906 konnten die Gewerkschaftsführer dann ihren Anspruch auf eigenständige Entscheidungen gegenüber der SPD-Führung durchsetzen. Falsch wäre es jedoch, von einer Teilung der deutschen Arbeiterbewegung in reformistische Gewerkschaften einerseits und revolutionäre Partei andererseits zu sprechen, denn auch die vorrangig am Kampf um höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten interessierten einfachen Gewerkschaftsmitglieder hielten grundsätzlich am Ziel einer neuen sozialistischen Gesellschaft fest.19

In den USA gingen Arbeiterpartei(en) und Gewerkschaften dagegen von Anfang an verschiedene Wege, wobei hier letztere - anders als in Deutschland - eindeutig dominierten. Deshalb soll deren Entwicklung im folgenden Kapitel auch in voneinander getrennten Abschnitten skizziert werden.

2. Die Arbeiterbewegung in den USA vor dem Ersten Weltkrieg

2.a) Die reformistischen Gewerkschaften

Mit dem raschen Einsetzen der Industrialisierung nach Beendigung des Amerikanischen Bürgerkrieges 1865 sah sich die Arbeiterschaft der USA ohne sozialen und rechtlichen Schutz des Staates verstärkt unternehmerischer Willkür ausgesetzt. Entsprechend ihrer Tradition als weitgehend unabhängige Handwerker forderten sie für ihre als „wertvoll“ betrachtete Tätigkeit einen „gerechten“ Preis. Der nun forcierte Einsatz von Maschinen, die Massenproduktion und aufkommende Akkordarbeit stellten diesen Anspruch allerdings zunehmend infrage.20 Um ihn dennoch gegenüber den Unternehmern durchsetzen zu können, begannen die Arbeiter getrennt nach Berufsgruppen sogenannte craft unions (Berufsfachverbände) als Interessenvertretungen zu gründen, welche sich bereits um 1865 unter dem Dachverband der "National Labor Union“ (NLU) zusammenschlossen. Doch dessen Existenz war nur von kurzer Dauer; bereits in der Rezession des Jahres 1873 löste er sich ebenso wie zahlreiche der unter ihm vereinigten Fachverbände wieder auf.21 Das Bedürfnis nach einer zentralen gewerkschaftlichen Organisation wurde damit jedoch keinesfalls hinfällig und so wechselten bald viele der wenigen überhaupt organisationsbereiten Arbeiter in den bereits seit 1869 bestehenden, vorerst geheimbündlerischen Orden der „ Knights of Labor “, der im Unterschied zu den craft unions die Interessen der Beschäftigten verschiedener Berufe vertrat und später auch Schwarze als Mitglieder zuließ. Seine Forderungen beschränkten sich nicht auf Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen, sondern zielten zudem auf eine andere, „kooperativere“ genossenschaftliche Gesellschaftsform ab, welche allerdings auf dem Wege von Reformen in der Gesetzgebung erreicht werden sollte. Erste Erfolge ließen die Mitgliederzahl bis Mitte der 1880er Jahre auf ca. 700000 anwachsen. Trotz ablehnender Haltung der Führung gegenüber Streiks22 konnten sich die Mitglieder der „Knights of Labor“ diesen häufig ihrer spezifischen Eigendynamik folgenden Arbeitskämpfen beim besten Willen nicht entziehen, ja standen oftmals sogar an deren Spitze. Traurige Berühmtheit erlangte der große Eisenbahnerstreik von 1877, der nach tagelangen Unruhen schließlich zum Einsatz von Bundestruppen führte und über 100 Menschenleben forderte, ebenso wie im Mai 1886 der Chicagoer Generalstreik für den Acht-Stunden-Tag, welcher mit einem von der Polizei provozierten Bombenanschlag auf dem Haymarket endete, durch den sieben Polizisten getötet wurden. Die Führung der „Knights of Labor“ reagierte auf dieses Attentat mit einer noch dezidierteren Ablehnung von Streik- und Gewaltaktionen, was viele Anhänger enttäuschte und die Mitgliederzahl dieser einst so erfolgreichen Gewerkschaft auf ca. 70000 im Jahr 1895 sinken ließ.23

