Stalin in Olten - Kommunistische Partei Olten 1932-1945


Facharbeit (Schule), 2003

81 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Schweiz 1918-1945
1.1 Gesamtdarstellung: Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft
1.1.1 Der Landesstreik und die Nachkriegsjahre (1918-1924)
1.1.2 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ und die Weltwirtschaftskrise (1924-1936)
1.1.3 Sammlung und Integration der Kräfte (1937-1943)
1.1.4 Am Ende des Zweiten Weltkriegs

2. Aspekte der Schweizerischen Arbeiterbewegung
2.1 Vom Generalstreik zur Spaltung der Linken
2.1.1 Vom Ersten Weltkrieg zum Generalstreik
2.1.2 Das Verhältnis der „alten“ KP zur SP-Parteilinken bis zum Zweiten Weltkongress der Komintern
2.1.3 Der Zweite Weltkongress der Komintern und die 21 Aufnahmebedingungen
2.1.4 Der Spaltungsparteitag der SPS in Bern vom 10.-12.12.1920
2.1.5 Urabstimmung und Fusionsverhandlungen
2.1.6 Die Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz
2.2 Die Kommunistische Partei der Schweiz
2.2.1 Die Organisation der Komintern
2.2.2 Die KPS und die Komintern
2.2.2.1 1921-1924: Substanzverlust in Raten
2.2.2.2 1924-1928: Sich selbst überlassen
2.2.2.3 1928-1931: Zwischen Widerstand und Anpassung
2.2.2.4 1993-1935: Auf dem Weg zur Volksfront
2.2.2.5 1934/1935: Die Volksfront
2.2.2.6 1936-1940: Neue Tätigkeitsfelder für die Kommunisten und das Verbot der KPS
2.2.2.7 Gesamtüberblick
2.2.3 Kommunistische Biographien: Walther Bringolf und Karl Hofmaier
2.2.3.1 Walther Bringolf und die KP-Opposition 1930-1935: Eine Episode der Parteigeschichte der KPS
2.2.3.1.1 Walther Bringolf (1895-1981): Eine politische Biographie
2.2.3.1.2 Kursdiskussionen in der KPS nach der Linkswendung der Komintern und die Abspaltung der „Rechtsabweichler“ in der KP-O
2.2.3.2 Karl Hofmaier: Eine Biographie des Kampfes
2.2.3.2.1 Politischer Steckbrief
2.2.3.2.2 Streiflichter eines politischen Lebens
2.3 Genf und Léon Nicole: Ein Jahrzehnt der Polarisierung

3. Kommunistische Partei und Arbeiterbewegung in Olten 1918-1945
3.1 Olten 1918-1945: Strukturen und politische Ereignisfolge
3.1.1. Demographische, wirtschaftliche, soziale und politische Struktur Oltens
3.1.2. Olten in der Zwischenkriegszeit
3.1.3. Olten im Zweiten Weltkrieg
3.2 Die Oltner SP und die Dritte Internationale
3.3 Otto Moning und die KP Olten 1932-1945
3.3.1 Quellenkritische Vorbemerkungen
3.3.2 Die Biographie von Otto Moning
3.3.3 Ideologische Gesinnung und Einordnung Monings und der KP Olten
3.3.4 Agitation
3.3.5 Stärke der KP Olten
3.3.6 Die Rolle der Genossin: Elisa Moning-Mares
3.3.7 Verhältnis der KP zu anderen Arbeiterorganisationen am Platz Olten
3.3.7.1 SP
3.3.7.2 Das „Volk“ (Sozialdemokratische Tageszeitung in Olten)
3.3.7.3 Jungsozialisten
3.3.7.4 Gewerkschaften (SMUV)
3.3.7.5 „Freunde der Sowjetunion“ FSU
3.3.7.6 Die KP Olten, der Spanische Bürgerkrieg und die „Freunde des republikanischen Spaniens“
3.3.8 Polizeiarbeit: Observation und „Infiltration“
3.3.9 Behördlicher Antikommunismus: Eine Anekdote
3.3.10 Schlussfolgerungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungen

Personenregister

Schlusswort

1. Vorwort

Die kommunistische Ideologie war bzw. ist eigentlich immer noch für mich die „Gleichzeitigkeit von Gut und Böse“. Einerseits liest man Marx und seine Idee vom ewigen Klassenkampf, der die Geschichte beherrscht habe und begutachtet sein Modell der „klassenlosen Gesellschaft“. Ein ideales Modell – eine Utopie, die die Gleichheitsidee (eine sehr verlockende, eine zweifellos „schöne“ Idee) und den ewigen Frieden innerhalb der Menschheit verspricht.

Andererseits sieht man die Auswüchse, die Perversion des real existierenden Sozialismus, der offenbar einem (lernen wir dies aus der Geschichte?) real existierenden Stalinismus gleichkommt: Mit Terror, Verfolgung, Deportation, Gulag, Vernichtung. Die Berichte eines Solschenizyn oder Gustav Herling demonstrieren in ihren schrecklichen Bildern für mich eher (so ist es mir mitgegeben) die faschistische Menschenverachtung. Sind die Totalitarismen identisch?

Soweit die Ausgangslage. Spannend ist jetzt die Frage: Wie kann ich dieses überhöhte Gleichzeitigkeitsschema Gut (Idee)/Böse (stalinistische Realität) herunterbrechen auf eine konkrete Biographie? Wie gingen andere Menschen mit diesen offensichtlichen Widersprüchen um? Wurden die sowjetischen Grausamkeiten als Propaganda abgeleugnet oder ignoriert oder gar als „Notwendigkeiten auf dem richtigen Weg“ gutgeheissen und verteidigt? Fanden bei den „hiesigen Kommunisten“ Umdenkprozesse statt? Oder anders gefragt: Wann war die Bewegung am stärksten, wann flaute sie ab, und warum gerade dann? Korrelierte die Stärke der Bewegung mit Arbeitslosigkeit, Agitation, sozialdemokratischer Akzentverschiebung zur Mitte hin? Weshalb traten Menschen der Kommunistischen Partei bei? Traten auch Menschen aus der Kommunistischen Partei aus? Aus Verzweiflung, wie damals oft kolportiert wurde? Aus Enttäuschung über die SP? War die KP-Stärke korrelativ zur SP-Schwäche oder wurden vor allem „unpolitische junge Heisssporne“ durch geschickte Agitation gewonnen? Weshalb diese ungemein scharfe Abgrenzung der Sozialdemokraten nach links? Gerade der deutsche Bruderkampf zeigte doch, dass nur eine vereinte Arbeiterschaft dem Nationalsozialismus wirksam hätte entgegentreten können.

Die Kommunisten verströmten immer schon – so scheint es – einen besonders grossen dogmatischen Eifer. Versuchte man sich auch in konkreten politischen Aktionen, die im Rahmen der schweizerischen plebiszitären Demokratie verwirklichbar waren? In welchen? Wurden solche Aktionen, z.B. Iniativen/Referenden partiell auch von anderen unterstützt (SP)? Warum oder warum nicht? Wie standen die Kommunisten selbst zu ihrer Ideologie? Verstanden sie sich als Moskau-gesteuert und akzeptierten sie diesen Führungsanspruch oder wollten sie den kommunistischen Internationalismus an die lokalen Verhältnisse „anpassen“? Wie äusserte sich die kommunistische Dialektik in Bezug auf die Taktik bei Wahlen und Abstimmungen? Unterstützte man auch Sozialdemokraten? Hielt man sich von Wahlen fern oder versuchte man, „ins System zu gelangen, um es von innen heraus zu verändern“? Wie verhielten sich Kommunisten den „Pflichten des Staates“ gegenüber? Leistete man Militärdienst, bezahlte man Steuern?

Wie stand der Kommunist seinem Umfeld gegenüber, verheimlichte er seine exponierte politische Meinung, kultivierte er sie, lebte er sie im Alltag (so konsequent als möglich), z.B. in seinem Erwerbsleben?

Wie reagierten die Kommunisten auf die frontistischen Erneuerungsbewegungen? Nahm man den politischen Kampf (lustvoll) auf? Sah man in den Fronten teilweise sogar den Verbündeten (v.a. in den antikapitalistisch orientierten)? Wie schätzte man die Gefahr einer frontistisch-faschistischen Reaktion ein?

Wie sah die Zusammensetzung der kommunistischen Bewegung aus? Gab es intellektuelle Leitlichter und „Kampftruppen“, wie sah sich eigentlich der „typische“ Kommunist selbst? War er bereit, seine Ziele mit Gewalt zu verfolgen?

Soweit Auszüge aus meinem Themen-Exposé vom Sommer 2002, die meine Intentionen in etwa wiedergeben. Diese Arbeit soll einen Beitrag zum Verständnis extremer politischer Randgruppierungen und ihrer schwierigen Rolle in strukturell „geschlossenen“, nicht anonymen Kleinstädten leisten. Gerade in unseren Tagen entstehen neue Netzwerke junger linker, globalisierungskritischer Bewegungen, die über die Grossstädte hinaus sich zu organisieren beginnen. Sie stossen dabei – zum Beispiel was das Verhältnis zum Staat und dessen Institutionen anbetrifft – auf ähnlich gelagerte Probleme wie damals die Kommunisten.

An dieser Stelle sei auch all jenen gedankt, die mir geholfen haben: Ich danke zunächst Herrn Peter Heim. Er hat diese Arbeit betreut, mir wichtige Leitplanken gesetzt, manche Türen geöffnet und mir vor allem den notwendigen Freiraum gelassen. Ein spezieller Dank geht an die Mitarbeiter des Bundesarchivs, die mir in zuvorkommender Weise und äusserst speditiv die angeforderten Akten besorgt haben, und an Herrn Adrian Zimmermann, Archivar des SMUV, der mir einen ganzen Nachmittag lang auf der Suche nach Protokollen behilflich war. Auch der Oltner (alt-)Stadtarchivar, Herr Martin Eduard Fischer, und das Personal der Stadtbibliothek Olten unterstützten mich. Mit Herrn Kurt Troxler, dem ehemaligen Chefredaktor der Solothurner AZ, konnte ich ein interessantes Gespräch führen und erfuhr manche Anekdote. Nicht zuletzt danke ich meiner Familie für die Geduld und die technische Unterstützung, und dem Computer, der sich nicht durch einen Totalabsturz verweigerte.

Hägendorf, im Februar 2003

Fabian Saner

2. Einleitung: Inhaltliche Abgrenzung, Methodik

Sowohl zur Geschichte der Schweizer Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts als auch zur Geschichte der Kommunistischen Partei der Schweiz nach der Spaltung 1921 existieren einige neuere Arbeiten.1 Ebenso wurden die Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten, das strukturelle Gepräge der KPS im Rahmen der Komintern oder die klassenkämpferische Stimmung in den Schweizer Grossstädten bereits untersucht.2 Die Forschung untersuchte meist die Verhältnisse in Zürich, Basel oder Genf, weniger diejenigen in mittelgrossen oder Kleinstädten.3 Strukturelle Determinanten wurden oft – nicht so bei Nützi und Studer – weggelassen und der Fokus auf die ereignisgeschichtlichen Abläufe gesetzt. Literatur, die meinen Themenkreis, die kommunistische Bewegung in einer Kleinstadt, direkt berührt oder erschöpfend behandelt, wäre mir nicht bekannt.

2.1 Inhaltliche Abgrenzung und Fragestellungen

Als zeitliche Abgrenzung wählte ich bewusst den Zeitraum 1918-1945: dieser stellt für die Historie der Schweizer Arbeiterschaft entscheidende Einschnitte dar. Die soziale Explosion des Landesstreiks entfachte erst- und letztmals so etwas wie ein revolutionäres Feuer in der ansonsten pragmatisch orientierten Arbeiterbewegung und hatte primär zwei Auswirkungen: Die andauernde Verhärtung und Blockbildung der Gegensätze zwischen dem „staatstragenden“ Bürgertum und der Arbeiterschaft einerseits, die Aufspaltung der Linken in einen revolutionären Flügel (KP-Gründung 1921) und einen gemässigt-integrationswilligen Flügel andererseits (SP). In den dreissiger Jahren spielte sich nach der kurzzeitigen Polarisierung mit dem Aufkommen der Fröntler schrittweise die vollständige Systemintegration der SP ab, was mit der vollständigen Marginalisierung der KP verbunden war. Im Kriegskompromiss der wichtigen Akteure widerspiegelt sich ein politisches Regime, welches zu weiten Teilen heute noch wesentlich die Schweiz prägt.

Den übergeordneten Rahmen dieser Arbeit gestaltete ich bewusst breit aus. Ich arbeitete nach dem Prinzip « vom Allgemeinen ins Spezielle », um Rückbezüge herstellen zu können. Dieses Vorgehen brachte viele Vorteile mit sich:

- Aufgrund der dünnen Quellendecke, die mir für den eigenständig recherchierten Teil der Arbeit zur Verfügung stand, konnte ich die „Willkür der (beschriebenen) Ereignisse“ besser einordnen und kontextualisieren.
- Gerade die Kommunisten waren nicht primär lokalpolitische Akteure, sondern versuchten, „im Gleichschritt“ mit der Weltpolitik zu handeln. Zudem war die Partei autoritär, nach dem Prinzip des „Demokratischen Zentralismus“ organisiert, mit einer vertikalen Machtstruktur. – Folglich sind gewisse Aktionen oder politische Prämissen / Maximen der Kommunisten nur vor dem Hintergrund der Entwicklung in der KPS oder in der Komintern zu verstehen (insbesondere die Strategiewechsel: z. B. vom „Sozialfaschismus“ zur „Volksfront“)

Nebst eidgenössischen Entwicklungen und der Parteigeschichte der KPS beschrieb ich auch einerseits wichtige Biographien der Schweizer Arbeiterbewegung: Walther Bringolf und Karl Hofmaier, und andererseits die Vorgänge in Genf in den dreissiger Jahren. Bringolf verkörperte eine Oppositionsströmung innerhalb der KP – seiner politischen Laufbahn haftet paradigmatischer Charakter an, weil er – wie viele andere – sich zunehmend entmündigt vorkam in der KP und deshalb in die Sozialdemokratie zurückkehrte – allerdings erst nach einem spannenden Versuch, die KP von innen heraus zu verändern. Seine Geschichte bewies die Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens. Der gegenteilige Typus war Karl Hofmaier: Er ordnete sich bedingungslos in die Komintern-Machtstruktur ein und ging gar für den Kommunismus durchs Stahlbad der faschistischen Kerkerhaft, um als umso glühenderer Stalin-Anhänger zurückzukehren. Diese beiden Persönlichkeiten gehörten zur KP und als exemplarische Typen waren sie diese Partei, die eben durch die Auflistung ihrer Wahlresultate nicht hinreichend beschrieben ist, weil sie sich am Rand des Schweizerischen Politgefüges einordnete. Deshalb ist es meiner Meinung nach gerechtfertigt, wenn nicht gar notwendig, den Fokus an dieser Stelle etwas auszudehnen.

Das Genf der dreissiger Jahre war der extreme Pol der weltanschaulichen Gegensätze. In Genf äusserten sich diese Antagonismen am stärksten und prägten die politische Auseinandersetzung wohl wie nirgends sonst. Olten und als gegensätzliches Beispiel dazu Genf demonstrieren die Bandbreite der politischen Kultur der dreissiger Jahre: Hier eine Situation der Auseinandersetzung, des Hasses gar, ein Spiegelbild europäischer (ausserschweizerischer...) Zustände; dort ein Klima der Versöhnung und Nähe, der politischen Stabilität und Zusammenarbeit.

Mich interessierten alsdann für den Hauptteil, die Diskussion um die Geschichte der KP Olten 1932-1945, folgende Fragen:

„Technisches“

- Wie äusserte sich die kommunistische Bewegung in Olten?
- Wie stark war die KP? Wie, wann und wo gelang es ihr, Mitglieder anzuwerben?
- Gab es Ansatzpunkte zu den traditionellen Vertretern der Arbeiterbewegung (SP, Gewerkschaften)? Arbeitete man zusammen oder gegeneinander?
- Gab es inhaltliche Diskurse in der KP Olten? Auseinandersetzungen um Fragen der Verortung im politischen System Olten oder um Fragen der Taktik?
- Wie reagierten Behörden und Bürgertum (war oft ein- und dasselbe)?

„Übergeordnetes“

- Weshalb war schlussendlich der Misserfolg, das Randdasein der KP Olten, bereits durch strukturelle Determinanten des kleinstädtischen Gefüges vorgezeichnet?
- Und auf der persönlichen Ebene: Wie wird man Kommunist, wieso bleibt man Kommunist?

2.2 Methodik

Der Mangel an Sekundärliteratur, die direkt meinen Hauptteil – die KP Olten – angeschnitten hätte, erforderte ein umfangreiches Quellenstudium: Im Bundesarchiv in Bern stand mir ein Polizeidossier über Otto Moning, den Protagonisten der KP Olten, zur Verfügung, welches mir primär die Thesen aufzustellen ermöglichte, auf welchen die Erkenntnisse dieser Arbeit fussen. Daneben beschäftigte ich mich mit der sozialdemokratischen Tageszeitung „Volk“ und den Protokollen der SP Olten: aus diese beiden Quellen erhielt ich ein präzises Bild über die politische Positionierung der Sozialdemokraten und deren Verhältnis zu den Kommunisten. Ferner arbeitete ich mich durch die Protokolle der SMUV-Sektion Olten; die Protokolle der Arbeiterunion Olten, bzw. des Gewerkschaftskartells waren leider nicht aufzufinden.4

Ausgewertet habe ich das Material, indem ich bei der Konzeption der Arbeit einzelne Kapitel erstellte, die thematisch und nicht chronologisch geordnet sind. Ich konnte mich (leider) nicht allzu weit von den in den Quellen beschriebenen historischen Ereignissen entfernen, weil mir statistisches oder die Struktur der KP Olten zeigendes Material (Mitgliederlisten, etc.) fehlten und sonst die Erkenntnisse auf zu schmaler Belegbasis gestanden wären.

In die Analyse des historischen Geschehens müssen [momentane] Strukturen und Ereignisse miteinbezogen werden.5 Meine Arbeit setzt den Schwerpunkt auf die Einordnung und Diskussion von Ereignissen. – Dies rechtfertigt sich aus der dünnen Quellendecke. Aus der Ereignisgeschichte („äussere“ Qualität) können Rückschlüsse auf die „innere“ Qualität des Forschungsgegenstandes gezogen werden. So ergibt sich – hoffe ich – ein einigermassen vollständiges und objektiv nachvollziehbares Bild.

1. Schweiz 1918-1945

1.1 Gesamtdarstellung: Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft

1.1.1 Der Landesstreik und die Nachkriegsjahre (1918-1924)

Während des Ersten Weltkrieges hatten sich die sozialen Spannungen massiv verschärft und die Notlage breiter Bevölkerungskreise wuchs. Die ideologischen Standpunkte wurden akzentuiert; dies führte zu verschärften Auseinandersetzungen, die zunehmend ausserhalb der Sphären des konstituierten eidgenössischen Politiksystems ausgetragen wurden: Auf den Strassen und in den Betrieben. Der Glaube an eine harmonische, liberal orientierte Wirtschaftspolitik war in der Bevölkerung tief erschüttert, weil der Bundesrat durch eine deflationäre Taktik der mangelnden Wirtschaftslenkung zur Krisenbewältigung nichts beitrug. Sein Versagen bezüglich der wirtschaftlichen Landesverteidigung brachte breite Bevölkerungskreise in eine derart grosse Notlage1, dass man im Mittel des Landesstreiks eine echte Lösung zu sehen begann.2

Robert Grimm und andere prominente SP-Partei- und Gewerkschaftsmitglieder bildeten daraufhin im Sommer 1918 das „Oltner Komitee“. Der Arbeiterkongress vom Juni 1918 ermutigte das Komitee, mit der Generalstreikdrohung aufzutreten, falls der Bundesrat nicht in verschiedenen innenpolitischen Fragen (z.B. beim Milchpreis) Kompromisse zugunsten der von der Verelendung am stärksten betroffenen Arbeiterschaft eingehe. Man muss sich die wirtschaftliche Situation der Arbeiter vergegenwärtigen: Die Lebensmittelpreise hatten sich durchschnittlich – relativ zum Kriegsbeginn 1914 – mehr als verdoppelt, die Löhne hingegen waren nicht korrelativ angestiegen; der Reallohnverlust breiter Schichten betrug gegen 30 Prozent3 ! Die allgemeine Unzufriedenheit entlud sich aber vorderhand nicht in konzentriertem öffentlichen Protest.

Im Spätherbst 1918, angesichts der Jahresfeier der Russischen Revolution, mobilisierte der Bundesrat in völliger Überschätzung der Gefahr einer Revolution in der Schweiz Armeetruppen, die Zürich präventiv (!) besetzen sollten. Diese Haltung der Angst liess die Situation eskalieren. Das „Oltner Komitee“ antwortete mit Proteststreiks, die in den Generalstreik vom 12.-14. November 1918 mündeten. Das Komitee stellte (angesichts der Not) realistische – keineswegs revolutionäre – Forderungen: Es sollte endlich eine staatliche Sozialpolitik geschaffen werden, die diesen Namen verdiente (48-Stunden-Woche, Einführung einer Altersversicherung, Frauen-stimmrecht, ...). Der Bundesrat seinerseits forderte unter Druck strikt antisozialistischer Kreise in Militär und Hochfinanz die totale und bedingungslose Kapitulation. Das Oltner Komitee musste sich aufgrund der massierten Truppenstärke, die in den Städten zu beobachten war, ergeben und den Landesstreik für beendet erklären.4

Die (unnötige5 ) Gewaltprobe wirkte sich in beiden Lagern (Bürgertum und Arbeiterschaft) verschärfend aus: Frustrierte Arbeiter zerrissen ihre Parteibücher6 und wurden radikalisiert. Im Gegenzug bildeten sich in patriotischen Kreisen sog. „Vaterländische Vereinigungen“, Bürgerwehren, die zum Teil von den Behörden als parapolizeiliche Schutzverbände begrüsst wurden7 und die in Zukunft Hab und Gut vor den roten Feinden auf eigene Faust verteidigen wollten. 1919 kamen sie zum Beispiel bei lokalen Streiks in Basel und Zürich zum Einsatz, wo sie gemeinsam mit der Armee die Arbeiterquartiere besetzten.8 In beiden politischen Lagern frass sich die Verbitterung fest und half mit, die politische Entfremdung zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum, die noch Jahrzehnte anhalten sollte, zu vergrössern.9

Auf der Ebene der politischen Machtverhältnisse ergab sich aber doch eine Veränderung: Mit dem 1919 eingeführten Proporzwahlrecht verlor der Freisinn vielerorts seine dominierende Stellung. Der Bundesrat wurde durch Katholisch-Konservative ergänzt, die einen geradezu mythisch überhöhten Antikommunismus pflegten (Motta, Musy) und alle (auch wirtschaftlichen) Kontakte zur Sowjetunion ablehnten. Zwischen politischen und wirtschaftlichen Kreisen spielte sich zunehmend eine undemokratische Verbandelung dahingehend ein, dass unter Umgehung der demokratischen Spielregeln korporatistische Netzwerke die entscheidenden Punkte einer (sehr wirtschaftsfreundlichen) Politik festlegten: Hohe Bundesbeamte verhandelten direkt mit Spitzenführern aus der Wirtschaft. Durch juristische Spitzfindigkeiten entzog man gewissen Gesetzesvorlagen die Möglichkeit eines Referendums.10 Dies alles geschah unter Ausschluss einer Arbeitnehmer- oder Arbeitervertretung, was deren Vertrauen in die obersten Landesbehörden natürlich nicht zu steigern vermochte. Auch sozialreformerische Ansätze, die nach der Explosion des Landesstreiks von Linksliberalen vorgebracht wurden, versandeten bald wieder.

In den letzten Kriegs- und Nachkriegsjahren durchlief die Schweiz eine tiefe geistige und materielle Krise. Sie wurde nicht eigentlich gelöst, sondern vielmehr durch eine bürgerliche Blockbildung gegen links überbrückt. Daraus resultierte bei nicht wenigen Bürgern Staats-verdrossenheit und bittere Kritik an den Wertvorstellungen von Staat und Gesellschaft.

Im Linksblock machten sich nun divergierende Strömungen verstärkt bemerkbar: Im Zuge der Auseinandersetzungen um den Beitritt der SPS zur Dritten Kommunistischen Internationalen spaltete sich die Parteilinke ab und gründete mit Altkommunisten (die sich während des Generalstreiks gebildet hatten) und Jungsozialisten 1921 die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS)11. War die SP jetzt noch eine revolutionäre Kraft und arbeitete sie auf das Endziel der „Diktatur des Proletariats“ hin, wie es in den Parteistatuten bis 1935 wörtlich hiess? Positionierten sich die Sozialdemokraten als Bündnispartner der Kommunisten oder der Bürgerlichen? Wie definierte die SP ihr Verhältnis zum bestehenden Staat Schweiz? Betrachtet man die politischen Abläufe in den zwanziger Jahren, so konstatiert man die faktische Integration der Sozialdemokratie in die Institutionen des bürgerlichen Staates. In zahlreichen Referendumskämpfen bildete die Linke eine Art „Ersatzdemokratie“12 heraus, um besonders reaktionäre Ansinnen eines verängstigten Bürgerblocks, die im nationalen Parlament problemlos genehmigt worden waren, durch das Plebiszit des Souveräns zu vereiteln.13 Die Sozialdemokraten gerieten zwar mit ihrer Klassenkampfrhetorik – diese war in erster Linie ein innerparteilicher Stabilitätsfaktor – in eine gewisse politische Isolation14 ; doch bald wurde offensichtlich (auch mit dem schleichenden Niedergang der KPS), dass nur ein kleiner Teil der Schweizer Arbeiterschaft wirklich die Bereitschaft zeigte, die demokratischen Mittel aufzugeben und auf die Revolution hinzuarbeiten.

1.1.2 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ und die Weltwirtschaftskrise (1924-1936)

Auch in der Schweiz profitierte die Wirtschaft vom Aufschwung in Europa ab Mitte der zwanziger Jahre. Die ökonomische Situation vieler Menschen stabilisierte oder verbesserte sich. Die politische Auseinandersetzung zeigte sich in unerbittlich geführten Referendumskämpfen (siehe oben), die die Linke gegen den geschlossenen Bürgerblock führte. Die politische Kultur und Sprache widerspiegelten bereits die Zerrissenheit und neuerliche Ideologisierung des politischen Geschehens in den frühen dreissiger Jahren: Es bildeten sich Kreise, Bünde, kleine Gesellschaften, die entweder einem nostalgischen Traditionalismus nachhingen oder mit Blick auf Italien faschistisches Gedankengut propagierten.15 Insbesondere in den städtischen Zentren entwickelten sich außerdem neue Formen der kulturellen Betätigung: Neue Sparten der Massen- und Freizeitkultur begannen traditionelle Ausformungen „typisch schweizerischen“ Kulturschaffens zu konkurrenzieren und zu überlagern und indizierten so deutlich den sozialen Wandel, die Verstädterung.16

Der New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 stellte einen weltgeschichtlichen Wende-punkt dar: Er beendete abrupt die „Goldenen zwanziger Jahre“ des wirtschaftlichen Aufschwungs und der damit verbundenen relativen politischen Stabilität in Nachkriegseuropa und leitete ein Jahrzehnt der ökonomischen Unsicherheit, der politischen und sozialen Zerrüttung und Polarisierung ein.

In der Schweiz folgte der Kriseneinbruch verzögert und wirkte sich (erst) 1932 bis 1936 einigermassen verheerend aus: Die Bautätigkeit stagnierte, die stark exportorientierten Uhren- und Maschinenindustrien verloren ihre Absatzmärkte; zudem orientierte sich die Krisenpolitik des Bundesrats einseitig am Schutz des Finanzplatzes und der Währung. Die Stabilität des Frankens wurde zum „Prestigefaktor“ erhoben und jede Abwertung (womit die Schweizer Wirtschaft wieder konkurrenzfähig geworden wäre) ausgeschlossen.17 Ein staatliches An-kurbelungsprogramm im Geiste des keynesianisch inspirierten amerikanischen „New Deals“ wurde mit dem Hinweis auf Inflationsgefahr zurückgewiesen. Die Arbeitslosigkeit erreichte 1936 mit fünf Prozent der arbeitenden Bevölkerung ihren Zenit, die Reallohneinbussen betrugen seit 1931 10 bis 15 Prozent.

Nebst dem staatlichen (freisinnigen) Ansatzpunkt der deflationären Wirtschaftspolitik, kursierten auch andere Konzeptionen: Konservative Kreise befürworteten gemäss italienischem Vorbild berufsständische, korporatistische Modelle, Sozialdemokraten und Gewerkschaften suchten mit der 1935 knapp abgelehnten „Kriseninitiative“ den Staat zu einer aktiven Ausgaben-politik und zu Arbeitsbeschaffungsmassnahmen zu verpflichten.

Mit der wirtschaftlichen Unsicherheit traten auch neue politische Gruppierungen ans Tageslicht der Öffentlichkeit, die wesentlich durch (erfolgreiche) ausländische Vorbilder inspiriert waren und in den oben beschriebenen Zirkeln ihre Ursprünge hatten. In diesen rechtsextremen faschistischen „Fronten“ sammelten sich mannigfaltige, bis anhin marginalisierte Gruppen18: Enttäuschte Vertreter rechtsbürgerlicher Kreise; junge Intellektuelle und Studenten, die „die Erstarrung der Schweiz“ aufbrechen wollten; Schweizer Nationalsozialisten; Kleinbürger und Gewerbler, die sich nach dem Generalstreik in Bürgerwehren zusammengeschlossen hatten und die Arbeiterbewegung zerschlagen wollten. Die „Bewegungen“ (so bezeichneten sie sich selbst, um den „Aufbruch“ zu symbolisieren) hatten vielfältige Ansatzpunkte zu den etablierten bürgerlichen Parteien: Besonders die Konservativen und die Jungliberalen sympathisierten mit der „neuen Kraft“. Teilweise schloss man gar Listen-verbindungen für die Wahlen, so für die Stadtzürcher Gemeinderatswahlen im Sommer 1933, wo es denn auch einen wüsten Wahlkampf absetzte. Der parlamentarische Erfolg blieb den Fronten allerdings fast gänzlich verwehrt und für sich betrachtet blieben sie ein marginaler politischer Faktor. Die vorläufig endgültige Niederlage erlitten die „Erneuerer“ mit der Volksinitiative für eine Totalrevision der Bundesverfassung, die 1935 vor dem Souverän klar Schiffbruch erlitt – obwohl sie auch von den Konservativen unterstützt wurde. Viele Frontisten kehrten jetzt zu ihren bürgerlichen „Stammparteien“ zurück, schlossen sich Duttweilers neuer Protestbewegung „Landesring der Unabhängigen“ an oder mauserten sich zu Spionen in Diensten des deutschen Nazireichs.

Daraus zu schliessen, dass sich frontistisch-autoritäres Gedankengut nun diskreditiert hätte, wäre allerdings irreführend: Vielmehr machte die Landesregierung weiterhin unter Ausschluss der Linken Politik und das Parlament wählte äusserst konservative Vertreter in den Bundesrat. Bezüglich der Wahl Philipp Etters 1934 folgert Hans-Ulrich Jost: « [...] So vollzog sich auf der Ebene der Landesregierung eine Art Amalgamierung der verschiedenen Ansätze der Fronten-bewegung.»19

1.1.3 Sammlung und Integration der Kräfte(1937-1943)

20 1920 wagte die Schweiz die aussenpolitische Öffnung und trat dem neu gegründeten Völkerbund bei. Friedenssehnsucht und die Überwindung der Gewalt als Mittel zwischenstaatlicher Politik überwogen Bedenken in Bezug auf die Staatsmaxime der Neutralität. In den dreissiger Jahren verlor der Völkerbund aufgrund der ihm feindlich gesinnten imperialistisch-faschistischen Mächte Italien und Deutschland zunehmend seine vermittelnde Kraft. Die Achse Berlin-Rom verteufelte die Genfer Friedensorganisation als Instrument der Weltkriegssieger, die sich den eigenen natürlichen territorialen Ansprüchen widersetzten. Die Schweiz wollte ihre Beziehungen zu den Nachbarländern nicht gefährden; zudem bewies der Anschluss Österreichs ans Dritte Reich, dass der Völkerbund neutrale Kleinstaaten nicht wirkungsvoll beschützen konnte – 1938 kehrte die Eidgenossenschaft zur integralen Neutralität zurück; man trug Sanktionen des Völkerbunds nicht mehr automatisch mit, verblieb aber noch in der Organisation.21

Die schweizerische Aussenpolitik war während der Kriegsjahre in erster Linie daraufhin ausgelegt, dem nationalsozialistischen Deutschland keine Angriffspunkte zu bieten: Man wahrte, zwar unter grossen Abstrichen im wirtschaftspolitischen Schlüsselbereich – Rüstungsindustrie, Transportachsen, Finanzplatz –, die Neutralität; diese äusserte sich jedoch eindeutig als eine „Neutralität zugunsten Hitlers“.

In vorauseilendem Gehorsam war der Bundesrat zu tiefgreifenden Konzessionen bereit (zwei Beispiele: die Deutschschweizer Presse wurde auf massgeblichen Druck der Nazis unter Zensur gestellt, die Verdunkelung grosser Teile der Nordwestschweiz wurde auf deutsche Intervention hin verordnet, obwohl sich das Risiko für unbeabsichtigte Bombenabwürfe auf Schweizer Gebiet so erhöhte), ausserdem pflegten hochrangige Vertreter des politischen, wirtschaftlichen und militärischen Establishments ein ambivalentes Verhältnis zum faschistischen Gedankengut: Insbesondere der Antibolschewismus und die gründliche Zerschlagung der deutschen Arbeiterbewegung stiessen auf Interesse. Hans-Ulrich Jost notiert: «Das Bild der offiziellen Schweizerischen Aussenpolitik blieb schillernd und zweideutig. Es trug in keiner Weise dazu bei, die Stellung der Schweiz zu klären, vermied aber auch eine nicht rückgängig zu machende Verpflichtung der Schweiz. Im Rahmen eines pragmatischen Opportunismus kann dies durchaus als Neutralitätspolitik verstanden werden.»22

Innenpolitisch fand – nach den erbitterten Parteienkämpfen und ideologischen Verwerfungen der frühen dreissiger Jahre – eine „Stabilisierung zur Mitte hin“ statt23: Die Sozialdemokraten anerkannten die allgemeine Wehrpflicht und die Landesverteidigung als Mittel zum Schutz der „sozialen Demokratie“ Schweiz; in der Metallindustrie schlossen SMUV-Sekretär Ilg und Arbeitgebervertreter Dübi ein wegweisendes Friedenspflicht-Abkommen, das Streiks als Kampfmittel ausschloss und direkte Verhandlungen bei Arbeitskonflikten zur Regel machte; die bürgerlichen Parteien überwanden ihre Identitätskrise mit der Marginalisierung der Fronten und der Besinnung auf urschweizerische Werte wie Freiheit, Unabhängigkeit und die bewaffnete Neutralität. Die Ankurbelung der Rüstungsspirale verhalf der Schweiz aus der Wirtschaftskrise und ein autoritäres Notrechtsregime, welches die parlamentarischen Rechte einschränkte und vorwiegend mit unanfechtbaren Bundesratsverordnungen operierte, sorgte für Ruhe an der innenpolitischen Front. Zwei bedeutsame Ereignisse indizieren die politische Kultur der Zeit: Die Landesausstellung 1939 in Zürich einerseits, die den föderalistischen Patriotismus der Schweiz zu ergründen und zu zementieren suchte und die Bedeutung der „Geistigen Landesverteidigung“ demonstriert; und andererseits eine Finanzvorlage desselben Jahres mit dem bezeichnenden Titel „Ausbau der Landesverteidigung und Bekämpfung der Arbeits-losigkeit“, die vom Souverän klar angenommen wurde. Dieses Projekt begründete den eigentlichen „Kriegskompromiss“ zwischen links und rechts und die definitive Eingliederung der sozialdemokratischen Partei ins schweizerische politische System – wenngleich mit Ernst Nobs der erste SP-Bundesrat erst 1943 in den Bundesrat gewählt wurde. Die Heimat und ihre (unterschiedlich gewichteten24 ) Werte sollte verteidigt werden – unter dieser Maxime rauften sich die Parteien zusammen und traten in eine Zeit der grossen Wirrnisse ein.

Die Schweiz verband mit dem nationalen Burgfrieden auf politischer Ebene auch die wirtschaftliche Kriegsvorbereitung. Die Verwaltung hatte eine Schatten-Kriegsorganisation auf-gezogen, die bei Ausbruch der Spannungen die wichtigsten Dossiers – die Versorgungs-sicherheit für die Bevölkerung und die Aufrechterhaltung der Binnenwirtschaft – sofort übernehmen konnte.25 Vorräte waren angelegt, die Rationierungskarten auslieferungsbereit, für Wehrmänner wurde eine Erwerbsersatzordnung eingerichtet – die Schweiz war durch verstärkte Autarkiebestrebungen kriegsbereit (ausser militärisch!).

