Kirchen und kleine christliche Glaubensgemeinschaften im Dritten Reich


Referat / Aufsatz (Schule), 2002
9 Seiten, Note: 15 Punkte

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1 Kirche und Nationalsozialismus vor 1933

1.1 NS-Ideologie

Im Parteiprogramm der NSDAP war in Artikel 24 das “Positive Christentum” festgeschrieben. Es ist mit dem Begriff “arisches Christentum” gleichzusetzen. Es wandte sich gegen den “jüdisch-materialistischen Geist” und vertrat die Sittlichkeit und Moral der “germanischen Rasse”.

Für Hitler war Jesus der größte Antisemit aller Zeiten (deshalb sah er die Kirche als Inbegriff des Antisemititsmus). Jesus war für ihn der “Mann, der einst einsam, von nur wenigen Anhängern umgeben, diese Juden erkannte und zum Kampf gegen sie aufrief.” Hitler bediente hier das von der Kirche in den vorangegangenen Jahrhunderten oft bediente Christusmördermotiv (Juden haben Jesus ermordet). Laut Hitler sollte es nicht heißen, dass auch wenn man Christ ist, man trotzdem Antisemit sein kann, sondern: Man muss als Christ Antisemit sein.

Hitler sah das Christentum als Bundesgenossen im Kampf gegen das Judentum. Die Ursache dafür war der Antijudaismus der Kirche in der Vergangenheit. Hitler meinte: “So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn!” Dies war kein Kalkül, sondern die tatsächliche Glaubensauffassung Hitlers.

Hitler wollte sein späteres Verhalten gegenüber den Kirchen davon abhängig machen, ob sich die Kirchen am Kampf gegen das Judentum beteiligen würde. Zunächst erließ er für seine Parteigenossen das Verbot, sich mit den Kirchen auf grundsätzliche Auseinandersetzungen einzulassen.

1.2 Katholische Kirche

Die Katholische Kirche sah früh die Gefahr des Nationalsozialismus. Katholiken durften laut einem Erlass von 1930 nicht Mitglied der NSDAP sein. Die Zentrumspartei und die katholischen Verbände stellten bis zur Reichstagswahl gegen Hitler. In einem Wahlaufruf des Zentrums hieß es: “Deutschland darf nicht den Extremen ausgeliefert werden, weder rechts noch links.”

1.3 Evangelische Kirche

Die Evangelische Kirche war in 28 Landeskirchen aufgeteilt und stellte deshalb keine EInheit dar. Die Kirche hegte nach dem Schock der Weimarer Republik (kirchenfeindlich) Hoffnungen auf den Nationalsozialismus. Es gab keinen geschlossenen Widerstand gegen die NS-Bewegung, im Gegenteil: Es gründete sich ein pro-NS-Verband namens “Deutsche Christen” (1927 in Thüringen “Kirchenbewegung Deutsche Christen”, 1932 reichsweit “Glaubensbewegung Deutsche Christen”), der eine Vereinigung zwischen Nationalsozialismus und Christentum erreichen wollte und den Nationalsozialismus als Offenbarung sah.

2 Evangelische Kirche

2.1 Gleichschaltungsversuche (1933-1934)

Das Ziel Hitlers war es, im Rahmen der Gleichschaltung die Landeskirchen zu einer Reichskirche zusammenzufassen, die unter der Führung eines ihm ergebenen Mannes stehen sollte. Als am 26./27. Mai 1933 Friedrich von Bodelschwingh zum Reichsbischof gewählt wurde, war dies nicht im Sinne Hitlers. Bodelschwingh trat jedoch bereits am 24. Juni 1933 wegen der zunehmenden “deutschchristlichen Umtriebe” innerhalb der Kirche zurück. Die von Hitler ausgerufenen Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 brachten große Mehrheiten für die Deutschen Christen, die somit auch die Nationalsynode in Wittenberg am 27. September 1933 beherrschten. Auf der Synode wurde die Verfassung einer “Deutschen Evangelischen Kirche” beschlossen, der deutschchristliche Ludwig Müller wurde Reichsbischof und der Arierparagraph (nur Arier durften kirchliche Amtsträger sein) wurde eingeführt. Dieser Arierparagraph war bereits am 5./6. September in Preußen eingeführt worden, weshalb sich am 11. September 1933 der Pfarrernotbund unter Pfarrer Martin Niemöller (Berlin-Dahlem) gründete. Die zunächst etwa 2.000 Pfarrer nahmen den Kampf gegen den Arierparagraphen auf und versuchten, Verleugnungen der Bibel durch die Deutschen Christen zu widerlegen. Bis November 1933 waren etwa 4.000 Pfarrer und 10.000 Kirchenglieder Mitglied des Notbundes, im Februar 1938 waren es 9.000.

