Wandel der Kindheit: Die Mutter-Kind-Beziehung


Seminararbeit, 2002

11 Seiten, Note: 1,0


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1. Einleitung: Familienformen in Deutschland

Durch den immerfort steigenden Traditionsverlust in Deutschland stellt sich auch ein Gewinn an individueller Freiheit ein, der die Chance bietet, zwischen den verschiedensten Formen menschlichen Zusammenlebens zu wählen. Es gibt heute „die Familie“ im typischen Sinn nicht mehr, jedoch immer mehr Wilde Ehen, Ehen ohne Trauschein, Ein-Personen-Haushalte, Ein-Eltern-Familien etc.

Früher war eine Familie durch eine bestimmte Rollenstruktur gekennzeichnet, nämlich dem Zusammenleben von Vater, Mutter und Kind/ern, und die damit verbundene Aufgabentrennung zwischen den einzelnen Familienmitgliedern. So sorgte die Ehefrau und Mutter für den Haushalt und war für die Erziehung und Pflege der Kinder verantwortlich. Für Parsons ist dabei die Mutter-Rolle mit einem „expressiven Verhalten“ – einem gefühlvollen, auf die Bedürfnisse anderer orientierten – und die Vater-Rolle mit einem „instrumentellen“ Verhalten verknüpft.

Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die 70er Jahre hinein ließ sich jedoch beobachten, dass dieses Modell nur noch für eine Minorität der Familien zutrifft. Die Entstehung neuer Familienformen machte auch mit der althergebrachten Rollenverteilung Schluss. Das Verhältnis der Aufgabenverteilung zwischen Eltern und Kindern musste immer wieder neu überdacht werden.

Aus dem folgenden Schaubild[1] wird deutlich, dass die traditionelle Vorstellung von Familie nur eine Familienform von vielen verschiedenen ist.

Typologie von Familienformen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Betrachtung dieser Statistik darf nicht vergessen werden, dass es zu einem Wechsel von einer zur anderen Familienform kommen kann – sogar mehrmals. Zum Beispiel kann aus einer Eltern-Familie durch Scheidung eine Mutter- oder Vater-Familie werden, die dann durch Wiederheirat erneut zu einer Eltern-Familie wird, wobei diese dann durch Stiefelternschaft gekennzeichnet ist. Nicht selten sind heute auch die sogenannten „Patchwork-Familien“, in denen leibliche Eltern, Stiefeltern, Geschwister, Stiefgeschwister und sogar die neuen Lebenspartner der getrennten Eltern unter einem Dach leben.

In dieser Arbeit soll ganz speziell auf die Mutter-Kind-Beziehung innerhalb der verschiedenen Familienformen eingegangen werden. Welche Rolle spielt die moderne Frau in diesen Familienformen? Welche Art der Aufmerksamkeit lässt sie ihren Kindern zukommen? Wie schafft sie es, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen? All dies sind Fragen, die im Folgenden erörtert werden.

1. Zum geschichtlichen Wandel der Mutter-Rolle

Der Rollenbegriff geht immer von typisierten Erwartungen aus, d.h. auf dem Weg der Individualisierung werden Einstellungs- und Verhaltensmuster zu „Rollen“ hervorgehoben und stilisiert. Durch die soziale Rolle „Mutter“ – einem zunächst biologischen Sachverhalt – erfährt die Gesellschaft eine soziale Differenzierung, die normativ abgesichert ist. Denn die biologischen Voraussetzungen werden herangezogen, die Zuschreibung von Eigenschaften und Fähigkeiten und die geschlechtsspezifische Aufgabenverteilung zu legitimieren. Der Mutter kam früher der familiäre Innenbereich und die Pflege und Erziehung der Kinder zu. Diese spezifische Rollenverteilung hat jedoch seit den 70er Jahren immer mehr an Akzeptanz verloren.

a) Die Mutter: bis 1500 – im 16./17. Jahrhundert – im 18./19. Jahrhundert – im Nationalsozialismus – nach 1945

Da es bis 1500 keine Definition des Kindheits-Begriffs gab, war auch die Rolle der Mutter ganz anders definiert als heutzutage. Die Kinder wurden wie kleine Erwachsene behandelt, mussten im Haus beziehungsweise in der Landwirtschaft mitarbeiten und dienten hauptsächlich der Altersvorsorge. Kinder genossen keinerlei pädagogische Betreuung und lernten durch reine Nachahmung. Es gab keine systematische Erziehung, sondern nur ein „Aufziehen“ der Kinder.

