Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther - Gründe für sein Scheitern


Referat / Aufsatz (Schule), 2002

7 Seiten, Note: 2


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Der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, geschrieben 1774 von Johann Wolfgang von Goethe, ist in der literarischen Epoche des „Sturm und Drangs“, die die Jahre 1765-1790 umfasst, entstanden. Diese ist das Gegenstück der vorherigen Zeit der Aufklärung und ihrem Kennzeichen „Ratio“, die Vernunft. Der Sturm und Drang ist gekennzeichnet durch die Gefühlsbetontheit und der Subjektivität. Werther, der aus bürgerlichem Haus abstammt, verliebt sich Hals über Kopf in Lotte, die eine große Anziehung auf ihn hat. Allerdings ist diese mit Albert verlobt und somit für Werther unerreichbar. Diese Tatsache will er zuerst nicht wahrhaben, doch nach langen Überlegungen verlässt er sie, um eine Stelle am Hofe eines Fürsten anzunehmen. Doch bald gibt er diese wieder auf und zieht in die Nähe Lottes zurück, die inzwischen mit Albert verheiratet ist. Werther liebt sie jedoch noch genauso wie anfangs, erkennt aber, dass er sie Albert nicht wegnehmen kann und beschließt daraufhin, wegen dieser ausweglosen Lage sich umzubringen. So erschießt er sich am 24.Dezember 1772 mit einer Pistole Alberts, nachdem er Lotte noch einen Abschiedsbrief geschrieben hat.

Im Folgenden werden die Gründe für Werthers Scheitern am Leben erörtert.

Zuerst ein sehr wichtiger Punkt, der Bestandteil des zu einsichtigen Weltbildes Werthers ist und somit einen wesentlichen Grund für sein Scheitern darstellt.

Das Problem ist eindeutig; Werther verliebt sich in Lotte, die aber mit Albert verlobt ist und somit seine Liebe nicht erwidern kann und unerreichbar ist.

Werther hat sich nicht nur wegen ihrer großen erotischen Anziehungskraft (vgl. Brief vom 16.Juni), sondern vor allem auch weil er in ihr ein Stück Natur und ihr Leben als perfekte Idylle sieht, nach der er immer gesucht hat, in Lotte verliebt.

Er möchte Teil dieser Idylle werden, die allerdings so nicht existiert, wie er es sich vorstellt und klammert sich folglich zu sehr an seinem Idealbild fest, was durch die einzelnen Treffen mit Lotte noch verstärkt wird. Somit entfernt sich Werther immer weiter von der Realität und wird auch immer unproduktiver. Ein Beispiel hierfür ist der Brief vom 24.Juli, in dem Werther zugibt, dass er nicht mehr fähig sei, ernsthaft zu zeichnen und statt Lotte richtig zu porträtieren, hätte er einfach einen simplen Schattenriss gemacht (vgl. S.34). Er wird zum Einzelgänger und Lotte bleibt für ihn der einzigste Bezugspunkt zur Außenwelt. Er fühlt sich richtig angezogen von ihr und sie verkörpert für ihn eine Art

Mutterrolle, die er nie erfahren hat. Weiterhin ist Werthers Liebe zu Lotte ein großer Gegensatz zu seinen eigentlichen Ansichten, denn auch Lotte hat etwas kleinbürgerliches an sich, was Werther eigentlich sehr ablehnt, denn er würde dann ja auch Teil davon werden. Doch er erkennt dies gar nicht, denn er sieht alles nur noch leidenschaftlich und gefühlsbetont und dieser Punkt ist eine große Gefahr, die durch die Nebenperson des Bauernburschen, den Werther eines Tages zufällig trifft und der ihm von seinem Leidensweg erzählt, verdeutlich wird. Dieser verliebt sich unglücklich in seine Herrin und das löst einen ungeheuren Trieb in ihm aus, so dass er dann den Liebhaber seiner Herrin umbringt. Der einzigste Unterschied ist nur, dass Werther am Ende nicht Albert sondern sich selbst umbringt. Aber Werther erkennt dieses Problem nicht und kann sich mit diesem Bauernburschen sehr gut identifizieren und hält an seinem einseitigen Idealbild der Liebe fest und wird dadurch in einen einzigartigen Glückszustand versetzt. Er sagt selbst von sich, „ich wusste weder, dass Tag noch dass Nacht ist, und die ganze Welt verkert sich um mich hier“ (S.23). Hiermit zeigt sich noch mal, dass Werther den Anschluss an die Realität und die Außenwelt gänzlich verloren hat und an seinem einseitigen Weltbild festhält. Letztendlich ist Werthers unrealistische, nicht existierende Liebesauffassung von vornherein zum Scheitern verurteilt und damit auch der Hauptgrund für seinen Selbstmord.

