Das Urban Gardening als Heterotopie im Ruhrgebiet

Anwendung von Michel Foucaults Heterotopiemodell in "Andere Räume"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

26 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Heterotopie
2.1 Foucaults Heterotopiemodell in „Andere Räume“
2.2 Der Garten als heterotopen Ort
2.3 Heterotopien im Kontext von Gesellschaft

3. Urban Gardening
3.1 Urban Gardening Definition
3.2 Orte des Urban Gardening als Heterotopien des Ruhrgebietes
3.2.1 Die Gartentradition im Ruhrgebiet
3.2.2 Beispiele des Urban Gardening im Ruhrgebiet
3.2.3 Forschungsfrage: Urban Gardening als Heterotopie

4. Ausblick

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Als Region, die sich durch ihre markanten Charakterzüge, wie dem Fußball oder der staubigen Industriekultur definiert, lässt sich über das Ruhrgebiet eine Vielzahl an Klischees finden. So werden neben der Kioskliebe und dem „Ruhrpottslang“, auch die Schrebergärten als typisch für die Region betrachtet. Tatsächlich bietet das spießige Gartenparadies “Schrebergarten“ inmitten der Städte einen wichtigen Lebensmittelpunkt für viele Bewohner. Doch seit ein paar Jahren gesellt sich ein neues Gartenphänomen, welches sich öffentlicher und innovativer gestaltet, neben die Kleingartenvereine der Schrebergärtner.

Beim Urban Gardening trifft Urbanität auf Gartenbau, denn es geht um die Restaurierung von ungenutzten Brachflächen, Dächern oder Stadtnischen in Gemeinschaftsgärten inmitten eines urbanen Raumes. Das Phänomen kommt aus New York und verbreitet sich international, so auch in Deutschland und dem Ruhrgebiet. Mit der steigenden Zahl Urbaner Gärten, wächst somit auch das öffentliche Hinwenden zu dem Thema. So informieren auch die Medien in Berichten im Fernsehen, Radio oder Printmedien über den Urbanen Gartenbau1. Ähnlich wie bei der Schrebergartenkultur, geht es beim Urban Gardening um das Durchbrechen der Digitalisierung des modernen Alltages und das erneute Erfahren von Natur. Aber das wachsende Interesse bei den Stadtmenschen hat eine Vielzahl an weiteren, sozial-ökologischen Beweggründen. Spannend ist hier zu schauen, welche Motivationen die Faszination ankurbeln und welche Potentiale hinter der Re-Evaluierung des Raumes, in dem Urbanität neu verstanden wird, stecken.

Folglich sucht die Arbeit Anschluss an Konzepte der Raumtheorie. Mit einem kritischen Lesen wird sich hier dem Heterotopiemodell Foucaults genähert, welches auf Beziehungen von Raum und Zeit eingeht. Hauptsächliches Augenmerk liegt dabei auf seinem Text „Andere Räume“, in welchem es um Orte geht, die Gegenmodelle zur Gesellschaft aufzeigen. Neben einem Bezug zu Foucaults Ansichten zum Garten, werden auch Rezeptionen und Ergänzungen des Modells vorgestellt, um vor allem in Bezug auf die Heterotopien in Machtgefügen einen umfangreichen Einblick zu gewährleisten. Außerdem wird anhand von Foucaults Grundsätzen herausgestellt, was einen Ort schließlich zu einer Heterotopie macht.

Bringt man somit das Urban Gardening im Ruhrgebiet mit Foucaults Heterotopiebegriff zusammen, lässt sich folgende Forschungsfrage ableiten:

Können Orte des Urban Gardening als Heterotopien des Ruhrgebietes gesehen werden?

Für eine Annäherung bedarf es neben der Erläuterung der Theorie (2.1-2.3), auch eine geschichtliche Kontextualisierung des Ruhrgebietes und der Gartenbewegung in der Region. Somit gliedert sich das dritte Kapitel neben einer umfangreichen Definition des Urban Gardening (3.1), auch in einen Exkurs in die Gartentradition der Region (3.2.1) und aktuelle Beispiele des Urbanen Gartenbaus in Dortmund und Bochum (3.2.2). Das Kapitel endet mit der Analyse, ob und inwiefern Orte des Urban Gardening im Ruhrgebiet tatsächlich einer Heterotopie entsprechen. Zum Schluss werden die Ergebnisse in einem Fazit gesammelt und ein Ausblick auf weitere Forschungsbereiche zu den Themen Heterotopie und Urban Gardening schließt die Arbeit ab.

Aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung werden generische Maskulina verwendet. Die männlichen Personenbezeichnungen beziehen sich jedoch gleichwertig auf Frauen und Männer und sind als geschlechterübergreifend zu verstehen.

2. Heterotopie

Schon der Ursprung des Wortes Heterotopie deutet die Andersartigkeit des damit gemeinten Ortes an. Aus den griechischen Wörtern heteros (= anders) und topos (= Ort) ableitend, meint eine Heterotopie vom Wortursprung her einen Anders-Ort2. Im Folgenden wird vertieft auf Foucaults Heterotopiemodell eingegangen. Foucault hat sich als Begründer des Begriffes intensiv mit räumlichen und zeitlichen Beziehungen von Orten auseinandergesetzt. Da für die Forschungsfrage besonders Foucaults Überlegungen zur räumlichen Heterotopie, dem Garten und der Gesellschaft relevant sind, werden diese vertieft erläutert.

2.1 Foucaults Heterotopiemodell in „Andere Räume“

Michel Foucault gilt als Begründer des Heterotopiemodells und verwendet den Begriff in einer Vielzahl seiner Werke. Erstmals erwähnt wird die Heterotopie in seinem Werk zur Ordnung der Dinge aus dem Jahre 1966. Während sie hier als ein Diskurstyp definiert wird, welcher unmittelbar an die Sprache gebunden ist3, koppelt Foucault den Begriff in nachfolgenden Arbeiten von der linguistischen Komponente ab und beginnt die Heterotopie rein räumlich zu erfassen4.

Sein Text “Andere Räume” von 1967 leitet Foucault mit einer geschichtlichen Erläuterung des Raumes ein. Während der Fokus im 19. Jahrhundert auf der Geschichte lag, wurde ab dem 20. Jahrhundert die Betrachtung des Raumes vordergründig5. Er führt an, dass sich die Wahrnehmung des Raumes stark verändert hat: Während man im Mittelalter den Raum hierarchisch angeordnet hat, verstand man ihn im 17. Jahrhundert und dem damit einhergehenden, tieferen Verständnis der Erde als etwas unendlich Weites6. Zu Foucaults Zeiten dann gewann die Lage der Räume an Bedeutung, welche “durch Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Punkten und Elementen“7 bestimmt wird. Foucault versucht in seiner Theorie Zeit und Raum in Relation zu verstehen und sieht die moderne Welt als ein Netz, dessen Stränge sich kreuzen und dessen Punkte sich verbinden8. Folglich ist für Foucault die Beziehung zwischen Orten (zeitlich und räumlich) essenziell für sein Raumverständnis.

In “Andere Räume” unterscheidet Foucault außerdem zwischen inneren und äußeren Räumen, wobei der äußere Raum den “Raum, in dem wir leben (…), in dem sich die Erosion unseres Lebens, unserer Zeit und unserer Geschichte abspielt”9 meint. Dieser äußere Raum ist des Weiteren durch seine vielen Relationen definiert. Besonderes Interesse kommt hier vor allem den Platzierungen zu, welche “sich auf alle anderen Platzierungen beziehen, aber so, daß Sie die von diesen bezeichneten oder reflektierten Verhältnissen suspendieren, neutralisieren oder umkehren”10. Es geht also um die Räume, die zwar in Relation zu anderen Orten stehen, zu diesen aber gleichzeitig widersprüchlich sind. Foucault teilt diese Räume weiter ein und unterscheidet zwischen Utopien und Heterotopien. Während eine Utopie ein Ort ohne realen Ort ist, quasi ein abstraktes Konstrukt, meint eine Heterotopie etwas wirklich Existierendes:

„Es gibt gleichfalls - und das wohl in jeder Kultur, in jeder Zivilisation - wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können. Weil diese Orte ganz andere sind als alle Plätze, die sie reflektieren oder von denen sie sprechen, nenne ich sie im Gegensatz zu den Utopien die Heterotopien.“11

Folglich lässt sich die Heterotopie, die Foucault hier beschreibt, als eine auf Erden verwirklichte Utopie beschreiben. Heterotopien sind laut ihm Orte, welche die Gesellschaft reflektieren, in dem sie diese in Frage stellen, verneinen oder umkehren. Daher rührt auch die Bezeichnung als Anders- bzw. „Gegenort“12.