Die Beziehung der Mutter zu ihrem Kind konnte sich teilweise gar nicht entwickeln. Viele Kinder starben früh, andere wurden zu Ammen gegeben oder kamen in Kinderhäuser. Die große Anzahl der Kinder einer Familie machte es unmöglich, sich jedem Kind so ausgiebig zu widmen, als dass sich eine besondere Art der Interaktion zwischen Mutter und Kind ergeben konnte.

Im 16./17. Jahrhundert allerdings erkannte man, dass die Kindheit ein zur Formung des Menschen notwendiger Prozess ist, und räumte den Kindern eine Art Schonzeit ein. Dies bewirkte einen Ausschluss aus der Welt der Erwachsenen, der durch disziplinarische Maßnahmen, Strafen und den Verlust der kindlichen Freiheit gekennzeichnet wurde.

Im 18./19. Jahrhundert entstand die traditionelle Rollenverteilung zwischen Frau und Mann: Der bürgerliche Vater arbeitete, war den ganzen Tag außer Haus, während die Mutter für den Haushalt und die Kinder verantwortlich war. Die Kinder hatten damals schon eigene Kinderzimmer mit Spielzeug und spielten rollenspezifische Spiele und verrichteten adäquate Tätigkeiten. Der Vater war absolut autoritär. Sein Wort musste befolgt werden, die Mutter hatte dabei genauso zu gehorchen wie die Kinder. Über die Mutter-Kind-Beziehungen zu dieser Zeit ist wenig bekannt. Vorstellbar wäre eine Art Solidarisierung gegen den Patriarchen Vater, doch das ist nicht erwiesen.

Die Situation der Arbeiterfamilie in der Zeit der Industrialisierung sah allerdings ganz anders aus: zum großen Teil wurde in den Familien Heimarbeit getätigt, zu der alle Familienmitglieder egal welchen Alters ihren Teil beitragen mussten. Dies beeinträchtigte die Entwicklung eines Familien- oder Freizeitlebens natürlich gänzlich.

Der Mutter kam im Nationalsozialismus eine ganz besondere, tragende Rolle zu. Im Jahre 1938 stiftete Hitler den deutschen Frauen einen Orden für Gebärfreudigkeit. Ab dem 7. Kind wurde das „Mutterkreuz“ in Gold verliehen. Der Mutter sollte dadurch dieselbe Ehre wie einem Frontsoldaten zukommen, da sie sich durch ihren Einsatz von Leib und Leben für Volk und Vaterland eingesetzt hatte. 1939 fand dann der erste „Tag der deutschen Mutter“ statt, an dem diese Auszeichnung verliehen wurde.

Die Aufgabe der Frau war, in ihrem „Heim und Reich“ zu regieren, Kinder aufzuziehen und sie an den Nationalsozialismus heranzuführen. Die Frauen erhielten dadurch ihren typischen Arbeitsbereich, Haus und Familie, zurück.

Nach 1945: In den Nachkriegsfamilien war die Mithilfe der Kinder im Haushalt eine Selbstverständlichkeit. Meist hatten sie jüngere Geschwister zu betreuen. In den folgenden Jahre wurde die Autonomie der Kinder immer größer.

