Boulevardisierung, Soft News und Agenda Setting in der Unterhaltungsöffentlichkeit


Hausarbeit, 2001
13 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Boulevardisierung
2.1 Was ist Boulevardisierung?
2.2 Soft News

3. Der Forschungsstand zur Boulevardisierung

4. Infotainment total?

6. Boulevardisierung und Agenda Setting
6.1 Was ist Agenda Setting?
6.2. Die ‚Soft-Agenda’

7. Ist Boulevardisierung gefährlich?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine äußerst interessantes mediales Phänomen der letzten Jahre ist die sogenannte ‚Boulevardisierung’. Wie kaum eine andere Entwicklung im Journalismus-Bereich ruft sie Kritiker auf den Plan und löst z.T. heftige Diskussionen und wilde Spekulationen aus.

Die vorliegende Arbeit soll erklären, was Boulevardisierung ist (wobei auch auf verwandte Begriffe wie Soft News eingegangen wird), wie sie erforscht wird und auf welche Weise sie den klassischen Journalismusbegriff ins Wanken bringt.

Außerdem wird der Versuch unternommen, Boulevardisierung mit der Agenda Setting These in Verbindung zu bringen.

Zum Schluss soll erörtert werden, inwieweit Boulevardisierung negativ oder positiv auf die Medienlandschaft und letztlich auf die Gesellschaft wirken kann.

2. Boulevardisierung

2.1 Was ist Boulevardisierung?

Boulevardisierung bzw. „Tabloidization“ ist ein Begriff aus dem Bereich der Medienkritik, der erstmals Anfang der 90er Jahres in den USA auftauchte, um eine seit dieser Zeit scheinbar verstärkt auftretende Veränderung (bzw. Verwässerung) des Journalismus zu kritisieren. Das Wort an sich nimmt hauptsächlich auf zwei Vorgänge Bezug: die Annäherung der ‚seriösen’ Presse an die Boulevardpresse, und die allgemeine Orientierung am Tabloid-Medium #1, dem Fernsehen.

Was Boulevardisierung genau ausmacht, wird in der Literatur nicht einheitlich beschrieben. Allerdings lassen sich die Aussagen verschiedener Kritiker ohne weiteres zu einem gemeinsamen Bild ergänzen:

Laut Kurtz ist Tabloidization hauptsächlich durch folgende Phänomene gekennzeichnet (vgl. Kurtz, 1993):

- ein allgemeiner Verfall der journalistischen Standards (-> größtmögliche Objektivität; investigative, gründliche Recherche; Wahrung gewisser ethischer Grundsätze etc.)

- ein Rückgang „harter Themen“ (-> Politik und Wirtschaft) und ein Anstieg „weicher Themen“ (-> Skandale, Sensationsmeldungen, Unterhaltung, Sex)

- ein Wandel bzw. eine Erweiterung der journalistischen Auffassung von dem, was der Wähler zur Beurteilung der Politiker wissen sollte (i.e. Privatleben- und -interessen spielen eine immer größere Rolle)

Biere sieht im Boulevardjournalismus hauptsächlich „Sensationalismus, Negativismus und Emotionalität“ , Bucher erklärt, dass Boulevardisierung u.a. dann vorliegt, wenn neben die Informationsfunktion auch eine Unterhaltungs- und Servicefunktion tritt. Hierzu gehören eine ‚buntere’ Themenwahl und eine Zunahme von Servicerubriken. Sparks erweitert die Kriterien u.a. um eine dominante, individuelle Sichtweise in der Darstellung der Themen, Connell weist auf den eher erzählenden Sprachstil und die Annäherung an die Umgangssprache bei Tabloid-Medien hin (vgl. Hoffmann, 2001).

Nicht zuletzt handelt es sich nach Ansicht diverser Kritiker auch um Boulevardtendenzen, wenn eine Zeitung oder eine Zeitschrift mehr Fotos abdruckt und Überschriften vergrößert, oder wenn Fernsehberichte verkürzt, schneller geschnitten und mit auflockernder Musik untermalt werden.

Insgesamt lässt sich also festhalten, dass Boulevardsieriung inhaltlicher, sprachlicher und optischer Natur sein kann.