Vom Niedergang der „Knights of Labor“ profitierte vor allem die 1881 als Dachverband verschiedener, weitreichend autonomer craft unions gegründete „ American Federation of Labor “ (AFL). Unter ihrem langjährigen und betont pragmatischen Vorsitzenden Samuel Gompers (bis 1924) sah sie ihre Hauptaufgabe - bei grundsätzlichem Bekenntnis zum kapitalistischen Wirtschaftssystem - im Kampf um höhere Löhne, verkürzte Arbeitszeiten und soziale Absicherung für ihre ausschließlich aus qualifizierten und alteingesessenen weißen Facharbeitern bestehenden Mitglieder24. Zudem bemühte sich die AFL um die Anerkennung als „legitimer“ Verhandlungspartner der Unternehmerverbände. Anders als die Führung der „Knights of Labor“ akzeptierte Gompers den Streik als gewerkschaftliches Kampfinstrument, das er allerdings nur in Notsituationen anzuwenden gedachte. Trotz solch moderater Gewerkschaftspolitik bekämpften die Unternehmer auch die AFL mit äußerster Härte und Skrupellosigkeit. Allein schon die Gründung von Arbeiterassoziationen empfanden sie als „unamerikanisch, illegal und unanständig“. Aus den nach 1890 immer erbitterter und militanter geführten Arbeitskämpfen gingen die Gewerkschaften meist als Verlierer hervor, nicht zuletzt auch wegen eines neuen, besonders erfolgreichen Kampfmittels der Arbeitgeber: des gerichtlichen Streikverbotes („Injunction“ gemäß „Sherman-Antitrust-Act“ von 1890).25

2.b) Sozialistische Parteien als Randerscheinung

Schon bald nach dem Bürgerkrieg, vor allem aber in den 1870er Jahren kam es zur Gründung erster Arbeiterparteien auf lokaler und regionaler Ebene. Dort konnten sie die beiden Großparteien zeitweise in ernsthafte Bedrängnis bringen; in einigen kleinen und mittleren Industrieorten stellten sie sogar den Bürgermeister.26 Nach einigen kurzlebigen Vorläufern war die 1877 gegründete „ Socialist Labor Party “ (SLP) die erste marxistische Arbeiterpartei auf Bundesebene. Unter ihrem Vorsitzenden Philip van Patten - einem ehemaligem Mitglied der „Knights of Labor“ - orientierte sie sich zunächst am gemäßigten Eisenacher Programm der deutschen Sozialdemokraten von 1869. Das änderte sich jedoch, als 1890 der orthodoxe Marxismustheoretiker Daniel De Leon die Parteiführung übernahm und seiner SLP bis zum Ersten Weltkrieg ein radikal-revolutionäres Programm verordnete. Obgleich die Partei deswegen bei nationalen Wahlen katastrophale Niederlagen erlitt, gelangen ihr lokal zeitweise beachtliche Wahlerfolge, so zum Beispiel in Chicago, Milwaukee, Buffalo und Cincinnati.27 Im Jahr 1897 - also parallel zu den mit äußerster Härte geführten Arbeitskämpfen der 1890er Jahre - gründete der Vorsitzende der „Railway Union“ (innerhalb der AFL) Eugene Debs mit der „Social Democracy of America“ eine weitere Linkspartei auf nationaler Ebene. Sie ging programmatisch genau den der SLP entgegengesetzten Weg: Nach einer kurzzeitigen revolutionären Anfangsphase wurde aus ihr eine gemäßigte sozialdemokratische Partei. Unmittelbarer Ausdruck dieser Umorientierung war seit 1898 der neue Parteiname „ Social Democratic Party of America “ (SDPA). Mit seinen Forderungen nach einem „Ende der Lohnsklaverei“, der Verstaatlichung von Produktionsmitteln, einem umfassenden öffentlichen Versicherungssystem sowie der vollen Gleichberechtigung der Frau überzeugte deren Präsidentschaftskandidat Eugene Debs im Jahr 1900 jedoch gerade einmal 88000 Wähler (entspricht 0,91%). Dieser - davon schwer enttäuscht - wechselte daraufhin zum reformistischen Flügel der bereits oben behandelten radikaleren SLP, welcher sich schon ein Jahr später abspaltete und in Indianapolis die „ Socialist Party of America “ (SPA) ins Leben rief, die sich nun den Wählern als eine „genuin amerikanische Partei“ (Klumpjan) zu präsentierten versuchte, deren Ziel lediglich die Verwirklichung der Gründerväter-Ideale sei. Ganz in deren Tradition versprach sie, sich für „echte Volksherrschaft, uneingeschränkte Freiheit und Privateigentum für alle“ einzusetzen. Ihre konkreten Forderungen erweiterte die Partei dabei von Wahl zu Wahl: Sie reichten von dem Ruf nach Schaffung eines sozialistischen „kooperativen Gemeinwesens“ und der Beseitigung des Präsidenten-Vetorechtes sowie der Einführung des Frauenwahlrechtes (1904) über die Verstaatlichung aller monopolistischen Trusts und Abschaffung des US-Senats (1908) bis zu der Absicht, die Banken zu verstaatlichen und eine öffentliche Sozialversicherung zu installieren (1912). Als Präsidentschaftskandidat wurde bis zum Ersten Weltkrieg ausschließlich der inzwischen populäre Eugene Debs aufgestellt, dem es im Jahr 1912 gelang, mit 6,18% der abgegebenen Stimmen28 das für eine sozialistische Partei beste Wahlergebnis der gesamten US-amerikanischen Geschichte zu erzielen. Rückhalt fand die SPA bei Teilen der Arbeiterschaft im Westen (Nevada, Oklahoma), vor allem aber in den Großstädten der Ostküste und des Mittleren Westens (Illinois, Wisconsin, Minnesota).29