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern hat sich im Lauf der Jahrhunderte grundlegend verbessert. Die höchste Stufe scheint heute fast erreicht: die absolute Unterstützung der kindlichen Bedürfnisse.

b) Liebe zwischen den Generationen

Unbestreitbar war in den vergangenen Jahrhunderten eine umsorgte und behütete Kindheit weniger selbstverständlich als heute. Sogar das Überleben der Kinder war gefährdet. Es ist viel darüber gestritten worden, ob zwischen Säuglings- und Kindersterblichkeit einerseits und Eltern-, vor allem Mutterliebe andererseits ein Zusammenhang besteht.

Philippe Ariès versucht in seinem Buch „Geschichte der Kindheit“[2] zu zeigen, dass Eltern in der traditionellen Gesellschaft wenig Liebe für ihre Kinder empfanden und sich ihnen gegenüber gleichgültig verhielten, weil so viele Kinder vor Erreichen des ersten Lebensjahres starben, und es sich nicht lohnte, Gefühle in sie zu investieren.

Edward Shorter[3] ist ebenfalls der Ansicht, dass Liebe von Eltern zur nachwachsenden Generation in der alten Gesellschaft unüblich war, dreht aber die Argumentation von Ariès um: seiner Meinung nach waren die Eltern nicht gleichgültig, weil so viele Kinder starben, sondern es starben so viele Kinder, weil die Eltern gleichgültig ihnen gegenüber waren; die Säuglingssterblichkeit ging erst zurück, als die Mütter begannen, ihre Kinder zu lieben.

Solch ein Zusammenhang ist allerdings nicht nachweisbar. Auch geliebte Kinder starben infolge von Krankheiten und Hunger. Es gab damals wie heute offensichtlich Eltern, die ihre Kinder liebten, aber auch solche, denen sie lästig waren. Es gibt Quellen, die von der Liebe der Eltern zu ihren Kinder zeugen, als auch solche, die belegen, welche Wut Eltern auf ihre Kinder hatten.

c) Arbeitsteilung und Rollendifferenzierung in den Familien heute

Die Rolle der Frau heute und die Aufgabenverteilung innerhalb der Familie ist durch das BGB §1356 folgendermaßen geregelt:

„(1) Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen. Ist die Haushaltsführung einem der Ehegatten überlassen, so leitet dieser den Haushalt in eigener Verantwortung.

(2) Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein. Bei der Wahl und Ausübung einer Erwerbstätigkeit haben sie auf die Belange des anderen Ehegatten und der Familie die gebotene Rücksicht zu nehmen.“[4]

Meist ist die Situation aber so, dass das gegenseitige Einvernehmen nicht sonderlich gut zu klappen scheint. Es ist auch heute noch weit verbreitet, dass die Frau und Mutter den Haushalt alleine führt, unabhängig davon, ob sie berufstätig ist oder nicht. Von den berühmt-berüchtigten drei „K“ – Kinder, Küche, Kirche – scheinen zumindest zwei, nämlich Kinder und Küche, noch immer alleiniger Aufgabenbereich der Mütter zu sein.

Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel: in einer von Metz-Göckel und Müller durchgeführten Repräsentativstudie ist erfasst, dass heute 10 % der Männer für bestimmte hauswirtschafterische Tätigkeiten alleine verantwortlich sind[5]. Doch was sind schon 10 %?

Diese Situation führt zu einer überaus starken Doppelbelastung der Frau, die rein rechtlich gesehen jedoch gar nicht entstehen dürfte. Selbst Kinder sind nämlich zur Mitarbeit im Haushalt verpflichtet: §1619 BGB lautet:

„Das Kind ist, solange es dem elterlichen Hausstand angehört und von den Eltern erzogen oder unterhalten wird, verpflichtet, in einer seinen Kräften und seiner Lebensstellung entsprechenden Weise, den Eltern in ihrem Hauswesen und Geschäft Dienste zu leisten.“[6]

Doch die Mithilfe der Kinder wird in den meisten Fällen nicht der Hausarbeit, sondern eher pädagogischen Erziehungszielen dienen.