Ein weiterer Gedanke für Werthers Scheitern stellt eindeutig die damalige Gesellschaft dar, an der Werther, der selbst dem Bürgertum angehört, fast nur negative Seiten sieht. Diese Gesellschaft ist eine Ständegesellschaft, die aus dem einfachen Volk, dem Bürgertum und dem dominanten Adel besteht. Die, nach Werthers Ansicht überhebliche und eifersüchtig auf ihre Privilegien bestehende Adelsschicht ist nur darauf aus, sich vom normalen Bürger abzugrenzen und die höfischen Regeln einzuhalten. Im Brief vom 15. März spottet er auch über das vornehme Auftreten und kritisiert die Verachtung, die der Adel mit seinem arroganten Verhalten gegenüber dem Volk ausübt. Als Werther einmal erfährt, dass wegen einer kleinen peinlichen Situation seine Neider gleich schadenfroh sind, reagiert er ziemlich ärgerlich und meint hierzu: „da möchte man sich ein Messer ins Herz bohren“ (S.59). Bereits an dieser Aussage ist zu erkennen, dass auch die Gesellschaft ein Grund für seinen späteren Selbstmord ist. Aber Werther scheint ebenfalls glücklich darüber zu sein, vom geistlosen Adel loszukommen, was an folgendem Zitat sichtbar wird: „Hole sie der Teufel! […], mir war’s lieb, dass ich in die freie Welt kam“(S.59). Mit diesem Aspekt wird deutlich, dass sich Werther nicht mit dem Adel identifizieren kann und nur Kritik an ihm übt.

Auch dem Bürgertum, dem er selbst angehört, steht er abgeneigt gegenüber. Er protestiert gegen das nach seiner Sicht nach gesellschaftlicher Emanzipation drängende Bürgertum und kritisiert die bürgerliche Lebensform. Während seiner Gesandtschaftszeit konkretisiert er seine Einstellungen zur bürgerlichen Gesellschaft. In seinem Brief vom 24. Dezember beschwert er sich über den Gesandten, mit dem er nun zusammenarbeitet. Dieser sei ein „pünktlicher Narr“ und „ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist“ (S.52). Er lehnt eindeutig die zu dieser Zeit üblichen Vorstellungen von Fleiß und Streben nach Erfolg, die meistens zu großem Konkurrenzdenken führen, ab. Werther empfindet das einfache Volk auch nicht sehr positiv. Dieses verharrt seiner Meinung nach nur im Alltag, indem es immerzu arbeitet (vgl. S.9) und ebenfalls keine Leidenschaft kennt. Aber gerade da Werther sich mit keinem der Stände identifizieren kann, steht er dem einfachen Volk eher noch positiv gegenüber. Er meint hierzu: „Die geringen Leute des Orts die kennen mich schon und lieben mich, besonders die Kinder“ (S.8). Allerdings hat er auch hier eine traurige Erfahrung gemacht, „wie ich im Anfange mich zu ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte über dies und das, glaubten einige, ich wollte ihrer spotten und fertigten mich wohl gar grob ab“ (S.8). Letztendlich scheitert da ebenfalls sein Kommunikationsversuch an den Grenzen des Ständesystems. Zusammenfassend ist zu sagen, dass er sich vor allem wegen seiner Gefühlsbetontheit mit keinem der drei Stände identifizieren kann und somit zum Außenseiter wird. Diese Flucht vor der für Werther falschen Gesellschaft ist ein großer Schritt, der zu seinem Scheitern am Leben führt.

Dadurch, dass er sich nirgends zugehörig fühlt, hält er es auch nicht für nötig, sich nach Konventionen zu richten und verbringt deshalb viel Zeit in der Natur.

