Kafka, Franz - Die Brücke


Referat / Aufsatz (Schule), 2002

11 Seiten, Note: 3


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Inhaltsverzeichnis

A: Wortbedeutung von ´Brücke´

B: Analyse und Interpretation von „Die Brücke“ von Franz Kafka
I. Inhaltswiedergabe
II. Formale Analyse und Gattungszuordnung
III. Deutungsansätze
1. Biographische Lesart
2. Religiöse Lesart
3. Philosophische Lesart

C: ‚Brücke` als Symbol zwischenmenschlicher Beziehungen

Anhang

Wortbedeutung von Brücke

Brücke. Was ist eine Brücke? Was kann eine Brücke sein? Normalerweise denkt man dabei als erstes an ein Bauwerk, das der Führung von Verkehrswegen über Straßen, Eisenbahnlinien, Flüssen und Schluchten dient, aber eine Brücke kann auch eine Haltevorrichtung für künstliche Zähne sein, die an den benachbarten, gesunden Zähnen befestigt ist, oder eine turnerische Übung, bei der der Körper so weit zurück gebeugt wird, bis die Hände den Boden berühren. Des weiteren ist eine Brücke eine Verteidigungsstellung beim Ringen, einer Zweikampfsportart, und im technischen Bereich ist sie eine Querleitung bei Messschaltungen. Es gibt die Kommandobrücke auf Schiffen, die Beleuchterbrücke über einer Bühne, oder auch einen kleinen schmalen Teppich, den man Brücke nennt. In der österreichischen Mundart kann `Brücke` Schlachthof bedeuten, in der schweizerischen hingegen Fußbank und Heuboden. Im allgemeineren Sinne stellt eine Brücke aber eine figurative Verbindung dar, wie es auch in der Kurzprosa „Die Brücke“ von Franz Kafka der Fall ist.

Inhaltswiedergabe

Im Mittelpunkt des Textes „Die Brücke“ von Franz Kafka steht eine Brücke, die zugleich Mensch ist. Diese befindet sich „über einem Abgrund“ in „unwegsamer Höhe“. Als ein Mann auftaucht um die Brücke zu begehen, will die Brücke ihr bestes tun, um ihn, „wie einen Berggott“ sicher auf die andere Seite zu führen. Dieser prüft jedoch erst einmal mit Hilfe seines Stockes, ob die Brücke begehbar ist und bereitet ihr damit Unbehagen. Der Fremde springt „mit beiden Füßen mitten auf den Leib“ der Brücke und reißt diese so aus ihren Tagträumen. Völlig verdutzt davon, was mit ihr geschehen ist, dreht sich die Brücke um, um den Mann zu sehen. Dabei verliert sie ihren Halt und stürzt in den in der Tiefe gelegenen Forellenbach, durch dessen Kieseln sie „zerrissen und aufgespießt“ wird.

Formale Analyse und Gattungszuordnung

„Die Brücke“, die im Winterhalbjahr 1916/1917 entstand, wurde aus Kafkas Nachlass von seinem Freund Max Brod mit einem Titel versehen und veröffentlicht. Im Zentrum steht ein Motiv, das zugleich Brücke und Mensch ist und für dessen Doppelcharakter Kafka auf jegliche Erklärung verzichtet. Kafka wählt, was sehr paradox erscheint, als Erzählperspektive die Ich-Form und das nicht ganz durchgängige Präteritum als Erzählzeit. Die „Brücke“ ist, wie viele andere Kurztexte Kafkas, in drei Phasen gegliedert.

Der erste Abschnitt beschreibt die verzweifelte Ausgangslage der Brücke, deren Funktion „über einem Abgrund“ in einer menschenleeren Gegend sehr fragwürdig erscheint. „Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet.“ Die Situation der Brücke ist durch Bedrohliches wie Kälte, Starre und Wind gekennzeichnet („Ich war steif und kalt (...). Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten“) und wird von ihrem unsicheren Halt nur verschlechtert. „Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm hatte ich mich festgebissen.“ Der Blick der Brücke ist nach unten auf den „eisigen Forellenbach“ gerichtet und lässt ein eingeschränktes Blickfeld vermuten, was alle anderen Wahrnehmungen auf Geräuschen beruhen und somit nur Vermutungen sein lässt. Im Forellenbach befinden sich „zugespitzte Kieseln“, die ihrerseits friedlich aus dem „rasenden Wasser“ die Brücke anstarren. Der erste Absatz besteht aus aneinandergereihten Hauptsätzen, einer schlichten Parataxe. Erst am Schluss des Absatzes weicht der Satzbau davon ab, und das mögliche Ende des Brückendaseins wird angegeben.