Der Waadtländer Henri Guisan wurde zum General ernannt (er sollte sich später als wertvolle Integrationsfigur erweisen) und die Armee Anfang September 1939 am Tag des deutschen Einmarsches in Polen mobilisiert. Frauen und Jugendliche wurden in der Folge zu Landdiensteinsätzen verpflichtet, um im Rahmen des „Anbauplan Wahlen“ Tausende Hektar Land urbar zu machen: So sollte die eigenständige Lebensmittelversorgung gestärkt werden. Die Teuerung konnte in Grenzen gehalten werden, die soziale Unrast blieb – verglichen mit der Situation 1917/1918 – vergleichsweise harmlos: Als Volkswirtschaft insgesamt profitierte die Schweiz sogar vom Krieg.

Nur 1940 kam es zu einer ernsthaften Krise im politischen Gefüge der Eidgenossenschaft: Es traten defätistische Tendenzen auf, und politische Gruppierungen des rechtsbürgerlichen Spektrums forderten eine Anpassung der Schweiz an das neue Europa.26 Im Juni war Frankreich nieder-geworfen, wenige Tage später rief Bundespräsident Pilet-Golaz das Schweizer Volk in einer Radioansprache zur «innere[n] Wiedergeburt» auf, auch die Eidgenossenschaft müsse sich dem neuen Europa anpassen.27 Diese wolkige Phrasendrescherei mit implizit konkretem Bezug wurde von den Schweizern entweder nicht verstanden oder als Signal für die ängstlich-anpasserische Haltung der Regierung interpretiert. Die Fronten spürten erneut Aufwind und traten wieder mit dreisten Forderungen an die Öffentlichkeit. Derselbe deutschfreundliche Pilet-Golaz empfing im September 1940 gar frontistische Führer und sorgte damit (auch in bürgerlichen Kreisen) für einen mittleren politischen Skandal.

Der Sommer 1940 wird heute allgemein als die „heisseste Phase“ im Kriegsverlauf für die Schweiz bezeichnet. Marschiert die Wehrmacht durch die Nordwestschweeiz, um die französische Maginot-Linie südlich zu umgehen? Gerüchte kursierten, der Bundesrat schwieg, man verzeichnete Truppenbewegungen in Süddeutschland, Grenzbewohner (vor allem Basler) flüchteten panisch in die Zentralschweiz und die Romandie. Markus Heiniger schreibt etwas melodramatisch: «[...] Die Eidgenossenschaft [fliegt] 1940 beinahe auseinander.»28 Nach wochenlanger Funkstille der Politik setzte General Guisan das entscheidende Zeichen, das den Widerstandsgeist erneuerte – mit dem Rütlirapport präsentierte er die Verteidigungskonzeption der Armee, das „réduit national“: Die Truppen sollten sich in (erst auf dem Papier bestehende) Alpenfestungen zurückziehen, die Grenzen und das bevölkerungsreiche Mittelland preisgeben und den Zentralraum der Schweiz mit den Transportachsen und den grossen Passübergängen verteidigen. Guisan wurde zum Landesvater stilisiert, zu einer schweizerischen „Führergestalt“; ihm gelang es, die „Einigelungstaktik“ als einzig mögliches Erfolgsrezept zu verkaufen. Hans-Ulrich Jost charakterisiert die politische Atmosphäre der Kriegszeit als einen «helvetischen Totalitarismus»: «Der Krieg hatte [...] die Zentralgewalt bis an die Grenzen des Rechtsstaates gestärkt und dem militärischen Denken eine durchdringende, die Massen mobilisierende Kraft gegeben.»29 Man nahm eine politische Kultur an, die derjenigen des faschistischen Gegners ähnelte, um die Unabhängigkeit und Demokratie zu verteidigen. „Unschweizerisches“ wurde stigmatisiert und «[...] die Idee der Volksgemeinschaft bis zum Blut- und Bodenkult [ritualisiert].»30

1.1.4 Am Ende des Zweiten Weltkriegs

31 Die enge handelspolitische Verstrickung der Schweiz mit den Achsenmächten wurde mit dem sich abzeichnenden Sieg der Aliierten immer problematischer – man geriet durch England und die USA zunehmend unter Druck. „Zur aussenpolitischen Isolation in den letzten Kriegsjahren trug auch die äusserst restriktive Flüchtlingspolitik das Ihre bei. «[Diese] erfuhr [...] nach Kriegsausbruch unmenschliche Verschärfungen. Juden galten nicht als politische Flüchtlinge und mussten somit [...] zurückgewiesen werden»32, kommentiert Jost. Bundesrat von Steigers Ausspruch «Das Rettungsboot ist voll» (bei etwa 10'000 aufgenommenen Flüchtlingen!) wurde später zum geflügelten Ausdruck und Symbol einer hartherzigen und teilweise fremdenfeindlich-antisemitischen Behördenpolitik.

Ein sozialpolitischer Aufbruch wurde – ähnlich wie nach dem Ersten Weltkrieg – von den Bürgerlichen bald wieder abgewürgt; die Linke verzeichnete dennoch 1943-1945 schöne Wahlerfolge. In der Westschweiz gelang dies insbesondere der auferstandenen kommunistischen Partei, die sich ab 1944 unter dem Namen „Partei der Arbeit“ (PdA) neu organisierte. Allerdings diskreditierte sich die PdA durch ihre kritiklose Moskau-Treue und bot ein schönes neues Feindbild für das Bürgertum.

Das Ende des Krieges 1945 wurde mit grosser Erleichterung, aber ohne Euphorie aufgenommen.33 Es entstand keine Bewegung des Aufbruchs, die politischen Eliten, die sich teilweise dem Faschismus schamlos angenähert hatten, wurden kaum hinterfragt. Die Teilung Europas und die Vorboten des Kalten Kriegs wirkten als Identitätsklammer. Faschisten und deren Kreise und Gesellschaften betonten nun ihren patriotischen Antikommunismus und vergassen ihre landesverräterischen Positionen von einst. Ohne viel Reflexion gliederte man sich makellos in den westlichen Staatenblock ein und reinstallierte ein Überwachungs- und Spitzelsystem gegen den bevorzugten politischen Gegner, die Linke. Die Kalten Krieger waren geboren: Sie sollten einen politischen Apparat aufbauen, dessen absurde Exzesse erst Jahrzehnte später ans Licht der Öffentlichkeit gelangen sollten.

Bedrohung und Enge blieben. Die Kriegs-Schweiz wurde nahtlos zur Nachkriegs-Schweiz. Hans-Ulrich Jost zieht als Fazit: Die Schweiz bot das Bild eines geistig verkümmerten Standorts. Der Kalte Krieg legte sich wie eine dumpfe schwere Glocke über Nachkriegseuropa und verhinderte bis zum Fall der Mauer in der Schweiz beinahe jegliche kritische Auseinander-setzung mit der Rolle, die die Eidgenossenschaft im Zweiten Weltkrieg spielte. Erst in den neunziger Jahren wurde diesbezüglich eine – nota bene vom Ausland fast aufgezwungene – gesamtgesellschaftliche Diskussion geführt.

2. Aspekte der Schweizerischen Arbeiterbewegung

2.1 Vom Generalstreik zur Spaltung der Linken

2.1.1 Vom Ersten Weltkrieg zum Generalstreik

Gegen Ende des Krieges schwenkte die SPS in Anbetracht des wachsenden Elends von ihrem sozialpatriotischen Kurs von 1914 ab, als sie die Landesverteidigung noch bedingungslos unterstützte. Die pointierte Linkswendung fand in verschiedenen Resolutionen der Jahre 1916 und 1917 Ausdruck; an Parteitagen wurden antimilitaristische und pazifistische Töne verstärkt hörbar.1 Der linke Parteiflügel erwachte wieder und agitierte gemeinsam mit der Sozialistischen Jungendorganisation, die vom deutschen Emigranten Willi Münzenberg geleitet wurde; die Einheit der SPS in den Auseinandersetzungen um die Landesverteidigung ging allmählich verloren.2 Im Oktober 1917 kam es in Zürich anlässlich der Russischen Revolution zu Unruhen. In diesem Umfeld machte sich erstmals eine Gruppe um den Zürcher Jakob Herzog3 bemerkbar: Herzog wollte das Organisationsprinzip der sowjetischen Räterepublik übernehmen und in der Schweiz Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte aufbauen: Seine Anhänger rekrutierte er vor allem in der solchen Forderungen zugeneigten Sozialistischen Jungendorganisation, aber auch in Gewerkschaften und SP. Der Sieg der Anhänger Lenins im Oktober 1917, in einer Zeit, als sich auch in der Schweit die wirtschaftlichen und sozialen Spannungen bedrohlich zuspitzten, wirkte wie ein befreiendes Signal4: Linksradikale Strömungen hatten innerhalb der Linken plötzlich Konjunktur.

Im Juli 1918 wurde der erste gesamtschweizerische Arbeiterkongress organisiert, aus dem das Oltner Aktionskomitee hervorging. Die verschiedenen Kräfte, von staatsbefürwortenden Sozialdemokraten bis zu anarchistischen Linksrevolutionären, rangen um die zukünftige Taktik. Aus dem Oltner Komitee einen „Obersten Schweizerischen Sowjet“ zu bilden, misslang den radikalen Kräften.5 In Zürich konstituierte sich im Herbst 1918 die KP Zürich („alte“ KP6 ) aus Anhängern der „Revolutionären Sozialisten“.

Der durch das Oltner Komitee verordnete Abbruch des Generalstreiks wirkte wie ein Schock: Die revolutionäre Phase schien – wie in Deutschland – beendet, von der Reaktion niedergeschlagen.7 Jetzt wollte sich die radikale KP Srukturen zulegen, um in geordneteren Bahnen agieren zu können. Jakob Herzog erarbeitete – obwohl er während des Generalstreiks im Gefängnis sass – ein Parteiprogramm, welches bei der Gründung der „alten“ KP im Mai 1919 in Biel genehmigt wurde. Es beinhaltete im wesentlichen: Sozialisierung der Wirtschaft, Sozialisierung des Besitzes, absolute Autorität der Räte, 4-Stunden-Tag, Arbeit als Tauschmittel anstelle des Geldes.8 Dieser klare Positionsbezug sollte die SPS zwingen, endlich Farbe zu bekennen. Die KP stellte sich auf den Boden der 1919 in Moskau aus der Taufe gehobenen Dritten Kommunistischen Internationale. Hochburgen der „alten“ Kommunistischen Partei waren die industriell geprägten Städte Zürich und Biel.9 Die „alte“ KP war nicht breit verankert, Sektionsgründungen wurden nur dort befürwortet, wo man auf den Zustrom von enttäuschten SP-Mitgliedern hoffen konnte. Im ersten Jahr entfaltete die KP insbesondere auf theoretischem Gebiet (ideologische Schriften) einige Aktivität.10

2.1.2 Das Verhältnis der „alten“ KP zur SP-Parteilinken bis zum Zweiten Weltkongress der Komintern

11 Der Zweite Kongress der Komintern stellte 21 Aufnahmebedingungen, die durch die sozialdemokratischen oder kommunistischen Parteien erfüllt werden mussten, falls sie beitreten wollten; pro Land wurde nur eine Sektion zugelassen. Die Komintern verstand sich als kommunistische Weltpartei, als Exportprodukt der Russischen Revolution. Beitrittssektionen mussten denn auch den Bruch mit dem systembejahenden Reformismus vollziehen und eine konsequent revolutionäre Haltung an den Tag legen. – Das Verhältnis von SP-Parteilinken und der KP erhielt dadurch eine neue Qualität. Auf die Schweiz übertragen hiess das nämlich, dass sich die SP-Linke vom Gros der Partei trennen musste, um sich mit der KP zu verbinden12 ; erst dann konnte man der Komintern beitreten. Die KP musste ihr Programm gemäss den Bedingungen der Komintern überarbeiten, was aber zu keinen internen Spannungen führte, da deren Mitglieder den Beitritt anstrebten.

Für die SPS hingegen begannen nun die inneren Auseinandersetzungen um den Beitritt zur Dritten Internationale. Ein erster Parteitag sprach sich im August 1919 dafür aus, wurde jedoch in einer Urabstimmung von der Parteibasis zurückgepfiffen. Zwischen der SP-Linken und den Altkommunisten herrschte «latentes Misstrauen»13, was ein Zusammengehen (vorläufig) verhinderte. Unter anderem warf man der KP vor, durch ihre „Theoretisiererei“ die konkrete revolutionäre Arbeit auf der Strasse und in den Betrieben zu vergessen.14 Die Altkommunisten sandten der SP-Linken im Hinblick auf die (notwendige) Vereinigung konkrete Forderungen zu: In den Gewerkschaften sollten kommunistische Fraktionen gebildet werden; die Parlamentarier bzw. ihr Abstimmungsverhalten müssten kontrolliert werden; unter Bauern, Arbeitern und Soldaten sollte die Propaganda verstärkt werden. Der Parlamentarismus als taktische Option im bürgerlichen Staat wurde hingegen nicht unbedingt verworfen.

Die SP-Linke sagte daraufhin in der sog. Oltner Konferenz Ende Juni 1920 bedingslos Ja zur Diktatur des Proletariats und zum Rätesystem und wollte der Komintern auch dann beitreten, wenn sich die SP mehrheitlich dagegen aussprechen sollte. Die Geschäftsleitung der Sozialdemokraten (welche vornehmlich aus „Reformisten“ um Robert Grimm bestand) nahm dieses klare Votum mit Unbehagen auf und liess sich auf dem Kongress der Linken auch nicht vertreten: Der Entfremdungsprozess innerhalb der SPS zeigte erste sichtbare Folgen.

2.1.3 Der Zweite Weltkongress der Komintern und die 21 Aufnahmebedingungen

Der Zweite Weltkongress brachte mit den 21 Aufnahmebedingungen für viele Landesparteien und -gruppen die längst fällige Klärung bezüglich ihrer Rolle als Oppositionskraft in den bürgerlichen Staaten15. Nebst Abgesandten der KP und der Parteilinken war in Moskau auch ein Vetreter der Sozialistischen Jugendorganisation, Bamatter, anwesend – die sozialistische Jugendbewegung stand der KP längst näher als ihrer Mutterpartei. Sie akzeptierte die Aufnahmebedingungen; die SJO wurde so zu einer treibenden Kraft in der Herausbildung einer revolutionären Avantgarde in der Schweiz.16

Nach dem Weltkongress im Sommer 1920 hatten die Parteien vier Monate Zeit, sich für oder wider einen Beitritt zu entscheiden. Robert Grimm stellte zusammen mit anderen beitrittsunwilligen SP-Landesparteien den Antrag, die Aufnahmebedingungen zu revidieren; dies wurde in Moskau abgelehnt.

2.1.4 Der Spaltungsparteitag der SPS in Bern vom 10.-12.12.1920

Der Parteitag lehnte einen Beitritt zur Dritten Kommunistischen Internationale gemäss Grimms Parole17 ab – wiederum sollte eine Urabstimmung im Parteivolk endgültig entscheiden. Die Parteilinke beschloss, den Austritt aufzuschieben, um besser auf die Meinungsbildung an der Basis Einfluss nehmen zu können. Die Altkommunisten begrüssten den Entschluss, eine proletarische „Einheitsfront“ zu bilden, falls die Mehrheit der SP-Mitglieder den Beitritt zur Komintern ablehnen sollte.

2.1.5 Urabstimmung und Fusionsverhandlungen

18 Das Ergebnis der Urabstimmung lautete: 25 Prozent der Abstimmenden befürworteten den Anschluss, 73 Prozent sprachen sich dagegen aus. Mehrheiten für die Komintern gab es nur in den Sektionen Basel und Schaffhausen, nicht aber in Zürich. Die SP-Sektionen mit einer Ja-Mehrheit konstituierten sich nun als Verbände der Parteilinken.

Der Austritt der SP-Parteilinken war jetzt beschlossene Sache: Eine neue Partei sollte gegründet werden.19 Das Parteiprogramm wurde in kurzer Zeit ausgearbeitet, stützte sich jedoch im wesentlichen auf den altkommunistischen Forderungskatalog von 1920.

2.1.6 Die Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz KPS

20 Nach der Fusion zählte die Partei 6356 Mitglieder. Neben der immer noch rund 40'000 Miglieder zählenden SPS war die vereinigte KPS eine verschwindend kleine Minderheit geblieben. Zudem konnten in der Anfangszeit die internen Spannungen nur mühsam überbrückt werden – insbesondere in Fragen der parteiinternen Demokratie divergierten die Ansichten von ehemaligen Altkommunisten und ehemaligen SP-Mitgliedern. Die Partei war aus der Verbindung zweier ungleicher Partner hervorgegangen21. Die „Altkommunisten“ hatten die SP-Parteilinke mithilfe der Sozialistischen Jugendorganisation zur Verortung gezwungen22. Auch das Programm lieferten weitgehend die Altkommunisten, denn die Parteilinke hatte nach der Trennung von der Mutterpartei keine Zeit gehabt, ein Eigenleben, eine parteiliche Eigendynamik und tiefe inhaltliche Diskussionen zu führen.

Wie sollte es nun weitergehen? Wohl war nun die „Revolutionspartei“ gegründet – doch spielte man innerhalb der Komintern, innerhalb des schweizerischen politischen Systems und innerhalb der hiesigen Arbeiterbewegung eine sehr marginale Rolle. Die „Startvoraussetzungen“ waren also einigermassen schwierig und konnten nur mit einem riesigen agitatorischen Kraftakt und taktischer Raffinesse verbessert werden – und auch die weltpolitische Ereignislage musste mitspielen. Verstand sich die KPS als emanzipierte politische Kraft oder als Filiale der Sowjetunion? Diese Frage sollte entscheidend sein.

2.2 Die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS)

Die Politik und das taktische Vorgehen der KPS sowie das (entscheidende) Verhältnis zur SPS werden nur nachvollziehbar, wenn vorab die Komintern als übergeordnete "Parteiinstanz" untersucht wird: die Komintern-Zentrale in Moskau skizzierte die Leitlinien, nach denen die kommunistischen Landesparteien vorzugehen hatten. Je nach Grösse und Bedeutung der Landes-KP war die Beeinflussung durch Moskau grösser oder kleiner. Trotz ihrer vernachlässigbaren Rolle innerhalb der Kommunistischen Internationale sollte auch die KPS ab Ende der zwanziger Jahre das Prinzip des "demokratischen Zentralismus", der direkten Einflussnahme zu spüren bekommen. Diese Problematik war das Legitimationsproblem aller Kommunistischen Parteien: Wie gross war ihre Selbstständigkeit, waren sie der nationalen Arbeiterschaft in erster Linie verpflichtet oder dem Mutterland des Kommunismus, der Heimat aller Arbeiter, der Sowjetunion? Fügten sich die Kommunistischen Parteien ins nationale institutionalisierte Politiksystem ein oder operierten sie ausserhalb der traditionellen (demokratischen) Politikfelder und verstanden sich als Filialen der Sowjetunion, die in deren Aussenpolitik eingebunden waren? Das waren die Fragen, die über Erfolg oder Misserfolg entschieden, oder um in der Sprachregelung der Komintern zu bleiben: Ob man ein "sektiererisches", von den Massen isoliertes Dasein fristete oder sich zur wirklichen Massenbewegung entwickeln konnte.

2.2.1 Die Organisation der Komintern

23 Die Kommunistische Internationale verstand sich als übergeordnete kommunistische Weltpartei mit Hauptsitz in Moskau; die KP in den einzelnen Ländern waren Sektionen der Komintern. Oberstes Prinzip war der von Lenin entwickelte "demokratische Zentralismus": Auf gleichwertiger Ebene wurden die Probleme diskutiert und dann ein Entschluss gefällt; dieser konnte von einer untergeordneten Instanz weder in Frage gestellt, noch diskutiert oder revidiert werden, sondern musste konsequent umgesetzt werden.

Nach dem Tod Lenins 1924 verstärkte sich die Kontrolle der Landessektionen, der Weltkongress verlor an Bedeutung, die Entscheidungsgewalt verlagerte sich zunehmend ins höchste Gremium der Komintern, ins Exekutivkomitee (EKKI). Die Komintern war zusätzlich immer unter starkem Einfluss der KPdSU, was sich aus deren Stärke erklärt: Die KPdSU war in Russland die Staatspartei und finanzierte auch weitgehend ihr Exportprodukt Komintern. Für die KPS bedeutete diese Situation wenig Gutes.

2.2.2 Die KPS und die Komintern

2.2.2.1 1921-1924: Substanzverlust in Raten

24 Die Komintern-Verwaltung setzte sich mehrheitlich mit den grossen Landessektionen Deutschlands, Frankreichs und Tschechiens auseinander. Die KPS stand nie im Vordergrund, obwohl sie organisatorische Unterstützung dringend benötigt hätte. Auch im EKKI waren bis 1921 keine Schweizer Kommunisten vertreten; dann wurde Jules Humbert-Droz25 zum Sekretär der Komintern gewählt. Diese Vernachlässigung äusserte sich auch in fehlenden Subventionen für die kommunistische Presse in der Schweiz, die trotz mehrmaliger Anforderung nicht gewährt wurden.

Beim Dritten Weltkongress der Komintern 1921 stellte man fest, dass eine erste akut-revolutionäre Phase abgeschlossen sei (insbesondere mit der Konsolidierung der Weimarer Republik in Deutschland; der Februar-Aufstand 1919 der Spartakisten und Kommunisten war niedergeschlagen worden) und jetzt Einheitsfrontbestrebungen verstärkt werden müssten: Durch Fraktionsbildung in den Gewerkschaften sollte die Arbeiterschaft zu einer revolutionären Haltung "erzogen" werden. Die KPS fuhr auf dieser Linie, bekundete aber mit der Gewerkschaftsarbeit Mühe. Ausser in Grossbetrieben und den industriellen Agglomerationen kannte man keinen Anhang. Das EKKI intervenierte und wies darauf hin, dass auch auf dem Land, unter den verarmten Kleinbauern, Agitprop gemacht werden müsse - die Bauern seien für eine nachhaltige Revolution unabdingbar. Man kritisierte weiter, dass die KPS die Beschlüsse der Komintern falsch umsetze und deshalb eine Sekte ohne Rückhalt bei den Arbeitermassen bleibe.

Das EKKI verlor in den ersten drei bis vier Jahren das Interesse an der Schweizer KP, da es keine Anzeichen gab, dass diese sich zu einer Massenpartei entwickeln könnte; die Gewerkschaften, die von Anfang an auf scharfe Abgrenzung zu den Kommunisten bedacht waren, liessen fraktionsbildende Tendenzen kaum zu und reagierten mit Ausschlüssen, so dass der gewerkschaftliche Anhang der KPS gering blieb.

2.2.2.2 1924-1928: Sich selbst überlassen

26 Die KPS war weiterhin von den entscheidenden Gremien in Moskau ausgeschlossen und machte ihrer Frustration durch Demarchen Luft: Man habe die Überzeugung - schrieb das Zentralsekretariat der KPS ans EKKI –, dass die Komintern die Parteien der kleinen Länder als vernachlässigenswert betrachte und auch so behandle. Die Komintern war in den Jahren der Post-Lenin-Ära in interne Machtkämpfe der KPdSU verwickelt worden und ihre Schlagkraft liess zu wünschen übrig. Als sich der Stalin-Flügel durchgesetzt hatte, wurde die Einheitsfrontpolitik grundlegend revidiert und eine Politik der verstärkten Bekämpfung der Sozialdemokratie propagiert; die KPS kam vorläufig darum herum, die Strategie ändern zu müssen; man konzentrierte sich immer noch auf die grossen französischen und deutschen Sektionen. 1924 wurde im Zuge der Bolschewisierung der kommunistischen Parteien die Umstellung auf das Betriebszellenprinzip verordnet: die Ortssektionen der KP sollten sich nicht mehr nach dem Wohnort der Arbeiter richten, sondern nach deren Arbeitsort und in den Betrieben sollten Parteisektionen konstituiert werden.

1927 war die Gruppe um Trotzki innerhalb der KPdSU definitiv besiegt und als Linksabweichler blossgestellt27 – nun hatte Stalin freie Hand und liess seinen verhängnisvollen Einfluss denn auch umgehend wirken.

Der Sechste Weltkongress der Komintern beschloss Stalins Sozialfaschismus-These für bindend: Die SP wolle den Revolutionseifer dämpfen, die bestehenden bürgerlichen Institutionen schützen und mache sich so zu einer Helfershelferin des Bürgertums, zum linken Arm des Faschismus. Sozialdemokraten seien als Sozialfschisten zu bekämpfen, deren Organisationen müssten zertrümmert werden, damit die Arbeiter zu den Kommunisten zurückkehrten. Damit eine Einheitsfront von unten zustandekäme, gelte es primär, die sozialdemokratischen und die reformistischen Gewerkschaftführer unablässig anzugreifen. - Die Bruderorganisationen der Arbeiterbewegung waren also beinahe über Nacht zum Hauptfeind der KP geworden!

Für die KPS bedeuteten diese erstaunlichen Entschlüsse aus Moskau: Die Gewerkschaften mussten gespalten werden, die kommunistischen Fraktionen sollten sich ausserhalb des reformistischen Schweizerischen Gewerkschaftsbundes als Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) neu organisieren und eigenständig die Arbeitskämpfe führen.

Insgesamt war das EKKI 1927/28 mit der KPS (noch) zufrieden: die Umstellung auf Betriebszellen sei geglückt und es gebe keine links- und rechtsabweichlerischen Tendenzen, die in anderen Ländern nach der Schwenkung auf den Sozialfaschismuskurs verstärkt ersichtlich wurden.

Die KPS hatte in den grossen Fragen zwar der Komintern zugestimmt, aber, wie Stettler konstatiert, mehr aus formaler Disziplin als aus innerer Überzeugung.28 Die Probleme der kleinen KPS wurden vom EKKI vernachlässigt bis ignoriert - dies zeigte sich exemplarisch beim gescheiterten Referendumskampf um ein Beamtengesetz 1927: weil sich SP und Gewerkschaften gegenüber den Problemen der Arbeiter- und Beamtenschaft indifferent zeigten, sei dies die Gelegenheit der KPS, die Arbeiterschaft aus der Apathie zu reissen und hinter sich zu scharen, meinte das EKKI. Als es dann aber darum ging, für die Unterschriftensammlung Geld oder personelle Ressourcen einzusetzen, kam aus Moskau keine Hilfe mehr – die KPS musste eingestehen, dass sie allein in der Schweiz nicht referendumsfähig war.

2.2.2.3 1928-1931: Zwischen Widerstand und Anpassung

29 «Die 3 Jahre nach dem Sechsten Weltkongress der Komintern stellten zweifellos den bewegtesten Zeitabschnitt in der Geschichte der KPS dar [..]», schreibt Peter Stettler.30 In den dreissiger Jahren standen zwar mit Wirtschaftskrise und Frontismus Ereignisse im Vordergrund, die der KPS innerhalb des politischen und gesellschaftlichen Systems arg zusetzten, aber in ihren Auswirkungen kaum zu vegleichen sind mit dem massiven Druck, den die Komintern-Führung der kleinen Schweizer Sektion aufgrund des ideologischen Kurses aufsetzte.

Die gegenseitige Verhärtung begann, als Humbert-Droz – nun Präsidiumsmitglied des EKKI – sich für Rechtsabweichler innerhalb der Kommunistischen Partei Deutschlands einzusetzen begonnen hatte und den Stalin-Vertrauten Ernst Thälmann, Garant des verordneten Linkskurses in der KPD, nach einer Finanzaffäre nicht mehr rehabilitieren wollte. Die KPS schloss sich Humbert-Droz an und erweckte so das ungerechtfertigte Misstrauen der Komintern, Kontakte mit deutschen Rechtsabweichlern zu pflegen. Sofort wurde die Schweizer Sektion "unter Bewachung" gestellt und EKKI-Vertrauensleute (verächtlich "Turkestaner" genannt) pilgerten in die Schweiz, um die Lage zu prüfen. Ein Brief des EKKI liess verlauten, dass die KPS eine eigene politische Plattform aufstellen müsse (also die Komintern zu verlassen habe!) oder sich sofort vorbehaltlos den Beschlüssen des Sechsten Weltkongresses füge und das Verhältnis zur SP als "bürgerlicher Arbeiterpartei" (welches in den Augen des EKKI offenbar zu freundschaftlich war) kläre: der Kampf gegen SP, Gewerkschaften und nicht zuletzt rechtopportunistische Tendenzen31 innerhalb der KPS müsse verstärkt werden.

«Das Pfingst-Plenum war ein historischer Wendepunkt in der Geschichte der KPS»32, bemerkt Stettler: Die gefassten Beschlüsse sollten sich auf die Partei absolut verheerend auswirken. Die Handlungsautonomie war durch immer massivere EKKI-Interventionen sehr eingeschränkt und schliesslich gab man Moskau nach: Die bisherige Parteiführung wurde nach und nach bis 1930 ersetzt durch Schweizer Absolventen der Leninschule in Moskau, die ideologisch gefestigter auf Komintern-Kurs fuhren. Die Basis reagierte sowohl auf die nun konsequent durchgesetzte Sozialfaschismus-These, wie auch auf die anschwellenden innerparteilichen Machtkämpfe mit Verständnislosigkeit. Mir dieser sektiererischen Politik leistete man der weiteren Entfremdung von der Arbeiterschaft Vorschub und verstärkte noch einmal den stetigen Mitgliederschwund.33 In Basel und Zürich wurden Rechtsopportunisten ausgeschlossen, in Schaffhausen entstand gar eine Kommunistische Partei-Opposition, zu der praktisch die ganze dortige KP-Anhängerschaft überlief.34

Dies alles genügte aber dem EKKI noch nicht und so griff man anfangs 1930 zum schärfsten Mittel, das zur Verfügung stand: Unter Umgehung des Schweizerischen KP-Zentralsekretariats sandte man an alle KPS-Mitglieder einen offenen Brief, worin die alten Forderungen noch einmal postuliert wurden: Die KPS müsse dem Rechtsopportunismus endlich abschwören und «mit sozialdemokratischen Traditionen» brechen. Jegliche Zusammenarbeit mit oder gar Unterstützung der SP (z. B. bei Wahlen) müsse aufhören und man müsse auch gegen den Willen der reformistischen Gewerkschaftsführer Streikaktionen wagen. Die Komintern-Strategie wurde auf dem 5. Parteitag der KPS noch einmal besiegelt und Hermann Bobsts Theorie der "Historischen Besonderheiten"35 verworfen. Die Parteileitung "anerkannte", den sozialfaschistischen Charakter der schweizerischen Sozialdemokratie nicht genügend diskutiert und auch die schleichende Faschisierung des bürgerlichen Staatsapparates verkannt zu haben. 1930 waren die oberen Chargen der KPS gründlich von oppositionellen Elementen gesäubert: Jetzt war die KPS wieder ein gutes Mitglied der Komintern-Familie... – allerdings zu einem hohen Preis.

Die Rechtsopposition organisierte sich nun ausserhalb der KPS und trat der Internationalen Kommunistischen Partei-Opposition bei. Nach Komintern-Intention wäre der Weg jetzt frei gewesen, mit vereinten Kräften und einem klaren Kurs die Massen zu mobilisieren. Aber dies missriet völlig. Nachdem sich die Funktionäre in einem Abnützungskampf sondergleichen entweder sich des Vorwurfs des Abweichlertums erwehren mussten oder andere KP-Mitglieder mit diesem Vorwurf konfrontiert hatten, waren viele Kräfte sinnlos verpufft worden und die konkrete agitatorische Tätigkeit in den Gewerkschaften, auf der Strasse und in den Betrieben hatte stark gelitten. Man fand sich also überall in der alten Minderheitenposition wieder und verteidigte zudem Standpunkte, die niemand begreifen konnte. Die Parteispitze um Siegfried Bamatter (einen ehemaligen Studenten an der Moskauer Arbeiteruniversität) intrigierte, die Komintern kritisierte, die Arbeiterschaft ignorierte: die KPS befand sich 1931 in einem nachgerade desolaten Zustand – obwohl die "objektiven marxistischen Erfolgsbedingungen" (steigende Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Börsenkrach) immer günstiger wurden.

Die Nationalratswahlen 1931 zerstörten jegliche Hoffnungen auf eine breitere Verankerung in der Arbeiterschaft: Von drei KP-Mandaten verlor man dasjenige von Bringolf an die KP-Opposition, die beiden anderen konnten trotz massiven Stimmenverlusten (in Basel) gehalten werden. Die Komintern machte Zentralsekretär Bamatter für das Debakel verantwortlich und berief Humbert-Droz zurück in die Schweiz, der inzwischen seiner Kritik gegen Stalin abgeschworen hatte. Prompt veränderte er den politischen Schwerpunkt wieder in Richtung Einheitsfront, doch dafür war es 1932 noch zu früh: Humbert-Droz untrezog sich zum zweiten Mal (!) diesem typisch stalinistischen Disziplinierungsverfahren, und widerrief seine Annäherungspolitik an die SP und die KP-O.

2.2.2.4 1933-1935: Auf dem Weg zur Volksfront

35 Nach dem Schock der Hitler-Machtübernahme Anfang 1933 überdachte die Komintern ihre fragwürdige Politik und liess Einheitsfrontaufrufe der einzelnen Landes-KP wieder zu: Die KPS lancierte denn auch sofort einen Brief an die Parteileitung der SPS, worin man sich verpflichtete, während der Dauer des gemeinsamen Kampfes gegen den schweizerischen Faschismus Aktionen und Polemiken gegen sozialdemokratische Organisationen zu unterlassen: die Wortwahl lässt darauf schliessen, dass der gemeinsame Kampf aus Sicht der KPS nur von vorübergehender Natur sein sollte: die Sozialfaschismus-These war nicht - wie es die Trotzkisten gefordert hatten – vollumfänglich verworfen, sondern bloss "auf Eis gelegt", um über die "Vermittlung" der sozialdemokratischen Führer an die sozialdemokratische Arbeiterschaft gelangen zu können. Die Parteiführung der SPS lehnte dieses Ansinnen barsch zurück; sie konzentrierte sich bereits auf die Kompromissuche mit den vernünftigen bürgerlichen Kräften und wollte diese Anstrengungen nicht durch die Zusammenarbeit mit einer «marginalen, sektiererischen Zwölftausenderarmee»37 kompromittiert sehen. 1933 wurde diese Politik der SP durch einen Parteitag abgesegnet, der jeglichen Einheitsfrontbestrebungen eine Absage erteilte.

In der KPS herrschte Verwirrung38 ; bedeutete der "halbe" Kursechsel der Komintern implizit eine Rehabilitierung der trotzkistischen Linksopposition und der rechtsabweichlerischen KP-O? Die KPS lavierte zwischen Einheitsfront und Sozialfaschismus. Die Wahlergebnisse 1933 gerieten zu einem neuerlichen Debakel: in Genf gewannen die Genfer unter Führung Léon Nicoles (die KP bezeichnete ihn aufgrund seines pointierten Linkskurses als Agent der SP-Parteispitze [!]) im Nachgang zum November-Massaker 193239 die Regierungsratswahlen; in der Stadt Zürich verloren die Kommunisten vier ihrer sechs Gemeinderatssitze.40 Vom spontanen Arbeiteraufstand gegen einen faschistoid anmutenden Fackelzug der vereinigten bürgerlich-frontistischen Allianz am Vorabend der Wahl, der in regelrechte Strassenschlachten mit Dutzenden von Verletzten ausartete, konte die KP auch nicht profitieren.41 Es gab durchaus ein (allerdings eher gegen die Fröntler) radikalisiertes Arbeiterpotenzial, das sich aber durch die Kommunisten nicht mobilisieren liess und sich eher in lokal-situativen Strassenszenen wie der beschriebenen hervortat.