Doch auch die Natur ist ein Grund für Werthers Scheitern am Leben. Sie ist für ihn anfangs ein Zufluchtsort vor den verhassten Regeln der absolutistischen Gesellschaft, an dem er sich frei und unabhängig fühlt. Werther tut alles, um der Natur nahe zu sein, er möchte ihre Harmonie in sich selbst spüren und richtig aufgehen in ihr, was ihm allerdings nicht so ganz gelingt. Er versucht immer wieder in ihr eine neue Existenz, isoliert von der Gesellschaft, aufzubauen. Die Natur ist auch das Spiegelbild Werthers Seelenlebens (vgl. Brief vom 10.Mai). Anfangs ist sie für ihn wie ein unendliches Paradies, er schreibt von den „unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen“ (ebd.) und fühlt sich glücklich dabei. Im Brief vom 21.Juni, als er gerade Lotte kennen gelernt hat, ist die ganze Natur ebenfalls wunderbar für ihn und er würde sich gern in den ineinander geketteten Hügeln und vertraulichen Tälern verlieren (vgl. S.23). Für Werther ist sie der Innbegriff des Lebens und diese große schwärmerische Sehnsucht hat auch einen Grund. Werthers Mutter ist mit ihm nach dem Tod seines Vaters in die von ihm gehasste Stadt gezogen, anstatt in seinem geliebten Heimatdorf zu bleiben. Folglich hat er seine Naturliebe nicht mehr länger ausleben können und seine Sehnsucht ist immer stärker geworden. Doch als Werther im weiteren Verlaufe des Romans langsam realisiert, dass er bei Lotte keine Chancen hat, wird auch seine Ansicht über die Natur immer negativer. Im Brief vom 18.August spricht er zum Beispiel plötzlich von ihr als „ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer“ (S.44) Somit wird Werther nun von der zerstörerischen Natur in Besitz genommen und erkennt diese nur noch als Vernichtung und Grausamkeit an. Er kann sich nicht mehr mit ihr identifizieren und verliert letztendlich auch sie als Bezugspunkt. Damit ist auch Werthers Scheitern in der Natur ein Grund für seinen späteren Freitod.

Sehr nahe zu Werthers Ansichten über die Natur liegt auch seine Glaubensauffassung, die ebenfalls einen Bezug zu seinem Scheitern hat.

Seine Seele findet nämlich ihre Religion in der Natur wieder, Werther hat eine pantheistische Naturvorstellung. Dies wird auch im Brief vom 10.Mai ersichtlich, da Werther dort von der „Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf“ und vom „unendlichen Gott[..]“ (S.7) spricht. Diese übertriebene Darstellung mit religiösen Aspekten ist ein Kennzeichen des Pantheismus, der besagt, dass Gott in allen Dingen der Welt existiert ([1]).

Doch die Aussage „Gott schuf uns nach seinem Bild“ ist auch eine christliche Vorstellung, die die von ihm gehasste Gesellschaft besitzt. Hier wird deutlich, dass Werther in ihr und ihren Konventionen, die er stark ablehnt, tief fest hängt und unfähig ist, davon los zukommen. Trotzdem fühlt er sich von Gott geliebt. Das wird deutlich als er schreibt, „das Gute zu genießen, das uns Gott für jeden zu ([1]) Meyers Taschen Lexikon, B.I-Taschenbuchverlag, Augsburg, 1999

Tag bereitet“ (S.27), er empfindet ihn also als sehr gütig. Aber mit der beginnenden Zerstörung der von ihm als Idylle angesehenen Natur ändert sich jedoch auch Werthers Ansicht zur Religion. Er zweifelt plötzlich an Gott und beklagt sich öfters über sein eigenes Schicksal und das der ganzen Menschheit. Letztendlich steigert sich Werthers Unmut gegenüber Gott immer weiter und er ist sich schließlich auch nicht mehr sicher, ob Gott wirklich gerecht ist: „O Gott! Du siehst meine Tränen! Musstest du, der du den Menschen arm genug erschufst, ihm auch Brüder zugeben, die ihm das bisschen Armut, dass bisschen Vertrauen noch raubten, dass er auf dich hat, du Alliebender!“ (S.78) Mit dieser Aussage Werthers wird sein immer größeres Schwinden von Vertrauen in die Religion deutlich und es zeigt sich ebenfalls, dass er seinen ursprünglichen Glauben in den Pantheismus nicht länger bewahren kann. Er findet nicht den Halt, den andere Menschen in ihrem Glauben spüren. Lotte wird für ihn immer mehr zu einer Art Ersatzreligion, denn er verbindet Ausdrücke wie „himmlische Unschuld“ (S.69) und „Geister des Himmels“ (S.76) mit ihr. Doch weil eben gerade Lotte mit der Grund für Werthers Leiden ist, kann auch sie ihn nicht von seinem Schicksal befreien. Somit fühlt sich Werther von Gott immer mehr verlassen und in der Religion nicht mehr eingebunden, was sicher auch mit seinem letztendlichen Scheitern zusammenhängt.