Dadurch, dass Frauen und Mütter mit dieser Ungleichheit zu kämpfen haben, entwickelten sich drei Gruppierungen von Müttern[7]:

1. Die Mütter als „Vollzeit-Hausfrauen“:

Während früher nur Frauen der mittleren und höheren Schichten das Privileg hatte, Hausfrau zu sein, sind es heute überwiegend Frauen mit niedrigem Bildungsniveau und Frauen, die nie erwerbstätig waren.

2. Die erwerbstätigen Mütter mit niedrigem Einkommen

Auch diese Gruppe gab es früher schon, sie gehörten der Arbeiterschicht an. Heute sind diese Frauen die am stärksten belastete Gruppe unter den Müttern, da sie in finanziell nicht abgesicherten Verhältnissen leben und unter ungeschützten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten.

3. Die erwerbstätigen Mütter mit privater Hilfe

Diese Frauen leisten sich den „Luxus“, Dienstleistungen wie Tagesmütter, Kinderfrauen oder Haushaltshilfen in Anspruch zu nehmen, um einen Teil der Belastungen von sich zu nehmen. Sie verwenden einen Teil ihres meist hohen Einkommens für diese Ausgaben, doch bleibt ihnen dadurch die Zeit für andere Dinge, wie den Kontakt zu ihren Kindern nach Feierabend.

Die ungleiche soziale Lage dieser Müttergruppen bedeutet eine Veränderung unserer Sozialstruktur. Ob aus diesen Wandlungsprozessen familien- oder sozialpolitische Konsequenzen gezogen werden sollten, ist eine Frage der genaueren Betrachtung.

d) Die gestiegenen Erwerbstätigkeit der Mutter

Während der letzten 20 Jahre hat sich die Zahl der erwerbstätigen Mütter ständig erhöht, wie die folgende Tabelle[8] zeigt.

Erwerbstätigenquote aller Mütter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[9] [10]

In dieser Statistik sind bestimmte Gruppen nicht erfasst, wie zum Beispiel jene, die in einem sogenannten „geringfügigen Arbeitsverhältnis“ beschäftigt sind sowie die arbeitsuchenden Mütter. Das heißt, der eigentliche Anteil der erwerbstätigen Mütter liegt weit höher als in der Tabelle ausgewiesen. Am häufigsten sind alleinerziehende Mütter erwerbstätig; sie sind auch in stärkerem Umfang ganztags beschäftigt.

Trotz dieser augenscheinlich hohen Zahlen ist Deutschland im internationalen Vergleich eine Nation mit relativ niederer Erwerbstätigkeit von Müttern. In anderen Industrienationen ist die Erwerbstätigkeit der Mütter im Vergleich zu Deutschland um ein Vielfaches höher. Es ist zu vermuten, dass sich hier kulturelle Traditionen länger gehalten haben, wurden doch erwerbstätige Mütter in Deutschland lange Zeit negativ stigmatisiert. Der hohe Einfluss der Kirchen, die an einem traditionellen Familienleitbild festhalten, und auch die fehlenden Institutionen zur Kleinkindbetreuung sowie die bei uns üblichen Halbtagsschulen tragen dazu bei, dass Mütter vielfach nicht arbeiten gehen können.

Das zeitliche Ausmaß der Erwerbstätigkeit der Eltern schränkt den Kontakt zwischen Eltern und Kindern erheblich ein. Trotzdem kompensieren erwerbtätige Mutter diese zeitliche Defizit durch einen weitaus intensiveren Kontakt mit ihren Kindern. Im Durchschnitt beschäftigen sich erwerbstätige Mütter nur 17 Minuten weniger mit ihren Kindern als nicht arbeitende Mütter.[11] Berufstätigen Müttern scheint die Wichtigkeit des Kontakts zwischen Mutter und Kind viel bewusster als Müttern, die den Tag zu Hause verbringen und ihr Kind rund um die Uhr bei sich haben.

e) Mütterliche Erwerbstätigkeit und ihre Auswirkungen für das Kind

Die Erwerbstätigkeit beider Elternteile erfordert meist Konsequenzen, was die Versorgung des Kindes durch andere Personen angeht. Eine große Rolle spielt dabei die Hilfe von Großeltern und Verwandten, die im besten Fall sogar im Haus wohnen. Bei älteren Kindern wird in einer Doppelverdienerfamilie verstärkt deren Selbststeuerungsfähigkeit in Anspruch genommen.