Annäherungsversuche an die SPS wurden nun häufiger lanciert, besonders im Vorfeld von 1.-Mai-Kundgebungen, die wieder gemeinsam durchgeführt werden sollten, und in Protestaktionen für die Freilassung Georgi Dimitroffs aus der Nazi-Haft.42 Die Kommunisten mussten aber immer von einem Standpunkt der Schwäche aus argumentieren und in der Schweizer Sozialdemokratie behielten die einheitsfrontfeindlichen Kräfte die Oberhand.43

Das Jahr 1934 stand ganz im Zeichen der von Sozialdemokraten und Gewerkschaften vorgebrachten Kriseninitiative44, die die wirtschaftliche Not und die Arbeitslosigkeit mit einem staatlich finanzierten Beschäftigungsprogramm bekämpfen wollte. Die KPS verhielt sich dazu ambivalent: Erst kritisierte sie die Initiative als «faschistisches Machwerk»45 und als Schwächung der Kampfkraft der Arbeiter; später gaben die Kommunisten kurz vor der Abstimmung (die verlorenging) doch die Ja-Parole heraus. Die KPS propagierte weiter die Aktionseinheit, welche aber durch die nach rechts rückende SPS46 beständig scharf abgelehnt wurde. Die Auseinandersetzungen - innerhalb der SPS wie zwischen Kommunisten und SP-Parteispitze - gewannen an Schärfe; Peter Huber bemerkt zum veränderten Verhältnis der KP zur SP: «Die KPS bewies [...], dass ihre Auffassung einer Einheitsfront auch nach der fast vollständigen Aufgabe der Sozialfaschismuslinie nur noch wenig gemein hatte mit dem ursprünglichen Konzept einer Einheitsfront zwischen den proletarischen Organisationen. [...] Obwohl in der Arbeiterschaft die Not seit Jahren im Zunehmen begriffen war und die Führung der SPS und des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes deutlich nach rechts rückten, genoss die KP in der Arbeiterschaft weniger Respekt als 1928, als die Wirtschaftskrise und die fatale Linkswende der Komintern [erst, F.S] vor der Türe standen.»47

2.2.2.5 1934/1935: Die Volksfront

Auch in der Komintern-Zentrale in Moskau erkannte man allmählich die Zeichen der Zeit: Auch im Verteidigungsinteresse der Sowjetunion gegen einen sich expansionistisch gebärdenden Nationalsozialismus/Faschismus lag die auf dem Siebten Weltkongress der Komintern beschlossene Kursänderung.48 Die ultralinke Taktik der Einheitsfront von unten wurde durch die Volksfront ersetzt: Die Kommunistischen Parteien sollten – laut Dimitroffs Analyse – mit der Sozialdemokratie und dem aufgeschlossenen linksliberalen Bürgertum eine breite antifaschistische Allianz bilden und das Ziel der Sozialistischen Revolution vorübergehend "zurückstellen" – von der Offensiv- zur Defensivaktion! Erstmals anerkannte die Kommunistische Weltpartei auch den grundlegenden Unterschied zwischen den Freiheitsrechten einer liberalen Demokratie und der Diktatur des Faschismus. - Endlich hatte man die Lehren aus der exemplarischen Zerschlagung der Arbeiterbewegung in Hitler-Deutschland gezogen.

Was bedeuteten die Moskauer Beschlüsse für die KPS? Die zum Teil schon 1934 gepflegte "Politik der Aktionseinheit" wurde auf eine solide, "von oben" (EKKI) sanktionierte Basis gestellt, ohne dass sich die SPS insgesamt empfänglicher für den Volksfrontkurs gezeigt hätte, lokale Bündnisse in Zürich und Basel ausgenommen.49

In der SPS meldeten sich verschiedene Strömungen zu Wort, die das Verhältnis zur KP festgelegt wissen wollten50: Die Einen lehnten weiterhin jegliches Zusammengehen ab, da man sich dadurch im eigenen, erst seit kurzem wirklich gefestigten Staatsverständnis unglaubwürdig machen würde und das Bürgertum zu einer heftigen Gegenreaktion provozieren könnte; andere befürworteten die Arbeiterallianz, entweder aus Gründen der Geschlossenheit und der Möglichkeit einer "wirklichen" Veränderung der nationalen Machtverhältnisse; oder aus taktischen Erwägungen: als stärkerer Partner könne man der KP Bedingungen aufzwingen, sie zu einem inhaltlichen Klon der SP machen und sie dann "liquidieren".

Bei den Nationalratswahlen entstanden Listenverbindungen in Zürich, Basel und Genf, die aber der Linken keine Sitzgewinne bescherten. Der Sechste und letze Kongress der (legalen) KPS über Pfingsten 1936 stand ganz im Zeichen der erfolgreichen Volksfrontbündnisse in Frankreich und Spanien. Auch für die Schweiz wurde diese Taktik weiterhin proklamiert. Die Kommunisten gingen Ende desselben Jahres so weit, sämtliche Eckpfeiler des sich konstituierenden nationalen Konsenses – geistige, militärische, wirtschaftliche Landesverteidigung – zu übernehmen und also den systemopponierenden Teil des Parteiprogramms beinahe gänzlich aufzugeben. Für die SPS bestand kein Gesprächsbedarf mehr und man empfahl der KP die «Selbstliquidation»51.

2.2.2.6 1936-1940: Neue Tätigkeitsfelder für die Kommunisten und das Verbot der KPS

Die Annäherungsversuche an die Sozialdemokratie hatten nichts gefruchtet; zudem machten sich – auch unter dem Eindruck aussenpolitischer Ereignisse – verstärkt antikommunistische Tendenzen in den obersten politischen Behörden bemerkbar, die sich in Teilverboten der Partei äusserten: 1937/38 wurde in Genf, in der Waadt und Neuenburg die Kommunistische Partei verboten, worauf deren Mitglieder in der SP unterzukommen suchten. Die Stigmatisierung in der Bevölkerung und die Ablehnung durch die Arbeiterschaft erlebten die Schweizer Kommunisten ganz stark nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts im Sommer 1939: Ein Wendepunkt für einige, die ihren überzeugten Antifaschismus hintertrieben sahen und die Sowjetunion nicht mehr bedingungslos verteidigen mochten. In diesem Kampf gegen den internationalen Faschismus fanden viele in der zweiten Hälfte der dreissiger Jahre ein neues, ganz konkretes Wirkungsfeld: Insbesondere der Spanische Bürgerkrieg als "erste Phase" des sich ankündigenden Zweiten Weltkriegs und die Hilfe für deutsche und italienische Emigranten strahlten auf die hiesige Arbeiterschaft aus: Man sammelte für die kommunistische "Rote Hilfe", die "Internationale Arbeiter-Hilfe", Unterstützungsvereine wie die "Freunde des republikanischen Spaniens" sprossen aus dem Boden. Etwa 700 Schweizer schlossen sich den "Internationalen Brigaden" an, die auf Seiten der Republikaner gegen General Francos Truppen kämpften.

Die Reihe der kantonalen Parteienverbote in der Westschweiz beschloss der Bund im August und November 1940, als er auf gesamteidgenössischer Ebene jegliche kommunistische und anarchistische Tätigkeiten unter Strafe stellte. Die folgenden vier Jahre operierte das hartgesottene Führungspersonal der KPS im Untergrund: Verschiedentlich wurden Razzien durchgeführt und in aufsehenerregenden Prozessen prominente Kommunisten abgestraft: So verurteilte man im Januar 1943 Edgar Woog; Karl Hofmaier und Léon Nicole wegen illegaler Propagandatätigkeit in überharter Manier zu unbedingten Gefängnisstrafen von mehreren Monaten.

1944 wurde als Fusionsprodukt von KPS und der "Fédération des socialistes suisses"52 die "Partei der Arbeit" (PdA) gegründet. Diese erzielte nach Kriegsende und nach der Aufhebung der Parteienverbote ein paar beeindruckende Wahlerfolge und weckte bei einigen neuerlich die Hoffnung auf eine politische Revolution in der Schweiz. Aufbruchseuphorie und Dankbarkeit gegenüber der Sowjetunion verebbten allerdings schnell wieder und auch die PdA konnte sich vom "Mutterland des Kommunismus" nie emanzipieren und blieb entsprechend angreifbar als deren Lakai.

2.2.2.7 Gesamtüberblick

Betrachtet man die Parteigeschichte der KPS "von aussen"in globo, fällt primär folgendes auf: die hiesigen Kommunisten entfernten sich 1921-1940 immer weiter von den angestrebten "Massen"; ihnen haftete (besonders als die unsägliche Sozialfaschismus-These vertreten wurde) der Geruch der "von Moskau gesteuerten Söldlinge" an.

Die KPS verlor von ihrer Gründung an bis zu ihrem Verbot kontinuierlich an Mitgliedern, Wählern und Lesern ihrer Parteipresse53. Gewerkschaftliche Parallelorganisationen der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition blieben blutarm und existierten einzig in den "KP-Hochburgen", den industriellen Zentren (Basel, Zürich, Schaffhausen, Baden, Oerlikon, Neuhausen, Arbon, ...); von der RGO angezettelte Streiks hatten keinen nachhaltigen Erfolg und mussten aufgrund fehlender Unterstützung der SP und der "regulären" Gewerkschaften abgebrochen werden. Auch die Kleinbauern - Stützen jeder erfolgreichen Revolution - konnten nicht für die KP gewonnen werden.

Die Kommunistische Partei hatte dort Erfolg, wo sie charismatische Arbeiterführer vorweisen konnte (z.B. Bringolf in Schaffhausen) oder wo es während und nach dem Generalstreik eine starke linkssozialistische Strömung innerhalb der SP gab, die den Beitritt zur Kommunistischen Internationale befürwortete und das "revolutionäre Feuer" von 1918 nicht kampflos begraben wollte (wie in Zürich und Basel).

Weshalb gelang der KPS niemals der Durchbruch zur Massenpartei, den die Bruderparteien in Deutschland und Frankreich vollziehen konnten? Eine Vielzahl von Gründen ist dafür verantwortlich: Die Fronten zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern waren nicht derart verhärtet wie in stärker von der Wirtschaftskrise betroffenen europäischen Ländern, die "historischen Besonderheiten" funktionierten noch. Ausser in den Grossstädten Basel, Genf und Zürich herrschte nirgends eine eigentlich klassenkämpferisch-aufrührerische Stimmung. Ein zahlenmässig starkes, verarmtes "Lumpenproletariat" entstand nicht – und das war die primäre Anhängerschaft der KPS wie diejenige der KPD.

In der Schweiz hegte man gegen "fremdimportierte Ideen" seit jeher einige Abneigung: Die nazifreundlichen Frontisten verschwanden so schnell, wie sie im sog. "Frontenfrühling" aufgetaucht waren; und auch die Gunst der KPS hing (zumindest in den dreissiger und vierziger Jahren) entscheidend an der weltpolitischen Entwicklung und der Stimmung der Bevölkerung gegenüber der Sowjetunion. Die SPS fuhr einen harten Abgrenzungskurs gegen links, um das bürgerliche Machtkartell von Freisinnigen und Konservativen von der eigenen Vaterlandstreue zu überzeugen. Dass gewisse Sozialdemokraten zum Teil mit der Einheits- oder Volksfront liebäugelten, war meist nur ein taktisches Moment, um die KP programmatisch annähern und letztendlich überflüssig machen zu können. Und schliesslich war der Grossteil der Schweizer Arbeiterschaft zu pragmatisch, um dem revolutionären Pathos der KP nachzueifern. Man wollte nicht auf eine diffuse und keineswegs gesicherte Revolution in ferner Zukunft hinarbeiten und dafür alle Gestaltungsmöglichkeiten in der Gegenwart aus der Hand geben, indem man die traditionellen helvetischen politischen Sphären zugunsten der KP verliess.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Das Trauma des abgebrochenen und durch den bürgerlichen Staat niedergeschlagenen Generalstreiks liess eine radikalisierte, revolutionsbereite Schicht von (vor allem jungen) Arbeitern zurück, die den praktisch schon sanktionierten (und nur noch rhetorisch überlagerten) Reformkurs der SPS ablehnten und die Weltrevolution Lenins in die Schweiz tragen wollten. Nachdem eine erste akut-revolutionäre Phase in Europa mit dem abgewehrten März-Aufstand der KPD in Deutschland abgeschlossen war, "resignierte" die Bewegung zum ersten Mal. In Moskau übernahm Stalin das Zepter, hierzulande erlebte die Wirtschaft einen Aufschwung, die Not nahm ab. – Schlechte Zeiten für die Kommunisten. Die endgültige Marginalisierung erlebte die KPS mit der 1928 herausgegebenen Sozialfaschismus-These. Trotz anfänglichem Widerstand war die KPS 1930/31 vollständig stalinisiert und betrachtete die reformistischen Führer von SPS und SGB als Hauptfeinde. Diesem weltfremden Bruderkampf stand die Arbeiterschaft weitgehend verständnislos gegenüber: Die KPS brach auf allen organisatorischen Ebenen ein. Die spätere Volksfrontpolitik und das Bekenntnis zur demokratischen Schweiz konnten nichts mehr ändern – zu sehr waren die Kommunisten in der Öffentlichkeit diskreditiert. Nach 1928 führten alle Wege schlussendlich zurück in die Sozialdemokratie oder in den Untergrund der illusionslosen Illegalität während des Krieges. Das Projekt "Revolution" wurde für lange Zeit stillgelegt.

2.2.3 Kommunistische Biographien: Walther Bringolf und Karl Hofmaier

Die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) und ihre ideologische Nachfolgeorganisation, die Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS), war zu keiner Zeit ihres Bestehens eine politisch-institutionell relevante Kraft im schweizerischen Parteiengefüge. Trotz Auseinandersetzungen um den politischen Kurs kann nicht bestritten werden, dass die KPS in den wesentlichen Punkten "moskau-hörig" war und die Direktiven der Komintern umzusetzen versuchte.

Es wäre aufgrund der politischen Bedeutung, die der strukturierte (parteipolitisch organisierte) Kommunismus in der Schweiz hatte, verfehlt, die Auseinandersetzung mit der Parteigeschichte auf deren Wahlergebnisse, plebiszitäre Erfolge und andere, messbare Resultate zu beschränken – dies würde die Optik zu sehr auf Ereignisse lenken, die dem (rituellen) Ablauf "organisch-helvetischer" Politik entsprachen: auf Initiativen, Referenden, Wahlen auf kommunaler, kantonaler, eidgenössischer Ebene. Die KPS war in dieser Hinsicht ein Sonderfall: Die KPS war eine ideelle Partei oder Bewegung. Die Parteielite orientierte sich nicht immer an der Innenpolitik, wenn sie an die Öffentlichkeit trat oder Aktionen lancierte. Oftmals waren diese von der Komintern-Zentrale in Moskau diktiert oder zumindest gesteuert worden, was den hiesigen Parteisoldaten den in dieser Hinsicht nicht ganz haltlosen Vorwurf der "bezahlten Söldlinge Moskaus" einbrachte. Viele Funktionäre absolvierten lange Auslandaufenthalte, Bildungsreisen (in die Sowjetunion) oder waren teilweise über Jahre hinweg als Komintern-Funktionäre in verschiedensten Ländern Westeuropas oder in Moskau tätig. In den obersten KPS-Parteigremien herrschte teilweise eine Diskontinuität, die der Basisarbeit einigermassen unzuträglich war. Wenige Männer und einzelne Frauen spielten die herausragenden Rollen und wechselten sich in den zu besetzenden Parteifunktionen oft ab. Parteiintern problematisch war hierbei, dass die Spitzenfunktionäre sich immer wieder "verorten" mussten, d.h. zum Kurs Moskau gegenüber Stellung nehmen mussten – dabei kam es zu Spannungen und persönlichen Animositäten, was sich in der Rückkehr vieler KPS-Mitglieder zur Sozialdemokratie äusserte.

Diese beiden kritischen Momente des KPS-Gefüges sollen hier nicht unterschlagen, sondern anhand zweier politischer Biographien etwas näher beleuchtet werden: Walther Bringolf illustriert die emotionalen Wechselbäder, welche anfangs begeisterte KP-Mitglieder aufgrund der autoritären Führung und der verordneten Stalinisierung der schweizerischen Partei zurück in die Sozialdemokratie brachte; Karl Hofmaier steht für eine entbehrungsreiche "Karriere" in Diensten des Komintern und der kommunistischen Idee.

2.2.3.1 Walther Bringolf und die KP-Opposition 1930-1935: Eine Episode der Parteigeschichte der KPS
2.2.3.1.1 Walther Bringolf (1895-1981): Eine politische Biographie

54 Walther Bringolf, Sohn eines Nachtwächters und einer Putzfrau, absolvierte die Schulen in Schaffhausen und erlernte danach den Maurerberuf. Er begann am Technikum Winterthur ein Studium, das er jedoch aus finanziellen Gründen nicht beenden konnte. Während des Ersten Weltkriegs gehörte Bringolf zu den Gründern des Schaffhauser Soldatenvereins; 1918 wurde er erster Zentralpräsident des neu gegründeten Schweizerischen Soldatenbundes und als Symbolfigur der "organisierten Soldaten" (hinter denen man sozialistische Agitation vermutete) von bürgerlichen Offizieren scharf angegriffen. 1919 trat er der SPS bei, 1920 nahm er an der Oltner Konferenz der SP-Parteilinken teil, die den Beitritt zur Dritten Kommunistischen Internationalen forderte. Zusammen mit Jules Humbert-Droz wohnte er dem Zweiten Weltkongress der Komintern in Moskau bei und berichtete der Partei von den Beschlüssen und den 21 Aufnahmebedingungen. In der Phase der innerparteilichen Diskussion 1919/1920 zählte Bringolf immer zu den Verfechtern eines Beitritts der SPS zur Komintern. Dementsprechend gehörte er 1921 zu den Gründungsmitgliedern der KPS und wurde 1922 in deren Parteizentrale gewählt. 1922 bis 1932 war Bringolf – mit einem kurzen Unterbruch im Herbst 1930 – Redaktor des KP-Organs "Schaffhauser Arbeiter-Zeitung". 1924 erfolgte seine Wahl in den Grossen Rat von Schaffhausen und in den Kantonsrat. 1925 wurde er in den Nationalrat gewählt, dem er ohne Unterbruch bis 1971 angehörte.

1930 geriet Bringolf aufgrund der ultralinken Politik der Komintern in Konflikt mit der Schweizerischen Parteispitze – er wurde zum "Sündenablass" nach Moskau zitiert.55 Bringolf zeigte sich anfangs kompromissbereit. Als er jedoch die Sinnlosigkeit seines Unterfangens einsah, die Komintern auf einen (den Sozialdemokraten gegenüber) gemässigteren Kurs umzustimmen, verliess er Moskau. Inzwischen hatte sich in Schaffhausen bereits eine Kommunistische Partei-Opposition (KP-O) konstituiert. Bringolf schloss sich den Abtrünnigen Ende 1930 nach einigem Zögern an, worauf er aus der KPS ausgeschlossen wurde.

Walther Bringolf war in Schaffhausen der anerkannteste Arbeiterführer und derart populär, dass dieser "halbe" Frontenwechsel keineswegs den befürchteten Schritt ins politische Abseits bedeutete, im Gegenteil: 1931 gelang ihm die Wiederwahl in den Nationalrat problemlos und ein Jahr später wurde er zum Schauffhauser Stadtpräsidenten erkoren – als Vertreter der KP-O gegen einen Freisinnigen! Er repräsentierte die Munotstadt bis 1968. 1935 vereinigte er die KP-O mit den lokalen Sozialdemokraten zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), die sofort als Schaffhauser Sektion der SPS beitrat. Während des Zweiten Weltkrieges zählte Bringolf zu den Mitbegründern der "Aktion Nationaler Widerstand", die defätistischen und anpasserischen Tendenzen gegenüber Nazideutschland wirksam entgegentreten wollte. 1952 bis 1962 war Bringolf Parteipräsident der SPS. 1959 trat er als Bundesratskandidat an und scheiterte knapp an Hans Peter Tschudi.

Walther Bringolf blieb bis zu seinem Tod eine anerkannte des öffentlichen Lebens: nebst seiner politischen Tätigkeit war er Zeit seines Lebens ein Kunst- und Kulturliebhaber, der sich als Stadtpräsident in dieser Hinsicht für Schaffhausen stark engagierte.

2.2.3.1.2 Kursdiskussionen in der KPS nach der Linkswendung der Komintern und die Abspaltung der "Rechtsabweichler" in der Kommunistischen Partei-Opposition (KP-O)

Aufgrund innerer Flügelkämpfe der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) nach dem Tod Lenins 1924, die sich in der Komintern widerspiegelten, verstärkte sich im EKKI der realitätsfremde ultralinke Kurs. Die Sozialdemokratie und die "reformistischen Gewerkschaften" wurden in den Beschlüssen des Sechsten Weltkongresses der Kommunistischen Internationalen als Sozialfaschisten deklariert und zum Hauptfeind erklärt. Die Sozialistischen Parteien seien Helfershelfer des Faschismus und dessen "linker Arm", weil sie die bürgerlichen, "sich faschisierenden" Demokratien stützten. Stalin schrieb: «Der Faschismus ist eine Kampf-organisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemässigte Flügel des Faschismus. [...] Das sind keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder.»56

Die Einflussnahme der Komintern-Vertreter im Zentralkomitee der KPS nahm plötzlich massiv zu; die Schweizer Kommunisten, die in früheren Jahren mehr oder weniger mit Nicht-beachtung seitens der Moskauer Zentrale bedacht wurden und deshalb eine gewisse Autonomie in der Umsetzung der diktierten Politik wahren konnten, mussten jetzt radikal "bolschewisiert" werden. Die Parteiführung widersetzte sich anfangs den "Turkestanern"57, der schwache Widerstand brach aber beim sog. "Pfingstplenum" im Mai 1929 zusammen. Eine neue Führungsriege wurde eingesetzt, die Parteiorgane und die kommunistischen Zeitungsredaktionen von "Rechtsabweichlern" und "Versöhnlern" gesäubert.58 Auch danach war das EKKI mit der Situation in der Schweiz noch völlig unzufrieden und benutzte deshalb ein äusserst scharfes Mittel der Disziplinierung: Im Januar 1930 sandte man einen offenen Brief an alle Mitglieder der KPS, worin "Rechte" wie Walther Bringolf besonders hart kritisiert wurden. Das Zentralkomitee unterstützte die Proteste der Komintern vollumfänglich, wonach in der Schweizer Sektion noch immer zu viele opportunistische Strömungen ihre zersetzende Kraft ausübten. Man "gab zu", den sozialfaschistischen Charakter der Sozialdemokratie bisher nie richtig diskutiert zu haben.

Walther Bringolf war in den Kursdiskussionen der KPS 1929/1930 eine zentrale Figur: Als Redaktor der "Schaffhauser Arbeiter-Zeitung" kritisierte er verschiedentlich Parteileitungs-beschlüsse, die auf die Stalinisierung der KPS abzielten. Das Zentralkomitee verlangte seine Absetzung als Schaffhauser Parteileiter, weil er ein «ausgesprochen rechtes Element»59 darstelle und seine Sektion dahingehend beeinflusse. So sollte auch das KP-Organ "Arbeiter-Zeitung" wieder auf Kurs gebracht werden, das – im Gegensatz zu den anderen Deutschschweizer KP-Tageszeitungen, dem Zürcher "Kämpfer" und dem "Basler Vorwärts" – dem direkten Zugriff der KP-Leitung entzogen war. Bringolf bot daraufhin seinen Rücktritt als Redaktor und die Aufgabe seiner Parlamentsmandate an.60 Er wollte sich als einfaches Parteimitglied bewähren und beweisen, dass der gegen ihn erhobene Vorwurf des Rechtsopportunismus ungerechtfertigt sei.61 Gegen den Willen des Zentralkomitees wurde er in der kantonalen Parteileitung beibehalten, was weitere Angriffe gegen die Schaffhauser nach sich zog.

Um die "Arbeiter-Zeitung" als politisches und meinungsbildendes Sprachrohr der Schaffhauser Arbeiterschaft setzte nun ein hartes Ringen ein.62 Bringolf hatte die AZ öfters dazu benutzt, gegen die Beschlüsse des "neuen" (Komintern-hörigen) Zentralkomitees anzuschreiben. Die KP-Leitung versorgte Schaffhausen im Herbst 1930 mit dem linientreuen "Basler Vorwärts" und gründete später ein lokales Konkurrenzblatt, die "Rote Arbeiterzeitung". Eine Besonderheit in den Besitzverhältnissen der "Arbeiter-Zeitung" spielte eine entscheidende Rolle: Das Blatt war nicht direktes Eigentum der KPS, sondern gehörte der lokalen kommunistischen Pressunion – die Redaktion war nicht verpflichtet, Weisungen der Parteileitung unbedingt und kommentar-los entgegenzunehmen und abzudrucken.

Im Sommer 1930 wurde Bringolf aufgrund dieser schwelenden Differenzen nach Moskau "eingeladen", um mit Komintern-Vertretern seine "Ansichten" zu diskutieren.63 Währenddessen gründeten in Schaffhausen – inspiriert durch die Kommunistische Partei-Opposition in Deutschland – einige seiner Freunde (unter ihnen Hermann Erb, der später mit Bringolf in den Schaffhauser Stadtrat einzog) eine KP-O Schaffhausen. In einem Telegramm an seine Genossen bat Bringolf um die "Rückgabe" der Arbeiter-Zeitung (hatte die "Bearbeitung" der Komintern gewirkt?), um die Spaltung der Partei zu verhindern. Die Pressunion weigerte sich beständig, und ab dem 15. Oktober 1930 erschien die AZ mit dem Untertitel "Organ der Kommunistischen Partei-Opposition des Kantons Schaffhausen". Bringolf schied aus der Redaktion aus. «Alles schien darauf hinzudeuten, dass Bringolf die Felle mittlerweile davongeschwommen waren. »64, kommentiert Stettler. Er musste sich entscheiden: Konnte er darauf hinarbeiten, dass die KPS oder gar die Komintern den Richtungswechsel vollzogen und die Sozialfaschismus-These revidierten oder sollte er seinen Gesinnungsfreunden in die KP-O folgen, das Risiko eingehend, in der öffentlichen Meinung als rückgratloser Opportunist dargestellt zu werden? Unter dem Titel "Gewiss, Klarheit ist nötig" bekräftigte er seinen Entschluss in einem Artikel in der "Arbeiter-Zeitung" Anfang Dezember 1930: Bringolf forderte darin von der KPS eine Revision des ultralinken Kurses und von der Komintern eine Strategie, welche die konkreten (wirtschaftlichen) Verhältnisse in den einzelnen Ländern berücksichtige; ferner die Ablehnung der Sozialfaschismus-Politik, eine an den Massen orientierte Gewerkschaftsarbeit sowie die Ablehnung der These von der "akut-revolutionären Situation"65 [was soviel hiess wie: die Schweiz befände sich in einer Vorphase der Revolution, weshalb jetzt das Proletariat den faschistischen und reformistischen, sozialdemokratischen Führern entrissen und konsequent zum Klassenkampf erzogen und angestachelt werden müsse – damit die Massen unter Leitung der KPS die Revolution durchführen könnten66, F.S.]. Aufgrund dieses Beitrags wurde Bringolf aus der KPS ausgeschlossen und trat unverzüglich der KP-O bei. Ende Dezember zeichnete er auch wieder als AZ-Redaktor. Bringolf verlieh der kleinen KP-Opposition mit seinem Nationalrats-mandat die notwendige Strahlkraft – Schaffhausen wurde das Zentrum der Schweizerischen KP-Opposition, die "Arbeiter-Zeitung" blieb ihr einziges Organ. Die linientreuen Kommunisten wurden nach dem Abgang Bringolfs in Schaffhausen völlig marginalisiert.

Die "Internationale Vereinigung der Kommunistischen Opposition" erlangte nie grosse Bedeutung. Besonders in Deutschland war ihr Scheitern offensichtlich: Der KPO-Aufruf zur Einheitsfront gegen Hitler verpuffte wirkungslos. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 spielte die Schaffhauser KP-O zeitweise eine wichtige Rolle als Auffangstätte für verfolgte deutsche Kommunisten und die "Arbeiter-Zeitung" als einziges deutschsprachiges Organ der KP-O strahlte über Schaffhausen hinaus.

Unter Bringolfs Führung näherte sich die KP-O allmählich der Sozialdemokratie an – er verwirklichte also sein seit langem gefasstes Bekenntnis und kehrte zur SP zurück: «[1929] war mir vollkommen klar, dass mein Platz nicht mehr länger in dieser Partei sein konnte.»67 1935 wurde – nach deutschem Vorbild – eine "Sozialistische Arbeiterpartei" (SAP) aus KP-O und Sozialdemokraten gegründet, die als Schaffhauser Sektion der SPS beitrat. Stettler bilanziert: «Damit war die Schaffhauser KP dorthin zurückgekehrt, wo sie 1921 auf Grund falscher Erwartungen ausgeschert war.»"68 – Diese Schlussfolgerung gilt auch für Walther Bringolf.

2.2.3.2 Karl Hofmaier: Eine Biographie des Kampfes
2.2.3.2.1 Politischer Steckbrief

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten69 70.71 72

2.2.3.2 Streiflichter eines politischen Lebens

Politisierung durch die Russische Revolution und den Schweizer Generalstreik 73

Hofmaier ist ein geradezu idealtypisches Beispiel, um die durchgreifende Politisierung der jungen Arbeiterschaft ausgangs des Ersten Weltkriegs zu beschreiben: Als 20-jähriger begann er – euphorisiert von den Nachrichten aus Russland – Kontakte zu linkssozialistischen Kreisen zu suchen und trat in Genf der „alten“ Kommunistischen Partei bei. Hofmaier beteiligte sich dort auch am Generalstreik. Als Buchdrucker entsprach er dem Typus des “guten” Arbeiters, den diese Kreise primär ansprechen wollten.

Komintern-Funktionär

Mitte 1924 erhielt Hofmaier das Angebot, als Mitarbeiter des Komintern nach Moskau zu übersiedeln. Er nahm an und begann, in Moskau als Referent des EKKI (Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationalen) Informationen über die politische Situation in verschiedenen Ländern Westeuropas zu sammeln. In dieser Zeit vollzog die Komintern einen Strategiewechsel in Bezug auf die Organisationsprinzipien der lokalen Parteisektionen: Man beschloss, die “Wohnortstruktur” zugunsten der “Betriebszellenstruktur”74 aufzugeben. Dieses Modell setzte sich allerdings nur bedingt durch.

Hofmaier hielt sich im Herbst 1926 in Italien auf und wurde Zeuge der verstärkten Repressalien gegen die kümmerliche Opposition, die im faschistischen Italien noch verblieb. Mitte Oktober reiste er auf Weisung der Moskauer Zentrale schlagartig nach Spanien ab, nur Tage später reagierte Mussolini auf ein (möglicherweise fingiertes) Attentat gegen seine Person mit drakonischen Massnahmen: Alle bekannten Kommunistenführer wurden verhaftet, Zeitungen geschlossen, alle Parteien aufgelöst.75 Hofmaier entkam.

Auch später hatte der Schweizer illegale Parteiarbeit in Italien zu leisten und reiste bereits 1927 wieder ins Land ein. In Como wurde er aufgrund einer Spitzelinformation verhaftet.

Als Häftling in Mussolinis Kerkern

Bis 1929 sass Hofmaier in verschiedensten italienischen Gefängnissen. Erst im März desselben Jahres begann sein Prozess unter ungünstigen Umständen: Im Sommer zuvor waren die Führer der Kommunistischen Partei Italiens zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Durch ein Spezialgericht in Rom, das politische Häftlinge zu verurteilen hatte, wurde Hofmaier zu 21 Jahren und sechs Monaten Haft verklagt.76 Die nächsten Jahre verbrachte er teilweise unter verschärfter Einzelhaft, bis die Regierung im Oktober 1932 – zur Feier des ersten Dezenniums faschistischer Herrschaft – eine Amnestie für alle Gefangenen verordnete77. Hofmaiers Strafe wurde reduziert; am 28. Oktober 1934 konnte er den Kerker verlassen. In Basel wurde er begeistert empfangen.78

Funktionär der KPS

Nach längeren Aufenthalten in Moskau, wo er unter anderem die Internationale Arbeiterhilfe leitete, und Erholungsreisen ans Schwarze Meer kehrte Hofmaier in die Schweiz zurück. Mit dem EKKI hatte er abgesprochen, in der Schweiz ins Zentralsekretariat der KPS einzutreten. Am Sechsten Parteitag der KPS wurde er in dieses Amt gewählt79 ; Hofmaier kehrte in einer Phase des Umbruchs zu seinen Schweizer Genossen zurück: Man formulierte – in der realen Gegenwart des Faschismus – einen Einheitsfrontaufruf an die Sozialdemokraten, der allerdings nicht beantwortet wurde. In seiner neuen Funktion verspürte er auch den verstärkten Gegenwind seitens der Behörden, die kommunistische Aktivitäten zusehends genauer beobachteten und – in Zusammenhang mit den sogenannten “Spanien”-Anwerbungen – eigentliche Verhaftungswellen durchführten. Später folgten Parteiverbote in der Westschweiz und auf gesamtschweizerischer Ebene.

Fazit, Ausblick, Kommentar

Karl Hofmaier behauptete sich als linientreuer Kommunist. Dadurch brachte er sich in grösste persönliche Gefahren und hatte riesige Entbehrungen auf sich zu nehmen – sieben Jahre faschistische Kerkerhaft. Trotzdem resignierte er nicht, sondern stürzte sich nach seiner Entlassung sofort zurück in den politischen Kampf. Auch in der Schweiz wurde er während des Kriegs noch einmal verhaftet; später gründete er mit Nicoles “Fédération des Socialistes Suisses” eine neue kommunistische Partei, die Partei der Arbeit (PdA). In einer einigermassen undurchsichtigen Finanzangelegenheit um die Basler Parteizeitung “Vorwärts” wurde 1946/47 eine Kampagne gegen ihn gestartet, die mit seinem Rücktritt als Parteisekretär und schliesslich mit dem Parteiausschluss endete.

Hofmaier zeichnete sich – wie viele Kommunisten – durch einen ausserordentlich hohen Grad an Identifikation mit der russischen Führung und der Kommunistischen Weltpartei, der Komintern, aus. In seinen Memoiren rechtfertigt er den Hitler-Stalin-Pakt bedingungslos80. Er, der jahrelang unter totalitärem Unrecht gelitten hatte, schien keinen Groll zu hegen, dass sein Idealstaat mit dem Todfeind paktierte und erklärte sich dies als rein taktische Massnahme.

Hofmaier repräsentiert das typische Muster des untergeordneten und sich unterordnenden kommunistischen Funktionärs: Als Drucker übte er vor seiner Funktionärstätigkeit einen genehmen Arbeiterberuf aus, machte in der kommunistischen Hierarchie “schnell Karrierre” und wurde in seiner Kominternlaufbahn aufs Prinzip des demokratischen Zentralismus verpflichtet. Diese “Gradlinigkeit” brachte ihn nie in Widerspruch zum russischen Prinzipiengeber, nie wurde er als “Renegat”, “Opportunist” oder “Abweichler” beschimpft. Seine Verdienste um den antifaschistischen Kampf wurden in- und ausserhalb der Schweiz anerkannt.

Der (Partei-)Kommunismus war eine Lebenseinstellung, die keine Kompromisse zuliess. Hofmaier lebte sie.

2.3 Genf und Léon Nicole: Ein Jahrzehnt der Polarisierung (1930-1940)

Der politische Kampf im Genf der dreissiger Jahre war durch ein besonders gewalttätiges und polemisches Klima gekennzeichnet und die starke Frontenbildung kann (in der Schweiz) nur mit den Verhältnissen in Zürich verglichen werden. Die Polarisierung entzündete sich im wesentlichen durch folgende Faktoren: Genf wurde von der Weltwirtschaftskrise schwerer getroffen als andere Schweizer Städte81. Tausende von Arbeitslosen zogen durch die Strassen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen – die wirtschaftliche Depression war sichtbar. Zugleich erschütterten Bankenskandale den Kanton, sorgten für tiefe Löcher in der Staatskasse und diskreditierten die angestammten bürgerlichen Kräfte nachhaltig – die parteipolitische Radikalisierung setzte früher ein als andernorts: Die Arbeiter liefen dem charismatischen Redner und Freund der Sowjetunion, Léon Nicole, zu; die verängstigten Kleinbürger und Gewerbler – ihrerseits schwer getroffen von der Illiquidität der Banken und dem Konjunktureinbruch – bildeten die Speerspitze reaktionärer Bewegungen rund um den Mussolini-Bewunderer und späteren Gründer der "Union nationale", George Oltramare. Die Stadt des Völkerbundes widerspiegelte in ihrer sozialen und ideologischen Zerrissenheit die Friedensorganisation selbst, die in zunehmenden Masse unfähig war, zwischenstaatliche Konflikte zu lösen82 und die internationale Sicherheit zu gewährleisten.