Der zweite Absatz beginnt mit weiteren Beschreibungen, die z.B. die zeitliche und geistige Desorientierung der Brücke verdeutlichen. „Einmal gegen Abend war es - war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht, - meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde.“ Diese Richtungslosigkeit wird sprachlich durch einen teilweise verworrenen Satzbau, einer Parenthese und einem unvollständigen Hauptsatz wiedergegeben, der erst im darauffolgendem Satz wiederaufgenommen wird. Jetzt setzt die eigentliche Handlung ein. „(...) da hörte ich einen Mannesschritt!“ Dies versetzt die Brücke in eine beinahe euphorische Stimmung, die sprachlich durch Imperative an sich selbst wiedergegeben wird. „Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand (...) halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche merklich aus (...)gib dich zu erkennen und (...) schleudere ihn ins Land.“ Dies führt zu einem kurzzeitigen „hypertropischen Selbstbewusstsein“1 („wie einen Berggott“) und wird durch das Präsens hervorgehoben.

Im dritten Abschnitt kommt es zum Zusammentreffen der Brücke und des Fremden. Dieser beklopft die Brücke mit der Eisenspitze seines Stockes, da er, wie es scheint, kein vertrauen in deren Sicherheit hat. Die Brücke verdient es eigentlich nicht als Brücke bezeichnet zu werden, da es sich bei ihr nur um einen „geländerlosen Balken“ handelt. Nun folgt eine völlig unverständliche und unerklärte aggressive Tat des Fremden gegenüber der Brücke. „(...) sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib.“ Den Absturz verursacht jedoch erst das Umwenden der Brücke („Brücke dreht sich um!“) zu dem Unbekannten. „Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?“ Diese Aneinanderreihung von Fragesätzen ist an den Fremden gerichtet, für den wohl nur die Bezeichnung `Vernichter` zutreffend ist. Der rasche Sturz wird durch die „parataktische Satzkette“2 („noch nicht - da schon - und schon“) und den Tempuswechsel zum Zustandspassiv der Vergangenheit verstärkt. „(...) stürzte (...) und war schon zerrissen (...)“ „Der Schluss erhält durch das nicht ganz durchgängige Präteritum einen ungewöhnlichen Grad an Absurdität: Das erzählende Ich überlebt sich selbst als erzähltes Ich, so dass es seinen eigenen Tod aus der Distanz des epischen Präteritums mitteilt.“3

Dieser Text ist eine Parabel. Das beschriebene absurde Bild darf man nicht als ein solches sehen, sondern man muss es erst auf die Sachhälfte übertragen um den eigentlichen Sinn des Textes zu verstehen. Das typische an Kafkas verrätselten Parabeln ist, dass man sie nicht eindeutig deuten kann und dass das Bild nie eindeutig aufgelöst werden kann.

Biographische Lesart

Diese Parabel kann, mit dem nötigen Hintergrundwissen, auf das Leben Kafkas bezogen werden. Der Ich-Erzähler, Kafka beschreibt sich als Brücke „über einem Abgrund“. Kafka möchte eine menschliche Verbindung aufbauen, was aber in „unwegsamer Höhe“ nicht möglich ist. Dies spiegelt Kafkas Existenzproblematik wieder. Er möchte Menschen über den Abgrund helfen, also Verantwortung übernehmen, kann dies jedoch aufgrund seines unsicheren Halts nicht tun. Es ist klar, dass er sich „im bröckelnden Lehm (...) festgebissen“ nicht lange halten kann, und dass er bald abstürzen wird. Der Absturz wird durch den Fremden verursacht, der ihm unrechtmäßig Schmerzen zufügt, wie es auch des öfteren Kafkas Vater gemacht hat4. Die Brücke dreht sich um, um den Unbekannten, den Vater, zu sehen und im zu begreifen, warum ihm dieses Unrecht angetan wurde. Dabei verliert sie ihren Halt und stürzt. Der Absturz kann auch eine Befreiung aus einer aufgezwungenen Lage sein, wie es die von Kafka war, der unter dem ständigen Druck seines Vaters stand. „Ohne einstürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.“ Das Ordnen der Rockschöße kann ein Tadel des Vaters sein, dessen Wunscherwartungen Kafka nie entsprechen konnte. Die Kieselsteine sind Kafka feindlich gesonnen, da sie „zugespitzt“ und nicht wie normale Kiesel rund sind. Das Starren deutet darauf hin, das sie auf den Absturz der Brücke warten. Die Kiesel stehen für die breite Öffentlichkeit, die auf die Werke Kafkas mit heftiger Kritik entgegneten. Kafkas Zeitliche Desorientierung wird durch „Einmal gegen Abend war es (...)“ wiedergespiegelt. Das Ereignis der Begegnung mit einem Menschen hat, trotz seiner Bedeutung für die Brücke, keine zeitlich genaue Einordnung. Kafka war als deutscher Jude, der in Prag lebte, stark von seinen Mitmenschen isoliert, was auch in der Parabel wiedergegeben wird. „Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet.“ Der Sturz in den Fluss ist ein Zurückfallen auf den Nullpunkt der Beziehung zu seinem Vater. Die Kieselsteine im Fluss haben ihn „aufgespießt und zerrissen“, obwohl sie „mich immer so friedlich (...) angestarrt haben“. Dies deutet darauf hin, dass Kafka kaum Kontakt zu anderen Menschen hatte und nichts über ihre Haltung ihm gegenüber wusste.