Kinderkrippe, Tagesstätte, Kindergarten etc. sind Einrichtungen, die viele erwerbstätige Mütter für ihre Kinder in Anspruch nehmen, oft nicht ohne schlechtes Gewissen. Es ist jedoch nachgewiesen, dass Kinder sich sehr schnell an diese Situation gewöhnen, vor allem da sie persönliche Vorteile daraus ziehen können: sie lernen Kompromisse zu schließen, kommen besser mit Gleichaltrigen aus und sind sozial kompetenter als zu Hause erzogenen Kinder.

Im Schul- und Jugendalter wirkt sich Doppelverdienerschaft nicht negativ auf die Kinder aus. Im Gegenteil: Untersuchungen zeigen, dass mütterliche Erwerbtätigkeit positive Effekte auf Töchter ausübt. Die Kinder bekommen weniger traditionelle Vorstellungen von Geschlechtsrollen und lernen auf sich selbst zu achten und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Ein ganz entscheidender Punkt in der Frage, ob mütterliche Erwerbstätigkeit negative Auswirkungen auf die Kinder hat ist die Zufriedenheit der Mutter mit der beruflichen Situation. Die Mutter muss für sich einen Gewinn an persönlicher Autonomie sehen, und diesen klar vertreten. Eine zufriedene Mutter strahlt ihre Einstellung auch auf das Kind aus, welches mit der Situation dann problemlos klar kommen kann.

2. Familienform und Mutter-Kind-Beziehung

a) Die Mutter-Kind-Beziehung in Scheidungsfamilien

1. Fall: Vater erhält Sorgerecht

Nach einer Scheidung verändern sich die Beziehungsmuster einer Familie grundlegend. Mütter, die nicht sorgeberechtigt sind, besuchen ihre Kinder weitaus häufiger als nicht sorgeberechtigte Väter, was bedeutet, dass der Kontakt nach einer Scheidung zur Mutter meist besser sein wird als zum Vater. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass grundsätzlich nicht die Häufigkeit des Kontakts, sondern die Qualität der Beziehung bedeutsam ist, auch wenn zumeist eine Korrelation zwischen beiden Faktoren besteht.

Je geringer die elterlichen Konflikte in der Nachscheidungsphase sind, desto leichter kommen alle Familienmitglieder mit der neuen Situation klar, die sich dann durch die gestiegene Anpassungsfähigkeit durchaus positiv auf das Mutter-Kind-Verhältnis auswirken kann.

2. Fall: gemeinsames Sorgerecht

Eine gemeinsame elterliche Sorge scheint einige Vorteile zu haben. Die Kinder sind eher in der Lage die Beziehungen zu beiden Elternteilen fortzuführen und Streitigkeiten zwischen den Eltern treten seltener auf. Das Aufrechterhalten des funktionierenden sozialen Netzwerks ist sehr wichtig für das positive Befinden sowohl der Eltern als auch des Kindes. Treten jedoch Vorbehalte gegenüber einem gemeinsamen Sorgerecht von Seiten Verwandter oder Bekannter auf, so wirkt sich das auf die Kinder eher negativ aus.