2.2 Soft News

Soft News sind boulevardisierte Nachrichten oder Nachrichten im Tabloidmedienbereich. Kurtz definiert – grob zusammengefasst – 5 Hauptelemente, die charakteristisch für den „Tabloid News-Style“ sind (vgl. Kurtz, 1993). Von ein paar offensichtlichen Einschränkungen abgesehen (kein Audio/Video bei Printmedien) können sie ohne weiteres auf Tabloid-Journalismus im Allgemeinen übertragen werden:

- die Präsentation erfolgt schlaglichtartig (‚flashy’: Audio / Video / Grafiken)
- der persönliche Hintergrund wird stark betont
- die Journalisten verlassen sich auch auf fragwürdige Quellen und Gerüchte
- Interviewpartner/Zeugen werden z.T. bezahlt
- Szenen werden z.T. nachgestellt („dramatic re-enactment“)

3. Der Forschungsstand zur Boulevardisierung

Die Diskussion um die Boulevardisierung ist nun schon seit mehr als 10 Jahren quasi weltweit im Gange. Sie wird umfassend, kontrovers und bisweilen recht erbittert geführt. Debattiert wird öffentlich, privat, unter Journalisten und in vielen Fachbüchern. Eine ganze Reihe von Kritikern haben sich in den letzten Jahren relativ umfassend zum Thema geäußert und ihre Tabloid-Theorien aufgestellt.

Der Stand der empirischen Forschung wird der Präsenz und Bedeutung der Boulevardisierung-Diskussions allerdings kaum gerecht. Es gibt viele Behauptungen, aber wenig Beweise.

Was den Printmedienbereich betrifft, der wie kein anderer im Kreuzfeuer der Boulevardisierungskritiker steht (hier ist der ‚harte’ Journalismus besonders in Gefahr), kann z.B. Hoffmann in ihrer noch relativ frischen Arbeit (2001) nur auf vier Untersuchungen zurückgreifen. Und selbst die liefern – bis auf eine Ausnahme - relativ unbefriedigende Ergebnisse oder sind überhaupt nicht aussagekräftig:

Klein will anhand der ‚Bild-Zeitung’ die Merkmale von Tabloid-Politikberichterstattung in ihrer ausgeprägtesten Form beschreiben und führt zu diesem Zweck eine Frame-Analyse durch. Frames werden hierbei als themenunabhängige Berichterstattungsmuster verstanden. Zwei typische, häufig wiederkehrende und daher gut identifizierbare Frames sind die Darstellung von Politkern als ‚Menschen wie du und ich’ und die Darstellung von Politik als eine ‚Sache persönlicher Konfrontationen und Vereinbarungen’. (vgl. Hoffmann, 2001)

Hoffmann weist zurecht darauf hin, dass sich anhand dieser Untersuchung „Aussagen über eine Boulevardisierung der deutschen Presselandschaft ... nicht machen [lassen], da sie explorativen Charakter hat und nicht überprüft, ob die ermittelten Boulevardframes auch verstärkt in seriösen Tageszeitungen zum Tragen kommen“ (Hoffmann, 2001).

Eine zweite Boulevardisierungsstudie von Biere, die sich anhand einer sprachlichen Analyse von Artikeln aus dem ‚Spiegel’ und der ‚Süddeutschen’ mit Tabloid-Aspekten in der Wissenschaftsberichterstattung beschäftigt, kommt zu dem Ergebnis, dass sich hier keine Boulevardiesierungsanzeichen finden lassen (vgl. Hoffmann, 2001).

Als Maßstab für die Boulevardisierung galt Biere allerdings, „inwieweit eine Darstellung dem wissenschaftlichen Gegenstand angemessen oder unangemessen ist“ (Hoffmann, 2001).

Bieres Studie ist also sehr speziell und kann nicht herangezogen werden, um eine Aussage über allgemeine Tendenzen in der (Print)-Medienlandschaft zu machen.

Studie #3 widmet sich nicht nur den Medien, sondern auch ihren Machern. Esser nimmt an, dass die Auswirkungen der Boulevardisierung nicht nur in den Zeitungen selbst, sondern auch im Bewusstsein der Journalisten zu finden sind. „Daher nutzt er in seiner Sekundäranaylse neben Daten aus einer Inhaltsanalyse auch Daten aus einer Umfrage unter Journalisten, um Aufschluss darüber zu erhalten, inwieweit journalistische Standards – normativ gesehen – im Niedergang begriffen sind. Er findet jedoch keine oder nur sehr geringe Anzeichen für eine zunehmende Boulevardisierung, wobei anzumerken ist, dass die ... verwendeten Umfrage- und Inhaltsanalysedaten nicht speziell auf seine Fragestellung zugeschnitten waren.“ (Hoffmann, 2001). Auch diese Untersuchung kann daher wohl eher ad acta gelegt werden.