Zuletzt nun zum Hauptgrund für Werthers Scheitern, zu seiner Charakterschwäche. Im ersten Brief des Buches vom 4.Mai erzählt er, dass er seinen alten Wohnort verlassen hat weil sich eine Frau namens Leonore in ihn verliebt hat, er aber nichts für sie empfindet (vgl. S.5). Somit wird bereits auf der 1.Seite des Buches ersichtlich, dass Werther kein Durchsetzungsvermögen hat und sich seinen Problemen nicht stellt, sondern einfach flieht, um einen Weg mit weniger Konflikten zu gehen. Außerdem nimmt er sich Folgendes vor: „ich will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen wie ich’s immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen und das Vergangene soll mir vergangen sein“ (S.5). Doch diesen Vorsatz kann er nicht lange halten und jammert schon bald wieder bei Wilhelm über eben genau diese alten Zeiten. Werther ist nie mit sich selbst zufrieden und hat damit auch kein großes Selbstbewusstsein, er leidet an einer inneren, seelischen Schwäche. Dadurch dass er weggezogen ist, distanziert er sich jedoch nur räumlich von dieser Konfliktsituation und entfernt sich deshalb immer mehr vom realen Weltbild.

Außerdem leidet er an großen Gefühlsschwankungen zwischen Glücksgefühl sowie Freude und kurz darauf große Niedergeschlagenheit, wie bereits schon vorher beschrieben. Dies löst bei ihm starke Unzufriedenheit und Depressionen aus. Wegen diesem Grund und auch wegen einigen Peinlichkeiten, zum Beispiel als er aus der noblen Gesellschaft verwiesen wurde, führen dazu, dass Werther in die Einsamkeit flüchtet und ständig einen Realitätsverlust erleidet. Diesen ersetzt er durch Gedanken und Spekulationen, die Folge ist sein viel zu einseitiges Weltbild. Auch seine schlechte Kindheit und die Tatsache, dass er nie irgendwelche Verpflichtungen hat und weder eine Arbeitsstelle noch Hobbies besitzt, sind Gründe für seine irreale Weltanschauung und seine Entwicklung zum Einzelgänger. Werther hat kurz vor seinem Tod alle Bezugspunkte, nämlich das Verhältnis zu den Eltern, die Natur, die Religion sowie seine geliebte Lotte, verloren. Folglich fühlt er sich sehr alleingelassen und wertlos. Dies wird zum Beispiel im Brief vom 26.Oktober deutlich, als Werther sich fragt, wie lange seine Freunde wohl die Lücke fühlen würden, wenn er aus ihrem Kreise scheiden würde (vgl. S.72). Letztendlich sieht er den Selbstmord als einzigste Lösung endlich richtig frei, losgelöst und allein zu sein.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die unglückliche Liebe letztendlich nur der Anlass für Werthers Freitod war, die Gründe liegen jedoch in seiner Charakterschwäche und dem Verlust sämtlicher Bezugspunkte.

Mit dem Selbstmord Werthers hinterfragt Goethe die Grundlagen der absolutistischen Gesellschaft. Zur damaligen Zeit stellte ein Selbstmord ein richtiges Verbrechen dar und der Selbstmörder hatte deshalb auch kein Recht auf eine ordentliche Beerdigung. Dies zeigt Goethe mit dem letzten Satz im Buch: „Kein Geistlicher hat ihn begleitet“ (S.106). Er fordert somit von der damaligen Gesellschaft und der Kirche mehr Toleranz, welche auch im heutigen Zeitalter noch oft fehlt.

Primärliteratur:

Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Hamburger Lesehefte Verlag, 115. Heft

Sekundärliteratur:

- Siepmann, Thomas; Johann Wolfgang von Goethe – Die Leiden des jungen Werther; 13.Auflage; Klett LernTraining Lektürehilfen; Verlag Ernst Klett Stuttgart, 1999

- Meyers Taschen Lexikon, B.I.-Taschenbuchverlag, Weltbild Sonderausgabe, Augsburg 1999