3. Fall: Mutter erhält Sorgerecht

Die Beziehung zwischen dem Kind und der nun alleinerziehenden Mutter ist von entscheidender Bedeutung für die Auswirkungen einer Scheidung auf alle Beteiligte. In der Regel entsteht eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind, auch wenn mitunter feindselige und ablehnende Gefühle entwickelt werden. Die Situation von Scheidungskindern hebt sich also nur insofern von der anderer Kinder ab, als dass ihre geschiedenen Mütter häufiger Stresssituationen ausgesetzt sind und eher mit der Erzieherrolle überfordert sein können. Durch finanzielle und emotionale Probleme belastet, gehen sie weniger auf ihre Kinder ein, verlangen mehr Gehorsam und Mithilfe im Haushalt und sind in ihrem Erziehungsverhalten inkonsistenter. Sie können sich schlechter gegenüber ihren Kindern, besonders gegenüber ihren Söhnen durchsetzen und ziehen sich emotional stärker von ihnen zurück. Dadurch ausgelöste oder verstärkte Auffälligkeiten der Kinder wirken im weiteren Verlauf wieder negativ auf die Mütter, ein negativer Rückkopplungsprozess entsteht.

b) Die Mutter-Kind-Beziehung in Mutterfamilien

Eine zentrale Rolle für das psychosoziale Wohlergehen des Kindes spielt das ihrer Mütter. Eine Mutter, die mit ihrer Situation zufrieden ist und ihr Leben im Griff hat vermittelt dies automatisch an ihr Kind. Es treten weniger Konflikte auf, das Kind fühlt sich sicher und geborgen. Doch dies ist durchaus als wechselseitiger Prozess zu sehen. Dadurch, dass die Mutter der einzige Ansprechpartner innerhalb der Familie für das Kind ist, schlagen sich die Probleme und Sorgen des Kindes auf sie ab.

Innerhalb der Gruppe der Mutter-Familien ist die Beziehungsqualität nicht einheitlich. So scheinen Spannungen zwischen Mutter und Kind häufiger in Scheidungsfamilien aufzutreten, während Familien mit verwitweter Mutter in dieser Hinsicht kaum von der „Normalfamilie“ unterschieden werden können. Dabei lässt eine große Zahl von Studien vermuten, dass problemfreie Beziehungen meist unter Müttern und Töchtern herrschen, Konflikte dagegen häufig zwischen Müttern und ihren Söhnen auftreten.

Gemeinsame Aktivitäten und körperliche wie geistige Nähe nehmen dabei positiven Einfluss auf problemhafte Beziehungen. Wie Kinder ihre Beziehung zur Mutter wahrnehmen, hängt von den gemeinsamen Interaktionen ab: was sie zusammen tun, und wie sie miteinander umgehen. Dabei scheint mehr die Qualität denn die Quantität der Interaktion ausschlaggebend zu sein, ob aus der Sicht der Kinder die Beziehung eher als liebevoll oder strafend eingeschätzt wird. Auf die psychosoziale Gesundheit der Kinder nimmt allerdings schon die reine Menge der gemeinsamen Kommunikation positiv Einfluss.

Doch wie genau kann nun der Umgang miteinander im Alltag einer Mutter-Kind-Familie aussehen? Die meiste Zeit wird zur gemeinsamen Verrichtung der Haushaltaktivitäten genutzt, der allerdings von den Müttern eher als Gelegenheit zur Unterhaltung genutzt wird, ohne dabei die häuslichen Pflichten zu vernachlässigen. Dem folgt das gemeinsame Fernsehen und zusammen spielen. Die Mutter wird dabei oft als interessiert und emotional zugewandt erlebt.

In Erziehungsfragen ist die Mutterfamilie bestimmt durch anfänglich autoritäre aber gleichzeitig inkonsistente Formen, was sich mit der Zeit aber wieder „normalisiert“. Alleinerziehende Mütter müssen durch ihre berufliche Tätigkeit jedoch von ihren Kindern mehr Selbständigkeit fordern und können weniger Kontrolle ausüben. Dabei werden die Kinder in partnerschaftliche Entscheidungsprozesse einbezogen.

c) Die Mutter-Kind-Beziehung in Stieffamilien

Ein wesentlicher Unterschied zwischen intakten Familien und Stieffamilien ist der, dass nicht alle Familienmitglieder auf eine gemeinsame Familiengeschichte zurückblicken. Stiefeltern treffen vielmehr auf eine mehr oder weniger eingespielte Teilfamilie, in der das Zusammengehörigkeitsgefühl von Eltern und Kind auf geteilte Erlebnisse und Erfahrungen zurückgeht und über viele Jahre gewachsen ist.

