Giovanni Pico della Mi randola


Seminararbeit, 1998

24 Seiten, Note: 2,3


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Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1. Biographisches
1.1. Lebenslauf
1.2. Picos Philosophie

2. Heptaplus
2.1. Wirkende und potentielle Kräfte
2.2. Dreiteilung der Welt
2.3. Der Mensch als Mittelpunkt

3. Picos Moral
3.1. Einheitsmystik
3.2. Seelenwanderung
3.2. Liebe und Sinnlichkeit

4. Fazit und Schluss

5. Literatur

0. Vorwort

Während es mir im mündlichen Vortrag, ganz im Sinn des Seminartitels „Inszenierung des Geheimnisvollen“ insbesondere um eine theatral vermittelte Darstellung von Picos Persönlichkeit und der euphorischen Grundstimmung in der italienischen Renaissance angesichts der Aufbruch verheißenden Epoche ging, wende ich mich in dieser schriftlichen Arbeit ausführlicher Picos Weltbild und Philosophie zu.

So werden Einzelaspekte seines philosophischen Schaffens, etwa seine Vorstellung von der Dreiteilung der Welt, des Menschen Stellung in der Welt oder der Seelenwanderung herausgegriffen und besprochen, insbesondere im Hinblick auf den zeitimmanenten Konflikt von Kirche und Wissenschaft, der in Picos Biographie und Werk in exemplarischer Weise zutage tritt.

Grundlage für den Diskurs sind zwei Hauptwerke Picos: DerHeptaplusaus dem Jahre 1484 und die RedeÜber die Würde des Menschenvon 1486. Was die biographischen Angaben betrifft, habe ich mich auf seinen Übersetzer Arthur Liepert, seinen Herausgeber August Buck und auf Metzlers Philosophenlexikon verlassen. Auf der Deutungsebene lieferten mir Liepert wertvolle Hinweise und Kristeller das nötige Hintergrundwissen für die Einordnung in den zeitlichen Kontext.

1. Biographisches

1.1. Lebenslauf

Giovanni Pico della Mirandola [1]wird am 24.2.1463 in Mirandola (bei Modena) geboren. Der Vater verstirbt früh. Die Mutter lässt ihm eine humanistische Ausbildung angedeihen. Pico werden, neben körperlicher Schönheit und einem „eigentümlich femininen Zug seines Charakters“, ungewöhnliche Gedächtniskraft und unbändiger Wissenstrieb nachgesagt.[2]

1477 wird er zum Notar der päpstlichen Kanzlei ernannt und beginnt das Studium des kanonischen Rechts in Bologna. seit 1479 betreibt er philosophische Studien über das mittelalterliche scholastisch-aristotelische Denken, zunächst in Ferrera, von 1480 bis 1482 in Padua. Hier hat er erste Kontakte zu jüdischen und humanistischen Gelehrten (Ficino u.a.). Aus dem Jahre 1484 stammt derHeptaplus, eines der wichtigsten Werke zum Verständnis von Picos Philosophie.

1485 reist er nach Paris, um am dortigen Zentrum scholastischer Philosophie und Theologie zu studieren. Aus diesem Jahr stammt auch sein berühmt gewordener Briefwechsel mit Ermolao Barbaro. 1486 kehrt er nach Florenz zurück, macht sich an das Studium des Arabischen und des Hebräischen in Pereguia. Auf der Grundlage seiner Erkenntnisse erhält er (als einer der ersten europäischen Gelehrten) Zugang zur Kabbala. Noch im selben Jahr verfasst er 900 Thesen zur Philosophie und Theologie, die er in einer öffentlichen Disputation zu verteidigen gedenkt. Aus diesem Jahr stammt dieOratio de hominis dignitate,die Rede über die Würde des Menschen, die als eines der Hauptwerke der Renaissance gilt.

Das Treffen findet niemals statt, da der Versuch misslingt, die Kirche von der Vereinbarkeit der Thesen mit der Heiligen Schrift zu überzeugen. Eine Kommission des Papstes Innozenz VIII lehnt sieben als häretisch ab und stuft sechs weitere als verdächtig ein. Unter den verbotenen Thesen finden sich die Aussagen: Christus sei nicht wirklich, sondern nur der Wirkung nach in die Hölle abgestiegen. Eine in Einsicht auf die Zeit beschränkte Todsünde könne nicht durch ewige Strafe gesühnt werden. Keine Wissenschaft überzeuge uns mehr von der Gottheit Christi, als Magie und Kabbala.[3]

Der Konflikt spitzt sich, als Pico eine Verteidigungsschrift verfasst. Er flüchtet nach Frankreich, wird von päpstlichen Gesandten verhaftet und darf erst unter dem Schutze Lorenzo de Medicis nach Florenz zurückkehren, wo er unter Bann gestellt wird.

Seine letzten Lebensjahre widmet er sich dem Verfassen philosophischer Schriften, u.a. eine sehr umfangreiche Streitschrift gegen die Astrologie, sein größtes zusammenhängendes Werk. Prägend für Picos weitere Entwicklung wird in diesen Jahren der Dominikaner-Mönch, Prediger und Prophet Girolamo Savonarola, der von einemtheokratischen Staatträumt, mit der Kirche und ihren Mitgliedern als zentrale, auf ewig unentbehrliche Mittler zwischen Mensch und Gott. Pico zögert, in den Orden einzutreten, weil er nicht mit Savonarolas strengkatholischer Gesinnung übereinstimmt, sondern nach einem freien Gottglauben, jenseits der Institution, trachtet.[4]

Das Verhältnis zwischen der Kirche und dem gläubigen Christenmenschen Pico bleibt zeitlebens zwiespältig. Erst Papst Alexander VI. hebt den kirchlichen Bann 1493 auf. Er stirbt, recht plötzlich, am 17.11.1494, dem Tag des Einzugs Karl VIII. in Florenz.