- http://www.hausarbeiten.de/rd/archiv/deutsch/deutsch-text1311.shtml

- http://alou.mordor.sk/germanistika/die_leiden_des_jungen_werther.htm

- http://www.fundus.org/referat.asp?ID=7595

Der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, geschrieben 1774 von Johann Wolfgang von Goethe, ist in der literarischen Epoche des „Sturm und Drangs“, die die Jahre 1765-1790 umfasst, entstanden. Diese ist das Gegenstück der vorherigen Zeit der Aufklärung und ihrem Kennzeichen „Ratio“, die Vernunft. Der Sturm und Drang ist gekennzeichnet durch die Gefühlsbetontheit und der Subjektivität. Werther, der aus bürgerlichem Haus abstammt, verliebt sich Hals über Kopf in Lotte, die eine große Anziehung auf ihn hat. Allerdings ist diese mit Albert verlobt und somit für Werther unerreichbar. Diese Tatsache will er zuerst nicht wahrhaben, doch nach langen Überlegungen verlässt er sie, um eine Stelle am Hofe eines Fürsten anzunehmen. Doch bald gibt er diese wieder auf und zieht in die Nähe Lottes zurück, die inzwischen mit Albert verheiratet ist. Werther liebt sie jedoch noch genauso wie anfangs, erkennt aber, dass er sie Albert nicht wegnehmen kann und beschließt daraufhin, wegen dieser ausweglosen Lage sich umzubringen. So erschießt er sich am 24.Dezember 1772 mit einer Pistole Alberts, nachdem er Lotte noch einen Abschiedsbrief geschrieben hat.

Im Folgenden werden die Gründe für Werthers Scheitern am Leben erörtert.

Zuerst ein sehr wichtiger Punkt, der Bestandteil des zu einsichtigen Weltbildes Werthers ist und somit einen wesentlichen Grund für sein Scheitern darstellt.

Das Problem ist eindeutig; Werther verliebt sich in Lotte, die aber mit Albert verlobt ist und somit seine Liebe nicht erwidern kann und unerreichbar ist.

Werther hat sich nicht nur wegen ihrer großen erotischen Anziehungskraft (vgl. Brief vom 16.Juni), sondern vor allem auch weil er in ihr ein Stück Natur und ihr Leben als perfekte Idylle sieht, nach der er immer gesucht hat, in Lotte verliebt.

Er möchte Teil dieser Idylle werden, die allerdings so nicht existiert, wie er es sich vorstellt und klammert sich folglich zu sehr an seinem Idealbild fest, was durch die einzelnen Treffen mit Lotte noch verstärkt wird. Somit entfernt sich Werther immer weiter von der Realität und wird auch immer unproduktiver. Ein Beispiel hierfür ist der Brief vom 24.Juli, in dem Werther zugibt, dass er nicht mehr fähig sei, ernsthaft zu zeichnen und statt Lotte richtig zu porträtieren, hätte er einfach einen simplen Schattenriss gemacht (vgl. S.34). Er wird zum Einzelgänger und Lotte bleibt für ihn der einzigste Bezugspunkt zur Außenwelt. Er fühlt sich richtig angezogen von ihr und sie verkörpert für ihn eine Art

Mutterrolle, die er nie erfahren hat. Weiterhin ist Werthers Liebe zu Lotte ein großer Gegensatz zu seinen eigentlichen Ansichten, denn auch Lotte hat etwas kleinbürgerliches an sich, was Werther eigentlich sehr ablehnt, denn er würde dann ja auch Teil davon werden. Doch er erkennt dies gar nicht, denn er sieht alles nur noch leidenschaftlich und gefühlsbetont und dieser Punkt ist eine große Gefahr, die durch die Nebenperson des Bauernburschen, den Werther eines Tages zufällig trifft und der ihm von seinem Leidensweg erzählt, verdeutlich wird. Dieser verliebt sich unglücklich in seine Herrin und das löst einen ungeheuren Trieb in ihm aus, so dass er dann den Liebhaber seiner Herrin umbringt. Der einzigste Unterschied ist nur, dass Werther am Ende nicht Albert sondern sich selbst umbringt. Aber Werther erkennt dieses Problem nicht und kann sich mit diesem Bauernburschen sehr gut identifizieren und hält an seinem einseitigen Idealbild der Liebe fest und wird dadurch in einen einzigartigen Glückszustand versetzt. Er sagt selbst von sich, „ich wusste weder, dass Tag noch dass Nacht ist, und die ganze Welt verkert sich um mich hier“ (S.23). Hiermit zeigt sich noch mal, dass Werther den Anschluss an die Realität und die Außenwelt gänzlich verloren hat und an seinem einseitigen Weltbild festhält. Letztendlich ist Werthers unrealistische, nicht existierende Liebesauffassung von vornherein zum Scheitern verurteilt und damit auch der Hauptgrund für seinen Selbstmord.