Geht der Wiederheirat eine Scheidung voraus, kommt erschwerend hinzu, dass der nicht sorgeberechtigte Elternteil konkrete Einflüsse auf die „neue“ Stieffamilie ausübt, und die Eingewöhnung für alle Beteiligten nicht unbedingt leichter macht.

Die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern der Stieffamilie sind über lange Zeit hinweg nicht konkret definiert, Intensität und Intimität der Beziehungen sind sehr gering. Andere Besonderheiten sind zum Beispiel auch, dass bei Stieffamilien eine geringere Problemlösekompetenz sowie ungünstigere Kommunikationsformen vorherrschen. Die Rollen innerhalb der Familie sind weniger klar definiert, und die Familienmitglieder bringen sich gefühlsmäßig weniger stark ein.

Es wurden Ergebnisse veröffentlicht, die zeigen, dass Stiefkinder mit größerer Wahrscheinlichkeit vernachlässigt, geschlagen oder sexuell missbraucht werden.

1. Fall: leibliche Mutter und Stiefvater

Während sich das Verhältnis des Kindes zur Mutter im Allgemeinein hält oder eher intensiver wird, wird der Stiefvater oftmals als Störfaktor im eigenen Leben angesehen. Es kann sehr lange dauern, bis sich Kinder – natürlich abhängig vom Alter – mit der neuen Situation anfreunden und diese akzeptieren können.

Auffällig ist, dass sich das Verhältnis von Mutter zu Tochter anfänglich sehr klar vom Mutter-Sohn-Verhältnis unterschiedet. Der Einfluss der Mutter auf die Kontrolle über den Sohn nimmt deutlich zu, während ihr Einfluss auf die Tochter sehr stark abnimmt. Selbst wenn das Hinzukommen des Stiefvaters bereits 2 Jahre zurücklag, war das Mutter-Tochter-Verhältnis immer noch angespannt und das Verhalten der Mädchen gegenüber ihren Eltern fordernder, feindseliger und weniger liebevoll[12]. Die Beziehung zum Stiefvater ist oft wenig eng und unharmonisch, weil sie aus der Sicht der Kinder im Widerspruch zu ihrer gewohnten Kernfamilie stehen. Allerdings ist nachgewiesen, dass ein neuer Mann im Leben eines Kindes ein Faktor ist, an den sich Kinder gewöhnen können, was offensichtlich bei einer Stiefmutter nicht so leicht der Fall ist.

2. Fall: Stiefmutter und leiblicher Vater

Zwischen Stiefmüttern und ihren Stiefkindern entwickelt sich sehr selten, und dann nur nach langer Zeit, ein gutes Verhältnis. Vor allem Mädchen sehen eine neue Frau an der Seite des Vaters als Konkurrenz. Sie buhlen um die Aufmerksamkeit des Vaters und sind nicht bereit, ihn mit einer anderen Frau zu teilen.

Bei Jungen ist das Problem häufig, dass sie die Autorität der Stiefmutter nicht anerkennen. Speziell Jugendliche sind häufig der Meinung, dass sie sich von einer fremden Frau, die sich in ihr Leben drängt, nichts sagen lassen zu müssen.

Selbst wenn sich die Stiefmutter um ein gutes Verhältnis bemüht, verhalten sich die Kinder auch nach der Eingewöhnungsphase noch distanziert und ablehnend.

3. Fazit / Resumée

Die Mutter-Kind-Beziehung hat sich über die Jahrhunderte enorm verbessert. Dafür gibt es verschiedenste Erklärungsansätze und unterschiedliche Meinungen. Es ist jedoch klar der Trend erkennbar, dass Mütter heute versuchen, das Beste für ihr Kind zu tun: sie fordern und fördern es hinsichtlich seiner Begabungen und lassen ihm verschiedenste Arten der Bildung zukommen. Interaktion und Kommunikation sind wichtige Punkte in der Beziehungsstruktur, das wurde erkannt.