1.2. Picos Philosophie

Die italienische Frührenaissance bildet als auslösender Faktor für die Loslösung der Wissenschaft vom kirchlichen Machtmonopol den Schnittpunkt zwischen zwei Epochen. Im Diskurs der Gelehrten stießen die (Wieder-)Entdeckung des Ichs, Freiheitsdrang und das Bedürfnis zu positiver Gestaltung der Persönlichkeit auf eine Befangenheit in mittelalterlichen Autoritätsglauben und geistigen Stillstand.

Eine Dualität ist auszumachen im Wesen dieser Generation: Ein reicher Schatz praktisch-positiver Erkenntnisse, die ungezwungene, ursprüngliche Empfindungsweise und erdenfrohe Sinnlichkeit der heidnischen Philosophie der Antike trifft auf die dogmatische Theologie, asketische Weltflüchtigkeit und transzedentale Spiritualität des Christentums.[5]

Der für Pico prägende (und bald durch ihn geprägte) Florentiner Platonismus versteht sich zunächst als Opposition gegen Aristoteles. Das Individuum wird ausgebildet in Abgrenzung gegen den ausgleichenden Universalismus der Kirche. Platons Schriften werden in christlich-mysthischem Sinn umgedeutet. Platon erscheint unter der Maske des Magiers und Sehers, der Philosoph wird zum Heiligen erhoben[6]. Unter Ficinos und Picos Einfluss wird später versucht, Platon und Aristoteles zu harmonisieren.

Mit seinem Briefwechsel mit Ermolao Barbaro im Jahre 1485 erregt Pico zum ersten Mal öffentliche Aufmerksamkeit. Die Bühne der italienischen Gelehrtenwelt betritt er mit einer Abgrenzung von der humanistischen Verurteilung der mittelalterlichen Aristoteles-Interpretation. Der Vorwurf Barbaros, die mittelalterlichen lateinischen und arabischen Schriften seien barbarisch und unkultiviert, da sie die Grundsätze der Dialektik missachteten, wird von Pico abgewiesen, indem er darauf besteht, dass zwischen sprachlicher Form und inhaltlicher Aussage differenziert werden müsse.

Mit seinen 900 Thesen im Jahre 1486 unternimmt Pico u.a. den Versuch, das Christentum mit dem Platonismus zu versöhnen. Dieses Ansinnen beruht auf der Grundannahme, die verschiedenen Philosophien und Religionen hätten in bestimmten Sätzen alle Anteil an der universalen Wahrheit, was in sich den Gedanken der religiösen Toleranz birgt, wie er in der Aufklärung formuliert wurde.

Tatsächlich ist Picos Bildung universal. In seiner Bibliothek finden sich die Autoren der Antike, Aristoteles im Original und in mittelalterlichen und humanistischen Übersetzungen, durch Ficinos Einfluss Platon, Plotin und die Neuplatoniker, hebräische und mittelalterliche Schriften, philosophische, konfessionelle, naturwissenschaftliche und okkulte Schriften.

Ansätze eines kritischen Wissenschaftsverständnisses sind in Picos Schriften erkennbar. In derWürde des Menschensagt er über sein Philosophieverständnis, dass er sich nicht auf die Worte eines Meisters beschränke, sondern seine Aufmerksamkeit auf alle ausdehne, sämtliche Schriften durchforsche und alle Schulen kennen lerne. Niemand solle ihn dafür verurteilen, dass er sich „als Gast dorthin treiben lasse, wohin immer der Strom“ihn trage. Hiermit sieht er sich in antiker Tradition. Nicht umsonst habe Platon Aristoteles anagnwsthz (von griech.= „der Leser“) genannt.[7]Einschränkend ist zu sagen, dass seine frühen Schriften durchweg auf der Ausdeutung historischer Schriften beruhen und das (aufklärerische) Element von Erfahrung und Beobachtung erst später (etwa in seiner Streitschrift gegen die Astrologie) auftaucht.

Gemäß eines zeitgenössischen Brauchs konzipiert Pico den Plan, seine in den Thesen niedergelegten philosophischen Vorstellungen in einer öffentlichen Diskussion zu verteidigen. Bewusst wählt er Rom, den Sitz des Papstes, als Ort für die Diskussion. Als Gesprächspartner lädt er Philosophen und Theologen aus ganz Europa ein. Doch die Ankündigung erregt den Unmut der Geistlichen. Unter dem Eindruck der Kritik von Kirchenseite verfasst er das PamphletÜber die Würde des Menschen, das als Eröffnungsrede der Versammlung konzipiert ist.

Der ihm vorgeworfenen jugendlichen Unbedarftheit hält er seinen Erkenntnisdurst als legitime Rechtfertigung für den Umfang seiner Überlegungen entgegen. Wiederum blitzt der aufklärerische Geist Picos auf, als er festhält:

„Dass ich mir eine so große Last auf die Schultern geladen habe, geschah (...) nicht deswegen, weil ich mir meiner Schwäche nicht bewusst wäre, sondern weil ich wusste, dass diese Kämpfe, d.h. die wissenschaftlichen, von ganz besonderer Art sind, weil in ihnen besiegt zu werden, ein Gewinn ist. (...) Denn wenn jemand unterliegt, empfängt er vom Sieger eine Wohltat, kein Leid, da er ja durch ihn sogar reicher, d.h. gelehrter und besser gerüstet (...) nach Hause zurückkehrt.“[8]