Ein Ereignis wirkte besonders stark, erregte Aufsehen in der ganzen Schweiz und sollte die Meinungen in Genf auf Jahrzehnte hinaus spalten: Die Toten des 9. November 1932.83

Die "Union nationale" des "Führers" George Oltramare kündigte auf den 9. November eine Versammlung an, wo er den Sozialisten, den "Lakaien der Sowjets"84 den "Prozess" machen wollte. «Machen wir ihnen den Garaus. Nieder mit der revolutionären Bande!»85, lasen die Genfer Arbeiter auf Flugblättern, die in der ganzen Stadt verteilt wurden. Das brachte die gespannte politische Atmosphäre zur Überhitzung. Der Kantonsrat verweigerte sich dem Ansinnen der Sozialisten, die Versammlung der Genfer Faschisten zu verbieten, obwohl mit schweren Ausschreitungen zu rechnen war. Der Regierungsrat orderte indes in Bern für die Unterstützung des Ordnungsdienstes militärische Truppen an. Den unerfahrenen jungen Rekruten, die aufgeboten wurden, erklärte man, dass «die Revolution in Genf ausgebrochen sei [!] und dass sie [die Rekruten, F.S.] dem Befehl zu schiessen zu gehorchen hätten.»86

Gegen Abend des 9. November 1932 trafen 4000 bis 5000 Arbeiter und Schaulustige beim Versammlungsort der Faschisten ein. Nicole und andere Arbeiterführer hielten zornige Reden gegen die Genfer Regierung und die "Union nationale". Die Polizei hatte die Lage unter Kontrolle, als Regierungsrat Martin gegen 21 Uhr das Eingreifen der Armee anforderte. Die Rekruten drangen in die Menge ein. Einzelne wurden dabei entwaffnet, Helme wurden ihnen abgenommen und zertreten. Einzelne Gewehre wurden zerstört. Die Menge rief die Soldaten zur Verbrüderung auf. Dann erhielten die Rekruten Rückzugsbefehl, um sich neu zu formieren. Die Demonstranten bildeten einen Kreis um die Truppe. Der befehlende Offizier liess ein Warnsignal blasen, welches allerdings niemand als solches identifizieren konnte. Die Leute rührten sich nicht. Dann kam der Schiessbefehl: «Einen Schuss, niedrig zielen, Feuer!»87

Das Feuer dauerte zwölf Sekunden, forderte dreizehn Tote und 65 Verletzte (!). Torracinta schreibt in seiner Darstellung dazu: «Diese Tragödie, die auf monatelange Spannungen und Zusammenstösse folgte, erschütterte ganz Genf. Allerdings war sie symbolisch für die sozial-politischen Kämpfe, für die Spaltung der Stadt in zwei Lager [Bürgerblock/Faschisten und Arbeiterblock, F.S.] und das Ausmass der politischen Krise.»88 Das Massaker von Genf versetzte die Arbeiterschaft der ganzen Schweiz in helle Aufregung; die diametral auseinandergehenden Interpretationen des Ereignisses zementierten die alten Antagonismen von neuem: Die bürgerlichen Parteien sahen die Ehre der Armee aufs Spiel gesetzt und legitimierten deshalb im nachhinein die Reaktion als gerechtfertigt (!); Nicole habe in Genf die Revolution geplant die Macht mit Hilfe von Strassengewalt übernehmen wollen. Die Linke solidarisierte sich mit ihren Genfer Genossen, obwohl der Parteileitung die sowjetfreundliche Haltung Nicoles ein Dorn im Auge war. Das Militär sei ein "Kampfmittel des bürgerlichen Staates" und habe die volle Verantwortung für das Blutbad zu übernehmen.

Auch in der Presse warfen die Toten von Genf hohe Wellen: Sozialdemokratische Blätter wie "Das Volk" (Olten) sprachen von einer "Schande des Bürgertums" und nach der Verhaftung Nicoles von "Klassenjustiz".89 Bürgerliche Blätter übernahmen die von den Behörden verbreitete Ansicht, wonach der Entscheid gerechtfertigt gewesen sei, Armeetruppen zum Ordnungsdienst aufzubieten.

Wie urteilten unvoreingenommene Beobachter? Die Korrespondenten ausländischer Zeitungen, die in Genf als Völkerbundsberichterstatter stationiert waren, rezipierten den "9. November" in ihren Blättern ausführlich. Der Korrespondent des "Manchester Guardian" schrieb: «Es besteht kein Zweifel, dass in einer beliebigen englischen Stadt die Polizei genügt hätte, eine so unbedeutende Angelegenheit zu regeln [...]. Die Ereignisse hatten absolut nichts von einem Aufruhr... Trotz meiner langjährigen Erfahrung ist mir kein Fall bekannt, wo man aus so geringfügigen Gründen auf eine Menge geschossen hätte; oder vielmehr – ohne jeden Grund.»90

Genf wurde sofort von zugezogenen Truppen militärisch besetzt; auch in Lausanne und anderen Schweizer Städten, wo Solidaritätskundgebungen stattfanden, hielten sich Abteilungen bereit. Die Gewerkschaften beschlossen einen 24-stündigen Generalstreik, der sich allerdings nicht auf den Strassen äussern konnte – die Genfer Regierung hatte das "geheiligte Recht"91 der Versammlungsfreiheit ausser Kraft gesetzt und jeden öffentlichen Auflauf verboten.

In einer Administrativuntersuchung sprach das Militärdepartement später alle beteiligten Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten frei. Gleichzeitig wurden Nicole und 17 Mitglieder von Genfer Linksparteien wegen Aufruhrs zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Dass das Verdikt als "Auswurf der Klassenjustiz" verstanden wurde und heftigste Reaktionen bei der Arbeiterschaft erzeugte, erscheint im heutigen Kontext verständlich. Es entstand in den Augen der Linken die absurde Situation, dass die Gerichte die Verantwortlichen für den Arbeiteraufmarsch abstrafte, die Verantwortung für den verheerenden Schiessbefehl hingegen weder ahnden noch zuordnen, ja nicht einmal diskutieren wollte! Klar ist: Objektiv betrachtet befand sich die Truppe zu keinem Zeitpunkt in ernster Gefahr. «Eine Notwehrsituation [...] war nicht gegeben»92, kommentiert Torracinta. Es war ein ungerechtes Urteil und der Vorwurf der Klassenjustiz scheint nicht unberechtigt und ist sehr gut nachvollziehbar.

Ist es gerechtfertigt, ein historisches Ereignis losgelöst derart ausführlich zu diskutieren? – Der 9. November war der Grundstein einer in der Schweiz damals allein dastehenden, sozialistisch dominierten Kantonsregierung.

Nicole wurde im Oktober 1933 aus dem Gefängnis entlassen und übernahm sofort die Wahlkampfleitung der Sozialisten für die anstehenden Regierungs- und Kantonsratswahlen. Durch seinen Märtyrerstatus innerhalb der Arbeiterschaft gelang ihm eine umfassende Mobilisation des linken Elektorats, so dass bei den Wahlen in die Exekutive die vier angetretenen Sozialisten allesamt die drei bürgerlichen Kandidaten überflügelten und nun im Siebnergremium die Mehrheit stellten. Den Kantonsrat dominierten allerdings immer noch die bürgerlichen Parteien im Verbund mit Oltramares Faschisten – diese Frontstellung zwischen Regierung und Parlament sollte die Genfer Politik auf Jahre hinaus lähmen. Die Banken verweigerten der sozialistischen Regierung jegliche Kredite, um sich für Nicoles revolutionäre Sprüche aus vergangener Zeit93 zu revanchieren, und auch der Kantonsrat torpedierte prinzipiell konjunkturfördernde Projekte. Nicole hatte zudem das Amt des Polizeidirektors übernommen, wo er selbst über die Durchführung politischer Kundgebungen zu entscheiden hatte. Obwohl die Sozialisten auf der Regierungsbank revolutionäre Rhetorik vermieden und sich nach Kräften bemühten, die Finanzmisere (die ihnen die Bürgerlichen hinterlassen hatten) zu lösen, konnte die rechtsbürgerliche Tagespresse die Situation doch leidlich ausschlachten und alles als Resultat einer sozialistischen Politik darstellen. Auch die eigene Klientel konnte nicht zufriedengestellt werden, da die Regierung ohne Geld praktisch keine Gestaltungsmittel in der Hand hatte und in sozialpolitischer Hinsicht nicht viel verändern konnte.

Das Klima der politischen Auseinandersetzung war völlig vergiftet: in Kantonsratsdebatten wurden Morddrohungen ausgestossen und euphemistisch Phrasen gedroschen; man betrieb ideologische Klassenkampfrhetorik, das Geschehen glich – wenn auch in kleinerem und harmloserem Umfang – den Zuständen in den Parlamenten der untergehenden Weimarer Republik.

Nicoles Regierung hielt bis November 1936. Aufgrund der Obstruktionspolitik der Opposition und der Verweigerungshaltung der Banken versuchten die Sozialisten mit einer plebiszitären Abstimmung, die Beamtengehälter um zehn Prozent zu kürzen. Der Volksentscheid war negativ – die Regierung desavouiert (auch vor ihren eigenen Anhängern). Die Linke verlor die Wahlen, obwohl die Sozialisten mit den Kommunisten eine Listenverbindung eingegangen waren.94 Im Gefolge dieser Vereinigung schafften zwei Kommunisten den Einzug ins Parlament. In Genf hatte die Annäherung der Linksparteien weitgehend lokale Ursachen: Die geographische und ideelle Nähe zu Frankreich, wo unter Léon Blum 1936 eine Volksfrontregierung an die Macht kam; die Bündelung der Kräfte im Kampf gegen den geeinten Genfer Bürgerblock, der in der Opposition gut funktionierte und zahlreiche Exekutivprojekte der sozialistischen Regierung abblocken konnte95 ; der (eingespielte) pointierte Linkskurs Nicoles, der keine Berührungsangst gegenüber linksradikalen Positionen hegte.

1936 war das "Jahr der Vergeltung".96 Die Bürgerlichen hatten im Hinblick auf die Kantonsratswahlen eine "Entente nationale" gebildet, ein Bündnis gegen den Kommunismus und die Dritte Internationale.97 Der Wahlausgang bestätigte die Tendenz: Die Sozialisten verloren die Mehrheit in der Exekutive – in Genf war die Ordnung wieder hergestellt.

Das Westschweizer Bürgertum schien besonders stark antikommunistisch veranlagt, und die ersten Volksfrontexperimente (die in der Romandie stattfanden), bestärkten die "staatstragenden Elemente" in ihrem Glauben, dass nun der Zeitpunkt für ein Verbot der KP gekommen sei. 1937 wurden in den Kantonen Genf und Neuenburg kommunistische Bewegungen verboten - in Genf nahm die SP daraufhin sämtliche KP-Mitglieder bedingungslos auf, diese folgten aber weiterhin den Weisungen der Komintern und des Zentralsekretariats der KPS.98 Nicole entfremdete sich durch diese Aktion weiter von der SPS: Konnte man es dulden, dass in Genf eine den Beschlüssen des SP-Parteitages von 1933 (wonach Bündnisse mit den Kommunisten ausgeschlossen wurden) diametral entgegengesetzte Politik verfolgt wurde und sich die Sozialisten "unter die Fuchtel der Kommunisten"99 begaben? Das Verhältnis wurde immer spannungsgeladener, bis es 1939 zum Bruch kam. Nicole hatte die Argumentation der Kommunisten übernommen und den Hitler-Stalin-Pakt als einen "Beitrag zum Frieden" gewürdigt; er rechtfertigte auch den Einmarsch der UdSSR in Polen. Die SPS schloss Nicole aus.100 Die Spaltung der Genfer SP konnte nicht mehr länger verhindert werden: Einige Genossen gründeten eine (minoritäre) "Sozialistische Partei von Genf, anerkannte Sektion der SP Schweiz"101. Nicole hob die "Fédérations des socialistes suisses" (FSS) aus der Taufe, die 1941 (ein halbes Jahr nach der KPS) verboten wurde. Er wurde aus dem Nationalrat ausgeschlossen.

Nicole setzte wie viele andere seine politische Tätigkeit in der Illegalität fort, wofür er noch einmal ins Gefängnis kam.102 1944 – das Parteienverbot wurde zunehmend gelockert – gründete Nicole zusammen mit den Kommunisten die "Partei der Arbeit" (PdA), die er während Jahren präsidieren sollte.

Innerhalb der Genfer Arbeiterbewegung der dreissiger Jahre war Léon Nicole der herausragende politische Kopf. Unter seiner Führung wurden die Sozialisten im Nachgang zu den November-ereignissen gar mehrheitsfähig. Dem akzentuierten Linkskurs, den er mit seiner rhetorischen Sowjetfreundlichkeit untermauerte, folgten die Genfer Arbeiter grösstenteils, so dass die Kommunisten – trotz guter "Bedingungen" (Polarisierung links-rechts, klares faschistisches Feindbild mit Oltramares "Union nationale", Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, diskreditiertes Bürgertum) – eine sektiererische Splitterpartei ohne Mobilisationskraft blieben. Nicole "umarmte" die KP und machte sie mit seinem ultralinken Positionsbezug überflüssig. Erst mit der Volksfront bei den Wahlen 1936 erhielten die Kommunisten durch die Eroberung zweier Parlamentssitze geringfügige Relevanz im traditionellen Politikgefüge. Jetzt wurde Nicole angreifbar – er hatte sich zu offenkundig mit dem Linksradikalismus verbunden; und kam davon nicht mehr los.

Genf bildete in den dreissiger Jahren ein Extrem der politischen Auseinandersetzung in der Schweiz: Es herrschte eine klassenkämpferische Stimmung, Politik wurde wesentlich als (taktischer) Auswurf der eigenen Ideologie verstanden, was eine Kultur des Kompromisses geradezu kompromittierte und verunmöglichte. Gewalttätigkeiten und der Strassenkampf wurden als politisches Mittel angewandt. – Genf war in dieser Beziehung (einmal mehr) ein schweizerischer Sonderfall.

3. Kommunistische Partei und Arbeiterbewegung in Olten 1918-1945

3.1 Olten 1918-1945: Strukturen und politische Ereignisfolge

3.1.1. Demographische, wirtschaftliche, soziale und politische Struktur Oltens

1 Olten war in den dreissiger Jahren ein in jeder Hinsicht gemischter Stadtkörper: Mit dem Umland durch intensive Pendlerbewegungen verbunden, als Eisenbahnknotenpunkt zentral gelegen, wies die Stadt ein gleichmässiges Bevölkerungswachstum aus2. Keine Konfession dominierte (mehr), kein Wirtschaftszweig, kein Grossunternehmen, keine Partei.

Die Eisenbahnwerkstätte der SBB, der privaten Konkurrenz entzogen, war der grösste Arbeitgeber der Region: Die zahlreich in Olten wohnenden Eisenbahner wirkten vielfältig und als „soziale Gruppe“ wohl am nachhaltigsten auf das strukturelle Gepräge der Stadt ein – sie hatten höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen als vergleichbare Berufsleute in der Privatindustrie und „sorgten“ in den Krisenzeiten Mitte der dreissiger Jahre als „Scharnier“ zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum dafür, dass die Einkommensunterschiede nicht zu gross wurden. Dank dem stabilen Mittelbau der krisenresistenten SBB-Angestelltenschaft blieb die Entfremdung und damit ein verstärkter Klassenkampf innerhalb der Stadtgrenzen gering, trotzdem die Industriearbeiter unter der Wirtschaftskrise zu leiden hatten.

Auch die politischen Parteien mussten in ihrer Programmatik auf die Eisenbahner Rüksicht nehmen. Obwohl traditionell den Sozialdemokraten „zugerechnet“, hatten sie wenig übrig für Streiks als politisches Kampfmittel und revolutionäre Töne. Die konsensorientierte, berechenbare Politik der Oltner SP stand hingegen in Einklang mit der Mentalität der Bähnler: SBB-Angestellte verstanden ihren Beruf nicht zuletzt als „Dienst am Staat“, staatsfeindliche oder staatsablehnende Tendenzen lehnten sie grösstenteils ab – nicht zuletzt aus Eigeninteresse.3 Die SBB-Bediensteten waren in der Oltner Politik (auch für die Freisinnigen) ein entscheidendes Moment und – im Gesamtkontext betrachtet – eine mässigende Kraft.

Die überschaubare Grösse der Stadt zeitigte positive Effekte: Die kommunalen Arbeits-beschaffungsmassnahmen (Notstandsarbeiten) zeigten Wirkung auf den lokalen Arbeitsmarkt. Trotz klaren sozialräumlichen Differenzierungen4 zerfiel die Stadt nicht in verschiedene Subräume5, in denen sich ein schichtdefiniertes Kultur- und Sozialleben hätte herausbilden können – es gab weder ein Quartier des Grossbürgertums noch ein Quartier des Proletariats. Die relative Homogenität erschwerte und dämpfte das Entstehen sozialer Konflikte.

Sozialräumliche Nähe gebierte politische Nähe.6 Strukturelle Stabilität verhinderte die Dominanz von Extremen. Es herrschte zwar nicht der totale Klassenfrieden, doch konnten soziale Spannungen zu einem grossen Teil absorbiert werden: die Zusammenarbeit überwog.

Die Unmöglichkeit der räumlichen und also der politischen und kulturell-sozialen Segregation determiniert wesentlich den Ereignisablauf in einer Kleinstadt. Nicht die Zuspitzung und Akzentuierung der Gegensätze, sondern die Überbrückung derselben bildet das Endziel der politischen Akteure – Olten pflegte dieses Modell in den dreissiger Jahren mit einigem Erfolg.

3.1.2 Olten in der Zwischenkriegszeit

Olten zeichnete sich – wie oben bereits skizziert – durch eine starke politische Stabilität, durch ein eingespieltes Machtgefüge aus Freisinnigen, Sozialdemokraten und Katholisch-Konservativen aus. Extreme Parteien (KP und Fröntler) oder Oppositionsgruppierungen (Landes-ring der Unabängigen) konnten nie dauerhaft Fuss fassen.

Der Generalstreik löste beim Oltner Bürgertum grosse Verunsicherung aus: Als direkte Reaktion darauf wurde eine „Vaterländische Vereinigung“ gegründet7, die laut Statuten primär «den Schutz für Person und Eigentum durch Abwehr gegen Angriffe auf unsere verfassungs-mässigen Institutionen»8 bezweckte. In dieser parapolizeilichen Schutztruppe, die durch die Behörden offizialisiert wurde (!) und in bestimmten Situationen zur Unterstützung regulärer Ordnungskräfte eingesetzt werden konnte, sammelten sich Freisinnige, Konsevative und Mitglieder patriotischer Sportvereine9, um gemeinsam dem „roten Terror“ entgegenzutreten. Für die Sozialdemokraten stellte die Bürgerwehr ein unterdrückerisches Klasseninstrument dar, welches die kapitalistische Staatsordnung schützen sollte.

Nebst dieser reaktionären Strömung entwickelte sich insbesondere im Freisinn auch eine sozialreformerische Bewegung, die sich speziell bei den Jungliberalen offenbarte: Ein sozialer Liberalismus, der auf die Versöhnung der Klassengegensätze hinwirke, sei die lauteste Forderung der Zeit, meinten diese Kreise. In Olten kam es innerhalb der FdP zu jahrelangen Spannungen, bis sich die Linksliberalen unter dem Namen „Demokratische Vereinigung“ autonom rekonstituierten und fortan ein eigenes Parteiorgan, den „Schweizer Demokrat“ herausgaben. 1919 errang deren politischer Kopf Adrian von Arx ein Nationalratsmandat, 1921 kandidierte man mit einer eigenständigen Liste bei den Oltner Gemeinderatswahlen und entzog dem Freisinn fünf Mandate! Um die Trennung von der Mutterpartei zu versinnbildlichen, setzten sich die Demokraten im Parlament zu den Sozialdemokraten... Die sozialliberale Bewegung verlor aber schnell wieder an Zugkraft (u.a. weil auf eidgenössicher Ebene sozialreformerische Ansätze wie die Einführung einer Altersversicherung oder des Frauenstimmrechts versandeten). 1925 löste sich die „Demokratische Vereinigung“ auf, die meisten ihrer Anhänger kehrten zur FdP zurück. Sie versuchten dort, ihre sozialpolitischen Forderungen (Mindestlöhne, Achtstundentag, Arbeitslosenversicherung) mehrheitsfähig zu machen – ohne grossen Erfolg.

Nachdem sich die Gemüter vom „Revolutionsversuch der Roten“ langsam erholt hatten und den kurzzeitig einträchtig im Kampf gegen die Feinde des Vaterlandes vereinten Bürgerlichen das sozialistische Gespenst abhanden gekommen war, brachen die alten weltanschaulichen Gräben zwischen Liberalen und Konservativen wieder auf. Besonders in Schulfragen entzündeten sich die Kämpfe – Konservative beharrten auf dem Recht des konfessionell geprägten Unterrichts, während die Liberalen den laizistischen Charakter der Ausbildung hervor-strichen. Dass der Bürgerblock nicht mehr spielte, hatte auch lokale Ursachen: Einerseits bestanden in Olten drei Tageszeitungen aller drei grossen Parteien, die ihre Positionen pointiert vertraten und auf eine sichtbare gegenseitige Abgrenzung bedacht waren. Andererseits wollten Konservative und Sozialdemokraten die starke Stellung der Freisinnigen aufbrechen und gingen deshalb periodisch in Sachfragen taktische Allianzen ein.10 Nach den Gemeinderatswahlen 1933 hatte der rot-schwarze Block gar die Mehrheit im Stadtparlament. Stadtammann wurde zwar der liberale Hugo Meyer, doch 1936 konnte sich der Sozialdemokrat Arnold Kamber bei der Wahl zum Rektor der städtischen Schulen – das zweitwichtigste Amt der Gemeinde – durchsetzen, weil die Konservativen eine Wahlempfehlung für ihn abgegeben hatten.

In der Krisenzeit Mitte der dreissiger Jahre war diese pragmatische überparteiliche Zusammen-arbeit für Olten ein entscheidender Vorteil: Dank breiter Zustimmung genehmigte der Souverän sogar Steuererhöhungen, so dass als Notstandsarbeiten die Badeanstalt in der Schützenmatte und das neue Frohheimschulhaus gebaut werden konnten.

Nach Hitlers Machtübernahme versuchten neue Kräfte, das traditionelle Parteiengefüge aufzubrechen. Im ganzen Land veranstalteten rechtsextreme Gruppierungen im sogenannten „Frontenfrühling“ (Frühling/Sommer 1933) Informationsveranstaltungen, um die Gunst der Stunde nutzen zu können. Auch in Olten traten die Fronten in Erscheinung:11 Die „Nationale Front“ organisierte im Mai 1933 eine Kundgebung im Stadttheater, zu der laut „Volk“ 1200 bis 1300 Interessierte (!) auftauchten.12 Dabei sprachen die Aushängeschilder der frontistischen Bewegung, Robert Tobler und Divisionär a. D. Sonderegger, der während des Generalstreiks in Zürich als Platzkommandant die militärischen Truppen kommandierte. Die beiden polemisierten gegen Sozialismus und die liberale Demokratie, was die konservative Oltner Tageszeitung „Morgen“ zu einer euphorischen Rezeption des Anlasses verleitete.13 Dass ein sozialdemokratischer Arbeiter, der aus Entrüstung die Internationale anzustimmen gewagt hatte, von der nach bester SA-Manier eingerichteten uniformierten Saalschutztruppe brutal verprügelt worden war, fand darin keine Erwähnung. Das freisinnige „Oltner Tagblatt“ und das sozialdemokratische „Volk“ äusserten sich sehr kritisch. Im „Volk“ wurden in der Folge lokale Fröntler mit vollem Namen publiziert, um sie finanziell zu schädigen. Das „Oltner Tagblatt“ ignorierte weitere Anlässe der Fröntler, weil dessen Redaktor zur Veranstaltung im Stadttheater nicht eingelassen worden war.

Das Interesse an den frontistischen „Erneuerungsbewegungen“ brach allerdings schnell ein: Weitere Aktionen in der Region wurden von höchstens 200 Leuten besucht. Bei Wahlen traten frontistische Gruppen in Olten nie in Erscheinung.

Mit der zunehmenden Kriegsgefahr verstärkte sich die – in Olten bereits gepflegte – „Konzentration zur Mitte“14 hin. Nützi kommt in seiner strukturellen Analyse zum Schluss, dass wesentlich drei Faktoren das politische und soziale Leben der Kleinstadt an der Aare bestimmt haben: Ausgeglichenheit, Nähe, Stabilität.15 Die Kleinräumigkeit und die soziale Kontrolle der Stadt („Jeder kennt Jeden“) verhinderten das Aufkommen namhafter extremer Strömungen. Die Konkordanz als politisches Prinzip manifestierte sich in Olten zum Teils bereits in den dreissiger Jahren (die eigentlich als Epoche der grossen Klassenkämpfe gelten), was den Schulterschluss zu Kriegszeiten enorm erleichterte.Wenn anderswo die politische Zersplitterung und Polarisierung die prägendsten Merkmale der Zwischenkriegszeit waren (Genf16, Zürich), dominierte in Olten eine Politik der Integration und Kooperation.17

3.1.3 Olten im Zweiten Weltkrieg

18 Obwohl die Dreitannenstadt von direkten kriegerischen Handlungen (z.B. versehentlichen Bombenabwürfen) verschont blieb, hinterliessen die Jahre 1939-1945 auf die Bevölkerung einen nachhaltigen Eindruck: Insgesamt waren über 60'000 Soldaten in Olten einquartiert, was speziell den Schulbetrieb stark beeinträchtigte, weil das Militär Schulhäuser als Unterkünfte in Beschlag nahm; auch über 18'000 Internierte und Flüchtlinge fanden zeiweise Zuflucht in der Stadt.

Nicht nur die Armee leistete ihren Dienst zur Verteidigung der Stadt, sondern auch ihr assoziierte freiwillige Hilfsdienste: Für Männer bestand die Ortswehr, die Bewachungsaufgaben und im Ernstfall auch eigentliche Kampfaufträge zu übernehmen hatte; der Dienst wurde Untauglichen und jüngeren Burschen als Vorbereitung für die Rekrutenschule anempfohlen; finanziert wurde die Ortswehr weitgehend durch die Stadtkasse und durch Spenden der Bevölkerung. Für Frauen wurde ein sog. Hilfstrupp aufgezogen, der subsidiäre Unterstützungseinsätze für die militärischen und paramilitärischen Truppen erbrachte (Zubereitung von Mahlzeiten, Kleideranfertigung, ...), Flüchtlinge betreute, Aktionen zur Stärkung der Geistigen Landesverteidigung durchführte. – Für beide Hilfsdienste meldeten sich viele Freiwillige.

Auch mit grossen finanziellen Opfern leistete die Stadt Olten ihren Beitrag zur Verteidigung – namentlich ein 900’000-Franken-Kredit betreffend Luftschutz- und Fliegerabwehrmassnahmen sorgte für Missstimmung und störte kurzzeitig «den sonst herrschenden Burgfrieden unter den politischen Parteien»:19 Die Hälfte des Geldes sollte nicht für den passiven Luftschutz eingesetzt werden, sondern für die (aktive) Fliegerabwehr (Flabgeschütze). Die Linke bekämpfte die Vorlage: Die Sozialdemokraten waren der Ansicht, dass dies Sache des Bundes sei und nicht der Gemeinde. In der Volksabstimmung kam das Projekt unter Genehmigung eines zusätzlichen Steuerzehntels relativ knapp durch und belastete den Haushalt um 1.5 Millionen Franken – das ordentliche Budget umfasste Ausgaben von 3.9 Millionen Franken pro Jahr.

Auch im kriegswirtschaftlichen Bereich (Versorgungssicherheit) waren Massnahmen gefragt: Im Rahmen der „Anbauschlacht“ des „Plan Wahlen“ vergrösserte sich die Gesamtfläche des offenen Ackerlandes bis 1943 in Olten um das Zweieinhalbfache gegenüber der unmittel-baren Vorkriegszeit. Wälder wurden gerodet, Sportplätze umgepflügt, gar Grabfelder geräumt! Daneben wurden Altmetall-Sammlungen organisiert, Schulklassen sammelten Wildfrüchte für die Speiseölgewinnung, Speiseabfälle wurden zusammengetragen, für Minderbemittelte Spendenaufrufe lanciert, Mittagessen gestiftet – die Mangelwirtschaft konnte so für fast alle einigermassen erträglich ausgestaltet werden. Nebst diesen Parforce-Leistungen der Bevölkerung (insbesondere der Frauen und Jugendlichen) nahm auch das „normale“ Wirtschaftsleben seinen Gang. Die Oltner Wirtschaft kam in den Kriegsjahren in globo gut über die Runden;20 obwohl sie von der Kriegskonjunktur kaum profitierte und vorwiegend auf die Herstellung von Gütern des Alltags- und Friedensbedarfs ausgerichtet war. Auch die starke militärische Präsenz in Olten wirkte sich – vor allem für die Verkäufer von Konsumgütern – positiv aus. Unter Material-knappheit und Teuerung litt allerdings der Bausektor, so dass die Wohnbautätigkeit vollständig zum Erliegen kam und die Behörden mit unpopulären Restriktionen bei der Niederlassungs-freiheit reagieren mussten. Die Gemeinde förderte private Initiativen zum Wohnungs-bau mit Subventionen oder beteiligte sich selbst mit Kapital an Baugenossenschaften. Der staatliche Wohnungsbau für Bedürftige wurde aber abgelehnt.

Der Wohnungsnot nicht abträglich waren auch die vielen Flüchtlinge und Internierten. Sie sorgten «[...] für einige Betriebsamkeit in der Stadt [...]».21 Eigentliche Spannungen traten erst nach Kriegsende zutage: Besonders die Kolonie der Deutschen, die in Olten gut organisiert war22 wurde nach der Kapitulation der Nazis argwöhnisch betrachtet. Auch (ehemalige) Fröntler und nazifreundliche Oltner bekamen den Unmut zu spüren: Das „Volk“ drohte mehr oder weniger unverhohlen mit Volksjustiz, falls die Behörden nichts unternähmen. Es wurden denn auch einzelne Geschäfte und Hausfassaden mit Hakenkreuzen beschmiert.

Auf grössere Gegenliebe stiessen die US-amerikanischen Besucher, für die Olten nach Kriegsende offenbar zum beliebten Reiseziel wurde.

Dass im „Volk“ im Mai 1945 am lautesten gegen die Nazis gerufen wurde, kam nicht von ungefähr: Von den drei lokalen Tageszeitungen litt das SP-Organ am stärksten unter den Zensurbestimmungen des Kriegsrechts, währenddessen das liberale „Oltner Tagblatt“ und der konservative „Morgen“ kaum belangt wurden. Beim Zensor für die Oltner Blätter handelte es sich bezeichnenderweise um Otto Walliser, seines Zeichens Redaktor des „Morgen“! Dass dieser nicht immer objektiv nachvollziehbare Restriktionen aussprach, liegt auf der Hand, kontrollierte er doch gewissermassen seine Konkurrenz – und die „Roten“ liess er dies spüren.

Fazit: Olten kam – wie die ganze Schweiz – mit einem grossen Kraftakt aller gesellschaftlichen Glieder einigermassen unbeschadet durch den Krieg. Die Teuerung hielt sich in erträglichen Grenzen, die Versorgung der Bevölkerung war zu jedem Zeitpunkt gewährleistet, die Arbeitslosigkeit stabilisierte sich auf tiefem Niveau. Die politischen Auseinandersetzungen – in Olten waren sie nie in ideologischer Leidenschaft entbrannt – wurden zugunsten „höherer Werte“ suspendiert. Der Konkordanzgedanke überlagerte alles, Klassengegensätze – in Olten ohnehin nie stark ausgeprägt – traten zugunsten der Solidargemeinschaft zurück. Das Städtchen wuchs im Krieg noch stärker zusammen.

3.2 Die Oltner SP und die Dritte Internationale 1919-1921

Die Oltner Sozialdemokraten wendeten sich seit Beginn der Diskussion klar und eindeutig gegen einen Beitritt der Schweizerischen SP zur Dritten Kommunistischen Internationalen: In der Parteiversammlung vom 6. September 1919 wurde das Ergebnis einer (ersten) Urabstimmung unter allen Oltner Mitgliedern verlesen:23 270 Stimmende lehnten den Anschluss ab, lediglich zehn befürworteten den Gang nach Moskau.24 Auch ein Jahr später, als sich die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern in der SPS mit der Herausbildung einer „Parteilinken“ manifestiert hatten, votierte die Parteiversammlung der SP Olten „einstimmig“25 gegen einen Beitritt.

Weshalb stand die Oltner SP – im Gegensatz etwa zur Sektion Baselstadt oder Schaffhausen – praktisch geschlossen gegen die Internationale auf? Ihr charismatischer Führer Jacques Schmid, „Volk“-Redaktor und späterer Regierungsrat, war innerhalb der SPS einer der pointiertesten Gegner der Dritten Internationalen, er publizierte gar eine Streitschrift gegen den Beitritt. In der Parteiversammlung im September 1920 nahm Schmid wie folgt Stellung: Die 21 Aufnahmebedingungen seien unannehmbar und die «sog. Kommunisten»26 zerstörten in vielen europäischen Ländern, namentlich in Deutschland,27 die Aktionsfähigkeit der klassenbewussten Arbeiterschaft. Die Schweizer Sozialdemokratie müsse «auf ihrem Gebiete»28 für den Sozialismus arbeiten (ohne sich vorderhand übergeordneten Organisationen anzuschliessen) – eine Rückkehr in die Zweite Internationale sei undenkbar29. Weiter ist in den Protokollen Schmid die süffisante Bemerkung zugeschrieben, dass auch die Moskauer Genossen «nach weiteren Erfahrungen [...] ihre Hefte wieder revidieren müssen»;30 geschehe dies (würden also die Aufnahmebedingungen relativiert), stünde einem Beitritt der SPS zur Dritten Kommunistischen Internationale nichts mehr im Wege. Die Aufnahmebedingungen in der jetzigen Fassung seien aber inakzeptabel.

In der an Schmids Referat anknüpfenden Diskussion wurden diese Ansicht bekräftigt und unterstützt. Es sei im übrigen das Beste, wenn sich die Kommunisten (gemeint ist damit die Parteilinke) von der Partei lossagten und ihre «Quertreibereien» inskünftig ausserhalb der Parteigremien betrieben. Ein weiteres Votum forderte die sozialdemokratischen Führer auf, sich wieder vermehrt der praktischen Arbeit zu widmen anstatt mit theoretischen Phrasen um sich zu werfen.

Die Oltner Sozialdemokraten vertraten in der nach dem gescheiterten Landesstreik emotionalisierten Auseinandersetzung um die Kommunistische Internationale eine überaus pragmatische Haltung und nahmen hier in gewissem Masse ihren sachlichen und zu Mitte und Ausgleich hin tendierenden Politikstil der dreissiger Jahre vorweg31. Man vermied bewusst langwierige theoretische Darlegungen für und wider die Dritte Internationale, indem ein befürwortender Referent gar nicht erst eingeladen wurde – und Schmids akzentuierte Position wie auch sein erheblicher Einfluss auf die Meinungsbildung der Oltner SP-Anhänger war ja allgemein bekannt. Mit diesem taktischen Vorspiel zur Parteiversammlung konnte die Parteileitung also den negativen Entscheid zumindest indirekt beeinflussen. – Die Meinungen waren denn auch schnell gemacht, sodass die Thematik – die einer politischen Standortbestimmung innerhalb der SPS gleichkam – rasch abgehakt werden und man sich wieder der konkreten, lokalen tagespolitischen Agenda zuwenden konnte.

Eine organisierte Parteilinke gab es in der Oltner SP nicht. Obwohl im Februar 1921 zwei SP-Mitglieder «wegen kommunistischer Propaganda» ausgeschlossen wurden,32 blieben linksradikale Umtriebe in der Region Olten während der zwanziger Jahre praktisch inexistent – eine Ortssektion Olten der KPS sollte erst 1932 aufgebaut werden, als der Zuzügler Moning auftauchte und die Hefte in die Hand nahm.33

3.3 Otto Moning und die KP Olten 1932-1945

3.3.1 Quellenkritische Vorbemerkungen

Die Quellenlage für den nun folgenden, eigenständig recherchierten Teil dieser Arbeit ist etwas einseitig auf Polizeirapporte gestützt, dementsprechend muss ich den Schwerpunkt auf das äussere Erscheinungsbild kommunistischer Aktivitäten legen, die dokumentiert wurden. Das hier vermittelte Bild der KP Olten in den 30er- und 40er-Jahren ist also nur bedingt vollständig und konzentriert sich – in der Einleitung ist es bereits vermerkt – auf historisch-deskriptiv beschriebene Problemfelder, weil ein soziologisch/politologisch-analytisches Vorgehen, also eine umfassendere und vertieftere Auseinandersetzung (das würde beinhalten: Wähler-/Mitgliederstruktur, Sozialstruktur der Wähler/Mitglieder, Wohnortsanalyse, und viele andere Indikatoren) einerseits aus zeitlichen Gründen, andererseits aufgrund der dünnen Quellendecke kaum zu realisieren gewesen wäre. Ich verweise hier auf die äusserst ausführliche und umfassende Analyse der KPS von Brigitte Studer (“Un parti sous influence”), die genau diese (mit-entscheidenden) Determinanten untersucht (bei thematischer Nähe weise ich jeweils im Fussnotenapparat auf die entsprechenden Passagen hin); und des Weiteren auf die Arbeit von Ruedi Nützi (“Ein Drittel der Macht”) über die Oltner SP in den dreissiger Jahren – Im Profil des Oltner SP-Wählers widerspiegelt sich – vereinfacht gesagt – bis zu einem gewissen Grad die falsche Strategie Monings; auf jeden Fall lassen sich aus dieser Lektüre Rückschlüsse ziehen, weshalb die KP in Olten ein marginaler Faktor innerhalb blieb.