Um die heterotopen Orte besser zu erläutern, stellt Foucault sechs Grundsätze auf. Kurzgehalten, besagt der erste Grundsatz, dass in jeder Gesellschaft Heterotopien entstehen. Der zweite Grundsatz hingegen hält fest, dass Heterotopien nicht statisch, sondern dynamisch sind und sich somit die Funktion eines solchen Ortes durch zeitliche und gesellschaftliche Veränderungen mitverändert13. Drittens erwähnt Foucault die Qualität der Heterotopie “mehrere Räume […] zusammenzulegen, die an sich unvereinbar sind”14, als wichtige Beispiele nennt er hier das Theater oder den Garten. Der vierte Grundsatz besagt, dass Heterotopien sich dadurch kennzeichnen, dass hier “Menschen mit ihrer herkömmlichen Zeit brechen”15. Außerdem charakterisieren sich Heterotopien durch die Eigenschaft der Öffnung und Schließung. Heterotope Orte seien privat und isoliert und somit nicht für jeden direkt frei zugänglich. Im letzten Grundsatz verweist Foucault darauf, dass eine Heterotopie die Funktion hat, den nicht heterotopen Raum zu kompensieren bzw. als Illusionsraum fungieren zu können. Hier erwähnt er beispielsweise Bordelle oder das Schiff als die Heterotopie par excellence16.

2.2 Der Garten als heterotopen Ort

Der Garten nimmt in Foucaults Theorie einen besonderen Stellenwert ein, da er “das älteste Beispiel einer Heterotopie [sein] dürfte”17. Wie bereits erläutert, erwähnt Foucault in “Andere Räume“ den Garten im Rahmen des dritten Grundsatzes, welcher besagt, dass sich in einem heterotopen Ort mehrere, nicht zu vereinbarende Platzierungen überlagern. Bei seinem Bezug zum Garten schaut Foucault zurück auf die persische Gartenkultur und beschreibt, dass diese orientalischen Gärten als heilige Räume gesehen wurden, welche in verschiedene Teilbereiche unterteilt waren, die wiederrum die Welt repräsentierten. Gleichzeitig beinhalteten die Gärten in der Mitte meist eine Wasserquelle, welche den Erdmittelpunkt als Nabel der Welt darstellte. Somit bekommt der Garten zweierlei Bedeutungsstränge zugeteilt. Zum einen existiert er als kleine Parzelle auf der Erde, zum anderen repräsentiert er die Ganzheitlichkeit der Welt18. Somit bestätigt der Garten den dritten Grundsatz, indem er zwei nicht zu vereinbarende Raumbedeutungen in einem Ort überlagert.

Außerdem definiert Foucault eine Heterotopie als “tatsächlich realisierte Utopie”19. Utopien meinen hier, wie bereits angerissen, keinen wirklichen Raum, sondern eine “Perfektionierung der Gesellschaft”20. In anderen Worten ausgedrückt, sind für Foucault Utopien nicht existente Räume, quasi nur Ideen einer idealen Gesellschaft. Mutzenbach äußert sich ebenfalls zur Utopie. Sie spricht von der “Idealvorstellungen vom Urparadies”21 und referiert dabei auf das heute wohl berühmteste Paradies, den Garten Eden22. Mutzenbach betitelt den Garten hier als einen utopischen Ort. Auch Gisela Steinlechner beschreibt in ihrem Aufsatz “Zwischen Heterotopie und Hortus Conclusus” das Paradies als das mächtigste Motiv des Gartens. Hierbei ist nicht nur der Rückbezug auf den biblischen Garten Eden, sondern auch Paradiesvorstellungen der islamischen oder antiken Kultur gemeint. Der Garten gelte als die Metapher für das Paradies, da die Paradieserzählung an das Setting eines Gartens gekoppelt ist23. Folglich überlagert sich auch hier Foucaults Idee von einer Heterotopie mit den Konnotationen eines Gartens: eine realisierte Utopie, eine verwirklichte Idealvorstellung und somit ein Paradies auf Erden.