Oftmals wird die Mutter-Kind-Beziehung als freundschaftlich beschrieben, was damit zu tun haben könnte, dass der Altersabstand und die Lebenseinstellung sich immer mehr annähern.

Doch es gibt auch hier eine zweite Seite der Medaille: heutzutage erziehen wir viele Individualisten, die gelernt haben, auf sich und ihre Bedürfnisse einzugehen. Doch wird das nicht zu einer Bedrohung für unser Sozialsystem?

4. Verwendete Literatur

- Hofer, Manfred u.A.: Familienbeziehungen. Eltern und Kinder in der Entwicklung. Ein Lehrbuch

Göttingen, 1992

- Nave-Herz, Rosemarie: Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung.

Darmstadt, 1994

- Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit

München, 1975

- Shorter, Edward: Die Geburt der modernen Familie

Reinbeck, 1975

- BGB – Bürgerliches Gesetzbuch

Nördlingen, 2002

- Schmidt-Denter, Ulrich: Das familiäre Bezugssystem des Kindes in:

Engfer, Anette u.A. (Hrsg.): Zeit für Kinder! Kinder in Familie und Gesellschaft

Weinheim, 1991

- Hardach-Pinke, Irene: Du sollst Vater und Mutter ehren... – Generationsbeziehungen im Wandel in: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Wie geht’s der Familie? Ein Handbuch zur Situation der Familien heute

München, 1988

[...]


[1] aus: Nave-Herz: Familie heute, S. 7

[2] Ariès: Geschichte der Kindheit

[3] Shorter: Die Geburt der modernen Familie

[4] aus: BGB, S. 338

[5] nach: Nave-Herz: Familie heute, S. 44

[6] aus: BGB, S. 397

[7] nach Nave-Herz: Familie heute, S. 47

[8] aus: Nave-Herz: Familie heute, S. 31

[9] zu diesem Kriterium sind für 1950 keine Daten veröffentlicht worden.

[10] Angaben einschließlich der neuen Bundesländer

[11] siehe: Hofer: Familienbeziehungen, S. 66

[12] nach: Hofer, M.: Familienbeziehungen, S. 329

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Wandel der Kindheit: Die Mutter-Kind-Beziehung
Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd
Veranstaltung
Wandel der Kindheit; Hauüptseminar in Allgemeine Pädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V107648
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandel, Kindheit, Mutter-Kind-Beziehung, Hauüptseminar, Allgemeine, Pädagogik
Arbeit zitieren
Nadine Heller (Autor), 2002, Wandel der Kindheit: Die Mutter-Kind-Beziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107648

Kommentare

  • Gast am 11.10.2007

    Schade.

    Auch wenn dies "nur" eine kurze Seminararbeit ist, hätte die Autorin an vielen Stellen direkt Belege inform von Quellenangaben und Zitaten für ihre Behauptungen anführen können.

    Formulierungen wie "Es ist jedoch nachgewiesen [...]", "Es ist allgemein bekannt [...]" usw. zeugen nicht gerade von Wissenschaftlichkeit der Arbeit, denn allein mit solchen Sätzen ist noch gar nichts bewiesen. Es muss auch für den Leser nachvollziehbar sein, wer was wann wo und für welchen Zweck bewiesen hat und ob dies wirklich ein Beweis gewesen ist; da reichen simple Literaturangaben, der Verweis auf die vewendeten Bücher am Ende der Arbeit nicht aus. Das ist das oberste Gebot von Wissenschaftlichkeit, das man seine Behauptungen mit Hilfe von seriösen, wissenschaftlich-gesicherten Quellen belegt.

    Mir ist daher schleierhaft, wie diese Arbeit die Note eins erhalten konnte. Gerade von Dozenten darf man erwarten, dass sie Arbeiten nicht einfach abnicken, sondern den/die VerfasserIn auf Fehler hinweisen.

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