Diese Teil meiner Arbeit beruht wesentlich auf zwei unveröffentlichten und unerschlossenen Quellen: Die lokale Polizei hat im Auftrag der Bundespolizei jahrelang die kommunistischen Tätigkeiten in Olten überwacht; diese Rapporte wurden in einem Dossier über Otto Moning gesammelt und liegen heute als Akte im Bundesarchiv in Bern. Polizeiakten haben Vor-, aber auch gravierende Nachteile: Sie sind einerseits ereignisbezogen pedantisch genau, andererseits thematisch und zeitlich stark lückenhaft: Aus den Jahren 1938 und 1939 beispielsweise ist nichts zurückblieben, während die Jahre 1936 und 1937 hinwiederum bezüglich KP-Aktivitäten relativ genau rekonstruierbar sind. Auch die Jahre der Illegalität (1940-1944) sind schlecht dokumentiert. Dies hat zur Folge, dass der Fokus der nachfolgenden Kapitel über die KP Olten auf die zweite Hälfte der 30er-Jahre gelegt wird: Dies wird nicht nur durch die “Willkür der Quellen” bedingt, sondern auch dadurch einigermassen gerechtfertigt, dass Moning insbesondere 1936 mit seinen Arbeitslosenversammlungen grössere Aktivität entfaltete (und einige Aufregung auslöste). Die zweite Hauptquelle dieser Arbeit, die sozialdemokratische Oltner Tageszeitung “Das Volk” (obwohl ambivalent in Bezug auf das Verschweigen kommunistischer Aktionen, oder deren Anprangerung in der Zeitung), bestätigt diesen Eindruck. Nebst kleineren Primärquellen, wie den Protokollbüchern des SMUV oder Ausgaben der “Schweizerischen Metallarbeiter-Zeitung” (Organ des SMUV) und einen Artikel über Otto Moning in der Jubiläumsausgabe zum 1. Mai 1986 in der “Solothurner AZ”, habe ich auch auf Aussagen Monings in einem Interview gegenüber Peter Heim zurückgreifen können. Von Moning selbst ist kein Nachlass bekannt.; als Sekundärliteratur sind insbesondere Nützi, daneben auch Lätts Werk über die Solothurner Arbeiterbewegung und der Jubiläumsband der Stadt Olten von Nutzen gewesen.

Die Oltner KP wird streiflichtartig und praktisch nur von der Aktion her greifbar. Die gezogenen Schlüsse sind nicht immer zu hundert Prozent schlüssig aus den Quellen herzuleiten; und doch sind meiner Meinung nach die entscheidenden Momente des “inneren Gefüges” der KP-Politik durchaus rekonstruierbar und begründbar, und sei es durch die Abgrenzung gegenüber anderen, besser erforschten Arbeiterorganisationen, in erster durch Abgrenzung gegenüber der Sozialdemokratie.

3.3.2 Die Biographie von Otto Moning

Otto Hans Moning wurde am 8. November 1908 in Bettlach SO geboren.34 In Bettlach absolvierte er die Primarschule, bereits in seinem zehnten Lebensjahr starb seine Mutter. Danach wurde er zu einer Familie nach Augst BL "verdingt", wo er die obligatorische Schulzeit beendete und danach eine Lehre als Wagenschmied begann. In den 20er-Jahren zog Moning in der Tradition der damaligen Schmiedgesellen von Ort zu Ort, um bei verschiedensten Kleinunternehmern eine Stelle zu suchen. 1928/29 wurde er in die Armee eingezogen und leistete seinen Dienst in einer Train-Rekrutenschule in Frauenfeld. Im selben Jahr kam Moning nach Olten und fand bei der Schlosserei von Arx eine Anstellung, später bei der Carosserie Hess in Solothurn. Im Winter 1935/1936 wurde er bei der Storenfabrik Schenker in Schönenwerd entlassen; in einem über Moning verfassten Polizeibericht (er stand bereits 1935 unter Beobachtung) heisst es sinngemäss: Er sei ein sehr zuverlässiger Arbeiter gewesen und nicht aufgrund seiner politischen Gesinnung entlassen worden [die dem Arbeitgeber bekannt war], sondern weil Arbeitsmangel geherrscht habe.35 Gewerkschaftlich organisiert war Moning im "Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband" (SMUV).

1929 trat Moning aus der Sozialdemokratischen Partei aus, weil diese ein Schnapsgesetz36 unterstützt habe, das zu einem faktischen Brennereiverbot für die Bauern geführt hätte, wie er im Interview gegenüber Peter Heim bemerkte. Die SP sei damals allgemein immer mehr «ins bürgerliche Fahrwasser»37 geraten und habe nicht mehr nach dem revolutionären Ideal Politik betrieben. 1931 trat Moning der Kommunistischen Partei der Schweiz bei, heiratete Elisa Mares, die ebenfalls aus Bettlach stammte und die er in der „Sozialistischen Jugend“38 kennengelernt hatte. 1932 gründete Moning mit einigen abtrünnigen SP-Mitgliedern eine lokale Sektion Olten der KPS. Die Sozialdemokraten standen dieser neuen Arbeiterpartei von Angang an feindlich gegenüber:39 «...[Sie] nannten uns 'Spalter'».40

Im politisch aufgeheizten Kontext geriet der KP-Präsident nun unvermittelt ins Visier der Behörden, die jegliche linksextremistischen Aktivitäten scharf beobachteten und oftmals an der Grenze der Legalität operierten.41 Unzählige Male wurde er vom Arbeitsplatz abgeholt, auf dem Posten befragt, in Untersuchungshaft verfrachtet. Rechtskräftig verurteilt wurde Otto Moning nie.

Nicht nur durch die Polizei und die politischen Dienste der Bundesanwaltschaft hatte Moning andauernde Überwachung zu gewärtigen, auch innerhalb der Arbeiterorganisationen stand man den Kommunisten reserviert bis feindlich gegenüber und registrierte deren Aktionen sehr genau. Ein Beispiel: Die Volkshauskommission42 verbot Moning und seinen Mitstreitern auf Antrag des SMUV-Lokalsekretärs Ernst Hunziker die Benützung der Räumlichkeiten des Volkshauses, um von der KP Olten durchgeführte Arbeitslosenversammlungen abzuhalten; man hatte nach deren mehrmaliger Durchführung erkannt, dass diese viele Arbeitslose anzuziehen vermochten und dass dort kommunistisches Gedankengut verbreitet wurde – Moning nutzte diese Veranstaltungen als Rekrutierungsbasis.43 Später wurde Moning aus dem SMUV ausgeschlossen.44

Sein starkes Engagement auf der Strasse machte Moning bald einmal stadtbekannt, so dass er unweigerlich Mühe bekam, eine angemessene Arbeitsstelle zu finden. In vielen Betrieben fahndete man gleichermassen nach den "Politischen" (gemeint sind damit primär "Kommunisten") und versuchte möglichst, die Arbeiter von diesen abzuhalten. Zudem fanden die Patrons mit der Wirtschaftskrise "gute Gründe", ideologisch Unliebsame oder Aufmüpfige als Erste zu entlassen.

Moning hatte 1936-1939 keine feste Anstellung mehr. Da er gleichzeitig aus der Gewrkschaft ausgeschlossen war, erhielt er keine Arbeitslosenunterstützung45 und wurde Sozialhilfeempfänger ("armengenössig"). Auch beim Arbeitsamt war er deshalb nicht gemeldet; er arbeitete verschiedentlich schwarz bei Notstandsarbeiten am Frohheimschulhaus46 (bis der Arbeitsamtvorsteher kam und ihn mit der Begründung wegschickte, er sei «[...] nicht berechtigt, vom Volk finanzierte Notstandsarbeiten zu leisten [...].»47 ). Auch in Pratteln, wo er später auf dem Geleisebau mitarbeitete, kam die Gewerkschaft dahinter, dass er nicht organisiert war – «Ich war Freiwild»48, kommentierte Moning. 1939 fand Moning wieder eine dauerhafte Anstellung auf seinem angestammten Schlosserberuf bei der "Zentralheizungsfabrik Zofingen".

Moning nahm mit der KP Olten in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre auch an Wahlen teil – allerdings ohne jeden Erfolg. Bei den Kantonsratswahlen 1937 erhielten die Kommunisten in Olten ganze 64 Stimmen, in jedem anderen Wahlkreis des Kantons erzielte die KP ein besseres Resultat.49

Ende 1940 verbot der Bundesrat jegliche kommunistischen Aktivitäten. Moning agitierte in Olten weiter und betätigt sich vor allem als "Zeitungskolporteur". Die Parteiarbeit gestaltete sich nun schwieriger und verlagerte sich von der Strasse zunehmend in die Hinterzimmer. Die Kontrolle der Behörden wurde noch umfassender, insbesondere die Öffnung der Briefpost Monings und einiger seiner Mitstreiter (Karl Rauber, Marcel Gris) zog sich – meist ergebnis- und erfolglos – über Jahre hin. Allerdings schien die Illegalität eine gewisse Sogwirkung ausgelöst zu haben, wie Moning gegenüber Peter Heim ausführte: «In Olten hatten wir damals etwa 100 Mitglieder. In der Zeit der Illegalität waren wir stärker also (sic) vorher. Viele stiessen zu uns, denen man das nie zugetraut hätte, aus Sympathie zu einer verbotenen Partei.»50 Viele hätten die Untergrundarbeit als «faszinierend» empfunden und «gefährlich waren wir ja nie.»51

Nachdem das Parteienverbot aufgehoben worden war, gehörte Moning wiederum zu den Gründungsmitgliedern der neuen "Partei der Arbeit" (PdA), Lokalsektion Olten. Er war auch deren erster Präsident.

1956 – während des Ungarn-Aufstandes – wurde Moning aus der Heizungsfabrik Lehmann in Zofingen, wo er seit 1939 beschäftigt war, entlassen, weil er unter der Arbeiterschaft den Sowjet-Einmarsch befürwortet und verteidigt habe. Die Gewerkschaft hatte eine Urabstimmung durchgeführt, die den Betriebsleiter «gezwungen» habe, Moning auszuschliessen, obwohl dieser «vielleicht der tüchtigste Schlosser [...] gewesen sei».52

Wo Moning danach gearbeitet hat und inwiefern er politisch tätig gewesen ist, lässt sich nicht mehr erschliessen.

Kinder hatte das Ehepaar Moning-Mares keine, weil man es ihnen gemäss eigenen Angaben nicht zumuten wollte, «[...] verspottet und bedroht [zu werden]» wie diejenigen von anderen Kommunisten es hätten erleiden müssen.53

Elisa Moning-Mares starb am 30.4.1997 im Altersheim Ruttiger, Otto Moning nur kurze Zeit später am 4.Juni 1997.

3.3.3 Ideologische Gesinnung und Einordnung Monings und der KP Olten

Otto Moning war ein Parteiarbeiter im wahrsten Sinne des Wortes: Als Parteifunktionär und Präsident einer (wenn auch marginalen) Ortssektion der KPS hatte er sich im Rahmen der vom Komintern vorgegebenen Politik zu bewegen, welche a priori nicht viel Spielraum offenliess (anfangs der 30er-Jahre ist die Schweizerische KP "durchstalinisiert" und von "oppositionellen opportunistischen Elementen gesäubert."54 ). Als Industriearbeiter passte er genau ins Profil der sich proletarisch gebärdenden Kommunisten, die ihre Funktionärskaste schrittweise von "intellektuellen Freidenkern" befreien wollten.55

Aus den detaillierten Polizeirapporten an die Bundesanwaltschaft wird über Monings taktisches Vorgehen – so es dies denn als individuelle Nuancierung zum Vorgehen der KPS überhaupt gab – beinahe nichts ersichtlich. Er wird einzig durch Strassenaktionen und Agitprop 56 einigermassen fassbar. Parteitaktisches oder positionsbestimmendes Schrifttum ist von Moning nicht überliefert. Er ging in der täglichen Parteiarbeit völlig auf.57

Otto Moning trat 1929 aus der SPS aus und 1931 der KPS bei. 1932 gründete er die KP-Ortssektion Olten. Im Vorgang zu dieser Konstituierung leistete Moning kommunistische "Wühlarbeit" in Kreisen der lokalen Sozialdemokratie und in deren Jugendorganisation. Führende Oltner Sozialdemokraten geisselten diese Tendenzen scharf und lehnten jegliche Öffnung gegen links ab58.

Konkret in den "bürgerlichen Klasseninstitutionen" (KP-Jargon) auf die Lokalpolitik Einfluss zu nehmen und diese mitzugestalten, war kein Ziel kommunistischer Politik. Dementsprechend nahm man an Wahlen nur teil, um in den bürgerlichen Parlamenten eine Plattform für die klassenkämpferische Rhetorik zu erhalten. Die Partizipation innerhalb des traditionellen schweizerischen politischen Systems blieb ein Element der Taktik: Entscheidend war die "Mobilisierung der Massen" auf der Strasse und in den Betrieben. Auch Moning verhielt sich gemäss diesen Weisungen: In allen Arbeiterorganisationen, in denen er mitlief, versuchte er „Fraktionsarbeit“ zu leisten, d.h. einen Teil der Arbeiter auf den "revolutionären" kommu-nistischen Kurs zu lenken: In seiner Gewerkschaft SMUV59, innerhalb des Gewerkschaftskartells Olten und Umgebung60, innerhalb der "Freunde des republikanischen Spaniens" (deren Oltner Sektion durch Moning und die KP-Mitglieder offenbar massgeblich "unterwandert" wurde61 ) und innerhalb des eigentlich unpolitischen "Vereins" "Freunde der Sowjetunion".62

Seine ideologische Gradlinigkeit bewies Otto Moning ausserdem durch unermüdlichen Strasseneinsatz, insbesondere als Zeitungskolporteur "illegaler kommunistischer Propaganda-literatur", wie die Polizeiberichte des öfteren maliziös zu berichten wissen ("illegal" waren die Zeitungen vor dem Verbotsentscheid des Bundesrates nur in den Augen der Polizei). Moning verkaufte beispielsweise eine Tessiner Arbeiterzeitung an italienische Fremdarbeiter, die "Deutsche Volkszeitung"63, die "Volksillustrierte", oder die "Arbeiter-Illustrierte Zeitung" und brachte so die ersten bebilderten Berichte aus nazistischen Konzentrationslagern unter die Oltner Arbeiterschaft.

Moning überdachte oder änderte seine politischen Überzeugungen auch dann nicht, als mit der zunehmenden antikommunistischen Hetze ab Mitte der 30er-Jahre und speziell nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts er tiefgreifende Einschnitte in seine persönliche Meinungs-freiheit zu gewärtigen hatte: Mehrere Male wurde er tagelang ins Untersuchungsgefängnis Zielemp in Olten gesteckt, nach Solothurn aufs Polizeihauptkommando verfrachtet, einmal gar für acht Wochen im Basler Gefängnis Lohnhof64 festgehalten; seine Post wurde monatelang der behördlichen Sichtkontrolle unterworfen, ohne dass Gesetzesverstösse festgestellt werden konnten; seine Wohnung wurde immer wieder durchsucht, er wurde observiert, Agitations-material wurde beschlagnahmt,65 etc. – dies geschah nota bene alles vor dem Herbst 1940!66 Die nachfolgende vierjährige Periode der Illegalität bezeichnete Moning im nachhinein als seine «schönste Zeit»: «Da bist du mit Leuten zusammengekommen, die wirklich fest gewesen sind. Da hat es keine Kriecher gegeben, das sind wirkliche Genossen gewesen. Da hat man arbeiten können,ohne Angst [...].»67

Wie stellte sich Otto Moning zum Nichtangriffspakt der Sowjetunion mit Hitler-Deutschland?68 Die Quellen geben darüber leider keine Auskunft. Aber ein Ereignis ausserhalb des untersuchten Zeitrahmens dieser Arbeit lässt gewisse Rückschlüsse zu: Beim Ungarn-Einmarsch 1956 verteidigte Moning die sowjetische Militäraktion vor Arbeitskollegen. Deshalb wurde er entlassen.69

Otto Moning war ein treuer Parteisoldat, der sich durch nichts und niemanden beirren liess. Wie viele Kommunisten in der Schweiz war er dem gesellschaftlichen Stigma des "bezahlten Söldling Moskaus" ausgesetzt, wurde misstrauisch beäugt und von den Behörden in teilweise fragwürdiger, kaum mehr legaler Vorgehensweise in seinen Persönlichkeitsrechten eingeschränkt. Die Repression gegen Vertreter von Extrempositionen verhärtete sich im Zuge des "nationalen Konsenses" der grossen Kräfte (Liberale, Konservative, Sozialdemokraten) zusehends – «Viele fürchteten sich, auf der Strasse meinen Gruss zu erwidern. So waren diese Zeiten.»70

Inwiefern war die KP Olten ins Aktionsgefüge der KPS eingebunden? Auch darüber lassen die Quellen nur streiflichtartige Rückschlüsse zu: Ausgangspunkt sind einmal mehr konkrete Aktionen: Im Februar 1937 veranstaltete die KPS eine Vortragsreihe; Jules Humbert-Droz hatte in Moskau die trotzkistischen Schauprozesse mitverfolgt und berichtete nun in den lokalen Orts- und Betriebszellen über deren Ergebnisse – auch hier sollte vordergründig wieder ein breites Publikum angesprochen werden71, um insbesondere «von den Trotzkisten beeinflusste Sozial-demokraten» zurückzugewinnen.72 Humbert-Droz referierte dann auch in Olten; dieser Vortrag wurde allerdings von der Lokalpresse nicht rezipiert.73 Auch der Basler Kommunistenführer Emil Arnold74 pflegte Kontakte zu Moning, belegt sind sie für 1943.75 Darüber hinaus sind in den Polizeiakten öfters Mahnungen zu finden, in denen die Oltner aufgefordert wurden, Mitgliederbeiträge etc. endlich pünktlich zu bezahlen; oder es ist von Agitationsmaterial die Rede, welches unters Volk gemischt werden sollte.76

Fazit: Otto Moning und die Oltner KP zeichneten sich eindeutig weder durch inhaltliche Schärfe noch durch inhaltliche Dispute, wie sie in den grossen Sektionen ausgetragen wurden, aus. Auch in gesamt(deutsch-)schweizerische Aktionen der KPS war man nicht eingebunden, da man als quantité négligeable eingestuft wurde – was durchaus der Realität entsprach. Weil die Oltner Kommunisten derart schwach und ohne Resonanz blieben, legte sich auch in SP-Kreisen die anfängliche Aufregung schnell wieder und Akzentverschiebungen der praktizierten sozialdemokratischen Politik nach links mussten auf Lokalebene nicht einmal ansatzweise diskutiert werden: dort gab es niemanden abzuholen. Die KP-Ideologie war zu lange eine Komintern-Ideologie und in letzter Konsequenz eine KPdSU-Ideologie: ohne lokale Anpassungen, ohne lokale Verwurzelung, ohne starke Führer (ausser in Basel und Schaffhausen), ohne eigentliches Industrieproletariat (ausser in Zürich, Neuhausen, Oerlikon oder Baden) war man auf unbeeinflussbare Stimmungsschwankungen von aussen angewiesen77, um einige (wankelmütige) Sympathisanten hinzuzugewinnen.

Moning leistete hierzu nicht viel: In seinen Reden vor den Arbeitslosen griff er gemäss „Volk“ die sozialdemokratischen Führer direkt an78 und schreckte so die gemässigten Oltner SP-Arbeiter (insbesondere Eisenbahner) von Anfang an ab79. Moning gehe es vornehmlich darum, «[...] in sozialdemokratischen Kreisen möglichst viel Dreck zu machen [...].»80 Das war ein Kurs, der im ländlich-kleinstädtisch-kleinindustriellen Milieu Oltens nicht aufgehen konnte.81

3.3.4 Agitation

Nebst der sporadischen Teilnahme an Wahlen (Kantonsratswahlen 1937 und 1945), der Durchführung von Versammlungen und Vortragsabenden,82 entfaltete Otto Moning als Verkörperung der KP Olten auf dem traditionellen Gebiet linker Agitation, auf der Strasse, grosse Aktivität: Er kolportierte die kommunistische Arbeiter-Illustrierte Zeitung83 oder die Deutsche Volkszeitung, Exilorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands – Moning finde damit allerdings keinen grossen Absatz;84 trotzdem befasse er sich eher mit alltäglicher Strassenarbeit als mit «schwierigeren Chargen»85 (beispielsweise der Anwerbung und Motivierung von Spanienfreiwilligen), heisst es in den Polizeiberichten. 1937 wagte Moning den Versuch, die kommunistische Basler Zeitung „Freiheit“ gratis unter SP-Arbeitern zu verteilen – die „Freiheit“-Administration war mit der Berichterstattung des „Volks“ nicht zufrieden und versuchte auf diesem Wege, in Olten eine Konkurrenzsituation unter den linken Zeitungen zu provozieren und mit Gratisangeboten Sozialdemokraten „herüberzuholen“.86 – Vom tatsächlichen Erfolg der „Guerillaaktion“ ist nichts bekannt, aber man rechnete mit «Einwänden»87 von sozialdemokratischer Seite, weshalb die Verteilung kontrolliert werden sollte.88

Trotz all dieser agitatorischen Bemühungen wurde die KP Olten in einem Brief von KPS-Zentralsekretär Karl Hofmaier explizit gerügt und darauf hingewiesen, dass die Zustände des kommunistischen Literaturvertriebs in Olten nicht sehr erfreulich seien und dass diese «wichtige Parteiarbeit unbedingt wieder an die Hand genommen werden» müsse.89

Moning benutzte – als er der steten Postkontrolle durch die Polizei gewahr wurde – ein neues Mittel, um halblegale Propagandamittel an der staatlichen Observation vorbeizuschmuggeln: Er benutzte Deckadressen von der Polizei noch unbekannten Genossen.90 Über den „Briefträger“ Karl Rauber91 empfing er vom Sekretär der Kommunistischen Partei Zürichs, Jakob Schwarz,92 KP-Mitgliederausweise93 und Propagandabroschüren der KPS, die mit „Die Landesversorgung wird immer schwieriger, grosse Arbeitslosigkeit steht bevor“ und „Die Schweiz und die Sowjetunion“ betitelt waren. Für Moning waren davon angeblich 1000 Stück bestimmt (!).94 Daraufhin wurden Moning und Rauber verhaftet, wenige Tage später aufgrund mangelnder Straftatbestände auf Weisung der Bundesanwaltschaft jedoch bereits wieder freigelassen. Das konfiszierte Material blieb beschlagnahmt.95

Bereits im Sommer 1941 – die KPS war in der Zwischenzeit verboten worden – wurde Moning von neuem verhaftet; er hatte kommunistische Materialien aus Basel erhalten96 und wanderte deshalb für acht Wochen ins Basler Untersuchungsgefängnis Lohnhof.97 Auch in diesem Fall konnte ihm nichts nachgewiesen werden.

Otto Moning hatte viel und oft mit den Behörden zu tun; er organisierte sich allerdings geschickt und vermied es, belastende Propagandamaterialien oder Adressen gefährdeter Genossen direkt auf sich zu tragen oder in der Wohnung zu verstecken. – Die Polizei benutzte allzu gern den Dienstvorschriften widersprechende Wege und drang mehrmals ohne schriftlichen Durchsuchungsbefehl in Monings Wohnung ein, kontrollierte seine Post ohne klare Begründung oder verhaftete ihn, ohne einen Befehl des Untersuchungsrichters vorzuweisen. Dies vermochte ihn nicht abzuschrecken und er versuchte weiterhin, seine Zeitungen und Broschüren auf der Strasse bekannt zu machen. In der Zeit der Illegalität ab 1940 verlagerten die Kommunisten ihre Aktivitäten zunehmend in die Hinterzimmer, operierten mit Deckadressen und Briefträgern. Trotzdem konnte ein minimales Vertriebsnetz für kommunistische Propaganda aufrechterhalten und die organisatorischen Strukturen der KP durch den Krieg „hinübergerettet“ werden – auch in Olten.

Otto Moning und die KP Olten unterhielten zwar umfangreiche Bemühungen auf dem Gebiet der Strassenagitation, die aber keinen eigentlich messbaren Erfolg zeitigten. Ob die Propaganda wirklich an den Mann gebracht werden konnte und ob dies gar einzelne dazu veranlasste, sich den Kommunisten anzuschliessen, lässt sich kaum eruieren. Fakt ist: Mit seinen Zeitschriften übermittelte Moning als einer der ersten der Oltner Arbeiterschaft bebilderte Reportagen aus den deutschen Konzentrationslagern.

3.3.5 Stärke der KP Olten

Es stellt sich vorab die grundsätzliche Frage, wie die Stärke einer Partei gemessen oder nachvollzogen werden soll, die sich bewusst ausserhalb des traditionellen politischen Systems positionierte (die Parlamentsarbeit im speziellen und die Partizipation an den Institutionen des bürgerlichen Staates wurde als taktisches Moment betrachtet; primäre Wirkungsfelder waren die Strasse und der Betrieb). Kann anhand der Wahlresultate die "wahre" Stärke festgemacht werden? Oder gilt eine erfolgreich durchgeführte Arbeitslosenversammlung eher als angemessene Referenz? Ich versuche, eine Mischform zu finden: das Tätigkeitsfeld der Oltner KP und die Ausstrahlungskraft dieser Aktionen sollen in globo betrachtet werden. Ich beschränke mich also weder auf die KP-Agitation bei Arbeitern und Arbeitslosen, noch auf die (spärliche) Teilnahme an kommunalen, kantonalen oder eidgenössischen Wahlen.

«Nach sicheren und zuverlässigen Erkundigungen besteht eine eigentliche feste Organisation der Kommunistischen Partei auf dem Platze Olten nicht. [...] Über finanzielle Mittel verfügen weder Otto Moning [Gründer und Präsident der KP Olten] noch die Ortsgruppe der Kommunistischen Partei. [...] Aussicht, in Olten Fuss zu fassen, haben die Kommunisten nicht. Sie stossen in dieser Beziehung auf schärfsten Widerstand der Sozialdemokraten. Eine kommunistische Gefahr besteht für Olten nicht.»98

Diese realistische Einschätzung der Polizei deckte sich mit den Tatsachen: seit 1932 traten in Olten unter Monings Ägide kommunistische Tendenzen an den Tag99 ; die wenigen Kommunisten verblieben aber ausser in der Gründungsphase der Oltner KP, als sie in Kreisen der lokalen Sozialdemokraten einigen Wirbel auszulösen vermochten100, bis 1936 praktisch ohne Resonanz. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Oltner KP zwischen 5 und 15 Mitglieder.101 Im Krisenjahr 1936 verhalfen die steigenden Arbeitslosenzahlen den Oltner Kommunisten zu einem kleinen und kurzen Aufschwung: Moning organisierte Arbeitslosenversammlungen mit bis zu 200 Teilnehmern und gründete ein überparteiliches Arbeitslosenkomitee, von dem sich die Sozialdemokraten und das Gewerkschaftskartell distanzierten.102 Unter anderem warf man Moning vor, an diesen Veranstaltungen einen Zürcher Kommunisten eingeladen zu haben, der über die Lage in Russland gesprochen und Propaganda gemacht habe, anstatt sich um die konkreten Anliegen der Arbeitslosen zu kümmern.103 Das Gewerkschaftskartell vermochte die meisten Arbeitslosen wieder "auf seine Seite" zu ziehen.104 Die von der Stadt beschlossenen Notstandsarbeiten105 zur Arbeitsbeschaffung leiteten den Rückgang der Arbeitslosigkeit ein und die KP-Gruppierung verlor ihren Einfluss bei den Arbeitslosen106 – diese hatten sich weitgehend aus Verzweiflung und eher spontan von ihren traditionellen politischen Vertretern (der SP und den Gewerkschaften) kurzzeitig abgesetzt, ohne aber der KP beizutreten oder langfristig in deren Bannkreis zu geraten.

1937 nahm die KP Olten zum ersten und letzten Mal mit einer eigenen Liste an Wahlen teil. Bei den Kantonsratswahlen erreichten die Kommunisten im ganzen Kanton insgesamt 521 Stimmen,107 in Olten kam Moning auf ganze 64 Stimmen (die SP erhielt in Olten 1174 Stimmen).108 – In allen anderen Wahlkreisen gelang ihnen ein besseres Resultat109, am stärksten waren sie im Wasseramt mit 168 Stimmen.110 Ein Mandat konnten die Kommunisten nicht erringen. An den Gemeinderatswahlen zwei Monate später beteiligte sich die KP – trotz Ankündigung111 – nicht mehr.112 Die Stimmbürger – insbesondere die Arbeiterschaft – hatten gesprochen und ihren Vertretern trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt einen starken Vertrauensbeweis ausgestellt. Der radikalen Linken wurde eine scharfe und glasklare Absage erteilt, offenbar gab es jenseits der SP kein mobilisierbares Wählerpotenzial.

Moning organisierte weiterhin Veranstaltungen113 und blieb in der Agitation aktiv114, vermutlich konnte er auch neue Mitglieder rekrutieren; zudem eröffnete der Spanische Bürgerkrieg den Kommunisten neue Tätigkeitsfelder und Befriedigung im geistigen Kampf gegen den Faschismus. Generaliter verharrte die Oltner KP aber – wie viele andere kleine kommunistische Ortssektionen – Ende der dreissiger Jahre in einer Art luftleeren Zustands: In der Region Olten als radikale Kraft ohne Erfolgschancen und -aussichten marginalisiert, ständig von der Polizei traktiert, von den Sozialdemokraten ausgegrenzt und verlacht115, ohne finanzielle Möglichkeiten, von der Arbeiterschaft (zumindest am Wahlsonntag) ignoriert und von der KPS aufgrund organisatorischer Mängel116 gerügt.

Eine eigentlich veränderte Situation trat erst mit dem bundesrätlichen Verbot kommunistischer Tätigkeiten ab Sommer 1940 ein: Paradoxerweise steigerte die Illegalität die Anziehungskraft der KP – zumindest in Olten! Während des Krieges zählte die KP laut Moning etwa 100 Mitglieder117: das bedeutete eine Steigerung der Anhängerschaft um etwa das fünffache. Auch wenn Moning möglicherweise übertrieb, erscheint dieser Zuwachs sehr erstaunlich. Viele seien von der Untergrundarbeit fasziniert gewesen und aus Sympathie zu einer verbotenen Gruppierung zu ihnen gestossen. Auch die Repressalien am Arbeitsplatz seien dann weggefallen, weil die Mitglieder nur noch innerhalb der Partei bekannt gewesen seien und der Arbeitgeber nichts gewusst habe.118 – War die KP also plötzlich "sexy", weil sie Spannung versprach, den wohligen Schauer illegaler Tätigkeit? Oder waren die neuen Anhänger überzeugte Linksdenkende, die sich mit dem "Landigeist" innerhalb der SP nicht mehr zurechtfanden und mit dem sozialdemokratischen Rechtsrutsch und Kriegskompromiss119 nicht einverstanden waren? Die Ursachen dieses markanten Zuwachses an Sympathisanten lassen sich zumindest für die Oltner KP nicht mehr nachvollziehen.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich aus den Trümmern der illegalen KP und der ebenfalls illegalen "Fédérations des socialistes suisses" nach der Aufhebung des Parteienverbots eine neue kommunistische Partei gebildet, die "Partei der Arbeit" (PdA). Damals hatte die kommunistische Bewegung einige Aussicht, den Kreis einer kleinen Kaderpartei zu sprengen und zulasten der Sozialdemokratie eine Massenpartei zu werden.120 Auch im Kanton Solothurn nahm eine PdA-Liste – mit vielen Bekannten von 1937 – wieder an den Kantonsratswahlen teil: Allerdings wurden nur 403 Stimmen für die Kommunisten abgegeben, noch weniger als acht Jahre zuvor – die SP hingegen steigerte ihre Mandatszahl um sagenhafte neun Sitze. Im Kanton Solothurn profitierte also – im Gegensatz zur Westschweiz, wo die PdA einige spektakuläre Wahlerfolge erzielen konnte – die Sozialdemokratie von der kurzen Nachkriegseuphorie, dem Verlangen nach einer neuen staatlichen Sozialpolitik und dem Ruf nach erneuerten politischen Kräften.

In Olten blieb weiterhin Otto Moning der Protagonist linksradikaler Strömungen – bis in die fünfziger Jahre. Er war erster Präsident der PdA Olten. «[...] Trotz der erlittenen Niederlage anlässlich der Kantonsratswahlen wird Moning seine Hetzarbeit fortsetzen, so dass wir uns fortwährend mit ihm zu befassen haben»121, notierte die Polizei.

In Olten kam auch die PdA nie auf einen grünen Zweig. Der ganze Kanton Solothurn wurde von der kommunistischen Partei bald einmal «aufgegeben»122. Erst mit dem Aufkommen der Jugend- und Anti-Atomkraft-Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre entfalteten sich neue (allerdings völlig anders strukturierte) linksoppositionelle Kräfte. Gefestigte und institutionalisierte Verbindungen zu den verbliebenen, versprengten „traditionellen“ linksradikalen Kräften (KP/PdA) gab es in Olten keine.

«Wir waren ja nie gefährlich», bemerkte Otto Moning im Interview gegenüber Peter Heim123 – weder für die Sozialdemokratie noch für die Schweiz an sich. Und trotzdem könnte man aus der Analyse der Reaktionsmuster der staatstragenden Kräfte auf diese kleine linksextremistische Bewegung zum Teil zu diametral entgegengesetzten Schlüssen gelangen.

3.3.6 Die Rolle der Genossin: Elisa Moning-Mares

Elisa Moning-Mares stammte wie Otto Moning aus Bettlach. Wie viele Genossinnen kam sie über die einschlägigen Arbeiterorganisationen in den Umkreis sozialistischer Ideen: über die sozialistische Jugend lernten die beiden sich in Olten anfangs der dreissiger Jahre kennen und heirateten 1932.124 Elisa Moning-Mares wurde eine aktive Verfechterin der kommunistischen Idee und war eingebunden ins Aktionsgefüge ihres Mannes: Dies soll anhand zweier Beispiele verdeutlicht werden.

Im Sommer 1940 wurde Moning verhaftet, weil er verbotene Propagandaliteratur über eine Deckadresse erhalten hatte. Die vollziehenden Polizisten warteten vor dem Hauseingang und diskutierten mit Elisa-Moning, bis ihr Mann von der Arbeit zurückkehrte.125 Frau Moning habe erklärt, dass keine Propagandaliteratur mehr im Haus sei. Auf alle anderen Fragen entgegnete sie, dass sie nichts wisse. Der Wachtmeister schrieb: «Auf dies hin holte Frau Moning mit ihrem überaus geschliffenen Mundwerk uns gegenüber zu einer Anklage- und Belehrungsrede aus.»126 Die Polizei habe kein Recht, sagte sie, ohne schriftlich autorisierten Befehl der Bundesanwaltschaft eine Hausdurchsuchung durchzuführen. Und weiter: «[...] Frau Moning verfiel in die verrücktesten Behauptungen, die teils uns, teils die internationale Lage betrafen. In der Folge warteten wir das Eintreffen des Ehemanns ab, in der Meinung, dass dieser eine logische Denkart zeige [...].»127 Aber auch Moning wollte sich der polizeilichen Gewalt nicht fügen, verlangte nach einem Untersuchungsrichter und widersetzte sich der Verhaftung: Man solle ihn mit Gewalt durch die ganze Stadt schleppen, damit die Bevölkerung endlich sehe, wie hier mit der Arbeiterschaft umgesprungen werde, entgegnete er den Polizisten. «Auf diese Art hätte sich dieser Kommunistenführer gerne als politischer Märtyrer aufgespielt, weshalb wir auch in dieser Sache eine endlos scheinende Geduld zeigten.»128 Erst als ihn seine Frau zur Aufgabe des Widerstandes bewogen habe, sei er freiwillig gefolgt.

In einem anderen Zusammenhang spielte Elisa Moning-Mares die Hauptrolle: Ende 1942 machten Gerüchte die Runde, wonach Ärzte des Kantonsspitals Olten – angesehene Figuren des Bürgertums – in die „Spionageaffäre Kully“129 verwickelt seien. Die Polizei sollte auf Geheiss der Militärjustiz abklären, woher die Gerüchte stammten, die insbesondere in Olten und dem Niederamt weite Kreise zögen. Polizeiwachtmeister Muttenzer schrieb am 22.12.1942: «Heute erschien Frau Direktor Rothenbach-Abderhalden auf dem Polizeipräsidium und sagte: Eine Frau Moning, welche als Putzfrau bei der Familie Kläger-Werner angestellt sei, habe letzthin daraufhingewiesen, dass [ein Arzt des Kantonsspitals] und Kirchhofer [Leiter der städtischen Gaswerke, F.S.] Selbstmord begangen hätten, weil sie mit dem Spionagefall Kully verhängt gewesen seien. [...] Frau Moning habe alle diese Anschuldigungen als Tatsachen behauptet.»130 Muttenzer „stellte“ Elisa Moning betreffend „fest“: «Dieselbe ist die Ehefrau unseres bekannten Kommunistenführers und ebenso Befürworterin der Dritten Internationalen wie ihr Mann. Sie ist sogar noch fanatischer in der politischen Gesinnung, da sie in ihrem Hass gegen das Bürgertum keine Grenzen kennt. [...] Frau Kläger kannte Frau Moning nicht, als sie sie angestellt hatte. Bald musste sie aber erfahren, dass Frau Moning eine begeisterte Kommunistin ist. Während der Arbeit politisiert sie stets in hässlichstem Tone, ihre Redensarten sind eine einzige Hetzerei. Ein normales Gesprächsthema, wie dies bei anderen Frauen üblich ist, kann Frau Moning nicht führen [sic!] Sie sucht jeweils hohe politische Fragen in die Diskussion zu ziehen und hat auch versucht, die Schweizerische Armee als einen Luxus, oder [als] ein nicht notwendiges Übel hinzustellen. In ihrer Gehässigkeit lässt [sie] an den Zuständen und Einrichtungen unseres Landes keinen guten Faden.»131 Die Polizei lud daraufhin Elisa Moning für eine Befragung vor. «Wie dies zu erwarten war, suchte sich die Genannte herauszuwinden und gab deshalb nie bestimmte und klare Antworten.»132 Für eine Anklageerhebung wegen Gerüchtemacherei reichte die Faktenlage dann doch nicht aus und das Verfahren versandete.