Wie bereits angedeutet begegneten die in Gewerkschaften organisierten Arbeiter trotz harter und oftmals verlorener Arbeitskämpfe den sozialistischen Parteien überwiegend mit Ablehnung. Weder die „Knights of Labor“ noch die AFL pflegten Kontakte zu ihnen; für letztere distanzierte sich deren Vorsitzender Gompers sogar ganz ausdrücklich von sozialistischem Gedankengut, worauf die SLP-Führung 1895 mit der Gründung einer eigenen Gewerkschaftsorganisation, der „Socialist Trade and Labor Alliance“ reagierte, die jedoch nur wenig Rückhalt unter den organisationsbereiten Arbeitern fand.30

Im letzten Abschnitt wurde ganz bewusst auf Erklärungen für die Schwäche der sozialistischen Parteien in den USA verzichtet. Das nun folgende dritte Kapitel soll versuchen, diese Lücke in systematischer Herangehensweise zu schließen.

3. „Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?“ - Die Arbeiterbewegungen Deutschlands und der USA im Vergleich

Erste Antworten auf unsere Fragestellung gibt bereits ein Blick auf die verschiedene Struktur der Arbeiterklasse in Deutschland einerseits und den USA andererseits. Während wir im Deutschen Reich trotz konfessioneller Spaltung und zum Teil erheblicher Einkommensunterschiede unter den Arbeitern eine weitgehend homogene Arbeiterschaft vorfinden können, ist sie in den Vereinigten Staaten gleich zweifach fragmentiert: Schon Friedrich Engels bemerkte, nachdem er im Jahr 1888 eine kurze Amerika-Reise unternommen hatte, dass ethnisch-kulturelle und rassische Gegensätze solidarisches Verhalten unter den dortigen Lohnarbeitern nur in sehr geringem Maße zuließen. 1870 entsprach der Anteil der Einwanderer unter den US-amerikanischen Industriearbeitern etwa einem Drittel, dreißig Jahre später lag er bereits bei 60%.31 Dabei handelte es sich überwiegend um ungelernte Arbeitskräfte, die von den qualifizierten Alteingesessenen als unwillkommene Konkurrenz betrachtet wurden. Der Einsatz von Immigranten als Streikbrecher durch die Arbeitgeber und die tiefverwurzelten Ressentiments auf beiden Seiten verschärften diesen Gegensatz noch zusätzlich. Wie bereits erwähnt, schloss die AFL, in der sich 1904 über 80% aller Gewerkschaftsmitglieder organisierten32, die Mitgliedschaft Ungelernter von vornherein aus. Deren Interessen vertrat daher ab 1905 die anarcho-syndikalistische und überethnische Industriegewerkschaft „Industrial Workers of the World“ (IWW), welche allerdings nur vorübergehende Organisationserfolge erzielen konnte. Diese Fragmentierung der industriellen Unterschicht in den USA schwächte einerseits die Gewerkschaften, die im Jahr 1904 von gerade einmal 17% der Arbeiterschaft unterstützt wurden, und verhinderte andererseits die Ausprägung eines proletarischen Klassenbewusstseins als wichtige Voraussetzung