Falls er unterläge im Disput, hätten seine Gegner einen Grund, ihn anzuklagen, wenn sie ihn hassten, und ihn zu entschuldigen, wenn sie ihn liebten. Und mit der spätadoleszenten Leidenschaft eines 23jährigen fügt er Worte des Dichters Gorgias an:„...Wenn die Kräfte nicht reichen, erhält die Kühnheit sicher genug Beifall. Gehst Großes Du an, ist auch der Wille genug.“[9]

Allgemein polemisiert er gegen die Gelehrtenmeinung von der Philosophie als Privileg einer gelehrten Minorität.„Die Ursachen der Dinge, die Wege der Natur, die Ordnung des Universums, die Ratschlüsse Gottes, die Geheimnisse des Himmels und der Erde genaustens“zu erforschen, um sie greifbar vor Augen zu haben, dies ist ihm nicht Bestimmung einzelner, sondern diejenige eines jeden Menschen.[10]

Als weitere Abgrenzung gegen seine Kritiker ist sein kleiner Abriss der Philosophentugenden zu verstehen: Soviel er auch studiert habe, klingt einmal durch, der Bezeichnung „Weiser“ halte sich der wahre Philosoph (wie Pythagoras) nicht für würdig. Wessen Leben nur auf Erwerb und Ehrgeiz beruhe, lege, so Pico, keinen Wert auf Erkenntnis. Er selbst habe niemals aus einem anderen Grund philosophiert, als der Bildung seines Geistes und der Erkenntnis der von ihm immer über alles ersehnten Wahrheit. Ein rechter Philosoph kümmere sich nicht um öffentliche oder private Angelegenheiten, sondern gebe sich derMuße der Betrachtunghin und sei immer mehr darauf bedacht, selbst nichts Schlechtes zu sagen oder zu tun, als nichts Schlechtes über sich zu hören.[11]

Wie bereits erwähnt, versteht Pico seine Forderung des philosophischen Schauens nach heutigem Wissenschaftsverständnis eher im metaphorischen Sinn, und zwar grundsätzlich als eine solche nach dem Erstreben von Erkenntnis, praktisch gesehen in scholastischer Ausdeutung gelehrter Schriften aus aller Welt und einem im weitesten Sinn treugläubigen christlichen Leben. Eine kritische Betrachtung (geschweige denn Untersuchung) der Natur ist bei Pico nur in Ansätzen erkennbar.

Sein früher Tod rechtfertigt allerdings einen nachsichtigen Blick des Historikers: Dass Pico sein Bemühen um kritische Wissenschaftlichkeit nicht vervollkommnen (und offensichtliche Widersprüche hat erkennen oder sogar auflösen können), ist gewiss auch der Tatsache geschuldet, dass sein Geist niemals Gelegenheit hatte, zur vollen Blüte zu gelangen.

2. Heptaplus

2.1. Wirkende und potentielle Kräfte

BeimHeptaplus, Picos „siebenfältiger Deutung der sechstägigen Schöpfungsgeschichte“, handelt es sich keineswegs um eine umfassende Ausdeutung der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments. Tatsächlich beschränkt sich Pico auf einige wenige, die einleitenden Verse von Moses Geschichte, die er auf (scholastisch begriffsspalterische) allegorische Weise interpretiert. Bei der Wahl der siebenfachen Ausdeutung dürfte sein Sinn für Zahlenmystik eine Rolle gespielt haben.

Die Vorgehensweise beruht auf der Überzeugung Picos, dass jedes Wort der Schrift neben seiner gewöhnlichen, für das Verständnis des Volkes berechneten Sinn, noch einen im verborgenen liegenden besitze, und dass die Aufdeckung der inneren Bedeutung jedes einzelnen Wortes einen unendlichen Blick in die überirdische Welt, ins Reich reiner Wahrheiten gewähre.[12]

Zunächst legt Pico sein Verständnis derNaturphilosophiedar. Demnach unterliege das Wesen der elementaren Welt vier Grundprinzipien:

1.) die rohe, formloseMaterie, die die Fähigkeit besitze, alle Formen anzunehmen, durch

2.) dieEntbehrung(hier noch nicht im Sinne asketischer Enthaltsamkeit),

3.) die (an Averroes angelehnte)Dreidimensionalität, die es als von elementaren Wesen geschaffen ausweist und

4.) die (platonische)wirkendeUrsacheder Veränderung durch göttliche Kräfte in der Natur[13]

In Berufung auf Platon sagt Pico: Die Erkenntnis seiner selbst sei notwendig für den Menschen. Wer auf weit von sich abliegende Dinge sein Augenmerk richte und nicht auf das eigene Ich, betreibe ein ungehöriges Studium. „Darum wollen wir uns in uns versenken, um zu erkennen, was für Schätze Gott in uns gelegt hat.“[14]Denn der Mensch sei es, der dieanima rationalis(lat. =vernunftbegabte Seele) besitze und neben dieser sowohl die tierischepars sensualis,als auch die engelhafteintelligentiain sich vereinige.

Mit dem Hinweis auf Mose differenziert er den Begriff der wirksamen Kräfte inactu (von lat.= Handlung),die wirkenden Kräfte des Himmels undpotentia (von lat.= Möglichkeit), die materielle Kraft der Erde, die in sich die Möglichkeit zur Vollkommenheit birge. Im Folgenden wird dieser Begriff anhand des Bibeltextes erläutert. Die Chronologie der Ereignisse bleibt dabei bedeutungslos. Es geht allein um ihren symbolischen Gehalt.

„Die Erde war wüst und leer“Dieser einleitende Vers der alttestamentarischen Schöpfungsgeschichte beschreibt Pico zufolge den Zustand der Entbehrung des Menschen. Für Pico verweist dieser Urzustand der Welt offenbar auf jenen des Menschennachseiner Vertreibung aus dem Paradies.