Elisa Moning unterstützte ihren Mann bei seinen Aktionen und gegenüber der Polizei – und wurde dabei zum überzeugten Mitglied der Kommunistischen Partei. Gegenüber Peter Heim führte sie aus: «[...] Die Leute konnten nicht begreifen, dass unsereiner solch eine Überzeugung hatte, dass man für seine Meinung einstand und alles auf sich nahm.»133

Elisa Moning wurde früh politisiert und nach ihrer Heirat bildete sie mit Otto Moning ein eigentliches politisches Gespann, das einwandfrei funktionierte. Elisa Moning verkörperte mit ihrem Auftreten das kommunistische Frauenbild: In der politischen Aktion war sie eine aktive Mitkämpferin, die sich auch gegenüber Frauen aus bürgerlichen Kreisen dementsprechend äusserte und so offenbar Verwirrung und eine gewisse Befremdung stiftete; „normale“ Gesprächsthemen, die sich nicht um (Männer-)Politik drehten und die sich einer „normalen“ Frau ziemten, schneide Elisa Moning nicht an, wie mit Erstaunen vermerkt wurde.134 Sie enthielt sich nicht des pointierten politischen Kommentars zur Weltlage und war durchaus gewillt, ihre kommunistische Überzeugung unter die Leute zu bringen.

3.3.7 Verhältnis der KP zu anderen Arbeiterorganisationen am Platz Olten

3.3.7.1 SP

KP und SP seien nicht gut aufeinander zu sprechen, bemerkte Otto Moning im Januar 1937 zum Polizisten Hagmann.135 Besser ist das Verhältnis der beiden Arbeiterparteien kaum zu charakterisieren. Die traditionell „pragmatisch“ politisierenden Oltner Sozialdemokraten, die sich seit der klaren Absage an die Dritte Kommunistische Internationale136 1919/20 immer scharf gegen links abgegrenzt hatten, beobachteten die Gründungsbestrebungen einer Ortsgruppe der KPS in Olten 1932 mit Argwohn und nahmen ihre Jugendorganisation, die sich gewisser Avancen kommunistischer Agitatoren nicht entziehen konnte, hart an die Kandare.137 Solange sich die Kommunisten einigermassen ruhig verhielten und einzig durch ihre beständige Strassenagitation auffielen, waren sie von sozialdemokratischer Seite „geduldet“ und wurden in SP-Vorstandssitzungen oder im Parteiorgan „Volk“ ignoriert. Als Moning aber mit seinen Arbeitslosenversammlungen 1936 in traditionelle Gefilde sozialdemokratischer Massenbindung einzubrechen drohte, reagierte man harsch und kompromisslos,138 um die eigene Klientel bei der Stange zu halten. Von nun an war das Verhältnis endgültig verhärtet: Ein Einheitsfrontangebot der Kommunisten wurde abgeschlagen und für lächerlich taxiert,139 nach den Kantonsratswahlen 1937 – die SP stagnierte und konnte keine Sitzgewinne verzeichnen – wurde die Spaltung der Arbeiterfront als gefährlich bezeichnet, währenddessen die bürgerliche Front geschlossen marschiere.140 Die kantonale Parteileitung warnte vor der „ungeheuren Agitation“ der rührigen Kommunisten und beschimpfte die Partei als Sekte, Steigbügelhalter des Bürgertums, Stalin-Kreaturen, usw.141

In Olten rechtfertigte und legitimierte die Polizei (!) teilweise ihr seltsam striktes Vorgehen142 gegen die Kommunisten über die Sozialdemokraten: Als Moning beispielsweise die „Freiheit“, ein Basler Kommunistenblatt, unter die Leute bringen wollte, wurde er kontrolliert, «[...] da unter Umständen mit Anständen von soz.-dem. Seite zu rechnen ist.»143

Trotzdem sich also die SP Olten glasklar von den Kommunisten abgrenzte, die Differenzen nicht nur verbal, sondern auch durch ihre Politik im Gemeinderat nachhaltig unter Beweis stellte, ihren ausgleichenden Kurs und ihre Teilkooperation mit den Konservativen und den Freisinnigen fortsetzte144 und auch die Ambivalenz des Verhältnisses der Sozialistischen Jugend zur KP aufzulösen suchte, spielten die Bürgerlichen doch von Fall zu Fall auf der antimarxistischen Klaviatur und versuchten, die Sozialdemokraten als verkappte Kommunisten zu verhunzen (vgl. Abb. 5). Obwohl die Vorwürfe, gemünzt auf die SP Olten, jeglicher Grundlage entbehrten, stabilisierten sie doch die „vaterländischen Reihen“ in der FdP und bei den Katholisch-Konservativen. 1933 brachen Sozialdemokraten und Konservative erstmals die Mehrheit der FdP im Gemeinderat. Die SP beschloss, mit „Volk“-Redaktor Arnold Kamber einen eigenen Kandidaten in die Wahl fürs Stadtpräsidium zu schicken. Die Volkspartei gab Stimmfreigabe heraus. Nach einem heftigen Wahlkampf wurde mit Hugo Meyer der freisinnige Kandidat im zweiten Wahlgang knapp gewählt.145

Die KP Olten blieb als marginale Randerscheinung des extremen politischen Spektrums für die SP nur ein störendes, nicht aber ein konkurrenzierendes oder gar gefährliches Moment, mit dem man sich allerdings über Gebühr auseinandersetzen musste, weil die Kommunisten mit ihren Verbindungen zur Sozialistischen Jugend und ihrer teilweisen Attraktivität für Arbeitslose in Stammlanden der Sozialdemokraten agierten. Das Verhältnis unterlag über die gesamte untersuchte Zeitperiode keinerlei Fluktuationen und blieb beständig frostig. Die SP blieb Bündnispartner der Bürgerlichen146 und hielt mit ihrer Kompromisslosigkeit gegenüber dem Linksradikalismus diese Bewegung klein, ohne allerdings auf ein (kontraproduktives147 ) Verbot derselben hinzuwirken: Das SP-Credo lautete: «[Die Kommunisten] zu verbieten ist eine Dummheit. Man muss ihnen Gelegenheit geben, sich selbst zu erledigen.»148

3.3.7.2 Das „Volk“ (Sozialdemokratische Tageszeitung in Olten)

Das „Volk“ war das Organ der Sozialdemokratischen Partei des Kantons Solothurn – die Tageszeitung verfolgte gegenüber den Kommunisten einen harten Abgrenzungskurs, wie er von den sozialdemokratischen Parteigremien vorgegeben war. Artikel über kommunistische Aktivitäten in Olten und im übrigen Kanton zeichneten sich durch ihren pointierten Antimarxismus aus. Weder unter Arnold Kambers (1932-1936) noch unter Bruno Grimms (1936-1938), noch unter Walter Lötschers (1938-1941) redaktioneller Tätigkeit offenbarten sich Unterschiede in Stil oder Sache. Das „Volk“ verwahrte sich während der ganzen untersuchten Periode jeglicher Annäherungen an die KP oder an deren Exponenten: oft wurden die Kommunisten und die Frontisten in denselben Topf der (undemokratischen) Extremisten geworfen und «[...] dem Schutze des Staatsanwaltes nachdrücklich [an]empfohlen [...].»149

Einzig die Strategie des Einsatzes publizistischer Abwehrmassnahmen variierte von Fall zu Fall: Teils reagierte das „Volk“ alarmistisch und operierte mit den gröbsten verbalen Geschützen, wenn kommunistische Aktionen einen gewissen Erfolg erzielt hatten;150 teils verschwieg und ignorierte man die Bewegungen der Linksradikalen. Waren sozialdemokratische Arbeiter, Gewerkschafter oder Parteilose und Unorganisierte in „Gefahr“, dem Einfluss der traditionellen Arbeitnehmerorganisationen abhanden zu kommen oder waren sie einer „getarnten“ kommunistischen Propagandaveranstaltung auf den Leim gegangen,151 wurden die Kommunisten jeweils in den schrillsten Tönen verdammt und zum Werkzeug der Reaktion erklärt.152 – Bestand andererseits keine Sorge, entlaufene Schäfchen wieder einfangen zu müssen, handelte es sich also um „interne“ kommunistische Anlässe oder Aktionen, verzichtete man getrost auf eine Rezeption im Blatt, um dem Eindruck vorzubeugen, die rührigen Kommunisten erreichten mit ihrem grossen Aktivismus ihr Ziel und vermöchten ein breiteres Publikum anzusprechen. So geschehen anlässlich eines Vortrags von Jules Humbert-Droz, des bekannten KPS-Zentralsekretärs, über die Moskauer Trotzkisten-Schauprozesse, der im März 1937 in Olten abgehalten wurde:153 im „Volk“ wurde die Veranstaltung mit keiner Zeile erwähnt.

Die publizistische Taktik des „Volks“ trug nicht unwesentlich dazu bei, die Kommunisten in Olten zu marginalisieren: Ihre Exponenten, namentlich Moning, wurden scharf angegriffen – oder totgeschwiegen. Die Oltner Kommunisten hatten kein eigenes Forum und im „Volk“ einen pointierten Gegner mit grosser Strahlkraft und Verbreitung bei der umkämpften und umworbenen Arbeiterschaft. Das durch die Medien – damals namentlich durch die Zeitungen – der Öffentlichkeit vermittelte Bild der KP Olten war also durch die Kommunisten selbst weitgehend unbeeinflussbar – das „Volk“ war der Filter, der im Interesse der Sozialdemokratischen Partei ein Zerrbild der kommunistischen Aktivitäten und der Kommunistischen Partei produzierte. Die Kommunisten waren der lokalen Meinungs- und Parteipresse unterworfen und durften nicht auf Solidaritätsbekundungen seitens der SP-Presse hoffen.

Bei den bürgerlichen Zeitungen „Oltner Tagblatt“ (freisinnig) und „Der Morgen“ (konservativ) wurde zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten kaum differenziert und die KP wurde – wenn überhaupt erwähnt – meist als Spaltpilz der Arbeiterbewegung heimlich begrüsst154 und als die eigenen Reihen stabilisierendes Feindbild dankbar entgegengenommen.155

3.3.7.3 Jungsozialisten (Sozialistische Jugend)

Bei den Gründungsbestrebungen für eine kommunistische Ortsgruppe in Olten spielten 1932 die Jungsozialisten eine nicht unwesentliche Rolle:156 Otto Moning besuchte mehrmals deren Versammlungen und verteilte Anmeldebögen für eine „Kommunistische Partei-Olten“, Zirkulare für die „Rote Hilfe“ und Unterschriftenbögen für eine von den Kommunisten lancierte Initiative zur Einführung einer Altersversicherung.157 Vor allem Junge und Arbeitslose hätten diese denn auch unterzeichnet.158 Der Vorstand der SP Olten reagierte auf diese Linkstendenzen verbal scharf: Jede Absplitterung verhindere den Vormarsch in Kanton und Gemeinden,15 9 man müsse jetzt die Nerven behalten und nicht der unrealistischen KP hinterherlaufen.160

Bald einmal kristallisierte sich heraus, dass die Auseinandersetzungen mit der Jugendsektion ein aufflackernder Richtungsstreit innerhalb der SP Olten waren161 und dass die Jungen bei der Partei verbleiben würden. Ein Mitglied der Sozialistischen Jugend bemerkte, dass «[...] die Kommunisten vorwärts drängen.»162 Mit der KP an sich hätten die Jungen nichts zu tun, obwohl ihnen die Parteibehörden [der SP] in Bern zu weit rechts stünden.163

Trotzdem lud die Sozialistische Jugend weiterhin Agitatoren der Kommunisten ein.164 Der Ton wurde bisweilen schärfer und der Parteivorstand drohte gar mit der Auflösung der Jugendgruppe. „Volk“-Redaktor Ernst Brandenberger: «[...] Obschon diese Komm[unisten] an den Versammlungen der Soz. Jugend sachlich diskutieren, tendieren sie doch dahin, das Vertrauen unserer Führer zu untergraben. Wenn es so weiter geht, so erziehen wir in kurzer Zeit eine K.P. Gruppe [,] die wir nicht mehr meistern können.»165 Das Ganze nahm die Züge eines Generationenkonflikts an; der Vorstandsabgeordnete der Sozialistischen Jugend, der die Sitzungen offenbar nur schlecht besuchte (was der weiteren Entfremdung Vorschub leistete), bezeichnete den Oltner SP-Vorstand als «Altersasyl»166 ; wenn man «gute Meinungen» vertrete, werde man «ausgelacht.»167

Die Zeit für eine offene Aussprache war definitiv reif. Am 5. Oktober 1932 trafen sich der Parteivorstand und Mitglieder der Sozialistischen Jugend. Die Jungen rechtfertigten sich: Man habe mit dem «Parteikomunist» (sic) Moning gesprochen, aber auch [wenn man dies nicht getan hätte] sonst komme man mit der Mutterpartei in Konflikt, weil die SP «alles auf parlamentarischem Boden verficht.»168 Vorstandsmitglieder replizierten darauf, dass man keine KP brauche, um über gewisse Themen informiert zu werden und dass diese Agitatoren nur darauf aus seien, die Sozialistische Jugend von der SP zu trennen. Die Jungen müssten das «Parteigetriebe» unbedingt besser kennenlernen, sonst drohe ein «Trümmerhaufen».169

Die Jungsozialisten liessen sich nicht einschüchtern und sprachen an der Aussprache offen aus, dass sie sich eigentlich für «parteiunabhängig» empfänden und sich deshalb auch in Zukunft nicht genötigt sähen, KP-Agitatoren von den Versammlungen wegzuweisen. SP-Vorstandsmitglieder sollten doch bei ihren Zusammenkünften erscheinen und den Kommunisten zeigen, dass ihr «Same bei uns nicht blüht.»170 Die Veranstaltung endete recht eigentlich ergebnislos.

Das Verhältnis der Mutterpartei zu ihrer Jugendsektion war 1932 getrübt; die Sozialistische Jugend ritzte mit ihrer angefachten Richtungsdiskussion (wurde sie von den Kommunisten instrumentalisiert oder instrumentalisierte sie die Kommunisten?) Sensibilitäten der Arrivierten und vermochte, einige Strohfeuer der Unruhe innerhalb der SP Olten zu entfachen. Immerhin: So war der SP-Vorstand gezwungen, sich klar gegen links abzugrenzen und war sich von Anfang an der kleinen Kommunistischen Gruppe bewusst, die in Olten im Entstehen begriffen war.

Für spätere Phasen der untersuchten Zeitperiode liessen sich keine Affinitäten zwischen Jungsozialisten und Kommunisten feststellen, wohl aber zwischen den Jungsozialisten und dem KP-Satellit „Freunde der Sowjetunion“.171

3.3.7.4 Gewerkschaften (SMUV)

Otto Moning organisierte 1936 einige gut besuchte Arbeitslosenversammlungen, anhand derer er einen ansehnlichen Teil der unorganisierten oder kaum in ihre Gewerkschaften eingebundenen Stellensuchenden mit kommunistischen Positionen bekannt machen konnte;172 die sozialdemokratische Tageszeitung „Volk“ und das Gewerkschaftskartell Olten führten darauf eine kurze, aber erbitterte und heftige Kampagne gegen den „Spalter“, die Wirkung zeitigte173 – die meisten Arbeitslosen besuchten nach der Zurechtweisung wieder die „regulären“ Versammlungen der Gewerkschaften.174

Für Moning zogen diese Aktionen allerdings Konsequenzen nach sich: Kommunistische Umtriebe waren in den Gewerkschaften, die stärker noch als die SPS Mitte der Dreissiger Jahre um Ausgleich mit den bürgerlichen Partnern bemüht waren und den Klassenkampf längst aufgegeben hatten175, nicht geduldet und kommunistische Fraktionsbildung wurde streng geahndet – mit dem Ausschluss und dem Entzug gewerkschaftlicher Unterstützungsleistungen. Otto Moning wurde direkt vom SMUV-Zentralvorstand in Bern ausgeschlossen.

Die Gewerkschaft replizierte im Fall Moning auf zwei argumentatorischen Ebenen: Einerseits begründete SMUV-Zentralpräsident Konrad Ilg176 in einem Brief177 an ein Oltner Gewerkschaftsmitglied, das sich offenbar für Moning gewehrt hatte178, die Beweggründe seitens des Schweizerischen SMUV-Zentralvorstandes klipp und klar: Moning sei nicht aufgrund einer Beschwerde des Oltner SMUV-Sekretärs [Hunziker] ausgeschlossen worden,179 sondern wegen «tatsächlicher verbandsschädigender Tätigkeit [...]».180 Und weiter: «Ehrliche Kollegen und Genossen werden von unserem Verband, selbst wenn sie scharf Kritik führen, niemals ausgeschlossen. Es muss aber unterschieden werden zwischen denjenigen, die aus meistens niedrigen Motiven und Absichten [kommunistische Agitation, F.S.] die Organisation und ihre Vertreter zu schädigen beabsichtigen und denjenigen, die in ehrlicher Überzeugung Kritik führen. Im vorliegenden Fall haben wir es eindeutig mit einem Fall der ersten Kategorie zu tun.»181 Der Oltner SMUV-Vorstand zog nach und drohte martialisch: «[...] sollten andere mit ihm [Moning] simpathisieren (sic), werden sie gleiche (sic) Schicksal erfahren.»182

Ilg bezog in exemplarischer Härte eindeutig Position gegen jegliche Ansätze kommunistischer Subversion in den Gewerkschaften. Andererseits (ich betrachte nun die zweite Argumentationsebene) sollten – und das war wichtiger als der Verlust des politisch „unsicheren“ und „gefährlichen“ Mitglieds Moning – die Arbeitslosen unbedingt zurück ins gewerkschaftliche Boot geholt werden. Zu diesem Zwecke fuhr das Gewerkschaftskartell massives publizistisches Geschütz auf: Die Arbeitslosen-kommission habe vollständig versagt und – noch schlimmer – die Arbeitslosen selbst hätten in den Behörden aufgrund von Monings Hetze gegen deren Vertreter jeglichen Rückhalt verloren und seien so, gerade im Hinblick auf die kommenden kommunalen Arbeitsbeschaffungsprojekte183 [Badeanstalt Schützenmatte, Erneuerung Frohheim-Schulhaus, F.S.], um jeden Einfluss gebracht worden, hiess es im Volk184. «Wir sind überzeugt, dass jeder Arbeitslose auf diesem Standpunkt steht und stehen muss, will er sich nicht den Ast absägen, auf dem er sitzt!»185 Zwei Tage später wurden die Vorwürfe gegen Moning wiederholt, zudem wurde er als Agent der Reaktion umschrieben, der mit seinem Spiel den Feinden der Arbeiterschaft Vorschub leiste. Damit verbunden wurde ein Aufruf, an der [gewerkschaftlichen, F.S.] Kundgebung im Volkshaus teilzunehmen.186 Die massive Stimmungsmache gegen Moning wirkte – wenn man dem euphorischen Bericht im „Volk“ («Eine prächtige Arbeitslosenversammlung!»187 ) Glauben schenken darf. Die Arbeitslosen waren in die gewerkschaftliche Familie zurückgekehrt.

Das Verhältnis der KP Olten zu den Gewerkschaften beschränkte sich im Wesentlichen auf diese Auseinandersetzungen zwischen Moning und dem SMUV, respektive dem Oltner Gewerkschaftskartell. Nur anhand dieser Arbeitslosenversammlungen im Sommer 1936 vermochten die Oltner Kommunisten ihren Aktionsradius auf gewerkschaftlich relevante Kreise auszudehnen und dergestalt einen kurzen, aber heftigen Sturm im Wasserglas zu erzeugen. Die massive und alarmistische Reaktion der Arbeitnehmervertreter sollte aber nicht überschätzt werden – die Arbeitslosen gerieten zu keinem Zeitpunkt in den engeren Bannkreis der KP, sondern machten mit ihrer kurzzeitigen Abwendung von den traditionellen Gewerkschaften lediglich ihren Frustrationen freien Lauf.188 Nachdem das Gewerkschaftskartell psychologisch geschickt einen Zusammenhang zwischen dem Schicksal der bevorstehenden Arbeitsbeschaffungsprojekte an der Urne189 und dem Wohlverhalten der Arbeitslosen gegenüber sozialdemokratischen Behördenvertretern insinuiert und den abgesprungenen Arbeitslosen so indirekt die Verantwortung für ein allfälliges Scheitern dieser Vorlagen zugeschrieben hatte190, fand die kleine Auflehnung ein Ende und die Arbeitslosen liefen Moning so schnell wieder davon wie sie gekommen waren.

Die KP Olten in globo trat in den verschiedenen Gewerkschaften nie in Erscheinung und Fraktionstendenzen beschränkten sich auf den beschriebenen Fall; ausser Moning war in der KP Olten nur Karl Rauber im Schweizerischen Textil- und Fabrikarbeiterverband organisiert.191

Weitere Probleme, die Otto Moning im Laufe seines Arbeitslebens aufgrund seiner bekannten kommunistischen Gesinnung immer wieder mit verschiedenen Gewerkschaftsfunktionären auszufechten hatte, werden hier nicht beschrieben; sie standen – im Gegensatz zu seinem Ausschluss aus dem SMUV – nicht in direktem Zusammenhang mit Aktivitäten der Kommunistischen Partei Oltens.

3.3.7.5 „Freunde der Sowjetunion“ (FSU)

Nebst Parteien und Gewerkschaften bildeten „unpolitische“ Kultur- und Sportvereine ein weiteres Element der Eingliederung der Arbeiterschaft in eine „proletarische“ Gegenkultur, die sich in der Abgrenzung zur etablierten bürgerlichen Freizeitkultur definierte. Im Zuge der Verhärtung der Gegensätze zwischen Sozialdemokratie und Kommunisten in den dreissiger Jahren äusserten sich diese übergelagerten Konflikte in zunehmendem Masse auch in den Arbeitervereinen, wo die beiden Lager direkt aufeinanderprallten.

Die „Freunde der Sowjetunion“ bezeichneten sich selbst als «unabhängige, ausserhalb jeder parteipolitischen Bindung stehende Organisation».192 Die Vereinigung wollte primär Aufklärungsarbeit über die Sowjetunion leisten, die «[...] Errungenschaften des Aufbauwerkes der Sowjetunion auf wirtschaftlichem, sozialem, kulturellem und nationalem Gebiete [...]» darstellen und den Bund der Freundschaft des Schweizervolkes mit den sowjetischen Völkern enger knüpfen.193 Es sei unbedingt notwendig, dass die FSU ihren überparteilichen Charakter «aufs strengste»194 bewahren könne und nicht in den Bannkreis partikularer parteipolitischer Interessen gelange.195 – Damit sollte dem Vorwurf widersprochen werden, dass man einzig eine Satellitenorganisation der Kommunistischen Partei darstelle.

Doch blieb der Wunsch oft Vater des Gedankens und die Realität sah anders aus – besonders in kleineren Städten, wo die Arbeiterbewegung überschaubar blieb und die Parteizugehörigkeit (SP oder KP) der Vereinsmitglieder allgemein bekannt war, „gruppierten“ sich die in einer Partei Organisierten um ihre Führer und „monopolisierten“ die kulturellen Vereinigungen zum Teil: in Olten kann dies exemplarisch an den FSU und an den „Freunden des republikanischen Spaniens“196 aufgezeigt werden.

Die Oltner FSU setzten sich massgeblich aus Mitgliedern der Kommunistischen Partei zusammen, wie eine undatierte Mitgliederliste (s. Abb. 6) beweist.

Zumindest Otto und Elisa Moning, Walter Oppliger,197 Max Kunde198 und Marcel und Violette Gris199 waren eingeschriebene Mitglieder der KP, Hans Zimmermann musste aus der KP austreten, weil er sonst seine Arbeitsstelle verloren hätte.200 Bei den übrigen Vereinsmitgliedern darf man annehmen, dass sie Monings stadtbekannte, rührige kommunistische Umtriebe gekannt haben und sich trotzdem nicht gescheut haben, im selben Verein namentlich zu wirken.

Berücksichtigt man das eigentliche Bekenntnis der FSU (s. oben), so darf man durchaus von einer kommunistischen Unterwanderung dieses proletarischen Kulturvereins sprechen: Moning und Gris, der Kontakte zum Genfer Linkssozialisten Nicole pflegte,201 organisierten mehrere „Aufklärungsabende“ über die Sowjetunion (s. Abb. 7), die allerdings in der Lokalpresse nicht thematisiert wurden.202 – Im Gegensatz zu einem ebenfalls von Moning durchgeführten „Spanienabend“, der innerhalb der Oltner Linken höhere Wellen warf.

Auch die Sozialistische Jugendgruppe Olten wirkte mit (s. Abb. 7) und untermauerte damit ihre sporadische Aktionseinheit mit den Kommunisten.203

3.3.7.6 Die KP Olten, der Spanische Bürgerkrieg und „Freunde des republikanischen Spaniens“

Mit dem Militärputsch francistischer Truppen gegen die Volksfrontregierung begann in Spanien 1936 ein blutiger Bürgerkrieg, der sich über drei Jahre hinzog und allgemein als Auftakt eines zweiten Weltkriegs, einer Auseinandersetzung zwischen der kommunistischen Sowjetunion und dem faschistischen Deutschland bewertet wurde. Bis in die Schweiz und bis nach Olten sollte der Spanische Bürgerkrieg rückwirken: In den zur Unterstützung der regulären spanischen Regierung gebildeten „Internationalen Brigaden“, die von der Sowjetunion wesentlich bewaffnet und finanziert wurden und in denen sich vorwiegend Sozialdemokraten und Kommunisten westeuropäischer Länder sammelten, kämpften auch etwa 700 Schweizer.204 Unter diesen befand sich Arnold Tanner205, der von April bis November 1936 in Olten gelebt und gearbeitet hatte206, und dabei mit dem hiesigen Kommunistenführer Otto Moning in Kontakt getreten war. Am 27.2.1937 schrieb Tanner eine Postkarte207 an Moning, worin zu lesen war, dass er sich in Madrid gut eingelebt habe und dass die Situation nicht so schlimm sei, wie es die «Postillen der Rechtsparteien» darzustellen versuchten.208 Tanner schrieb weiter, dass er gerne andere Oltner Kommunisten in Spanien sehen würde. Arnold Tanner fiel im Spanischen Bürgerkrieg.209

Moning befasste sich selbst gemäss Polizeiberichten nicht mit der Anwerbung von Spanienfreiwilligen («[...] auf dem Platze Olten scheint eine Organisation in diesem Sinne nicht zu bestehen [...]»210 ), sondern beschränkte sich auf die Verteilung von Sammellisten für die kommunistische „Rote Hilfe“.211 Die Sozialdemokraten bestritten im übrigen – wie aus mehrmals im „Volk“ publizierten Inseraten hervorgeht – ähnliche Solidaritätsaktionen für das republikanische Spanien.

General Franco und seine Schergen genossen – ähnlich der österreichischen Dollfuss-Regierung, die 1934 Sondergesetze gegen die Sozialdemokraten beschloss und nach einem Aufstand in Wiener Arbeiterquartieren Massaker verübte – starke Sympathien vornehmlich in konservativen Kreisen; in Olten kam es nebst publizistischen Geplänkeln zwischen „Volk“ und „Morgen“ in der Spanienfrage auch zu einem kleinen Scharmützel, an dem die Kommunisten beteiligt waren: Nachdem in Aarau ein «[...] Schlägertrupp, bestehend aus 25-30 Personen [...]»212 die Schaufensterscheibe eines Buchhändlers eingeschlagen und ein darin ausgestelltes Bild General Francos «massiv beschädigt»213 hatte, drohte nun Moning dem Papeteristen Mayer-Ennemoser in Olten dasselbe Vorgehen an,214 falls dieser nicht unverzüglich sein ebenfalls ausgestelltes Franco-Portrait entferne. Die Polizei entsandte in der Folge eine Zivilpatrouille zum Geschäft, die den ganzen Tag (!) vor Ort verharrte, aber keinerlei diesbezügliche Aktionen feststellen konnte. Nur der «als Kommunist bekannte» Gelegenheitsarbeiter Walter Oppliger sei in der Umgebung der Papeterie gesichtet worden, «[...] wie er scheinbar ‘absichtslos’ daran vorbeispazierte.»215

Auch in diesem Kontext erstaunt die massive Reaktion der Polizei und die den Rapporten zu entnehmende detaillierte Schilderung derartig strategie- und folgenloser Ad-hoc-Aktionen der Oltner Kommunisten. Es drängt sich einmal mehr der Verdacht auf, dass in erster Linie darauf abgezielt wurde, Moning und seinen Chargierten eine Straftat anzuhängen.

Mit einer anderen, wesentlich breitenwirksameren Aktion hingegen vermochten die Oltner Kommunisten einige Aufregung zu verursachen: Im Sommer 1936 gelangte die „Rote Hilfe Olten“216 – welche als identisch mit der KP Olten betrachet werden kann – mit dem Anliegen an den Vorstand der SP Olten, über die Ereignisse in Spanien einen gemeinsamen Anlass zu organisieren.217 Die Sozialdemokraten beschlossen indes, den Informationsabend autonom durchzuführen.218 Als Referenten sollten der Basler Arbeiterführer und Sozialdemokrat Fritz Schneider219 und der Schriftsteller Hans Mühlestein220 gewonnen werden.

Die Veranstaltung fand denn auch tatsächlich statt, am 15. Oktober 1936 – allerdings figurierten weder die SP Olten noch die „Rote Hilfe Olten“ als Organisatoren, sondern die Lokalsektion der „Freunde des republikanischen Spaniens“.221 In Olten rekrutierten sich diese vorwiegend aus den Kreisen um Moning, waren also – im Gegensatz zu anderen Ortssektionen derselben Vereinigung – „kommunistisch unterwandert.“222 Deshalb zeichne die Oltner SP nicht für diese Kundgebung, hiess es im „Volk“.223

Der Anlass geriet zum von Moning vermutlich bewusst provozierten Eclat: Nachdem mit der Ankündigung eines Vortrags von Hans Mühlestein ein ansehnliches Publikum hatte angelockt werden können224, gab Moning – notabene nachdem die Interessierten den Eintritt bereits bezahlt hatten – den verdutzten Zuhörern eine kurzfristige Programmänderung bekannt: Mühlestein sei verhindert.225 Als „Überraschung“ präsentierte er die kommunistische Basler Spielgruppe „Scheinwerfer“.226 Das „Volk“ kommentierte Tags darauf scharf: «Das Ganze war nichts anderes als eine getarnte kommunistische Sache227 Solange die Kommunisten ihre Veranstaltungen offen deklarierten, komme keiner, deshalb müsse man jetzt eine eine «ehrbare Angelegenheit»228 (die Spanien-Hilfe, F.S.) dazu missbrauchen und Deckmäntelchen benutzen, um die stalinistische Propaganda zu streuen.

Das Publikum setzte sich vorwiegend aus Sozialdemokraten zusammen – so erklärt sich auch die alarmistische Reaktion des „Volks“; den Lesern musste die kommunistische Qualität der Veranstaltung klar vor Augen geführt werden. – Der Berichterstatter griff deshalb zu bislang selbst gegenüber den Kommunisten ungekannt schrillen und harschen Tonlagen: «Für einmal ist im Kanton Solothurn dieser Rosstäuscherkniff gelungen. Die Stalin-Kreaturen können es sich gesagt sein lassen: Einmal und nie wieder!»229

3.3.8. Polizeiarbeit: Observation und „Infiltration“

Die Polizei in Olten überwachte Otto Moning im Auftrag der Politischen Abteilung der Bundespolizei; das ganze Dossier wurde später nach Bern ins Bundesarchiv überführt. Die Aktenlage ist sehr uneinheitlich230 und weist grosse zeitliche Lücken auf. Frappant ist allerdings im Gegensatz dazu die an Pedanterie gemahnende Vorgehensweise der Behörden bei Einzelaktionen im Zusammenhang mit Moning.231

Die polizeiliche Überwachung kommunistischer Aktivitäten in Olten fusste auf einer Doppelstrategie: Einerseits führten die Polizeibeamten direkt beim Ehepaar Moning beinahe periodisch Hausdurchsuchungen durch, die teilweise auf einem semilegalen Vorgehen beruhten232 – man führte Wohnungsaktionen ohne schriftlich autorisierte Weisung der Bundesanwaltschaft durch – und nie irgendeinen Erfolg zeitigten; für eine Anklageerhebung reichte das beschlagnahmte Propagandamaterial nie aus. Andererseits öffnete man die Post des Kommunisten über längere Zeiträume hinweg und versuchte so, illegalen Aktionen auf die Spur zu kommen233 – auch ohne zählbares Resultat.

Eine dritte Vorgehensweise, die zumindest einmal (und erfolgreich) angewandt wurde, war die „Infiltration“ eines Polizeibeamten in den Umkreis der Kommunistischen Partei.234

Die Polizeiaktionen waren durchwegs sehr aufwändig – berücksichtigt man den effektiven Zustand und die Stärke der KP Olten235 –, trugen aber im Vergleich dazu geringe Früchte: Eigentlich informiert waren die Behörden weder über die konspirativen Tätigkeiten der KP-Protagonisten in den Hinterzimmern, noch über die Mitgliederstärke oder über die Mitglieder selbst. Man heftete sich hauptsächlich an Monings Fersen, da dieser durch seine öffentlichkeitswirksamen Aktionen als «Kommunistenführer»236 bekannt geworden war. Obwohl Moning von seiner Überwachung Kenntnis hatte237 und sich also über Deckadressen die Informationen und Propagandaschriften dennoch unbesehen besorgen konnte, reagierte die Polizei kaum und zog die Postkontrolle auch dann noch weiter, als aus juristischer Sicht eine Legitimation dieses Vorgehens (das Vorliegen eines begründeten Verdachts gegen die Zielperson) eindeutig nicht mehr gegeben war.

Fazit: Die Arbeit der Polizei bewegte sich – in dieser Hinsicht ähnlich der Agitation der Kommunistischen Partei – in einem gesetzlichen Graubereich. Die persönliche Meinungsfreiheit und das Recht auf Schutz der Privatsphäre oft unhinterfragt und unbegründet ausser Kraft gesetzt, was durch die Stärke der kommunistischen Bewegung auf dem Platz Olten oder gar durch eine von den Kommunisten ausgehende Gefährdung der verfassungsmässigen staatlichen Ordnung in keinster Weise gerechtfertigt werden konnte. Bei den Polizisten spielte die persönliche Aversion gegenüber linksradikalem Gedankengut bisweilen eine stärkere Rolle, um eine Aktion zu starten, als deren effektive Dringlichkeit238. – Trotzdem konnten die Kommunisten von den Behörden nicht völlig „stillgelegt“ werden und behaupteten sich in ihrem marginalen Rahmen auch während der Illegalität der Kriegsjahre.

3.3.9 Behördlicher Antikommunismus: Eine Anekdote

Ende 1940 absolvierte Otto Moning einen Mineurkurs der Armee, zu dem er auf ordentlichem Wege aufgeboten worden war. Laut dem Oltner Polizeichef Jäggi sei er dabei mit Gewehr und Munition ausgerüstet worden.239 Dieser enerviert sich weiter darüber, dass «ausgerechnet einem Kommunisten à la Moning [...]»240 Waffenmaterial ausgehändigt werde, dass er dieses gar nach Hause mitnehmen könne, und dass er «ausserdem noch Anleitungen zum Sprengen von Brücken usw.»241 erhalte. Er, Jäggi, wisse wirklich nicht, «[...] für was eigentlich der ganze politische Apparat»242 aufgebaut worden sei, wenn «[...] auf diese Art und Weise Böcke zu Gärtner [sic] gemacht werden.»243

Nachdem dieser "Skandal" aufgedeckt wurde, begann sich eine intensive Korrespondenz zwischen Polizei- und Armeestellen zu entwickeln244. Das Informationsleck musste gefunden werden, um weitere derartige Vorkommnisse verhindern zu können, lautete die Devise. Am 30.12.1940 schrieb die Kommandatur des 2. Armeekorps an den Geniechef der Schweiz. Truppen, dass Moning an Heiligabend aus der Mineur-Gruppe 9 entlassen worden sei und alle Ausrüstungsgegenstände abgegeben habe.245 Als Konsequenz aus der Panne wurden ab sofort alle Militärangehörigen, die mit "Spezialaufgaben" betraut werden sollten, dem Polizeioffizier des jeweils verantwortlichen Territorialkommandos zur Überprüfung, «namentlich in politischer Hinsicht», vorgelegt.246

Aus heutiger Sicht wirkt die Geschichte bagatellenhaft: die Behördensprache ist seltsam überhöht, die hohe emotionale Beteiligung der Akteure wird richtiggehend spürbar, wenn sie über die in ihren Augen „katastrophale Panne“ reflektieren – und doch demonstrieren diese kurzen Rapporte aus dem Innenleben der staatlichen Organe zweierlei eindrücklich (deshalb sind sie auch wissenschaftlich verwertbar): Sie zeigen Aufgaben, Funktionen und Mängel des Schweizerischen Militär- und Polizeiapparates schonungslos auf: Einerseits die totale (und eben doch nicht lückenlose) Überwachung "politisch verdächtiger Subjekte", andererseits die durchdringende Kommunistenangst. Der Oltner Polizist Jäggi tönte es in seinem Bericht an: Es mutet (aus zeitgenössicher Optik) tatsächlich unverständlich an, weshalb eine Lokalgrösse des politischen Linksradikalismus’ wie Moning, über den bereits seit Jahren eine Aktensammlung bestand, durch alle (bereits existierenden) Sicherungen der (in dieser Zeit) allumfassenden Armeeinstitutionen unerfasst blieb und in einem der sensibelsten militärtechnischen Bereiche eine Ausbildung erhalten konnte. In diesem Kontext wird die Aufgeregtheit und emotionale Intensität der hin- und hergeschickten Demarchen nachvollziehbar.