Gleichzeitig sank der Einfluss der Deutschen Christen, vor allem aufgrund des Sportpalastskandals am 13. November 1933: Bei einer DC-Kundgebung im Berliner Sportpalast hielt Dr. Reinhold Krause eine skandalöse Rede, in der er die Abschaffung des Alten Testaments, die Abschaffung der “jüdischen Theologie” des Paulus und die Zuwendung zu einer heldischen Jesusgestalt forderte. Dies brachte die Deutschen Christen in eine schwere Krise, die Mitgliederzahlen sanken rapide.

Im Januar 1934 begannen sich “freie Synoden” bzw. “Bekenntnissynoden” zu bilden, und der Pfarrernotbund schloss sich mit der ihn entsprechenden Laienorganisation zur Bekennenden Kirche zusammen. Durch den Maulkorberlass des Reichsbischofs am 4. Januar 1934 (Kritikverbot) wurde die Arbeit der Bekennenden Kirche jedoch stark eingeschränkt.

Am 25. Januar 1934 traf sich Hitler mit den Landesbischöfen und überredete sie zur Eingliederung in die Reichskirche. Vom März bis Oktober 1934 geschah eine Eingliederungswelle der Landeskirchen in die Reichskirche (Gleichschaltung).

Die Bekennende Kirche hielt vom 29. bis 31. Mai 1934 die 1. Reichsbekenntnissynode in Barmen ab, bei der die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet wurde. Hierin hieß es unter anderem: “Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.” Es folgte am 19./20. Oktober 1934 die 2. Reichsbekenntnissynode in Dahlem, in der die Konsequenzen aus den Richtlinien, die in Barmen beschlossen wurden, gezogen wurden: Man beschloss, den deutschchristlichen Kirchenleitungen den Gehorsam zu verweigern. Das kirchliche Notrecht, also die Aufforderung an alle Gemeinden, nur Anweisungen der Bekennenden Kirche zu akzeptieren, wurde ebenfalls beschlossen. Am 22. November 1934 wurde eine Vorläufige Leitung der Bekennenden Kirche unter Bischof Marahrens gebildet.

Hitler war der Streitereien müde, weshalb er am 20. November 1934 die Eingliederungsgesetzgebung außer Kraft setzte und Reichsbischof Müller somit praktisch entmachtete. Die Gleichschaltung war damit gescheitert.

2.2 Staatliche Kirchenpolitik (1935-1939)

Nachdem die Gleichschaltung gescheitert war, war Hitlers Ziel nun die “Wiederherstellung geordneter Zustände” (Befriedung der Kirchenlage). Hierzu gab es zwei Möglichkeiten: Die strikte Trennung von Staat und Kirche oder das staatskirchliche Modell, bei dem der Staat Aufsichtsmöglichkeiten hatte. Während die meisten NSDAP-Führungsmitglieder die erste Variante favorisierten, entschied sich Hitler für die zweite Möglichkeit.