Ein weiterer Gedanke für Werthers Scheitern stellt eindeutig die damalige Gesellschaft dar, an der Werther, der selbst dem Bürgertum angehört, fast nur negative Seiten sieht. Diese Gesellschaft ist eine Ständegesellschaft, die aus dem einfachen Volk, dem Bürgertum und dem dominanten Adel besteht. Die, nach Werthers Ansicht überhebliche und eifersüchtig auf ihre Privilegien bestehende Adelsschicht ist nur darauf aus, sich vom normalen Bürger abzugrenzen und die höfischen Regeln einzuhalten. Im Brief vom 15. März spottet er auch über das vornehme Auftreten und kritisiert die Verachtung, die der Adel mit seinem arroganten Verhalten gegenüber dem Volk ausübt. Als Werther einmal erfährt, dass wegen einer kleinen peinlichen Situation seine Neider gleich schadenfroh sind, reagiert er ziemlich ärgerlich und meint hierzu: „da möchte man sich ein Messer ins Herz bohren“ (S.59). Bereits an dieser Aussage ist zu erkennen, dass auch die Gesellschaft ein Grund für seinen späteren Selbstmord ist. Aber Werther scheint ebenfalls glücklich darüber zu sein, vom geistlosen Adel loszukommen, was an folgendem Zitat sichtbar wird: „Hole sie der Teufel! […], mir war’s lieb, dass ich in die freie Welt kam“(S.59). Mit diesem Aspekt wird deutlich, dass sich Werther nicht mit dem Adel identifizieren kann und nur Kritik an ihm übt.

Auch dem Bürgertum, dem er selbst angehört, steht er abgeneigt gegenüber. Er protestiert gegen das nach seiner Sicht nach gesellschaftlicher Emanzipation drängende Bürgertum und kritisiert die bürgerliche Lebensform. Während seiner Gesandtschaftszeit konkretisiert er seine Einstellungen zur bürgerlichen Gesellschaft. In seinem Brief vom 24. Dezember beschwert er sich über den Gesandten, mit dem er nun zusammenarbeitet. Dieser sei ein „pünktlicher Narr“ und „ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist“ (S.52). Er lehnt eindeutig die zu dieser Zeit üblichen Vorstellungen von Fleiß und Streben nach Erfolg, die meistens zu großem Konkurrenzdenken führen, ab. Werther empfindet das einfache Volk auch nicht sehr positiv. Dieses verharrt seiner Meinung nach nur im Alltag, indem es immerzu arbeitet (vgl. S.9) und ebenfalls keine Leidenschaft kennt. Aber gerade da Werther sich mit keinem der Stände identifizieren kann, steht er dem einfachen Volk eher noch positiv gegenüber. Er meint hierzu: „Die geringen Leute des Orts die kennen mich schon und lieben mich, besonders die Kinder“ (S.8). Allerdings hat er auch hier eine traurige Erfahrung gemacht, „wie ich im Anfange mich zu ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte über dies und das, glaubten einige, ich wollte ihrer spotten und fertigten mich wohl gar grob ab“ (S.8). Letztendlich scheitert da ebenfalls sein Kommunikationsversuch an den Grenzen des Ständesystems. Zusammenfassend ist zu sagen, dass er sich vor allem wegen seiner Gefühlsbetontheit mit keinem der drei Stände identifizieren kann und somit zum Außenseiter wird. Diese Flucht vor der für Werther falschen Gesellschaft ist ein großer Schritt, der zu seinem Scheitern am Leben führt.

Dadurch, dass er sich nirgends zugehörig fühlt, hält er es auch nicht für nötig, sich nach Konventionen zu richten und verbringt deshalb viel Zeit in der Natur.