Im Weiteren geht aus dem Dokument die tiefsitzende Angst vor dem Kommunisten hervor: Wie nahm man die äusserst rührigen und umtriebigen kommunistischen Strassenagitatoren wahr? Man betrachtete die Kommunisten nicht primär als individuell denkende und handelnde Politaktivisten, sondern vielmehr als eine Art "5. Kolonne"247, als Lakaien von Moskaus Gnaden, die die Befehle der Komintern vollziehen und bei einem allfälligen Einmarsch (was in den vierziger und fünfziger Jahren im Schweizerischen Verständnis durchaus aktuell wurde) lokale Statthalterfunktionen übernehmen würden. Unter allen Umständen wollten die Behörden verhindern, dass diese als "Kommunisten gemeldeten Personen" Zugang zu militärischen Aktivitäten, Materialbeständen oder Einrichtungen bekamen.248

Die allergische Reaktion eines Polizeibeamten, die eine kleine Krise innerhalb der verschiedenen involvierten Behörden auszulösen vermochte, kann also durchaus als Spiegelbild eines gesellschaftlichen Zustands bezeichnet werden: als Episode ist Monings unrühmliche Entlassung aus der Armee einem Zeitgeist verpflichtet, der sich durch masslose Übertreibungen, offensichtliche Falschbeurteilungen und Fehlinterpretationen dem linken Radikalismus gegenüber auszeichnete, dessen rechtes Pendant (die frontistischen Landesverräter) aber einigermassen unbehelligt liess.

3.3.10 Schlussfolgerungen

Im Gegensatz zur Situation in anderen Schweizer Städten stiessen extreme politische Bewegungen wie die Fronten und die Kommunistische Partei in Olten auf keinerlei Gegenliebe und waren nur ein Frustrationsventil für (kurzfristig) von den angestammten politischen Kräften enttäuschte Gruppen. Als politische Akteure waren sie reine Weltanschauungsparteien, die sich nicht ins schweizerische politische Gefüge eingliedern wollten, sondern neue Formen der Massenanbindung erprobten (Grossversammlungen, Agitation auf der Strasse und in den Betrieben). Sie setzten keine Themen der lokalen tagespolitischen Agenda.

Die Kommunistische Partei Olten wurde in der untersuchten Zeitperiode wesentlich und hauptsächlich durch Otto Moning verkörpert. Andere KP-Mitglieder traten – wenn überhaupt – nur untergeordnet in Erscheinung. Moning war Präsident und Hauptagitator der KP in Olten. Er versuchte 1932, als er die kommunistische Ortssektion aufbaute, Ansätze zur Sozialistischen Jugend zu knüpfen. – Dadurch zog er sich die nachhaltige Ablehnung durch die SP Olten heran, die eine linke Konkurrenz nicht tolerieren wollte und in dieser Hinsicht seit ihrem klaren Nein zu einem Beitritt zur Dritten Internationalen konsequent blieb. Auch im sozialdemokratischen Parteiorgan „Volk“ wurde dieser Abgrenzungskurs verfolgt; kommunistische Aktivitäten wurden teils totgeschwiegen, teils als solche angeprangert und verdammt.

Otto Moning nahm mit der KP (PdA) zweimal an Kantonsratswahlen teil, 1937 und 1945 – ohne jeden Erfolg. 1936 organisierte er einige erfolgreiche Arbeitslosenversammlungen, für die bis zu zweihundert Stellensuchende angelockt werden und mit kommunistischer Propaganda bedacht werden konnten. Das Gewerkschaftskartell reagierte harsch auf diesen kurzzeitigen Liebesentzug durch die Arbeitslosen: Diese kehrten denn auch bald wieder zu ihren traditionellen Vertretern zurück. – Diese Versammlungen waren der zahlenmässig grösste Agitationserfolg für Moning.

Die KP Olten war als unbedeutende Ortssektion der KPS nicht in deren Aktionsgefüge eingebunden. Inhaltliche Diskussionen – z.B. um die Positionierung gegenüber der SP – wurden nicht geführt, sondern Moning gab die Parolen aus. Die einzige dahingehende Äusserung ist von 1937 überliefert, als die KP der SP analog zum Bemühen der KPS auf schweizerischer Ebene ein Einheitsfrontangebot unterbreitete, das allerdings ausgeschlagen wurde.

Die Polizei Olten observierte im Auftrag der Bundesanwaltschaft die hiesigen politischen Extremisten genau und umfassend: Obwohl man die KP realistisch einschätzte und ihr jegliches Erfolgspotential absprach, nahmen die Überwachungen und Verhaftungen erstaunliche Ausmasse an, die objektiv kaum gerechtfertigt werden konnten – persönliche Animositäten seitens der Polizisten spielten mindestens unterschwellig mit. Die übertriebenen Behördenaktivitäten widerspiegeln den insbesondere in bürgerlichen Kreisen weitverbreiteten, fast mythisch übersteigerten Antikommunismus der Epoche.

Der KP Olten ging jegliche Breitenwirkung ab. Die Kommunisten blieben ein zahlenmässig kleines und programmatisch schwaches Häuflein, das sich mit starken Gegnern konfrontiert sah: Vom Bürgertum als Feindbild instrumentalisiert, von der SP und den Gewerkschaften als Konkurrenz und Spaltpilz bekämpft, von den Behörden in überharter Manier traktiert, von der KPS gerügt und unbeachtet gelassen, von der Arbeiterschaft ignoriert, und nicht zuletzt durch die Weltpolitik diskreditiert: Die Kommunisten waren in Olten fehl am Platz, niemand hatte auf sie gewartet; dementsprechend fristeten sie ein „sektiererisches“ Dasein, ständig dem gesellschaftlichen Stigma ausgesetzt, ohne jede Veränderungsmöglichkeiten in der Hand zu haben oder auf relevante politische Akteure Einfluss nehmen zu können.

Wie sah das in der Selbsteinschätzung aus? «Wir verteilten Flugblätter und druckten Zeitungen. Gefährlich waren wir ja nie», sagte Otto Moning zu Peter Heim. Dem gibt es nichts beizufügen. Sich zum Kommunismus zu bekennen, war in einem solchen kleinstädtischen Milieu nicht zuletzt ein kleines persönliches Abenteuer ohne die Inkaufnahme wirklicher Gefahren; gewisse Kreise konnten dadurch gereizt werden – aber ein wirklich politisch denkender und handelnder Mensch wäre in dieser Rolle – im Gegensatz zu Moning! – verkümmert: Kommunisten konnten nichts verändern oder zumindest bewegen, sie spielten den dankbaren Pausenclown, auf den unbekümmert eingedroschen werden durfte.

Quellen- und Literaturverzeichnis

A Quellen

1. Ungedruckte Quellen

Schweizerisches Bundesarchiv, Bern

- Dossier C.8.107 „Moning Otto Hans“, Bestand E 4320 (B), Akzidenz 1975/40, Bd. 1 (Zit.: C.8.107. Dossier „Moning“, BAR Bern)
- Dossier C.8.234 „Gris Marcel“, Bestand E 4320 (B), Akzidenz 1975/40, Bd. 10 (Zit.: C.8.234 Dossier „Gris“, BAR Bern)

(Akten der Schweizerischen Bundesanwaltschaft)

Archiv der SP Olten

- Protokolle der Vorstands- und Parteiversammlungen der SP Olten 1919-1940 (Zit.: SP-Protokolle)
- Nachlass Jacques Schmid: Ordner „Redaktion“ GDO

Archiv des SMUV, Bern

- Protokolle des SMUV-Zentralvorstandes 1936-1937
- Protokoll-Bücher der SMUV-Sektion Olten: Versammlungen 1932-1941 (Zit.: SMUV-Protokolle)
- Protokoll-Bücher der SMUV-Sektion Olten: Vorstandssitzungen 1936-1939
- Bericht des Präsidenten der Stadtzürcher SP Kreis 5, betreffend komm. Agitation in Gewerkschaftskartellen und Arbeitslosenversammlungen: August Bieri, 25. 2. 1936

Stadtarchiv Olten

- Einwohnerkontrolle der Stadt Olten

2. Gedruckte Quellen

- Das Volk. Sozialdemokratische Tageszeitung des Kantons Solothurn, Jg. 1932-1940; und: Artikel „Linksextreme Strömungen im Kanton Solothurn“, 26. 11. 1965 (Zit.: Volk)
- Solothurner AZ. Artikel „Otto Moning: Seit über 50 Jahren Kommunist. Erlebnisse und Erfahrungen aus der Oltner Arbeiterbewegung“, 30.4.1986 (Zit.: AZ, 30.4.1986)
- Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung. Offizielles Organ des SMUV. Jg. 1936
- Heim, Peter: Interview mit Otto Moning-Mares und seiner Frau, 9.10.1980; Tonband-Abschrift (unveröffentlichtes Manuskript), Starrkirch-Wil 2002 (Zit.: Heim, Moning)

3. Mündliche oder schriftliche Auskünfte

- Dr. Peter Heim, Starrkirch-Wil
- Kurt Troxler, Olten
- Amt für Zivilstandsaufsicht und Bürgerrecht des Kantons Solothurn, Solthurn

B. Darstellungen

1. Darstellungen mit Quellenwert

- Bringolf, Walther: Mein Leben. Weg und Umweg eines Schweizer Sozialdemokraten, Bern/München/Wien 1965 (Zit.: Bringolf, Leben)
- Dejung, Christoph, et al.: Landigeist und Judenstempel. Erinnerungen einer Generation 1930-1945, Zürich 2002
- Historische Kommission der Partei der Arbeit der Schweiz (Hg.): Zur Geschichte der kommunistischen Bewegung in der Schweiz. Ausgewählte Beiträge aus dem „Vorwärts“ 1968-1980, Zürich 1981 (Zit.: PdA, Geschichte)
- Hofer, Hansjörg: «Völker, hört die Signale...». Erinnerungen eines Basler Kommunisten, Basel 1998 (Zit.: Hofer, Völker)
- Hofmaier, Karl: Memoiren eines Schweizer Kommunisten / 1917-1947, Zürich 1978 (Zit.: Hofmaier, Memoiren)
- Knauer, Mathias, und Frischknecht, Jürg: Die unterbrochene Spur. Antifaschistische Emigration in der Schweiz von 1933 bis 1945, Zürich 1983
- Meienberg, Niklaus: Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S., Darmstadt 1977
- Sozialdemokratische Partei der Schweiz (Hg.): Solidarität, Widerspruch, Bewegung. 100 Jahre Sozialdemokratische Partei der Schweiz, Zürich 1988 (Zit.: SP, Solidarität)
- Zschokke, Helmut: Die Schweiz und der Spanische Bürgerkrieg, Zürich 1976 (Zit.: Zschokke, Bürgerkrieg)

2. Darstellungen

- Gruner, Erich: Die Parteien in der Schweiz, Bern 1969 (Zit.: Gruner, Parteien)
- Heim, Peter: Die Anfänge der Oltner Arbeiterbewegung, in: Einwohnergemeinde Olten (Hg.): Olten 1798-1991. Vom Untertanenstädtchen zum Wirtschaftspol, Zweiter Teil: 1850-1914, S. 160-176, Olten 1991 (Zit.: Heim, Arbeiterbewegung)
- Ders.: Olten im Frontenfrühling. Unveröffentlicht, Starrkirch-Wil 1984
- Heiniger, Markus: Dreizehn Gründe. Warum die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht erobert wurde, Zürich 1989 (Zit.: Heiniger, Gründe)
- Huber, Peter: Kommunisten und Sozialdemokraten in der Schweiz 1918-1935. Der Streit um die Einheitsfront in der Zürcher und Basler Arbeiterschaft, Zürich 1986 (Zit.: Huber, Kommunisten)
- Jost, Hans-Ulrich: Bedrohung und Enge (1914-1945), in: Geschichte der Schweiz und der Schweizer, Basel/Frankfurt a. M. 1986 (Zit.: Jost, Bedrohung)
- Ders.: Die Altkommunisten. Linksradikalismus und Sozialismus in der Schweiz 1919-1921, Frauenfeld 1977 (Zit.: Jost, Altkommunisten)
- Lätt, Jean-Maurice: 120 Jahre Arbeiterbewegung des Kantons Solothurn. Für eine demokratische und solidarische Welt, Zürich 1990
- Neue Helvetische Gesellschaft (Hg.): Die Schweiz und der 2. Weltkrieg, Winterthur 1990 (Zit.: NHG, 2. Weltkrieg)
- Noll, Peter: Landesverräter. 17 Lebensläufe und Todesurteile, Frauenfeld 1980 (Zit.: Noll, Landesverräter)
- Nolte, Ernst: Die Krise des liberalen Systems und die faschistischen Bewegungen, München 1968
- Nützi, Ruedi: Ein Drittel der Macht. Sozialdemokratische Politik in einer Kleinstadt (Olten 1930-1940), Zürich 1991 (Zit.: Nützi, Macht)
- Ders.: Arbeiterschaft, in: Einwohnergemeinde Olten (Hg.): Olten 1798-1991. Vom Untertanenstädtchen zum Wirtschaftspol, Dritter Teil: 1914-1945, S. 280-288, Olten 1991 (Zit.: Nützi, Arbeiterschaft)
- Meyer, Erich: Der Generalstreik in Olten, in: Einwohnergemeinde Olten (Hg.): Vom Untertanenstädtchen zum Wirtschaftspol, Dritter Teil: 1914-1945, S. 233-236, Olten 1991 (Zit.: Meyer, Generalstreik)
- Ders.: Das gespaltene Bürgertum, in: Einwohnergemeinde Olten (Hg.): Olten 1798-1991. Vom Untertanenstädtchen zum Wirtschaftspol, Dritter Teil: 1914-1945, S. 269-275, Olten 1991 (Zit.: Meyer, Bürgertum)
- Ders.: Vom „Frontenfrühling“ zur „geistigen Landesverteidigung“, in: Einwohnergemeinde Olten (Hg.): Olten 1798-1991. Vom Untertanenstädtchen zum Wirtschaftspol, Dritter Teil: 1914-1945, S. 276-279, Olten 1991 (Zit.: Meyer, Frontenfrühling)
- Stettler, Peter: Die Kommunistische Partei der Schweiz 1921-1931, Bern 1980 (Zit.: Stettler, KPS)
- Studer, Brigitte: Un parti sous influence. Le parti communiste suisse, une section du Komintern 1931 à 1939, Lausanne 1995 (Zit.: Studer, Komintern)
- Torracinta, Claude: Sturm über Genf: 1930-1939, Genf 1979 (Zit.: Torracinta, Sturm)
- Zollinger, Konrad: Frischer Wind oder faschistische Reaktion? Die Haltung der Schweizer Presse zum Frontismus 1933, Zürich 1991 (Zit.: Zollinger, Reaktion)

3. Internet (Nur Ausgangsseiten)

- http://www.pda.ch (Seite der Partei der Arbeit, PdA)
- http://www.dhs.ch (Seite des „Historischen Lexikons der Schweiz“)

(Die Websites sind direkt und mit ihren genauen Adressen sowie mit dem Vermerk des Abrufdatums im Fussnotenapparat verzeichnet.)

Abbildungen

1. Die KP am 1. Mai, Zürich 1934

2. Beitrittsformular der KPS

3. Mitgliederentwicklung

4. Abstimmungsplakat, Genf, 1937

5. Kampfwahl ums Stadtpräsidium, Olten, 1933

6. Mitgliederliste „Freunde der Sowjetunion“ FSU

7. Veranstaltungsplakat der FSU

8. „Observationsbericht“ über die KP Olten

9. „Infiltrationsbericht“ über die KP Olten

Personenregister

Arnold, Emil 52-53.

Arx, Adrian von 43.

Bamatter, Sigfried 18, 22, 23.

Bobst, Hermann 22.

Brandenberger, Ernst 63.

Bringolf, Walther 23, 28, 30-33.

Dimitroff, Georgi 25.

Dübi, Ernst 13.

Erb, Hermann 32.

Etter, Philipp 12.

Farner, Konrad 50.

Grimm, Bruno 60.

Grimm, Robert 9, 17, 18, 23.

Gris, Marcel 50, 66, 67, 69.

Gris, Violette 66, 67.

Guisan, Henry 13, 14.

Herzog, Jakob 16.

Hofmaier, Karl 26, 30, 34-36, 54.

Humbert-Droz, Jules 19, 20, 21, 23, 30, 52, 62.

Hunziker, Ernst 49, 50, 64.

Ilg, Konrad 13, 64-65.

Kamber, Arnold 43, 60.

Kully, Rudolf 58-59.

Kunde, Max 66, 67.

Lötscher, Walter 60.

Meyer, Hugo 43, 60.

Moning-Mares, Elisa 49, 58-59, 66, 67.

Moning, Otto 47-79.

Mühlestein, Hans 70-71.

Münzenberg, Willi 16.

Nicole, Léon 23, 26, 34, 35, 36-41, 69.

Nobs, Ernst 13.

Oltramare, Georges 37, 41.

Oppliger, Walter 66, 67, 70.

Pilet-Golaz, Marcel 13.

Rauber, Karl 50, 54, 66.

Schmid, Jacques 46.

Schneider, Friedrich 70.

Schnorf-Lehmann, Walter 77.

Schwarz, Jakob 54.

Sonderegger, Emil 44.

Tanner, Arnold 69.

Tobler, Robert 44.

Walliser, Otto 46.

Zimmermann, Hans 66, 67.

Schlusswort

Die Arbeit und das Resultat befriedigen mich sehr – jetzt, wo ich fertig geworden bin. Nur: 85 Seiten sind etwas viel... Ich habe ein riesiges Thema wohl etwas zuwenig eingegrenzt, was ein Grund für das „Ausufern“ sein könnte. Andererseits habe ich mich intensiv mit meinen selbst erschlossenen Quellen beschäftigt und folglich sollen die Resultate auch dementsprechend umfassend präsentiert werden dürfen...

Bewusste Fehler sind mir, soweit ich dies beurteilen kann, keine unterlaufen. Inhaltlich habe ich korrekt gearbeitet. Zeitprobleme hatte ich keine, da ich seit den Herbstferien, also eigentlich über vier Monate hinweg, immer intensiv mit der Arbeit beschäftigt war und meine Zeit gut einteilte. Auch bei den Institutionen, bei denen ich anklopfen musste, stiess ich auf einen erfreulichen Kooperationswillen – ich musste mir meine Quellen nicht „erkämpfen“ und hatte sicher auch Glück, dass das Polizeidossier im Bundesarchiv über den Hauptprotagonisten dieser Arbeit relativ gut bestückt war und Aussagen zuliess. Da hätte unter Umständen auch wesentlich weniger herausschauen können, und dann wäre ich in Schwierigkeiten geraten.

Jemandem, der eine historische Arbeit ins Auge fasst, kann ich nur den allgemeinsten Ratschlag erteilen, den man von allen hört und der doch bei historischen Arbeiten beinahe unabdinglich ist und bleibt: nämlich das halbe Jahr zu nutzen und frühzeitig mit der Quellensuche zu beginnen. In anderen thematischen Feldern kann man auch in vier bis sechs Wochen etwas Sinnvolles und qualitativ Genügendes produzieren. – Eine Arbeit hingegen, die auf unbekannten Quellen fusst, benötigt Zeit; man weiss zu Beginn nie, wie unerschlossene Quellen inhaltlich gelagert sind und ob sie brauchbar sind. Anderweitige Ratschläge wären fehl am Platze – diese Erfahrung soll jeder und jede selbst machen, und: vielleicht ist beim geneigten Leser, der geneigten Leserin, das Wasser vielleicht schon nicht mehr so kalt, in das man da plötzlich gestossen wird...

Maturaarbeit 2002/2003: KP in Olten im 2.Weltkrieg (Arbeitstitel) – Lernjournal

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Z. B. Jost, Altkommunisten; Stettler, KPS u.a.

2 Huber, Kommunisten; Studer, Komintern; Torracinta, Sturm

3 Literatur für die Situation in mittelgrossen Städten: Buomberger, Thomas: Kooperation statt Konfrontation. Die Winterthurer Arbeiterschaft während der Krisenzeit der 1930er Jahre, Zürich 1984; Kästli, Tobias: Das Rote Biel. Probleme sozialdemokratischer Gemeindepolitik, Bern 1988

4 Vgl. dazu Kap. 3.3.1

5 Nützi, Macht, S. 160

1 Im Juni 1918 zählte man 692'000 notstandsberechtigte Personen, ein Sechstel der gesamten Bevölkerung. Selbst Teile der Angestellten und Beamten, also „armutsferne Schichten“, kamen in Not; Jost, Bedrohung, S. 765f.

2 Jost, Altkommunisten, S. 19

3 Jost, Bedrohung, S. 748

4 A.a.O., S. 768f.

5 Nur ein Bruchteil der Arbeiterschaft hatte eine wirklich revolutionäre Gesinnung und wollte nach sowjet-russischem Vorbild die Räterepublik einführen. Die überwiegende Mehrheit der unzufriedenen Streikenden wäre durch Reformen der bestehenden staatlichen Institutionen und vor allem durch ein zugestandenes Mitwirkungsrecht (SP-Vertretung im Bundesrat, Proporzwahlrecht), was auf eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lebensumstände hingewirkt hätte, zufriedenzustellen gewesen.

6 Stettler, KPS, S. 17f.

7 Vgl. Kap. 3.1

8 Jost, Bedrohung, S. 769

9 A.a.O., S. 769

10 Jost schildert das Beispiel eines neuen Zolltarifs; a.a.O., S. 773

11 Zur ausführlichen Entstehungsgeschichte der KPS siehe Kap. 2.1

12 A.a.O., S. 740

13 Zum Beispiel die „Lex Häberlin“ (Staatsschutzgesetz; vornehmlich gegen die Linke gerichtet) oder die „Lex Schulthess“ (die anstelle der geltenden 48-Stunden- die Wiedereinführung der 54-Stunden-Woche forderte).

14 Jost, Altkommunisten, S. 26f.

15 Jost, Bedrohung, S. 778f.

16 A.a.O., S. 779

17 A.a.O., S. 779ff.

18 A.a.O., S 783ff.

19 Zit. a.a.O., S. 788

20 Zit. a.a.O., S. 788; für das Folgende: a.a.O., S. 788ff.

21 A.a.O., S. 790

22 Zit. a.a.O., S. 792

23 A.a.O., S. 792ff.

24 Für die Bürgerlichen standen die Neutralität und das „Schweizertum“ im Vordergrund, für die Linke die direkte und soziale Demokratie, die der Arbeiterschaft Partizipationsmöglichkeiten (in beschränktem Ausmass) zugestand und der faschistischen Diktatur vorzuziehen war.

25 A.a.O., S. 797ff.

26 A.a.O., S. 803ff.

27 Im französischen Original: „[...] Le temps est venu de la renaissance intérieure. Chacun de nous doit dépouiller le vieil homme. Cela signifie: Ne pas palabrer, concevoir; ne pas disserter, oeuvrer; ne pas jouir, produire; ne pas demander, donner [...]“; Radioansprache des Bundespräsidenten Marcel Pilet-Golaz, 25.6.1940, in: Fenner, Martin und Werlen, Iwar: Sprache und Politik in der Schweiz. Arbeitsmaterialien zum Gebrauch an höheren Schulen. Zürich 1987

28 Zit. Heiniger, Gründe, S. 197

29 Zit. Jost, Bedrohung, S. 804

30 Zit. a.a.O., S. 804

31 A.a.O., S. 807ff.

32 Zit. a.a.O., S. 809

33 A.a.O., S. 813f.

1 Stettler, KPS, S. 16

2 A.a.O., S. 16

3 Jakob Herzog (1892-1931); von Beruf Schreiner. 1912 Eintritt in die Sozialistische Jugendbewegung in Basel. In Zürich Bekanntschaft mit dem Emigranten W.I. Lenin. 1917 Gründung der „Grupppe Forderung“ (Gruppe Herzog). 1918 verhaftet wegen Verteilung eines Flublatts unter Soldaten. Gefängnisstrafe. Ausschluss aus der SP. Gründungsmitglied und eigentlicher programmatischer Führer der „alten“ KP. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis forcierte journalistische Tätigkeit. Mitglied der Zentrale der KPS 1921. Delegierter der KPS am Zweiten Weltkongress der Komintern. Mitglied des Zentralkomitees der KPS 1927-1930. Leiter der kommunistischen Fraktion im Bau- und Holzarbeiterverband. Redaktor der „Roten Front“. Vorstandsmitglied der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO). 1931 gestorben bei einem Fahrradunfall; a.a.O., S. 508

4 A.a.O., S. 16

5 A.a.O., S. 17

6 Die Kommunistische Partei 1918-1920 wird in Abgrenzung zur KPS ab 1921 von der Forschung als alte KP bezeichnet, um die Differenz zwischen den beiden Parteien zu verdeutlichen; die KPS nach 1921 hatte wesentlich mehr Mitglieder, die zu einem grossen Teil erst 1920/21 von der SP übertraten.

7 Vgl. Kap. 1.1

8 A.a.O., S. 19f.

9 A.a.O., S. 21

10 A.a.O., S. 22

11 Für das folgende: a.a.O., S. 23ff.

12 A.a.O., S. 23f.

13 Zit. a.a.O., S. 25

14 Hier ist eine Klärung notwendig: Die „Altkommunisten“ (der Vorwurf der SP-Parteilinken [oben] zeigt dies) standen nicht weiter links als die SP-Parteilinke. Man strebte (in etwa) dasselbe Ziel an; in der Taktik hingegen unterschied man sich: Die Altkommunisten wollte gemäss leninistischem Vorbild zuerst eine „Avantgarde der Berufsrevolutionäre“ aufbauen, die eine durchdachte Programmatik vorweisen konnten, wenn sie agitierten; die Parteilinke hingegen wollte sofort konkret auf die Revolution hinwirken.

15 A.a.O., S. 28

16 A.a.O., S. 28

17 Grundsätzlich sei man für den Beitritt, hingegen akzeptiere man die vorgelegten Aufnahmebedingungen in der jetzigen Form nicht.

18 A.a.O., S. 33ff.

19 Zum Stärkeverhältnis: Die „alte“ KP brachte etwa 800, die SP-Parteilinke etwa 6000 Anhänger mit; a.a.O., S. 32

20 A.a.O., S. 36ff.

21 Vgl. Anm. 19

22 A.a.O., S. 43

23 23 A.a.O., S. 138ff.

24 A.a.O., für das Folgende: S. 142-156; ich übernehme Stettlers zeitliche Abgrenzungen, da sie qualitativ unterschiedliche Phasen des Verhältnisses KPS-Komintern repräsentieren und auch die Politikwechsel der KPS zu erklären vermögen.

25 Jules Humbert-Droz war in der Zwischen- und Nachkriegszeit eine der wichtigsten Figuren der Schweizerischen Arbeiterbewegung. Jules Humbert-Droz (1891-1971); Aufgewachsen in einer sozialistischen Uhrmacherfamilie in La-Chaux-de-Fonds. Studium der Theologie. 1914-1916 Pfarrer in London. Pazifist und Antimilitarist, seit 1911 Sozialist. Gefängnisstrafen wegen Dienstverweigerung. Unter dem Eindruck der Revolution in Russland Trennung vom religiösen Sozialismus. Kampf um den Anschluss der SP an die Dritte Internationale. Am Zweiten Weltkongress der Komintern Vertreter der Parteilinken. Auf dem Vereinigungsparteitag der KPS in die Zentrale gewählt. Am Dritten Weltkongress der Komintern auf Vorschlag Lenins zum Sekretär der Komintern gewählt (Wiederwahl 1924 und 1926). 1928 Wahl ins Präsidium des EKKI. Mehrmals im Ausland wegen illegaler Tätigkeit verhaftet. Schwerwiegende Differenzen mit Stalin im Anschluss an die Linkswendung der Komintern auf dem Sechsten Weltkongress 1928. 1930 Widerruf seiner rechtsopportunistischen Auffassungen. 1931 Rückkehr in die Schweiz, ins Zentralsekretariat der KPS berufen. Nach heftiger Kritik durch das EKKI 1932 als Sekretär abgesetzt. Rehabilitierung 1935, als der Siebte Weltkongress der Komintern die Volksfront-Parole ausgab. Wiedereinsetzung als politischer Leiter der KPS. Nach seiner Rückkehr aus dem Spanischen Bürgerkrieg verhaftet. 1936-1941 Generalsekretär der KPS, 1938-1939 Nationalrat. Zur Zeit der Illegalität der KP aus der Partei ausgeschlossen, 1943 Eintritt in die SP. 1947-1959 Zentralsekretär der SPS. Führend tätig in Friedensbewegungen und im Kampf gegen die atomare Bewaffnung der Schweiz; a.a.O., S. 508f.

26 A.a.O., für das Folgende: S. 156-170

27 Trotzki vertrat die Ansicht, dass die Revolution zusammenbrechen müsse, wenn sie nicht in die Welt hinausgetragen werde. Die Revolution überlebe nur, wenn sie "permanent" durchgeführt werde. Dementsprechend forderte er Einheitsfronten der Arbeiterschaft, damit deren Schlagkraft nicht geschwächt werde. Stalin hingegen bildete die Theorie vom "Sozialismus in einem Lande" aus. Für ihn musste primär die revolutionäre Situation in Russland, dem Mutterland aller Proletarier, konsolidiert werden.

28 A.a.O., S. 170

29 A.a.O., für das folgende: S. 170-235

30 Zit. a.a.O., S. 170

31 Die sog. Rechtsopportunisten verneinten das Vorhandensein einer akut-revolutionären Phase und bewerteten insbesondere die Sozialfaschismus-These als fatal und isolierend. Die Rechtsopportunisten plädierten für die Einheitsfront mit den Sozialdemokraten und gegen gewerkschaftliche Spaltungstendenzen.

32 Zit. a.a.O., S. 185

33 Vgl. Graphik Kap. 2.2.2.7

34 Ausführlich zur Situation in Schaffhausen und zur KP-O allgemein: Kap. 2.2.3

35 Bobst meinte, dass dank minimaler Kompromissbereitschaft der hiesigen Arbeitgeber die Arbeiterschaft noch nicht total verelendet und radikalisiert sei – im Gegensatz zu Deutschland. Die wirtschaftlichen Kämpfe schlügen noch nicht in politische Kämpfe um. Das Klassenbewusstsein sei noch nicht sehr ausgeprägt. Er schloss daraus, dass eine akut-revolutionäre Phase noch nicht eingetreten sei und man sich von der Komintern keine Katastrophenpolitik aufzwingen lassen solle, sondern sich nach den realen Gegebenheiten zu richten habe; Huber, Kommunisten, S. 266f.

36 Für das folgende: Huber, Kommunisten, S. 315ff.

37 Zit.a.a.O., S. 325; Robert Grimm benutzte diesen Ausdruck in Anspielung auf die Wählerstärke der KP.

38 A.a.O., S. 345

39 Hierzu: Kap. 2.3

40 A.a.O., S. 351f.

41 A.a.O., S. 352ff.

42 A.a.O., S. 359ff.; Georgi Dimitroff, Kominterndelegierter, wurde in Deutschland von der Gestapo verhaftet und angeklagt, durch eine Verschwörung den Reichstagsbrand angeregt zu haben. In seinen Verteidigungsreden legte er die Lügen des Naziregimes offen und erwarb sich auch unter vielen Sozialdemokraten Sympathien. Aufgrund des massiven Protests aus dem Ausland wurde er freigelassen und in die Sowjetunion abgeschoben. Später leitete der Bulgare die Komintern.

43 Zit. a.a.O., S. 379

44 A.a.O., S. 387ff.

45 "Basler Vorwärts", zit. a.a.O., S. 387

46 Insbesondere der Gewerkschaftsflügel innerhalb der SPS förderte Positionsverschiebungen zur Mitte hin. Von nun an standen linke Grundwerte zur Disposition (Ablehnung der Landesverteidigung, Diktatur-Paragraph im Parteiprogramm). Bereits 1935 warfen die Sozialdemokraten anlässlich ihres historischen Parteitages in Luzern sämtliche der Integration ins eidgenössische (bürgerliche) Machtkartell entgegenstehenden Hindernisse über Bord und stellten sich lückenlos hinter die helvetische Staatsidee; vgl. Kap. 1

47 Zit. a.a.O., S. 406

48 A.a.O., S. 431ff.

49 In Basel erlangte die SP durch die Unterstützung der Kommunisten schon 1934 die Mehrheit in der Regierung. Im Parlament standen sich der Linksblock (SP/KP) und der Bürgerblock mit identischer Sitzzahl gegenüber. Die Sozialdemokraten waren also auf die Unterstützung der Kommunisten angewiesen - nirgends waren die Kommunisten so stark wie in Basel. Dementsprechend bildeten sie dort einen ernstzunehmenden Faktor im traditionellen politischen Gefüge wie sonst nirgends in der Schweiz (in Schaffhausen lief die starke KP mit Bringolf 1930/1931 praktisch geschlossen zur KP-O über).

50 A.a.O., S. 447ff.

51 Zit. a.a.O., S. 473

52 Vgl. Kap. 2.3

53 Stettler, KPS, S. 100; vgl. auch die nachfolgende Graphik

54 Für das folgende: http://www.snl.ch/dhs/externe/protect/textes/D6130.html (Stand: 16.11.2002) und Bringolf, Leben

55 Eine bewährte Vorgehensweise der Komintern-Führung, um "Abweichler" wieder auf die vorgegebene Linie zu bringen. Diese mussten in der kommunistischen Presse jeweils alle ihre "Sünden" zugeben und bereuen, um wieder als vollwertige Kommunisten zu gelten. Vgl. dazu die Rolle der "Versöhnler" rund um Humbert-Droz' anlässlich der "Thälmann-Wittorf-Affäre" und der Linkswendung der Komintern 1928/29; Huber, Kommunisten, S. 213ff. und Bringolf, Leben, S. 156ff.

56 Zit. Huber, Kommunisten, S. 213

57 So bezeichnete man die abgesandten Komintern-Funktionäre.

58 Stettler, KPS, S.182ff.; Zollinger, Reaktion, S. 47f.

59 Zit. Zollinger, Reaktion, S. 49

60 Stettler, KPS, S. 200

61 Ebda.

62 Für das folgende: A.a.O., S. 205ff.; Zollinger, Reaktion, S. 49ff. und S. 64ff.; Bringolf, Leben, S. 149ff.

63 Den Moskauer Aufenthalt und die subtile Überwachung durch Schweizer Zöglinge der Leninschule (Kaderstätte für Funktionäre der Kommunistischen Parteien aus aller Welt) beschreibt Bringolf in seinen Memoiren eindrücklich.

64 Zit. Stettler, KPS, S. 207

65 Zollinger, Reaktion, S. 51; Zollinger schreibt in einer Anmerkung: «Die Tatsache, dass Bringolf von der KP immer noch Programmänderungen forderte, belegt, dass er sich damals noch als ihr Mitglied fühlte.» Hierzu gilt es einige Anmerkungen zu machen: Bringolf war (als er den Artikel schrieb) formell noch KPS-Mitglied. Zudem fühlten sich alle in Opposition zu ihren meist kominternhörigen Mutterparteien stehenden Kommunisten als "wahre Kommunisten" – "Linksabweichler" beriefen sich auf Trotzki, "Rechtsabweichler" auf Lenin. Es war insofern nichts als konsequent, wenn Bringolf die KPS als Kommunistische Partei zum aus seiner Sicht "wahren Kommunistischen Gedankengut" zurückführen wollte. Eine andere These wäre, dass Bringolf – trotzdem er seine unrealistischen Forderungen an die stalinisierte KPS-Spitze einsah – den Parteiausschluss auf diese Art und Weise provozieren wollte, um den "formellen Entscheid" des Übertritts zur KP-O nicht selbst treffen zu müssen.