Religiöse Lesart

Der Sturz der Brücke kann mit dem Sturz Israels verglichen werden. Israel wollte sich ein Bildnis von Gott machen, und als das nicht gelang, wendete es sich anderen Göttern zu, so wie die Brücke sich nach dem Fremden umsieht. „Es rächt sich, dass du mir den Rücken zugewandt hast. Sieh doch ein, wie viel Leid und Unglück es bringt, dem Herrn, deinem Gott, davonzulaufen und mich nicht ernst zu nehmen! Ich, dein Gott, Herr der ganzen Welt, sage das.“5 Der Vater steht über Kafka, wie Gott über Israel und wie der Fremde über der Brücke. Als die Brücke sich dem Fremden nicht einfach unterwürft und sich nicht geduldig „mitten auf den Leib“ springen lässt, führt das zu ihrem Absturz, den sie selbst verschuldet hat.

Philosophische Lesart

Auf das allgemeine Leben jedes Einzelnen kann man diese Parabel ebenfalls beziehen. Die Isolation, die eingegangen wird, um eine Beziehung, die am bröckeln ist, aufrechtzuerhalten, führt dazu, dass man sich nur schlecht wieder in die Gesellschaft einfügen kann, wenn die Beziehung bzw. die Freundschaft zur einzigen Bezugsperson abgebrochen ist. Es ist also besser, sich nicht von seiner Umwelt abzukapseln, nur um krampfhaft an etwas festzuhalten, was nur noch scheinbar existiert. „Brücke (...), geländerloser Balken (...)“

`Brücke’ als Symbol zwischenmenschlicher Beziehungen

Mit „Brücke“ hat Franz Kafka seine Bindungsprobleme aufgeführt. Er hatte es in seinem ganzen Leben nicht geschafft, eine „Brücke“ zu seinen Verlobten zu schlagen. Es hat immer nur zu einem „geländerlosen Balken“ gereicht. Dasselbe Problem hatte er in der Beziehung zu seinem Vater, oder überhaupt zu anderen Menschen. Der Titel „Die Brücke“, der nicht von Franz Kafka, sondern von Max Brod stammt, trifft meiner Meinung nach gut gewählt und trifft auf den in der Parabel beschriebenen Zustand der Bindungsunfähigkeit genau zu.

Anhang

- Deutsches Wörterbuch Wahrig. Gütersloh-München (Bertelsmann) 1986-91.
- Harenberg Kompakt Lexikon. Dortmund (Harenberg Lexikon Verlag) 1996.
- Reinhard Meurer: Franz Kafka Erzählungen. München (Oldenbourg) 1990.
- Die Bibel in heutigem Deutsch. Nördlingen (C. H. Beck) 1991.

- Internet:

- www.inst.at/trans/3Nr/blumenkrantz.htm
- www.krref.krefeld.schulen.net/biographien/b0058t00.htm
- www.demog.berkeley.edu/~dstein/papers/kafka.htm
- www.members.magnet.at/springerin/d/springer_37/springer_37_582.htm
- www.zum.de/Faecher/D/Saar/gym/kafkazus.htm#

[...]

1 Vgl. Reinhard Meurer: Franz Kafka Erzählungen. München (Oldenbourg Verlag GmbH) 1990. 6. Auflage. S.69.

2 Vgl. Reinhard Meurer: Franz Kafka Erzählungen. München (Oldenbourg Verlag GmbH) 1990. 6. Auflage. S.70.

3 vgl. Reinhard Meurer: Franz Kafka Erzählungen. München (Oldenbourg Verlag GmbH) 1990. 6. Auflage. S.68.

4 Franz Kafka: Brief an den Vater (Originalfassung)

5 Die Bibel im heutigen Deutsch. Deutsche Bibelgesellschaft. Stuttgart. 1991. Zweite durchgesehene Auflage.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Kafka, Franz - Die Brücke
Note
3
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V107484
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit der religiösen Deutung konnte sich mein Lehrer nicht anfreunden, aber sonst war die Arbeit ganz in Ordnung
Schlagworte
Kafka, Franz, Brücke
Arbeit zitieren
Laura Gycha (Autor), 2002, Kafka, Franz - Die Brücke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107484

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