„und der Geist Gottes schwebte über den Wassern“ meine die Gegenwart Gottes in der Kraft der wirkenden Ursache, die gleichbedeutend sei mit dem Reich der Intelligenz. Allein der Geist des Herrn erzeuge Licht, denn die Naturkräfte an sich wirkten nichts, was nicht die Ordnung der göttlichen Kunst vorherbestimmt habe. Das Wasser hingegen symbolisiere den sinnlichen Teil in uns.[15]

„Finsternis war über der großen Tiefe“ meine die intellektuelle Tiefe, das Dunkel der Erkenntnis, das noch nicht durch das Strahlen intelligibler Begrifflichkeit erhellt worden sei, mittels derer man alles sehe und schaue.Der Geist Gottessei das Mittel, welches dieses Dunkel verscheuche und Licht (der Erkenntnis) an seine Stelle setze.

2.2. Dreiteilung der Welt

DerHeptaplusbasiert auf der Grundannahme einesphilosophischen Synkretismus. Nach Pico seien in der (alttestamentarischen) Schöpfungsgeschichte alle Geheimnisse der Natur enthalten.[16]Im folgenden stellt er Verbindungen zu den Schriften der Juden, Ägypter und Griechen und Beziehungen her zwischen christlicher, platonischer und neuplatonistischer Mythologie.[17]:

Pico ist überzeugt von einer geistigen Kontinuität in der Philosophie, und zwar nicht im Sinne eines historischen Prozesses, sondern in einer Verknüpfung allen Seins mit der Mose von Gott offenbarten Urwahrheit. So stimmten Platon und Aristoteles überein. Platon sei ein attischer[18]Mose[19]. Weil die Leitgedanken der Kabbala bereits christliche Glaubenslehre in sich enthielten, stimmten orientalisch-jüdische und abendländisch-griechische Gedankenlinie überein.[20]

Nach antiker Vorstellung sei die Welt dreigeteilt, in

1.) die überweltliche Intellektualwelt, die Welt der Engel

2.) die himmlische Welt

3.) die sublunarische, elementare Welt

Die überweltliche Welt sei jene des Lichtes, die elementare die des Dunkels, der Himmel hingegen eine Mischung aus beidem. Moses Stiftshütte sei ein Symbol für diese Dreiteilung der Welt.

Das ruhelose, unbeständige Wasser sei das für die Erdenwelt charakteristische Element, das Feuer (gemeint ist das „Feuer der Erkenntnis“) jenes der überweltlichen, der Himmel, eine mit dem „Geist verbundene Körperlichkeit“, wiederum eine Mischung aus beidem. Das auf der Erde vorkommende Feuer sei brennend, das himmlische lebensspendend, das überweltliche „seraphische Feuer“ des Intellekts umfange uns mit seinem liebenden Geist. Das weltliche Wasser ersticke die Wärme des Lebens, das himmlische nähre das Leben durch Kraft und Bewegung, das überweltliche der Geisterwelt besitze die Funktion der reinen Erkenntnis.

Unten auf der Erde lägen Leben und Tod dicht beieinander, oben in der Intellektualwelt herrsche Wandellosigkeit und ewiges Rasten. Nach zwei Seiten fänden wir im Engel eine Unvollkommenheit: er trage sein Sein nicht durch sich selbst, und er ist nicht selbst Intellekt, sondern dieser strömt auf ihn aus einer anderen Quelle ein.[21]Die irdische Welt empfange von der himmlischen Bewegung, während diese wiederum von der höchsten in Bewegung gesetzt sei. Christis Tod verbinde die Menschen mit der Engelwelt, gebe den seit dem Sündenfall verwehrten Weg in den Himmel frei u.s.w.

Bis hierhin leistet Pico also kaum mehr als eine mythologische Auswahl der Philosophiegeschichte bis zum Quattrocento. Nun erscheint allerdings ein neues Element, mit dem Pico in einer zentralen Frage über die Überlegungen seines Lehrers Ficino hinausgeht: Er rückt den Menschen in den Mittelpunkt der Welt.

2.3. Der Mensch als Mittelpunkt

Angelehnt an die mittelalterliche Vorstellung vom Menschen als Mikrokosmos des Universums, definiert er den Menschen selbst als eine vierte Welt, in der alle Teile der Welt (also mithin auch Gott) enthalten seien.[22]

Dem Menschen sei alles Irdische zum Eigentum übergeben, selbst das Himmlische bringe ihm seine Huldigung dar, denn der Mensch an sich (und nicht mehr Christus als Bote Gottes) sei das Band und der Knoten von Himmel und Erde. Das dem Menschen durch Gott auferlegte Gesetz, doziert Pico in Anlehnung an die Bibel, erfordere, er solle durch besonnene Herrschaft alles Harmonische in sich vereinigen.[23]Gott, so ergänzt er in der RedeÜber die Würde des Menschen,habe den Menschen in den Mittelpunkt der Welt gestellt, damit er sich von dort aus bequemer umsehen könne, was es auf der Welt gebe. der Mensch sei weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich, damit er sein eigener Bildhauer sein könne und sich, gleich einem Chamäleon, zu der Gestalt ausforme, die er bevorzuge. Er könne zum Niedrigen, Tierischen ausarten, aber auch zum Höheren, göttlichen wiedergeboren werden und eins mit Gott werden.[24]

Doch damit nicht genug:

„Auf der obersten Stufe der kreatürlichen Welt stehen die Engel, denn sie werden der göttlichen Substanz am meisten teilhaft. doch ist damit der Zustand der Glückseligkeit in seiner ganzen Tiefe noch nicht erfasst. Die höchste und vollendete Glückseligkeit besteht in dem völligen und restlosen Aufgehen in Gott und in dem Hineinziehen Gottes in das eigene Wesen.“[25](!)