66 Die konsequente Umsetzung dieser Komintern-Thesen durch die KPD trug im Deutschland der Parteienkämpfe 1929-1933 mit dazu bei, die SPD zu schwächen und die Arbeiterbewegung insgesamt im Bruderkampf völlig aufgehen zu lassen – eine der Ursachen, weshalb Hitler ohne grossen Widerstand die Macht erlangen konnte (Huber, Kommunisten, S. 307ff.). Wie realitätsfremd die Spitzen der KPD durch jahrelanges Nachbeten der Stalin-Phrasen dachten, zeigt sich in folgender Resolution, die im Oktober 1933 (mehr als ein halbes Jahr nach Hitlers Machtantritt!) verfasst wurde: «Die proletarische Revolution gegen die faschistische Diktatur in Deutschland steht auf der Tages-ordnung. [...] Die Geschichte gibt jetzt die reale Möglichkeit zur Liquidierung des Masseneinflusses der SPD (!), dieser Schuldigen am Siege des Faschismus und dieser sozialen Hauptstütze der Bourgeoisie, gibt die Möglichkeit der Wiederherstellung der Einheit der Arbeiterbewegung.» (zit. Huber, Kommunisten, S. 308)

67 Bringolf, Leben, S. 152; Hervorhebung von mir

68 Stettler, KPS, S. 234

69 Für das Folgende: Hofmaier, Memoiren, S. 11f.

70 Kommunisten (u.a. auch Hofmaier) warben in der Schweiz zu Zeiten des Spanischen Bürgerkriegs aktiv Kämpfer an, die sie nach Spanien schickten, um die republikanischen Truppen (in sog. “Internationalen Brigaden”) im Kampf gegen den putschenden General Franco zu unterstützen. Die Schweizer Behörden versuchten diese “Rekrutierungen” mit Hinweis auf die hiermit erfolgte “Unterstützung einer kriegführende Macht” zu unterbinden.

71 Léon Nicole, 1887-1965; vgl. Kap. 2.3

72 So wurden Anhänger der “Fédération des socialistes Suisses” (FSS) genannt, die Nicole 1939 nach seinem Ausschluss aus der SPS gegründet hatte.

73 Hofmaier, Memoiren, S.16f.

74 Bis anhin waren die lokalen kommunistischen Parteien nach dem Wohnortsprinzip organisiert, das heisst: Die Arbeiter sollten an ihrem Wohnort angesprochen und zur Parteimitgliedschaft oder zum Parteiübertritt animiert werden. Das EKKI verordnete nun die Strategie, sogenannte Betriebszellen aufzubauen, um die Arbeiterschaft am Werkplatz anzuvisieren. Diese Strategie missglückte (zumindest in der Schweiz) weitestgehend, kommunistische “Gewerkschaften” konnten sich nicht durchsetzen und die grossen bestehenden Arbeiterverbände (z.B. den SMUV) auch nicht in deren politischer Ausrichtung massgeblich beeinflussen. Die Gewerkschaften schlossen “Fraktionsmacher” (die revolutionäre Gewerkschaftszellen gemäss der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) bilden wollten) konsequent aus. Vgl. dazu Stettler, KPS, S.61-75 und S.388-425

75 Hofmaier, Memoiren, S. 30f.

76 A.a.O., S. 45f.

77 A.a.O., S. 57

78 A.a.O., S. 60f.

79 A.a.O., S. 78f.

80 A.a.O., S.91

81 Torracinta, Sturm, S. 7ff.

82 1932 beispielsweise wurden die Abrüstungsgespräche ergebnislos abgebrochen.

83 A.a.O., S. 115ff.

84 Zit. a.a.O., S. 118

85 Zit. a.a.O., S. 118

86 Zit. a.a.O., S. 119

87 Zit. a.a.O., S. 123

88 Zit. a.a.O., S. 123

89 Volk, 11.11.1932, 12.11.1932

90 Zit. Torracinta, Sturm, S. 127

91 Zit. a.a.O., S. 119; Justiz- und Polizeidirektor Martin (für den Armeeeinsatz verantwortlich) am 9. November 1932 im Kantonsrat auf den Einwand der Sozialisten, es könnte zu schweren Ausschreitungen kommen.

92 Zit. a.a.O., S. 140

93 Noch in der Opposition hatte Nicole unter anderem die Verstaatlichung der Banken gefordert.

94 Die Komintern hatte 1934 die Volksfront-Parole herausgegeben. Die Kommunisten verwarfen die Sozialfaschismus-These und versuchten, mit den Sozialdemokraten Bündnisse zu schmieden; vgl. Kap. 2.2

95 A.a.O., S. 191ff.

96 Zit. a.a.O., S. 199

97 A.a.O., S. 199ff.

98 SP, Solidarität, S. 302

99 Zit. A.a.O., S. 302

100 Torracinta, Sturm, S. 211ff.

101 Vgl. auch SP, Solidarität, S. 308; Hervorhebung von mir

102 Vgl. auch Kap. 2.2.3.2 und a.a.O., S. 313f.

1 Für das folgende: Nützi, Macht, S. 38-88 und S. 158-163

2 A.a.O., Graphiken S. 39f.

3 Ab 1936 („Massnahmen gegen kommunistische Umtriebe“) wurden im Bundesdienst keine Kommunisten mehr geduldet.

4 A.a.O., S. 67-85

5 A.a.O., S. 160

6 A.a.O., S. 162f.

7 Für das folgende: Meyer, Bürgertum, S. 269ff.

8 Zit. a.a.O., S. 269

9 Meyer, Generalstreik, S. 236

10 Auf kommunaler Ebene pflegten die drei grossen Parteien also schon in den dreissiger Jahren eine Taktik der wechselnden Koalitionen und bunkerten sich nicht hinter ideologischen Schützengräben ein.

11 Für das folgende: Meyer, Frontismus, S. 276ff. und Nützi, Macht, S. 144ff.

12 Nützi, Macht, S. 145

13 A.a.O., S. 146

14 Jost nennt diese „Volksfront der Mitte“; Jost, Bedrohung, S 794

15 Nützi, Macht, S. 162

16 Vgl. Kap. 2.3

17 Für die ausführlich beschriebenen strukturellen (darunter insbesondere die städtebaulichen)und soziologischen Determinanten dieser Schlussfolgerungen, die ich hier nur abrissartig darstelle, sei wiederum auf die Arbeit Ruedi Nützis verwiesen, die pars pro toto Funktionalität und Regularitäten des politischen Ereignisablaufs im Rahmen der Kleinstadt untersucht und die markanten Differenzen zur Situation in den grösseren Städten an Olten beispielhaft illustriert.

18 Für das folgende: Angst, Zweiter Weltkrieg, S. 289ff.

19 Zit. a.a.O., S. 294

20 A.a.O., S. 298

21 Zit. a.a.O., S. 301

22 Angst nennt als in Olten bestehende Organisationen: „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF), „Rechsdeutsche Jugend“ und die „Sektion der Reichsdeutschen in der Schweiz“; a.a.O., S.302

23 SP-Protokolle, 6.9.1919

24 Ein SP-Parteitag im August 1919 hatte sich für den Beitritt ausgesprochen.

25 SP-Protokolle, 24.9.1920

26 Ebda.

27 Geschickt spielte Jacques Schmid in diesem Zusammenhang darauf an, dass in Deutschland nach der November-Revolution 1918 die SPD zur Staatspartei aufgestiegen war und nun in den chaotischen und instabilen Geburtsjahren der Weimarer Republik die verfassungsmässige Ordnung gegen Umsturzversuche monarchischer Reaktionäre wie auch gegen die Kommunisten zu verteidigen hatte. Durch diese „Rollenverteilung“ entstand zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten eine tiefergehende Verhärtung als in anderen europäischen Staaten, die sich notabene im Vorgang zur Hitler-Diktatur verheerend auswirken sollte.

28 SP-Protokolle, 24.9.1920

29 Die Zweite Internationale, 1889 gegründet, repräsentierte eine Vereinigung selbstständiger sozialistischer Parteien und Verbände und umfasste 1914, vor dem ersten Weltkrieg, 3.3 Millionen Mitglieder; sie bekannte sich zum Marxismus. Die Zweite Internationale erklärte den 1. Mai zum Kampftag der Arbeiter. Mit dem Einschwenken ihrer Mitgliedsorganisationen auf die nationale Politik ihrer Länder (Politik des Burgfriedens bei Kriegsausbruch 1914) zerbrach sie. 1919 entstand die Zweite Internationale neu und existierte 1923-1940 unter dem Namen „Sozialistische Arbeiter-Internationale“; dtv-Brockhaus-Lexikon, Bd. 8, Wiesbaden/München 1982, S. 312

30 SP-Protokolle, 24.9.1920

31 Vgl. Kap. 3.1 und Nützi, Macht

32 SP-Protokolle, 22.2.1921

33 Vgl. Kap. 3.3 ff.

34 Für das Folgende: Angaben des Amts für Zivilstandsaufsicht und Bürgerrecht des Kantons Solothurn; Einwohnerkontrolle der Stadt Olten; Heim, Moning; AZ, 30.4.1986

35 1936 war in Olten das grösste wirtschaftliche Krisenjahr des ganzen Dezenniums; vgl. Angst, Zweiter Weltkrieg, S. 298, Tabelle 15

36 Eine Volksinitiative, die den Gemeinden die Möglichkeit einräumen wollte, die Prohibition einzuführen, wurde 1929 mit 67 Prozent Nein-Stimmen verworfen; vgl. http://www.snl.ch/dhs/externe/protect/textes/D16445.html, (Stand: 17.1.2003)

37 Heim, Moning

38 Jugendorganisation der Sozialdemokraten

39 Vgl. zur Rolle der SP Olten: Kap. 3.1, 3.2, 3.3.7.1, 3.3.7.3

40 AZ, 30.4.1986

41 Vgl. Kap. 3.3.8

42 Diese Kommission setzte sich aus lokalen Gewerkschafts- und SP-Funktionären zusammen. Als Dachverband aller sozialdemokratisch orientierten Vereine und Gewerkschaften erwarb die Arbeiterunion Olten 1913 eine Liegenschaft an der Mühlegasse, die fortan zum wichtigsten Versammlungslokal der Genossen werden sollte; Heim, Arbeiter-bewegung, S. 167

43 Volk, 9.7.1936

44 Vgl. Kap. 3.3.7.4

45 Einzelne Kantone, darunter Solothurn, verfügten über keine obligatorische staatliche Arbeitslosenversicherung, die Taggelder wurden über die Gewerkschaften ausgeschüttet. Nicht gewerkschaftlich Organisierte fielen durch dieses Sicherungsnetz. Das war mit ein Grund für den ausserordentlich hohen Organisationsgrad der Arbeiterschaft; gemäss einem Brief von J. Schwarz, Sekretär der KP Zürich, an Moning, 21.1.1937, in: Polizeirapport, 22.1.1937, C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

46 Vgl. Kap. 3.1

47 Heim, Moning

48 Ebda.

49 Nützi, Macht, S.136; vgl. auch "Volk", 15./16.5.1937; vgl. Kap. 3.3.5

50 Heim, Moning

51 Ebda.

52 Rapport vom Polizeiposten Zofingen, undatiert, 1956, in: C.8.107. Dossier "Moning", BAR Bern

53 Heim, Moning; Moning erwähnte dabei Konrad Farner, Kommunist in Zürich, dessen Familie und Kinder im Nachgang zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 massiven Bedrohungen ausgesetzt waren, nachdem in der NZZ seine Wohnadresse publiziert worden war; http://ww.snl.ch/dhs/externe/protect/textes/D22745.html , Stand: 17.1.2003

54 Zur Sprachregelung und zum Thema: Kap. 2.2.2.3

55 Vgl. zum Themenkomplex der verschiedenen "sozialen Repräsentanten" innerhalb des Funktionärsapprates und der Mitglieder; Studer, Komintern, S. 293-312, S. 331-338, S. 355-370

56 Abkürzung der Komintern für "Agitation und Propaganda"

57 Viele KP-Funktionäre hatten als Arbeiter mit Hauptschulabschluss auch den Bildungshorizont nicht, kohärente vertiefende Schriften zu verfassen. Zudem liess die Komintern ab Ende der 20er-Jahre, als die Schweizer Sektion unter eigentliche "Bewachung" gestellt wurde und die Interventionen aus Moskau ständig zunahmen, eigenständige Positionsbezüge ausserhalb des durch den Sechsten Weltkongress 1928 sanktionierten Rahmens der Sozialfaschismus-These nicht mehr zu; vgl. Kap. 2.2.3.1 und Kap. 2.2.3.2

58 Zur Rolle der SP im politischen Kräftefeld Olten: Kap. 3.1, 3.2, 3.3.7.1

59 Vgl. Kap. 3.3.7.4

60 Nützi, Macht, S.136

61 Vgl. Kap. 3.3.7.6

62 Vgl. Kap. 3.3.7.5

63 Exilzeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, erschien in Prag.

64 C.8.107, Dossier "Moning", BAR Bern; Heim, Moning

65 Vgl. Kap. 3.3.8

66 Im November 1940 verbot der Bundesrat "kommunistische Tätigkeiten". Die KPS bewegte sich von nun an in der Illegalität.

67 AZ, 30.4.1986

68 Eine Frage, der sich alle Kommunisten, welche sich ja wesentlich über ihren prononcierten Antifaschismus definierten, zu stellen hatten

69 Polizeirapport des Postens Zofingen, undatiert, 1956, in: C.8.107. Dossier "Moning", BAR Bern; für Monings Sicht der Dinge: Heim, Moning

70 Heim, Moning

71 Vgl. auch den den Anlass der "Freunde des republikanischen Spaniens", Kap. 3.3.7.6

72 Brief des KPS-Zentralsekretariats an die Ortssektionen, 13.2.1937, in: C.8.107 Dossier "Moning", BAR Bern

73 Vgl. Kap. 3.3.7.2

74 Emil Arnold, 1897-1976. Geboren in Basel, Mitglied der Sozialistischen Jugend. Während des 1. Weltkrieges in Deutschland als Sympathisant der Spartakisten (Liebknecht/Luxemburg) verhaftet und in die Schweiz ausgewiesen. Aktiv beteiligt am Landesstreik 1918. 1919 viermonatige Gefängnisstrafe. Mitglied der KPS seit 1921 (Gründungs-mitglied). Auf dem 3. Weltkongress der Komintern ins EKKI gewählt. 1923 Wahl in den Basler Grossen Rat. Ab 1926 Chefredaktor des "Basler Vorwärts" (Kommunistisches Parteiorgan nebst dem "Kämpfer" in Zürich und der Schaffhauser Arbeiter Zeitung, F.S.). Nationalrat 1932-1934 und 1951-1953. 1956 Austritt aus der PdA; Stettler, KPS, S. 506

75 Wm. Muttenzer vom Polizeiposten Olten in einem Rapport vom 9.3.1943, in: C.8.107 Dossier "Moning", BAR Bern

76 Brief von KPS-Zentralsekretär Hofmaier an Moning, bezugnehmend auf ein Rundschreiben an die KPS-Kantonalsektionen vom Januar 1937, in: Polizeirapport, 9.2.1937, C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

77 Vgl. Kap. 3.3.5; Stichworte: Wirtschaftskrise, Parteienverbot

78 Z. B. Volk, 6./8./9.6.1936, 15.5.1937

79 Vgl. hierzu Nützi, Macht, S. 92ff., S.99ff. und S. 154-163

80 Zit. Polizeirapport 8.3.1936, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

81 Vgl. hierzu Kap. 3.1.1, strukturelle Determinanten der Kleinstadt Olten

82 Vgl. Kap. 3.3.7.2 und Kap. 3.3.7.6

83 Arbeiter-Illustrierten-Zeitung: 1921-38, Berlin und Prag. 1921 als „Sowjetrussland in Wort und Bild“. Internationale Zeitschrift" herausgegeben vom Auslandskomitee zur Organisation der Arbeiterhilfe für die Hungernden in Russland. Begründer und verantwortlicher Redakteur Willi Münzenberg, seit 1922 "Sichel und Hammer". Deutsche Ausgabe: "Sowjet-Russland im Bild. Illustrierte Internationale Arbeiter-Zeitung" herausgegeben von der Internationalen Arbeiter-Hilfe und vom Neuen Deutschen Verlag, Berlin. Erschien ab 1.1.1925 als AIZ im Neuen Deutschen Verlag, ab 25.3.1933 erschien die AIZ in Prag; ab 17.10.1935 mit dem Untertitel "Das illustrierte Volksblatt". 19.8.1935 Umbenennung in Volksillustrierte (VI), erschienen bis Oktober 1938. Auch nach dem Umzug der AIZ in ihr Prager Exil erschienen weiterhin Berichte aus Deutschland in Form von Tatsachenberichten und Fotos. Diese Darstellungen über den Terror der Nationalsozialisten erregten internationales Aufsehen und setzten neue Massstäbe in der Exilberichterstattung; http://golm.rz.uni-potsdam.de/Seghers/flucht/Web/aiz.htm, Stand: 4.2.2003

84 Polizeirapport des Postens Olten, 8.3.1936, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

85 Polizeirapport (Observationsbericht Frey/Hagmann, vgl. Abb. Kap. 3.3.8), 11.1.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

86 Polizeirapport des Postens Olten, 27.1.1936; der Administrator der „Freiheit“ wandte sich an Moning, weil dieser der einzige bekannte Kommunist in Olten war.

87 Ebda.

88 Ebda.

89 Brief von Hofmaier, einem Polizeirapport angehängt, 9.2.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

90 Polizeirapporte, 10.7.1940, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

91 Ebda.; Karl Rauber, geb. 1906, Möbelschreiner, Olten, verheiratet mit Klara Rauber-Aeschlimann

92 Zschokke, Spanischer Bürgerkrieg, S. 105; mit Schwarz hatte Moning bereits 1936 Kontakt, als er aus dem SMUV ausgeschlossen wurde. Schwarz unterstützte ihn und gab ihm Hinweise, wie er sich gegen den Ausschluss und gegen den Entzug gewerkschaftlicher Unterstützungszahlungen zur Wehr setzen könne; Brief von J. Schwarz an O. Moning, 21.1.1937, einem Polizeirapport angehängt, 22.1.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

93 Polizeirapporte, 10.7.1940, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

94 Polizeirapport, 19.7.1940; angehängt die Einvernahmeprotokolle Monings und Raubers, 17.7.1940, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

95 Brief der Bundesanwaltschaft, Bern, ans Kant. Polizeikommando Solothurn, 23.7.1940, in: C.8.107 Dossier „Moning“ BAR Bern

96 Polizeirapport, 22.8.1941, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

97 Heim, Moning

98 Polizeirapport des Oltner Sektionschefs Jäggi ans Kant. Polizeikommando Solothurn, 8.3.1936, in: C.8.107 Dossier "Moning" BAR Bern; Hervorhebung von mir. Nützi, Macht, S. 136

99 Vgl. Kap. 3.3.2 ff.

100 Vgl. Kap. 3.3.7.1 f.

101 Die herangezogenen Quellen liefern verschiedene Zahlen: Studer notiert für die Zeitspanne Ende 1935 bis Mai 1936 fünf Mitglieder (Studer, Komintern, S. 317); Nützi spricht von 12 bis 15 Mitgliedern (Nützi, Macht, S. 136); Moning schätzte im Interview gegenüber der Solothurner AZ die Zahl der Anhänger für 1936/37 auf zehn bis zwölf (AZ, 30.4.1986)

102 Zur Auseinandersetzung des Arbeitslosenkomitees mit den Gewerkschaften vgl. Kap. 3.3.7.4 und Volk, 28./29.2.1936, 8./9.7.1936, 27.10.1936

103 Volk, 9.7.1936

104 Ebda.

105 Vgl. Kap. 3.1.2

106 Nützi, Macht, S. 136

107 Volk, 15.5.1937; laut Kämpfer 519, Volk, 16.11.1965

108 Volk, 14.4.1937 und Nützi, Macht, S. 136

109 A.a. O., S. 136

110 Volk, 16.11.1965

111 Volk, 15.5.1937

112 A.a.O., S. 136

113 Vgl. den "Spanienabend", Kap. 3.3.7.6

114 Vgl Kap. 3.3.4

115 Ein Einheitsfrontangebot Monings wurde für lächerlich taxiert und ausgeschlagen; Volk, 5.4.1937

116 Brief von KPS-Zentralsekretär Karl Hofmaier an Otto Moning; einem Polizeirapport vom 9.2.1937 angehängt, in: C.8.107 Dossier "Moning" BAR Bern

117 Heim, Moning

118 Ebda.

119 Vgl. Kap. 1.1 (Schweiz) und 3.1 (Olten)

120 Volk, 16.11.1965

121 Polizeirapport von Wachtmeister Muttenzer an den Oltner Polzei-Sektionschef, 20.3.1945, in: C.8.107 Dossier "Moning" BAR Bern

122 Zit. Volk, 16.11.1965

123 Heim, Moning

124 Heim, Moning

125 Für das folgende: Polizeiwachtmeister Muttenzer in einem Rapport ans Polizeikommando Solothurn, 17.7.1940, in: C.8.107. Dossier „Moning“, BAR Bern

126 Zit. ebda.

127 Zit. ebda.

128 Zit. ebda.

129 Noll, Landesverräter, S. 99-104; Kully war ein Oltner Offizier, der einem von Frontisten aufgebauten Spionagering angehörte und diesen zugunsten Nazi-Deutschlands militärische Geheimnisse weiterleitete. Obwohl ihm während des Gerichtsverfahrens eine „verminderte Zurechnungsfähigkeit“ attestiert wurde und eine „Neigung zur infantilen Schwatzhaftigkeit“ festgestellt wurde, sprachen die Militärrichter das Todesurteil aus.

130 Wachtmeister Muttenzer in einem Rapport an den Oltner Polizeisektionschef, 25.1.1943, in: C.8.107 Dossier „Moning“ BAR Bern

131 Zit. ebda.

132 Zit. ebda.

133 Zit. Heim, Moning

134 Vgl. obige Aussagen im Polizeirapport von Muttenzer, 25. 1. 1943, in: C.8.107 Dossier „Moning“ BAR Bern

135 Polizeirapport, 10.1.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

136 Vgl. Kap. 3.2

137 Vgl. Kap. 3.3.7.3

138 Vgl. Kap. 3.3.5 und 3.3.7.4

139 Nützi, Macht, S. 136f.

140 Volk, 15.5.1937

141 Zit. Nützi, Macht, S.137

142 Vgl. Kap. 3.3.8 f.

143 Polizeirapport, 27.1.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

144 Vgl. Kap. 3.1.2

145 Meyer, Bürgertum, 274f.

146 Zit. Nützi, Macht, S. 137

147 Den stärksten Zulauf verzeichnete zumindest die KP Olten während des Kriegs, als die Kommunisten in der Illegalität wirkten; vgl. Kap. 3.3.5

148 Volk, 15.5.1937

149 Volk, 15.5.1937

150 Vgl. Kap. 3.3.2 f., Kap. 3.3.5 und Kap. 3.3.7.4; ich nehme Bezug auf die erfolgreich durchgeführten Arbeitslosenversammlungen im Sommer 1936.

151 Vgl. Monings Spanienabend, Kap. 3.3.7.6

152 Vgl. Volk, 6./8./9.7.1936, 15.5.1937, 16.10.1937

153 Sekretariat der KPS; Brief an alle Ortssektionen, 13.2.1937; Bestätigung des Vortragstermins, terminiert auf den 4.3.1937, Brief 25.2.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

154 Oder gar gefördert: Im „Volk“ vom 9.7.1936 wird vermerkt, dass das „Oltner Tagblatt“ eine Einladung für Monings „alternative“ Arbeitslosenversammlung publiziert habe (!).

155 Vgl. Kap. 3.3.7.1, betr. den Vorwurf des Marxismus an die SP Olten im Wahlkampf ums Stadtpräsidium 1933.

156 Nützi, Macht S. 136f.

157 SP-Protokolle, 23.2.1936

158 SP-Protokolle, 28.2.1936

159 SP-Protokolle, 23.2.1936

160 SP-Protokolle, 28.2.1936

161 Nützi, Macht, S. 136

162 SP-Protokolle, 28.2.1936

163 Ebda., Hervorhebung von mir

164 SP-Protokolle, 24.9.1932

165 Ebda., Hervorhebung von mir

166 Ebda.

167 Ebda.

168 SP-Protokolle, 5.9.1932

169 Ebda.

170 Ebda.

171 Vgl. Kap. 3.3.7.5

172 Vgl. Kap. 3.3.2 f. und Kap. 3.3.5

173 Volk, 6./8.7.1936

174 Volk, 9.7.1936

175 Vgl. Kap. 1.1.3

176 Konrad Ilg (1877-1954); als Schlosser dem SMUV mit 21 Jahren beigetreten. Ab 1909 Zentralsekretär, SMUV-Präsident 1917-1954. Mitglied des Bernischen Grossen Rates und des Nationalrates. Ilg wirkte mit der Ausarbeitung eines Friedensabkommens, das er 1937 gemeinsam mit Arbeitgeberpräsident Dübi für die Metallindustrie unterzeichnete, wegweisend auf die zunehmend friedliche Lösung von Arbeitskonflikten am Runden Tisch; http://www.snl.ch/dhs/externe/protect/deutsch/html, Stand 1.2.2003 / http://www.sozialpartner.ch/3_093.htm, Stand 1.2.2003 – Dementsprechend geradlinig wirkt sein hartes exemplarisches Vorgehen im Fall Moning [F.S.].

177 Brief von Konrad Ilg an Erwin Schmid, Olten, 11.8.1936, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

178 Geht ebda. hervor

179 Diese Mär verbreitete Moning noch Jahrzehnte später; vgl. AZ, 30.4.1986 und Heim, Moning

180 Zit. Brief 11.8.1936

181 Zit. ebda.; Hervorhebung von mir

182 SMUV-Protokolle, 6.9.1936

183 Vgl. Kap. 3.1.2

184 Volk, 6.7.1936

185 Zit. ebda.

186 Volk, 8.7.1936

187 Volk, 9.7.1936

188 1936 erreichte die wirtschaftliche Krise und die Arbeitslosenzahl in Olten ihren Höhepunkt. Auch in der SP wurden Stimmen laut, wonach man sich stärker um die Arbeitslosen kümmern müsse; Nützi, Macht, S. 136

189 Der Oltner Souverän stimmte am 11. Oktober 1936 dem Schulhausausbau auf dem Frohhheim und dem Neubau der Badanstalt deutlich zu, obwohl damit eine 10%ige Steuererhöhung notwendig wurde; Nützi, Macht, S.54

190 Ich beziehe mich mit dieser These auf den „Volk“-Artikel vom 6.7.1936

191 Polizeieinvernahmeprotokoll; Polizeiposten Olten an das Kant. Polizeikommando Solothurn, 17.7.1940, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

192 Zit. aus „Wer sind die FSU und was wollen sie?“, in: C.8.234 Dossier „Gris“, BAR Bern

193 Zit. ebda.

194 Zit. ebda.

195 Ebda.

196 Vgl. Kap. 3.3.7.6

197 Vgl. Kap. 3.3.7.6

198 Rapport des Polizeikommandos Aargau, 14.4.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

199 Ebda; und Brief der Bundesanwaltschaft Bern an das Polizeikommando des Kantons Aargau, 9.3.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern. Marcel Gris, geboren 1907 in Baulmes, verheiratet mit Violette Gris-Ravey, wohnte anfangs der dreissiger Jahre in Oftringen, zog dann in die Westschweiz, kehrte 1937 nach Strengelbach zurück. Er schien bereits früher Kontakte zu Moning gepflegt zu haben. Vgl. auch C.8.234 Dossier „Gris“, BAR Bern

200 Polizeirapport, 14.4.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

201 Rapport, 14.4.1937, in: C.8.107, Dossier „Moning“, BAR Bern

202 Offenbar hatten die SP und ihr Parteiblatt „Volk“ die FSU „aufgegeben“ und hielten sie für eine kommunistische Suborganisation. Die Oltner SP probte den Schulterschluss der Parteien schon Mitte der dreissiger Jahre und hielt sich möglicherweise deswegen jeglicher Sowjetfreundlichkeit fern. – Die Bürgerlichen hatten mit der antimarxistischen Propagandakeule noch 1932 massiv auf den sozialdemokratischen Stadtpräsidiumskandidaten Arnold Kamber eingedroschen und die Wahl knapp gewonnen; vgl. Kap. 3.3.7.1 und Abb. 5

203 Vgl. Kap. 3.3.7.3

204 PdA, Geschichte, S. 138-143

205 Vgl. Zschokke, Bürgerkrieg, S. 111

206 Polizeirapport 2.2.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“ BAR Bern

207 Diese wurde von der Polizei bei der Postkontrolle Monings entdeckt; ebda. angehängt

208 Ebda.

209 Zschokke, Bürgerkrieg, S. 111

210 Polizeirapport 11.1.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“ BAR Bern

211 Ebda.

212 „Morgen“, 5.4.1937; Zeitungsartikel einem Polizeirapport vom 9.4.1937 angehängt, in: C.8.107 Dossier „Moning“ BAR Bern; der „Morgen“ kommentierte die Aarauer Glassplitter folgendermassen: «[...] Wie lange geht es wohl noch, bis die Behörden dieser Diktatur der Strasse Einhalt gebieten und solche Tätigkeiten im Keime ersticken?»

213 Zit. ebda.

214 Polizeirapport 9.4.1937, in: C.8.107 Dossier „Moning“ BAR Bern

215 Ebda.

216 SP-Protokolle, 14.8.1936; anderswo wird eine selbstständig unter diesem Namen konstituierte Organisation nirgends erwähnt.

217 Ebda.

218 Ebda.

219 Friedrich Schneider (1886-1966), Kunstglaser und Glasmaler. 1912 Zentralsekretär des Verbandes der Handels- und Transportarbeiter. 1916 Arbeitersekretär in Basel. 1917-1920 Redaktor am „Basler Vorwärts“ [damals noch ein SP-Organ, Zeitung der Parteilinken; wanderte mit dieser zur KP und wurde ein Organ der KPS, F.S.], Grossrat. 1920-1923 Regierungsrat, seit 1921 Nationalrat (SP). Redaktor der Basler Arbeiterzeitung, seit 1937 Verwalter der öffentlichen Krankenkasse von Basel-Stadt; Zschokke, Bürgerkrieg, S. 105

220 Hans Mühlestein (1887-1969), in Biel geboren als Sohn eines Uhrmachers und einer Bauerntochter. Ausbildung zum Primarlehrer, Studium an verschiedenen Universitäten Europas. Im ersten Weltkrieg Teilnahme an der deutschen Antikriegsbewegung. 1918/19 während der deutschen Revolution Deputierter von Göttingen am Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin. 1919 aus Preussen ausgewiesen, Flucht in die Schweiz. Ab 1920 Spezialisierung zum Etruskerforscher, 1929 Berufung an die Universität Frankfurt als Lehrbeauftragter für „Vorgeschichte der Kultur der Menschheit“. Wachsendes Interesse am Marxismus. Im Juli 1932 nach der Machtergreifung Papens in Preussen Rückkehr in die Schweiz. Aufnahme der literarischen Tätigkeit (Dramen, ein Roman, Lyrik, Übersetzungen). Anschluss an die Kommunistische Partei der Schweiz, rege Vortragstätigkeit in Arbeiterbildungsorganisationen. Führung der Solidaritätskampagne für das republikanische Spanien bis zum bundesrätlichen Verbot im August 1936. Aufgrund dieser Tätigkeit Verurteilung zu einem Monat Gefängnis. 1937 Reisen nach Spanien und in die Sowjetunion. Ab 1938 vor allem schriftstellerische Tätigkeit; http://www.unionsverlag.com/info/person/asp?per_id=1589, Stand: Jan. 2003

221 Volk, 16.10.1937

222 Vgl. dazu auch Kap. 3.3.3 und Kap. 3.3.7.5

223 Volk, 16.10.1937

224 Dass in der „Volk“-Rezeption des Anlasses keine konkrete Zuhörerzahl genannt wird, lässt auf einen einigermassen grossen Andrang schliessen – der Anlass wurde aber von der linken „Konkurrenz“ organisiert; es war nicht ratsam, beim sozialdemokratischen Lesepublikum das Bild zu evozieren, dass ein Anlass der Kommunisten viele Sozialdemokraten hätte anlocken können. – Deshalb nannte das „Volk“ keine konkrete Zahl.

225 Volk, 16.10.1937

226 Der „Scheinwerfer“ war eine Agitprop-Spielgruppe des kommunistischen Jugendverbands Basel; Hofer, Völker, S. 37

227 Zit. Volk, 16.10.1937; Hervorhebung im Artikel

228 Zit. ebda.

229 Zit. ebda.

230 Vgl. Kap. 3.3.1

231 Vgl. Abb. 8

232 Vgl. beispielsweise Polizeirapporte, 17.7.1940, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern; Kap. 3.3.9 Anlässlich einer Hausdurchsuchung bei Moning, die mit seiner anschliessenden Verhaftung verbunden war, konnten die Polizisten keine schriftliche Autorisation für ihr Vorgehen (Durchsuchungs- oder Haftbefehl) vorweisen.

233 Monings Briefverkehr wurde im Zeitraum Mitte Januar bis Ende Juni 1937 und Mitte Juli bis Mitte September 1940 durchgehend geöffnet; dementsprechend gut dokumentiert sind diese zeitlichen Phasen bezüglich der Aktivitäten der KP.

234 Vgl. Abb. 8

235 Vgl. Kap. 3.3.5 und den Rapport des Oltner Polizeichefs Jäggi vom 8.3.1936, der die KP und ihr zukünftiges Potential damals realistisch einschätzte.

236 Zit. aus einem Rapport von Wm. Muttenzer, 25.1.1943, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

237 Gem. Polizeirapport Wm. Muttenzer, 10.7.1940, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

238 Aus den Dienstrapporten sind teilweise haarsträubende, unverhüllte Bewertungen und Beleidigungen herauszulesen; ein Beispiel: Polizeichef Jäggi schreibt in seiner sonst nüchternen Analyse der Stärke der KP Olten: Moning schare hauptsächlich «[...] Leute aus der untersten Schicht der Arbeiterschaft [...] mit schlimmster Gesinnung [und] niedrigsten Instinkten [...]» um sich; Rapport des Oltner Polizeichefs Jäggi, 8.3.1936, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

239 Rapport Jäggis ans Kant. Polizeikommando Solothurn, 10.12.1940, in: C.8.107. Dossier "Moning" BAR Bern

240 Ebda.

241 Ebda.

242 Ebda.

243 Ebda.

244 Rapporte zwischen dem Polizeiposten Olten, dem Polizeikommando Solothurn, der Bundesanwaltschaft Bern und dem Armeehauptquartier Bern; Zeitraum 10.12.1940-14.5.1941,in: C.8.107. Dossier "Moning" BAR Bern

245 Rapport gen. armee-interner Stellen, 27/30.12.1940, in: C.8.107. Dossier "Moning" BAR Bern

246 Zusatz der Kommandatur in Solothurn zum Rapport Jäggis, 10.12.1940, in: C.8.107 Dossier „Moning“, BAR Bern

247 Im Interview gegenüber Peter Heim erwähnt Moning, dass sein Arbeitgeber Walter Schnorf-Lehmann ihn einmal gefragt habe, was denn bei einem sowjetischen Einmarsch mit ihm geschehen würde. Er [Moning] habe darauf geantwortet, dass ihm [Schnorf] sicher nichts passieren würde. Damit habe sich Schnorf zufriedengegeben; Heim, Moning. Diese Aussage beweist die gefühlsmässige Relation zwischen lokalen Kommunisten und allfälligen russischen Besatzern, die in der Bevölkerung hergestellt wurde [F.S.].

248 Das Gegenbeispiel dazu sind die Fröntler. Viele Offiziere und Unteroffiziere in den höchsten Chargen (zum Beispiel Gustav Däniker oder Ulrich Wille im Generalstab) entfalteten landesverräterische Aktivitäten und bekannten sich offen zu deutschfreundlichen Organisationen. Diese gefährlicheren Subjekte wurden zu Kriegszeiten weder verurteilt noch bestraft; vgl. dazu Kap. 1.1, Jost, Bedrohung, S.803ff. und NHG, 2. Weltkrieg, S. 46

81 von 81 Seiten

Details

Titel
Stalin in Olten - Kommunistische Partei Olten 1932-1945
Autor
Jahr
2003
Seiten
81
Katalognummer
V107656
Dateigröße
985 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit bietet Anhaltspunkte zur Erforschung linksradikaler Bewegungen im Spannungsfeld der Kleinstadt. Der übergeordnete Teil ist umfassend, insbesondere der Abriss der Parteigeschichte der Kommunistischen Partei der Schweiz 1921-1940 könnte als Ausgangslage von Nutzen sein. Der eigenständig recherchierte Teil über die Situation in Olten kann als Vergleichsmöglichkeit zu anderen (Schweizer) Städten herangezogen werden.
Schlagworte
Stalin, Olten, Kommunistische, Partei, Olten
Arbeit zitieren
Fabian Saner (Autor), 2003, Stalin in Olten - Kommunistische Partei Olten 1932-1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107656

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