Die letzte von Hoffman vorgestellte Studie, in der untersucht wird, in welchem Maße (die aus der Literatur bekannten) Boulevardisierungsmerkmale in der ‚Sächsischen Zeitung’ zu finden sind, und wie sich ihr Auftreten über einen Zeitraum von mehreren Jahren entwickelt, ist immerhin halbwegs brauchbar. Das Fazit fällt folgendermaßen aus (vgl. Hoffmann, 2001):

„Boulevardisierungstendenzen lassen sich im Zeitraum 1991 bis 1999 auf den drei Ebenen Inhalt, Stil und Aufmachung teilweise finden. Ein grundlegender Wandel in der Berichterstattung hat jedoch nicht stattgefunden...“ (Hoffmann, 2001)

„Diese Ergebnisse in Bezug auf Boulevardisierungstendenzen sind jedoch auch nicht zu unterschätzen, da es sich um einen relativ kurzen Untersuchungszeitraum handelte. Schon allein um einen Wiederkennungswert zu haben und vorhandene Abonnenten nicht abzuschrecken, können Veränderungen nur langfristig erfolgen. Zudem ist die ‚Sächsische Zeitung’ eine der auflagenstärksten Regionalzeitungen und damit weniger zu Veränderungen gezwungen. Vor diesem Hintergrund ist den Ergebnissen also deutlich mehr Bedeutung zuzuweisen...“ (Hoffmann, 2001)

„Prägen sich ... [die] vorhandenen Tendenzen weiterhin aus, kann dies letztendlich zu einer boulevardisierten Berichterstattung führen.“ (Hoffmann, 2001)

Eine tatsächliche Prognose, ob dies wirklich passieren wird, ist dann aber anhand der Daten doch nicht möglich (vgl. Hoffmann, 2001)

Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die Sächsische Zeitung zwar eine relativ große und relativ typische Tageszeitung sein mag, dass ihre Entwicklung allerdings keinen Aufschluss über allgemeine Tendenzen bei seriösen Tagesszeitungen geben kann, nicht einmal auf die BRD beschränkt. Hierzu müsste eine viel größere Anzahl von Printmedien über einen viel größeren Zeitraum untersucht werden.

Insgesamt bleibt es bei dem, was zu Beginn des Kapitels gesagt wurde: der empirische Forschungsstand zum Thema Boulevardisierung ist recht dürftig.

Dass die Empirie noch keine Beweise für Tabloid-Tendenzen und -Auswirkungen hat, bedeutet aber auf keinen Fall, dass es sie nicht gibt. Hierzu ein einfaches Argument:

Boulevardisierung mag zwar noch nicht ‚bewiesen’ sein, sie ist aber einfach überall anzutreffen. Die Veränderung von Zeitungen und Zeitschriften sind „für den aufmerksamen Leser durchaus offensichlich“ (Hoffmann, 2001).

Verleger sprechen zudem indirekt von Veränderungen in Richtung tabloid, um Leser zu halten oder neue Leser anzusprechen.

Im audio-visuellen Bereich gibt es seit geraumer Zeit selbst in öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen „bunte“ Meldungen, die alleine der Unterhaltung und Auflockerung dienen. Aus Gebühren finanzierte Infotainment-Magazine und Katastrophenspecials sind auch keine Seltenheit mehr (vgl. Schröder, 2000). An dieser Stelle könnten noch unzählige weitere Beispiele angeführt werden.

Es sollte klar sein, dass Boulevardisierung – so unwissenschaftlich es zunächst klingen mag – einfach da ist und tag-ein, tag-aus beobachtet werden kann. Wäre dies nicht der Fall, wären die unzähligen theoretischen Überlegungen zum Thema Tabloid auch kaum zu erklären.

4. Infotainment total?

Aufgrund der hohen Präsenz und Akzeptanz von Tabloid-Fernsehen, -Rundfunk und –Presse und deren Ausstrahlungskraft auf andere Formate wird die Definition des klassischen Journalismus-Begriffs immer schwieriger und eine klare Trennung von Informations- und Unterhaltungsgebot zunehmend problematischer (vgl. Renger, 2000).

Während Journalismus entertainisiert wird, erhält gleichzeitig fiktive Unterhaltung informative Qualitäten (vgl. Renger, 2000).