Am 16.07.1935 ernannte Hitler den Reichsminister ohne Geschäftsbereich Hanns Kerrl zum Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten. Kerrl, der an die Vereinbarkeit von Kirche und NS und an eine Aufgabe der Kirche im NS-Staat glaubte, ging mit gutem Willen an die Aufgabe, im Kirchenkampf eine Einigung zu finden. Am 24.09.1935 wurde das Gesetz zur Sicherung der DEK erlassen, Kerrl konnte nun verbindliche Verordnungen die Kirche betreffend erlassen. Am 03.10.1935 wurde der Reichskirchenausschuss eingesetzt, der aus verschiedenen Gruppen der DEK bestand und unter dem Vorsitz des von allen Seiten anerkannten Wilhelm Zöllner stand. Der Reichskirchenausschuss war das oberste Organ der evangelischen Kirche. Bis Februar 1936 wurden analog dazu Landeskirchenausschüsse gewählt: Bisher gab es in den Ländern parallel die gewählte Kirchenregierung (DC) und die Notregierung (BK). Der Landeskirchenausschuss bedeutete damit 1. eine Entmachtung der DC und 2. die Aberkennung kirchenleitender Funktionen der BK.

Am 04.-06.06.1935 fand in Augsburg die 3. Reichsbekenntnissynode statt, vom 17.-22.02.1936 die 4. Reichsbekenntnissynode. Am 18.03.36 kam es zur Spaltung der BK: Die BK stand vor der Frage, was Kirche ist: Für die einen war es eine an ein Bekenntnis gebundene Gemeinschaft. Für sie war somit die Zusammenarbeit mit den DC unmöglich und die BK war die einzig wahre Kirche (Dietrich Bonhoeffer: “Wer sich wissentlich von der Bekennenden Kirche in Deutschland trennt, trennt sich vom Heil!”). Diese Gruppe bildete die “2. Vorläufige Leitung der Bekennenden Kirche”. Die andere Gruppe sah die Kirche als einen pluralistischen Zweckverband und bejahte die Zusammenarbeit mit den DC. Sie bildete den “Rat der Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands”.

Hanns Kerrl merkte, dass durch den Reichskirchenausschuss keine Problemlösung gelingen würde. Nach einer (unwesentlichen) Entscheidung des Ausschusses kündigte er ihm das Vertrauen auf. Der Reichskirchenausschuss trat am 12.07.1936 zurück.

Am 15.02.1937 erließ Hitler den “Kirchenwahlerlass”: Nach dem Scheitern Kerrls wollte Hitler eigenmächtig handeln. Die Kirche sollte eine neue Verfassung und Ordnung erhalten. Eine Generalsynode sollte gewählt werden.

2.3 Widerstand und Verfolgung

Zu Kriegsbeginn waren sowohl die Gleichschaltungs- als auch die Befriedungsversuche gescheitert. Das Reichskirchenministerium hatte nur noch eine Verwaltungsfunktion. Kerrrl starb im Dezember 1941. Der Kirchenwahlerlass ist nie verwirklicht worden.

Hitler merkte nun, dass die Kirchen sich nicht nach seinen Vorstellungen verhalten würden. Im Oktober 1937 meinte er: “Ich habe mich nach schweren inneren Kämpfen von noch vorhandenen Kindheitsvorstellungen freigemacht. Ich fühle mich jetzt frisch wie ein Füllen auf der Weide.” Hitlers Logik war, dass wer den Kampf gegen die Juden nicht unterstützt, selbst “jüdisch verseucht” sein muss. Jesus sah er weiterhin als den Arier, dessen Ruf die Kirche nicht folgt.

Der Krieg und die Judenfrage mussten zunächst “gelöst” werden, dann sollte auch die Kirchenfrage geklärt werden. Im Juli 1941 meinte Hitler: “Der schwerste Schlag, der die Menschheit getroffen hat, ist das Christentum: der Bolschewismus ist der uneheliche Sohn des Christentums: beide sind eine Ausgeburt der Juden”, und: “Der Krieg wird ein Ende nehmen. Die letzte große Aufgabe unserer Zeit ist darin zu sehen, das Kirchenproblem noch zu klären. Erst dann wird die deutsche Nation ganz gesichert sein.” Unter dem Deckmantel der Burgfriedenpolitik wiegte Hitler die Kirchen in Sicherheit, somit sind sich die Kirchen nie der Gefahr bewusst gewesen, in der sie sich befanden: Nur der Untergang Hitlers verhinderte, dass ihnen gewaltsam die Augen geöffnet wurden.

Trotz der “Verschiebung der Kirchenfragenlösung” begann bereits die Verfolgung: Am 23.06.1937 verhaftete die Gestapo führende BK-Mitglieder.