2.3 Heterotopien im Kontext von Gesellschaft

Aufgrund des Renommees des Modells von Foucault gibt es viele kritische Auseinandersetzungen mit und Anmerkungen zu seinem Heterotopiemodell. So stellt beispielsweise Sebastian Dirks die Notwendigkeit heraus, einen Ort nicht nur anhand der sechs Grundprinzipien auf seine heterotopen Qualitäten zu untersuchen. Er bringt an, dass eine Analyse nur dann kritisch-konstruktiv sei, wenn das Verhältnis von der Heterotopie und deren Restraum untersucht wird24. Es geht lauf Dirks also vor allem um die Betrachtung der Gesellschaft in der sich die Heterotopie befindet, denn auch er sieht Heterotopien wie Foucault als Andersorte, die sich durch ihr Abspalten von der herrschenden Norm auszeichnen25.

Für Foucault gibt es keine in sich geschlossene Gesamtgesellschaft, da dies ein utopisches Konzept wäre26. Dieses Ideal einer Gesamtgesellschaft wird bei Foucault von dem Anderen, der Heterotopie, durchbrochen, "wobei das Abweichende gleichzeitig dem Funktionieren einer solchen scheinbaren Gesamtgesellschaft dient"27. Auch Chlada äußert sich in seinen Äußerungen 2005 zur Heterotopie mit besonderem Augenmerk auf ihr Verhältnis zur Macht und Gesellschaft. Er ordnet Foucaults Heterotopiemodell in einen Diskurs über Politik ein und beteuert die Notwendigkeit sein Modell vor dem Hintergrund seiner Machtanalysen zu betrachten28. Auch Chlada sieht wie Dirks Heterotopien als Räume, die sich der herrschenden Norm entziehen. Chlada ergänzt, dass Heterotopien dazu dienen dem Anormalen einen Raum zu geben und es somit gleichermaßen kontrollieren und disziplinieren. Hierdurch wird der Heterotopie Macht zugeschrieben29. Folglich wird durch heterotope Orte das Andere in die Gesellschaft integriert und somit toleriert. So gefährdet das Andere die Gesamtgesellschaft nicht, sondern erhält sie aufrecht. Außerdem widerspricht die Heterotopie dem Restraum und ermöglicht ihn so zu reflektieren ohne dabei zu versuchen ihn einzunehmen. Sie irritiert die Gesamtordnung, hält sich aber gleichermaßen an Randbereichen auf30. Für Chlada schaffen es Heterotopien somit "zur Aufrechterhaltung bestehender Machtstrukturen [beizutragen]"31, indem sie dem Anderen einen Platz geben und es dadurch gesellschaftsfähig machen.

Auch kritischen Äußerungen zum Heterotopiemodell kann man Chladas Argumentation entgegenbringen. Klaas beispielsweise stellt die Einordnung des Modells in die Machttheorie in Frage. Laut ihm kann eine Heterotopie keine Verwirklichung einer Utopie sein, wie Foucault sie beschreibt, denn Utopien zeichnen sich durch die Unmöglichkeit real zu sein aus. Somit sei laut Klaas "eine verwirklichte Utopie ein Widerspruch in sich"32. Chladas Ansatz reagiert auf diese Annahme. Für Chlada sind Foucaults Heterotopien kein Versuch Utopien zu verwirklichen, sondern sie experimentieren höchstens mit der Vorstellung einer veränderten Gesellschaft33. Sie versuchen somit zwar utopische Ideale der Bürger umzusetzen, haben allerdings nicht den Anspruch eine unabhängige Gesellschaft zu sein. Denn auch die "Heterotopisten"34 lösen sich nicht vom Restraum ab, sondern leben und partizipieren in ihm und sind auf ihn angewiesen35. Um sich dem Restraum komplett zu entziehen und die Heterotopie losgelöst von der Gesellschaft leben zu können, müsse man "auf einer einsamen Insel stranden"36. Abschließend zu Chladas Überlegungen lässt sich festhalten, dass er die Heterotopie mit einem "linken" Widerstand vergleicht, bei dem es nicht um sozial Gerechtigkeit geht, sondern die "individuelle Erleuchtung"37 und die "Revolutionierung des Alltagslebens"38 im Vordergrund steht.