Doch auch die Natur ist ein Grund für Werthers Scheitern am Leben. Sie ist für ihn anfangs ein Zufluchtsort vor den verhassten Regeln der absolutistischen Gesellschaft, an dem er sich frei und unabhängig fühlt. Werther tut alles, um der Natur nahe zu sein, er möchte ihre Harmonie in sich selbst spüren und richtig aufgehen in ihr, was ihm allerdings nicht so ganz gelingt. Er versucht immer wieder in ihr eine neue Existenz, isoliert von der Gesellschaft, aufzubauen. Die Natur ist auch das Spiegelbild Werthers Seelenlebens (vgl. Brief vom 10.Mai). Anfangs ist sie für ihn wie ein unendliches Paradies, er schreibt von den „unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen“ (ebd.) und fühlt sich glücklich dabei. Im Brief vom 21.Juni, als er gerade Lotte kennen gelernt hat, ist die ganze Natur ebenfalls wunderbar für ihn und er würde sich gern in den ineinander geketteten Hügeln und vertraulichen Tälern verlieren (vgl. S.23). Für Werther ist sie der Innbegriff des Lebens und diese große schwärmerische Sehnsucht hat auch einen Grund. Werthers Mutter ist mit ihm nach dem Tod seines Vaters in die von ihm gehasste Stadt gezogen, anstatt in seinem geliebten Heimatdorf zu bleiben. Folglich hat er seine Naturliebe nicht mehr länger ausleben können und seine Sehnsucht ist immer stärker geworden. Doch als Werther im weiteren Verlaufe des Romans langsam realisiert, dass er bei Lotte keine Chancen hat, wird auch seine Ansicht über die Natur immer negativer. Im Brief vom 18.August spricht er zum Beispiel plötzlich von ihr als „ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer“ (S.44) Somit wird Werther nun von der zerstörerischen Natur in Besitz genommen und erkennt diese nur noch als Vernichtung und Grausamkeit an. Er kann sich nicht mehr mit ihr identifizieren und verliert letztendlich auch sie als Bezugspunkt. Damit ist auch Werthers Scheitern in der Natur ein Grund für seinen späteren Freitod.

Sehr nahe zu Werthers Ansichten über die Natur liegt auch seine Glaubensauffassung, die ebenfalls einen Bezug zu seinem Scheitern hat.

Seine Seele findet nämlich ihre Religion in der Natur wieder, Werther hat eine pantheistische Naturvorstellung. Dies wird auch im Brief vom 10.Mai ersichtlich, da Werther dort von der „Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf“ und vom „unendlichen Gott[..]“ (S.7) spricht. Diese übertriebene Darstellung mit religiösen Aspekten ist ein Kennzeichen des Pantheismus, der besagt, dass Gott in allen Dingen der Welt existiert ([1]).

Doch die Aussage „Gott schuf uns nach seinem Bild“ ist auch eine christliche Vorstellung, die die von ihm gehasste Gesellschaft besitzt. Hier wird deutlich, dass Werther in ihr und ihren Konventionen, die er stark ablehnt, tief fest hängt und unfähig ist, davon los zukommen. Trotzdem fühlt er sich von Gott geliebt. Das wird deutlich als er schreibt, „das Gute zu genießen, das uns Gott für jeden zu ([1]) Meyers Taschen Lexikon, B.I-Taschenbuchverlag, Augsburg, 1999

Tag bereitet“ (S.27), er empfindet ihn also als sehr gütig. Aber mit der beginnenden Zerstörung der von ihm als Idylle angesehenen Natur ändert sich jedoch auch Werthers Ansicht zur Religion. Er zweifelt plötzlich an Gott und beklagt sich öfters über sein eigenes Schicksal und das der ganzen Menschheit. Letztendlich steigert sich Werthers Unmut gegenüber Gott immer weiter und er ist sich schließlich auch nicht mehr sicher, ob Gott wirklich gerecht ist: „O Gott! Du siehst meine Tränen! Musstest du, der du den Menschen arm genug erschufst, ihm auch Brüder zugeben, die ihm das bisschen Armut, dass bisschen Vertrauen noch raubten, dass er auf dich hat, du Alliebender!“ (S.78) Mit dieser Aussage Werthers wird sein immer größeres Schwinden von Vertrauen in die Religion deutlich und es zeigt sich ebenfalls, dass er seinen ursprünglichen Glauben in den Pantheismus nicht länger bewahren kann. Er findet nicht den Halt, den andere Menschen in ihrem Glauben spüren. Lotte wird für ihn immer mehr zu einer Art Ersatzreligion, denn er verbindet Ausdrücke wie „himmlische Unschuld“ (S.69) und „Geister des Himmels“ (S.76) mit ihr. Doch weil eben gerade Lotte mit der Grund für Werthers Leiden ist, kann auch sie ihn nicht von seinem Schicksal befreien. Somit fühlt sich Werther von Gott immer mehr verlassen und in der Religion nicht mehr eingebunden, was sicher auch mit seinem letztendlichen Scheitern zusammenhängt.