für den Erfolg sozialistischer Parteien.33 Ein weiterer Grund für das Fehlen fester und bewusster Klassengegensätze in den Vereinigten Staaten ist die enorme geographische Mobilität der gesamten amerikanischen Gesellschaft. Dabei kam der Westwanderung in unserem Betrachtungszeitraum eine ganz besondere Bedeutung zu: Vor allem nach der Verabschiedung der „Homestead Acts“ während der 1860er Jahre, die es im Prinzip jedem US-Amerikaner ermöglichten, gegen ein geringes Entgelt Land zur Kultivierung in den frontier - Regionen zu erwerben, setzte ein millionenfacher Aufbruch in den „Wilden Westen“ ein. Dieses Ziel vor Augen betrachteten viele Industriearbeiter ihre harte Tätigkeit in der Fabrik lediglich als ein Intermezzo.34 Werner Sombart hat zu Recht darauf hingewiesen, dass allein schon „das bloße Bewußtsein, jederzeit freier Bauer werden zu können, dem amerikanischen Arbeiter ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe geben mußte, das dem europäischen Arbeiter fremd ist“.35

Diese Tatsache verweist zugleich auf die individualistische Mentalität des überwiegenden Teiles der Arbeiterschaft in den USA. Bereits Friedrich Engels erkannte, dass sich der amerikanische Industriearbeiter lieber selbst durch „Privateigentum für alle“ aus seiner misslichen Lage befreien wolle als auf das Kollektiveigentum eines durch die proletarische Revolution zu schaffenden sozialistischen Staates zu setzen. Anstatt sich mit seinen europäischen Klassenbrüdern verbunden zu fühlen, bewundere er die Kapitalisten, trachte nach gesellschaftlichem Aufstieg und verbürgerliche dadurch.36 In der Tat waren „die Chancen aus seiner Klasse herauszukommen (...) für den Arbeiter drüben zweifellos größer als für den Arbeiter im alten Europa“.37 Helmut Klumpjan machte zudem darauf aufmerksam, dass der „militante Atheismus“ der europäischen Sozialisten die starke Religiosität der in freien Kirchen organisierten Amerikaner missachtete, welche im Gegensatz zur deutschen Arbeiterklasse ja niemals die „unheilige Allianz aus Thron und Altar“ hatten erfahren müssen.38 Auch habituell unterschieden sich die amerikanischen Arbeiter ganz erheblich von ihren deutschen Kollegen - allein schon auf Grund ihres wesentlich höheren Lebensstandards. Wegen des Fehlens feudalistisch geprägter Traditionen waren zudem die Schranken zwischen den Klassen in den USA weitaus durchlässiger und weniger wahrnehmbar als im Deutschen Kaiserreich. Das gab der amerikanischen Arbeiterschaft neben der ihr durch die Verfassung garantierten Chancengleichheit das Gefühl einer ganz grundsätzlichen Gleichrangigkeit mit den Unternehmern - eine weitere Ursache für das Fehlen eines subjektiven proletarischen Klassenbewusstseins unter den Industriearbeitern zwischen Atlantik und Pazifik.39

