Auf einem Auge blind? Die Beziehung der Königin Laudine zum Ritter Iwein zwischen Politik und Minne


Seminararbeit, 2002
24 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Laudine
Psychologische Interpretation Laudines im Dialog (Zz. 1796-1992)
Psychologische Interpretation Laudines im Roman Iwein
Der Wandel Laudines und seine Bedeutung für den Wandel Iweins

2. Die poetologische Funktion des Dialogs für den Roman
Die Funktion des Dialogs im Kontext
Die poetologische Relevanz von Laudines Entwicklung
Formalistische Ansprüche
Der Kniefall Laudines

Schluss

Bibliographie

Anhang: Der Dialog zwischen Laudine und Lunete

Einleitung

Das mediävistische Seminar mit dem Titel „Dialoge“ beschäftigte sich mit ausgewählten Dialogen in verschiedenen Werken. Die Fragen, die die Texte in der Regel an uns stellten, waren: Welche Funktion erfüllt der Dialog im Kontext? Welche Veränderungen würde der Text erhalten, wenn der Inhalt des Dialoges in einem Monolog oder einer Schilderung des Autors mitgeteilt würde? Wieso hat der Autor den Dialog als Stilmittel gewählt? Die Diskussionsleitung im Seminar, die Philip Jordan und ich hatten, beschränkte sich auf den Dialog zwischen Lunete und Laudine im Iwein Hartmanns von Aue (Zz. 1796-1992). Wir sind davon ausgegangen, dass der Dialog eine Art Fundgrube darstellt, der die Eigenschaften der beiden eng befreundeten, einander sehr vertrauten und in ihrer sozialen Stellung dennoch sehr unterschiedlichen Frauen und ihre Beziehung zueinander zu entnehmen sind. Dies ist sicherlich richtig, doch haben wir uns zu einem voreiligen Bild verleiten lassen, das Lunete als schlaue und Laudine als naive Frau darstellt. Dem krassen Gegensatz zwischen sozialer Stellung und Kompetenz beider Frauen innerhalb des Dialogs (siehe Anhang) begegneten wir mit drei Interpretationsansätzen. Wir gingen davon aus, Hartmann habe den Dialog so gestaltet, um a) eine Kritik an der gängigen Gesellschaftsordnung (Geburtsadel, wachsende Verantwortung von Ministerialen bei gleichzeitig hinkender Entwicklung des Rechts) vorzunehmen, b) ein Beispiel erfolgreicher Rhetorik (im Sinne von „Ein Führer zur erfolgreichen Rhetorik im Umgang mit Vorgesetzten“) abzugeben und c) den weiteren Verlauf des Romans poethologisch zu prägen.

Nun hat sich bei der vertieften Lektüre gezeigt, dass Laudines Person im restlichen Werk weit facettenreicher ist als im Dialog. Ihre Stellung als Königin, die Verantwortung für ihr Land und ihre persönlichen Interessen stehen häufig in Konflikt zueinander. Sie bewegt sich zwischen diesen drei Punkten zunehmend geschickter und hat sich zum Schluss des Romans eine Situation geschaffen, die beständig, sicher und komfortabel sein dürfte (der Epilog ist formelhaft gestaltet, Hartmann bemerkt, dass er nichts über das weitere Leben der beiden nun Glücklichen weiss).

Die Umwertung von Laudine schliesst eine gesellschaftskritische Lesart aus. Es macht keinen Sinn, eine Adlige temporär in schlechtem Licht darzustellen, wenn sie schlussendlich zu den „grossen Gewinnerinnen“ zählt.

Dazu habe ich das Interesse am „exemplum rhetoricae“ verloren. Ein solches macht im Gesamtwerk ebenfalls wenig Sinn und stünde ganz alleine im Gesamtumfang des Iweins.

Hartmann ist zwar bekannt für seine „Belehrungen“, doch befassen sich diese eher mit moralischen Fragen bezüglich des rechten Lebens vor Gott, dem König und den Mitmenschen und nicht mit Bildung.

Es bleibt die poetologische Interpretation. Und diese scheint dankbar, denn Laudine entwickelt sich, wie bereits erwähnt, enorm während des Romans und trägt mit ihrem letztlich starken Willen viel zu Iweins erfolgreicher Entwicklung bei. In diesem Sinne möchte ich mich auf diesen Punkt konzentrieren. Zuerst scheint mir eine umfassende Darstellung von Laudine über den ganzen Roman angebracht. Bei dieser Gelegenheit kann auch Iweins Fortschritt betrachtet werden, da sich sowohl beide Personen als auch beider Entwicklungen gegenseitig bedingen.