Im folgenden seien drei Fälle als Beispiele für den Widerstand evangelischer Kirchenangehöriger genannt:

1. Martin Niemöller war Mitbegründer des Pfarrernotbunds. Am 1.7.1937 wurde er verhaftet, am 02.03.1938 zu einer niedrigen Haftstrafe verurteilt, die durch die U-Haft verbüßt war. Am Tag seiner Freilassung wurde er ins KZ Sachsenhausen als “Hitlers persönlicher Gefangener” verschleppt, 1941 kam er nach Dachau. Im Mai 1945 wurde er mit anderen Sonderhäftlingen nach Südtirol verschleppt, dort sollte er von der SS erschossen werden, wurde jedoch von der Wehrmacht befreit. Niemöller spielte in der Nachkriegszeit eine entscheidende Rolle.
2. Heinrich Grüber wurde bereits 1933 auf Druck der Nazis aus dem kirchlichen Fürsorgedienst entlassen. 1934 wurde er Pfarrer in Berlin-Kaulsdorf, er gehörte zur Bekennenden Kirche. 1936 gründete er das “Büro Pfarrer Grüber”, eine Hilfsstelle der Evangelischen Kirche für “nichtarische” Christen. Er verhalf vielen zur Auswandrung. Weitere Büros wurdne in mehreren deutschen Städten gegründet, er wurde des öfteren von der Gestapo verhaftet.
3. Dietrich Bonhoeffer, einer der bedeutendsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, war Mitglied der BK. Er leitete ein Predigerseminar. 1936 entzog man ihm die Lehrbefugnis, 1940 bekam er Redeverbot. Bonhoeffer setzte sich vehement für die Juden ein (“Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen”). Bereits 1938 nahm er Kontakt zur Widerstandsgruppe um Hans Oster auf. 1943, nach zwei erfolglosen Attentaten der Gruppe um Hans von Dohnanyi, wurde er verhaftet und am 09.04.1945 im KZ Flossenbürg ermordet. Bonhoeffer gilt als Inbegriff des kirchlichen Widerstands. Sein Leben ist mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle verfilmt worden (“Bonhoeffer. Die letzte Stufe”).

Weitere evangelische Pfarrer starben durch die NS-Verfolgung, beispielsweise Pfarrer Paul Schneider (KZ Prediger, im KZ Buchenwald verhungert), Pfarrer Rudolf Stempel (1936 nach Haft auf Hohnstein an deren Folgen verstorben) und Pfarrer Karl Talatzko (Pfarrer in Gersdorf, hisste zusammen mit Bürgermeister kurz vor Kriegsende weiße Fahnen, wurde am 21.04.1945 erschossen).

An dieser Stelle ein Hinweis zu den DC-Pfarrern: Aus kirchenpolitischer Zugehörigkeit dürfen keine Schlussfolgerungen auf politische Ansichten geschlossen werden. Dies wird am Beispiel von Pfarrer Talatzko deutlich, aber auch am Beispiel des bekannten Widerstandskämpfers Goerdeler (ehemaliger Leipziger Oberbürgermeister, DC-Mitglied, Widerstandsgruppe 20. Juli 1944, wurde hingerichtet). Die meisten Deutschen Christen waren DC-Mitglied aus dem Bestreben, Ruhe in die Kirche zu bringen. Auch die BK-Pfarrer waren fast ausnahmslos für den Nationalsozialismus, verbaten sich aber Eingriffe in die Kirche durch die Politik. Der “Kirchenkampf” war ein innerkirchlicher, kein politischer Konflikt.

2.4 Umgang mit der Schuld

1945 veröffentlichte der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) die Stuttgarter Schulderklärung. Hier hieß es unter anderem: “Wohl haben wir lange hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im NS-Gewaltregime seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat, aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. (...) Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.”

1947 veröffentlichten Martin Niemöller und andere das umstrittene Darmstädter Wort, in dem es heißt: “Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen, als ob am deutschen wesen die Welt genesen könne. Dadurch haben wir dem schrankenlosen Gebrauch der politischen Macht den Weg bereitet und unsere Nation auf den Thron Gottes gesetzt. (...) Wir haben die christliche Freiheit verraten, die uns erlaubt und gebietet, Lebensformen abzuändern, wo das Zusammenleben der Menschen solche Wandlung erfordert. Wir haben das Recht der Revolution verneint, aber die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen.”