Der hier konstituierte Gedanke beruht auf dem Prinzip der Einheitsmystik. Wenn Gott allgegenwärtig sei, so müsse er auch im Menschen anwesend sein. Das von Pico gezeichnete Bild vom „Hineinziehen Gottes in das eigene Wesen“ ist aber beinahe häretisch, da es Gottes Allmacht in Frage stellt.[26]

3. Picos Moral

3.1. Einheitsmystik

Picos Schriften sind durchdrungen vom Glauben an die einheitsmystische Allgegenwärtigkeit Gottes: „Von allem Seienden kommt nur Gott der wahre Charakter der Einheit zu, welcher höchste Einfachheit und all-umfassende Individualität ist. (...) Er ist zugleich der All-Seiende, der All-Weise, der All-Wirksame, der All-Gute und der All-Gerechte. Wir vermögen kein Ding zu denken, mittels dessen er wäre. Überhaupt hat kein Ding ein selbständiges Sein, sondern alle Dinge sind in ihm.“.[27]

Die Rückkehr jedes Ding zu seinem Prinzip und seinem Ursprung sei das höchste Gut, das alle begehrten und das aller Dinge Anfang sei. Dieser End- und Ausgangspunkt für alles sei der einzige, allmächtige und allgegenwärtige Gott als das sowohl seiende wie denkbar höchste Gut. Im All-Einen ruhe der Grund und der Anfang für alles, das All-Gute stelle sich als das letzte Ziel aller Wesen dar, worin sie zur Ruhe und zu vollendeter Seligkeit gelangten.

Demgegenüber steht das Konzept der Seelenwanderung, das Gottes Präsenz örtlich einschränkt und von einer hierarchischen Ordnung des Weltgefüges ausgeht.

3.2. Seelenwanderung

Die Vorstellung von der Entkörperlichung der Seele durch Vervollkommnung des Geistes geht auf diekontemplative Philosophiezurück. Neu in diesem theologischen Konzept ist bei Pico, neben der euphorischen Überhöhung des Menschen, das Element wissenschaftlicher Kritik. Pico beansprucht diese für sich, ordnet sich auf der Deutungsebene aber weitgehend dem kirchlichen Dogma unter. Tatsächlich liegt ihm nichts ferner, als diesem widersprechen zu wollen.

Dem Patriarchen Jakob zufolge gebe es eine Leiter, die vom Grund des Bodens bis zum höchsten Punkt des Himmels reiche und in eine lange Reihe von Sprossen unterteilt sei. Ganz oben darauf sitze der Herr. Die Engel stiegen unablässig auf dieser Leiter hinauf und hinab.[28]Solche und ähnliche Vorstellungen von einer Seelenwanderung und hierarchischen Gliederung der Weltsphären sind seit der Antike bekannt und waren bestimmend für das abendländische Weltbild des Mittelalters.

PlotinsBild vom Lichtereflektiert vielleicht am besten die Lebensstimmung desdynamischen Pantheismusim mittelalterlichen Neuplatonismus:

„Wie aus einer einzigen Lichtquelle als dem Symbole des Ur-Einen zahllose Strahlen ausgehen (...) und jedes Eine in eine Mannigfaltigkeit von Spiegelbildern auseinanderlegen, ohne ihm seine Weseneinheit zu nehmen, so sind die in Zeit und Raum befindlichen Existenzen oder Erscheinungen als durch die Ausstrahlung der reinen, absoluten Realität des Ur-Einen verursacht, aufzufassen. Und wie ferner Strahl trotz wiederholter Unterbrechung, die er beim Passieren der verschiedenen Medien erleidet, noch etwas von dem ursprünglichen Lichtgehalt bewahrt, so wohnt auch den einzelnen Existenzen, (...) denen eine zunehmende Trübung je nach Entfernung von der Urquelle eigen ist, noch immer etwas von der Lichtbeschaffenheit inne.“[29]

Pico entwickelt darauf aufbauend eine Theorie der Glückseligkeit, in der er die Seligkeit der Wesen nach ihrem (vermeintlichen) Anteil an der göttlichen Wahrheit bemisst:

„Glücklich ist das Wesen schon, wenn es überhaupt existiert, denn dadurch, dass es ist, ist es ja auch mit Gott. (...) Siehe, das Feuer ist ohne Seele, und doch hat es teil an Gott, und darum ist es glücklich. Glücklicher sind die Pflanzen, noch glücklicher die lebenden Wesen, denn in ihnen lebt die Erkenntnis der Vollkommenheit, und so tragen sie einen größeren Teil von Gottes Natur in sich. Aller sterblichen Geschöpfe glücklichstes aber ist der Mensch. (...) Intelligenz und Freiheit des Willens wurden ihm verliehen.“^[30]

Nun würden Unreine jedoch von Jakobs Leiter zurückgestoßen. Sicherlich, so folgert Pico, sei der Fuß der am meisten zu verachtende Teil des Menschen. Er verkörpere des Menschen Fähigkeit, für Nahrung und Unterhalt zu sorgen, die „Zunder für die Begierde und Lehrmeisterin wollüstiger Schlaffheit“sei. Er spricht davon, die Füße (also den sinnlichen Teil des Menschen), in derMoralphilosophiewie in einem fließenden Gewässer zu waschen[31].

Das Bild ist wohl an die von den Chaldäern überlieferten Worte Zarathustras angelehnt, für den das Reich Gottes von vier Strömen durchspült wird, wie Pico weiter unten in derWürde des Menschenzitiert[32]: Aus dem Osten kommeChiddekel(=das Licht), den Pico als Strom der Wahrheit in der Naturbetrachtung deutet, aus dem NordenPischon(=das Rechte), für Pico nichts anderes als die humanistische Dialektik und Sehschärfe, aus dem WestenDichon(=die reinigenden Sühne), eben die Moralwissenschaft. Alle drei flössen nun zusammen in denPerath(=die Frömmigkeit), der Erkenntnis Gottes in der Theologie.