Dazu leistete aber vor allem die politische Kultur des Landes einen kaum zu unterschätzenden Beitrag: Protestierten die Arbeiter in den Vereinigten Staaten gegen Unternehmerwillkür, Ausbeutung oder die Allmacht der „Trusts“, so „taten sie das in einer langen republikanischdemokratischen Tradition, die ihnen das Vertrauen gab, den politischen Entscheidungsprozeß beeinflussen und Abhilfe durch Reformen schaffen zu können“.40 Davon durfte die deutsche Arbeiterklasse freilich bestenfalls träumen.

Wir haben im zweiten Abschnitt des Ersten Kapitels bereits gesehen, welchen Repressionen die deutsche Arbeiterbewegung durch das politische System des Kaiserreiches ausgesetzt war. Aber allein schon die Demokratiedefizite der Reichsverfassung von 1871 sowie das die Arbeiter benachteiligende Wahlrecht auf bundesstaatlicher und kommunaler Ebene als Ausdruck ihrer Stellung als Untertanen, führten zur Desintegration großer Teile der Arbeiterschaft. Die kulturelle Überformung des Konfliktes zwischen Kapital und Arbeit - hervortretend in Gestalt marxistischer Deutungsformeln innerhalb der Arbeiterbewegung - schuf die Voraussetzung für die Ausbildung eines „spezifischen soziokulturellen Milieus“ mit der SAPD bzw. SPD als „politischem Aktionsausschuss“, das sich auch in seinen Moralvorstellungen von „den bürgerlich-konfessionellen Gesinnungsgemeinschaften“ abgrenzte und etwa 50% der Industriearbeiterschaft integrierte.41 In den USA war dagegen der Prozess der Demokratisierung lange vor dem Einsetzen der Industrialisierung abgeschlossen, was den Gegensatz zwischen Lohnarbeitern und Unternehmern von vornherein entschärfte. Hier verfügten zumindest die weißen Industriearbeiter bereits vor Beginn der Industriellen Revolution uneingeschränkt über das aktive und passive Wahlrecht; ebenso hatten sie anders als ihre deutschen Kollegen über das Patronagesystem der etablierten Parteien Zugang zu öffentlichen Ämtern. Der amerikanische Arbeiter war (und ist) also kraft der auf dem Prinzip der Volkssouveränität fußenden Verfassung der USA im gleichberechtigten Besitz aller politischen Bürgerrechte, die er für die Durchsetzung seiner Interessen zu nutzen verstand.42

Friedrich Engels und Werner Sombart kamen beide zu dem Schluss, dass der Misserfolg von „Drittparteien“ im allgemeinen und das Scheitern sozialistischer Parteien im besonderen in deren institutioneller Benachteiligung durch das Mehrheitswahlrecht wurzele. Diese Feststellung ist gewiss nicht unzutreffend, doch gibt es für die Nichtexistenz einer großen sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Partei in den USA eine weitaus naheliegendere Erklärung: die Flexibilität der Akteure, der politischen und gesellschaftlichen Eliten. Die beiden etablierten großen „Integrationsparteien“ - Democrats und Republicans - waren (und sind) zwar allein schon durch das relative Mehrheitswahlrecht zum Schmieden großer Wählerkoalitionen gezwungen. Jedoch erst ihre Fähigkeit, Forderungen aus den um die Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg verstärkt entstehenden „third parties“ aufzugreifen und bei ihrer Politik überzeugend zu berücksichtigen, ermöglichte es der amerikanischen Arbeiterschaft, bei Wahlen auf das „reformerische Potential des Zweiparteiensystems“ zu setzen. Etwas überspitzt könnte man also formulieren: Die sozialistischen Parteien der USA wurden Opfer ihres eigenen Erfolges. Insbesondere die Demokratische Partei übernahm verschiedene Programmpunkte der SPA; so kam es zum Beispiel zur Einführung einer progressiv gestaffelten Einkommenssteuer durch Präsident Wilson im Jahr 1913.43 Aber auch auf kommunaler und regionaler Ebene konnten die Demokraten den zeitweise starken Einfluss örtlicher Arbeiterparteien zurückdrängen, indem sie entweder deren erfolgreiche Politik kopierten oder sie gleich in die Reihen der Democrats integrierten.44 Demgegenüber waren die etablierten deutschen „Weltanschauungsparteien“ angesichts der Gründungen von ADAV, Sozialdemokratischer Arbeiterpartei und SAPD zu solchen Integrationsleistungen weder gewillt noch fähig: „Alle alten Parteien, Zentrum, Konservative und Liberale, fühl[t]en sich durch sie bedroht.“45 Deren auf Ausgrenzung der sozialistischern Arbeiterbewegung abzielende Politik manifestierte sich 1878 besonders deutlich in der Verabschiedung des von Bismarck vorgelegten „Gesetzes zur Bekämpfung der gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“46.