Martin Niemöller, jahrelang im KZ inhaftiert, meinte nach dem Krieg: “Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.”

3 Römisch-Katholische Kirche

3.1 Reichskonkordat

Am 28.03.1933 nahm die Bischofskonferenz ihre Warnungen vor dem Nationalsozialismus zurück, das Verbot der NSDAP-Mitgliedschaft für Katholiken wurde aufgehoben. Am 20.07.1933 wurde das Reichskonkordat zwischen Deutschland und dem Vatikan unterschrieben. Ausgehandelt wurde es von Kardinalstaatssekretär Pacelli (späterer Papst Pius XII). Der Vatikan erkannte als erster europäischer Staat das Hitlerregime an. Deutschland erkannte die Religionsfreiheit an und gewährte die freie Glaubensausübung. Die Bischöfe sollten den Treueeid auf Hitler ausüben, christliche Gewerkschaften und die Zentrumspartei wurden aufgelöst, Priester durften nicht politisch tätig sein. Die Gleichschaltung wie bei der evangelischen Kirche war für Hitler bei den Katholiken schwierig (er konnte schlecht den Papst absetzen), deshalb war das Reichskonkordat ein maximaler Erfolg für Hitler.

3.2 Konflikte zwischen Kirche und Staat

Zunächst gab es Verletzungen des Konkordats von Seiten des Staates: Am 30.06.1934 (Röhmputsch) wurden auch einzelne Vertreter des Verbandskatholizismus hingerichtet (z.B. Erich Klausener, der Leiter der Katholischen Aktion). Am 17.05.1935 begann eine Prozesswelle gegen Klosterangehörige wegen angeblicher Devisenvergehen. Am 20.07.1935 schränkte ein Erlass katholische Jugendorganisationen ein.

Am 19.08.1935 protestierte die Kirche in einem Hirtenbrief gegen die antikirchliche Hetze. Am 26.05.1936 begann Goebbels erneut eine Kampagne gegen Köster: Es wurden Sittlichkeitsprozesse gegen 276 Ordensbrüder wegen angeblicher homosexueller Vergehen geführt.

Am 14.03.1937 wurde die Enzyklika “Mit brennender Sorge” von allen Kanzeln in Deutschland verlesen: Der Vatikan prangerte den “Vernichtungskampf” und die “mehr oder minder öffentlichen Vertragsverletzungen” an und verurteilte die nationalsozialistische Weltanschauung.

Es folgte eine weitere Welle von Prozessen gegen Priester und Ordensleute. Am 18.06.1937 wurde die Doppelmitgliedschaft in der HJ und katholischen Jugendverbänden verboten. Am 06.02.1939 löste die Gestapo den Katholischen Jungmännerverband auf. Die Kirche protestierte unter anderem in einem Hirtenbrief vom 19.08.1938 gegen die Kirchenhetze und die Priesterprozesse, am 04.07.1937 predigte Kardinal Faulhaber (München) gegen die Verfolgung von Geistlichen.

3.3 Papst Pius XII

Kardinalstaatssekretär Pacelli (siehe Reichskonkordat) wurde am 02.03.1939 zum Papst ernannt. Er war germanophil (deutschliebend), kommunistenfeindlich, antidemokratisch und judenfeindlich (“Volk der Gottesmörder”). Seine Rolle ist umstritten. Zur aktuellen Diskussion sei verwiesen auf das Stück “Der Stellvertreter” von Rolf Hochhuth (das “umstrittenste Schauspiel des 20. Jahrhunderts”, Hilde Spiel), auf Daniel Goldhagens Buch “Die katholische Kirche und der Holocaust”, auf mehrere andere Veröffentlichungen zu diesem Thema (z.B. John Cornwall) und auf aktuelle Zeitungsartikel zur Öffnung der Bestände des Vatikanarchivs.