3. Urban Gardening

3.1 Urban Gardening Definition

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieb der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau in seinem berühmten Werk Walden seine Flucht aus der industrialisierten Gesellschaft in ein minimalistisches Leben in den Wald, um wieder in den Einklang mit der Natur zu gelangen. Mit den Worten „We do not ride the railroad; it rides upon us”39, stellte Thoreau bereits in den 1850er Jahren heraus, wie sehr der Mensch von der Industrialisierung eingenommen wird und sich unaufhaltsam von der Natur entfernt. Im Vergleich zur heutigen Bevölkerungsdichte und mit Blick auf die Größe internationaler Großstädte ist es beinahe unvorstellbar, dass Thoreau bereits vor fast zwei Jahrhunderten eine Entfremdung durch explodierendes Städtewachstum wahrgenommen hat. Dies zeigt allerdings, wie schnell der Mensch in der heutigen Gesellschaft den Bezug zur Natur und das Gefühl für natürliche Produktionsprozess verliert40. Auch Eigenbrod und Gruda schreiben darüber, dass durch die Verstädterung der Gesellschaft vor allem Kinder kaum mehr Bezug zur Natur, zur Landwirtschaft oder zum Gartenbau haben41. Aus solchen Beweggründen entstanden vor rund 40 Jahren in Metropolen wie New York die ersten Projekte, die dieser Entfremdung entgegenzusteuern versuchten. In den sogenannte „community gardens“ taten sich Menschen aus Nachbarschaften zusammen, um gemeinsam auf leerstehenden Grundstücken Gärten einzurichten. Hierbei ging es vor allem um bürgerliche Partizipation an der Stadtplanung, Selbstversorgung und eine Verschönerung des Stadtbildes, weshalb die Bewegung nicht nur sozial-ökologischen, sondern auch politischen Gründen entspringt42.

Auch in Deutschland hat sich das gemeinschaftliche Gärtnern in Stadtgärten, welches sich unter dem kollektiven Oberbegriff Urban Gardening zusammentragen lässt, durchgesetzt. Staib schreibt, dass das Projekt „Essbare Stadt“ in Andernach die ersten Grundsteine für die Bewegung in Deutschland legten und das Phänomen seither auch in kleineren Städten Wurzeln schlägt. Laut Staib ist das „Urban Gardening […] zum gesamtgesellschaftlichen Trend geworden – Stadtverwaltungen ernennen Urban-Gardening-Beauftragte und Baumärkte verkaufen Urban-Gardening Zubehör“43.