Wenn von politischen Akteuren die Rede ist, so dürfen die Gewerkschaften der USA hier keinesfalls fehlen. Auch sie machten die führenden Politiker der beiden großen Integrationsparteien auf Probleme und Interessen der amerikanischen Arbeiterschaft aufmerksam. Die mehrheitliche Abneigung des in der Regel nicht aus Akademikerkreisen stammenden gewerkschaftlichen Führungspersonals gegenüber doktrinärer sozialistischer Ideologie trug sicherlich nicht unwesentlich dazu bei, dass eine soziale und politische Isolierung der Arbeiterbewegung durch die Gesellschaft der USA ausblieb. Anders als in Deutschland konnte die durch Gewerkschaften und Arbeiterparteien geschaffene „Arbeiterkultur“ hier eine doppelte Funktion übernehmen: Sie integrierte nach innen und außen!47

4. Schluss : Ausblick auf spätere Entwicklungen

Dennoch gelangte Werner Sombart - wohl vor dem Hintergrund der immer härter geführten Arbeitskämpfe seit den 1890er Jahren und leichter Stimmengewinne für die sozialistischen Parteien nach der Jahrhundertwende - 1905 zu der festen Überzeugung, dass „alle Momente, die bis heute die Entwicklung des Sozialismus in den Vereinigten Staaten aufgehalten haben, im Begriffe sind, zu verschwinden oder in ihr Gegenteil verkehrt zu werden, so daß infolgedessen der Sozialismus in der Union im nächsten Menschenalter aller Voraussicht nach zu voller Blüte gelangen wird“.48

Wie sehr er sich mit dieser Prognose irrte, zeigt besonders eindrucksvoll die Tatsache, dass die Arbeiter selbst angesichts der enormen sozialen Härten, welche die Weltwirtschaftskrise um 1930 für sie verursachte, das politische System der USA wegen seiner grundsätzlichen Reformfähigkeit nicht infrage stellten. Mit dem Ruf nach staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft („New Deal“) im Rahmen eines „big government“ gelang es Franklin D. Roosevelt, die amerikanische Arbeiterschaft mehrheitlich an seine Demokratische Partei zu binden und mit 57,4% der Wählerstimmen die Präsidentschaftswahl von 1932 für sich zu entscheiden. Die beiden Kandidaten der Linksparteien erreichten dagegen zusammen gerade einmal 2,5%. Trotz seit den 1970er Jahren einsetzender „dealignment“-Prozesse sollte sich die damals aus progressiven Mittelschichten, Industriearbeitern, Minderheiten, Einwanderern und Farmern geschmiedete New-Deal-Wählerkoalition der Demokraten bis in die Gegenwart als recht stabil erweisen.49 Von den vergleichsweise bescheidenen Achtungserfolgen eines Eugene Debs bei den Präsidentschaftswahlen zwischen 1904 und 1920 können die Sozialisten der heutigen USA allenfalls träumen.