Zum Schluss möchte ich einen delikaten Punkt in der Rezeption von Hartmanns Iwein, nämlich den Kniefall Laudines, anhand der Charakterisierung Laudines ansprechen. Wenn nämlich so grosse Unsicherheiten in der Forschung bestehen wie in der Genese der Handschriften, so kann und darf man sich kaum darauf verlassen. Das Psychogramm Laudines dürfte in dieser Hinsicht ein entscheidendes Werkzeug sein bei der Beantwortung der Frage nach „Hartmanns Schluss“.

Neben der gebrauchten Literatur habe ich auch diejenige angegeben, die mir im Verlaufe der Arbeit als minder wichtig erschien. Sie soll Interessierten weiterhelfen. Im Anhang befindet sich der Dialog zwischen Laudine und Lunete nach Sprecherinnen aufgeteilt. Dies hat sich im Verlaufe des Seminars als sinnvoll erwiesen für die Analyse.

1. Laudine

Das Publikum dürfte von Laudine als Königin erwarten, dass sie eine eminente Rolle innehat. Ausgehend vom Dialog mag man enttäuscht sein, da sie diesem Anspruch nicht gerecht zu werden vermag: sie ist eine platte, ja naive Frau, die mit ihrem Schicksal hadert und gut gemeinten Rat zunächst kategorisch ausschlägt. Betrachtet man ihre Person jedoch im Kontext, also bis zur zweiten Vereinigung mit Iwein, und betont man dazu noch die Änderungen, die Hartmann gegenüber Chrétien vorgenommen hat, so gewinnt sie an Tiefe. Ihr Wesen wird verständlicher und spielt eine zentrale Rolle in der Reifung Iweins. Sie bildet letztendlich den Stein, der Iwein bei seiner „Reifeprüfung“ gefehlt hat.

Psychologische Interpretation Laudines im Dialog

Laudine gibt innerhalb des Dialoges mit Lunete keine besonders schillernde Rolle ab. Sie ist immerhin Königin über ein Land und hat trotz des eben erlittenen Unglücks politisch zu handeln, und zwar schnell und geschickt. Anhand des Dialogs allein hat man den Eindruck, Laudine ist mit ihrer Situation überfordert und stemmt sich gegen jede Handlung im Allgemeinen. Sie scheint nicht fähig, sich zu einem Plan durchzuringen.

Laudine ist rhetorisch ihrer Zofe Lunete unterlegen, bemerkt dies wohl und reagiert mit ziemlich unreifen Bemerkungen, in denen sie die Loyalität und den Verstand Lunetes anzweifelt. Auf die Bemerkung Lunetes, dass es noch andere tapfere Ritter gebe und ihr Reich somit nicht völlig verloren sei, meint Laudine in ihrem Schmerz über den Verlust ihres Gatten: 'dû tobest, ode ez ist dîn spot. und kêrte unser herre got allen sînen vlîz dar an, ern gemachte niemer tiurern man.’ (1807-1810). Diese Stelle belegt Laudines persönliche Aussichtslosigkeit. Es ist vollends irrational, eine solche Aussage zu machen, und zudem politisch gefährlich.

Laudine kann ihr Schicksal nicht akzeptieren und wünscht sich den Tod, den sie selber nicht herbeiführen kann, da es sich dabei um eine Todsünde handeln würde: ‚dâ von sol sich mîn senediu nôt, ob got wil, unz an mînen tôt niemer volenden: den tôt sol mir got senden, daz ich nâch mînen herren var.’ (1811-1815)

Diese Stelle ist insofern bemerkenswert, als dass sie Laudines weltliche Situation in einem religiösen Kontext widerspiegelt. Die Königin ist überfordert und resigniert, wendet sich an Gott, um ihm ihr Schicksal zu delegieren. Am liebsten würde sie ihr Schicksal in fremde Obhut geben, was ihr aber als Königin nicht möglich ist, es sei denn, Gott als höchste Macht im mittelalterlichen System würde diese Aufgabe übernehmen. Nach einer langen Rede Lunetes, in der sie Laudine die Gefahren ohne Beschützer und die Dringlichkeit eines solchen deutlich präsentiert, setzt Laudine wiederum zu einer Totenklage an, anstatt die Situation zu überblicken und zu handeln, wie sie es als Königin und Herrscherin eines Landes zu tun hätte.