3.4 Offener Protest

Am 01.08.1940 protestierten die Bischöfe gegen die Euthanasie. Am 03.08.1941 predigte Kardinal von Gahlen gegen die Euthanasie, daraufhin wurde die “Tötung unwerten Lebens” eingestellt - zumindest “offiziell”. Am 09./10.12.1941 erfolgte eine Eingabe der Bischofskonferenz wegen der Kirchenverfolgung und der Judenvernichtung. Am 25./26.04.1943 verurteilte der “Münchner Laienbrief” die Vernichtung des Judentums. Am 19.08.1943 wurde der Dekalog-Kirchenbrief gegen die Tötung Unschuldiger, insbesondere gegen den Judenmord, verlesen.

3.5 Widerstand und Verfolgung

Unzählige katholische Priester wurden im NS-Regime verfolgt. Sie sind unter anderem im Buch “Priester unter Hitlers Terror” (Ulrich von Hehl) aufgeführt. Zwei Beispiele seien genannt:

Bernhard Lichtenberg war Dompropst in Berlin St. Hedwig. Am 08.11.1938 (“Reichskristallnacht”) verkündete er: “Lasset uns beten für die verfolgten nichtarischen Christen und Juden”. Bis zu seiner Verhaftung 1941 betete er jeden Abend öffentlich. 1942 wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt, er starb im November 1943 beim Transport nach Dachau.

Maximilian Kolbe war ein polnischer Franziskaner, der sich stellvertretend für einen Familienvater in Auschwitz opferte. Er wurde 1982 heiliggesprochen.

4 Kleine christliche Religionsgemeinschaften

Rund 150.000 von 70 Mio. Deutschen (0,2%) waren im Dritten Reich Mitglieder in kleinen christlichen Religionsgemeinschaften.

4.1 Quäker

Die Quäker errichteten ein Hilfswerk zur Unterstützung “nichtarischer Opfer” (Kleidung, Lebensmittel, Unterschlupf). Sie halfen küdischen Waisen, nach England zu fliehen, und brachten sie dort bei Pflegeeltern unter.

4.2 Baptisten

Es gab einzelne Fälle von Baptisten, die Juden halfen und dafür ins KZ kamen, beispielsweise das Ehepaar Pietrick, die den Nationalsozialismus offen kritisierten, Juden halfen und dafür ins KZ kamen.

4.3 Mormonen

In der mormonischen Lehre und der NS-Ideologie gibt es einige Gemeinsamkeiten, z.B. bei der Betonung von Gesundheit, Genealogie (reine Stammbäume) und Rassendiskriminierung (keine schwarzen Priester). An einigen mormonischen Gebäuden in Deutschland waren Schilder mit “Juden verboten”-Aufschrift zu finden. Es gab keine ernsthafte Verfolgung der Mormonen und nur einzelne Fälle von Widerstand.

4.4 Neuapostolische Kirche

Bereits im März 1933 verkündete der Stammapostel (Kirchenführer), dass Hitler von Gott gesandt sei (er hatte dies aufgrund “biblischer Grundlagen” verkündet). Die Neuapostolische Kirche erklärte öffentlich ihre Loyalität zum NS-Regime und wurde deshalb nicht verfolgt.

4.5 Adventisten

Die Gemeinschaft der Siebten-Tags-Adventisten war loyal zum Nationalsozialismus und wurde nicht verfolgt. Die Reformbewegung der Siebten-Tags-Adventisten, die sich bereits vor 1933 von der Gemeinschaft der S.T.A. abgespaltet hatte, verweigerte Kriegsdienst, Hitlergruß und Samstagsarbeit (die S.T.A. heiligen den Sabbat und nicht den ihrer Ansicht nach “heidnischen” Sonntag). Die Reformbewegung wurde deshalb am 29.4.36 verboten, einige Adventisten kamen ins KZ bzw. wurden getötet.