Eine Dreiteilung der Philosophie findet Pico beim griechischen Apoll, auf den sich auch Pythagoras berufen habe: das mhden agan (von griech. =„nichts zuviel“), die Regel von der Maßhaltung, das gnvdi seautón (von griech. =erkenne Dich selbst), die Regel von der Naturerkenntnis in der Selbsterkenntnis, schließlich das EI (von griech. =„Du bist“), die Begrüßung Gottes in dessen Angesicht.[33]

Picos nimmt eine andere Dreiteilung an und legt, ganz im Sinne der katholischen Kirche, einen größeren Schwerpunkt auf das Element der Enthaltsamkeit. Die humanistische Dialektik sei es, die die Verwirrung des Verstandes beende, die Naturphilosophie und Ethik beende unseren inneren Kämpfe (gemeint sind die Kämpfe zwischen edler Seele und verwerflichem Leib), die Theologie endlich werde bleibenden Frieden in uns schaffen.[34]

In seinen Ausführungen zur kontemplativen Philosophie offenbart Pico eine latente Verachtung der Körperlichkeit. Tatsächlich trägt er den Gedanken von der Verwerflichkeit des Weltlichen in sich. Gerade in seinen letzten Lebensjahren formt sich ihm zur Gewissheit, dass der Glaube alles vermöge, alles überwinde und das irdische Leben verachte.[35]

3.3. Liebe und Sinnlichkeit

Der Begriff der Liebe wird bei Pico stets mit der Liebe zu Gott assoziiert, ganz im Sinne der platonischen Liebe, welche die Gottesliebe im körperlosen Hingezogensein zu einem anderen Menschen verwirklicht. ImHeptaplusstellt Pico die rhetorische Frage:

„Was (...) ist der Geist Gottes anderes als der Geist der Liebe? mit dem Geist Gottes ist der Geist, der sich in den Wissenschaften betätigt, nicht identisch, da dieser sich bisweilen von Gott entfernt, während die Liebe uns immer zu ihm hinführt.“[36]

Tatsächlich ist es diese Gottesliebe (und nicht die wissenschaftliche Intelligenz), die er als Schlüssel zur vollkommenen Erkenntnis betrachtet. In Berufung auf die biblischen Seraphime (sechsflügelige Engel, welche den Thron Gottes umgeben[37]) sagt Pico über die Liebe: Wer Seraph, d.h. ein Liebender ist, der sei in Gott und Gott in ihm, ja vielmehr seien Gott und er eins[38]und der Mensch der, der ihn geschaffen hat.[39]

Demgegenüber steht für Pico die verwerfliche Sinnlichkeit des Menschen. Schon Mose habe die Begierden und das Heer der Leidenschaften als Tiere und als das unvernünftige Geschlecht der lebenden Wesen bezeichnet. Platon habe bemerkt, dass wir verschiedene Arten von Tieren in uns trügen und Pythagoras, dass sich verworfene Menschen zu den Tieren gesellten. Fort und fort, so Pico, lauerten in unseren Eingeweiden Tiere, und wer ihnen gegenüber nur ein wenig nachgiebig sei, falle ihnen zur Beute.[40]

So ganz mag er die Körperlichkeit des Menschen dann aber doch nicht verteufeln. Zu groß ist seine Sorge, mit den Gegnern der christlichen Kirche assoziiert zu werden. So seien Affekte wie Ehrtrieb, Zorn und Rache keineswegs (wie im Manichäismus) aus einem bösen Prinzip abzuleiten, sondern nützlich, wenn man sie ruhig und besonnen gebrauche. Im Bemühen, die Allgegenwärtigkeit Gottes zu bestätigen, definiert er die menschlichen Triebe als eine Art pädagogischen Wink Gottes mit dem Zaunpfahl:

„Ernährungs- und Fortpflanzungstrieb wurden uns von Gott zur Erhaltung unseres Leibes und zur Zeugung von Nachkommen verliehen, nicht aber, um uns unseren trieben völlig hinzugeben. (...) Zu seinem eigenen Heile wurden sie dem Menschen gegeben, damit er sich mit kräftigem Ansturme von der Sinnlichkeit losreiße und nicht im Weinesrausche und im Frönen der Begierden sein göttliches Erbteil verzettele.“[41]

In diesem Punkt bleibt der Asket weit hinter Ficino zurück, der die Freuden der körperlichen Liebe in höchsten Tönen preist. Auch Picos Haltung zur Sinnlichkeit bleibt vom Kirchendogma geprägt.

4. Fazit und Schluss

Picos Gedankengut ist so selbständig nicht, wie sein leidenschaftliches, Freigeist und Aufbruch beschwörendes Idiom vermuten lässt. Sein Übersetzer Liepert[42]bezeichnet ihn sogar als „Lehnsmann seiner meisten philosophischen Vorgänger“. Richtig ist: DerSynkretismusbei der Aneignung und dem Verarbeiten philosophischer Ideen ist ein zeittypisches Phänomen. Der unbändige Wissenstrieb Picos steht gewissermaßen exemplarisch für eine nach universalistischer Bildung strebenden Epoche.