So diskutieren z.B. die Charaktere in Soap-Operas über aktuelle Themen, leiden unter aktuellen Problemen, benutzen und erklären neue Produkte etc. und können auf diese Weise zur alltäglichen Erfahrung und zum alltäglichen Wissenserwerb beitragen.

Falls die beschriebenen Tendenzen anhalten bzw. stärker werden, könnte nach Ansicht von Renger „im schlimmsten Fall (...) der Journalismus in einem allgemeineren publizistischen / massenmedialen System verschwinden. Klassischer Journalismus könnte zu einer Tätigkeit werden, die in neuen Medienkontexten überflüssig ist“ (Renger, 2000).

Weischenberg stellt die These auf, dass „die Medienwelt (...) vielleicht irgendwann keinen auf Relevanz beharrenden Journalismus mehr haben [will]“ (Weischenberg, 1997).

In diesem Fall könnte laut Renger die ’öffentliche Aufgabe’ der Medien (...) zur Dienstleistung an der Öffentlichkeit werden“ (Renger, 2000).

Hartley sieht Populären Journalismus „nicht als kreative[n] Output im Dienst von Objektivität und Wahrheit (...), sondern als Throughput, als warenhafte Durchgangsleistung im Sinne eines distributiven Marketings profitorientierter Medienunternehmen (vgl. Renger, 2000)

5. Gründe für Boulevardisierung

Nun stellt sich bald die Frage, aus welchen Gründen boulevardisiert wird.

Warum werden ‚harte Themen’ häufiger zugunsten von ‚weichen Themen’ zurückgestellt, warum sind reine Boulevardsendungen so erfolgreich? Weswegen wird die Vermischung von Unterhaltung und Information vorangetrieben?

Während klassische linke Ansätze davon ausgehen, dass Tabloid-Journalismus Leser, Hörer und Zuschauer auf gewisse Art verdummen und in ein unkritisches, fröhlich konsumierendes, für den Status Quo ungefährliches ‚Brot und Spiele-Publikum’ verwandeln soll, wird Boulevardisierung in diversen neueren Ansätzen als eine Entwicklung dargestellt, die von den Rezipienten mehr oder weniger gewollt ist.

Weischenberg vermutet z.B., dass „Informationsangebote (...) heute offenbar vom Publikum nicht mehr automatisch gesucht [werden]“ (Weischenberg, 1997) Sie müssen daher „in ein attraktives Umfeld (Werbung, Unterhaltung, PR, Service etc.) gestellt werden, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden“ (Weischenberg, 1997).

Eine These von Knobloch und Donsbach geht in eine ähnliche Richtung:

„Das Publikum SOLL sich informieren und SOLL lernen, WILL aber häufig viel lieber unterhalten werden ... Die klassischen Massenmedien wie Fernsehen und Presse stehen häufig im Kreuzfeuer der Kritik wegen ihrer angeblichen Boulevardisierung, der Bedienung eines „Massengeschmacks“, der Sensationsheischerei bis hin zur Tatsachenverzerrung. Allerdings kommen sie damit möglicherweise gerade den Wünschen und Selektionskriterien des Publikums entgegen.“ (Knobloch / Donsbach, 2001)

Dass Boulevard heute vom Publikum (verstärkt) gewünscht und genossen wird, könnte aber auch schon der ‚Erfolg’ eines medialen Prozesses sein, dessen an verschiedene wirtschaftliche Interessen gebundenes Kalkül es war und ist, ein größeres Tabloid Publikum zu schaffen.

6. Boulevardisierung und Agenda Setting

6.1 Was ist Agenda Setting?

Bevor es um Agenda Setting im Zusammenhang mit Tabloid-Journalismus geht, soll zunächst kurz erläutert werden, was die Agenda Setting-Theorie überhaupt besagt, und wie sie entstanden ist.

Seit Anfang der siebziger Jahre beschäftigt sich die Forschung mit der sogenannten ‚kognitiven Wirkung’ von Medien, i.e. mit deren Einfluss auf Themen-, Informations- und Wissenshaushalt des Publikums (vorher wurden hauptsächlich „persuasive“, also einstellungs- und verhaltensändernde Wirkungen untersucht).

Der kognitiven Wirkungsforschung geht es vor allem um die Frage, warum manche sozialen Sachverhalte beachtet und zu Themen werden und andere nicht. Entscheidende Anstöße gab es hier u.a. duch die Studien von McCombs und Shaw (vgl. McCombs / Shaw, 1972).