Da sich das Urban Gardening allerdings sehr variabel gestalten kann und auch die Ziele der einzelnen Gartenprojekte unterschiedlich gesetzt werden, ist es schwer eine einheitliche Definition herauszufiltern. Im Folgenden werden somit mehrere Ansätze zusammengetragen, um einen umfangreichen Einblick in das Konzept Urban Gardening zu geben. Ella von der Haide unterscheidet hier zwischen einer Definition im engeren und weiteren Sinne. Hierbei variiert vor allem der Grad der Öffentlichkeit, abhängig von der bürgerlichen Organisation. Während Urbane Gärten im weiteren Sinne „neue und alte Formen von bürgerschaftlicher Hortikultur im Stadtbereich wie Schul-, […] Mieter-, Kraut- und Dachgärten sowie bürgerschaftliche Park- […] und öffentliche Streuobstwiesen und andere grüne Allmenden“44 umfassen, fokussiert sich die Definition im engeren Sinne auf öffentlichere Projekte. Von der Haide definiert Urbane Gärten im engeren Sinne als „neue Formen öffentlicher oder teilöffentlicher, bürgerschaftlicher, partizipativer, kooperativer, experimenteller, ökologischer, produktiver, DIY Freiraumgestaltung im Siedlungsbereich“45. Hierzu ergänzt sie, dass die Begriffe Urbane Gemeinschaftsgärten und Urban Gardening Projekte als Synonyme verwendet werden. Außerdem führt sie an, dass die Urbanen Gärten ungleich Kleingärten keiner Kleingartenverordnung unterliegen, sondern kollektiver organisiert sind. Sie verstehen sich außerdem ökologisch bewusster und stärker im Stadtraum integriert46.Wie bereits erwähnt gestaltet sich das Urban Gardening sehr unterschiedlich und entspringt individuellen Idealen. In einer Vielzahl Urbaner Gärten geht es aber vor allem darum „[i]n Zeiten der Globalisierung, in denen Wachstum, Fremdbestimmung und Kommerzialisierung das Bild bestimmen, […] alternative Lösungsansätze zu finden, die neue Visionen und Lebensstile hervorbringen“47. Ziele können somit eine Verbesserung der Lebensqualität, der Erhalt biologischer und kultureller Vielfalt, die Erhöhung des Angebots für lokales Gemüse, positive Effekte für die Ökologie von Stadträumen, Nachhaltigkeit, Resilienz oder die Möglichkeit zur Autonomie und Teilhabe sein48.

[...]


1 Scheve 2014, S. 7.

2 Saberschinsky 2015, o.S.

3 Gray 2012, S. 8.

4 Klass 2014, S. 264.

5 Pott 2016, S. 63.

6 Ebd.

7 Foucault 1992, S. 36.

8 Ebd. S. 36ff.

9 Ebd. S. 38.

10 Ebd.

11 Foucault 1992, S. 39.

12 Pott 2016, S. 267.

13 Werchohlad 2020, S. 99.

14 Foucault 1992, S. 42.

15 Ebd. S. 43.

16 Ebd. S. 40ff.

17 Foucault 2012, S. 14f. Zitiert nach Pott 2016, S. 68.

18 Foucault 1992, S. 42f.

19 Ebd. S. 39.

20 Ebd.

21 Mutzenbach 2012, S. 4.

22 Ebd.

23 Steinlechner 2013, S. 287ff.

24 Dirks 2012, S. 138f.

25 Ebd.

26 Pott 2016, S. 81.

27 Ebd.

28 Chlada 2005, S. 8.

29 Ebd.

30 Ebd. S. 108ff.

31 Pott 2016, S. 81f.

32 Klaas 2009, S. 149.

33 Chlada 2005, S. 21.

34 Ebd. S. 113.

35 Chlada 2005, S. 21ff.

36 Pott 2016, S. 83.

37 Chlada 2005, S. 113.

38 Ebd. S. 114.

39 Thoreau 2004, S. 98f.

40 Gehrke 2012, S. 1.

41 Eigenbrod 2015, S. 55.

42 Gehrke 2012, S. 1ff.

43 Staib 2015, o.S. Zitiert nach Biedermann 2017, S.1.

44 Von der Haide 2014, S. 5.

45 Ebd.

46 Ebd.

47 Gehrke 2012, S. 1.

48 Eigenbrod 2015; S. 54, Gehrke 2012; S. 2, von der Haide 2014, S. 8.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Urban Gardening als Heterotopie im Ruhrgebiet
Untertitel
Anwendung von Michel Foucaults Heterotopiemodell in "Andere Räume"
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Institut für Kunst und Materielle Kultur)
Note
1.0
Autor
Jahr
2021
Seiten
26
Katalognummer
V1075493
ISBN (eBook)
9783346478474
ISBN (Buch)
9783346478481
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit entstand im Rahmen des Lehramtstudiums für Gymnasium und Gesamtschule. Sie wurde im Frühjahr 2021 verfasst und mit der Note 1.0 bewertet.
Schlagworte
Heterotopie Urban Gardening Urbaner Gartenbau Foucault Ruhrgebiet
Arbeit zitieren
Mareen Illiges (Autor:in), 2021, Das Urban Gardening als Heterotopie im Ruhrgebiet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1075493

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