Was seine Philosophie betrifft, vermag er den Widerspruch zwischen treuer Gläubigkeit und wissenschaftlicher Kritik nicht aufzulösen. Letztere bleibt seinen Lebtag dem kirchlichen Dogma unterworfen und krankt zudem an Picos Ablehnung einer mechanischen Naturerklärung.[43]Rational-kritische Schlüsse zu ziehen, ist auf dieser Grundlage nur eingeschränkt möglich. Betrachten wir Picos Vorstellung von der Seelenwanderung. Nach Pico gibt es zwei Arten der Glückseligkeit[44]:

1.) dennatürlichen Weg: In der Erkenntnis der wahren Natur der Dinge erkennen wir deren natürliche Glückseligkeit

2.) denWeg der Gnade, die Rückkehr jedes Ding zu seinem Prinzip und seinem Ursprung durch Gottes Gnade

Letzteres ist erläuterungsbedürftig:

„Wahres Glück ruht in der seligen Betrachtung des höchsten Gutes. Aber keine Kreatur (...) vermag aus eigener Kraft dahinzugelangen. was wir aus uns erreichen ist nur ein Schatten des Glücks. Gott muss seine Vaterhand gnädig uns entgegenstrecken und nur durch ihn gelangen wir zur völligen Vereinigung mit ihm.“[45]

War nicht eben noch von einem „Hineinziehen Gottes in das eigene Wesen“ die Rede? Weshalb gemahnt Pico nun wieder an Christus Vers: „Niemand gelangt zu mir, den nicht mein Vater emporgezogen hat.“? Wo hört denn die Göttlichkeit des Menschen eigentlich auf? Wann wird seine sinnliche Hingabe verwerflich? Und weshalb ist die Körperlichkeit der elementaren Welt überhaupt der Vollkommenheit der göttlichen entgegengesetzt, wenn Gott doch in beiden gegenwärtig ist? Was macht eine hierarchische Ordnung der Wesen für einen Sinn, wenn doch alles nur der eine Gott ist[46]?

Den Widerspruch zwischen Einheitsmystik und dem Menschen als gottgleiches Wesen vermag er auf kritisch-rationaler Ebene nicht aufzulösen. Gott als das einzige Prinzip des Guten - diesem kirchlichen Dogma des Augustinus mag er nicht widersprechen. Doch bleibt sein Gottesbegriff unbestimmt zwischen neuplatonistischer Allgegenwärtigkeit und jüdisch-theistischer Anthropomorphisierung stecken. Ist Gott nun absolut und unfasslich oder mitfühlend, liebend und gnädig? Und in welchem Verhältnis steht er zu Picos euphorischer Überhöhung des Menschen?

Genauso wenig vermag er zu erklären, was der fundamentale Unterschied zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und der Erkenntnis Gottes in der Natur- bzw. Selbstbetrachtung sei. Die Trennung von wissenschaftlichen und göttlichem Intellekt wirkt ähnlich unplausibel wie die von Pico verteidigte Unterscheidung von Weißer und Schwarzer Magie[47], ein Resultat kirchlicher Propaganda, das sich seit dem frühen Mittelalter als Machtmittel im Kampf gegen die heidnischen Kritiker des Christentums etabliert und Grundlage für die Hexenverfolgung wird. Folgt man Picos Ausführungen nach dem Gesetz der Logik, so müsste man annehmen, dass wissenschaftlicher und göttlicher Intellekt tatsächlich in engem Zusammenhang stehen.

Picos Schlussfolgerungen entziehen sich jedoch bisweilen einem nachvollziehbaren empirischen Schluss. Stattdessen liefert er eine christliche Ausdeutung der Weltphilosophie und ein „echt scholastisches Durcheinanderspielen von Vernunfts- und Autoritätsgründen“[48]. Sein Konzept des philosophischen Synkretismus verfolgt er mit Vehemenz, und um jeden Preis sucht er nach Beziehungen zwischen den Schriften, und zwar auch dann, wenn Unterschiede schwerer wiegen als derer Übereinstimmungen.

Die verschiedenen Schulen als solche werden gar nicht diskutiert, Widersprüche bleiben unerwähnt oder nebeneinander stehen oder werden mit humanistischer Dialektik und dem bewegungslosen Starrsinn mittelalterlichen Wissenschaftsdiskurses zerpflückt, anstatt kritisch besprochen. Aus den vielen Halbwahrheiten wird kein Ganzes. Picos hehrer wissenschaftlich-kritischer Ansatz verliert sich in einem scholastisch geprägten Philosophieverständnis, insbesondere aber in seiner ungeleugneten Begeisterung für die Heilige Schrift und die weitgehende Anerkennung kirchlicher Autorität.

Pico steht an der Schnittstelle zweier Zeitalter: dem Übergang von der jenseitssüchtigen, lebensbangen Weltflucht des Mittelalters zu stetig vertiefender, lebensbegieriger Diesseitigkeit des Renaissance-Menschen. Zwei Herzen schlagen in seiner Brust: der leidenschaftliche, nach Geistesfreiheit und neuen Ufern der Philosophie strebende Denker auf der einen Seite. Der das christliche Dogma gegen Angriffe heidnischer Philosophen verteidigende gläubige Christ, Asket und treue Knecht der Kirche auf der anderen. Allzu sehr bleibt Picos philosophischer Kosmopolitismus und religiöser Universalismus von christlicher Befangenheit überlagert.

Welch kritischer Geist seinem Zeitalter verlorengegangen ist, beweist seine Streitschrift gegen die Astrologie. Allerdings nicht wegen ihrer ausgefeilten Polemik[49], sondern wegen ihres aufklärerischen Geistes, mit dem sie astrologische Grundsätze auf der Grundlage empirischer Beobachtung ins Reich der Fabel verweist. Picos abgeneigte Haltung der Astrologie gegenüber ist allerdings weniger einer vermeintlich rationalen Haltung geschuldet (denn für die mythologischen Fallstricke anderer Schriften zeigt er sich durchaus empfänglich). Vielmehr muss ihm, der den Menschen in den Mittelpunkt der Welt gestellt hat, der Gedanke einer Beeinflussung des menschlichen Schicksals durch die Sterne, grundsätzliches Missbehagen bereiten.