Literaturverzeichnis

Adams, Willi Paul / Lösche, Peter (Hg.): Länderbericht USA, Bonn 1998.

Grebing, Helga: Arbeiterbewegung. Sozialer Protest und kollektive Interessenvertretung bis 1914, München 1987 2.

Grebing, Helga: Die deutsche Arbeiterbewegung zwischen Revolution, Reform und Etatismus, Mannheim 1993.

Guggisberg, Hans Rudolf: Geschichte der USA, Stuttgart 2002 4.

Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, Tübingen 1999 2.

Klumpjan, Helmut: Die amerikanischen Parteien. Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Opladen 1998.

Lepsius, M. Rainer: Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Wirtschaft, Geschichte und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Friedrich Lütge, Stuttgart 1966, S. 371-393.

Lipset, Seymour M. / Rokkan, Stein: Cleavage Structures, Party Systems and Voter Alignments. An Introduction, in: Dies. (Hg.), Party Systems and Voter Alignments, New York 1967, S. 1-64.

Mielke, Gerd / Sterr, Martin: Campaigning and cleavages. Die amerikanischen Parteien zwischen Wahlkampf und Klassenkampf, in: Ulrich Eith / Gerd Mielke (Hg.), Gesellschaftliche Konflikte und Parteiensysteme, Opladen 2001, S. 185-202.

Nohlen, Dieter (Hg.): Wörterbuch Staat und Politik, Bonn 1995.

Sombart, Werner: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?, Tübingen 1906.

Wersich, Rüdiger B. (Hg.): USA-Lexikon, Berlin 1995.

[...]


1 Titel eines Aufsatzes, der erstmals im Jahr 1905 veröffentlicht wurde.

2 Vgl. Lipset, Seymour M. / Rokkan, Stein: Cleavage Structures, Party Systems and Voter Alignments. An Introduction, in: Dies. (Hg.), Party Systems and Voter Alignments, New York 1967, S. 14ff.

3 Vgl. Schiller, Theo: Sozialismus / Sozialdemokratie, in: Dieter Nohlen (Hg.), Wörterbuch Staat und Politik, Bonn 1995, S. 695.

4 Zitiert nach Lösche, Peter: Arbeiterbewegung, in: Dieter Nohlen (Hg.), Wörterbuch Staat und Politik, Bonn 1995, S. 11.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. Grebing, Helga: Die deutsche Arbeiterbewegung zwischen Revolution, Reform und Etatismus, Mannheim 1993, S. 15-18.

7 Vgl. Grebing, Helga: Arbeiterbewegung. Sozialer Protest und kollektive Interessenvertretung bis 1914, München 1987 2, S. 52f.

8 Im Rahmen der Koalitionsfreiheit wurden Streiks legales Kampfmittel der Arbeiterassoziationen.

9 Vgl. ebd., S. 58-66.

10 August Bebel gewann bereits 1874 sein Reichstagsmandat für den sächsischen Wahlkreis Glauchau-Meerane mit über 60% der Stimmen!

11 Vgl. ebd., S. 58-64.

12 Vgl. ebd., S. 51, 56 und 64f.

13 Vgl. ebd., S. 72-74.

14 Vgl. Grebing, Helga: Die deutsche Arbeiterbewegung zwischen Revolution, Reform und Etatismus, a.a.O., S. 22.

15 Vgl. Grebing, Helga: Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 81-84.

16 Vgl. ebd., S. 100 und 104f.

17 Wilhelm Liebknecht auf dem Erfurter Parteitag 1891.

18 Vgl. ebd., S. 106-112.

19 Vgl. ebd., S. 117-126.

20 Vgl. Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, Tübingen 1999 2, S. 217.

21 Vgl. Guggisberg, Hans Rudolf: Geschichte der USA, Stuttgart 2002 4, S. 143.

22 Streiks galten bis in die frühen 1930er Jahre in den USA als ungesetzlich, da sie ganz im Geiste des Laissez-Faire- Kapitalismus als Behinderung für das freie Spiel der Kräfte angesehen wurden; vgl. Geissler; Sabine: Strikes, in: Rüdiger Wersich (Hg.), USA-Lexikon, Berlin 1995, S. 693.