Deren Agenda-Setting Hypothese geht davon aus, dass die Massenmedien bestimmen, welche Themen Öffentlichkeit erlangen und welche politische Priorität ihnen jeweils zugeschrieben wird.

Der Einfluss der Massenmedien auf die Themensetzung wird damit erklärt, dass sie für die Öffentlichkeit zumeist die einzige Möglichkeit für die Wahrnehmung der politischen Vorgänge sind. Der Einfluss auf die Prioritätensetzung ist die Folge der medienspezifischen Aufbereitung des Geschehens.

Je nachdem, wie häufig und mit welcher redaktionellen Aufmachung die einzelnen Themen behandelt werden, bekommen sie in der Öffentlichkeit ein unterschiedliches Gewicht. Durch diese Darstellungsmerkmale entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck eines besonderen Nachrichtenwertes, den die Medien den Ereignissen jeweils zumessen: es entsteht eine ‚Agenda’, eine Themenrangordnung, von der die Mediennutzer annehmen, dass es die nach Relevanzgesichstpunkten geordnete Rangordnung des politischen Systems ist.

6.2. Die ‚Soft-Agenda’

Eine Übertragung der Agenda Setting Hypothese auf eine boulevardisierte oder sich boulevardisierende Medienlandschaft erweist sich nun allerdings als enorm schwierig:

Geht man davon aus, dass sich die Agenda Setting Theorie eigentlich nur auf harte Nachrichten, informative Medien und ein informationswilliges Publikum bezieht, kann sie im Tabloid- Bereich nicht angewendet werden. Jedenfalls nicht in Reinform.

Es wäre allerdings möglich, von einer Art ‚Soft-Agenda’ zu sprechen, wenn die Boulevardmedien eine Rangfolge von Themen erstellen, die ursprünglich gar keine ‚echten’ Themen waren.

Angenommen, Human Interest Stories, Skandälchen und Sevicetipps werden dermaßen in den Vordergrund gestellt, dass sich Leser/Zuhörer/Zuschauer kaum noch mit anderen Dingen beschäftigen, so lässt sich nicht bestreiten, dass hier irgendwie Argenda Setting betrieben wird, wenn auch nicht im klassischen Sinne.

Eine weitere Diskussion der hier aufgeworfenen Problematik mit der Leitfrage, was ein „Thema“ ist und was nicht, ist an dieser Stelle leider nicht möglich, da mir keine entsprechenden Theorien und Studien bekannt sind.

7. Ist Boulevardisierung gefährlich?

Im letzten und evtl. wichtigstem Abschnitt dieser Arbeit soll einer Frage nachgegangen werden, die bei den meisten Diskussionen über Boulevardisierung der Hauptstreitpunkt ist: Muss man sich Sorgen machen wegen der Tabloid-Entwicklung der Medien, ist ‚softer’ Journalismus eine Gefahr für die Gesellschaft?

Schenk und Pfenning sind der Auffassung, dass besonders durch die inhaltlichen Veränderungen aus Sicht der normativ-demokratietheoretisch ausgerichteten Journalismuskritik durchaus ein Grund zur Besorgnis besteht. So ist z.B. die politische Leistungsfähigkeit einer Tageszeitung durch den Trend zur Entpolitisierung und einen stark gestiegenen Anteil von Themen mit geringer gesellschatlicher Bedeutung eindeutig bedroht. Und eine schicke, ansprechende, leicht konsumierbare Verpackung kann leicht inhaltliche Defiziten mit sich bringen oder vom Inhalt ablenken (vgl. Schenk / Pfenning, 1999).

Beim Fernsehen kommt es zu einer zunehmenden Kluft zwischen tatsächlichen Prozessen in der realen Welt und ihren medialen Darstellung, wenn tabloid-bedingt alles vereinfacht und verkürzt werden muss. Politische Prozesse, üblicherweise eher langwierig und komplex – können nur unvollständig dargestellt werden.

Dass der kritische Journalismus bei der Jagd nach Lesern/Zuschauern auf der Strecke bleibt und statt dessen ein pflegeleichtes, handzahmes und marktfreundliches Dienstleistungsprodukt entsteht, wird an Begriffen wie „McJournalismus“ deutlich (vgl. Schnibben, 1995).