Im Zusammenhang mit ihrer anfänglichen Weigerung auf Lunete einzugehen, zeigt sich, dass Laudine sich mitunter aus sozialen Gründen sträubt, denn sie betont, dass Gott und nur Gott eine schnelle Ehe verstehen würde: ‚Ichn müeze mit einem andern man mînes herren wandel hân, sone wilz diu werlt sô niht verstân als ez doch gote ist erkant: der weiz wol, ob mîn lant mit mir bevridet wære, daz ich’s benamen enbære.’ (1900-1906). Darf sie als frische Witwe sich gleich einen neuen Mann nehmen? Hier spiegelt sich der Konflikt zwischen Innenund Aussenpolitik (wie wir ihn ja heute noch so zu sehen bekommen, vgl. innenpolitisch motivierte Aggressionen nach aussen).

Laudines Todeswünsche scheinen ihr vorläufig gut getan zu haben, so spricht sie ihre vertraute Zofe in der folgenden Zeile 1907 mit ‚liebe’ an, ein Novum innerhalb des Dialogs, und bittet sie um Rat: ‚Nû rât mir, liebe, waz ich tuo, hœret dehein rât dâ zuo.’ (1907, f.) Doch der Rückfall erfolgt sogleich: ‚Sît ich ân einem vrumen man mîn lant niht bevriden kann, so gewinn ich gerne einen, und anders deheinen, den ich sô vrumen erkande daz er mînen lande guoten vride bære und doch mîn man niht wære.’ (1909- 1916) Sie verlangt nach einem Beschützer, der ohne Anspruch auf Land und Frau diese Aufgabe übernimmt, was Lunete scharf als illusionär abkanzelt. Auf diese Replik, die unter anderem eine Darstellung der Vorzüge Laudines ‚geburt rîchheit unde tugent’ (1926) und die wiederholte Behauptung, dass es viele bessere Ritter als den Verstorbenen gebe, beinhaltet, reagiert Laudine gereizt und mit Tadel.

Sie versucht, ihre soziale Machtstellung auszuspielen, indem sie spricht: ‚dû hast zewâre misseseit’ (1939). Von ihrem Glauben, dass ihr Mann der beste war, kann sie sich immer noch nicht verabschieden und zweifelt erneut Lunetes Verstand und Loyalität an: ‚ichn weiz waz ich dir tuon sol: wan ez dunket mich unmügelich. Sich, got der gebezzer dich, ob dû mir nû liegest und mich gerne triegest.’ (1944-1948)

Doch Laudine ist nun verstrickt in die logische Argumentation Lunetes, die allgemein fragt, welcher der bessere Ritter sei, wenn einer davon im Kampf vom anderen erschla- gen worden ist. Kleinlaut gibt Laudine die einzige mögliche Antwort: ‚der dâ gesiget, sô wæn ich.’ (1959). Nun hat Laudine zugegeben, dessen sie sich so lange verschlossen hielt. Lunete expliziert die Antwort Laudines, worauf Laudine aus der Haut fährt und ihre Zofe fortschickt.

Diese letzte Passage hat Hartmann episch verfasst: ‚mit unsiten si ir zuo sprach. Und hiez si enwec strîchen’ (1974, f.). Hat er die Person Laudines so verfasst, wie ich es im Folgenden darzustellen versuche, so können wir davon ausgehen, dass er ihr mit diesem Schritt die Schärfe zu nehmen suchte. Es wird noch zu zeigen sein, dass Laudine zeitgleich mit Iwein eine starke Veränderung durchmacht, die ihr Reife und endlich eine ausgeglichene Liebesbeziehung zu ihrem neuen Beschützer und Ehemann ermöglicht.

Psychologische Interpretation Laudines im Roman Iwein

Im Dialog mit Lunete treten als handlungsbestimmende resp. vor allem handlungshemmende Aspekte Laudines Resignation und Repräsentativitätsdenken in Erscheinung. Sie hat Mühe, sich der Situation zu stellen und verhält sich in Anbetracht der Notlage enorm passiv. Im folgenden Kontext (das erste Treffen mit Iwein, die Ehelichung, der Abschied, die „Entlassung“ und die Wiedervereinigung) gewinnt Laudine zusehends an charakterlicher Vielfalt und übertrifft König Artus am Schluss, indem Hartmann den Roman an ihrem Hofe enden lässt.