4.6 Zeugen Jehovas

[An dieser Stelle des Vortrags wurde der Film “Standhaft durch Verfolgung” vorgeführt: Es handelt sich dabei um einen von der Wachtturm-Organisation, also den Zeugen Jehovas, produzierten Dokumentarfilm, der das Schicksal der Zeugen Jehovas im Dritten Reich darstellt. Eine 30-minütige Schulversion des Films ist kostenlos bei der Wachtturm-Gesellschaft in Selters erhältlich. Der Film darf auf keinen Fall unkommentiert gezeigt werden, da er sehr subjektiv ist und einiges verschweigt, deshalb sollte im Nachhinein folgendes Material gezeigt werden. Kritik am Film “Standhaft trotz Verfolgung” wird auch im Buch “Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas” von Hans Hesse (Hrsg.) geäußert. Man sollte diese Kritik jedoch nicht in den Vordergrund stellen, sondern vielmehr ausführlich auf das Leid der Zeugen Jehovas in den Konzentrationslagern eingehen.]

In einer Resolution der Wachtturm-Organisation vom 25. Juni 1933 heißt es u.a.: “Das Brooklyner Präsidium der Watch Tower Society ist und war seit jeher in hervorragendem Maße deutschfreundlich. (...) Auf der Konferenz wurde festgestellt, daß in dem Verhältnis der Bibelforscher Deutschlands zur nationalen Regierung des Deutschen Reiches keinerlei Gegensätze vorliegen, sondern daß im Gegenteil - bezüglich der rein religiösen, unpolitischen Ziele und Bestrebungen der Bibelforscher - zu sagen ist, daß diese in völliger Übereinstimmung mit den gleichlautenden Zielen der nationalen Regierung des Deutschen Reiches sind.”

In einem anderen Buch ist folgendes zu lesen: “Es war wieder einmal 20. April, Führers Geburtstag. Aus diesem festlichen Anlass besserte die SS die äußerst knappe Verpflegung etwas auf. Für jeden ein Stück Blutwurst! Die Zeugen Jehovas verweigerten gegenüber der SS wegen Hitlers Geburtstag und, weil es Blutwurst war, die Annahme dieses Festessens (für Lagerverhältnisse). Die SS-Bewacher gerieten in Wut. Das ganze Essen wurde dem ganzen Kommando, also nicht nur den Zeugen Jehovas mehrere Tage lang weggenommen und Schweinen verfüttert. Es litten unter dieser Glaubensentscheidung auch die vielen, die diese Glaubens- und Gewissensentscheidung gar nicht teilten. War das weise, war das christlich, war das Nächstenliebe? - fragten sich die politischen und kriminellen Häftlinge. Wenn man Blutwurst nicht essen will, hätte man sie doch uns, den Mithäftlingen, geben können. Wo bleibt die Nächstenliebe? Hier werden andere Häftlinge - ohnehin am Rande des Hungertodes - ohne jede Rücksicht in noch größere Not gebracht!” [Anmerkung: Zeugen Jehovas nehmen kein Blut zu sich (deshalb auch das Bluttransfusionsverbot) und essen deswegen auch keine Blutwurst.]

Von den 25.000 Zeugen Jehovas wurden im Dritten Reich 6.000 inhaftiert, davon wurden 2.000 in Konzentrationslager eingeliefert. 1.200 Zeugen Jehovas starben, davon 250 durch Hinrichtung.

Literatur (Auswahl): SCHOLDER: Die Kirchen zwischen Republik und Gewaltherrschaft (1991); Die Kirchen und das Dritte Reich (Teil 1+2, 1977/1985); BESIER: Die Kirchen und das Dritte Reich (Teil 3, 2001); SCHREIBER: Martin Niemöller (1977); HESSE: Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas (1998); OEHME: Märtyrer der evangelischen Christenheit 1933-1945 (1985); FRIEDMAN: Das andere Deutschland: Die Kirchen (1960).

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Kirchen und kleine christliche Glaubensgemeinschaften im Dritten Reich
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2002
Seiten
9
Katalognummer
V107814
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vortragstext. Anmerkungen, Fragen, Hinweise, Kritik sind erwünscht: tgriebel@web.de
Schlagworte
Kirchen, Glaubensgemeinschaften, Dritten, Reich
Arbeit zitieren
Thomas Griebel (Autor), 2002, Kirchen und kleine christliche Glaubensgemeinschaften im Dritten Reich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107814

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