Zuletzt nun zum Hauptgrund für Werthers Scheitern, zu seiner Charakterschwäche. Im ersten Brief des Buches vom 4.Mai erzählt er, dass er seinen alten Wohnort verlassen hat weil sich eine Frau namens Leonore in ihn verliebt hat, er aber nichts für sie empfindet (vgl. S.5). Somit wird bereits auf der 1.Seite des Buches ersichtlich, dass Werther kein Durchsetzungsvermögen hat und sich seinen Problemen nicht stellt, sondern einfach flieht, um einen Weg mit weniger Konflikten zu gehen. Außerdem nimmt er sich Folgendes vor: „ich will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen wie ich’s immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen und das Vergangene soll mir vergangen sein“ (S.5). Doch diesen Vorsatz kann er nicht lange halten und jammert schon bald wieder bei Wilhelm über eben genau diese alten Zeiten. Werther ist nie mit sich selbst zufrieden und hat damit auch kein großes Selbstbewusstsein, er leidet an einer inneren, seelischen Schwäche. Dadurch dass er weggezogen ist, distanziert er sich jedoch nur räumlich von dieser

Konfliktsituation und entfernt sich deshalb immer mehr vom realen Weltbild.

Außerdem leidet er an großen Gefühlsschwankungen zwischen Glücksgefühl sowie Freude und kurz darauf große Niedergeschlagenheit, wie bereits schon vorher beschrieben. Dies löst bei ihm starke Unzufriedenheit und Depressionen aus. Wegen diesem Grund und auch wegen einigen Peinlichkeiten, zum Beispiel als er aus der noblen Gesellschaft verwiesen wurde, führen dazu, dass Werther in die Einsamkeit flüchtet und ständig einen Realitätsverlust erleidet. Diesen ersetzt er durch Gedanken und Spekulationen, die Folge ist sein viel zu einseitiges Weltbild. Auch seine schlechte Kindheit und die Tatsache, dass er nie irgendwelche Verpflichtungen hat und weder eine Arbeitsstelle noch Hobbies besitzt, sind Gründe für seine irreale Weltanschauung und seine Entwicklung zum Einzelgänger. Werther hat kurz vor seinem Tod alle Bezugspunkte, nämlich das Verhältnis zu den Eltern, die Natur, die Religion sowie seine geliebte Lotte, verloren. Folglich fühlt er sich sehr alleingelassen und wertlos. Dies wird zum Beispiel im Brief vom 26.Oktober deutlich, als Werther sich fragt, wie lange seine Freunde wohl die Lücke fühlen würden, wenn er aus ihrem Kreise scheiden würde (vgl. S.72). Letztendlich sieht er den Selbstmord als einzigste Lösung endlich richtig frei, losgelöst und allein zu sein.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die unglückliche Liebe letztendlich nur der Anlass für Werthers Freitod war, die Gründe liegen jedoch in seiner Charakterschwäche und dem Verlust sämtlicher Bezugspunkte.

Mit dem Selbstmord Werthers hinterfragt Goethe die Grundlagen der absolutistischen Gesellschaft. Zur damaligen Zeit stellte ein Selbstmord ein richtiges Verbrechen dar und der Selbstmörder hatte deshalb auch kein Recht auf eine ordentliche Beerdigung. Dies zeigt Goethe mit dem letzten Satz im Buch: „Kein Geistlicher hat ihn begleitet“ (S.106). Er fordert somit von der damaligen Gesellschaft und der Kirche mehr Toleranz, welche auch im heutigen Zeitalter noch oft fehlt.

Primärliteratur:

Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Hamburger Lesehefte Verlag, 115. Heft

Sekundärliteratur:

- Siepmann, Thomas; Johann Wolfgang von Goethe – Die Leiden des jungen Werther; 13.Auflage; Klett LernTraining Lektürehilfen; Verlag Ernst Klett Stuttgart, 1999

- Meyers Taschen Lexikon, B.I.-Taschenbuchverlag, Weltbild Sonderausgabe, Augsburg 1999

- http://www.hausarbeiten.de/rd/archiv/deutsch/deutsch-text1311.shtml

- http://alou.mordor.sk/germanistika/die_leiden_des_jungen_werther.htm

- http://www.fundus.org/referat.asp?ID=7595

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Details

Titel
Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther - Gründe für sein Scheitern
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
7
Katalognummer
V107618
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Johann, Wolfgang, Leiden, Werther, Gründe, Scheitern
Arbeit zitieren
Silvia E. (Autor), 2002, Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther - Gründe für sein Scheitern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107618

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