23 Vgl. Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, a.a.O., S. 217-219.

24 Ungelernte Einwanderer und Schwarze wurden in ihren Reihen nicht geduldet.

25 Vgl. Guggisberg, Hans Rudolf: Geschichte der USA, a.a.O., S. 144f. und 150.

26 Vgl. Hoerder, Dirk: Socialism/Socialist Parties, in: Rüdiger Wersich (Hg.), USA-Lexikon, Berlin 1995, S. 672-675.

27 Vgl. Klumpjan, Helmut: Die amerikanischen Parteien. Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Opladen 1998, S. 259f.

28 Zum Vergleich: Die SPD errang bei den Reichstagswahlen von 1912 in der Hauptwahl 34,8% der Stimmen.

29 Vgl. ebd., S. 351-353.

30 Vgl. Hoerder, Dirk: Socialism/Socialist Parties, a.a.O., S. 672 und 675.

31 Zahlen entnommen aus Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, a.a.O., S. 201.

32 Nach Sombart, Werner: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?, Tübingen 1906, S. 32.

33 Vgl. Avery, Donald H. / Steinisch, Irmgard: Industrialisierung und ihre sozialen Folgen 1877-1914, in: Willi Paul Adams / Peter Lösche (Hg.), Länderbericht USA, Bonn 1998, S. 91-93 und Klumpjan, Helmut: Die amerikanischen Parteien, a.a.O., S. 359 und 361.

34 Vgl. Klumpjan, Helmut: Die amerikanischen Parteien, a.a.O., S. 363.

35 Sombart, Werner: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?, a.a.O., S. 140.

36 Vgl. Klumpjan, Helmut: Die amerikanischen Parteien, a.a.O., S. 359.

37 Sombart, Werner: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?, a.a.O., S. 135.

38 Vgl. Klumpjan, Helmut: Die amerikanischen Parteien, a.a.O., S. 359f.

39 Vgl. ebd., S. 362.

40 Vgl. Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, a.a.O., S. 221.

41 Vgl. Lepsius, M. Rainer: Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Wirtschaft, Geschichte und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Friedrich Lütge, Stuttgart 1966, S. 388f.

42 Vgl. Klumpjan, Helmut: Die amerikanischen Parteien, a.a.O., S. 363.

43 Vgl. ebd. S. 354f., 364 und 370-372.

44 Vgl. Hoerder, Dirk: Socialism/Socialist Parties, a.a.O., S. 675.

45 Lepsius, M. Rainer: Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, a.a.O., S. 388.

46 Kurz „Sozialistengesetz“ genannt; siehe auch S. 5.

47 Vgl. Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, a.a.O., S. 221.

48 Sombart, Werner: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?, a.a.O., S. 141f.

49 Vgl. Mielke, Gerd / Sterr, Martin: Campaigning and cleavages. Die amerikanischen Parteien zwischen Wahlkampf und Klassenkampf, in: Ulrich Eith / Gerd Mielke (Hg.), Gesellschaftliche Konflikte und Parteiensysteme, Opladen 2001, S. 196f.

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Details

Titel
Warum entstand in den USA keine starke sozialistische Partei? - Die Arbeiterbewegungen Deutschlands und der USA im Vergleich.
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Gesellschaftliche Konflikte und Parteiensysteme im Vergleich
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V107470
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Gliederung ist leider recht unglücklich gewählt, inhaltlich ist an der Arbeit jedoch absolut nichts zu beanstanden. Insofern hoffe ich, dass sie vielleicht doch noch irgend jemandem etwas nutzt.
Schlagworte
Warum, Partei, Arbeiterbewegungen, Deutschlands, Vergleich, Gesellschaftliche, Konflikte, Parteiensysteme
Arbeit zitieren
Arndt Schreiber (Autor), 2002, Warum entstand in den USA keine starke sozialistische Partei? - Die Arbeiterbewegungen Deutschlands und der USA im Vergleich., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107470

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