Laudines Entwicklung ist eng verknüpft mit derjenigen Iweins, denn die beiden Minnepartner komplementieren sich. Wo der eine Partner ein Defizit aufweist, ist der andere mit einem Übermass versehen. Es handelt sich hierbei um den ambigen Begriff der Ehe, die aus politisch-ökonomischen oder aus emotionalen Gründen geschlossen werden kann. Kurz, wie zu zeigen sein wird: Iwein heiratet auf Geheiss der übermächtigen vrouwe minne, während Laudines Entscheid rational begründet ist.

Im Folgenden möchte ich die Phasen aufzeigen, die Laudine durchmacht, wobei bloss der Kontext nach dem Dialog mit Lunete zu Zug kommt.

Von Liebe kann seitens von Laudine beim ersten Treffen mit Iwein noch nicht gesprochen werden. Sie hält ihre Motivation zur Hochzeit auch nicht bedeckt, vielmehr klärt sie Iwein schonungslos auf: „ir hât mir selch leit getân, stüende mir mîn ahte und mîn guot als ez andern vrouwen tuot, daz ich iuwer niht enwolde sô gâhes noch ensolde gnâde

gevâhen.“ (2304-2309). Sie nennt ihre Schutzbedürftigkeit, ohne die sie dem Mörder ihres Mannes nicht verzeihen wollte und dürfte. MERTENS nennt den Dialog zwischen Laudine und Iwein eine formelle Verlobung, womit er die Sache beim Namen nennt.

Zeile 2421 konzentriert den Sachverhalt: „vrou Laudine hiez sîn wîp“. Die beiden Begriffe vrou (Herrin, Gebieterin, Geliebte) und wîp (Weib, Gemahlin) bilden einen Gegensatz in Bezug auf die Beziehung, die ein Mann zu einer Frau haben kann. CRAMER übersetzt diese Zeile mit „Laudine hiess seine Frau“. Die alternative Lesart lautete: „Die Herrin Laudine wurde (jetzt) seine Frau genannt“. Die Problematik ihrer Ehe wird hier in epischer Form von Hartmann angesprochen.

Wenn Laudine das Wort minne benutzt, meint sie damit nicht unweigerlich die meistgebrauchte Übersetzung, die Liebe. Im Rechtswesen bedeutete minne das Gegenteil von haz (vgl. Z 3872, f., des Löwen minne im Gegensatz zu seinem grimme). Laudines berechnendes Verhalten begünstigt eine juristische Auslegung des Wortes minne. Sie fragt also mit „wer hât under uns zwein gevüeget dise minne?“ (2343, f.) nicht nach dem Urheber ihrer gegenseitigen Liebe (wie CRAMER übersetzt), sondern vielmehr drückt sie ihr Erstaunen über die rasche Versöhnung aus.

Iwein ist ebenso deutlich. Er nennt sich einen gesellen, also einen Geliebten (nur in Beziehung zu einer Person des anderen Geschlechts) und gibt als Grund zur Ehe ihre Schönheit (2355) an. Beide Partner lassen die Motivation des anderen gelten. Laudine kann das egal sein, aber wieso reagiert Iwein nicht? Eigentlich müsste er als gestandener Mann (der er noch nicht ist?) das Herz seiner Liebsten zu gewinnen suchen. Macht ihn die Minne derart benommen, dass er keiner Zusätze zur Anwesenheit Laudines bedarf? Diese Interpretation würde dann an späterer Stelle in Konflikt geraten mit Iweins Entschluss, eben nicht wie Erec zu verligen sondern sich um seine Ehre zu kümmern.

Wie wir gesehen haben, haben beide ihre eigene Motivation zur und ihre eigenen Vorstellungen von der Ehe, und genau in dieser Differenz liegt das grosse Entwicklungspotential von Laudine und Iwein. Sie werden sich gegenseitig „belehren“.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Auf einem Auge blind? Die Beziehung der Königin Laudine zum Ritter Iwein zwischen Politik und Minne
Hochschule
Universität Zürich
Veranstaltung
Seminar Dialoge
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V107515
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Auge, Beziehung, Königin, Laudine, Ritter, Iwein, Politik, Minne, Seminar, Dialoge
Arbeit zitieren
Christoph Steinmann (Autor), 2002, Auf einem Auge blind? Die Beziehung der Königin Laudine zum Ritter Iwein zwischen Politik und Minne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107515

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