Die Fixierung auf Tabloid-Themen und triviale Geschichten führt nicht zuletzt dazu, dass echte, politisch/kulturell relevante Probleme vernachlässigt, marginalisiert oder gar unterschlagen werden.

Es gibt aber auch andere Sichtweisen:

So können die stattfindenden Veränderungen z.B. positiv als funktional-publikumsorientiert bezeichnet werden. Tageszeitung werden u. U. durch Boulevardisierung „für die Leser wieder attraktiver“ (Hoffmann, 2001).

Personalisierung in der medialen Berichterstattung könnte dabei helfen, „abstrakte Vorgänge – wie sie in der Politik vorherrschend sind – für den Leser anschaulicher und ... leichter fassbar...“ zu machen“ (Hoffmann, 2001)

Bei Zeitungen kommt „die stärkere Bebilderung und der größere Wert, der auf Überschriften gelegt wird, ...veränderten Rezeptions- und Selektionsgewohnheiten entgegen...“. ‚Faulen’ oder an harten News nicht übermäßig interessierten Lesern werden auf diese Weise Themen schmackhaft gemacht, die sie in einem ‚Hard News’-Rahmen wahrscheinlich nicht beachtet hätten. (Hoffmann, 2001)

Zuletzt sollte nicht vergessen werden, dass der (normative) ‚Wert’ eines Mediums nicht immer von seinem Boulevardisierungsgrad oder seinem Soft-News-Anteil abhängt. So ist der ‚Stern’ beispielsweise viel tabloidlastiger und sensationslustiger als die ‚Junge Freiheit’, betreibt dabei allerdings viel seltener rassistische Hetze.

Literaturverzeichnis

Berghaus, Margot: Wie Massenmedien wirken. Ein Modell zur Systematisierung. In: Rundfunk und Fernsehen, # 2, 1999.

Bowman, James: Chandraology [“Is the stupidity of the media compulsory ?”] (www.jamesbowman.net)

Hoffmann, Jana: Boulevardisierung der seriösen Tagespresse. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der TU Dresden #50, Sonderheft ‚Medien und Kommunikation’. Dresden, 2001

Knobloch, Silvia und Donsbach, Wolfgang: Vorwort. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der TU Dresden #50, Sonderheft ‚Medien und Kommunikation’. Dresden, 2001

Kötter, Andreas: Interview mit Barbara Eligmann. „Ich muss in meiner Freizeit nicht auch noch Autohäuser eröffnen“. In: Der Spiegel, 26.06.2000

Kötter, Andreas: Interview mit Fritz Pleitgen. „Qualität soll Quote nicht ausschließen“ In: Der Spiegel, 29.12.2000

Kurtz, Howard: Media Circus: The Trouble With America's Newspapers. New York, 1993

McCombs, Maxwell E. / Shaw, Donald L.: The Agenda Setting Function of Mass Media. In: Public Opinion Quarterly #36, 1972.

Neudeck, Rupert: Abschied vom öffentlich rechtlichen Rundfunk. Schritt für Schritt in die Boulevardisierung. In: Info3. Das Monatsmagazin für Spiritualität und Zeitfragen, Oktober 2000.

Renger, Rudi: Populärer Journalismus. Nachrichten zwischen Fakten und Fiktion. Insbruck / Wien / München, 2000.

Schenk, Michael / Pfenning, Uwe: Politische Massenkommunikation. Wirkung trotz geringer Beteiligung? Neue Strategien der Persuasion. In: Politische Vierteljahreszeitschrift #3, 1990.

Schnibben, Cordt: Der McJournalismus. In: Spiegel Spezial #1, 1995.

Schröder, Ralf: Alle mal herhören... Über den Quotenerfolg der Katastrophen-Specials. In: Jungle World, 06.09.2000

Weischenberg, Siegfried: Neues vom Tage. Die Schreinemakerisierung unserer Medienwelt. Hamburg, 1997

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Boulevardisierung, Soft News und Agenda Setting in der Unterhaltungsöffentlichkeit
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Veranstaltung
Zerfall der Öffentlichkeit? Aspekte des Öffentlichkeitswandels in der Medienkultur
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V107630
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Boulevardisierung, Soft, News, Agenda, Setting, Unterhaltungsöffentlichkeit, Zerfall, Aspekte, Medienkultur
Arbeit zitieren
Alexander Plaum (Autor), 2001, Boulevardisierung, Soft News und Agenda Setting in der Unterhaltungsöffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107630

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