Picos (historisch gesehen vergeblichen) Bemühungen gehen in die Richtung, einen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz und die Allgegenwärtigkeit Gottes zu erbringen, dem Göttlichen auf intellektuellem Weg auf die Spur zu kommen. „Der Mystik wird ein rationalistisches Gewand übergeworfen.“[50]

Doch bleibt der Moment der Erkenntnis Gottes rational nicht erfassbar. Zwar erkennt Pico die Unzulänglichkeit des Verstandes zur Erfassung der Unendlichkeit, wenn er bemerkt: die Philosophie suche die Wahrheit, die Theologie finde sie, die Religion aber besitze sie.[51]Die lutherische Einsicht von der Widersinnigkeit seines Unterfangens, von der Unvereinbarkeit von Glauben und empirischer Wissenschaft[52], liegt ihm jedoch noch fern.

Nichtsdestoweniger ist Pico della Mirandola der herausragende Vertreter einer Epoche, die prägend für die kulturelle Entwicklung des Abendlandes wird. Indem er den Menschen in den Mittelpunkt der Welt stellt, wird dieser vom ehrfürchtigen Bewohner der Natur zu deren selbstbewusstem Beherrscher und Gestalter. Die italienische Renaissance steht aber nicht nur für die allmähliche Loslösung der Wissenschaft vom kirchlichen Machtmonopol, sondern auch für den gleichzeitigen Beginn von Kapitalismus und Kolonialismus, deren Einfluss und Folgen bis in die heutige Gegenwart wirken.

5. Literatur

Buck, August (Hgb.)

Pico della Mirandola, Giovanni:

Über die Würde des Menschen, lateinisch-deutsch

übers. von N. Baumgarten

Felix Meiner Verlag

Hamburg 1990

Kristeller,Paul Oskar:

Humanismus und Renaissance I+II

von E. Keßler (Hgb.)

Wilhelm Fink Verlag

München 1974

Liepert, Arthur (Übers.)

Pico della Mirandola, Giovanni:

Ausgewählte Schriften

Verlag bei Eugen Diederichs

Jena und Leipzig 1905

Metzler, J.B.

Philosophen Lexikon

Metzlersche Verlagsbuchhandlung

Stuttgart 1989

Dr. Vollmer

Wörterbuch der Mythologie aller Völker

Neubearb. von W. Binder

Hoffmann´sche Verlagsbuchhandlung

Stuttgart 1874

[...]


[1]Wenn nicht anders vermerkt: Metzler, S. 612ff.

[2]Liepert: S.16f.

[3]Liepert: S. 38

[4]Liepert: S. 43-52

[5]Liepert: S. 13

[6]Ficino besaß einen Altar des Meisters und wollte seine Schriften sogar im sonntäglichen Gottesdienst vortragen; Liepert: S. 25ff.

[7]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 43

[8]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 39f.

[9]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 40

[10]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 35

[11]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 33ff.

[12]Liepert: S. 72

[13]Heptaplus in: Liepert, S. 148

[14]Heptaplus in: Liepert, S. 159

[15]Heptaplus in: Liepert, S. 154ff.

[16]Heptaplus in: Liepert, S. 141

[17]Heptaplus in: Liepert, S. 144ff.

[18]attisch: die griechische Landschaft Attika betreffend; von griech. sutu = geistreich, witzig

[19]Das Zitat findet sich im Heptaplus bei Liepert auf S. 164, geht aber auf Justinus zurück, wie der Autor auf S. 67 bemerkt; Pico unterläßt diese Quellenangabe

[20]Liepert: S. 62

[21]Heptaplus in: Liepert, S. 156

[22]Heptaplus in: Liepert, S. 147

[23]Heptaplus in: Liepert, S. 164

[24]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 7

[25]Heptaplus in: Liepert, S. 167f.

[26]Picos wenig schlüssige Auflösung dieses Widerspruchs zur Heiligen Schrift wird im Schlusskapitel dieser Arbeit besprochen.

[27]Heptaplus in: Liepert, S. 156

[28]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 15

[29]Liepert: S. 60f.

[30]Heptaplus in: Liepert, S. 166

[31]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 15

[32]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 31

[33]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 27

[34]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 19

[35]Liepert: S. 43

[36]Heptaplus in: Liepert, S. 158

[37]Mit zweien schweben sie durch den Äther, während die anderen Flügel Kopf und Füße verbergen - ein Symbol der Ewigkeit, deren Anfang und Ende uns verschleiert ist.

Vollmer: S. 411

[38]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 13

[39]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 25

[40]Heptaplus in: Liepert, S. 162

[41]Heptaplus in: Liepert, S. 162

[42]Liepert: S. 56

[43]Liepert: S. 58

[44]Heptaplus in: Liepert, S. 166f.

[45]Heptaplus in: Liepert, S. 168

[46]Schon die Neuplatoniker haben diesen Aspekt übergangen.

[47]Über die Würde des Menschen in: Buck, S. 51ff.

[48]Liepert: S. 67

[49]Er bezeichnet die Astrologie nacheinander als „Aberglaube“, „Schein- und Afterwissenschaft“, „blöden Altweiberklatsch“ und „Vorspiegelung gewerbsmäßiger Betrüger“; Liepert: S. 247

[50]Liepert: S. 88

[51]Liepert: S. 75

[52]Liepert: S. 85

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Giovanni Pico della Mi randola
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Magie und Theater - Inszenierung des Geheimnisvollen
Note
2,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
24
Katalognummer
V107580
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
korrigierte Fassung!
Schlagworte
Giovanni, Pico, Magie, Theater, Inszenierung, Geheimnisvollen
Arbeit zitieren
Clemens Grün (Autor), 1998, Giovanni Pico della Mi randola, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107580

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